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Die Könige im Exil

Alphonse Daudet: Die Könige im Exil - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorPaul Heichen
firstpub1879
yearca. 1900
publisherHugo Andres
addressFrankfurt a. O.
titleDie Könige im Exil
pages5-498
created20061227
sendergerd.bouillon
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Dreizehntes Kapitel.

In der Kapelle.

»Meine liebe, teure Freundin! Eben sind wir wieder in die Citadelle von Ragusa abgeführt worden, Herr von Hezeta und ich, nach einer zehnstündigen Verhandlung im Theater des Korso. Dort hielt der Kriegsrat Sitzung, um uns das Urteil zu sprechen. Wir sind mit Stimmen-Einhelligkeit zum Tode verurteilt worden.

»Ich will Dir gleich sagen, daß mir dies nun das liebste ist. Zum mindesten weiß man nun doch, woran man ist, und wir werden nicht mehr in geheimer Haft gehalten. Ich lese Deine lieben Briefe ich kann Dir schreiben. Dieses ewige Stillschweigen erstickte mich. Nichts von Dir zu erfahren, nichts vom meinem Vater, nichts vom Könige zu erfahren, den ich tot, den ich das Opfer eines Hinterhaltes wähnte! Zum Glück ist Seiner Majestät eine traurige Schlappe und der Verlust einiger treuen Diener erspart worden. Es konnte uns Schlimmeres zustoßen.

»Aus den Journalen nicht wahr? mußt Du Kenntnis gewonnen haben, welchen Verlauf die Dinge nahmen. Der Gegenbefehl des Königs war uns zufolge eines unglaublichen Verhängnisses bis zur siebenten Stunde des Abends nicht zu Händen gekommen. Wir befanden uns also zu dieser Zeit auf der Fahrt nach den Inseln, dem Stelldicheins-Orte. Hezeta und ich standen auf der Kommando-Brücke, die andren weilten in der Kajüte. Wir waren alle bewaffnet und equipiert, am Hute steckte Deine niedliche Kokarde.... Wir kreuzen zwei bis drei Stunden. Nichts in Sicht als Fischerbarken oder jene großen Feluken, die den Dienst an der Kajüte verrichten. Die Nacht senkt sich nieder, und gleichzeitig ein Seenebel, der uns für unser Zusammentreffen mit Christian dem Zweiten sehr hinderlich ist. Nachdem wir lange Zeit gewartet haben, gelangen wir schließlich zu der Meinung, daß der Steamer Seiner Majestät vielleicht dicht an uns, ohne uns zu sehen, vorbeigefahren und an Land gegangen. Im selben Augenblicke steigt auch von dem Gestade her, wo man auf unser Signal warten mußte, eine Rakete zum Himmel auf. Das bedeutete: »Landen!« Kein Zweifel mehr für uns der König ist dort. Stoßen wir also zu ihm!

»In Anbetracht dessen, daß ich Landeskenntnis besaß ich habe ja an diesem Strande der Wildenten soviel gejagt führte ich das Kommando über die erste, Hezeta über die zweite Schaluppe. Herr de Miremont folgte mit den Parisern in der dritten.

»Wir waren in meiner Barke sämtlich Illyrier es schlug uns das Herz auch mächtig. Das Vaterland ist's, das man vor sich hatte jene schwarze, im Nebel dort aufsteigende Küste, die in einem kleinen roten Lichte, dem Dreh-Leuchtturm von Gravosa, ihren Abschlußpunkt findet. Das tiefe Schweigen, das über dem ganzen Strande lag, setzte mich sogleich in Verwunderung und Erstaunen. Nichts andres war zu hören als das Geräusch der brandenden Wogen ein langes Klatschen von bespülten Stoffen nichts von jenem Summen und Lärmen, das die geheimnisvolle Menge verursacht, aus welcher sich doch immer ein Klirren von Waffen, ein Aufkeuchen verhaltener Atemzüge herauslöst.

»Ich sehe unsre Mannschaften!« sagte San-Giorgio ganz leise, dicht neben mir.

»Wir machten, ans Land springend, alsbald die Wahrnehmung, daß das, was man für die Königs-Freiwilligen hielt, Kaktusbüsche, wilde Feigenbäume waren, in Reih und Glied am Strande aufgesteckt. Ich rückte vor. Niemand zur Stelle. Aber ein Gestampf im Sande... tiefe Gräben im Sande... breite Furchen... Ich sage zu dem Marquis: »Die Dinge stehen faul... schiffen wir uns wieder ein!« Zum Unglück kamen die Pariser. Die nun zurückhalten! Im Nu verstreuen sie sich über das Gestade, suchen das Gestrüpp, die Büsche ab... Da plötzlich eine Reihensalve ein endloses Gewehr-Geknatter. Man schreit: »Verrat!... Verrat!... Zu den Barken!« Und alles stürzt nach dem Ufer zurück. Ein wahres Herden-Rennen! Dicht gedrängt, sinnlos, unter Schreien und Toben... Ein Augenblick der schändlichsten Panik herrscht, beleuchtet von dem eben aufsteigenden Monde, der uns alsbald auch zeigt, wie unsre englischen Matrosen schon wieder auf hohem Meere sind und aus Leibeskräften nach dem Steamer hin rudern... Aber das währte nicht lange. Hezeta stürzt mit dem Revolver in der Faust vorwärts: ›Avanti! Avanti!‹... Was für eine Stimme! Am ganzen Strande hallt sie wieder. Wir stürzen ihm nach.. ihrer fünfzig gegen eine Armee!... Es blieb uns nichts übrig als zu sterben. Das haben denn alle unsre Leute mit großem Mut vollbracht. Pozzo, von Melida, der kleine von Soris, Deine Flamme vom letzten Jahre, Heinrich von Trebigno, der mir im Gedränge zuschrie: »He du, Herbert! wie kommt denn das? es fehlen ja die Guzlahs!«... Und Johann von Weliko, der im Fechten aus voller Kehle »Die Rodoïtza« sang, sind alle gefallen ich habe sie am Strande liegen sehen, in den Sand gebettet, die Blicke gen Himmel gerichtet. Dort wird sie die steigende Flut inzwischen beerdigt haben, die schönen Tänzer von unserm Balle! Minder glücklich als unsre Kameraden, wurden wir beide, der Marquis und ich, als die einzigen Überlebenden aus diesem Kugelhagel, gefangen genommen, zu Boden geworfen, geknebelt, auf den Rücken von Mauleseln nach Ragusa hinein geführt, Dein Herbert heulend vor ohnmächtiger Wut, während Hezeta in größerer Ruhe sprach: »Das war verhängnisvoll.. ich habe es gewußt!« Wunderbarer Mensch! wie konnte er wissen, daß wir verraten, preisgegeben, beim Landen mit Flintenschüssen und Kartätschenhagel empfangen werden würden! und wenn er es gewußt hat, warum hat er uns dann geführt? Nun! schließlich ist's eben ein Fehlschlag ein Unternehmen, das mit größeren Vorsichtsmaßregeln neu zu machen ist!

»Ich erkläre mir jetzt aus Deinen lieben Briefen, die ich nicht müde werde, wieder und wieder zu lesen, warum unser Prozeß so in die Länge gezogen worden, welcher Zweck diesem Herumwandern von Schwarzröcken in der Citadelle, diesem Schachern und Feilschen um unser beider Leben, diesem ewigen Auf und Ab unsrer Aussichten, diesem Hangen und Bangen zwischen Leben und Tod zu Grunde gelegen hat. Die Elenden haben uns als Geiseln behandelt, in der Hoffnung, daß der König, der seinem Thron nicht für hunderte von Millionen entsagen wollte, sich zur Nachgiebigkeit bequemen würde angesichts des Opfertodes von zweien seiner Getreuen. Und Du regst Dich auf, mein Schatz? Du wunderst Dich, geblendet durch Deine Liebe, daß mein Vater kein Wort zu gunsten seines Sohnes gesprochen hat! Aber konnte ein Rosen denn eine solche Feigheit begehen!... Er liebt mich darum nicht weniger, der arme Greis! und mein Tod wird für ihn ein schrecklicher Schlag sein. Was unsre Herrscher anbetrifft, die Du der Grausamkeit anklagst, so steht uns, das zu beurteilen, nicht jener hohe Gesichtspunkt zu Gebote, welcher ihnen ermöglicht, über Menschen zu herrschen. Sie haben Pflichten und Rechte, die außerhalb der alltäglichen Ordnung stehen. Ach! möchte doch Méraut Dir hierüber recht viel Schönes sagen! Ich fühle, was hierzu zu sagen ist, vermag es aber nicht auszudrücken. Es bleibt mir dort stecken, ohne den Weg hinaus zu finden. Mir sind die Kinnladen zu schwer. Wie so oft ist mir das peinlich gewesen vor Dir, die ich doch so sehr liebe, und der ich es nie so recht habe sagen können! Selbst hier, trotzdem so viele Meilen zwischen uns liegen und so schwere Eisenriegel uns scheiden, verschüchtert mich, lähmt mich der Gedanke an Deine hübschen Augen, an Deinen spöttischen Mund unter Deinem Naschen, das sich rümpft, um mich zu necken.

»Und doch, ehe ich Dich für ewig verlasse, muß ich es Dir doch noch ein rechtes mal begreiflich machen, daß ich nie jemand andren als Dich geliebt habe, daß mein Leben erst an dem Tage angefangen hat, an welchem ich Dich kennen gelernt habe. Besinnst Du Dich noch, Colette? Es war in den Kaufläden der Rue Royale, bei jenem Tom Lewis. Man traf sich dort zufällig, nach getroffener Schätzung! Du hast ein Klavier geprobt, hast gespielt, hast gesungen es war etwas sehr Lustiges, das mich, ohne daß ich wußte warum, auf der Stelle ganz weinerlich stimmte. Ich war überwältigt, gefangen.. He? wer uns das wohl gesagt hätte? Eine Heirat àla Pariser Stil! eine Heirat, durch die Vermittlung einer Agentur geschlossen, zur Heirat aus Liebe geworden! Und seitdem habe ich in der Welt, in keiner Welt eine Frau getroffen, die so reizend, so verführerisch war wie meine Colette. Du kannst auch ganz ruhig sein, Du warest immer hier, auch da Du abwesend warst; der Gedanke an Dein niedliches Gesichtchen hielt mich bei froher Laune; ich lachte ganz allein für mich, wenn ich seiner dachte. Es ist richtig, Du hast mir so etwas, eine Lust zum zärtlichen Lachen, immer eingeflößt... Sieh! in diesem selben Augenblicke ist unsre Lage schrecklich, fürchterlich; vornehmlich die Art und Weise, wie man sie uns vor Augen rückt. Hezeta und ich, wir sitzen in der Kapelle, das heißt: in der kleinen Zelle mit geweißten Wänden hat man einen Altar aufgeschlagen für unsren letzten Gottesdienst hienieden, hat einen Sarg vor jedes Bett gestellt und an die Wände Zettel gehängt, auf denen geschrieben steht: »Tod... Tod«... Trotz allem nun scheint mir meine Zelle hell und heiter. Ich entweiche diesen unheimlichen Drohungen dadurch, daß ich an meine Colette denke und wenn ich mich in die Höhe recke bis zu dem Guckloch unserer Zelle, dann weckt mir dieses wunderbare Land, die Straße, die von Ragusa nach Gravosa führt, mit den Aloe- und Kaktus-Gewächsen am Horizont oder am blauen Meere dann weckt mir dies alles die Erinnerung an unsre Hochzeitsreise, an die Bergkante von Monaco bis Monte-Carlo und an das Geklingel der Maultiere, die dort unser Glück, das klingend und leicht war wie dieses, entlang trugen. Omein kleines Frauchen! wie warst Du so allerliebst! was warst Du für eine süße Reisegefährtin, wie gern wäre ich länger mit Dir gewandert!

»Du siehst, daß überall Dein Bild verweilt und siegt, an der Schwelle des Todes, im Tode selbst; denn ich will es als Skapulier halten auf meiner Brust, dort unten am Meeresthore, wohin man uns binnen wenigen Stunden führen wird, und Dein Bild ist's, das mir vergönnen wird, mit Lächeln auf den Lippen zu fallen. Darum, meine Freundin! sei nicht allzu untröstlich! Gedenke des kleinen Wesens, gedenke des Kindes, dem Du das Leben schenken willst. Bewahre Dich, hüte Dich um seinetwillen, und wenn es imstande sein wird zu begreifen, dann sage ihm, daß ich als Soldat gefallen bin, stehend, mit zwei Namen auf meinen Lippen, dem Namen meiner Frau und dem meines Königs.

»Ich hätte Dir gern eine Erinnerung gelassen an diesen letzten Augenblick, aber man hat mir all meine Wertsachen und Juwelen genommen, Uhr, Trauring, Nadel. Ich habe nichts mehr als ein paar weiße Handschuhe, die ich für den Einmarsch in Ragusa bestimmt hatte. Ich werde sie gleich anziehen, der Todesstrafe Ehre anzuthun; und der Almosenier des Gefängnisses hat mir gelobt, sie Dir dann zu schicken.

»Nun denn! leb' wohl, meine geliebte Colette! Weine nicht. Ich sage Dir das, und mich, mich blenden die Thränen. Tröste meinen Vater! Der arme Mann! Er schalt mich oft, weil ich zu spät zum Ordonnanz-Dienste kam. Nun werde ich nicht mehr dazu antreten!... Leb' wohl! leb' wohl... ich hatte Dir doch noch so viel, so vieles zu sagen... Aber nein! es muß gestorben sein! Welch' ein Geschick. Leb' wohl, Colette!

Herbert von Rosen.«

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