Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Die Könige im Exil

Alphonse Daudet: Die Könige im Exil - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorPaul Heichen
firstpub1879
yearca. 1900
publisherHugo Andres
addressFrankfurt a. O.
titleDie Könige im Exil
pages5-498
created20061227
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel.

Der kleine König.

O Zauber der Worte! Als wenn in diesen fünf Buchstaben des Wortes »König« eine kabbalistische Gewalt gelegen wäre sobald er nicht mehr Graf von Zara, sondern König Leopold der Fünfte genannt wurde, zeigte sich der Schüler und Zögling Mérauts wie umgewandelt. Das fleißige Kind, das sich glücklich gefühlt hatte, wenn es brav sein konnte, das sich hatte lenken und leiten lassen wie Wachs, dem aber alle Überlegenheit an Intelligenz gebrach, streifte die Kinderschuhe ab, wachte auf zufolge einer merkwürdigen Über-Erregtheit, und sein Körper festigte sich an dieser inneren Flamme. Seine ihm von Natur eigene Trägheit, jene Lust, sich zu recken und zu dehnen, auf einen Sessel zu strecken, während ihm vorgelesen und Geschichten erzählt wurden, dieses Bedürfnis zu hören, von den Gedanken der andern zu leben, wandelte sich in eine Thätigkeit um, die in den Spielen seines Alters keine Befriedigung mehr fand. Der alte General von Rosen, so zerschlagen und gliederlahm er war, mußte Kräfte genug wieder zusammenfinden, um dem Knaben den ersten Fecht-, Schieß- und Reitunterricht zu geben; und es gab nichts Rührenderes zu sehen, als den alten Panduren, wie er Morgen für Morgen um neun Uhr früh, im blauen Frack mit der Reitpeitsche in der Faust, auf einer Lichtung des zur Arena vergrößerten Parks stand und mit Haltung und Miene eines alten Franconi seine Funktionen als Stallmeister versah und, immer von Ehrfurcht beseelt vor seinem Könige, die Schnitzer des Schülers und Zöglings rügte und korrigierte. Der kleine Leopold ritt im Trab wie im Galopp, mit gar ernster und selbstbewußter, stolzer Miene, achtsam auf die geringfügigsten Weisungen, während die Königin vom Balkon herab zusah, eine Bemerkung, einen Rat dazwischen warf: »Gerade halten, Majestät! Den Zügel ein wenig nachlassen, Majestät!« Und manchmal, um sich besser verständlich zu machen, eilte dann die hohe Reiterin selbst herzu, gesellte zu den Worten die Gebärde. Wie glücklich sie war an jenem Tage, an welchem sie sich, die Gangart ihrer Stute derjenigen des Ponys, den ihr Sohn ritt, anpassend, zum ersten male beide in das nahe Wäldchen hinauswagten. Den Schattenriß des Kindes beherrschte die Amazone, die, weit entfernt mütterliche Befürchtungen zu empfinden, die beiden Tiere in Gang setzte, ihrem Sohn den Weg zeigte, ihn in einem einzigen Rennen bis hinaus nach Joinville mit sich fortriß! Auch in ihr hatte sich seit der Zeichnung der Abdankung ein Wechsel vollzogen. In den Augen dieser abergläubisch am göttlichen Rechte hängenden Frau schützte übrigens auch der Königstitel das Kind, mußte ihm Wehr und Waffe und Schutz sein. Ihre Zärtlichkeit und Liebe, die noch immer ihre alte Stärke und Tiefe besaß, fand nun keinen Ausdruck mehr in den von ihr früher beliebten materiellen Bekundungen und Liebkosungs-Ausbrüchen; und wenn sie jetzt noch immer in das Schlafzimmer hereintrat, so geschah es doch eben nicht mehr, »um zu sehen, wie Zara schlafen gingen oder um ihn in seinem Bettchen zurecht zu legen.« Ein Lakei hatte jetzt alle diese Fürsorgen zu verrichten, ganz als wenn Friederike befürchtete, dadurch, daß sie ihn in ihren allzu sanften, zärtlichen Händen behielte, ihren Sohn zu verweichlichen, die Entwicklung seiner männlichen Willenskraft zu hemmen. Sie kam einzig und allein, ihm jenes schöne, aus dem »Buche der Könige« entlehnte Gebet abzuhören, das ihn der Pater Alpheus gelehrt hatte.

»O du Herr Herr, der Du mein Gott bist, Du hast Deinen Diener auf den Thron gesetzt! aber ich bin ein Kind, das sich selbst nicht zu lenken und zu leiten versteht und das doch betraut ist mit der Leitung des von Dir erlesenen Volkes. Gieb mir also die Weisheit und die Vernunft...«

Das schwache Stimmchen des Königs erhob sich zu Festigkeit und Klarheit, zeigte eine Schattierung von Machtbewußtsein, von Überzeugung, die rührend war, wenn man sich das Exil hier in dem Winkel der kärglichen Bannmeile, wenn man sich die Entfernung in die Erinnerung rief, die ihn über Meere hinweg von diesem in der Hypothese vorhandenen Throne schied. In Friederikens Augen aber war ihr Leopold schon Herrscher, saß schon auf seinem Throne, und in dem Kusse, den sie ihm des Abends gab, lag ein unterthäniger Stolz, eine undefinierbare Anbetung und Verehrung, eine undefinierbare Achtung und Ehrfurcht, die Elysée, wenn er dieses Gemischs von mütterlichen Empfindungen ansichtig wurde, die alten Christfeste seiner Heimat in die Erinnerung rief, bei denen die herrliche Jungfrau, Jesus in seiner Krippe einwiegend, die Worte singt: »Ich bin Deine Magd, und Du bist mein Gott!«

Einige Monate verstrichen auf solche Weise, ein ganzes Winterhalbjahr, während dessen Zeit die Königin bloß einen einzigen Schatten in ihrer Freude, eine einzige Wolke in ihrem endlich hell und rein gewordenen Himmel verspürte. Und hierzu war Méraut, wenn auch in gänzlicher Unbewußtheit dieses Umstandes, die Ursache. Über dem nämlichen Traume, dem sie beide nachhingen, über dem gemeinsamen Ziele, das ihre Blicke und Seelen verfolgten, über dem gemeinsamen Wege, den sie zusammen, eng aneinander geschlossen, wandelten, hatte sich zwischen ihnen eine Vertraulichkeit, eine Gemeinsamkeit in ihrem Denken und Leben herausgestaltet, ohne daß sie sich zu erklären vermochte, warum und wie das so gekommen war. War sie allein mit ihm, dann bewegte sie sich nicht mehr so zwanglos wie ehedem, empfand sie Angst und Schrecken vor dem Platze, den dieser fremde Mensch in ihren innersten Entschlüssen einnahm. Erriet sie wohl die Empfindungen, die ihn erfüllten, erregten? jene heimliche, verhaltene Glut, die in ihrer so unmittelbaren Nähe loderte? die von Tag zu Tag wuchs, von Tag zu Tag gefährlicher wurde? Eine Frau irrt sich nicht in solchen Dingen. Sie hätte gern Schutz und Zuflucht gesucht; hätte gern ihre Ruhe, ihre Seelenstärke wieder gefunden; aber wie? In ihrer Bedrängnis, in ihrer Pein hatte sie Rat und Hilfe gesucht bei dem Führer und Leiter und Rat der katholischen Ehefrau, bei ihrem Beichtvater.

Sobald er nicht im Interesse seiner königstreuen Propaganda das Land durchstreifte, war es der Pater Alpheus, welcher der Königin Stecken und Stab war. Ein Blick auf den Mann, einen einzigen, und man kannte ihn! man wußte, was man von ihm zu halten hatte! Es rann in diesem illyrischen Priester mit dem Seeräubergesicht das Blut, es war ihm das Benehmen, die Haltung, es waren ihm die Gesichtszüge eigen von einem jener Uskoken, jener Raub- und Sturmvögel und ehemaligen Seeräuber-Slawen der lateinischen Meere. Als Sohn eines Fischers im Hafen von Zara auf der See erzogen, im Teer und zwischen Netzen, war er eines Tags, seiner hübschen Stimme wegen, von den Franziskaner-Mönchen aufgelesen worden, wurde aus einem Schiffsjungen ein Chorknabe, wuchs im Kloster heran und brachte es bis zur Stellung eines Oberen in der kirchlichen Brüderschaft; aber es war ihm immer etwas kleben geblieben von den wilden Manieren des Matrosen, und auf seiner Haut hing ihm immer etwas an von dem rauhen Hauche des Meeres, das ihm die Kälte und Frische der klösterlichen Steine niemals zu bleichen vermocht hatte. Übrigens durchaus nicht bigotten Sinns oder ängstlich und zaghaft, war er, wenn Not am Manne war, gar wohl imstande, des guten Zweckes halber seine Messer-Affaire ( cotellata) durchzufechten; er war einer derjenigen Mönche, welche, wenn die Politik drängte, morgens alle Gebete für den Tag, ja sogar auch für den künftigen Tag, »um Vorschuß zu haben«, wie er allen Ernstes meinte, im Bausch und Bogen heruntersagte. In seiner Liebe wie seinem Hasse ein Mann, hatte er dem durch ihn in das Haus eingeführten Lehrer eine Bewunderung ohne Grenzen geweiht. Bei dem ersten Geständnisse, welches die Königin ihm inbetreff ihrer Bedrängnisse und Gewissensbisse machte, that er deshalb so, als verstände er garnicht, was sie redete. Als er dann aber sah, daß sie auf ihren Reden beharrte, sprach er mit harten Worten zu ihr wie zu einer Büßerin gewöhnlichen Schlages, wie zu einer reichen Posamentierin aus Ragusa.

Ob sie sich denn nicht darüber schämte, dergleichen Kindereien in eine so edle, vornehme Sache zu mischen? Worüber hätte sie denn Klage zu führen? Hätte man es ihr denn jemals an Respekt fehlen lassen? Da sehe man doch nur, ob man sich nicht um des kleinlichen Ideen-Plunders eines frömmelnden oder der gefallsüchtigen Regungen eines gemeinplätzigen weiblichen Geschöpfes halber dieses Mannes am Ende noch berauben würde, den Gott doch sicherlich zum Triumphe des Königtums ihnen in den Weg geführt habe!... Und in seiner Seemannssprache, in seinem, von seinem Priesterslächeln gemilderten italienischen Redeschwunge setzte er hinzu, daß man mit dem guten Winde, den einem der Himmel schicke, nicht rechte. »Man spannt die Segel, und macht seinen Weg.« Die gerechteste Frau wird immer schwach sein vor Schein-Beweisführungen. Durch die Kasuistik des Mönchs besiegt, sagte sich Friederike, daß sie die Sache ihres Sohnes einer solchen Hilfe tatsächlich nicht zu berauben vermöchte. An ihr selbst wäre es, sich zu bewahren und zu behüten, stark und kräftig zu sein. Was liefe sie denn für Gefahr? Sie gelangte sogar dazu, sich einzureden, daß sie sich inbetreff der Liebe und Ergebenheit Elysée's, inbetreff seiner schwärmerischen Freundschaft ganz im Irrtum befunden habe... Die Wahrheit ist, daß er sie leidenschaftlich liebte. Seltsame, tiefe, zuweilen verjagte, aber langsam auf Um- und Seitenwegen wieder zurückgekommene, endlich mit dem verheerenden Despotismus einer Belagerung zur Festigkeit des Sitzes gelangte Liebe! Bislang hatte Elysée Méraut sich einer zärtlichen Empfindung für unfähig geglaubt. Manchmal hatte sich gelegentlich seiner royalistischen Predigten, mit denen er das Lateinviertel durchzog, irgend ein Mädchen aus der Bohème, ohne daß sie ein Wort von seinen Reden verstand, in ihn verliebt der Musik wegen, die in seiner Stimme lag, um dessenwillen, was sich von dem Glutherde seiner Augen, von diesem Ideal einer Mannesstirn dem magnetischen Objekte, das die Magdalenen zu den Aposteln hinzieht ablöste. Er er neigte sich mit Lächeln, nahm was sich ihm bot, indem er jene unverbesserliche Verachtung vorm Weibe, die jedem Südländer innewohnt, mit Milde und Umgänglichkeit verschleierte. Liebe, die in sein Herz einziehen sollte, mußte ihren Weg durch seinen starken Schädel nehmen; und so war denn aus der Bewunderung, die er für Friederikes erhabenen Frauentypus fühlte für dieses mit so hehrem Stolze getragene, unselige Patrizier-Geschick mit der Länge der Zeit unter dem Einfluß der engen Häuslichkeit, des beengten Lebens im Exil, jener stündlichen, augenblicklichen Beziehungen, so vieles geteilten Jammers und Kümmernisses eine wirkliche, wahrhaftige Leidenschaft geworden, aber eine demütige, heimliche, hoffnungsleere Leidenschaft, die sich daran genügen ließ, von weitem zu brennen wie eine Armenhäusler-Kerze auf der letzten Stufe des Altares.

Das Dasein nahm indessen seinen Fortgang, dem äußeren Anschein nach immer das nämliche bleibend, gleichgiltig gegen diese stummen Dramen, und so gelangte man schließlich zu den ersten September-Tagen. Die Königin machte, umflossen von einer herrlichen Sonne, die mit ihrer glücklichen Geistesstimmung im vollen Einklange stand, gefolgt von dem Herzog, von Elysée, von Madame de Silvis, welchen infolge der Verabschiedung der kleinen Prinzessin der Dienst als Ehrendame zugefallen war, ihren üblichen Spaziergang nach dem Déjeuner. Sie zog ihre ganze Gesellschaft mit sich durch die schattigen, von Epheu umsäumten Gänge des kleinen englischen Parkes, drehte sich während des Ganges um, ein Wort, eine Rede mit jener entschiedenen Grazie, die ihrem weiblichen Liebreiz keinen Abbruch that, hinzuwerfen. An diesem Tage war sie ganz auffallend lebhaft und lustig. Man hatte am Morgen aus Illyrien Nachrichten bekommen, welche den ausgezeichneten Eindruck meldeten, den die Abdankung im Lande hervorgebracht, und daß der Name Leopolds des Fünften schon volkstümlich sei im ganzen Lande. Elysée Méraut triumphierte.

»Habe ich es Ihnen doch gesagt, mein Herr Herzog, daß sie sich an ihrem kleinen König wieder begeistern würden!... Die Kindheit, sehen Sie, verjüngt alle Liebe wieder... Es verhält sich damit wie mit einer neuen Religion, die wir Ihnen eingeflößt haben mit allen ihren Unbefangenheiten, all ihrer Glut und ihrem Feuer...«

Und indem er sein langes Haar mit beiden Händen, mittels einer heftigen, ihm eigentümlichen Gebärde in die Höhe strich, stürzte er sich in eine von jenen beredten Stegreif-Reden, die ihn zum völlig andren Menschen wandelten, wie der geduckte, in Lumpen auf dem Boden gekauerte Araber im Nu nicht wieder zu erkennen ist, sobald er auf dem Pferde sitzt.

»Nun haben wir's!« sagte ganz leise die Marquise mit erschöpfter Miene, während die Königin, um besser zu verstehen, sich an den Rand der Allee in den Schatten einer Trauer-Esche setzte. Die andren verweilten respektvoll in stehender Haltung rings um sie, nach und nach aber lichtete sich der Kreis der Zuhörer. Frau von Silvis zog sich zuerst zurück, um, wie sie es niemals zu thun ermangelte, in auffälliger Weise ihre Verwahrung einzulegen; der Herzog wurde, da irgend welcher Dienst seine Gegenwart erheischte, hinweggerufen. So blieben sie allein. Elysée gewahrte diesen Umstand nicht, setzte aufrecht im strahlenden Lichte der Sonne, die auf seinem, von Begeisterung verzückten edlen Gesichte wie auf den Halbflächen eines harten Steines spielte, stehend seine Rede fort.

Er war in solchem Augenblicke schön von einer packenden, unwiderstehlichen geistigen Schönheit, die Friederiken mit zu großer Plötzlichkeit traf, als daß sie ihre Bewunderung hätte verhehlen können. Sah er dies in ihren grünen Augen? Empfing er jene Erschütterung zurück, die ein zu lebendiges und zu nahes Gefühl mit Schmerz und Weh über uns bringt? Er stotterte erst, dann brach er jäh ab, am ganzen Leibe erbebend, heftete auf die in geneigter Haltung verharrende Königin, auf ihr von zitterndem Schimmer übersäetes Goldhaar, einen langsamen Blick, einen Blick, welcher brannte so heftig wie ein Geständnis... Friederike fühlte, wie diese Flamme auf sie herniederglitt gleich einer Sonne, die stärker blendete, stärker verwirrte als jene andere Sonne; aber sie fand die Kraft nicht in sich, sich hinwegzuwenden. Und als Elysée sich, von Entsetzen gepackt vor dem, was ihm auf die Lippen heraufstieg, jäh von ihr losriß von ihr, die ganz durchdrungen war von diesem Manne, von seiner magnetischen Kraft, da schien es ihr, als ob das Leben plötzlich von ihr wiche; sie fühlte sich durch eine Art von sittlicher Ohnmacht übermannt und blieb auf dieser Bank sitzen, zitternd vor Schwäche, niedergeschmettert... Lilafarbene Schatten schwebten über dem Sande der gewundenen Pfade. Das Wasser rieselte aus den Schalen des Springbrunnen-Beckens, als wohlthätige Erfrischung an diesem schönen Sommer-Nachmittage. Man vernahm in dem in voller Blüte stehenden Garten bloß weit und breit ein Schwirren von Flügeln, ein Summen von Atomen über duftenden Körben und das kurze, jäh abgerissene Geknatter des Karabiners, mit welchem der kleine Prinz schoß, vom Schießplatze herüber, der sich am Ende des Parkes, nach dem Wäldchen zu, befand.

Inmitten dieser Ruhe kam die Königin wieder zum Bewußtsein ihrer selbst zurück das erste, was sie empfand, war eine Regung des Zornes, des Unwillens, der Auflehnung. Sie fühlte sich von diesem Blicke betroffen, beleidigt.. War das wohl möglich? träumte sie auch nicht?... Sie! die stolze Friederike, die im blendenden Glanze der Hoffestlichkeiten ehedem so viel Huldigungen, die sich ihr zu Füßen gelegt hatten, verschmähte Huldigungen der edelsten, erlauchtesten Herren! sie, die den Stolz ihres Herzens so hoch und heilig hielt! sie! sich an einen Habenichts wegwerfen, an diesen Sohn des Volkes! Thränen des Stolzes brannten ihr in den Augen. Und in dem Wust der Ideen, der sie überraste, summte ihr ganz leise, ganz leise ein prophetisches Wort des alten Rosen im Ohre: »Die Bohème des Exils«... Ja! das Exil allein mit seinen entehrenden, erniedrigenden Verquickungen hatte diesem untergeordneten Subjekt erlauben können... Aber je mehr sie ihn mit Ausbrüchen ihrer Verachtung überhäufte, desto mehr stürmte die Erinnerung der von ihm geleisteten Dienste auf sie ein. Was würden sie geworden sein ohne ihn? Sie entsann sich der Erregung die sie ergriff, als sie ihm zum ersten male begegnet war, sie entsann sich, wie sie frisches Leben durch ihre Adern rinnen fühlte, als sie ihn hörte. Wer hatte denn seitdem, während der König seinen Vergnügungen nachging, die Leitung ihrer Geschicke in die Hand genommen? Wer hatte die Ungeschicklichkeiten, wer die verbrecherischen Handlungen wieder gut gemacht? Und diese unermüdliche Hingabe und Liebe eines jeglichen Tages soviel Talent, soviel Begeisterung und Feuer, all dies herrliche Genie, das sich einer Aufgabe der Verleugnung, der Entsagung unterzog, bei der kein persönlicher Nutzen, kein Ruhm einzuheimsen war! Das Resultat all dieses Denkens und Mühens war dieser kleine König, der wirklich und wahrhaftig König war, auf den sie so stolz war, der künftige Herr und Gebieter über Illyrien! Und da da ward sie von einem unbezwinglichen Ansturm von Zärtlichkeit, von Erkenntlichkeit gepackt; ein Gedanke an die Vergangenheit, in Erinnerung derjenigen Minute, als sie sich im Walde von Vincennes auf die Kraft Elysée's gestützt hatte und da da schloß die Königin die Augen, wie an jenem andern Tage da überließ sie sich köstlichem Sinnen und Denken über dieses große, so hingebungs- und liebevolle Herz, das sie gegen das ihrige schlagen zu hören vermeinte.

Da plötzlich nach einem Schuß, dessen Knall die Vögel in dem Laube aufscheuchte ein lauter Schrei einer von jenen Kindesschreien, wie sie die Mütter während ihrer von Sorgen und Unruhen erfüllten Nächte im Traume hören ein schrecklicher Angst- und Hilferuf, der den ganzen Himmel verfinsterte, weitete, den Garten im Maß und Verhältnis eines unermeßlichen Schmerzes umwandelte... Es wurden beschleunigte Tritte auf den Gängen des Gartens vernehmlich... die Stimme des Lehrers und Erziehers rief rauhen, heiseren, veränderten Klanges dort unten, neben dem Schießplatze... Friederike war dort mit einem einzigen Sprunge...

Es war im grünen Schatten eines Hagebuchen-Hains eine Parktiefe, bekleidet, tapeziert mit Hopfen, Glycinen und all der hochwachsenden Flora der etwas fetten Bodengegenden. Pappdeckel-Stücke hingen dort in dem Gitterwerk der Parkumfriedigung, durchbohrt von kleinen, regelmäßigen und grausamen Löchern... Und dort dort sah sie ihr Kind am Erdboden liegen, auf den Rücken gestreckt, ohne daß es eine Bewegung machte, mit weißem, nach dem rechten Auge hin geröteten Angesicht, und dieses rechte Auge selbst war geschlossen, war verletzt ein Paar Blutstropfen perlten aus ihm heraus wie Thränen... Elysée, der neben dem Kinde auf dem Gange kniete, schrie unter Händeringen: »Ich!... ich!... ich!«... Er war hier vorbei gegangen... Königliche Hoheit hatten den Wunsch geäußert, daß er mit ihrer Flinte Probe schieße, und durch ein entsetzliches Verhängnis war die Kugel von irgend einem Eisenstabe zurückgeprallt... Aber die Königin die Königin hatte für ihn kein Ohr ohne einen Schrei zu thun, ohne eine Klage verlauten zu lassen, ganz ihrem Instinkte als Mutter, als rettender Engel unterthan, nahm sie das Kind auf, barg es unter ihre Robe, trug es hinüber nach dem Springbrunnen-Becken. Mit der Hand die Hausdienerschaft zurückstoßend, die sich zu eiliger Hilfe um sie drängte, stützte sie ihre Knie, auf welchem der fühllose Körper des kleinen Königs sich streckte, auf die steinerne Brunnenfassung, hielt unter die überströmende Schale das blasse, angebetete Antlitz, auf welchem die blonden Haare unheimlich fest klebten, bis zu dem blau angelaufenen Augenlide und jenem unheimlichen roten Flecken herab rieselten, welchen das Wasser fortwusch, das tröpfchenweis, immer röter sich färbend, zwischen den Wimpern sickerte. Sie sprach nicht sie dachte nicht einmal. In ihrer zerknitterten, mit Wasser übergossenen Batist-Robe, die prall an ihrem herrlichen Leibe saß wie über einer Marmor-Najade, hing sie über ihr Kleines gebeugt und lauschte... lauschte...

Welch eine Minute! welch ein Harren! . . . Nach und nach, wieder belebt durch die Wassertaufe, erbebte der Verwundete, reckte seine Glieder wie um zu erwachen, und begann alsbald zu ächzen, zu seufzen.

»Er lebt!« rief sie mit einem Schrei trunkener Wonne.

Und nun – nun sah sie, das Haupt erhebend, sich gegenüber, Méraut, dessen Leichenblässe, dessen Zerknirschtheit um Gnade zu betteln schienen. Die Erinnerung dessen, was auf der Bank sich zugetragen, überkam sie wieder, gesellte sich zu der andern Erinnerung an das entsetzliche Staunen ob der Katastrophe, an ihre, so rasch an dem Kinde gezüchtigte Schwäche... Ein Grimm, eine Wut packte sie gegen diesen Menschen, gegen ihr eignes Selbst...

»Hinweg mit Dir! hinweg!... Daß ich Dich nie mit meinem Blick mehr sehe!« rief sie ihm zu mit einem entsetzlichen Blicke... Ihre Liebe war's, ihre Liebe die sie vor aller Ohren bekannte sich selbst zur Strafe, sich selbst zur Heilung ihre Liebe, die sie ihm als Schimpf mitten hinein in das Angesicht schleuderte in der Unverschämtheit dieses Duzens.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.