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Die Könige im Exil

Alphonse Daudet: Die Könige im Exil - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorPaul Heichen
firstpub1879
yearca. 1900
publisherHugo Andres
addressFrankfurt a. O.
titleDie Könige im Exil
pages5-498
created20061227
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Vierzehntes Kapitel.

Eine Lösung.

»Es verbleibt Ihnen ein Mittel noch, Majestät!«

»Reden Sie, lieber Méraut! Ich bin zu allem bereit.«

Méraut zögerte mit der Antwort. Was er zu sagen im Begriffe stand, erschien ihm zu ernst, wirklich allzuwenig am Platze für diesen Billard-Saal, wohin ihn der König nach dem Frühstück gezogen hatte, um eine »Partie zu machen«. Aber die merkwürdige Ironie, die über dem Geschick entthronter Herrscher waltet, hatte es so gewollt, daß sich das Los des illyrischen Königs-Geschlechts vor diesem grünen Tuche entscheiden sollte, auf welchem die Bälle mit unheimlichem hohlem Gepolter in der Stille und Trauer des Hauses von Saint-Mandé entlang kollerten.

»Nun und . . .?« fragte Christian der Zweite, während er sich reckte, die Bälle zu erreichen.

»Nun denn! Majestät . . .«

Er wartete, bis der König seine Carambolage gespielt hatte, die ihm der Geheime Rat Boscowich untertänigst markiert hatte, um dann mit einer Schattierung von Verlegenheit in seiner Rede fortzufahren:

»Das Volk von Illyrien, Majestät! ist nicht anders als alle Völker auf Erden. Es liebt den Erfolg, die Kraft und ich fürchte sehr, daß der verhängnisvolle Ausgang unsrer letzten Unternehmung...«

Der König drehte sich um. Auf seine Wangen war ein glühendes Rot getreten.

»Ich habe Sie um die Wahrheit gebeten, mein Lieber! Es hat keinen Zweck, mir mit all diesem Lockenwickel-Geflunker um den Bart zu gehen.«

»Majestät müssen abdanken,« sagte der Gaskogner grob und geradezu.

Christian sah ihn verblüfft an.

»Abdanken? wem denn? wozu denn? Ich besitze ja doch nichts! Ein schönes Geschenk, das ich da meinem Söhnchen machen würde! Ich glaube, ein neues Fahrrad würde ihm weit mehr Freude machen als dies leere Versprechen einer Krone für den Tag seiner Mündigkeit.«

Méraut führte das Beispiel an, welches die Königin von Galicien gegeben hatte. Sie hatte ebenfalls zu gunsten von ihrem Sohne während der Verbannung dem Throne entsagt, und wenn Don Léonce heute auf dem Throne seiner Väter säße, so hätte er dies doch wesentlich dieser Abdankung seiner Mutter zu verdanken.

»Achtzehn zu zwölf . .« rief Christian in barschem Tone... »Herr Geheimrat, Sie markieren ja nicht!«

Boscowich sprang in die Höhe wie ein aufgescheuchter Hase und stürzte nach der Tafel hin, während der König sich auslegte, gedehnten Leibes, gespannten Blickes, um »alle vier Bande« zu machen. Elysée betrachtete ihn, und sein königstreuer Glaube hatte eine sehr rauhe Probe zu bestehen angesichts dieses Musters von verlebtem Salonmenschen, von ruhmlos Besiegtem, der hier stand, den magern Hals weit entblößt, in seinem wehenden Flanelljäckchen, Augen, Mund und Nasenflügel noch von einer Gelbsucht gefärbt, die er kaum erst überstanden hatte, und an welcher er ziemlich vier Wochen bettlägerig gewesen war. Der Unstern von Gravosa und das unheimliche Ende aller dieser jungen Leute, die entsetzlichen Vorgänge, zu welchen der Prozeß gegen Herbert und Hezeta an dem kleinen Hofe von Saint-Mandé geführt hatte, als Colette sich vor dem ehemaligen Liebhaber und Galan auf den Knieen gewälzt hatte, um für den Gatten Gnade zu erlangen, alle diese Tage der Seelenangst, des Hangens und Bangens, des Lauerns gespannten Ohres auf dieses grausige Kleingewehrfeuer, worüber er das Kommando zu führen schien, und über all diesem die furchtbaren Geldsorgen infolge der ersten Pichery-Wechsel, deren Verfalltag in unmittelbare Nähe gerückt war, diese Inkarnation eines bösen Schicksals hatte den Slawen, ohne seine Gemütsruhe zu beeinträchtigen, vornehmlich physisch sehr angegriffen.

Er hielt mit Spielen inne, als er seine Carambolage gemacht hatte, und nachdem er mit größter Sorgfalt sein Queue gekreidet hatte, fragte er Méraut, ohne ihn mit einem Blicke anzusehen:

»Was sagt die Königin zu diesem Abdankungs-Projekt? Haben Sie mit ihr davon gesprochen?«

»Die Königin denkt wie ich, Majestät!«

»Ah!« machte er trocken, während er leicht zusammenschauerte.

Wunderliche Weise des menschlichen Wesens! Diese Frau, die er nicht liebte, die er fürchtete, wenn sie ihren kalten, hellen, mißtrauischen Blick auf ihn heftete, diese Frau, die er anklagte, ihn zu sehr als König behandelt zu haben, ihn mit der fortwährenden Erinnerung an seine Pflichten und seine Vorrechte breitgeschlagen zu haben, diese Frau verabscheute er jetzt, dieser Frau grollte er jetzt, daß sie nicht mehr auf ihn baute, ihm nicht mehr glaubte, daß sie ihm den Abschied geben wollte zum Nutzen und Vorteil des Kindes. Er empfand dies nicht als eine ihm aus Liebe zugefügte Wunde, als einen jener nach dem Herzen geführten Stöße, die aufschreien machen, sondern als die Kälte eines von Freundesseite ihm zugefügten Verrats, eines ihm verloren gegangnen Vertrauens.

»Und Du, Boscowich! wie denkst Du über diese Sache?« sagte er plötzlich, sich zu seinem Geheimrat wendend, dessen bartloses, ängstliches Gesicht mit krampfhafter Beflissenheit dem Ausdruck zu folgen strebte, welchen das Gesicht seines Herrn und Königs zeigte.

Der Pflanzensammler machte eine flüchtige Gebärde àla italienischem Hanswurst mit ausgestreckten Armen und in die Schulter hinein gezogenem Kopfe, worauf ein stummes »chi lo sa?« folgte, so schüchtern und von so wenig bloßstellender Art, daß der König sich des Lachens nicht erwehren konnte.

»Dem Rate unsres Herrn Staatsrats gemäß,« näselte er höhnisch, »werden wir abdanken, sobald es beliebt werden wird.«

Daraufhin widmete sich Seine Majestät wieder mit Eifer dem Billardspiele, zur großen Verzweiflung Elysée's, welcher vor Begierde brannte, der Königin von dem Erfolge einer Unterhaltung Mitteilung zu machen, mit deren Führung sie sich selbst nicht hatte befassen wollen; denn dieses Phantom von einem König imponierte ihr noch immer, und mit Zittern und Zagen legte sie die Hand an diese Krone, von welcher er nichts mehr wissen wollte.

Die Abdankung fand einige Zeit nach dieser Unterredung statt. Mit stoischem Gleichmut brachte der Chef des Civil- und Militärkabinetts die herrlichen Galerieen des Palastes Rosen für diese feierliche Handlung in Vorschlag, welcher man dem gemeinen Brauche nach die größtmögliche Feierlichkeit und Rechtsgültigkeit zu geben sich beflissen zeigte. Das Unglück von Gravosa war aber zu frisch noch für diese von den Echos des letzten Festes erfüllten Säle; es wäre für die zukünftige Regierung wirklich zu traurig und von zu schlimmer Vorbedeutung gewesen! Man begnügte sich deshalb damit, in Saint-Mandé einige adelige Familien illyrischer oder französischer Herkunft zu versammeln, deren Unterschrift am Fuße einer Regierungshandlung von solcher Wichtigkeit von nöten war.

Um zwei Uhr begannen die Wagen vorzufahren. Die Glockensignale folgten sich auf dem Fuße, während auf den großen Teppichen, die von der Thürschwelle bis zum Fuße der Freitreppe heruntergerollt waren, langsam die geladenen Gäste herabstiegen. An der Eingangsthür zum Salon empfing sie der Herzog von Rosen, der in seine Generalsuniform gezwängt war, und um den Hals, quer über seine Ordenskreuze herüber, jenen Großcordon des illyrischen Hausordens trug, den er, ohne ein Wort zu sagen, abgelegt hatte, als ihm der Skandal mit dem Haar- und Bartschneider Biscarat zu Ohren gekommen war, der die nämlichen Insignien auf seine Figaro-Jacke aufgesteckt hatte. Am Arm und an der Degenkoppel trug der General einen langen, nagelneuen Trauerflor, und deutlicher noch, als dieser Flor, sprach ein greisenhaftes Wackeln mit dem Kopfe, eine ihm unbewußte Weise, immerzu »Nein, nein« zu sagen, die er seit jener in seiner Gegenwart geführten furchtbaren Verhandlung über Herberts Begnadigung beibehalten hatte jener Verhandlung, bei der er, trotz der Bitten, die Colette an ihn gerichtet, und trotz des Aufruhrs, der in seinem väterlichen Herzen deshalb getobt hatte, energisch bei seiner Weigerung, nach irgendwelcher Seite hin Partei zu ergreifen, verblieben war. Es hatte beinahe den Anschein, als ob sein kleiner, wackeliger Sperberschädel die Lasten dieser antihumanen Weigerung trüge und von nun ab verdammt dazu sei, zu jedem Eindruck, jeder Empfindung, zum Leben selbst, das ihm nichts mehr war, da nichts ihn mehr nach dem tragischen Ende seines Sohnes fesseln konnte, »Nein.. nein« zu sagen.

Die Prinzessin Colette war auch zugegen. Sie trug mit sehr viel Geschmack ihre Trauerrobe aus Spitzen und Blonden, in ihrem ganzen Habitus jenes Wittwentum zur Schau, welches von einem in der wachsenden Unbeholfenheit ihrer Taille, in der langsameren Weise ihres Ganges bereits zum Ausdruck gelangenden Schimmer von guter Hoffnung freudig aufgehellt wurde. Selbst unter den Eindrücken eines sehr tiefen und ernsten Kummers fand dieses kleine, mit Nichtigkeiten und Thorheiten angefüllte Putzmacherin-Seelchen, das von der Härte des Schicksals nicht gebessert worden war, noch immer, dank dem Kindlein, das sie unter dem Herzen trug, Gelegenheit, für eine Unzahl von hohlen Gefallsüchteleien und Eitelkeiten Befriedigung zu schaffen, allerhand Tändel- und Flitterkram Achtung und Liebe zu zollen. Die Bänder, die Spitzen, die prächtige Ausstattung, die sie mit einem selbstentworfenen Namenszug unter ihrer Fürstenkrone zeichnen ließ, diente ihr in ihrer Traurigkeit zur Zerstreuung. Das Kindchen sollte mit Namen Wenceslaus oder Witold, wenn es ein Mädchen wäre, Wilhelmine heißen; ganz sicher aber sollten die Namen mit einem W anfangen, weil das W. ein aristokratischer, auf Wäsche sehr hübsch zu zeichnender Buchstabe sei.

Sie setzte ihre Pläne eben Frau von Silvis auseinander, als sich die Thüre weit in ihren Angeln öffnete, und nach jedesmaligem Aufschlagen mit der Hellebarde das Erscheinen des Fürsten und der Fürstin von Trebigno, von Soris, des Herzogs von San-Giorgio, der Herzogin von Melida, der Grafen Pozzo, von Miremont, von Weliko gemeldet wurde.. Es hörte sich an wie eine mit lauter Stimme verlesene, durch ein schallendes Echo vom blutgetränkten Gestade herübergesandte Liste von all den jungen, bei Gravosa gefallenen Opfern. Und das schrecklichste noch, was dieser Ceremonie, trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßregeln, trotz der glänzenden Livree und der pomphaften Behänge, ein verhängnisvolles, unheimliches Aussehen lieh, das ist der Umstand, daß sämtliche Gäste selbst in großer Trauer waren, tief schwarz gekleidet und mit schwarzen Handschuhen, ganz wie in einem Sacke in jenen, dem Blicke so traurigen Wollenstoffen staken, die bei den Frauen Haltung und Bewegung gewissermaßen einkerkern; Greise, Väter und Mütter sah man so in Trauer in jener Trauer, die tiefer, herzzerreißender und ungerechter zu tragen ist als jede andre Trauer. Viele von diesen unglücklichen Menschen gingen zum ersten mal seit jener Katastrophe aus ihren vier Pfählen; die Ergebenheit und Liebe, mit der sie an ihrer Dynastie hingen, riß sie heraus aus ihrer Einsamkeit, aus ihrer Abgeschiedenheit. Sie reckten sich in die Höhe, als sie den Saal betraten, riefen all ihren Mut zu Hilfe; aber wenn sie einander mit den Blicken trafen, wenn sie wechselseitig den traurigen, unheimlichen Spiegelbildern eines und desselben Schmerzes ansichtig wurden, wie sie so dastanden, aufrecht und gesenkten Hauptes, mit zitternden und zusammengezogenen Schultern, da fühlten sie, wie ihnen die Thränen in die Augen schossen, die sie in den Augen der andern stehen sahen, wie auf ihre Lippen die Seufzer stiegen, die neben ihnen mit so viel Mühe zurückgehalten wurden; und alsbald bemächtigte sich ihrer eine nervöse Ansteckung, die den Saal mit einem langen, von erstickten Aufschreien und Seufzern zermarterten Schluchzen erfüllte. Der alte Rosen allein weinte nicht, und unbeugsam, seine hohe Gestalt kerzengerade in die Höhe richtend, fuhr er fort, unerbittlich mit seinem Schädel das Zeichen zu machen: »Nein... nein... er muß sterben!«

Abends erzählte Se. königl. Hoheit der Prinz d'Axel, der ebenfalls zur Unterzeichnung der Abdankungs-Urkunde geladen worden war, im Londoner Café, daß er geglaubt hätte, einer Begräbnisfeierlichkeit erster Klasse beizuwohnen, zu welcher sich die ganze Familie zusammengefunden habe und der Hinwegschaffung des Sarges warte. Freilich schnitt der königliche Prinz, als er in diese Versammlung dort eintrat, eine gar klägliche Miene. Er fühlte sich von diesem Schweigen, von dieser Verzweiflung eisig berührt, in Verlegenheit gesetzt, sah mit Furcht und Entsetzen alle diese Parzen eine nach der andern an, bis er endlich der kleinen Prinzessin von Rosen ansichtig wurde. Er setzte sich flugs an ihre Seite, neugierig, die Heroïne jenes berühmten Dejeuners am Kai d'Orsay kennen zu lernen; und während Colette, die sich im Grunde ihres Herzens durch diese Aufmerksamkeit sehr geschmeichelt fühlte, Seine Hoheit mit einem schmerzlichen und empfindsamen Lächeln begrüßte, hatte sie wohl kaum eine Ahnung, daß dieser ihr zugewandte schillernde, verschleierte Katzenaugen-Blick ihr das genaue und richtige Maß abnahm zu einem Konditorjungen-Kostüm, das ihr auf ihrem leckeren Figürchen überall gar prall und schmuck saß.

»Der König, meine Herren!«

Christian der Zweite trat kreidebleich, mit sichtlich sorgenvollem Antlitz, zuerst herein. Er hielt seinen Sohn an der Hand. Der kleine Prinz zeigte eine niedliche Gravität, die ihm sehr gut zu Gesichte stand und durch das schwarze Jäckchen und schwarze Beinkleid, das er zum ersten male mit einem gewissen Stolze, einer ernsten Jünglings-Grazie trug, noch ganz erheblich verstärkt wurde.

Die Königin trat hinter ihm in den Salon, eine sehr schöne Erscheinung in einer prachtvollen malvengelben Spitzenrobe, ein zu lauterer und ehrlicher Charakter auch, um ihre Freude zu verheimlichen, die inmitten der sie umschließenden Trauer ganz ebenso ausfiel, wie die helle Farbe ihrer Robe neben den Trauerkleidern. Sie war so glücklich, so selbstisch glücklich, daß sie sich keine einzige Minute nach dem erhabenen Weh herniederneigte, das sie umringte, so wenig wie sie einen Blick hatte für den frostschauernden Garten draußen, für jenen Nebel auf den Fensterscheiben, für das schwarze Duster einer Allerheiligen-Woche, das irrend an einem tief auf die Erde niederhängenden, feuchten, regen- und nebelschwangern, Lähmung und Starrsucht niederlagernden Himmel schweifte.

Dieser Tag verblieb ihr in der Erinnerung, leuchtend und erwärmend. So sehr ist es wahr, daß alles in uns, im eignen Innern liegt und daß die Außenwelt sich wandelt und färbt nach den tausend Schattierungen unserer Leidenschaften.

Christian der Zweite setzte sich vor dem Kamine nieder mitten in den Salon. Zu seiner Rechten saß der Graf von Zara, zu seiner Linken die Königin in einiger Entfernung, an einem kleinen Kanzleitische, saß Boscowich in seinem Hofrats-Hermelin. Nachdem sich die ganze Versammlung niedergelassen, ergriff der König das Wort mit sehr leiser Stimme, um zu verkünden, daß er bereit wäre, seine Abdankung zu unterzeichnen und seinen Unterthanen den Beweggrund, der ihn zu diesem Schritte leitete, bekannt zu geben. Darauf erhob sich Boscowich von seinem Sessel und verlas mit seiner schrillen, piependen Stimme Christians Manifest an die Nation, das eine flüchtige, in großen Zügen gezeichnete geschichtliche Darlegung gab von den ersten Hoffnungen, die sich an seine Regierung geknüpft hatten, von den Enttäuschungen und Mißverständnissen, die hierauf gefolgt waren, und das in dem Entschlusse des Königs gipfelte, sich von den Staatsgeschäften zurückzuziehen und seinen Sohn dem Edelsinne des illyrischen Volkes anzuvertrauen.

Dieses kurze Schreiben, welchem Elysée Méraut's Griffel überall seinen Stempel aufgedrückt hatte, wurde so abscheulich verlesen, wie etwa eine langweilige Aufzählung von botanischen Namen, daß es der Überlegung die Zeit ließ, um alles zu erfassen, was in dieser Thron-Entsagung eines landesverwiesenen Fürsten, in dieser Übertragung von Gewalten, die nicht bestanden, von Rechten, die verleugnet und verkannt wurden, an Hohlheit und Albernheit offen zu Tage lag. Die Urkunde an sich, die sodann vom Könige verlesen wurde, war folgendermaßen abgefaßt:

»Ich, Christian der Zweite, König von Illyrien und Dalmatien, Großherzog von Bosnien und der Herzogewina, &c., erkläre, daß ich aus eigenem Antriebe, ohne irgend einem fremden Drucke zu folgen, meinem Sohne Karl Alexis Leopold, Grafen von Görtz und Zara, alle Meine politischen Rechte überlasse und übertrage und von heute ab Mir einzig und allein Meine bürgerlichen Rechte als Vater und Vormund über ihn vorbehalte.«

Alsbald näherten sich auf ein Zeichen des Herzogs die sämtlichen Anwesenden dem Tische, um ihre Unterschrift zu geben. Ein paar Minuten lang nun nur ein Geräusch von ab- und zutretenden Schritten, zwischen den Wartepausen, die durch das Ceremoniell bedingt wurden, ein Gekritzel von fest aufgedrückten und von zitternden Federn. Sodann nahm der Handkuß seinen Anfang.

Christian der Zweite eröffnete den Zug und entledigte sich dieser schwierigen Sache, der Huldigung eines Kindes von seiten des Vaters, durch den Kuß, den er auf die schwächlichen Fingerchen mit einem höhern Grad von geistvoller Anmut als Ehrfurcht drückte. Die Königin dagegen vollbrachte ihre Huldigung mit einem leidenschaftlichen, fast religiösen Herzenserguß; die Beschützerin, die Glucke, wurde zur demütigen Unterthanin. Hiernach kam die Reihe an den Prinzen d'Axel, nächst ihm an alle die vornehmen Herren, die in hierarchischer Ordnung vorbeimarschierten, die freilich dem kleinen König recht lange zu dauern anfing, trotz der reizenden Würde, deren sich sein offenes und klares Auge, seine ausgestreckte Hand befliß jene kleine weiße, fein geäderte Hand mit den viereckigen Kindesnägeln, die noch dem Spiele gehört mit den ein bischen kräftigen, durch das Wachstum außer Verhältnis gerückten Gelenken. Alle die adeligen Herrschaften waren, so ernst und wichtig auch der Augenblick in ihren Augen war, trotz der unseligen Eindrücke, die ihre Trauer erweckte, aber doch nicht die Leute, die sich den ihnen auf Grund ihrer Titel, der Anzahl der Zacken an ihrer Krone vorbehaltenen Rang hätten nehmen lassen; und so fühlte sich denn Méraut, als er auf seinen Schüler zustürzte, plötzlich durch ein »Sie erlauben wohl, mein Herr!« zurückgehalten, infolgedessen er zurückwich, um sich dem erregten Angesicht des Fürsten von Trebigno gegenüber zu sehen, eines erschrecklich vom Asthma geplagten Greises, der nur mühsam zu atmen vermochte, dem die Augen wie Kugeln aus dem Schädel heraus traten, als könne er nur auf diesem Wege zu Atem gelangen. Elysée, der in den Gesetzen der Tradition Wandelnde, trat respektvoll zur Seite, um diesem Grabeswrack den Vorrang zu lassen, und kam als letzter zum Handkusse. Als er zurücktrat, sagte Friederike, die neben ihrem Sohne stand, in der Weise, wie man die Mütter von jungen Bräuten an der Sakristei stehen sieht, um die Abschrabsel der Huldigungen und lächelnden Blicke in Empfang zu nehmen, ganz leise, überschwenglich und nervös zu ihm: »Es ist vollbracht!«

In dem Tone, wie sie dies sprach, lag eine Fülle von fast grimmig-wilder Freude, eine unsägliche Erleichterung.

»Es ist vollbracht!« . . . Das heißt: nun ist das Diadem vor Schacher und Besudelung geschützt! Sie konnte sich nun schlafen legen, konnte Atem schöpfen, konnte leben, befreit von den beständigen Ängsten und Unruhen, die ihr die Kenntnis der Katastrophe schon im voraus vermittelten, die ihr, wie dem Marquis von Hezeta, bei jeder unheilvollen Lösung die Worte hätten in den Mund legen können: »Ich wußte es!«... Ihr Sohn würde nun seines Besitzes nicht entkleidet werden ihr Sohn würde König sein... Wie! würde sein? Er war es doch schon durch die majestätische Haltung, durch die hinnehmende und erhabene Güte....

Sobald die feierliche Handlung zu Ende war, gewann die Kindesnatur wieder die Oberhand, und Leopold der Fünfte stürzte, vor Freude ganz außer sich, auf den alten Johann von Weliko zu, um ihm die große Neuigkeit zu verkünden:

»Du! weißt Du, Pate! ich habe einen Pony, einen hübschen kleinen Pony, ganz allein für mich... Der General wird mich das Reiten lehren, und meine Mama wird's mir auch zeigen!« Man drängte sich um ihn, verneigte sich vor ihm mit Blicken voller Bewunderung, während Christian, ein bischen vereinzelt, vereinsamt, vergessen, einen fremdartigen, undefinierbaren Eindruck empfand, etwas wie eine Lockerung, Linderung rings um den Schädel, jene Kälte, welche die ihm vom Haupte genommene Krone dort hinterlassen hatte. Thatsächlich wirbelte es ihm im Kopfe. Dennoch hatte er ja diese Stunde herbeigesehnt, die Verantwortlichkeiten seiner Stellung ärger verflucht als jeder andre. Warum nun dieses Unbehagen, diese Traurigkeit, jetzt da er den Strand vor sich fliehen sah? da er die Straße für neue Perspektiven sich teilen sah?

»Ei, ei! mein armer Christian! ich glaube, man hat auch Ihnen eben Ihr Seidenäffchen gegeben...«

Der Prinz d'Axel war es, der ihn mit ganz leiser Stimme auf seine Weise tröstete.

»Sie haben Dusel, das muß man sagen! Ich würde der glücklichste Mensch sein, wenn mir so etwas passierte wenn man mir erließe, dieses allerliebste Paris zu verlassen, um über mein weißbäuchiges Robbenvolk das Szepter zu schwingen!«

Er fuhr einen Augenblick lang im nämlichen Tone fort. Sodann verschwanden sie beide zusammen, indem sie das Lärmen, die Unaufmerksamkeit der Versammlung für sich ausnützten. Die Königin sah sie fortgehen. Sie hörte das Phaeton, dessen leichte Räder sich ehedem nicht anders entfernten, als daß sie ihr über das Herz fuhren, auf dem Hofe rollen... Aber was lag ihr jetzt daran? Es war ja nicht mehr der König von Illyrien, den diese Pariser Damen ihr abspenstig machten.

 

 

Am Tage nach Gravosa, in der ersten Minute seiner Schande, hatte sich Christian den Schwur geleistet, keinen Fuß mehr zu Sephora zu setzen. So lange er bettlägerig war, als richtiger Sohn des Südens in Furcht und Angst vor seiner Krankheit, dachte er an seine Maitresse nicht anders als um ihr zu fluchen, um ihr die sittliche Verantwortlichkeit für alle seine Fehler aufzubürden; aber die Genesung, der raschere Blutlauf, die vollständige Müßigkeit, in welcher die sich zu den Träumen gesellenden Erinnerungen soviel Gewalt besitzen, mußten diese Stimmungen verändern. Er fand zuerst schüchterne Entschuldigungen für das Weib und sah in allem, was geschehen war, nur ein Verhängnis, eine von den tausend Bestimmungen und Fügungen der Vorsehung, welcher die Katholiken alle lästige Verantwortlichkeit zuzuschieben pflegen.

Endlich wagte er es eines Tages, Lebeau zu fragen, ob man Nachrichten von der Gräfin hätte. Der Lakei brachte statt aller Antwort eine Menge von Briefchen herbei, die während der Krankheit eingelaufen waren, zärtliche, glühende, schüchterne Zettelchen, einen Schwarm von weißen, liebegirrenden Täubchen.

Christians Sinne gerieten durch sie in Feuer. Er antwortete auf der Stelle von seinem Bett aus, voller Ungeduld, den in Fontainebleau unterbrochenen Roman, sobald seine Genesung außer Zweifel sei, fortzusetzen.

Inzwischen verlebte J. Tom Lewis mit seiner Frau allerliebste Ferien in ihrem Hotel in der Avenue de Messine. Der Fremden-Geschäftsführer hatte die Langweile seiner Abgeschlossenheit in Courbevoie nicht länger mehr ertragen können. Es fehlte ihm das geschäftliche Leben, der Handel und Schacher, vor allem die Bewunderung seiner Sephora. Schließlich war er, wie schon erzählt, eifersüchtig besessen von einer dummen, eigensinnigen Eifersucht, die sticht und kratzt wie eine Gräte, die einem im Schlunde sitzt, von der man meint, sie sei hinuntergerutscht und deren Stich man ganz plötzlich empfindet. Und kein Weg und Mittel, sich gegen irgendwen zu beklagen, irgendwem zu sagen: »Sieh doch nur einmal zu, was ich da tief unten im Halse zu stecken habe!« Unglücklicher Tom Lewis, gefangen sitzest Du in der eigenen Falle als Ausbaldowerer des »großen Coup« und als sein eigenes Opfer!... Sephora's Reise nach Fontainebleau setzte ihn vornehmlich in Unruhe und Sorge. Er versuchte zu wiederholten malen, auf diesen Punkt die Sprache zu bringen; aber sie fiel ihm mit so natürlichem Lachen in die Rede: »Was ist Dir denn nur, mein armer Tom?... Was bist Du doch für ein Dämelsack!« Und nun nun war er gezwungen zu lachen, herzlich zu lachen; denn er begriff recht wohl, daß zwischen ihnen bloß von Eselei, von faulem Zauber die Rede war, und daß die Grille seiner Sephora, eine Mädchen-Grille für ein Rotschwänzchen, rasch ihr Ende gefunden haben würde, wenn sie ihn für eifersüchtig, für sentimental, für »heulmeierig« halten müßte wie die andren.

Im Grunde verursachte es ihm Schmerz und Langweile, so fern von ihr zu leben. Diese Empfindung beeinflußte ihn so stark, daß er sogar Verse zu machen anfing. Ja wohl! der »Mann im Cab«, der einbildungskräftige Narziß, hatte für seine Sorgen, für seine Unruhe dieses Ablenkungsmittel gefunden er machte ein Poëm auf Sephora, eine jener wunderlichen, durch die anmaßungsvolle Unwissenheit in Versmaß gesetzten Reimschmiedereien, wie man ihrer in Mazas auf dem Tische der Häftlinge konfisziert. Wahrlich! wenn nicht Christian der Zweite in Krankheit verfallen wäre, so würde J.Tom Lewis krank geworden sein.

Ich überlasse es dem Leser, sich die Freude auszudenken, die der Bajazzo und seine Schöne darüber empfanden, daß sie einander wieder hatten, daß sie auf ein paar Wochen wieder zusammen leben konnten. Tom führte die unsinnigsten Zappeltänze auf, stand Kopf auf den Teppichen und reckte die Beine zur römischenV man hätte meinen können, als sei ein Affe aus dem Häuschen geraten, als sei ein böser Teufel im Hause losgelassen worden und vollführe nun dort seine Sprünge und seine Tollheiten. Sephora wand und krümmte sich wieder vor Lachen. Indessen war sie um der Dienerschaft willen doch einigermaßen geniert, denn bei ihr erfreute sich der »Mann von Madame« des vollständigsten Mißkredits. Der Haushofmeister hatte erklärt, daß wenn der »Mann von Madame« mit bei Tische speiste, er sich unter keinen Umständen dazu verstehen würde, ihm aufzuwarten; und da dieser Mann ein Haushofmeister war, wie er im Buche stand, expreß vom Könige angestellt und ausgesucht so bestand Sephora nicht auf ihrem Willen, sondern ließ die Mahlzeiten durch eine Kammerfrau nach ihrem Boudoir hinauftragen. Auch wenn ein Besuch kam Wattelet oder der Prinz d'Axel so verschwand Tom jedesmal in einem Ankleidezimmerchen. Niemals in seinem Leben hatte sich der Herr Gemahl zu solchen Faxen verstanden; aber er betete seine Frau an, besaß sie ganz allein für sich und noch dazu in einem Rahmen, der sie ihm unendlich viel hübscher und niedlicher erscheinen ließ. Alles in allem genommen war's der glücklichste von der ganzen Bande, unter welche die Verzögerungen, die Wartefristen schließlich doch eine gewisse Unruhe zu werfen anfingen.

Man fühlte, daß in dieses so gut eingefädelte Geschäft ein Knoten gefahren war daß die so gut im Zuge befindlich gewesene Sache ins Stocken geriet. Der König bezahlte keinen Heller auf die verfallenen Wechsel, schrieb deren unaufhörlich neue quer zum großen Entsetzen Pichery's und des Vaters Leemans. Lebeau suchte ihnen nach Kräften Mut zuzusprechen: »Geduld... Geduld... wir werden schon zum Ziele gelangen... es ist eine ganz fatale Sache..« Aber er schaffte eben auch nichts herbei, und die andern Wichte häuften in ihrer Brieftasche illyrisches Papier riesweise. Der arme »Papa«, der seiner kräftigen Haltung verlustig gegangen war, kam einen Morgen wie alle Morgen, um sich in der Rue de Messine bei seiner Tochter und seinem Schwiegersohne Beruhigung zu holen. »Ihr glaubt also, daß wir noch zum glücklichen Ausgang gelangen werden?« Und er verstand sich dazu, noch einmal zu diskontieren und in einem fort zu diskontieren, da dies die einzige Weise war seinem Gelde nachzulaufen, daß er ihm immer flugs neues hinterher warf.

Eines Nachmittags tänzelte die Gräfin, die sich zur Fahrt nach dem Wäldchen rüstete, von ihrem Schlaf- nach ihrem Ankleidezimmer unter dem väterlichen Auge J.Tom's, der mit der Cigarre zwischen den Zähnen, die Finger in den Westenausschnitt geschoben, auf eine Chaiselongue gestreckt lag und sich an jenem reizenden Anblicke weidete, den eine Frau bei der Toilette gewährt, wenn sie sich vor dem Spiegel die Handschuhe überzieht und in den Stellungen Probe sitzt, die sie im Wagen einzunehmen gedenkt. Sie war hinreißend schön, als sie den Hut aufgesetzt und den Halbschleier bis zum Augenrande hintergezogen hatte, in ihrer etwas stoffreichen, fröstlichen Spätjahrs-Toilette; und das Klappern ihrer Armspangen, des baumelnden Schmelzbesatzes an ihrem Umhange entsprach dem vornehmen üppigen Geräusch, das der unter den Fenstern wartende Wagen machte, dem Geklapper der Geschirre, dem Gestampfe der Rosse, all diesen Teilen eines und desselben Ganzen, des mit den Reichs- und Landeswappen Illyriens geschmückten Gespanns nämlich.

Sie fuhr mit Tom aus, nahm ihn mit auf eine Tour um den See herum an dem ersten Pariser Saison-Tage, unter jenem tief herniederhängenden Himmel, der die neuen Moden, die durch langen Aufenthalt in den Villeggiaturen ausgeruhten Gesichter so trefflich in Geltung setzt. Tom, höchst elegant, mit echt englischem Chic gekleidet, schwebte vor Entzücken über diese Ausfahrt im Coupé, wo er versteckt sitzen würde neben seiner reizenden Gräfin, im siebenten Himmel der Freude.

Madame ist in Bereitschaft, man will aufbrechen. Ein letzter Blick noch in den Spiegel. Vorwärts also... Da thut sich plötzlich unten die Eingangsthüre auf. Die Handglocke erschallt in eiligen Schlägen... »Der König!« Und während der Herr Gemahl sich mit einer fürchterlichen Drehung seines Augenpaars um dessen eigene Achse schleunigst nach dem Ankleide-Kabinett verfügt, läuft Sephora zum Fenster hin, gerade noch rechtzeitig, um Christian den Zweiten mit Haltung und Miene eines Triumphators die Auffahrt heraufschreiten zu sehen. Er schwebt über den Boden hin, er wird von Flügeln getragen. »Wie glücklich sie sein wird!« spricht er bei sich, während er höher hinaufsteigt.

Die schöne Dame erfaßt die Situation im Nu sie erkennt, daß etwas Neues vorliege, und setzt sich in Bereitschaft. Als Anfangsscene stößt sie, als sie seiner ansichtig wird, einen Schrei der Überraschung, der freudigen Erregung aus, stürzt ihm in die Arme, läßt sich bis zu einer Causeuse tragen, vor welcher er sich auf die Kniee kauert:

»Ja! ich . . . ich bin's . . . Und für immer! für immer!«

Sie sieht ihn an mit weit aufgerissenen Augen, mit Augen, die trunken sind von Liebe und Hoffnung. Und er, er versenkt sich, taucht tief hinunter in diesen Blick . . .

»Es ist vollbracht . . . es giebt keinen König von Illyrien mehr... bloß einen Mann noch, der sein Leben verbringen will in der Liebe zu Dir!«

»Das ist schön . . . ich wage nicht, daran zu glauben...«

»Da lies!«

Sie griff nach dem Pergament, faltete es langsam auseinander:

»So so! ist's also wahr, mein Christian? Du hast dem Throne entsagt?«

»Besser als das!«

Und während sie den Wortlaut der Urkunde durchflog, stand er da, drehte sich am Schnurrbarte und betrachtete Sephora mit siegessicherer Miene. Und als er dann ersah, daß sie nicht recht begriff, nicht rasch genug begriff, setzte er ihr den Unterschied auseinander, der zwischen einer Entsagung und einer Abdankung bestände, erklärte ihr, daß er nun ganz ebenso frei, aller Pflichttreue und Verantwortlichkeiten ledig sein würde, ohne die Zukunft seines Sohnes in irgend einer Weise zu gefährden. Das Geld allein..... aber sie brauchten doch soviel Millionen gar nicht, um glücklich zu sein!

Sie las nicht weiter, hörte ihm zu mit halb aufgethanem Munde; ihre niedlichen Zähne lagen bloß, der Mund spitzte sich zu einem scharfen, herben Lächeln, als fühlte sie das Verlangen, das was er sagte, besser zu erfassen. Sie hatte indessen recht gut verstanden; oja! sie sah den Zusammenbruch aller ihrer ehrgeizigen Pläne, all der Louisd'or-Säulen, die schon in dem Geschäfte steckten, gar deutlich vor Augen! sie sah Leemans', Pichery's Zorn, den Zorn der ganzen, durch das falsche verkehrte Verhalten dieses Einfaltspinsels bestohlenen Bande gar deutlich vor Augen! Sie dachte an soviel unnütze Opfer, an ihre sechs Monate eines tödlich langweiligen, von Enttäuschungen und Schalheiten angeekelten Lebens, an ihren armen Tom, der sich den Atem in dem Ankleidezimmer verhielt, während der andere Auge in Auge vor ihr stand und, sicher dessen, daß er geliebt würde, daß er siegreich, unwiderstehlich sei, daß alle Weiber ihm unterthan sein müßten, einen Liebes- und Zärtlichkeits-Ausbruch von ihr erwartete! die Sache war so possierlich, so albern; es waltete eine so bodenlose, grimmige Ironie über dem allen sie stand auf ein tolles Lachen packte sie ein Lachen, des Schimpfes und höhnenden Spottes so voll, daß ihr eine jähe Röte zu Gesichte schoß, all die aufgerührte Hefe ihrer groben, gemeinen Natur und an dem verblüfften, versteinerten Christian vorbeistürzend, schrie sie ihm: »Lauf! Du Esel!« zu, um sich doppelt und dreifach in ihrem Schlafzimmer einzuriegeln.

Ohne Heller, ohne Krone, ohne Gattin, ohne Liebste, schnitt er eine seltsame Figur, als er die Treppe wieder hinunter stieg.

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