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Die Könige im Exil

Alphonse Daudet: Die Könige im Exil - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorPaul Heichen
firstpub1879
yearca. 1900
publisherHugo Andres
addressFrankfurt a. O.
titleDie Könige im Exil
pages5-498
created20061227
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Elftes Kapitel.

Die Nacht vorm Waffentanze.

Man steht am Ende eines Mahls, das unter Freunden im Wohnzimmer der alten Trödelbude gehalten worden ist. Der alte Leemans kaut, wenn er allein ist, an der Ecke des Küchentisches, »der Darnet« gegenüber, ohne Tischtuch, ohne Mundtuch, eine Brotkruste. Wenn er aber, wie heute Abend, Gesellschaft bei sich hat, dann nimmt die fürsorgliche Auvergnatin brummend und knurrend die weißen Decken von den Möbeln fort, schließt achtsam und ängstlich die kleinen Fußteppiche ein und deckt den Tisch, der vor dem Brustbilde des »Herrn vom Hause« steht, drinnen in dem friedlichen und feinsäuberlichen Salon pfarrmäßigen Anstrichs, der auf einige Stunden den Gerüchen und Düften nach Fleisch-Ragout mit Knoblauchszehen und dem Echo von Gesprächen und Reden überantwortet wird, die im Kauderwelsch der niederen Trödler- und Wuchererklassen geführt werden und nicht minder stark gewürzt und gepfeffert sind als jene Speise.

Seitdem der »große Coup« im Gange ist, finden dergleichen Mahlzeiten in der Trödelbude häufig statt. Es ist bei solchen Geschäften auf Halbpart sehr gut, wenn man sich öfter einmal sieht und bespricht und verständigt; und nirgendswo anders würde man das mit soviel Sicherheit und Ruhe zu thun imstande sein, wie in den Tiefen dieser kleinen Rue Eginhard, die ganz verloren liegt in der Vergangenheit des alten Paris. Hier kann man zum mindesten laut sprechen, kann erörtern, kann Schlüsse ziehen, kann erwägen, berechnen, in Übereinstimmung setzen... Das Ziel ist nämlich nahe! Binnen einigen Tagen, ei was! einigen Stunden wird die Entsagung unterzeichnet sein; und dies Geschäft, das schon soviel Geld verschlungen hat, wird nun anfangen, viel Geld zu bringen.

Die Gewißheit eines glücklichen Erfolges entflammt die Augen und Stimmen der Gäste mit goldig verklärtem Jubel, erhöht die Weiße des Tischtuchs, die Güte des Weins. Ein richtiges Hochzeitsmahl, bei welchem der Vater Leemans und Pichery, sein unzertrennlicher Gevatter, den Vorsitz führen ein Kerl mit einem Schädel aus rauhem Holz, frisiert und pomadisiert nach ungarischer Mode, der sich über einem roßhärenen Kragen in die Höhe reckt einem Dinge von militärischem, der Freiheit abholdem Anstrich, das dem Manne das Ansehen eines davongejagten Offiziers giebt. Beruf und Stand: Wucherer mit Bildern und Gemälden ein neues, sehr kompliziertes, den künstlerischen Narrheiten der Gegenwart wohl angepaßtes Geschäft. Wenn ein Sohn aus gutem Hause auf dem Trocknen sitzt, ausgebeutelt, hochgenommen worden ist, daß er mehr Schulden hat als Haar auf dem Kopfe, so geht er zu Pichery, dem Bilderhändler, der sich in der Rue Laffitte ein prächtiges Geschäftslokal eingerichtet hat.

»Haben Sie einen Corot? einen schmucken, netten Corot?... Ich bin in diesen Maler ganz vernarrt.«

»Ach, Corot!« sagt Pichery, indem er mit scheinheiliger Bewunderung die stieren Kalbs-Augen zukneift dann schlägt er plötzlich einen andern Ton an »ich habe zufällig gerade etwas, das für Sie paßt!« und auf einer Staffelei, die vor ihn hingerollt wird, zeigt er dem Fragesteller einen ganz allerliebsten Corot eine Morgenlandschaft, über welcher zitternder Nebel in Silberflocken lagert, und wo Nymphen unter den Weidenbäumen ihre Tänze aufführen. Der Modenarr setzt sein Monocle ins Auge und giebt sich den Anschein, als stände er bewundernd da:

»Schneidig! . . . sehr schneidig! . . . Wie teuer?«

»Fünfzigtausend Francs,« sagt Pichery, ohne mit einer Wimper zu zucken. Der andere zuckt noch weniger mit seiner Wimper.

»In drei Monaten zahlbar?«

»Zahlbar in drei Monaten die diesbezüglich notwendigen Sicherheiten vorausgesetzt.«

Der Geck giebt seinen Wechsel ab und trägt das Bild zu sich nach Hause oder zu seiner Maitresse. Einen Tag lang erfreut er sich daran, im Club, auf dem Boulevard zu verkünden, »daß er soeben einen Corot allerersten Ranges erstanden habe.« Am nächsten Tage wandert sein Corot nach dem Auktionslokal. Dort läßt ihn Pichery vom Vater Leemans zurückkaufen für zehn- oder zwölftausend Francs zu dem Preise nämlich. der seinen wirklichen Wert darstellt. Das ist Wucher zu einem riesigen Zinsfuße, aber erlaubter Wucher Wucher, bei dem man keine Gefahr läuft! Pichery seinerseits braucht ja nicht zu wissen, ob der Kunstliebhaber im Ernste oder nicht im Ernste kauft. Er verkauft seinen Corot sehr teuer, »mit Haut und Haaren,« wie man sich in diesem lieblichen Handelszweige ausdrückt; und das ist sein gutes Recht, denn der Wert eines Kunstgegenstandes ist fakultativ. Außerdem wacht er sorgsam darüber, nur Ware von verbürgter Echtheit zu liefern, Ware, die von dem fachmännischen Auge des Vaters Leemans geprüft und festgestellt ist und Vater Leemans seinerseits versorgt ihn außerdem noch mit jenem gesamten artistischen Wortschatze, der sich im Munde dieses geschminkten Haudegens sehr wunderlich ausnimmt, der sich mit der jungen Welt der Gomme und mit dem ganzen Kokottentume des Stadtviertels der Oper auf Du und Du verhält; denn beider bedarf er sehr nötig für seine Geschäfte.

Auf der andren Seite von dem Patriarchen Leemans sitzt Sephora mit ihrem Manne. Sie haben die Stühle und Gläser zusammengerückt und spielen die Verliebten. Sie sehen sich ja seit dem Anfange des Geschäfts so selten! J.Tom Lewis, der für die Welt in London weilt, lebt eingeschlossen in seinem Schloß zu Courbevoie, angelt vom früh bis spät, da es ihm an andren Dummköpfen als Köder mangelt, nach Fischen, oder giebt sich damit ab, den Sprichts auf die schrecklichste Weise Streiche zu spielen. Sephora, die in strengerem Ceremoniell lebt als eine spanische Königin, denn sie erwartet ja stündlich den Besuch ihres Königs führt das vornehme Leben der Halbwelt, das so sehr in Anspruch genommen wird und so wenig unterhaltsam ist, daß solche Damen sich fast immer paarweise zusammenthun, um die langen öden Spazierfahrten oder die widerlichen Stunden der Muße besser zu überstehen. Die Gräfin von Spalato aber hat keine einzige Gesellschafterin solcher Art in der Stadt. Sie kann nicht mit Personen zweifelhaften Charakters, auch nicht mit solchen, die aus der Gesellschaft gestrichen sind, verkehren; die anständigen Frauen würdigen sie keines Blickes, und Christian der Zweite würde jenen Wirbel von Müßiggängern nicht um sie her ausstehen können, welcher die Gesellschaft solcher Salons zusammensetzt, in welche nur Männer den Fuß setzen. Auch verweilt sie immer allein in ihren Boudoirs mit den gemalten Decken, den mit Rosen und Amoretten umwundenen Spiegeln, die niemals ein andres als ihr eignes, indolentes Bild zeigen, auf dem der Ekel verzeichnet steht an all dem faden sentimentalen Kram, den der König ihr zu Füßen vergeudet, Wohlgerüchen gleich, die aus goldnen Schalen dampfen. Ach! wie geschwind würde sie dieses fürstlich traurige Leben hingeben für den kleinen Wohnraum unterm Erdgeschoß in der Rue Royale mit ihrem Bajazzo darin, der vor ihren Augen den Zappeltanz der »großen Coups« ausführt! Kaum, daß sie ihm schreiben, ihn über das Geschäft und den Fortgang, den dasselbe nimmt, auf dem Laufenden halten kann!

Wie glücklich fühlt sie sich darum auch heute Abend! wie drängt sie sich zu ihm! wie animiert sie ihn! wie befeuert sie ihn! »Komm her! bring mich zum Lachen!« Und Tom legt sich tüchtig ins Zeug. Aber sein Schwung ermangelt der Freiheit und sinkt bei jedem Anlauf, den er nimmt, zurück in einen beklemmenden, folternden Gedanken, dem er nicht Worte leiht, und den ich tausenden zum Raten aufgeben dürfte. Tom Lewis ist eifersüchtig. Er weiß, daß von irgendwelchem intimerem Verkehr zwischen Christian und Sephora noch keine Rede ist; daß Sephora viel zu gewandt und viel zu klug ist, um sich ohne sichere Bürgschaft zu ergeben aber der psychologische Augenblick ist nahe: sobald das Papier unterzeichnet ist, wird man sich in Aktion setzen müssen; und, meiner Treu! unser Freund Tom fühlt Beirrungen, wird von unruhigen Empfindungen erfüllt, die bei einem Manne sehr seltsam sind, der alles Aberglaubens, aller Kinderei seit langem bar ist. Es durchrieselt ihn ein leichter Fieberfrost, ein Gefühl von Angst, wenn er seine Frau ansieht, die ihm niemals so hübsch und niedlich erschienen ist, wie heute, mit dem Reiz, den sie in ihren Anzug, in ihre Toilette gelegt hat, und unter dem Glanze dieses Gräfin-Titels, der ihre Züge zu verfeinern, ihre Augen aufzuhellen, ihr Haar unter einer Krone mit Perlenspitzen in höheren Glanz zu setzen scheint. Augenscheinlich steht J.Tom Lewis nicht ganz fest auf der Höhe seiner Rolle es fehlen ihm die derben Schultern, die zu ihrer Durchführung nötig sind. Wenig fehlt, so würde er seine Frau zu sich nehmen und den ganzen Trödel fahren lassen. Aber eine Empfindung von Scham hält ihn zurück, die Furcht vor dem Lächerlichen; und dann es steckt doch auch soviel Kapital schon in dem Geschäft! Der unglückliche Mensch ringt sich und kämpft sich ab, gefoltert und gemartert von all jenen verschiedenen Gewissensbissen, deren ihn die Gräfin niemals in ihrem Leben für fähig gehalten hätte. Er heuchelt eine tolle Lustigkeit, zappelt sich ab mit dem Dolch im Herzen, setzt den Tisch in Leben und Feuer durch allerhand Erzählungen von brillanten Coups der Agentur und bringt es schließlich so weit, daß der alte Leemans und der eisige Pichery auftauen und gleichfalls aus ihrem Raritäten-Kasten die schönsten Witze, die besten Gimpelfänge hervorkramen.

Man ist ja doch hier, nicht wahr? unter Bundesgenossen, unter Kumpanen, bei fidelem Zechgelage. Man erzählt sich alles, von den Versenkungen im Hotel, von seinen Schlupflöchern und Fallthüren, von dem Schutz- und Trutzbündnis das die Großkaufleute, die sich nach außen hin als Rivalen aufspielen, untereinander geschlossen von ihren Kniffen und Pfiffen, von ihren plumpen Geschäftsmanövern von jener geheimnisvollen Freimaurerei, die eine richtige Schranke von Fettkrägen und fadenscheinigen Röcken aufwirft zwischen dem seltenen Gegenstand und der Grille eines Käufers, und diesen zu Thorheiten, zu kolossalen Summen zwingt. Es ist ein wahrer Ansturm von cynischen Geschichten, ein Wettkampf, wo die pfiffigsten, die gerissensten der Gaunerwelt nach der Palme ringen.

»Habe ich Euch schon das Ding erzählt vom meiner ägyptischen Laterne mit Mora?« frägt der Vater Leemans, indem er seinen Kaffee mit kleinen Zügen schlürft und zum hundertsten male, so wie es die alten Krieger mit ihrem Lieblingsfeldzuge machen hebt er an, die Geschichte von jener Laterne zu erzählen, die ihm ein Levantiner, der in Geldbedrängnis war, für zweitausend Francs abtrat, und die er am selben Tage für vierzigtausend Francs an den Vorsitzenden des Staatsrats zuzüglich einer doppelten Provision von fünfhundert Francs von dem Levantiner und fünfhundert Francs vom Herzoge, weiter verkaufte.

Was aber die Crême, den Hauptreiz der Erzählung bildet, das sind die Ränke, die Kreuz- und Querzüge, die Art und Weise, wie dem reichen und eitlen Klienten der Kopf warm gemacht wird... »Ja, ganz ohne Zweifel ein schönes Exemplar, aber zu teuer... viel zu teuer... Ich bitte Sie, mein Herr Herzog! überlassen Sie diese Thorheit einem andern! Ich bin fest überzeugt, daß die Sismondo... Ach! Sapperlot! das ist ein feines Stück Arbeit, diese Fassung in kleinen Steinen... Diese ciselierte Kette«... Und der Alte, der sich an dem Lachen befeuert, welches den Tisch erschüttert, legt ein kleines, an den Rändern abgegriffenes Taschenbuch auf das Tischtuch, worin sich sein Geist mit Hilfe eines Datums, einer Ziffer, einer Adresse auffrischt, zu neuen Schnurren begeistert. Alle berühmten Liebhaber stehen hier aufgezeichnet, wie die Bräute mit stattlicher Mitgift im Hauptbuch des Herrn de Foy eingeschrieben stehen mit allen ihren besonderen Eigenschaften und Schrullen: die Brünetten und die Blondinen, solche von den Liebhabern, die man derb anlassen muß, solche, die nur an den Wert einer Sache glauben, wenn sie viel Geld kostet; der skeptische Liebhaber und der harmlose Liebhaber, dem man, wenn man ihm einen Quark verkauft, sagen kann: »Aber wissen Sie!... lassen Sie sich das niemals aus der Hand nehmen!« Ihm nur aber ihm gilt dieses Taschenbuch ein Vermögen.

»Sage doch mal, Tom,« frägt Sephora ihren Mann, den sie gern ins Licht setzen möchte »Wenn Du ihnen das Ding zum besten geben möchtest, wie Du Deinen Einzug in Paris gehalten hast Du weißt schon, Deinen ersten Geschäftsfall in der Rue Soufflot.«

Tom läßt sich nicht lange bitten, gießt sich ein bischen Schnaps ein, um sich Stimme zu machen, und erzählt, daß es nun ein Dutzend Jahre her sei, da sei er, völlig abgebrannt und in keiner Gesellschaft mehr möglich, mit einem letzten Hundertsousstück in der Tasche aus London zurückgekommen. Von einem alten Kameraden, den er in einer Kneipe in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes trifft, sei ihr da gesagt worden, daß in diesem Augenblicke gerade die Agenturen mit einem sehr großen Geschäfte beschäftigt seien, mit der Verheiratung von Fräulein Beaujars, der Tochter des bekannten Spekulanten, die zwölf Millionen als Mitgift bekomme und sich's in den Kopf gesetzt habe, einen großen Herrn von Adel, einen richtigen Edelmann aus altem Geschlecht, zu heiraten. Es wird eine stattliche Provision versprochen, und die Zahl der Spürhunde, die auf die Fährte geschickt wird, ist sehr groß. Tom gerät nicht aus der Fassung. Er tritt in ein Lesekabinett ein, blättert in den Adels- und Wappenbüchern von Frankreich, im gothaischen Kalender, im Bottin'schen Adels-Almanach und Stadt-Adreßbuch, und es gelingt ihm schließlich, eine Familie von sehr altem Geschlecht ausfindig zu machen, die ihre Senker bis in die berühmtesten Geschlechter getrieben hat und in der Rue Soufflot ihren Wohnsitz hat. Das Mißverhältnis, das zwischen dem alten Geschlechtsnamen und dem Straßennamen besteht, ist ihm ein Wink dafür, daß hier ein wirtschaftlicher Niedergang vorliegen oder sonst etwas faul im Staate Dänemark sein müsse. »In welchem Stockwerk wohnt der Herr Marquis vonX...?« Er bringt sein letztes Silberstück zum Opfer und verlangt von dem Pförtner einige Nachweisungen... Hervorragender Adel allerdings... Wittwer... ein Sohn, der aus Saint-Cyr austritt, und eine Tochter, die im Besitze einer sehr guten Erziehung ist... Zweitausend Francs Miete, Gas, Wasserleitung und Treppenreinigung eingerechnet,« setzt der Pförtner hinzu, für welchen dies alles inbetreff der Würdigkeit seines Mieters rechnende Faktoren sind.... »Alles was mir not thut,« denkt J.Tom Lewis bei sich und er steigt die Stufen hinauf, trotz allem ein wenig beirrt durch das stattliche Aussehen der Treppe, eine Statue am Eingange, Sessel in jedem Stockwerk, einen Neubauten-Luxus, zu welchem sein zerschlissener Rock nicht minder in peinlichem Kontraste steht, als seine wasserziehenden Schuhe und seine sehr delikate Kommission.

»Auf halbem Wege,« erzählte der Macher, »überkam mich die Versuchung, wieder herunter zu gehen. Dann, meiner Treu! nahm ich mich zusammen und fand die Stirn, den Streich zu riskieren. Ich sagte zu mir: Du hast Grütze im Kopfe, weißt Dich zu benehmen, mußt doch zu leben haben... Ein Hurra also auf die Intelligenz! Und mit Sätzen über vier Stufen auf einmal hinweg klomm ich empor. Man führte mich in einen großen Saal, über dessen Inventar ich mir im Handumdrehen ein klares Bild geschaffen hatte. Zwei, auch drei schöne Raritäten aus Großmutters Rumpelkammer, prächtige Ruinenstücke, ein Porträt von Largillière; drunter sehr viel Jammer und Elend; ein Divan, dem es an Sprungfedern, Lehnstühle, denen es an Roßhaar gebrach, und ein Kamin, der kälter war als der Marmor, aus dem er gesägt war. Es tritt der Hausherr herein, ein alter Biedermann, die reine Majestät, sehr schneidig vom Wirbel bis zur Sohle, der Samson aus dem Fräulein von la Seiglière. »Sie haben einen Sohn, gnädiger Herr Marquis?« Beim ersten Worte, das ich zur Sache spreche, erhebt sich Samson empört von seinem Sessel. Ich nenne die Ziffer... Zwölf Millionen... Das bestimmt ihn, wieder Platz zu nehmen, und nun nimmt das Geplauder seinen Fortgang... Er fängt an, sich mir gegenüber zu dem Geständnis zu bequemen, daß er kein Vermögen besitze, das seinem Namen entspreche... Zwanzigtausend Francs Rente im allerhöchsten Falle... und daß er nicht böse darüber sein würde, seinem Wappen einen neuen Goldglanz zu verleihen. Der Sohn soll hunderttausend Francs Mitgift bekommen. »O, Herr Marquis! der Name an sich wird genügen...« Dann setzen wir den Betrag fest, der für mich als Kommissionsgebühr abfallen soll und ich mache, daß ich weiter komme, denn ich bin in Eile, in großer Eile, da ich in meinem Geschäftszimmer erwartet werde... Brillantes Ding, mein Geschäftszimmer! ich wußte nicht einmal, wo ich den Abend mein Bett haben würde... An der Thür aber hält mich der alte Herr fest und sagt in einem gemütlichen, gutmütigen Tone: »Sie! hören Sie! Sie machen mir den Eindruck eines famosen Kameraden... Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen... Sie müßten mir doch eigentlich auch meine Tochter verheiraten!... Mitgift hat sie nicht. Denn wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, so habe ich eben recht aufgeschnitten, als ich von zwanzigtausend Francs Rente sprach... Es fehlt mehr als die Hälfte dazu... Aber ich kann für meinen Schwiegersohn einen römischen Grafentitel beschaffen... Ferner gestattet mir, sofern er im Heere dient, mein Verwandtschaftsverhältnis zum Kriegsminister, ihm ein sehr rasches Avancement zu verschaffen.« Als ich mit meinen Notizen über den Fall zu Ende bin und ihm geantwortet habe: »Rechnen Sie auf mich, Herr Marquis,« und mich empfehlen wollte, da legte sich eine Hand glatt auf meine Schulter... ich drehe mich um Samson schaute mich an und lachte... lachte mit einer Miene so possierlich, so drollig... Und nun, nun bin auch ich noch da! Wie? Herr Marquis? Aber ja! wahrhaftig! ruft er; ich bin noch gar nicht zu antiquiert, und wenn sich für mich eine Gelegenheit böte... Er beichtet mir nun zu guter letzt, daß er von Schulden ganz wurmstichig sei und keinen Heller besitze, sie zu berappen. Saperlot, mein lieber Tom! Wenn Sie mich so irgendwo ins Nest setzen könnten einer Dame aus der Handelswelt, die einen soliden Spargroschen hinter sich gebracht hat, mag's nun eine alte Jungfer sein oder eine Witwe, so schicken Sie mir sie mit ihrem Geldsacke... ich mache sie zur Marquise! Als ich den Fuß von dieser Stätte setzte, da war meine Erziehung vollendet, war meine Schule gemacht. Ich hatte alles begriffen, was sich in der Pariser Gesellschaft vollbringen ließ; und die Gründung der Agentur Lewis war vom moralischen Standpunkte aus eine vollzogene Sache...«

Sie war ein Wunderding, diese Geschichte, so wie sie von Tom Lewis erzählt oder aufgeführt wurde. Er stand auf, setzte sich wieder, ahmte die Majestät des alten Edelmanns nach, die alsbald zu einem echt bohèmehaften Cynismus ausartete, ahmte seine Weise nach, sein Taschentuch zwischen den Knieen aneinander zu falten, um die Beine übereinander zu schlagen, ahmte diesen dreimaligen Anlauf nach, den der alte Herr nahm, um zum Nichts seiner wirklichen Einkünfte zu gelangen. Man hätte meinen können, einer Szene aus Rameau's Neffen anzuwohnen; aber ein Neffe Rameau's aus dem neunzehnten Jahrhundert war das, ohne Puder, ohne Grazie, ohne Geige, dem etwas Hartes, Grimmiges zu eigen war, die Schärfe jenes englischen Bulldoggen-Tons in der Rede, die sich in die spöttische Witzelei des einstigen Gassenjungen der Faubourgs hineingemengt hatte. Die anderen lachten, amüsierten sich außerordentlich, zogen aus Tom's Erzählung Betrachtungen philosophischer und cynischer Natur.

»Seht Ihr, meine Kinderchen,« nahm nun der alte Leemans das Wort, »wenn sich die Trödler untereinander verständigten, dann würden sie die Herren der Welt sein... Man schachert doch in der Zeit, in welcher wir leben, mit allem. Zu uns muß alles kommen, durch unsre Hände muß alles gehen, und all und jedes muß Haare bei uns lassen... Wenn ich an alles das denke, womit ich seit vierzig Jahren in diesem Loche in der Rue Eginhard Geschäfte gemacht habe was ich einschmolzen, verkauft, aufgekrempelt, eingetauscht habe!.. Es hat mir gerade bloß noch eine Krone zum Vertrödeln gefehlt... Jetzt ist auch so'n Ding da... steckt schon drin im Sack...«

Er stand auf mit dem Glase in der Hand, und seine Augen strahlten und warfen grimmige Blicke.

»Der Trödel soll leben, meine Kinder!«

Im Hintergrunde stand »die Darnet« auf der Lauer unter ihrer schwarzen Haube, guckte auf alles, horchte auf alles, unterwies und belehrte sich über den Handel; denn sie lebte der Hoffnung, sich selbst ein Geschäft einzurichten, sobald »der Herr« das Zeitliche gesegnet haben würde, und für eigene Rechnung zu schachern und zu trödeln.

Plötzlich wird die Klingel an der Eingangsthüre heftig in Bewegung gesetzt sie würgt sich, als litte sie unter einem alten Katarrh. Alle zittern. Wer kann zu solcher Stunde noch kommen?

»Das ist Lebeau!« spricht der Vater... »kein andrer als er...«

Laute Rufe hallen dem Kammerdiener, den man seit langem nicht gesehen hatte, als Willkomm entgegen, und Herr Lebeau tritt ein, fahl und abgespannt, beißt die Zähne zusammen und zeigt eine Miene, die an Zerknirschtheit und schlimmer Laune das mögliche leistet.

»Na! setze Dich hin, alter Sünder!« sagte Leemans und machte zwischen sich und seiner Tochter einen Platz frei.

»Teufel auch!« sagte der andre angesichts dieser strahlenden Gesichter, der Tafel und ihrer Überreste »wie's scheint, geht's ja hier flott her!«

Die Bemerkung an sich, der unheimliche Ton, in welchem sie gesprochen wurde, fiel allen auf . . . einer guckte den andern an . . Unruhe malte sich auf allen Gesichtern . . . Donner und Doria! Ja doch! hier geht's flott her! man amüsiert sich, »leistet sich 'was!« Warum sollte man denn auch Trübsal blasen?

Herr Lebeau schien ganz verblüfft.

»Wie! Sie wissen nicht? . . Und haben doch den König gesehen, Gräfin?«

»Ja doch . . . heut Morgen gestern einen Tag wie alle Tage!«

»Und er hat Ihnen nichts gesagt von der schrecklichen Auseinandersetzung?«

Und nun erzählte er ihnen mit zwei, drei Worten den Auftritt, der sich zwischen dem König und der Königin abgespielt hat, erzählte ihnen, daß die Urkunde verbrannt und damit höchst wahrscheinlich die ganze Sache in den Rauchfang geflogen sei.

»Ha! der Pinsel! . . . Ich bin geleimt! schmählich geleimt!« rief Sephora.

Tom wird sehr unruhig und sieht seiner Frau bis auf den Grund der Augen. Sollte sie etwa zufällig die unkluge Schwäche gehabt haben?... Aber die Dame ist nicht darnach gelaunt, sich darüber auszulassen; sie rast vor Zorn, vor Unwillen gegen Christian, der sich seit acht Tagen in eine Reihe von Lügen verstrickt, um eine Erklärung dafür zu finden, wie es komme, daß die Entsagungsurkunde noch immer nicht unterzeichnet worden sei... O! über den Feigling den Feigling und Lügner!... Aber warum hat Lebeau sie nicht schon benachrichtigt?

»Ach ja! warum?« sagt der Kammerdiener mit seinem abscheulichen Lächeln... »Ich hätte wohl meine Müh haben mögen, Euch Nachricht zu geben!... Seit ganze zehn Tagen laufe ich Straße auf, Straße ab... an die fünfhundert Meilen, ohne nur Atem zu schöpfen, ohne nur ein einziges mal zum Sitzen zu kommen! Und nicht ein mal Mittel und Wege, einen Brief zu schreiben! Denn ein gräßlicher Mönch, ein Franziskaner-Pater, der nach Hundshaar riecht und mit dem Messer hantiert wie ein Bandit, hat mich überwacht auf Schritt und Tritt... All meine Bewegungen hat er ausspioniert, hat mich nicht einen Augenblick außer Augen gelassen, immer mit dem Vorwande bei der Hand, daß er nicht Französisch genug verstände, um allein wohin zu gehen und sich den Leuten verständlich zu machen... In Wahrheit verhält es sich so, daß man mir in Saint-Mandé nicht traut, und meine Abwesenheit benutzt hat, um eine große Sache ins Werk zu setzen!«

»Was denn?« fragten ihn aller Augen.

»Es ist, so glaube ich, eine Expedition nach Dalmatien im Werke. Dieser Teufel von Gaskogner ist's, der ihnen dergleichen Zeug in den Schädel gesetzt hat!... O! ich habe es ja doch immer gesagt, daß man sich dieses Subjektes in allererster Linie hätte entledigen müssen...«

Man konnte sich noch so sehr versteckt vor ihm halten: Dieser Lakei hat seit einiger Zeit Vorbereitungsmaßregeln in der Luft gewittert, hat den stündlichen Abgang von Briefen gewittert, hat geheimnisvolle Zusammenkünfte und Beratungen gewittert. Eines Tages hat er in einem Album von Aquarellzeichnungen, das diese kleine Närrin von Rosen hatte liegen lassen und das er aufgeschlagen hat, Entwürfe zu Uniformen gesehen, zu Kostümen, die sie gezeichnet hat: illyrische Königs-Freiwillige, Dragoner des Glaubens, Blauhemden, Kürassiere des guten Rechts. An einem andern Tage hat er zwischen der Prinzessin und Madame de Silvis eine ernste Unterredung über die Form und die Größe der Kokarden erhascht. Aus all diesen Umständen, diesen Bruchteilchen von Reden hat er den Schluß auf die große Expedition gezogen und die Reise, die man ihm eben aufgezwungen hat, ist dieser Sache wahrscheinlich nicht fremd. Der kleine schwarze Mensch, eine Art von buckligem Kerl, auf dessen Suche man ihn nach den Gebirgen von Navarra ausgeschickt hat, muß sicherlich irgend ein großer Kriegsmann sein, dazu ausersehen, die Armee unter dem Befehl des Königs zu führen.

»Wie! so würde der König also auch mitreisen?« ruft Vater Leemans aus mit einem verächtlichen Blick auf seine Tochter.

Ein Tumult von Reden und Worten folgt auf diese Ausrufung.

»Und unser Geld?« »Und die Wechsel?« »Das ist eine Schurkerei!« »Das ist ein Diebstahl!«

Und da zur gegenwärtigen Zeit die Politik das Äsopus-Gericht ist, das man überall aufdeckt, ruft Pichery, der streng imperialistisch gesinnt ist, starr und steif wie sein roßhärener Kragen, der Republik die Bemerkung ins Gesicht:

»Unter dem Kaiserreich hätte man so etwas nicht machen können! hätte man die Ruhe eines benachbarten Staates nicht bedrohen dürfen!«

»Ganz sicher!« äußert J.Tom Lewis mit Ernst und Würde; »ganz sicher würde man dergleichen nicht dulden, wenn man es in der Präsidentschaft wüßte... Man müßte es dort melden müßte die Lärmtrommel rühren!«

»Ja doch! hieran habe ich schon gedacht!« ergreift Lebeau wieder das Wort »leider aber weiß ich nichts Genaues, nichts Gewisses. Man wird mir kein Gehör geben. Und dann sind unsre Leute mißtrauisch.. es sind alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um jedem Argwohn die Möglichkeit abzuschneiden... So ist heute Abend zum Beispiel der Namenstag der Königin. Im Palaste von Rosen wird eine große Festlichkeit veranstaltet... Lauf' nun doch einer hin und sage den Behörden, daß unter allen diesen Tänzern, die dort erscheinen werden, ein Komplott im Gange ist, daß man sich auf Feldzüge, auf Schlachten rüstet!... Und doch geht etwas vor auf diesem Balle, das nicht zu den gewöhnlichen Dingen gehört!«

Jetzt erst macht man die Wahrnehmung, daß der Kammerdiener in Gesellschafts-Toilette erschienen ist, in feinen Schuhen und weißer Halsbinde. Es liegt ihm dort unten ob, die Buffets herzurichten, und er muß sich flugs nach der Insel Saint-Louis zurück begeben. Plötzlich ruft die Gräfin, die seit einem Augenblicke sinnt und überlegt:

»Hören Sie, Lebeau!... wenn der König verreist, so werden Sie es doch erfahren; nicht wahr?... Sie werden doch Kenntnis davon bekommen, und wenn auch nur dadurch, daß Sie Befehl erhalten, ihm den Koffer zu schnallen... Nun! erfahre ich es nur eine einzige Viertelstunde vorher, dann schwöre ich Euch, daß die Expedition nicht stattfinden wird!«

Sie sagt das mit ihrer ruhigen Stimme und mit langsamer, aber sicherer Entschiedenheit. Und während J.Tom Lewis sich sinnend fragt, durch welches Mittel wohl Sephora imstande sein werde, den König an der Abreise zu verhindern während die andern Bundesgenossen, ganz betreten und geknickt, berechnen, wie teuer es ihnen zu stehen kommen würde, wenn aus dem Geschäfte schließlich doch nichts werden sollte, macht sich Meister Lebeau wieder auf den Rückweg nach seinem Ballfeste, tummelt sich auf den Spitzen seiner Schnallenschuhe durch jenes Wirrsal von schwarzen Gäßchen hindurch, die mit antiken Dächern, mit Vorbauen, die nach unten zu offen stehen, durchsetzt, mit antiken Wappenschildern geschmückt sind durch jenes aristokratische Stadtviertel des verwichenen Jahrhunderts hindurch, das in Fabriken, in Werkstätten umgewandelt ist das tagsüber von ihren Rollwagen erschüttert und vom Ameisengewirr einer armen Bevölkerung erfüllt wird, und nachts seinen Charakter als merkwürdige tote Stadt wieder annimmt.

 

 

Das Fest ist von fern her schon sichtbar und hörbar, dies Sommer- und Nachtfest, das zu den beiden Ufern der Seine hinüber seine geschwellten Töne, gleichwie sein Licht in brandrotem Glutstreifen, nach jenem Insel-Ausläufer hinüber sendet, der, auf die treibende, schwanke Flut vorgeschoben, wie das geründete, aufzeigende Hinterteil eines vor Anker treibenden Riesenschiffes erscheint. Kam man näher heran, dann erkannte man die hohen, flammenhellen Fenster unter den Gardinen von indischer Seide dann sah man die Tausende von Buntfeuern, die in Form von Gehängen und Gewinden an den Dickichten, an den Jahrhunderte alten Bäumen brannten und auf dem Kai von Anjou, der um diese Zeit gewöhnlich schon im Schlummer ruht, tanzten die Wagenlaternen mit ihren unbeweglichen kleinen Fanalen durch die Tiefe der Nacht. Seit Herberts Hochzeit hatte das Hotel Rosen kein solches Fest gesehen. Dazu war dies Fest des heutigen Abends noch umfangreicher, noch geräuschvoller, und alle Fenster, alle Thüren standen dem Strahlenglanz einer Sternennacht weit offen.

Das Erdgeschoß bildete eine lange Reihe von ineinander laufenden Sälen, die hoch waren wie eine Kathedrale, geschmückt waren mit Gemälden und antikem Goldzierat, in denen die Arm- und Kronleuchter niederländischen und venetianischen Fabrikats, die von den Decken herniederhängenden Moscheen-Lampen eine seltsame Dekoration beleuchteten: Vorhänge, die in grünen und roten Gold-Reflexen erzitterten wuchtige Schreine aus massivem Silber, gerahmte und geschnitzte Elfenbein-Sachen, alte Spiegel mit geschwärztem Quecksilber-Belage, Reliquien-Behälter, Standarten, allerhand Reichtümer und Schätze aus Montenegro und der Herzegowina, die der Pariser Geschmack zu gruppieren, zusammen zu stellen verstanden hat, ohne daß sie irgendwie in die Augen schlagen, oder allzu fremdländisches Aussehen zeigen. Das auf einer alten Betkanzel, die zur Tribüne hergerichtet worden, spielende Orchester, das an jenes vom Schlosse Chenonceaux erinnert, war umzogen mit Fähnlein, die ihre Schatten auf die für den König und die Königin reservierten Sessel hernieder senkten; und im Gegensatze zu dieser ganzen Vergangenheit, in diesem rückstrahlenden Lichte von reichen Antiquitäten-Schätzen, die den Vater Leemans vor Entzücken schier aus dem Häuschen gebracht haben würden, glitten die berückenden, wirbelnden Walzer vom Tage vorüber, die Walzer mit den langen, verzierten Schleppen, mit den aufblitzenden, starr blickenden Augen im dämpfigen Hauche gekräuselten Haares, eine Herausforderung gleichsam der strahlenden Jugend mit blonden, elfenhaft mageren, schwebenden Visionen und brünetten Erscheinungen von leicht dünstender Blässe. Von Zeit zu Zeit löste sich aus diesem Gewirr von rund durch den Raum geschnellten Tänzern, aus diesem Mischmasch von seidigen Stoffen, der in die Ballmusik ein kokettes und geheimnisvolles Gewisper hinein trägt, ein Paar heraus und schritt durch das hohe Glasportal; auf ihre beiden geneigten Häupter senkte sich in umgekehrter Richtung der weiße Lichtstrahl von dem Simse über dem Portal hernieder, wo sich der Namenszug der Königin in Gasflammen dehnte; und unterdes sie den Rhythmus des Tanzes mit Besinnen und Zögern unter Hemmungen, die eine Folge der Entferntheit des Klanges sind, in die Gänge des Gartens hinaus verpflanzen, wandeln sie schließlich den Walzer in einen abgemessenen Marsch um, in eine von Harmonie getragene Promenade dicht am Rande der von Magnolien und Rosen balsamisch duftenden Gesträuche und Dickichte hin. Alles in allem genommen, zeigte das Fest, von der Seltenheit und Merkwürdigkeit der Dekorationen, sowie von einigen fremdländischen Frauentypen mit rötlich gelbem Haar und mit dem weichen geschmeidigen Gebahren der Slawinnen abgesehen, auf den ersten Blick kaum ein anderes Gepräge als eine von den gewöhnlichen Kirchweih-Festen der gesellschaftlichen Welt, wie sie das Faubourg Saint-Germain, im Palaste Rosen vertreten durch seine ältesten, klangvollsten Namen, von Zeit zu Zeit einmal in seinen alten Gärten der Rue de l'Université begeht wo sich die Tänze dann von den gewichsten Parkettböden hinaus auf die Rasenplätze verpflanzen, wo der schwarze Frack sich über die hellen Beinkleider lustig machen kann Feste in der frischen freien Luft, Sommerfeste, auf denen größere Freiheit und ungebundeneres Leben waltet als auf anderen.

Von seinem Zimmer aus im zweiten Stock hörte der alte Herzog, der seit einer Woche von einem heftigen Anfall seines Ischias-Leidens geplagt war, den Widerhall des von ihm veranstalteten Ballfestes an, dieweil er unter der Bettdecke Schmerzenslaute und Kasernenflüche erstickte gegen diese ironische Grausamkeit des Übels, das ihn an einem solchen Tage auf sein Bett nagelte und ihn in die Unmöglichkeit versetzte, sich zu all dieser herrlichen Jugend zu gesellen, die am kommenden Tage sich auf die Fahrt, beziehungsweise den Ausmarsch machen sollte. Nachdem die Parole ausgegeben, die Auswahl der Schlachtposten getroffen worden, war dieser Ball ein Lebewohl, eine Art von Prahlerei gegen die schlimmen Wechselfälle des Kriegs und gleichzeitig auch eine Vorsichtsmaßregel gegen die neugierigen Spürnasen der französischen Polizei. Wenn nun der Herzog den Freiwilligen auch nicht das Geleit zu geben vermochte, so tröstete er sich doch mit dem Gedanken, daß sein Sohn Herbert mit »von der Partie sein«, daß also auch sein Wappenschild, wie auch sein Geld bei dieser großen Sache sichtbar sein werde, denn Ihre Majestäten hatten zu genehmigen geruht, daß er, der Herzog, es übernehme, die Kosten für die Unternehmung aufzubringen und zu bestreiten. Auf seinem Bette lagen Generalstabskarten herum neben Schlacht- und Feldzugsplänen, trieben sich Rechnungen über Futter und andere Lieferungen, über Gewehrladungen, Uniformstücke, Decken, Lager-Gegenstände und Lebensmittel herum die er fürsorglich durchsah und kontrollierte, indes er den Schnauzbart schrecklich verzog die bekannte Helden-Grimasse des königstreuen Parteigängers, der gegen seine knickerigen und grabwespenartigen Instinkte im Kampfe liegt. Manchmal fehlte ihm eine Ziffer, ein Nachweis. Da ließ er Herbert heraufkommen ein Vorwand, um ihn bei sich zu haben, in seinem Bereiche, neben seinem Bett, diesen großen Sohn, der ihn morgen zum ersten mal im Leben verlassen sollte, den er vielleicht nie mehr wiedersehen würde, und für den er eine unermeßliche und unter majestätsvollem Wesen und Schweigen schlecht verhüllte Zärtlichkeit im Herzen trug. Aber der Prinz hielt nicht lange Stand es drängte ihn, wieder hinunter zu gehen, um die Honneurs des Hauses zu machen, und vornehmlich deshalb, weil er keine Sekunde verlieren mochte von den kurzen Stunden, die ihm noch an der Seite seiner teuren Colette zu verweilen blieben.

Mit ihm im ersten Salon stehend, lieh sie ihm Beistand beim Empfange der von ihrem Vater geladenen Gäste. Sie war hübscher, eleganter denn je. Eine enge Tunika aus antiker Spitze, aus einer griechischen Bischofs-Alba gefertigt, umschloß ihre Taille. Der matte Abglanz, welchen sie warf, hob ihre zierliche Schönheit, der an diesem Abend eine geheimnisvolle Miene fast ernsten Charakters aufgeprägt lag, vorteilhaft heraus. Dieser Abglanz stimmte ihre Züge ruhiger, lieh ihren Augen einen dunkleren Schein vom nämlichen Blau, wie es jene kleine Kokarde aufwies, die sich unterhalb einer Diamanten-Aigrette zwischen ihren Locken lose herumtrieb... Pst! eine Kokarde, bestimmt für illyrische Königs-Freiwillige; ein Modell, das für die Expedition angenommen und von der Prinzessin entworfen und gezeichnet wurde! O! o! seit einem ganzen Vierteljahre schon hatte sie sich nicht unthätig verhalten, die liebe Kleine! Aufrufe durch Abschriften vervielfältigen, sie heimlich nach dem Franziskaner-Kloster tragen, Uniformen und Banner zeichnen, die Polizei, die sie immer auf den Fersen zu haben meinte, auf andre Spur hinlenken: das war die Art, wie sie ihre Rolle als königstreu gesinnte große Dame auffaßte so war ihr die Rolle inspiriert worden von dem Unterricht, den sie vor Jahren im Kloster zum Heiligen Herzen genossen. Ein einziger Umstand fehlte diesem Programm, das arg nach jenen Raubkriegen roch, die einst die Vendee verwüsteten und entvölkerten: sie konnte sich nämlich nicht mit auf die Reise begeben, konnte ihren Herbert nicht begleiten. Denn jetzt war Herbert, und nichts als Herbert, ihr ein und alles; zufolge einer Segnung von Seiten der Natur dachte man an jenen andren Mann nicht anders mehr als wie an das unglückselige Seidenäffchen, das so grausamen Sinnes auf dem nahen Kai-Gelände zerschmettert worden war. Diese Freude, ein männliches Kostüm über die zarten Glieder zu ziehen und mit den Beinchen in hohe Stiefelchen zu fahren, war Colette aus dreierlei Gründen versagt: erstlich um ihres Dienstes willen bei der Königin; zum andern aus einer Ursache ganz heimlicher Art, einer Ursache, die sie abends vorher dem königlichen Adjutanten zärtlich und leise ins Ohr geflüstert hatte. Jawohl! jawohl! sofern es nicht eitel Trug war, würde binnen eines gewissen Zeitraums, dessen Berechnung keinerlei Schwierigkeiten bereitete, wenn man den Tag der akademischen Sitzung zum Ausgangspunkte nahm, das Geschlecht der Rosen ein Vertreterchen mehr zählen; und eine so süße, köstliche Hoffnung konnte man doch nicht den Fährlichkeiten einer Expedition aussetzen, die ohne einige rauhe und blutige Stöße nicht endigen würde; so wenig wie man sich gestatten durfte, einen Walzer durch die strahlenden Salons zu tanzen. Da giebt es der Geheimnisse gar zu viele zu hüten für die kleine Frau; und trotzdem ihre Lippen das Geheimnis wahrten, verrieten doch ihre wunderbar geschwätzigen Augen und auch die schmachtend hingegossene Art, wie sie sich auf Herberts Arm stützte, recht starke Lust, alles an ihrer statt zu erzählen.

Plötzlich schweigt das Orchester. Der Tanz hört auf. Jedermann nimmt Stellung, denn Christian und Friederike sind in den Saal getreten. Sie haben die drei Säle durchschritten, die von nationalen Reichtümern erstrahlen; in denen die Königin überall ihren mit Blumen eingestickten, in Flämmchen brennenden, in Juwelen und Edelsteinen funkelnden Namenszug hat sehen können; wo alles ihnen vom Vaterlande und seinem Glanz und seinen Herrlichkeiten rühmend Kunde gethan und jetzt, jetzt stehen sie an der Gartenschwelle... Niemals hat die Monarchie stolzere, herrlichere Repräsentanten besessen: ein echtes Königspaar, wie es schöner noch nie auf der Münze eines Volkes geprägt war, wie es schöner noch nie die Fassade einer Dynastie geschmückt hat. Die Königin besonders ist bewunderungswürdig, um ein Jahrzehnt verjüngt in einer herrlichen weißen Toilette, und auf den Schultern trägt sie statt alles Schmuckes ein schweres Bernsteinkollier, an welchem ein Kreuz niederhängt. Vom Papste überreicht und geweiht, schwebt über diesem Halsband eine Legende, welche sich die Getreuen mit ganz leiser Stimme erzählen. Friederike hat dieses Halsband während der ganzen Zeit der Belagerung von Ragusa getragen; zweimal hat sie es bei Ausfällen, unter dem Feuer der Schlacht, verloren und auf ganz wunderbare Weise wieder gefunden. Sie verknüpft einen Aberglauben mit diesem Halsbande; hat ihm als Königin ein Gelübde gethan und legt es an zufolge dieses Gelübdes, ohne sich Gedanken zu machen über den herrlichen Reiz, den diese goldigen Perlen in so unmittelbarer Nähe ihres Haares üben, dessen Reflexe sie gewissermaßen durchkörnen.

Während das Herrscherpaar dort verweilt, stehend, strahlend, und den Blick voller Bewunderung über das Fest und das Bild des feenhaft erleuchteten Gartens schweifen lassend, dringt aus der Mitte einer Rhododendron-Gruppe heraus plötzlich ein dreimaliger Bogenstrich, wunderlich, ohrenzerreißend, kraftvoll und saftvoll. Alles, was Slawe heißt in der hier versammelten Festgesellschaft, erzittert bis in die tiefste Falte des Herzens hinein, wie es den Ton der Guzlahs erkennt, deren langhalsige Mandolinen man durch das düstere Laub hindurch schimmern sieht. Die Musik beginnt mit einem summenden Präludium, mit einer Überflutung durch fernher schallende sonore Klangwellen, die sich heranwälzen, steigen, schwellen und sich ergießen. Es war als wenn eine schwere, mit Elektricität geladene Wolke heraufzöge, die von Zeit zu Zeit vom flinksten Bogen mit Blitzen streifenartig durchzuckt wird, und aus der alsbald der stürmische, üppige, heldenhafte Rhythmus des Volksliedes, das Hymnus und Tanz zugleich ist jenes Rodoïtza-Gesanges, welcher dort unten zu Lande auf allen Festen, in allen Schlachten erklingt und den zwiefachen Charakter der ihm zu Grunde liegenden uralten Legende trefflich zur Darstellung bringt. Der den Türken in die Hände gefallene Heiduk Rodoïtza stellt sich tot, um zu entrinnen. Man zündet Feuer auf seiner Brust an; der Heiduk rührt sich nicht. Man schiebt ihm eine Schlange, die durch die Sonnenstrahlen gereizt ist, in seinen Busen, treibt ihm an die zwanzig Pflöcke unter die Fingernägel der Heiduk bleibt starr und unbeweglich wie ein Stein. Nun ruft man Haikuna herzu, die größte und schönste der Töchter Zara's, die unter den Klängen des illyrischen Nationalgesanges zu tanzen beginnt. Von den ersten Taktschlägen an sobald Rodoïtza die Zechinen des Halsschmuckes der Schönen klirren hört, die Fransen ihres Gürtels erzittern sieht da lächelt er, schlägt er die Augen auf es würde um ihn geschehen sein, wenn nicht die Tänzerin mit raschem Sprung und Schwung auf dies Gesicht, das sich mit Leben zu füllen beginnt, das seidene Tuch geworfen hätte, womit sie ihren Tanz markiert und krönt. Auf solche Art wurde der Heiduk gerettet, und darum nennt man seit zweihundert Jahren das illyrische Volkslied das »Rodoïtza-Lied«.

Als hier unter dem Himmel des Exils, der Verbannung, das Rodoïtza-Lied in ihre Ohren schallt, da sind die sämtlichen Illyrier, Männer sowohl wie Frauen, erbleicht. Dieser Ruf mit den Guzlahs, den im Hintergrund der Salons das Orchester mit gedämpften Klängen begleitet einem Wogengeflüster gleich, über welchem der Sturmvogel seine schrille Stimme erhebt dieser Ruf ist die Stimme des Vaterlandes selbst, geschwellt von Erinnerungen und Thränen, von Wehklagen und Hoffnungen, die tief im Herzen verschlossen ruhen. Die ungeheuren, wuchtigen Bügel in Form von Kriegsbogen vibrieren nicht über Saiten gewöhnlichen Schlages, sondern über Nerven, die scharf gespannt sind zum Bersten, über Fibern, die zarten Widerhall geben. Diese jungen Leute, stolz und kühn und mit Heiduken-Gebahrung, fühlen sich alle beseelt von dem unbändigen Mute des Rodoïtza-Liedes, alle so herrlich gelohnt von der Liebe eines Weibes. Diese schönen Dalmatiner-Frauen, groß und schlank wie Haikuna, hegen im Herzen ihre holde Liebe für die Helden. Und die Alten, wenn sie der fernen Heimat gedenken, die Mütter, wenn sie den Blick auf ihre Söhne lenken, alle fühlen den Drang zu schluchzen alle würden sich, wären nicht der König und die Königin gegenwärtig zu dem schrillen Gekreisch gesellen, würden ihre Stimmen vermischen aus vollen Kehlen mit diesen Tönen, welche die Guzlah-Spieler, jetzt am Schluß ihres Liedes, in einer letzten Accord-Rakete zu den Sternen hinauf schleudern.

Kurz darauf beginnt das Tanzen wieder mit einem Rasen, einem Feuer, das höchlich verwundert in einer Gesellschaft, in welcher man sich im allgemeinen kaum anders als konventionell erlustigt. Ganz entschieden liegt, wie Lebeau sagt, in diesem Feste etwas, das nicht ist wie sonst, das sich über das gewöhnliche Niveau hinaus erhebt; etwas von heißer Glut, von fieberhaftem, leidenschaftlichem Drange das man empfindet und fühlt in der Art, wie sich die Arme um die Hüften legen, in dem Schwunge, der den Tänzern inne wohnt in gewissen funkelnden Blicken, die herüber und hinüber fliegen das man fühlt bis in den Takt der Walzer und Masurkas hinein, in die es plötzlich wie Sporen- und Steigbügel-Geklirr hineinschallt. Wenn gegen den Schluß der Ballnächte hin der Morgen bleich zu den Fenstern hinein scheint, da zeigt die letzte Freudenstunde jene rasende Glut, jene trunkenen Augenblicke gänzlicher Vergessenheit. Hier aber beginnt der Ball kaum, und schon brennen und sengen die sämtlichen Hände in den Handschuhen, alle Herzen schlagen unter den Blumensträußen am Leibchen oder den kleinen, diamantenbesäeten Nadeln. Und wenn ein Paar vorbei eilt, berauscht von Rhythmus und Liebe, dann folgen ihm lange Blicke nach, Blicke des Lächelns und Blicke der Rührung. Ein jeglicher weiß, daß all diese herrlichen Tänzer, Illyriens Adel, der mit seinen Fürsten das Geschick der Verbannung teilt, Frankreichs Adel, der allzeit bereit ist, sein Blut der guten Sache zu weihen, bei Dämmerungsgrauen ausziehen werden auf eine gefahrvolle, verwegene Unternehmung. Wieviel von diesen stolzen und feurigen jugendlichen Männern, die zu den Waffen eilen, ohne ihre Zahl zu rechnen wieviel von ihnen werden, selbst wenn der Sieg ihnen winkt, hierher zurückkehren! Wieviel von ihnen werden, ehe acht Tage verstrichen sind, ins Gras gebissen haben! hingestreckt liegen auf dem Kamme der Gebirge, dieweil ihre Ohren, in denen das Blut im tollen Wirbel summt, noch immer diese berauschende, trunken machende Masurka-Melodie zu hören meinen. Das Herannahen der Gefahr ist's, was der Freude, dem Feuer des Ballfestes die Beklommenheit und Unruhe eines Abends vor der Schlacht beimischt was in den Augen Thränen und Blitze funkeln, soviel Kühnheit und schmachtendes Verlangen aufzucken macht. Was kann man dem verweigern, der vielleicht sterben wird? Und dieser über der Scene lagernde, schwebende Tod, dessen Fittich im Takte der Geigen den Tänzer streift wie verengert er die Umarmung! wie beflügelt er das Geständnis! Flüchtige Spiele der Liebe! Begegnung von Eintagsfliegen, die zusammen durch den nämlichen Sonnenstrahl huschen! Man hat einander nie mit einem Blicke gesehen, wird einander zweifelsohne mit keinem Blicke mehr wiedersehen und da ketten sich zwei Herzen zusammen! Manche von ihnen, die stolzesten darunter, versuchen trotz der Rührung, die sie ergreift, zu lächeln; aber wieviel Sanftmut und Süße birgt sich auch noch immer unter dieser Ironie! Und das alles dreht sich im Tanze, die Stirnen zurückgebeugt und mit wallenden Locken; denn ein jedes Paar glaubt sich allein; umschlossen, betäubt in den verschlungenen und zauberischen Rondos eines Walzers von Brahms oder einer Masurka von Chopin.

Noch einer ist da, dem das Blut ebenfalls wallt, der ebenfalls tief ergriffen ist – und dieser eine war Méraut, in welchem der Gesang der Guzlahs mit ihrem bald süßen Schmerz, bald milde Thatkraft kündenden Klängen die Zigeuner-Idee, die Lust am Abenteuern geweckt hatte, die allen Temperamenten unterm südlichen Sonnenhimmel tief drinnen im Herzen steckt jenes tolle Verlangen, auf unbekannten Bahnen hinaus in die Ferne zu ziehen dem Lichte zu, auf Abenteuer, in die Schlacht, um eine kühne und tapfere That zu vollbringen, um derentwillen sie die Bewunderung der Frauen sein würden. Ihn, der nicht tanzte, der sich auch nicht im Kampfe schlagen würde, ihn überflutete der berauschende Zauber dieses heldentümlichen Ballfestes und über dem Gedanken, daß diese ganze Jugend hier ausmarschieren, ihr Blut hingeben, herrliche und gefahrvolle Großthaten vollbringen würde, während er mit den Greisen und Kindern zurückbliebe über dem Gedanken, daß er, nachdem er den Kreuzzug organisiert, ihn in den Kampf hinaus ziehen lassen würde, ohne sich ihm anzuschließen über diesem Gedanken beschlich ihn eine Traurigkeit, eine Beklommenheit so tief und ernst, daß er keine Worte für sie fand. Der Gedanke fühlte Beschämung vor der That. Und vielleicht war auch dieser Zerrissenheit, dieser Lust am Sterben, die ihm die slawischen Lieder und Tänze ins Herze gossen, der leuchtende Stolz nicht fremd, mit welchem sich Friederike an Christians Arm hängte. Wie man ihr Glück ihr nachempfand, das sie erfüllte, endlich den König, den Krieger in ihrem Gemahle wiederzufinden!... Haikuna, Haikuna! im Waffengeklirr kannst Du alles vergessen, alles verzeihen, den Verrat, den Betrug und die Lüge! Was Du liebst über alles hinaus, das ist die körperliche Tapferkeit ihr wirst Du immer das Taschentuch, das warm ist von Deinen Thränen, von den linden Düften Deines Angesichts, zuwerfen!... Und während er also trostlos verweilt, da lächelt Haikuna Haikuna, die eben in einem Winkel des Saals die beredte hohe Dichterstirn bemerkt hat, aus welcher sich das überwallende, rebellische, so wenig in die Gesellschaft hineinpassende Haar sträubt und bauscht Haikuna giebt ihm ein Zeichen, sich ihr zu nähern. Es war, als hätte sie die Ursache zu seiner Herzenstrauer erraten!

»Was für ein herrliches Fest, Herr Méraut!« Dann senkte sie die Stimme: »Und auch dieses Fest verdanke ich Ihnen... Aber wir schulden Ihnen ja soviel... kaum daß wir noch wissen, wie wir Ihnen danken sollen!«

Er war es in der That, dessen kräftiger Glaube alle diese erloschenen Flammen neu angefacht, die verzagten Gemüter wieder mit Hoffnung erfüllt, die Erhebung, den Aufstand bereitet hatte, den man morgen zu nützen sich anschickte. Die Königin vergaß ihn nicht! sie nicht! und niemand war in der erlauchten Versammlung zugegen, an den sie mit solcher herablassenden Herzensgüte, mit solchem Blicke voll Dankbarkeit und Milde das Wort gerichtet hätte hier, angesichts von allen den vornehmen Gästen, inmitten des von Ehrfurcht erfüllten Kreises, wie er sich um Herrscher gruppiert. Aber Christian der Zweite trat heran, nahm Friederikes Arm.

»Der Marquis von Hezeta ist da,« sagte er, zu Elysée gewandt... »Haben Sie ihn gesehen?«

»Ich kenne ihn nicht, Majestät . . .«

»Er behauptet aber, Sie seien alte Freunde! Da! sehen Sie doch! da kommt er!«

Dieser Marquis von Hezeta war der Befehlshaber, welcher in Abwesenheit des alten Generals von Rosen die Expedition führen sollte. Er hatte beim letzten Handstreich des Herzogs von Palma erstaunliche Eigenschaften als Corpsführer an den Tag gelegt, und niemals würde der unbesonnene, aber kühne Zug ein so klägliches Ende genommen haben, wenn man auf seine Reden geachtet hätte. Als er gesehen hatte, daß seine Anstrengungen verloren waren, und daß der Prätendent selbst das Beispiel und Signal zur Flucht gab, warf sich der Cabecilla, von Überdruß und Menschenfeindlichkeit erfaßt, mitten hinein in die baskischen Berge, lebte dort in Sicherheit vor kindischen Verschwörungen, vor falschen Hoffnungen, vor Schlägen ins Wasser, die seine sittlichen Kräfte erschöpften. Er wollte unbekannt und vergessen in seinem Vaterlande sterben, sollte aber doch noch einmal in die Abenteuer hineingerissen werden durch den hinreißenden Königssinn des Paters Alpheus und durch den Ruhm, den Christian der Zweite als tapferer Held genoß. Der alte Adel des Parteigängers, sein romantisches Dasein, das eine Kette von Verbannungen, Verfolgungen, von kühnen Handstreichen war, die von ihm aus Fanatismus verübten Grausamkeiten umgaben den Marquis Maria José de Hezeta mit einem fast sagenhaften Interesse und machten ihn zum Helden des Abends.

»Guten Tag, Ely,« sagte er und trat mit ausgestreckter Hand auf Elysée zu rief ihn mit seinem Kindernamen, den er nicht mehr vernommen seit den Zeiten im Königshag »ei, ja doch! ich bin's... ich bin's!... Dein alter Schulmeister... der Herr Papel!«

Der schwarze, mit Kreuzen und Orden beladene Frack, die weiße Halsbinde veränderten ihn nicht sonderlich; auch nicht einmal die zwanzig Jahre, die ihrer mehr über diesen mächtigen Zwergenschädel hingegangen waren, den Schießpulver und Sonnenbrand auf den Bergeshalden dermaßen verbrannt hatten, daß seine schreckliche und charakteristische Stirnader kaum noch zu sehen war. Mit ihr schien auch der royalistische Starrsinn sich gemildert zu haben, ganz so, wie wenn der Cabecilla im Deckel der baskischen Mütze, die am Ausgange des Feldzuges von ihm in einen Gebirgsbach geworfen worden war, einen Teil der alten Glaubenssätze, der Wahngebilde seiner Jugendzeit sitzen gelassen hätte.

Elysée war seltsamlich erstaunt, Worte aus dem Munde seines alten Lehrers zu vernehmen, desjenigen Mannes, der ihn zu demjenigen gemacht hatte, was er war.

»Siehst Du, mein kleiner Ely . . .«

Der ›kleine Ely‹ war um zwei Fuß größer als er, und sein Haar hatte der ins Graue hinüber spielenden Locken nicht wenig.

»Der Kram ist aus . . es giebt keine Könige mehr.. Das Prinzip steht noch aufrecht, aber an Menschen gebricht es. Keinen einzigen giebt' s unter diesen aus dem Sattel gehobenen Herren, der imstande wäre, sich wieder in den Sattel zu schwingen! nicht einmal einen, der das wirkliche Verlangen darnach verspürte... O! was ich gesehen habe was ich gesehen und erlebt habe während dieses Kriegs!«

Ein blutiger Brodem lagerte sich über seine Stirn, schoß ihm in die starren Augen, die sich gleichsam vergrößerten unter der Wirkung einer Vision von schmachvollen Scenen, feigen und verräterischen Handlungen.

»Aber es sind nicht alle Könige dieselben,« wendete Méraut ein »und ich bin meiner Sache ganz sicher, daß Christian...«

»Der Deinige ist nicht mehr wert als der unsrige... Ein Kind, ein Genußmensch... Keine Idee, keine Willenskraft in diesen nach Freude lechzenden Augen... Aber sieh ihn doch nur an!«

Er wies mit dem Finger auf den König, der mit verschwommenen Augen, schweißfeuchter Stirn, den winzigen und runden Kopf auf die nackte Schulter der Tänzerin gebeugt, in den Saal herein gewalzt kam. Im steigenden Rausche des Balls glitt das Paar an ihnen vorbei, ohne sie zu sehen, streifte sie mit ihrem keuchenden Atem; und da nun die Galerie überflutet wurde, um Christian den Zweiten, den ersten Walzertänzer seines Königreiches, tanzen zu sehen, flüchteten sich Hezeta und Méraut in die tiefe Nische eines der Fenster, die nach dem Kai von Anjou hinaus mündeten. Dort verweilten sie lange, halb im Lärmen und Wirbeln des Balles, halb in dem frischen, sänftigenden Schweigen der Nacht.

»Die Könige glauben nicht mehr; die Könige wollen nicht mehr. Warum sollten denn wir uns um ihretwillen starrköpfig zeigen?« sagte der Spanier mit wilder Miene.

»Sie glauben nicht mehr . . . Und doch ziehen Sie mit aus?«

»Ich ziehe mit aus.«

»Hoffnungslos?«

»Nur mit einer einzigen Hoffnung . . . daß es mir glücken möge, mir den Schädel zertrümmern zu lassen meinen armen Schädel, für den ich keine Ruhestatt mehr finde.«

»Und der König?«

»O! was den betrifft, der macht mir keine Kopfschmerzen.«

Wollte er damit sagen, daß Christian der Zweite noch nicht zu Pferde säße? oder daß er es, wie sein Vetter, der Herzog von Palma, verstehen würde, jedesmal heil aus der Schlacht zurückzukehren? Er äußerte sich nicht weiter...

Rings um sie her fing der Ball an sich in tollen Wirbeln zu drehen, aber Elysée sah ihn jetzt durch die Brille der Mutlosigkeit seines alten Lehrers und durch die Brille seiner eigenen Enttäuschungen. Ein ungeheures Mitleid erfüllte sein Herz für diese tapfere Jugend, die sich so frohgemut rüstete, unter Führern, die ihrer Zuversicht verlustig gegangen waren, hinaus in den Kampf zu ziehen; und schon schwanden vor seinen Blicken das Fest, sein wirrer Lärm und seine verschleierte Beleuchtung im Pulverdampf eines Schlachtfeldes, in dem großen Wirrsal von Unglück und Mißgeschick, in welchem man die unbekannten Leichname aufhebt. Einen Augenblick lang neigte er sich, um diesem unheimlichen Phantasie-Gebilde zu entrinnen, über die Fensterbrüstung hinaus, nach dem leeren Kai hinunter, auf welchen der Palast große Lichtvierecke warf, die sich bis in die Seine hinein fortsetzten. Und das Wasser, dessen gepeitschte Flut er gegen diese Inselspitze branden hörte, und das zu den seufzenden Klängen der Geigen, zu dem herzzerreißenden Klagen der Guzlahs das Brausen seiner Strömung, den wilden Anprall seiner Wogen gegen den Brückenbogen gesellte, bäumte sich bald in kleinen Stößen und Rucken in die Höhe gleich dem Schluchzen eines beklommenen Herzens, oder ergoß sich auch in großen versiechenden Schwallen, wie das Blut einer weit aufgerissenen Wunde.

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