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Die Könige im Exil

Alphonse Daudet: Die Könige im Exil - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorPaul Heichen
firstpub1879
yearca. 1900
publisherHugo Andres
addressFrankfurt a. O.
titleDie Könige im Exil
pages5-498
created20061227
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Kapitel.

Nachtzug.

»Wir reisen heut Abend um elf Uhr; Lyoner Bahnhof; Bestimmung unbekannt; wahrscheinlich Cette, Nizza oder Marseille. Vorsicht!«

Als dieses von Lebeau mit beflügeltem Stifte hingeworfene Zettelchen in der Rue de Messine eintraf, stieg die Gräfin von Spalato aus dem Bade und begab sich in völliger Leibesfrische, duftig und geschmeidig, aus ihrem Schlafzimmer nach ihrem Boudoir, wo sie sich der Pflege, dem Begießen ihrer Korbblumen und Blattgewächse widmete. Ihre Hände waren für diese Promenade durch ihren künstlichen Garten mit hellfarbigen schwedischen Handschuhen bekleidet. Sie geriet nicht sonderlich aus der Fassung, blieb eine Minute stehen, um in dem ruhigen Halbdämmerlicht der niedergelassenen Vorhänge mit sich zu Rate zu gehen dann machte sie eine kurze, entschlossene Gebärde, welche bedeutete: »Bah! wer das Ende will...« Und flugs klingelte sie ihrer Zofe, um unter den Waffen zu stehen, wann der König kommen würde.

»Was für Garderobe befehlen die gnädige Frau?«

Die gnädige Frau sah in den Spiegel, um sich von ihm Rats zu erholen... »Nichts!... ich bleibe, wie ich bin.«

Nichts konnte sie in der That schöner machen als dieses lange, hübsche Flanell-Gewand, das in weichen Falten sich prall an ihren Körper legte ein großes, nach Kinderart hinten um die Taille geknüpftes Tuch und ihr schwarzes, geflochtenes, gekräuseltes, sehr hoch aufgenommenes Haar, das den Nacken und den Anfang der Schultern erkennen ließ, deren Farbe, wie man recht wohl erriet, einen lebhafteren Ton als das Gesicht, einen warmen und glatten Bernsteinschimmer, zeigte.

Sie fand mit Recht, daß keine Toilette diesem Negligée gleichkommen dürfte, das die schlichte Weise, das kleinmädchenhafte Wesen so scharf heraushob, was dem Könige so sehr an ihr gefiel. Das nötigte sie aber, ihr Frühmahl in ihrem Zimmer einzunehmen; denn nach dem Salon konnte sie in solcher Garderobe doch nicht gehen. Sie hatte ihr Haus auf dem Fuße eines anständigen Hauses mit ceremoniellen Gebräuchen und Gesetzen eingerichtet, und von der bohèmehaften Phantasie, dem dito Anstrich, wie Courbevoie ihn gezeigt hatte, war hier keine Rede mehr. Nach dem Frühmahl begab sie sich in ihr Boudoir, das eine Veranda mit Gitterschirm bis über die Avenue hinaus fortsetzte und wartete nun hier des Königs, friedfertig in einen Sessel gestreckt, über und über im Abglanz der Stores mit rosigem Hauch übergossen, ganz so, wie sie vordem am bürgerlichen Fenster des Familienhotels gesessen und gewartet hatte. Christian kam niemals vor zwei Uhr. Von diesem Augenblick an aber begann eine ganz neue Empfindung von Angst bei dieser sanftmütigen, ruhigen Natur: Das Warten. In der ersten Zeit kaum von leichtem Beben gekräuselt, einer Furche auf kochendem Wasser vergleichbar dann aber von Fieber gepackt, aufgeregt, summend und brummend. Es fuhren der Wagen zu dieser Stunde sehr wenig auf der ruhigen, vom Sonnenschein zwischen ihrer doppelten Platanenreihe überfluteten Avenue, deren neuerbaute Paläste zwischen den Platanen hin bis zu dem goldnen Gitterthore reichen, bis zu den von Strahlen durchzitterten Kandelabern des Parks Monceaux. Beim schwächsten Rädergerassel zog Sephora den Store aneinander, um besser zu sehen; und ihr jedesmal getäuschtes Warten und Harren geriet ob dieser üppigen Ruhe draußen, ob dieser an die Provinz erinnernden Stille, in Erregung und Zorn.

Was war denn vorgegangen? Würde er sich denn wirklich auf die Reise begeben, ohne sie vorher zu besuchen? zu sehen?

Sie suchte nach Gründen, nach Vorwänden; aber wenn man wartet, so recht gespannt wartet, dann gerät das ganze Sein und Wesen in einen Zustand des Hangens und Bangens und die schwanken, vom Faden gefallenen Gedanken gelangen so wenig zu einem Abschlusse wie die auf dem Lippenrande schwebenden Worte. Die Gräfin fühlte diese Marter und diese Ohnmacht bis in ihre Fingerspitzen, wo alle Nerven sich spannen und erschlaffen. Neuerdings hob sie den Store aus rosa Zwillich. Ein lauer Windhauch bewegte das grüne Laub der Zweige, und ein frisches Lüftchen stieg von der Straße herauf, die von den Sprengröhren und Gartenspritzen mit jähen Wasserstrahlen überschüttet wurden, die aber häufig ausgesetzt werden mußten infolge der jetzt zahlreicheren Vorbeifahrt von Wagen und Karossen, die auf der Fahrt zum Fünf-Uhr-Nachmittagskorso nach dem Wäldchen hinaus begriffen waren. Nun fing sie an, sich ernstlich über das Ausbleiben des Königs zu erschrecken. Sie sandte zwei Briefe ab, den einen an den Prinzen d'Axel, den andern an den Klub dann kleidete sie sich an, da sie doch nicht bis zum Abend in ihrem Anzuge eines eben aus der Badewanne gestiegenen Kleinmägdeleins verweilen konnte, und nahm ihren Gang wieder auf von dem Wohnzimmer nach dem Boudoir, vom Boudoir nach dem Ankleidezimmer; und war alsbald auf dem Rundgange begriffen durch das ganze Hotel, beflissen, ihrem Zustande des Hangens und Bangens durch recht viel Bewegung die Spitze abzubrechen.

Es war kein kleiner Kokottenkäfig, den sie sich gekauft hatte, »die Spalato« noch weniger eins von jenen erdrückenden Häusern, wie die mit Milliarden gesegneten Gefällpächter ihrer zu Haufen in jenen neuen Stadtvierteln des Pariser Westens errichtet haben sondern ein künstlerisches Hotel, das der Namen, welche die Straßen der Umgebung führten, eines Morillo, Velasquez, Van Dyck, gar würdig war und sich von seinen Nachbarn in all und jedem, vom Kranze seiner Fassade bis zum Hammer seiner Pforte herunter, merklich unterschied. Gebaut von dem Grafen Potnicki für seine Maitresse ein häßliches Frauenzimmer, dem er allmorgendlich einen vierfach zusammengefalteten Tausend-Francs-Schein auf die Marmorplatte ihrer Waschtoilette legte, war dieses merkwürdige Quartier beim Tode des reichen, ohne Testament verstorbenen Polen, zusammen mit seinem Kunstmobiliar, für zwei Millionen »im Rummel« verkauft worden, und Sephora hatte alle diese Schätze sogleich an sich gebracht.

Über die wuchtige Treppe aus geschnitztem Holz, deren Gelände eine bespannte Karosse aushalten würde und die zu der ernsten Schönheit der Dame einen düstern Hintergrund niederländischen Gemäldes bildet, begiebt sich die Gräfin von Spalato hinunter in ihre drei Salons zu ebener Erde in den Meißner Porzellan-Salon, ein kleines, àla LouisXV. möbliertes Zimmer, das eine entzückende Sammlung von Vasen, Statuetten, Email-Sachen, Gegenständen von jener gebrechlichen Kunst des achtzehnten Jahrhunderts enthält, die durch die rosigen Finger der Maitressen versteinert, mit den schelmischen Hintergedanken ihres Lächelns belebt zu sein scheint dann betritt sie den Elfenbein-Salon, wo unter Glasschränken allerhand chinesische Elfenbein-Waren, kleine Figürchen, Bäume mit Früchten, aus Juwelen geformt, Fische mit Augen aus Beil- oder Nierenstein zur Schau liegen; auch jene Elfenbein-Figürchen des Mittelalters, mit den schmerzlichen, von Leidenschaft durchglühten Zügen und Mienen, auf denen das Blut der Kruzifixe in rotem Wachs als Flecken erscheint wie auf der Blässe einer menschlichen Haut. Das dritte Zimmer, licht und hell wie eine Künstlerwerkstatt, und mit korduanischen Leder-Tapeten drapiert, wartet mit seiner Ausstattung noch der vollendenden Hand des Vaters Leemans. gewöhnlich begeistert sich die Seele der Trödlerstochter inmitten dieser hübschen, durch den billigen Preis, wofür sie sie erstanden, in ihrer Schönheit noch gesteigerten Gegenstände. Heute aber geht sie und kommt sie, ohne Acht, ohne Auge dafür; ihre Gedanken schweifen in die Ferne: sie verirrt sich in aufregenden Vermutungen, irritierenden Begründungen.. Wie! also sollte er wirklich Paris verlassen wollen!... So liebte er sie denn doch nicht!... Sie, die ihn so fest umstrickt, so völlig sicher in ihrem Netze zu haben vermutete! Der Diener kam zurück. Keine Nachricht von dem Könige. Man hat ihn nirgendswo gesehen... Das sah Christian so recht ähnlich! Da er wußte, daß er sich selbst nicht viel zutrauen durfte, floh er, versteckte er sich... Eine Anwandlung von unbändigem Zorn reißt dieses Weib, das sich so fest im Zügel hat, auf eine Sekunde aus seiner Ruhe. Sie würde, wäre ihr nicht die lange Gewohnheit des Verkaufens zu eigen, die jedem Gegenstande gewissermaßen sein deutliches Etikett aufdrückt, sie würde alles um sich her zerschlagen, zertrümmern. Der sich seinem Ende zuneigende Tag löscht alles aus, was ihr gestern noch Reichtum war sie sieht ihre Schätze entfliehen, sich von ihr hinwegheben zugleich mit ihrem Traume von einem Riesenvermögen. Da wird die Thüre heftig aufgerissen.

»Die Tafel ist gedeckt, gnädige Frau Gräfin!«

Sie muß sich mutterseelenallein zu Tische setzen in dem majestätischen Speisesaale, der auf den acht Füllungen mit großen Gemälden von Franz Hals geschmückt ist, deren Wert auf achthunderttausend Francs geschätzt wird ernste Gesichter auf diesen Bildern, fahl und streng, einen feierlichen Eindruck machend in ihren hohen Spitzenkragen, minder feierlich indes noch als der Eindruck, den der Herr Haushofmeister macht in seiner weißen Halsbinde, wie er dasteht und auf dem Anrichtetische die Gerichte zurecht stellt und die Braten schneidet, die von zwei wunderlichen Käuzen in weißem Nanking, steif wie ein paar Ladestöcke und fühl- und empfindungslos als seien sie von Holz, serviert werden. Die Ironie, die in diesem pompösen Bedienungs-Modus im Gegensatze zu der Verlassenheit liegt, von welcher sich Frau von Spalato bedroht sieht, schnürt ihr das Herz vor Verdruß und Ärger zu und man möchte fast meinen, als ob das Personal schon gewisser Vorgänge sich ahnungsvoll versieht, so sehr verstärken die Lakeien, während sie speist, ihre ceremonielle Geringschätzung, mit der sie warten, bis die gnädige Frau fertig sein wird, stocksteif und voll würdigen Ernstes, wie die Gehilfen des Photographen, nachdem sie dem Kunden vor dem Objektiv seinen schicklichen Platz gegeben haben. Nach und nach indes findet die sitzen gelassene Dame ihre Kräfte wieder, kehrt zu ihrer wahren Natur, zu ihrem gewohnten Temperament zurück... Nein! so wird sie sich nicht aufs Trockne setzen lassen!... Nicht etwa, als ob sie sich ernstlich aus dem König etwas machte aber das Geschäft, der große Coup, all ihre Eigenliebe steht ihren Bundesgenossen gegenüber auf dem Spiele... Vorwärts denn! ihr Plan ist gemacht... Sie begiebt sich nach ihrem Zimmer hinauf, schreibt Tom ein Wort und während dann im Erdgeschoß die Lakeien speisen und über den für ihre Herrin so einsamen und so aufgeregten Tag schwatzen, schnürt sich die Frau Gräfin eine Reisetasche, die schon oft den Weg von der Agentur nach Courbevoie gemacht hat, wirft einen wollenen Beige-Mantel über die Schulter zum Schutze gegen die kalte Nacht und schlüpft verstohlen aus ihrem Palais, um zu Fuß, ihre kleine Tasche in der Hand, nach der nächsten Wagenhaltestelle zu laufen, wie ein Gesellschaftsfräulein, das abgelohnt worden ist.

Christian der Zweite seinerseits hatte einen nicht minder unruhigen Tag verlebt. Er hatte sehr spät mit der Königin auf dem Balle verweilt, war am Morgen erwacht, Kopf und Herz erfüllt von dem heldenhaften Gesumme der Guzlahs. Die Vorbereitungen zur Reise, die Musterung seiner Waffen, wie auch der Generallieutenant-Uniform, die man seit Ragusa nicht mehr getragen hatte dies alles nahm seine Zeit in Anspruch bis gegen elf Uhr, hielt ihn in der Nähe, unter dem wachsamen Auge Lebeau's, der höchst betroffen war und seine inquisitorischen Winke nicht allzu weit auszudehnen wagte. Um elf Uhr gruppierte sich der Hof um eine stille Messe, die von dem Pater Alpheus in dem zum Betsaal umgewandelten Salon gehalten wurde, dessen Kamin als Altar diente, während die samtenen Lambrequins mit einem gestickten Altartuche verdeckt wurden. Die Rosens fehlten. Der alte Herzog lag zu Bett; die Prinzessin war mit Herbert, der in Gesellschaft von einigen jungen Leuten nach dem Kriegsschauplatz abreiste, nach dem Bahnhofe gefahren. Hezeta sollte ihnen mit dem nächsten Zuge folgen, die ganze kleine Gruppe sich tagsüber so verteilen, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Diese heimliche Messe, die an die Zeiten der Unruhen erinnerte, der von Begeisterung erfüllte Kopf des Mönches, der soldatische Schwung seiner Gebärde und Stimme das roch nach Weihrauch und Schießpulver zugleich; denn die fromme Handlung erhielt den Stempel ihrer Weihe durch die nahe Schlacht.

Dem Frühstück wurde durch diese verworrenen Aufregungen ein beklemmender Zwang auferlegt, wenn auch der König eine gewisse Ehre gefallsüchtiger Art darin suchte, in seiner Umgebung nur angenehme Erinnerungen zu hinterlassen, der Königin gegenüber eine Haltung respektvoller Zärtlichkeit zur Schau trug, deren liebevolle Bethätigung an dem kalten, von einigem Mißtrauen erfüllten Wesen Friederikes Schiffbruch litt. Der Blick des Kindes wachte schüchtern über ihnen, denn die grausige Scene aus jener verwichenen Nacht spukte noch in seinem jugendlichen Gedächtnis und hinterließ ihm Eindrücke und Ausblicke nervöser Art, die weit über sein Alter hinausgingen. Die Marquise von Silvis stieß schon pränumerando schwere Abschiedsseufzer aus. Was Elysée anbetrifft, der sein altes Vertrauen wiedergefunden hatte, so war er nicht imstande, seiner Freude einen Zügel anzulegen; denn er träumte von jener Gegen-Revolution, die seinen Geist so lange beschäftigt hatte, von jenem Aufstande, der die Thore eines Palastes gewaltsam erbrach, um einen König dorthin zurückzuführen. Nach seiner Anschauung unterlag der Erfolg keinem Zweifel. Christian besaß die gleiche Gewißheit nicht; aber mit Ausnahme von diesem kleinen Mißbehagen der Abreise, durch die sich ihm plötzlich ein Gefühl von Einsamkeit, vorzeitiger Entfernung von Gegenständen oder Wesen aus seiner Umgebung aufzuthun schien, empfand er keinerlei Scheu, vielmehr ein Gefühl von Erleichterung in einer Lage, die ihm, umgeben von drohenden Verfallstagen, von Ehren- und anderen Schulden, als die schlimmste Situation erscheinen mußte. Im Fall eines Sieges würde die Civilliste alles bezahlen und ausgleichen. Die Niederlage würde dagegen einen allgemeinen Zusammenkrach nach sich ziehen... Den Tod, durch eine Kugel in der Stirn, sah er vor Augen... Er gedachte seiner wie einer endlichen Lösung all der Geld- und Herzenssorgen, die ihn bedrückten, und seine Sorglosigkeit nahm sich zwischen den bekümmerten Mienen der Königin und der schwärmerischen Begeisterung Elysée's nicht allzu schlecht aus. Aber während sie alle drei im Garten zusammen plauderten, ging ein Lakei an ihnen vorbei.

»Sagen Sie Samy, er solle anspannen,« befahl Christian.

Friederike erbebte . . . »Fährst Du aus?«

»Ja . . . Vorsicht halber! Der gestrige Ball muß Paris reichen Plauderstoff gegeben haben. Ich muß mich zeigen; man muß mich im Klub, auf dem Boulevard sehen... O! ich werde aber zum Diner zurück sein! ich werde mit Dir speisen.«

Er sprang mit einem Satze die Freitreppe hinauf, fröhlich und frei wie ein Schuljunge, der den Fuß aus der Klasse setzt.

»Mich wird die Furcht nicht verlassen, bis wir am Ende sind!« sagte die Königin; und Méraut, vom gleichen Gedanken erfüllt wie sie, fand kein Wort zu ihrer Ermutigung.

Der König hatte sich indessen zu starken Entschlüssen zusammengerafft. Während der kirchlichen Messe hatte er sich den Eid geleistet, Sephora nicht noch einmal zu besuchen, da sein Gefühl ihm recht gut sagte, daß wenn sie ihn zurückhalten wolle, wenn sie ihre Arme fest um seinen Hals schlänge, er nicht die Kraft besitzen würde, sie zu verlassen. Im besten Glauben der Welt ließ er sich demnach in seinen Klub fahren. Dort fand er ein paar Kahlköpfe in schweigsame Whist-Partieen vertieft und in erhabenen Schlaf versunken, um den großen Tisch in dem Lesezimmer versammelt. Alles war hier um so toter und öder, als man in der letzten Nacht viel gespielt hatte. Am Morgen, als die ganze Gesellschaft aufbrach, Seine Hoheit den Prinzen d'Axel an der Spitze, trabte klingelnd ein Trupp Eselstuten an dem Klublokal vorbei. Hoheit hatte den Treiber zu sich befohlen. Man hatte die warme Milch aus Champagner-Gläsern getrunken. Dann schwangen sich all diese Herren, die einer wie der andere ein bischen angesäuselt waren. auf die armen Tiere hinauf, soviel sie auch ausschlugen und so sehr auch ihr Treiber schrie, und ritten die lustigste Steeple-Chase die ganze Rue de la Paix entlang. Das mußte man hören, mit welcher majestätsvollen Rührung Herr Bonoeil, der Geschäftsführer des Grand Club, erzählte: »Nein, wie war das doch possierlich!... Königliche Hoheit auf dieser kleinen Eselstute, genötigt, die langen Beine hoch an sich zu ziehen; denn Hoheit sind wunderbar veranlagt bezüglich der Beine.. Und dabei fortwährend sein unzerstörbares Phlegma!... Ach, wie schade! wenn doch Seine Majestät mit dabei gewesen wären!«

Seine Majestät beklagte recht sehr, diesen famosen Narrenstreich versäumt zu haben... Glücklicher Prinz d'Axel! Mit dem Könige, seinem Oheim zerfallen, durch allerhand Intrigen bei Hofe aus seinem Lande verjagt, dürfte er vielleicht niemals zur Regierung gelangen, denn der greise Monarch redete viel davon, sich noch zum andren male mit einer jungen Frau zu vermählen und sein Land mit einer Schar von kleinen Thron-Kandidaten zu beglücken... Das machte Axel aber die allergeringste Unruhe hienieden. Sich in Paris zu amüsieren, schien ihm weit interessanter als dort unten zu Lande sich den Kopf mit Politik zu beschweren. Und nach und nach gewinnt die renommistische Ader, die skeptische Spottsucht wieder ihre Macht über Christian, der sich auf den Divan hingestreckt hat, auf welchem der königliche Prinz und Thronfolger gleichsam die Marke seiner ansteckenden Schwelger- und Tagediebs-Natur hinterlassen hatte. In der kraft- und saftlosen Atmosphäre des Klubs erschien dem jugendlichen Könige alles, der heroische Schwung des gestrigen Abends und der Versuch, das Ziel des morgigen Tages ruhmlos sowohl, wie des Zaubers und der Größe entbehrend. Ganz entschieden ging er, wenn er hier verweilte, aller Sammlung, aller guten Vorsätze verlustig; und um dieser Starrsucht zu entrinnen, die ihn wie ein betäubendes Gift in allen seinen Adern überschwemmte, stand er auf, stieg hinunter in die frische, freie Luft der lebendigen, thätigen, rührigen Menschen.

Drei Uhr. Die Stunde, zu welcher er sich, nachdem er im Klub oder bei Mignon gefrühstückt hat, nach der Avenue de Messine begab. Mechanisch schlugen seine Schritte die gewohnte Richtung in diesem sommerlichen Paris, das um ein weniges größer, um ein geringes berauschender ist als das andre Paris, das sich aber aus so reizenden Blicken, aus Perspektiven, deren Weite sich mildert, mit seinen grünen Laubmassen zusammensetzt, die sich gegen Steine und Blätterschatten auf den weißen Stellen des Asphaltes lagern.

Wieviel niedlicher Frauen, die dort unten, den Blicken halb entzogen durch den Sonnenschirm, mit holdem Liebreiz, geistvoller Verführung und froher Munterkeit vorüberhuschten. Welche Frauen würden zu laufen wissen wie diese, würden sich ein Mäntelchen umzuhängen verstehen wie sie, würden so gut zu reden, sich so geschickt zu kleiden, und ebenso geschickt das pure Gegenteil hiervon zu sein verstehen? Ach, Paris! Paris! du Stadt des leichten Genusses, der losen Freuden! der frohen Kurzweil! Und nun sich sagen, daß er, um all dieser Güter mit desto größerer Gewißheit verlustig zu gehen, vielleicht im Begriffe stand, sich den Schädel zerschmettern zu lassen! Wieviel guter Augenblicke indes wieviel verständiger und wieviel vollständiger Genüsse hatte er hier sich erfreut!

In der Inbrunst seiner Erkenntlichkeit blitzte in den Augen des Slawen ein Funken auf für diese sämtlichen Fußgängerinnen, die ihn reizten und verführten durch einen einzigen Zug, ein winziges Hervorgucken eines Endchens von dem fächerartig mit Spitzen benähten Unterrocke. Es war ein weiter Schritt von dem Königs-Kavalier, der am Morgen, bevor er auf die Eroberung seines Königreiches auszog, zwischen seiner Frau und seinem Sohne geneigten Hauptes im Betstuhle saß, bis hierher zu diesem niedlichen Damen-Verehrer, der mit emporgereckter Nase, den Siegerhut auf dem kleinen, runden Kopfe mit dem gekräuselten Haar und den vom Fieber der Freude rosig angehauchten Wangen, entlang bummelte. Friederike hatte nicht Unrecht, den Pariser Gärstoff zu verwünschen von ihm für dieses bewegliche Hirn zu fürchten, das gleich gewissen Weinen, die sich nicht halten, in beständiger Moussierung begriffen war.

Dort, wo sich der Boulevard Haußmann mit der Avenue de Messine schneidet, blieb Christian stehen und ließ mehrere Wagen vorbeifahren. Es war ein neuerlicher Appell an die Vernunft. Wie war er dorthin gekommen? so rasch dorthin gekommen?... Das Hotel Potnicki mit seinen beiden Glockentürmen parisischen Kastells, mit seiner in Alkoven-Art verschleierten Pechnase stieg vor ihm auf in einer dunstigen Nebelschicht... Welch eine Versuchung!... Warum sollte er denn nicht bis dorthin gehen? warum nicht ein letztes mal jene Frau sehen, die in seinem Leben verweilen würde mit der trocknen, alterierenden Erinnerung an ein unbefriedigtes Begehren?

Endlich, nachdem er eine Minute lang einen schrecklichen Kampf gekämpft hatte, nachdem die Ungewißheit, die Unklarheit, in welcher er schwebte, in dem schilfrohrartigen Schwanken, das diesen ganzen schwachen Leib ergriffen hatte, zum deutlich sichtbaren Ausdruck gelangt war, faßte er einen heroischen Entschluß, sprang in einen eben vorbeifahrenden leeren Wagen und rief dem Kutscher die Straße zu, in welcher das Klublokal sich befand. Niemals würde er, ohne jenes am Morgen während der Messe seinem Gotte abgelegte Gelübde, diesen Mut gefunden haben! Für diese kleinmütige Katholikinnen-Seele war dies alles von wichtigem Belang.

Im Klub fand er Sephora's Brief, der ihm durch nichts anderes als den bloßen Moschusduft des Papiers das Fieber vermittelte, von welchem sie entbrannte. Der Prinz brachte ihm die andere Botschaft: ein paar rasch hingeworfene Phrasen flehentlichen Bittens in einer Schrift, welche Tom's Bücher niemals kennen gelernt hatten. Aber hier, in dieser Umgebung, in dem Bewußtsein, einen Hinterhalt zu haben und daß gewisse Augen auf ihm ruhten, fühlte Christian sich stärker; denn er gehörte zu denjenigen Leuten, welchen die Zuschauer-Gallerie eine Haltung, eine Stellung schafft. Er zerknüllte die Briefe, die auf dem Grunde seiner Tasche ruhten. Die schöne Jugend des Klubs kam nun an; sie stand noch immer unter dem Eindruck der Eselstuten-Affaire, über die in einem Morgenblatte ausführlich berichtet worden war. Das Blatt ging reihum aus einer Hand in die andere, und auf aller Gesichter trat während des Lesens jenes kreuzlahme Lachen, jenes Bauchhöhlen-Lachen von Leuten, die nicht mehr lachen können.

»Wird man sich heute Abend 'mal 'was leisten?« fragten diese jugendlichen Kavaliere, während sie Sodawasser, Diätswässer, von denen der Klub einen ganzen Speicher voll hielt, verzehrten.

Von ihrer Munterkeit angesteckt, ließ sich der König bestimmen, mit ihnen im Londoner Café zu dinieren nicht in einem von jenen Sälen, deren wohlbekannte Gardinen an ein Dutzendmal ihrem Rausche vorgetanzt hatten, deren Spiegel ihre Namen trugen in Kreuz- und Querschrift, daß es wie eine Art von winterlichem Reif auf ihren Scheiben lag sondern unten in den Kellern, in jenen wunderbaren Katakomben voller Fässer und Flaschen, die mit ihren reihenweise aufgeschlagenen, porzellanartig etikettierten Regalen weit unter das Theater der Komischen Oper hinaufreichen. Alle Trauben-Gewächse Frankreichs lagen dort und schlummerten. Man hatte im Hintergrund die Tafel angeschlagen, im Bereiche der Château-d'Yquem-Marken, auf deren aufgestapelten graugrünen Flaschen weiche Strahlen spielten, zwischen die hinein das Gaslicht und die bunten Gläser der Arm- und Kronleuchter ihre flitterartigen Schimmer warfen. Es war dies ein Gedanke von Wattelet, welcher Christians Abreise, die ihm allein und dem Prinzen bekannt war, mit einem originellen Festmahl ehren wollte. Aber die Wirkung schlug fehl durch die Feuchtigkeit, die auf Wänden und Decken lagerte und bald auch die von der vorhergehenden Nacht ermatteten Gäste erfüllte.

›Hühnersterz schlief ein und wachte ruckweise aus seinem Schlummer auf; und Sumpfhuhn redete wenig, lachte oder that so, als wenn's ihm zum Lachen zu Mute sei, und zog aller fünf Minuten die Uhr aus seiner Tasche. Vielleicht waren seine Gedanken bei der Königin, welcher dieses Ausbleiben freilich schreckliche Augenblicke bereiten mußte.

Beim Dessert fanden sich ein paar Damen ein – Tischgäste des London-Cafés die, als sie erfuhren, daß die fürstlichen Personen unten verweilten, ihre Plätze an der Tafel verließen und unter dem Geleite der Kellner, die ihnen mit Kerzen vorangingen, in die Kellerräume hinein schlüpften mit hochgerafftem Kleide und unter kurzem Aufschreien und allerhand ängstlichem Gethue. Fast alle von diesen Damen waren dekolletiert. Nach Verlauf von fünf Minuten bekamen sie Hustenanfälle, wurden kreidebleich, bekamen Anfälle von Zittern, flüchteten sich auf den Schoß dieser Herren, denen zum mindesten doch die Möglichkeit zu Gebote stand, sich durch ihre in die Höhe geklappten Rockkragen zu wärmen.. »Eine famose Faxe, sie samt und sonders vor Schwindsucht klappern zu machen!« wie sich eine von den Damen äußerte, die entweder frostiger oder grimmiger war als die andren. Man entschied sich dahin, den Kaffee oben in den Sälen einzunehmen, und während dieses Ortswechsels verduftete Christian. Es war kaum neun Uhr. Sein Wagen wartete seiner an der Thüre.

»Avenue de Messine!« rief er ganz leise, während er die Zähne aneinander preßte.

Es hatte ihn eben wie eine Art Wahnsinn gepackt. Während der ganzen Dauer des Diners hatte nur sie ihm vor Augen geschwebt sie! nur sie hatte er zu fühlen gemeint, wenn ihn der bloße Arm einer von diesen andren Damen gestreift hatte. O! dieses Weib ganz in seine vollen Arme zu fassen! nicht mehr der Gimpel seiner Thränen, seiner Bitten zu sein!...

»Die gnädige Frau ist ausgegangen.«

Das war eine kalte Douche, die auf einen Glutherd niederschlug. Die gnädige Frau war ausgegangen! Jeder Zweifel hieran war ausgeschlossen, wenn man die Zuchtlosigkeit sah, die von dem Hause Besitz ergriffen hatte von diesem der Lakaienschaft überantworteten Hause, die Christian bei seinem Eintritte noch darüber erwischt hatte, wie sie die farbigen Bänder und die gestreiften Zwillich-Westen vom Leibe streiften. Ein Meineidiger an seinem Gotte! ein Verräter an seiner Krone!... Der kleine Rosenkranz befand sich unter seinen brennenden Fingern. Er perlte die Ave's herunter in frommem Thun, während der Wagen nach Saint-Mandé hinrollte durch die gespenstischen Blicke und nächtlichen Schrecken des Waldes hindurch.

»Der König!« sagte Elysée, der lauernd am Fenster des Salons stand und die beiden Laternen des Wagens zum Hofe herein blitzen sah. Der König!

Dies war das erste Wort, welches man seit dem Diner gesprochen hatte. Wie durch Zauberwerk erleuchteten sich sämtliche Gesichter, lösten sich alle Zungen auf einmal. Die Königin selbst konnte, trotz ihrer scheinbaren Ruhe, trotz ihrer Charakterstärke, einen Freudenschrei nicht zurückhalten. Sie hatte alles verloren gewähnt, hatte gemeint, daß Christian von dieser Frau zurückgehalten würde, daß er um ihretwillen seinen Freunden den Rücken kehre, ewige Unehre und Schande auf sich lade. Und niemand um sie her während dieser drei tödlichen Stunden des Harrens, dem nicht dieser gleiche Gedanke gekommen wäre! der sich nicht von der gleichen Unruhe, der gleichen Sorge gequält gefühlt hätte! bis herunter zu dem kleinen Zara, den sie bei sich behalten, den sie auf den Schoß gehoben hatte, und der sich, im vollen Verständnis für den dramatischen Charakter dieses Stillschweigens, ohne eine einzige von jenen grausamen, so vielsagenden Fragen zu stellen, welche das Kind mit seiner hellen Stimme spricht, hinter die Blätter eines dicken Albums geflüchtet hatte, zwischen denen hervor nun plötzlich, als der König gemeldet wird, sein seit einer Stunde von stillen, endlosen Thränen gebadetes Köpfchen hervorguckt. Später, als man ihn über diesen großen Kummer befragte, gestand er ein, daß er aus Furcht, der König wäre fortgereist, ohne ihn zu küssen, in Verzweiflung geraten sei. Kleine, liebeskräftige Seele, der dieser junge, geistreiche, lächelnde Papa den Eindruck eines großen Bruders machte, der den Kopf voller Raupen und Schnurren hat, eines großen Bruders, der einen verführerischen Reiz übt, der aber ihre, ihrer beiden Mama in Kummer und Sorge setzte.

Man hörte die kurze und bündige Stimme Christians, der seine Befehle gab. Dann stieg er in sein Zimmer hinauf, und fünf Minuten später erschien er in vollständiger Reise-Ausrüstung, im kleinen Hut mit koketter Schnalle und blauer Schleife, feinen, bis zur Hälfte des Beines reichenden Gamaschen ganz wie ein Strandbumler in den Gemälden Wattelets. Der Monarch brach indes unter dem Geck zum Vorschein, die Autorität, das stolze Wesen, die Ungeniertheit und Leichtigkeit, sich unter gleichviel was für welchem Umstande mit vornehmem Adel zu bewegen. Er näherte sich der Königin, sprach leise ein paar entschuldigende Worte bezüglich seiner Verspätung. Noch blaß vor Aufregung, sagte sie mit sehr leiser Stimme zu ihm: »Wärest Du nicht gekommen, so wäre ich mit Zara abgereist, um Deinen Platz einzunehmen.« Er wußte recht gut, daß sie keine Lüge sagte. Er sah sie eine Minute lang, wie sie, mit ihrem Kinde auf dem Arme, mitten im Kugelregen stand, ganz so wie damals auf dem Balkon ihres Fensters während des schrecklichen Auftritts; und er sah auch den Kleinen, wie er die schönen, ergebungsvollen Augen angesichts des Todes schloß. Ohne zu antworten, führte er Friederikes Hand mit Inbrunst an die Lippen. Dann zog er sie mit stürmischem Jünglingsfeuer an sich und rief: »Verzeih mir! verzeih mir!«

Des Verzeihens wäre die Königin noch immer imstande gewesen aber sie erblickte an der Thür des Salons, zur Abreise mit seinem Herrn gerüstet, Lebeau, den kriechenden Lakeien, den vertrauten Genossen der Freuden und verräterischen Handlungen seines Herrn und im Nu kam ihr, während sie sich sachte frei machte, ein schrecklicher Gedanke: »Wenn er löge... wenn er nicht abreiste!« Christian erriet ihren Gedanken und wendete sich an Méraut... »Sie werden die Güte haben, mich nach dem Bahnhofe zu begleiten. Samy wird Sie wieder nach Hause fahren.« Dann beschleunigte er, da die Augenblicke kurz bemessen waren, die Zeremonie der Verabschiedung, sagte jedem, Boscowich, der Frau Marquise, ein liebenswürdiges Wort, nahm Zara auf die Kniee, sprach zu ihm von dem Zuge, den er unternähme. um sein Königreich wieder zurückzuerobern, bat ihn, der Königin niemals Ursache zu Kummer zu geben, und wenn er seinen Vater etwa nicht wiedersehen sollte, dann seiner zu gedenken als eines Mannes, der für das Vaterland in den Tod gegangen sei, indem er seine Königspflicht vollbracht habe. Eine kurze Ansprache im Stile des vierzehnten Ludwig, die wirklich gar nicht schlecht gedrechselt wurde, und die der junge Prinz mit sehr ernstem Gesicht anhörte, ein wenig aus der Fassung gebracht durch den Gehalt dieser Reden, die aus einem Munde flossen, den er immer nur hatte lächeln sehen.

Aber Christian war ganz und gar der Mann, wie er für die gegenwärtige Minute sich schickte von einer außerordentlichen Beweglichkeit und Leichtigkeit jetzt schon völlig bei der Abfahrt, schon ganz unter den Wechselfällen der Expedition, und ergriffener, als er es scheinen wollte, was ihn sehr bald der Rührseligkeit der letzten Minute entriß. Er winkte jedermann »Adieu! adieu!« mit der Hand, während er sich vor der Königin tief verneigte, und schritt dann hinaus.

Wahrlich! wenn Elysée es nicht während drei voller Jahre mit angesehen hätte, wie sehr die Innerlichkeit des königlichen Ehestandes durch die Schwächen, die schändlichen Streiche Christians des Zweiten gestört worden war, so würde er in dem heroischen und kühnen Fürsten, der ihm auf der Fahrt zum Lyoner Bahnhof seine Pläne, Entwürfe, seine so tiefdurchdachten und weitsichtigen politischen Meinungen darlegte, nicht das Sumpfhuhn des Grand-Club wiedererkannt haben.

Der königstreue Glaube des Hofmeisters, in den sich immer ein gewisser Grad von Aberglauben mischte, erblickte hierin eine göttliche Einmischung, ein Vorrecht der Kaste, da sich der König ja zufolge des Gottes-Gnadentums und der Erblichkeit des Thrones immer in dem verhängnisvollen Augenblicke wiederfinden müßte und ohne daß er sich über das Warum sonderlich Rechenschaft gab, verursachte ihm diese moralische Wiedergeburt Christians, die der andern, nahe bevorstehenden Wiedergeburt vorausging, die diese andre Wiedergeburt voraussagte, ein unbeschreibliches Mißbehagen, eine stolze Eifersucht, deren Ursachen er nicht zergliedern mochte. Während Lebeau sich damit befaßte, die Fahrkarten zu lösen, das Gepäck einschreiben zu lassen, durchmaßen sie den großen Wartesaal in seiner Länge und Breite, und in der Einsamkeit dieser Abreise bei nächtlicher Weile konnte der König sich des Gedankens an Sephora, an die zärtlichen Augenblicke, die er mit ihr auf dem Bahnhofe Saint-Lazare verlebt hatte, nicht erwehren. Unter dem Einflusse dieser Erinnerung zog eine Dame, die an ihnen vorbeischritt, seine Aufmerksamkeit auf sich: die nämliche Figur, ein Etwas auch von jener ehrsam-züchtigen und gefallsüchtigen Haltung.

Armer Christian! armer König wider Willen!

Endlich ist er in einen Waggon eingestiegen, dessen Thüre ihm Lebeau eben aufgemacht hat in den gemeinsamen Passagier-Waggon, um keinerlei Argwohn wachzurufen. Er wirft sich in eine Ecke; es drängt ihn, die Sache hinter sich zu haben, weit weg von hier zu gelangen. Diese langsame Losreißung ist ihm höchst peinlich, sehr schmerzvoll. Als der Signal-Pfiff erschallt, zieht die Lokomotive an; der Zug setzt sich in Bewegung, setzt polternd über Brücken hinweg, die im Schlafe ruhenden Vorstädte durchsausend, die mit langen Reihen von Gaslaternen gespickt sind, und stürmt endlich hinaus in die freie, offene Landschaft. Christian der Zweite atmet auf er fühlt sich stark, fühlt sich gerettet und geborgen. Es ist ihm fast zu Mute, als müßte er ein Lied vor sich hinträllern, wenn er allein in seinem Waggon säße. Aber dort unten, an der andren Fensterscheibe zwängt sich ein kleiner, im tiefen Duster vergrabener Schatten in den Winkel hinein, duckt sich, verkriecht sich mit dem deutlich erkennbaren Bestreben, keinerlei Aufmerksamkeit wachzurufen. Es ist eine Dame. Ob jung? ob alt? ob häßlich? ob hübsch? Der König es ist ihm ja Gewohnheit so! wirft einen Blick nach dieser Richtung hin. Nichts rührt sich dort als die beiden Flügel eines kleinen Baretts, die sich nach hinten kippen, die aussehen, als ob sie sich zum Schlafe nieder knickten... »Sie schlummert machen wir's wie sie..« Er reckt sich, hüllt sich in eine Decke ein, guckt noch mit wirren, verschwimmenden Blicken nach den Schattenrissen von Bäumen und Sträuchern, die sich, wenn der Zug vorbeisaust, wirr und weich im Duster tanzend, übereinanderzuschieben scheinen, guckt nach den Signalstangen, nach dem an lauem Himmel treibenden Gewölk und seine schwer gewordenen Lider wollen sich eben schließen, als er die liebkosende Berührung seinen Haares, gesenkter Wimpern, eines Veilchenhauches, eines Lippenpaares fühlt, das leise die Worte ihm auf die Lippen flüstert: »Böser!... ohne mir Adieu zu sagen!«

Zehn Stunden nachher erwachte Christian der Zweite bei Kanonendonner, im blendenden Licht einer schönen, von leise rauschendem Laub durchsiebten Sonne. Er träumte gerade davon, daß er an der Spitze seiner Truppen und unter einem Kartätschenhagel den kleinen Graben erstürmte, der vom Ragusaner Hafen nach der Citadelle hinaufführte. Aber er fand sich hier in liegender Stellung, bewegungslos hingestreckt auf dem Grunde eines großen, wie ein Schlachtfeld gefurchten Bettes, die Augen getrübt, das Hirn verworren, die Glieder von köstlicher Ermattung erschlafft. Was war denn vorgegangen? Nach und nach blickte er klar, gewann die Erinnerung wieder. Er verweilte in Fontainebleau, in der Wirtschaft »zum Fasanen«, gegenüber vom Walde, dessen grüne, gehäufte Wipfel man in das Himmelsblau hinaufsteigen sah. Vom Militär-Schießplatze herüber drang Kanonendonner. Und die lebendige Wirklichkeit, das sichtbare Band seines Gedankenganges, Sephora, saß vor dem ewigen Muster von Schreibtisch, dem man nur in den Gasthöfen begegnet, und schrieb emsig mit einer schlechten, kritzelnden Feder.

Sie sah im Spiegel den bewundernden Blick des Königs, sah wie er sie erkannte, und antwortete, ohne sich zu rühren, ohne sich umzudrehen, mit einem zärtlichen Kußblicke, warf ihm ein weiteres Küßchen zu auf der Endspitze des Federhalters dann nahm sie ihre friedliche Schreibarbeit wieder auf, dieweil sie im Winkel ihres seraphischen Mündchens ein Lächeln zeigte... »Ein Telegramm, das ich nach Hause sende, um meine Leute zu beruhigen,« sagte sie aufstehend und als das Telegramm aufgegeben, als der Kellner hinausgegangen war, öffnete sie, von einer Unruhe erleichtert, das Fenster dem hellen, heitern Sonnenschein, der wie das Wasser aus einer Schleuse hereinflutete... »Gott! wie schön doch das Wetter ist!«... Sie setzte sich an den Rand des Bettes nieder, neben ihren Liebhaber. Sie lachte, war toll vor Lust und Freude, hier auf dem Lande zu weilen, an diesem wunderbar schönen Tage einen Gang durch den Wald machen zu können.

Es blieb ihnen ja Zeit genug bis zu dem Nachtzuge, der sie hergeführt hatte, und der Christian in der nächsten Nacht weiterführen sollte; denn Lebeau, der seine Route beibehielt, sollte Hezeta und seine Kavaliere davon in Kenntnis setzen, daß sich die Einschiffung um einen Tag verzögert hätte. Der verliebte Slawe hätte am liebsten über einem Glück, das er bis zur letzten Stunde, bis zur letzten Minute hätte dauern lassen mögen, die langen Vorhänge zugezogen. Aber die Frauen sind idealer, und gleich nach dem Frühstück führte sie ein Miets-Landauer durch die herrlichen Avenuen, die mit gleichmäßigen Rasenstücken gesäumt, mit ineinander kreuzenden Reihen von Bäumen bepflanzt sind, die den Wald erschließen nach Art eines Vincenner Waldes, ehe Felsen ihn zu herrlichen und wilden Landschaften zerteilen. Es war das erste mal, daß sie zusammen einen Ausflug machten, und Christian labte sich an dieser kurzen Freude am schrecklichen Morgen der Schlacht und des Todes.

Sie rollten unter unermeßlichen grünen Gewölben hin, wohinein sich das Laubwerk der Buchen in losen starren Staffeln senkte, durchzittert von einer fernen Sonne, die kaum diese Blättergelände von antediluvianischer Entwickelung zu durchdringen vermochte. Unter diesem Schutzdache, ohne andren Horizont als ein Profil eines geliebten Weibes, ohne andre Hoffnung als auf ihre Liebe, ohne andre Erinnerung als an ihre Liebe, ohne andres Begehr als nach ihrer Liebe, weitete sich und strömte die poetische Natur des Slawen über. O! dort zu Zweien leben, bloß er mit ihr und sie mit ihm in einem kleinen, ganz kleinen Wächterhäuschen, außen gedeckt mit Moos und Stroh und innen als üppiges Nestchen gepolstert!... Er wollte wissen, seit wann sie ihn liebte, welchen Eindruck er auf sie gemacht hätte, als sie einander zum ersten male sahen. Er übersetzte ihr Lieder aus seiner Heimat, deren Rhythmus er mit losen Küssen auf Hals und Augen begleitete und sie, sie hörte ihm zu, heuchelte Verständnis und Antwort, indes ihr die von der verbrachten schlechten Nacht müde gewordenen Lider zufielen.

Ewiger Mißakkord im Liebesduett! Christian verlangte es, sich in einsame, unerforschte Gegenden zu vergraben; Sephora suchte die bekannten Winkel, die merkwürdigen Punkte des Waldes auf, die durch Schilder kenntlich gemacht waren die Stätten, wo sich Schänken befanden, in denen Wein verzapft, wo Buden standen, in denen allerhand Kram aus Wachholderholz verkauft wurde wo Leute waren, die zitternde Steine, weinende Felsen, vom Blitze zerschmetterte Bäume zeigten, wo all jenes Volk, das in Hütten und Höhlen haust, beim leisesten Geratter eines Wagens herauf an die Oberfläche schießt. Sie hoffte, hierdurch dem langweiligen, eintönigen Liebesgeleier zu entrinnen; und Christian seinerseits bewunderte die ergreifende Langmut, mit welcher sie dem endlosen Geschwätz dieser biederen Landleute zuhörte, die zu allem, was sie machen, Zeit und Muße haben.

In Franchart wollte sie durchaus Wasser aus dem berühmten Brunnen der alten Mönche schöpfen, der eine solche Tiefe hat, daß der Eimer an zwanzig Minuten braucht, ehe er zur Oberfläche hinauf gelangt. Das machte Christian einen gar merkwürdigen Spaß!... Dort wieder zeigte ihnen eine biedere Frau, die mit Medaillen dekoriert war wie ein alter Soldat, die schönen Punkte der Gegend, den alten Tümpel, an dessen Rande der Edelhirsch zerwirkt wurde; und dabei erzählte sie nun seit so und soviel Jahren die nämliche Geschichte in den nämlichen Ausdrücken, daß sie schließlich selbst die Meinung gewann, mit zum Kloster gehört und drei Jahrhunderte darauf den verschwenderischen Sommerfrischen des ersten Kaiserreichs in Person mit angewohnt zu haben. »Das ist die Stelle hier, gnädiger Herr, gnädige Frau wo sich der große Kaiser abends mit seinem ganzen Hofe niederzusetzen geruhte.« Sie zeigte auf eine Steinbank im Haidekraut-Dickicht, die drei bis vier Plätze zum Sitzen bot. Dann vermeldete sie mit getragenem Tone: »Gegenüber nahm die Kaiserin Platz mit ihren Ehrendamen«... Es war unheimlich, schauerlich, diese Anrufung kaiserlicher Pracht inmitten von verwitterten, mit knorrigen Bäumen und dürrem Ginster bewachsenen Felsen... »Kommen Sie, Sephora?« sagte Christian... Aber Sephora sah sich eben eine kleine Anhöhe mit Fernsicht an, wohin man, nach der Rede des weiblichen Cicerone, den kleinen König von Rom führte, der dort, von seiner Hofmeisterin getragen, seinen erlauchten Eltern die Ärmchen entgegen streckte. Diese Vision des fürstlichen Kindes rief dem Könige von Illyrien seinen kleinen Zara in das Gedächtnis. Er richtete sich vor ihm auf in der dürren Landschaft, gehalten von Friederike, und sah ihn an mit seinen großen traurigen Augen, wie als wenn er ihn fragen wolle, was er hier treibe. Aber es war nur eine unbestimmte, rasch erstickte Rückerinnerung und sie setzten ihren Spaziergang fort unter Eichen von allerhand Wuchs, über Jagdorte hin mit Namen berühmten Klanges, in tiefe, lieblich grünende Thalgründe hinein, an Simsen entlang, die sich auf Kesseln aus verwittertem Granit erhoben, über Sandflächen mit Nadelwald hin, dessen starke und knorrige über den Boden heraufragende Wurzeln die rote Erde durchpflügten.

Jetzt schritten sie eine schwarze Allee entlang, über welcher ein undurchdringlicher Schatten lagerte, die von tiefen und feuchten Geleisen durchfurcht war. Hüben und drüben Reihen von Baumstämmen, die wie Säulen im Dome schweigsame Schiffe bildeten, wo sich der Schritt eines Rehes, der Fall eines als Goldteilchen abgelösten Blattes vernehmlich machte. Eine unermeßliche Traurigkeit senkte sich aus diesen Höhen nieder, aus diesem Zweigicht, wo keine Vögel sangen, wo es tief und hohl schallte, wie in leer stehenden Häusern. Christian, nach wie vor brünstig vor Liebe, lieh seiner Leidenschaft Ausdruck in trübsinnigem, traurigem Tone. Er erzählte, daß er vor der Abreise sein Testament gemacht hätte, schilderte ihr die Aufregung, in welche er durch diese in voller Lebenskraft übers Grab hinaus geschriebenen Worte gestürzt worden sei.

»Ja! so etwas ist sehr langweilig,« sagte Sephora, wie jemand der an etwas ganz andres denkt. Aber er wähnte sich dermaßen geliebt; er war so gewöhnt daran, daß er geliebt wurde; war dieser seiner Sache so sicher, daß er auf ihre Zerstreutheiten keinerlei Acht gab. Er tröstete sie sogar im voraus für den Fall, daß sich ein Unglück ereignen sollte, zeichnete ihr einen Lebensplan vor. Er meinte, das Hotel müßte verkauft, Zuflucht auf dem Lande gesucht werden, wo sie dann ganz ihren Erinnerungen leben würde. Alles dieses sagte er mit wunderbarer Geckenhaftigkeit, mit erhabener Harmlosigkeit und hehrer Einfalt denn er fühlte im Herzen eine Wehmut über den bevorstehenden Abschied, die er für eine Vorahnung des Todes hielt. Und ganz leise, mit verstrickten Händen, redete er ihr von einem zukünftigen Leben. Er trug am Halse ein kleines Madonnabild, von welchem er sich noch nie im Leben getrennt hatte. Jetzt nestelte er es los und gab es ihr. Was meinst Du wohl, wie glücklich darüber Sephora war!?...

Alsbald gab ein Artillerie-Lager, von welchem man zwischen dem Zweigicht die grauen Reihen der Zelte, den leichten Rauch, die abgesattelten, für die Dauer der Nacht festgebundenen Pferde bemerkte, den Gedanken des Königs eine andre Richtung. Das Kommen und Gehen von Uniformen, die Dienst- und Arbeitsverrichtungen, alle jene Rührigkeit mitten im Freien in der Beleuchtung eines Abendhimmels, dieser herzstärkende Anblick der Soldaten im Felde erweckten die in ihm schlummernden Instinkte nomadischer und kriegerischer Rasse. Der über die grünen Moosteppiche der unermeßlichen Avenue rollende Wagen ward Ursache, daß die mit der Aufrichtung der Zelte oder der Herrichtung der Abendsuppe beschäftigten Soldaten die Köpfe aufhoben; sie sahen lachend zu, wie der Philister mit seiner hübschen Liebsten an ihm vorbei fuhr, und Christian hätte gar zu gern mit ihnen geredet, hätte gar zu gern eine Ansprache an sie gehalten, indes er den Blick zwischen dem Niederholz hin bis an die äußerste Spitze des Lagers lenkte. Ein Trompeter schmetterte; andre Trompeter gaben von unten her Antwort. Vor dem etwas abseits, auf erhöhtem Terrain, stehenden Zelt eines Hauptmanns tummelte sich das herrlichste Araber-Roß mit gedehnten Nüstern, mit wallender Mähne, dem Kriegsliede sein Gewieher zugesellend. Die Augen des Slawen blitzten. Ha! das herrliche Leben binnen weniger Tage! die wackern Degenstöße, die er dann austeilen würde! Aber wie schade, daß Lebeau auf der Weiterfahrt nach Marseille das Gepäck mitgenommen hatte! er hätte sich doch gar zu gern ihr gezeigt in seiner Generallieutenants-Uniform! Und im begeisternden Rausche seines Wahns malte er sich die Thore der bezwungenen Städte vor die Augen, sah die republikanischen Truppen in hellen Haufen auf der Flucht, sah sich als Sieger in Laibach, mitten durch beflaggte Straßen, seinen Einzug halten. Sie würde dabei sein, so wahr ein Gott lebte! Er würde sie dorthin holen, würde sie in einem prächtigen Palaste vor dem Thore der Stadt einquartieren. Sie würden ihren Verkehr dort so frei und ungezwungen wie in Paris fortsetzen. Zu diesen schönen Entwürfen und Plänen antwortete Sephora nichts wesentliches, zweifelsohne würde es ihr lieber gewesen sein, ihn bei sich zu behalten, ganz für sich allein zu haben; und Christian bewunderte sie um dieser stillschweigenden Entsagung willen, die ihr bei ihrem Range als Maitresse des Königs trefflich anstand.

Ach! wie er sie liebte, und wie schnell doch dieser Abend verstrich in dem Gasthause »zum Fasanen«, in ihrem roten Zimmer mit den hellen Gardinen, die sich herniedergesenkt haben über einen kleinstädtischen Sommerabend mit spärlicher Beleuchtung, während es von Geplauder vor den Thüren und von den Tritten von Spaziergängern summt, die sich nach dem von Tambours und Hornisten gespielten Zapfenstreich alsbald verlaufen haben. Wieviel der Küsse, wieviel des albernen Gethues! wieviel der leidenschaftlichen Schwüre, die sich an die in vergangener Nacht in der Bannherrlichkeit der Vorhänge gewechselten Küsse und Schwüre anschließen! Von lieblicher Ermattung übermannt, eng aneinander geschlossen, hörten sie, wie ihre Herzen mit lauten Schlägen pochten, während der laue Wind, nachdem er flüsternd in den Bäumen gekost hatte, ihre Gardinen bewegte und ein Wasserstrahl, wie in einem arabischen Patio, inmitten des kleinen Gärtchens an dem Gasthofe herniederperlte, wo allein noch, rot und zitternd, die Kontorzimmer-Lampe brannte.

Ein Uhr. Es muß geschieden sein. Christian empfand Furcht vor diesem Losreißen in der letzten Minute; denn er befand sich in dem Glauben, daß ihm ein Kampf gegen Bitten und Liebkosungen bevorstände, zu welchem er all seinen Mut würde aufbieten müssen. Aber Sephora war vor ihm schon in Bereitschaft, wollte ihm das Geleit geben bis auf den Bahnhof, noch immer minder besorgt um ihre Liebe, als um die Ehre ihres königlichen Galans!... O! wenn er das »Uff« hätte hören können, das sie ausstieß, die grausame Dirne! als sie, allein auf der Straße zurückgeblieben, die beiden grünen Augen des Bahnzuges in schlangenähnlichen Windungen ihren Augen entschwinden sah wenn er hätte wissen können, wie glücklich sie sich darüber fühlte, den Rest des Abends nun allein in dem Gasthofe verweilen zu können! wie diese Gedanken sie schon erfüllten, während sie von dem leeren Omnibus über das alte Straßenpflaster von Fontainebleau gestaucht und geschüttelt wurde, und wie sie mit gesetztem, von jeder verliebten Erregung freiem Tone bei sich die Worte sprach: »Voraussetzen müssen wir nun freilich, daß Tom das Nötige besorgt hat!«

Ganz gewiß war das Nötige geschehen; denn bei der Ankunft des Bahnzuges in Marseille war Christian der Zweite, als er mit seiner kleinen Tasche aus dem Wagen stieg, gar sehr erstaunt darüber, daß er ein flaches Käppi mit silbernen Borten zu sich herantreten sah und sehr höflich bitten hörte, ihm auf ein Weilchen nach seiner Kanzlei zu folgen.

»Was soll ich dort? . . . Wer sind Sie?« fragte der König sehr von oben herab.

Das flache Käppi nannte seinen Namen: »Kommissär der Sicherheitspolizei.«

In der Kanzlei fand Christian den Präfekten von Marseille vor, einen ehemaligen Zeitungsschreiber mit rotem Barte, lebhaft gerötetem und geistreichem Gesicht.

»Ich bedaure sehr, Eurer Majestät anzeigen zu müssen, daß Ihre Reise hier zu Ende ist,« sagte dieser letztere Herr mit einem Tone ausgesuchtester Höflichkeit »meine Regierung würde nicht gestatten können, daß ein Fürst, welchem Frankreich Gastfreundschaft gewährt, von diesem Umstande Gebrauch macht, um gegen ein befreundetes Land Verschwörungen anzuzetteln und die Waffen zu erheben.«

Der König wollte hiergegen Verwahrung einlegen. Aber dem Präfekten waren die geringsten Einzelheiten der Unternehmung bekannt.

»Sie sollten sich in Marseille einschiffen; Ihre Gefährten in Cette auf einem Jersey-Dampfer. Als Landungsort war die Küste von Gravosa bestimmt; als Signal sollte gelten: Das Abbrennen zweier Raketen, einer am Bord des Schiffes, einer andern drüben am Lande... Sie sehen, daß wir sehr gut unterrichtet sind... Man ist es in Ragusa nicht minder; und ich rette Sie tatsächlich vor einem sehr bösen Hinterhalt!«

Christian der Zweite fragte sich, ganz versteinert vor Schreck, wer wohl dergleichen Auskünfte gegeben haben könnte über Dinge, die doch nur ihm allein, der Königin und Hezeta bekannt waren und einer weiteren Person, die er ganz gewiß nicht zu verdächtigen gesonnen gewesen wäre! Der Präfekt schmunzelte in seinen blonden Bart hinein:

»Bitte also recht sehr, Königliche Hoheit! Ihre Entschließung in dieser Richtung zu fassen. Es ist eine verfehlte Sache. Ein andermal werden Sie mehr Glück haben und wohl auch mehr Klugheit walten lassen... für jetzt bitte ich Ihre Majestät, das Obdach anzunehmen, das ich Ihnen auf der Präfektur anbiete. Überall anderswo würden Ihre Majestät lästiger Neugierde ausgesetzt sein. Die Angelegenheit ist in der ganzen Stadt bekannt geworden...«

Christian gab nicht sogleich Antwort. Er überschaute dieses kleine Verwaltungszimmer mit einem einzigen Blicke. Ein grüner Sessel stand in ihm dann wimmelte es in ihm von grünen Aktendeckeln dazu ein Kachelofen; große, von Eisenbahnlinien durchschnittene Karten dieser kläglich philiströse Winkel also war es, wo sein heroischer Traum und die letzten Echos des Rodoïtza-Marsches zum Scheitern kamen. Es war ganz so, als hätte man einen Luftschiffer vor Augen, der aufgestiegen war, um höher hinauf, als die Bergesgipfel ragten, zu steigen, und fast vom Flecke weg in eine Bauernhütte niedersteigt, während der armselige, seines Gases entleerte Ballon als ein Pack gummierter Leinwand unter einen Schuppen geschoben wird.

Zu guter letzt nahm er indes die Einladung des Herrn Präfekten an und fand bei diesem eine echt parisische Häuslichkeit, eine reizende Hausfrau, die ganz vortrefflich musizierte, und die sich, als das Diner vorüber war und nachdem man eine Zeitlang ein Gespräch geführt hatte, in welchem alle wichtigeren Tagesfragen in Beleuchtung gezogen worden waren, sich ans Piano setzte und ein paar neuere Partituren durchnahm. Sie hatte eine niedliche Stimme, sang sehr anmutig, und nach und nach rückte Christian näher zu ihr heran und plauderte von Musik und Oper. Die »Echos aus Illyrien« lagen auch mit auf dem Notenständer herum zwischen der »Königin von Saba« und der »Schmucken Parfümeuse«. Die Frau Präfektin bat den König, ihr den Takt und die Singweise seines Heimatslandes zu sagen. Christian der Zweite trällerte einige Volksliederchen: »Ihr Augen schön, ihr Augen blau, wie sommerlicher Himmel« und dann auch: »Ihr Mägdlein jung, die ihr mich hört, dieweil ihr Zöpfe flechtet«...

Und während er, auf das Klavier gestützt, bleich und verlockend, wehmütige Klänge anstimmte und durch melancholische Stellungen dem Schmerz, der sein Verbannten-Herz erfüllte, Ausdruck gab, glitt auf dem illyrischen Meere, dessen Echos die schaumgekrönten Wogen und die mit Kaktusgewächsen gezähnelten Gestade sangen, eine schöne und schwärmerisch begeisterte Jugend, die Lebeau zu benachrichtigen versäumt hatte, lustig und vergnügt und mit dem Rufe: »Hoch Christian der Zweite!« dem Tode entgegen.

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