Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Die Könige im Exil

Alphonse Daudet: Die Könige im Exil - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorPaul Heichen
firstpub1879
yearca. 1900
publisherHugo Andres
addressFrankfurt a. O.
titleDie Könige im Exil
pages5-498
created20061227
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel.

Der erste Tag im Exil.

Friederike schlief seit dem frühen Morgen. Ein fieberhafter und ermattender Schlaf mit Träumen von alle den Trübsalen und Beschwernissen als vertriebene und gestürzte Königin, ein Schlaf, welchen das Getöse, die Sorgen und Ängste einer achtwöchentlichen Belagerung erschütterten, der von blutigen und kriegswilden Visionen gejagt und unterbrochen wurde, ein Schlaf, von Schluchzern, Schauern und Zufällen nervöser Abgespanntheit war es, welchen Friederike schlief, und aus dem sie erst unter der Empfindung eines jähen Entsetzens in die Höhe schreckte.

»Zara? . . . Wo ist Zara?« schrie sie auf.

Eine ihrer Frauen trat an das Bett heran, mit der in weichem Tone gebrochenen Versicherung: S. K. H. der Hr. Graf von Zara schlafe in voller Ruhe in seinem Zimmer; Madame Eleonore weile bei ihm.

»Und der König?«

»Seit Mittag in einem der Hotelwagen ausgefahren!«

»Ganz allein?«

Nein. Seine Majestät hätte den Herrn Geheimen Rat Boscowich mit sich genommen . . . Je länger die Dienerin in ihrer Dalmatiner Mundart, die volltönend und hart wie eine über Kiesel plätschernde Welle klang, zu ihr sprach, um desto mehr fühlte die Königin ihre Angst und ihre Schrecken sich zerstreuen; und nach und nach erschien ihr das ruhige, friedliche Hotelzimmer, das sie bei ihrer Ankunft gegen Tagesgrauen kaum deutlich hatte sehen können, in seiner geisttötenden und üppigen Alltäglichkeit, mit seinen hellen Vorhängen, seinen hohen Spiegeln, der wolligen Weiße seiner Teppiche, wo der schweigsame, lebendige Flug der Schwalben sich in den Schatten der Stores hernieder senkte und wo es hin und her und durcheinander zitterte, wie wenn große Nachtschmetterlinge das Zimmer durchschwirrten.

»Schon fünf Uhr! . . . Vorwärts, Petscha, frisiere mich geschwind . . . Ich schäme mich, daß ich so lange geschlafen habe!« . . .

*           *
*

Fünf Uhr. und der wunderbarste Tag, mit welchem der Sommer des Jahres 1872 die Pariser bislang erfreut hatte. Als die Königin auf den Balkon hinaustrat, auf jenen langen Balkon des »Hotels zu den Pyramiden«, welches mit seinen fünfzehn, mit Rosa-Zwillich verhängten Fenstern an den schönsten Platz der Rue de Rivoli grenzt, blieb sie entzückt vor Verwunderung und Staunen stehen. Unten auf der großen, breiten Straße, das Rädergerassel mit dem leichten Regen der Sprengwagen mischend, fuhr eine ununterbrochene Reihe von Kutschen und Wagen nach dem »Bois« zu mit einem Flimmern und Glitzern von Achsen und Geschirren und hellen, im jähen Fluge der Vorüberfahrt aufflatternden Toiletten. Sodann glitten die begeisterten Augen der Königin von der an dem vergoldeten Tuilerieen-Gitter sich drängenden Menschenmenge hinüber nach jenem leuchtenden Gewirr von weißen Gewändern, blonden Haaren, schimmernden Seidenstoffen, lustigen Spielen, nach allem jenem Leben und Treiben der Sonn- und Festtage und jenem fröhlichen Kindertrubel, wie ihm der große Pariser Garten um seine Terrassen herum reizende Stätten schafft an den Tagen, wo die Sonne am Himmel strahlt. Dann fanden die Augen endlich einen köstlichen Ruhepunkt auf dem Dome von grünem Laub, dem ungeheuren, dicht vollen, gerundeten Blätterdache, welches, von dort oben aus erblickt, die Kastanienbäume im Mittelpunkte des Platzes bilden, die in der gegenwärtigen Stunde ein Militär-Orchester überschatteten und von Kindergeschrei und Blechmusik in allen Winkeln erzitterten. Der herbe Groll der verbannten Frau besänftigte sich nach und nach bei solch stattlicher Entfaltung von Lieblichkeit, Milde und Anmut. Eine behagliche Empfindung von Wärme umschloß sie von allen Seiten, prall und geschmeidig wie ein seiden Netz; ihre durch das nächtliche Wachen und Entbehrungen aller Art gebleichten Wangen belebten sich mit rosigem Hauche. Sie dachte bei sich: »O Gott! wie wohl fühlt man sich doch jetzt!«

Die vom größten Unglück verfolgten Menschen erfahren dergleichen Fälle plötzlicher und unbewußt an sie herantretender Linderung ihres Leids. Und diese Linderung erwächst ihnen nicht aus Wesen, sondern aus der hundertfältigen Beredsamkeit der ihnen zustoßenden Dinge. Dieser depossedierten, mit ihrem Gemahl, ihrem Kinde durch einen jener Volksaufstände, die an Erdbeben, von Erdrissen und Erdrutschungen, von Blitz und Donnerschlag und vulkanischen Ausbrüchen begleitet, erinnern, aus Land und Schloß verjagten Königin; dieser Frau, deren ein wenig niedrige und doch so stolze, hehre Stirn die Falte, den Einknick gleichsam einer der schönsten Kronen von Europa auf ihrer Fläche bewahrte, – dieser Frau hätte keine Rede aus menschlichem Munde Tröstung zu schaffen vermocht. Und hier nun redete ihr die fröhliche, neu wieder erblühte, in diesem wunderherrlichen Pariser Sommer, der etwas von der warmen Treibhaus-Temperatur und weichen, linden Frische der Länder an der Riviera an sich hat, zum ersten male von ihr erschaute Natur von Hoffnung, von Wiederauferstehung, von Ruhe und Frieden. Aber während sie ihren Nerven ihre Spannkraft wiederzufinden gestattete, ihren Augen vergönnte, mit vollen Augäpfeln an diesem, im frischesten Blattgrün erstrahlenden Horizonte zu schlürfen, da hat die verbannte Frau plötzlich gebebt und gezittert. Zu ihrer Linken unterhalb des Balkons, nach dem Eingange des Gartens zu, erhebt sich ein gespenstisches Monument, das aus ausgeglühten Mauern, versengten, vergilbten Säulen, zusammengestürztem Dache besteht, dessen Fenster durch Risse und Löcher die Bläue des Himmels zeigen, dessen durchbrochene Fassade Ausblicke auf Ruinen und Trümmer bietet; und, ganz am Ende – auf die Seine schauend – ein fast unversehrter Pavillon, im Bereich der Sonnenflamme, die das Eisen ihrer Balkone geschwärzt hat, und von ihr vergoldet.

Das ist alles, alles, was von dem Palaste der Tuilerieen übrig geblieben ist.

Dieser Anblick verursachte ihr eine tiefe Erregung, die Betäubung eines Sturzes herzüber auf diese Steine hinunter. Vor zehn Jahren – es waren noch nicht einmal der Jahre zehn seitdem verstrichen – o! über den traurigen Zufall! und der ihr, ach! so prophetisch erschien, hier angesichts dieser Trümmer sich wieder einlogiert zu finden! – hier hatte sie mit ihrem Gemahl gewohnt. Das war gewesen im Frühjahr 1864. Vermählt seit drei Monaten, hatte die Gräfin von Zara damals all ihr Glück und ihre Wonne als Gattin und erbliche Herrscherin durch die ihrem Hause verbündeten Herrscherhöfe spazieren geführt. Jedermann liebte sie, bereitete ihr herzlichen Empfang. In den Tuilerieen besonders, wieviel Bälle! wieviel rauschende Festlichkeiten! Unter diesen zerschellten Mauern fand sie sie abermals wieder. Sie sah sie wieder, die ungeheuren und prächtigen Galerieen, die von Lichtern strahlten und von Edelgestein blitzten; die zwischen einer zwiefachen Reihe von glitzernden Kürassen über die großen Treppen dahinschwebenden hoffähigen Roben; auch die Klänge jener unsichtbaren Musik, die stoßweise vom Garten heraufdrang, hörte sie wieder, und sie kam ihr vor wie das Waldteufel-Orchester in den Marschallsälen. Hatte sie nicht nach dieser sprudelnden, lebensprühenden Melodie mit ihrem Vetter Maximilian acht Tage vor seiner Abfahrt nach Mexiko getanzt? . . . Ja, so war's! genau so! . . . Eine Quadrille hatte sie mit ihm getanzt, eine Quadrille, die von Kaisern und Königen, von Königinnen und Kaiserinnen getanzt worden war, deren üppige Verschlingungen und die an ihnen beteiligten erhabenen Physiognomieen durch jenes Motiv aus der »Schönen Helena« ihr wieder vor die Augen geführt wurden . . . Max, wie er sich mit sorgenumwölkter Miene an dem blonden Barte kaute! Charlotte ihm gegenüber, neben Napoleon, leuchtend, strahlend, von dieser Wonne, Kaiserin zu sein, wie umgewandelt . . . Wo waren sie heute, die Tänzer dieser herrlichen Quadrille? Alle tot, verjagt oder von Wahnsinn umnachtet! Trauer und Leid über Trauer und Leid! Unglück und Unheil über Unglück und Unheil! Gott also war jetzt nicht mehr auf der Seite der Könige!

Dann erinnerte sie sich alles dessen, was sie selbst erlitten hatte, seitdem ihr der Tod des alten Leopold die Doppelkrone von Illyrien und Dalmatien auf die Stirn gedrückt hatte. Ihre Tochter, der Erstling ihres Ehebundes, hinweggerissen von ihrer Seite mitten unter den Krönungs-Festlichkeiten durch eine von jenen fremden und namenlosen Krankheiten, welche die Erschöpftheit eines Blutes und das Ende eines Geschlechts in sich zusammenfassen! o! in so nahem Zeitverhältnisse hatten Krönung und Tod zueinander gestanden, daß die Wachskerzen der Sterbenacht sich mit den Illuminationsflammen an den Häusern der Stadt vermischten, und der Tag des Begräbnisses so unmittelbar gefolgt war, daß keine Zeit zur Fortnahme der Flaggen und Wimpel der Freudentage geblieben war. Dann kamen neben jenen großen und tiefen Schmerzen, neben jenem unterbrochenen Herzeleid über die schwächliche Gesundheit ihres Sohnes andere Kümmernisse, andere Trübsale, die nur ihr bekannt, die im geheimsten Winkel ihres weiblichen Stolzes verborgen waren. Ach! das Herz der Völker ist nicht treuer als das Herz der Könige. Eines Tages, ohne daß man wußte warum, entfremdete dieses Illyrien, das ihnen der Feste so viele gefeiert hatte, ihrem Fürstengeschlecht seine Herzen. Es kamen Mißverständnisse, Eigensinn hüben und Eigensinn drüben, Mißtrauen, zuletzt der Haß, jener grausige Haß eines ganzen Landes, jener Haß, den sie in der Luft witterte, in dem Stillschweigen, das über den Straßen lag, in der Ironie der Blicke, in dem Beben der gewölbten Stirnen witterte, so daß sie sich fürchtete, sich an einem Fenster zu zeigen, so daß sie auf den kurzen Ausfahrten, die sie machte, in den Hintergrund ihrer Karosse zurückfuhr.

O! diese Todesschreie unter den Terrassen ihres Schlosses von Laibach glaubte sie, als sie den großen Palast der Könige von Frankreich betrachtete, aber- und abermals zu vernehmen. Sie sah die letzte Staatsrats-Sitzung im Geiste wieder, die Minister mit den fahlen Gesichtern, närrisch vor Furcht dem Könige mit der Bitte um Abdankung nahend . . . dann die Flucht in Verkleidung als Bauern, zur Nachtzeit, über das Gebirge . . . die im Aufstand befindlichen, heulenden, brüllenden Dörfer, in denen alles trunken war von dem Freiheits-Rausche, trunken nicht minder wie in den Städten . . . allüberall Freudenfeuer auf den Gipfeln und Halden . . . und der Ausbruch von heißen Thränen, der sie inmitten all dieses Jammers übermannte, als sie in einer Hütte Milch fand als Abendbrot für ihren Sohn . . . endlich der plötzliche Entschluß, den sie dem Könige einflößte, sich in das noch getreue Ragusa einzuschließen, und dort, dort acht Wochen der Entbehrungen und Ängste und Unruhen, die Stadt belagert, eingeschlossen, bombardiert, das königliche Kind krank, fast Hungers sterbend, die Schande und Schmach der Uebergabe, um ein Ende zu machen . . . die unheimliche Einschiffung inmitten einer im tiefen Schweigen verharrenden Menschenmenge, und das französische Schiff, das sie zu andrem Jammer, andrem Elend trug, in die Kälte, in das Unbekannte des Exils hinein, während hinter ihnen die Flagge der Illyrischen Republik funkelnagelneu und sieghaft auf dem in Trümmer geschossenen Königsschlosse flatterte . . . all dies, all dies stand jetzt, durch die Tuilerieen ihr in die Erinnerung gerufen, wieder vor ihrem Auge.

»Das ist doch Schön-Paris! nicht wahr?« sagte plötzlich eine lustige und trotz ihres Näselns jugendliche Stimme.

Der König war eben auf dem Balkon erschienen, in seinen Armen den kleinen Prinzen haltend und ihm jenen Horizont von Laub, Dächern, Kuppeln und das Leben und Treiben der Straße in seinem schönen Licht gegen Ende des Tages hin zeigend.

»O! ja, ja, sehr schön! sehr schön!« sagte das Kind, ein armer Kleiner von fünf bis sechs Jahren, mit müden und scharfgeschnittenen Zügen, allzu blondem, kurz wie nach einer schweren Krankheit geschnittenem Haare. Er sah sich um mit schwachem, kränklichem Lächeln, erstaunt, den Kanonendonner der Belagerung nicht mehr zu hören, und ganz erfreut und aufgeheitert durch die Freude und Luft rings umher. Für ihn, für diesen Knaben, kündigte sich das Exil an auf eine glückliche Weise. Der König zeigte auch nicht mehr die gar so traurige Miene; er brachte von draußen, von einem zweistündigen Aufenthalt auf dem Boulevard, eine strahlende, überlustige Miene mit herein, die zu dem Kummer der Königin im lebhaftesten Gegensatze stand. Es waren übrigens zwei durchaus verschiedene Typen: er klein, schwächlich, matten Teints, mit schwarzem, frisiertem Haar, schwachem Schnurrbart, den er fortwährend mit bleicher und allzu schmiegsamer Hand strich, mit hübschen, etwas trüben Augen und einem Blick, der einen Ausdruck von Unentschlossenheit und Kindlichkeit zeigte, der, wenn man ihn sah und ob er auch die Dreißig schon überschritten hatte, zu dem Ausrufe veranlaßte: »Wie jung er ist!« Die Königin hingegen, eine kräftige Dalmatinerin mit ernster Miene, vornehmer Gebärde, der wirklich männliche Teil dieses Paares trotz dem durchsichtigen Glanze ihrer Hautfarbe und ihrem prächtigen Haar von jenem venetianischen Blond, dem der Orient die roten und malvengelben Töne des Henna beizumischen scheint. Christian ihr gegenüber hatte die gezwungene, ein wenig peinliche Haltung eines Ehemannes, der zuviel Freundschaftsdienste, zuviel Opfer angenommen hat. Er erkundigte sich mit sanfter, weicher Stimme nach ihrer Gesundheit, ob sie geschlafen hätte und wie ihr die Reise bekommen sei. Sie antwortete mit absichtlicher Sanftheit, voller Herablassung, beschäftigte sich in Wirklichkeit aber nur mit ihrem Sohne, dessen Nase, Wangen sie befühlte, dessen sämtliche Bewegungen sie mit Gluckhennen-Ängstlichkeit verfolgte.

»Es geht schon besser mit ihm als dort unten,« sagte Christian mit halblauter Stimme.

»Ja! er bekommt wieder Farbe,« gab sie in dem nämlichen vertrauten Tone zur Antwort, den sie nur dann anschlugen, wenn sie von dem Kinde redeten.

Und das Kind, es lachte dem einen zu und dem andern, und wurde durch die Art seiner niedlichen Liebkosung Ursache, daß die Stirnen des Elternpaares sich einander näherten, ganz so, als hätte das Kind schon Verständnis dafür besessen, daß seine beiden Ärmchen das einzige wahrhafte Band zwischen diesen beiden einander so unähnlichen Wesen bildeten. Unten auf dem Bürgersteig waren seit einer kurzen Weile einige Neugierige, denen die Ankunft der fürstlichen Personen zu Ohren gekommen war, stehen geblieben und richteten die Blicke hinauf zu diesem König und dieser Königin von Illyrien, welche durch ihre heldenhafte Verteidigung in Ragusa zur Berühmtheit gelangt waren und deren Bildnisse in den illustrierten Blättern auf der ersten Seite figurierten. Nach und nach sammelten sich die Gaffer, als sei eine Taube auf Dachesrand oder ein aus seinem Käfig gebrochener Papagei zu sehen, zu Haufen und reckten den Hals in die Höhe, ohne zu wissen, um was es sich handelte. Dem Hotel gegenüber stellte sich eine dichte Menge auf, und alle diese unverwandt starrenden Blicke lenkten andere Blicke auf dieses junge Paar im Reisekostüm hin, das von dem Kind mit seinem blonden Kopfe überragt wurde, gleichsam als fühle es sich auferhoben durch die Hoffnung der Besiegten und durch die Freude, die sie darüber empfanden, es nach einem so schrecklichen Sturme noch lebendig in den Armen zu halten.

»Kommst Du, Friederike?« fragte der König, welcher sich durch die Aufmerksamkeit all dieser Menschheit beklommen fühlte.

Sie aber, erhobenen Hauptes als Königin, die daran gewöhnt ist, dem Widerstreben der Massen zu trotzen, sagte:

»Warum? man sitzt doch sehr gut hier auf diesem Balkon.«

»Ach, deshalb . . . ich hatte vergessen . . . Rosen ist da mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter . . . Er bittet, Dir seine Aufwartung machen zu dürfen.«

Bei diesem Namen Rosen, der ihr soviel wackere, loyale Dienste in die Erinnerung rief, flammten die Augen der Königin auf.

»Mein tapferer Herzog! Ich erwartete ihn,« . . . sagte sie – und als sie vor ihrem Zurücktritt vom Balkon einen stolzen, hoheitsvollen Blick über die Straße warf, schwang sich ein Mann ihr gegenüber auf die Untermauerung des Tuilerieen-Gitters, eine Minute lang die Menschenflut um seine volle Länge überragend. Es war ein Vorgang ganz so wie damals in Laibach, als man nach ihrem Fenster geschossen hatte. Friederike hatte in undeutlicher Weise die Vorstellung von einem Attentate dieser Art und warf sich hinterwärts. Eine große Stirn, ein geschwenkter Hut, fliegendes Haar, das im Glanze des Sonnenlichtes blinkte, während eine ruhige und kräftige Stimme durch das Geschwirr der Menge hindurch ein »Es lebe der König!« rief – das war alles, was sie von diesem unbekannten Freunde hatte sehen können, der es am helllichten Tage in diesem republikanischen Paris, vor den zertrümmerten Tuilerieen wagte, Souveränen ohne Krone einen Willkommen zuzurufen. Dieser sympathische Gruß, dessen sie seit so langer Zeit beraubt gewesen war, machte auf die Königin den Eindruck eines hell aufflammenden Feuers nach einem Marsche in großer Kälte. Sie wurde von ihm wieder warm, warm vom Herzen aus bis auf die äußere Haut, und der Anblick des alten Rosen vervollständigte diese lebhafte und wohlthätige Reaktion.

Der General Herzog von Rosen, ehemaliger Chef der Militär-Kanzlei, hatte Illyrien seit drei Jahren verlassen, seit ihn der König seines Vertrauenspostens enthoben, um einen Mann liberaler Richtung mit ihm zu bekleiden, in Begünstigung also der neuen Ideen zum Nachteile und Schaden jener Partei, die man damals in Laibach die Partei der Königin nannte. Gewiß! König Christian hatte ihn kalten Blutes geopfert, hatte ihn ohne ein Wort des Bedauerns, ohne ein Lebewohl ziehen lassen, ihn, den Sieger von Mostar, von Livno, den Helden der großen montenegrinischen Kriege! – gewiß! und er konnte mit Christian schmollen! konnte Christian grollen! Nachdem er Schlösser, Grund und Boden verkauft, seinen Aufbruch aus dem Lande mit allein Eclat eines öffentlichen Protestes in Scene gesetzt hatte, hatte sich der alte General in Paris niedergelassen, verehelichte dort seinen Sohn und fühlte nun während drei langer Jahre vergeblichen Harrens, wie sein Zorn gegen die königliche Undankbarkeit durch die Trübsale der Emigration, durch die Trübsinnigkeit eines Lebens ohne Beschäftigung, ohne Thätigkeit wuchs und sich steigerte. Und doch lief er bei der ersten Kunde, die ihm von der Ankunft seiner Fürsten wurde, ohne Besinnen, ohne Zaudern herbei und stand jetzt, mit seiner kolossalen Gestalt bis zum Kronleuchter hinaufragend, stramm und kerzengrade mitten im Salon und wartete mit soviel Ergriffenheit der Gnade eines huldreichen Empfanges, daß man sehen konnte, wie ihm die langen Pandurenbeine am Leibe zitterten, wie unter dem Großkordon des illyrischen Hausordens sein breiter und kurzer, von einem prallen Fracke militärischen Schnittes bekleideter Rumpf sich in schweren Atemzügen hob und senkte. Der Kopf, ein keiner Sperberkopf mit stahlhartem Blicke und Raubvogel-Physiognomie, verharrte mit seinen drei weißen, zu Berge gesträubten Haaren und den tausenden von Fältchen und Runzeln seiner im Feuer zu Horn gebrannten Haut in unentwegter, unbeirrter Ruhe. Der König, welcher kein Freund von Gefühlsscenen war, und dem dieser Besuch einigermaßen ungelegen kam, entledigte sich seiner Verlegenheit dadurch, daß er einen lustigen Verkehrston, einen Ton ritterlicher Herzlichkeit anschlug.

»Nun sehen Sie, General!« sagte er, mit ausgestreckten Händen ihm entgegentretend, »Sie hatten doch Recht! . . . Ich habe den Zügel zu locker gelassen . . . Ich habe mich zusammenbeuteln lassen und sitze nun auf dem Sande.«

Als er dann sah, daß der greise Diener im Begriff war, das Knie zu beugen, hob er ihn mit einer Bewegung voll Hoheit und Adel auf und preßte ihn lange an seine Brust. Niemand fürwahr hätte den Herzog hindern können, sich vor seiner Königin auf ein Knie niederzulassen, welcher die in respektvoller Leidenschaftlichkeit dargebrachten Liebkosungen ihrer Hand durch diesen hoch in Jahren stehenden Schnurrbart eine seltsame Erregung bereitete.

»Ach! mein armer Rosen! . . . mein armer Rosen!« flüsterte sie.

Und behutsam schloß sie die Augen, damit man ihre Thränen nicht sehe. Aber all die anderen Thränen, die sie seit Jahren vergossen hatte, hatten auf der zarten und mit leichtem Flaum überhauchten Seide ihrer blonden Lider ihre Spur zurückgelassen, und die durchwachten Nächte, die Ängste und Unruhen, jene marternden Stunden, welche die Frauen in der tiefsten Tiefe des Wesens zu verwahren glauben und die zur Oberfläche aufsteigen, gleichwie die geringsten Bewegungen die Fläche eines Wassers mit sichtbaren Falten furchen. Auf die Zeitspanne einer Sekunde hatte dieses schöne Gesicht mit der reinen Miene einen ermüdeten, schmerzlichen Ausdruck gezeigt, welcher dem Blicke des alten Soldaten nicht entgangen war. »Wie sie gelitten hat!« dachte er, während er sie betrachtete; und um seine Erregung zu verbergen, die jetzt auch ihn übermannte, erhob er sich plötzlich wieder, wendete sich nach seinem Sohn und seiner Schwiegertochter herum, die beide am andern Ende des Saales stehen geblieben waren, und mit der nämlichen Stimme, wie er in den Straßen zu Laibach: »Säbel heraus! drauf' auf die Kanaille!« schrie, kommandierte er jetzt:

»Colette! Herbert! vortreten! begrüßt Eure Königin!«

Der Prinz Herbert von Rosen, fast von derselben Körpergröße wie sein Vater, mit der Kinnlade eines Pferdes und harmlosen Püppchen-Wangen, trat näher, gefolgt von seiner Frau. Er ging schwerfällig und mühsam, gestützt auf einen Stock. Vor acht Monaten etwa hatte er sich bei dem Rennen zu Chantilly das Bein gebrochen und ein Paar Rippen verrenkt; und der General ermangelte nicht, hierzu die Bemerkung zu machen, daß wenn nicht dieser Zwischenfall eingetreten wäre, der das Leben seines Sohnes in Gefahr gesetzt hätte, sie beide nach Ragusa geeilt sein würden, sich dort mit einschließen zu lassen.

»Ich wäre mit Ihnen mitgereist, teurer Papa!« fiel ihm die Prinzessin mit heroischem Ton ins Wort, der zu ihrem Namen Colette und ihrem kleinen geistreichen, unter einem Wust von Löckchen lustig sich aufwärts reckenden Stumpfnäschen nicht recht passen mochte.

Die Königin konnte sich nicht wehren zu lächeln und reichte ihr sehr herzlich die Hand. Christian, der sich den Schnurrbart drehte, betrachtete mit Amateursinteresse, mit eifriger Neugierde dieses hübsche Vögelchen der Mode mit langem und schillerndem Gefieder, alles nur Rock und Volants, und dessen ausgeputzte Allerliebstheit ihm eine angenehme Abwechselung zu sein bedünkte von den großen Zügen und dem majestätischen Typus dort unten zu Lande. »Teufelskerl von einem Herbert! wo hat er sich bloß ein derartiges Juwel verschaffen können!« sagte er bei sich, mit Neid gegen seinen einstmaligen Spielgefährten, diesen großen Tolpatsch mit den Kalbsaugen, dem gescheitelten und nach russischer Weise auf eine kurze und gar zu schmale Stirn geklatschten Haar. Sodann kam ihm der Einfall, daß wenn es in Illyrien an diesem Frauentypus fehle, er in Paris auf den Straßen herumlaufe, und von diesem Gesichtspunkte aus erschien ihm das Exil ganz entschieden erträglich. Übrigens konnte ja dieses Exil doch nicht lange dauern. Die Illyrier würden ihrer Republik schnell genug überdrüssig sein. Es würde eine Sache von acht Wochen sein oder einem Vierteljahr; länger würden sie kaum im Auslande zu verweilen notwendig haben. Eine Art Königs-Ferien also, die er so lustig wie möglich zu verleben bestrebt sein müßte.

»Begreifen Sie das, General?« sagte er unter Lachen, »man hat mich bestimmen wollen, ein Haus zu kaufen . . . Ein Herr, ein Engländer, ist heut Morgen hergekommen, hat sich anheischig gemacht, ein prächtiges, möbliertes, tapeziertes Hotel mit Marstall, Equipagen in der Remise, mit Wäsche und Leinenzeug, Silberzeug, Tafelgeschirr, Personal undsoweiter, alles binnen achtundvierzig Stunden und in dem Stadtviertel beschaffen zu wollen, welches mir am besten gefallen würde.«

»Ich kenne Ihren Engländer, Monseigneur; es ist Tom Lewis, der Agent für Fremde und Ausländer . . .«

»Ja, das scheint er mir freilich . . . ein Name von diesem Klange war es . . . Sie haben Geschäfte mit ihm?«

»O! alle Fremden und Ausländer, wenn sie nach Paris kommen, empfangen von Tom und seinem Cab Besuch . . . Aber ich wünsche Ihrer Majestät, daß die Bekanntschaft hierbei ihr Bewenden haben möge . . .«

Prinz Herbert musterte, als von Tom Lewis gesprochen wurde, mit besonderer Aufmerksamkeit die Bänder seiner über dem streifigen Muster seiner seidenen Strümpfe ausgeschnittenen Schuhe. Dies und der verstohlene Blick, welchen die Prinzessin nach ihrem Manne hinwarf, benachrichtigten Christian, daß sobald er über den berühmten ›Hans in allen Gassen ‹ der Rue Royale Auskünfte nötig hatte, die jungen Leute sie ihm würden geben können. Wozu aber konnten die Dienste der Agentur Lewis ihm von Nutzen sein? Er hatte weder nach Haus noch Wagen Verlangen, und seine ziemlich feste Absicht war, die paar Monate ihres Aufenthaltes in Paris im Hotel zu verleben . . .

»Ist das Ihre Meinung nicht auch, Friederike?«

»O! ganz gewiß! es ist weit klüger,« antwortete die Königin, obwohl sie im Grunde ihres Herzens die Illusionen ihres Mannes so wenig teilte, wie seinen Geschmack für diese provisorischen Unterkünfte.

Der alte Rosen seinerseits wagte einige Bemerkungen. Dieses Gasthofsleben schien ihm der Würde des illyrischen Königshauses nicht zu entsprechen. Paris war in diesem Augenblicke angefüllt von Souveränen im Exil. Alle führten hier ein sehr verschwenderisches Leben. Der König von Westfalen bewohnte in der Rue Neubourg eine gar prächtige Residenz mit einem berühmten Pavillon daran, in welchem die Verwaltungszweige und andere dienstliche Chargen untergebracht waren. Das Hotel der Königin von Galizien draußen auf den Champs-Elysées war ein wirklicher Palast von echt königlichem Luxus, und das Gefolge, das sie hielt, war ebenso echt königlich. Der König von Palermo hielt seinen Hof in Saint-Mandé, besaß einen großen Marstall und ein ganzes Bataillon von Dienerschaft.

Sogar der Herr Herzog von Parma that es nicht anders als daß er in seinem kleinen Hause in Passy eine Art von Hofhaltung führte und immer fünf bis sechs Generäle bei sich zur Tafel hatte.

»Ohne Zweifel, ohne Zweifel,« sagte Christian ungeduldig, »aber das ist nicht eine und dieselbe Sache . . . Diese Souveräne, die Sie mir da nennen, werden Paris nicht wieder verlassen . . . Übrigens giebt es einen guten, sehr guten Grund dafür, daß wir das Palais nicht kaufen, Freund Rosen. Man hat uns dort unten alles genommen. Einige hunderttausend Franken bei den Rothschilds in Neapel und unser armseliges Diadem, das Madame de Silvis in einem Hutkarton gerettet hat, das ist alles, was man uns gelassen hat . . . Wunderbare Frau, diese Marquise! hat diese lange Reise ins Exil gemacht, zu Fuß, übers Meer hinüber, im Bahn- und im Reisewagen, und keine Minute ihren kostbaren Karton aus der Hand gelassen. Das war so drollig, so drollig!«

Und da das kindliche Temperament in ihm überwog, so fing er an, über die Not, in die sie geraten, wie über die amüsanteste Sache von der Welt zu lachen.

Der Herzog hingegen, der Herzog lachte nicht.

»Sire,« sprach er mit solcher Ergriffenheit, daß die sämtlichen ihm vom Alter gezogenen Furchen darob erbebten; »Sie erweisen mir eben die Ehre, mir die Versicherung zu geben, daß Sie Bedauern darüber empfinden, mich Ihrem Rat und Ihrem Herzen so lange fern gelassen zu haben . . . Wohlan! ich erbitte mir zum Ersatz hierfür eine Gnade . . . So lange Ihr Exil dauern wird, so lange übergeben Sie mir wieder die Ämter, die ich in Laibach bei Ihren Majestäten inne hatte . . . als Chef des Civil- und Militär-Kabinetts.«

»Da seh' mir einer den vom Ehrgeiz Beseelten!« rief der König heiter. Dann fuhr er im freundschaftlichen Tone fort: »Aber es giebt ja kein Königshaus und keine Kanzlei mehr, mein armer General, weder eine Civil- noch eine Militär-Kanzlei . . . Die Königin hat ihren Kaplan und zwei Frauen . . . Zara seine Gouvernante . . . Ich, ich habe mir Boscowich mitgenommen für die Korrespondenz und Meister Lebeau für die Kinnrasur . . . Und das ist alles . . .«

»In diesem Fall will ich meine Bewerbung wiederholen. Eure Majestät geruhen vielleicht, meinen Sohn Herbert zum Adjutanten zu ernennen und die hier anwesende Prinzessin zur Vorleserin und Ehrendame der Königin?«

»Das heißt meinem Wunsch sehr zuvorkommen, Herzog,« sagte die Königin, mit ihrem schönen Lächeln Colette anblickend, die von ihrer neuen Würde ganz geblendet war.

Was den Prinzen angeht, so fand er für seinen Souverän, der ihm mit der nämlichen Huld ein Patent als Adjutant überreichte, als Dank nichts als ein anmutiges Gewieher, das er sich durch den ständigen Aufenthalt im Tattersall zur Gewohnheit gemacht hatte.

»Ich werde die drei Ernennungen morgen früh zur Unterschrift unterbreiten,« setzte der General mit respektvollem Tone, aber kurz hinzu, dadurch anzeigend, daß er sich schon als im Besitze seines neuen Amts befindlich ansehe.

Als der junge König diese Stimme, diese Redeform hörte, mit denen er so lange und so feierlich verfolgt worden war, ließ er auf seinem Gesicht einen Ausdruck von Entmutigung und Langweile sichtbar werden; dann aber tröstete er sich mit dem Anblick der Prinzessin, die durch das Glück verschönert und umgewandelt wurde, wie es bei jenen niedlichen Gesichtern ohne Gesichtszüge, die sämtlich unter dem pikanten und unaufhörlich verschobenen Schleier ihrer Physiognomie stecken, der Fall zu sein pflegt. Denke man doch nur! Ehrendame bei der Königin Friederike, sie, Colette Sauvadon, die Nichte von Sauvadon, dem dicken Weinhändler aus Bercy! Was man wohl in der Rue de Varennes, in der Rue Dominique, in jenen so exklusiven Salons dazu sagen würde, wo ihre Vermählung mit Herbert ihr wohl Zutritt zu den großen Festen gewährt hatte, sie aber niemals eines intimeren Verkehrs gewürdigt worden war! Schon schweifte ihr bischen weltliche Einbildungskraft auf Reisen nach einem phantastischen Königshofe. Sie sann über die Besuchskarten, die sie sich drucken lassen würde, über eine vollständige Erneuerung ihrer Toiletten, über eine Robe in den Farben Illyriens, über Kokarden gleicher Art für die Stirnriemen der Rosse . . . Der König aber sprach neben ihr: »Es ist die erste Mahlzeit, die wir auf dem Boden der Verbannung genießen,« sagte er halb ernsten, mit Absicht emphatischen Tones . . . »Ich wünsche, daß die Tafel lustig sei, und daß alle unsre Freunde an ihr mit teilnehmen!«

Und als er der ob dieser brüsken Einladung verstörten Miene des Generals ansichtig wurde, fuhr er fort:

»Ach richtig! 's ist ja wahr, die Etikette . . . die Tracht! Sapperlot! Wir haben uns alles dessen während der Belagerungszeit entwöhnt, und unser Herr Haushofmeister wird allerhand Reformen zu treffen haben . . . Bloß um das eine bitte ich, daß mit ihnen erst morgen der Anfang gemacht werde.«

In diesem Augenblicke thaten sich die beiden Thürflügel weit auf, und der Oberkellner des Hotels zeigte Ihren Majestäten an, daß das Diner ihrer harre. Die Prinzessin erhob sich schon mit über und über strahlender Miene, um Christians Arm zu nehmen; der König aber reichte der Königin den Arm und führte sie ohne sich wegen der anderen Gäste zu beunruhigen, nach dem Speisesaal. Das ganze Hof-Ceremoniell war, obgleich der König sich so ausgesprochen hatte, doch nicht in den Tiefen der Kasematten von Ragusa sitzen geblieben.

Der Übergang vom Sonnen- zum künstlichen Licht berührte die zur Tafel geladenen Personen bei ihrem Eintritte sichtlich. Trotz Kronleuchter und Kandelabern, trotzdem drei große Lampen auf den Buffets standen, sah man doch kaum; es war, als ob das vor der Zeit mit rauher Hand verscheuchte Tageslicht über allen Gegenständen die zögernden Schatten eines Dämmerlichtes zurückgelassen hätte.

Was zu dieser Unerquicklichkeit des äußeren Eindrucks hinzutrat, das war die Länge der Tafel und das Mißverhältnis, in welchem sie zu der kleinen Anzahl von Gästen stand, die an ihr Platz nahm. Um hinsichtlich ihrer Größe und Länge den Anforderungen der Etikette gerecht zu werden, hatte man nach ihr im ganzen Hotel herum gesucht. Der König und die Königin nahmen zusammen an einem ihrer beiden Enden Platz, ohne jemand neben sich noch sich gegenüber zu haben. Dieser Brauch erfüllte die kleine Prinzessin mit Staunen und Bewunderung. In den letzten Tagen des Kaiserreichs war sie zu einem Diner in den Tuilerieen hinzugezogen worden und entsann sich noch genau des Umstandes, daß sie den Kaiser und die Kaiserin echt bürgerlich einander gegenüber sitzen gesehen hatte, wie ein junges Ehepaar, das sich zu ihrer ersten Mahlzeit nach dem Hochzeitstage setzt. »Ah! sieh da! sieh da!« sprach das kokette kleine Persönchen zu sich, indem es mit entschlossener Gebärde seinen Fächer zuklappte und zusammen mit ihren Handschuhen neben sich legte; »das also ist die Legitimität! Es geht über sie doch nichts!« Dieser Gedanke wandelte die Art von menschenleerer Table d'hôte, deren Anblick an die prächtigen Gasthöfe des »Italienischen Hornes« zwischen Monaco und San-Remo zu Anfang der Saison erinnerte, wenn das Gros der Touristen noch nicht angekommen ist, in ihren Augen vollständig um. Dasselbe buntscheckige Gewürfel von Menschen und Toiletten: Christian im kurzen Rock, die Königin in ihrem Mittelkostüm zwischen Reit- und Reisekleid, Herbert und seine Frau im Promenaden-Anzug, die Franziskanerkutte des Paters Alpheus und Kaplans der Königin, neben der überladenen Halbuniform des Generals: es ließ sich im großen und ganzen kaum etwas denken, was minder imposant gewesen wäre. Ein einziges Ding machte wirklich den Anblick der Großartigkeit: das war das Gebet des Kaplans, als er den göttlichen Segen über diese erste Mahlzeit im Exil herniederflehte:

»quae sumus sumturi primo die in exilio« . . . . . . (Speisen,) die wir am ersten Tage in der Verbannung essen wollen. sagte der Mönch mit ausgebreiteten Händen; und diese langsam recitierten Worte schienen die kurzen Ferien des Königs in ferne, ferne Zukunft hinaus zu dehnen.

»Amen!« antwortete mit ernster Stimme der entthronte König. Es war, als seien ihm in dem kirchlichen Latein endlich die tausende zerrissener, noch frischer und zitternder Bande zur Empfindung gelangt, welche, wie lebendige Wurzeln an ausgerissenen Bäumen, an den Verbannten aller Zeiten hängen bleiben.

Aber an dieser schmeichelnden, höflichen Slavennatur hafteten die stärksten Eindrücke nicht. Kaum hatte er sich zur Tafel niedergesetzt, so fand er auch seine frohe Laune, sein zerstreutes Wesen wieder und fing an, fleißig zu plaudern. Aus Rücksicht auf die anwesende Pariserin befleißigte er sich der französischen Sprache, die er sehr rein, aber mit einem leichten italienischen Lispeln sprach, das sich zu seinem Lachen sehr gut schickte. In einem heldenhaft-komischen Tone erzählte er gewisse Episoden aus der Belagerungszeit: Die Unterbringung der Hofhaltung in den Kasematten und die seltsame Figur, die dort die Frau Erzieherin und Marquise Eleonore von Silvis mit ihrem grünbebuschten Tok und ihrem Plaid gemacht hatte. Zum Glück dinierte die harmlose Dame im Zimmer ihres Zöglings und konnte das Lachen nicht hören, das durch die Scherzreden des Königs hervorgerufen wurde. Boscowich und sein Herbarium dienten ihm dann für seinen Witz als Zielscheibe. Man hätte wirklich meinen können, als wolle er am Ernste der Verhältnisse durch dumme Zungenwitze seine Rache kühlen. Der Herr Hofrat Boscowich war ein kleiner Mann, dem man kein Alter ansah, furchtsam und sanft, und hatte Kaninchenaugen, die immer von der Seite guckten. Er war ein gelahrter Jurist und passionierter Botaniker. In Ragusa hatte er, wenn die Gerichtshöfe geschlossen waren, seine Zeit unter Granaten und Bomben mit Botanisieren in den Laufgräben der Festungswerke verbracht, mit der völlig unbewußten Heldenhaftigkeit eines Geistes, der ganz in seiner Manie aufgeht und sich in der ungeheuren Zügellosigkeit aller Verhältnisse daheim einzig und allein um ein in den Händen der Liberalen zurückgebliebenes Herbarium Sorgen und Kummer machte.

»Was meinst Du wohl, mein armer Boscowich,« sagte Christian, um ihm einen Schreck einzujagen, »was für ein schönes Freudenfeuer sie aus diesem Berge getrockneter Blumen gemacht haben müssen . . . wenn es nicht am Ende gar der Republik, die ja doch zu arm ist, eingefallen ist, aus Deinen großen grauen Löschbogen Reservekapuzen für ihre Milizen anzufertigen . . .«

Der Rat lachte wie die ganze Gesellschaft, aber mit erschreckten Mienen, und rief ein »Ei du! ei du!« über das andre, wodurch sich seine kindlichen Befürchtungen deutlich verrieten.

»Wie reizend der König ist! . . . wie geistreich! . . . und was für Augen er hat!« . . . dachte die kleine Prinzessin, nach welcher hin Christian sich aller Augenblicke neigte, bestrebt den Abstand zu verringern, welchen das Ceremoniell zwischen sie setzte.

Es war eine Freude mitanzusehen, wie sie unter dem offenkundigen Wohlgefallen dieses erhabenen Blickes aufblühte, mit ihrem Fächer spielte, von Zeit zu Zeit einen schwachen Ausruf that und ihre schmiegsame Taille zurückbeugte, die von dem wohlklingenden Lachen in sichtbaren Wellen erzitterte. Die Königin schien sich durch die Haltung, welche sie zeigte, wie durch die eifrige Unterhaltung, die sie mit ihrem Nachbarn, dem alten Herzog, führte, von dieser übersprudelnden Lustigkeit abzuschließen. Zu zwei, drei malen, wenn das Gespräch auf die Belagerung kam, warf sie einige Worte dazwischen, und immer in der Absicht, die Tapferkeit des Königs, sein strategisches Wissen in das Licht zu setzen. Dann nahm sie ihre Unterhaltung mit dem General wieder auf. Der General befragte sie mit halblauter Stimme nach dem Hofstaat, nach seinen alten Gefährten und Kameraden, welche, glücklicher als er, ihrem Fürsten nach Ragusa gefolgt waren. Viele von ihnen waren dort geblieben, und bei jedem Namen, welchen Rosen aussprach, hörte man aus dem Munde der Königin die ernste Antwort: »Tot! . . . tot!« Ernst und unheimlich klang das Wort, das diesen Verlusten so jungen Datums die Sterbeglocke läutete. Als man nach dem Diner in den Salon zurückgekehrt war, heiterte sich aber auch Friederike einigermaßen auf. Sie forderte Colette von Rosen auf, sich zu ihr auf einen Divan zu setzen, und redete mit ihr in jenem Tone herzlicher Vertraulichkeit, den sie einzuschlagen verstand, wenn sie sich Sympathieen erwecken wollte. Dieser Klang ihrer Stimme hatte Ähnlichkeit mit dem Druck ihrer schönen offnen Hand, deren Finger fein und zart, deren Fläche aber kräftig war und jeden, den sie mit ihr berührte, ihrer wohlthuenden Energie teilhaftig machte. Dann sagte sie plötzlich:

»Lassen Sie uns doch einmal sehen, was Zara macht.«

Sie schritten einen langen Gang entlang, der wie die übrigen Räume der Wohnung, mit übereinander geschichteten Kästen, mit geöffneten Koffern angefüllt war, auf denen Wäsche und andre Bekleidungsgegenstände im bunten Durcheinander der eben erst stattgefundenen Ankunft ihrer Eigentümer umherlagen. Am Ende dieses Ganges öffnete sich das Zimmer des jugendlichen Prinzen. Es wurde von einer Schirmlampe erhellt, deren Schein aber unmittelbar vor den blauen Bettgardinen, hinter welchen der Prinz ruhte, zu wirken aufhörte.

Eine Dienerin saß auf einem Koffer und schlummerte. Ihren Kopf umhüllte die weiße Haube und jenes große, rosig gesäumte Tuch, welches den Kopf der dalmatinischen Frauen vervollständigte.

Neben dem Tische saß die Hofmeisterin, den Kopf leicht auf den Ellbogen gestützt und ein aufgeschlagenes Buch auf den Knieen. Auch sie schien dem einschläfernden Einfluß ihrer Lektüre zu erliegen und wahrte noch im Schlummer jenen romantischen, sentimentalen Hauch, an welchem der König so kräftigen Spott übte. Der Eintritt der Königin weckte sie nicht auf; wohl aber den kleinen Prinzen, der bei der ersten Bewegung des ganzen Gewebes, mit welchem seine Lagerstatt verhängt war, seine kleinen Händchen ausstreckte und sich mit offnen Augen, verstörtem Blicke in die Höhe zu richten bemühte. Seit einigen Monaten war er so daran gewöhnt, mitten in der Nacht aus dem Schlafe geweckt, in aller Hast zur Flucht oder zur Abreise angekleidet zu werden, beim Erwachen neue Örtlichkeiten und neue Gesichter zu sehen, daß sein Schlaf seiner heilsamen Dauer verlustig gegangen und nicht länger mehr jene zehnstündige Reise ins Land der Träume war, welche die Kinder mit dem kurzen, regelmäßigen, fast unmerklichen Hauche ihres kleinen, halb geöffneten Mundes vollbringen

»Guten Abend, Mamachen,« sagte er ganz leise . . . »müssen wir uns schon wieder flüchten?«

Es klang aus diesem ergebungsvollen, rührenden Rufe deutlich heraus, daß das Kind viel gelitten, erduldet hatte, daß das Unglück, das ihm widerfahren, seine Kräfte weit überstieg.

»Nein, nein, mein Liebling! diesmal nun sind wir in Sicherheit . . . Schlafe, schlafe! Du mußt schlafen.«

»O! dann um so besser . . . Ich will wieder in den Glasberg zurückgehen mit dem Riesen Robistor . . . dort war es mir so wohl.«

»Das sind die Geschichten von Frau Eleonore, die ihm den Sinn verwirren,« sagte die Königin sanft . . . »Armer Kleiner! Das Leben ist für ihn so schwarz, so düster . . . Bloß Märchen sind's, die ihm Freude und Unterhaltung schaffen . . . man wird sich doch schlüssig werden müssen, ihm auch andere Dinge in den Kopf zu setzen.«

Während dieser Worte richtete sie das Kopfkissen, auf welchem das Kind ruhte, zurecht, und bettete das Kind darauf mit zärtlichen, kosenden Gebärden, wie es keine einfache Bürgersfrau anders gemacht haben würde. Das waren Dinge, die alle die großen Ideen, die Colette von Rosen sich über das Königstum in ihrem Köpfchen zurecht gedacht hatte, vollständig über den Haufen warfen. Und als sich die Königin dann über das Kind beugte, ihm einen Kuß zu geben, da raunte es ihr die Frage ins Ohr, ob was man in der Ferne grollen höre, der Donner von Geschützen sei oder das Brausen des Meeres. Die Königin lauschte eine Sekunde lang einem verworrenen, ununterbrochenen Rollen und Wogen, das von Zeit zu Zeit die Thüren zum Knarren, die Scheiben zum Zittern brachte und das Haus vom Boden bis zum Giebel hinauf einhüllte, bald schwächer wurde, um von neuem einzusetzen, bald sich mit einem male aufnahm und anschwoll, um in die fernen Weiten der Nacht hinaus zu entfliehen.

»Es ist nichts, mein Kind, nichts . . . Das ist Paris! Paris, mein Sohn . . . Schlafe nur, schlafe!«

Und dieser vom Throne gestürzte kleine Mann, dem man von Paris wie von einer sicheren Zufluchtsstätte gesprochen hatte, schlief vertrauensvoll wieder ein, eingelullt durch die Stadt der Revolutionen.

Als die Königin und die Prinzessin wieder in den Salon zurücktraten, trafen sie dort eine junge Dame von sehr vornehmem Wesen und Aussehen, die sich stehend mit dem Könige unterhielt. Der vertrauliche Ton, welcher in dieser Unterhaltung herrschte, die ehrerbietige Entfernung, in welcher sich das Auditorium hielt, waren Anzeichen dafür, daß es sich um eine Persönlichkeit von hoher Bedeutung handelte. Die Königin that einen erregten Ausruf:

»Maria!«

»Friederike!«

Und der nämliche Ansturm von Zärtlichkeit zu ihrer beider Herzen führte sie einander in die weitgeöffneten Arme. Auf eine stumme Frage seiner Frau nannte Herbert von Rosen den Namen der Dame. Es war die Königin von Palermo. Um ein weniges größer und schmächtiger als ihre Cousine von Illyrien, schien sie auch um einige Jahre älter zu sein. Ihre schwarzen Augen, ihr schwarzes, platt über die Stirn hinaus gekämmtes Haar, ihre matte Hautfarbe liehen ihr das Aussehen einer Italienerin, obwohl sie dem bayrischen Königshause entstammte. Das einzige, was deutsch an ihr zu nennen war, war die stramme Haltung ihrer langen und vollen Büste, der stolze Ausdruck in ihrem Lächeln und eine gewisse Häufung und Harmonielosigkeit in der Toilette, welche die Frauenwelt jenseits von derjenigen diesseits des Rheines unterscheidet. Friederike, welche frühzeitig verwaiste, war zusammen mit dieser Cousine in München erzogen worden, und wenn sie auch das Leben frühzeitig voneinander geschieden hatte, so hatten sie sich einander doch eine lebhafte Zuneigung bewahrt.

»Sieh', meine Liebe!« sprach die Königin von Palermo, der Freundin beide Hände entgegenstreckend – »ich habe es nicht erwarten können, Dich zu begrüßen. Cecco ist gar nicht wieder heimgekommen . . . da dachte ich, Du geh'st ohne ihn . . . er läßt auch immer so lange warten! . . . Ich habe Deiner, Eurer so viel gedacht! . . . O! nachts habe ich gemeint, den Kanonendonner von Ragusa, von Vincennes zu hören . . .«

»Es war nur das Echo des Donners von Caserta,« fiel Christian ihr ins Wort, auf die heldenhafte Haltung anspielend, welche diese vertriebene und gleich ihnen gestürzte Königin vor ein paar Jahren bewiesen hatte.

Sie seufzte:

»Ach ja! Caserta! Man hat uns damals recht im Stiche gelassen; uns auch! . . . Wie bedauerlich! wie schade! Wie wenn nicht alle Kronen solidarisch sein müßten! . . . Jetzt aber ist's damit aus und zu Ende . . . die Welt ist ein Narrenhaus . . .«

Dann sich zu Christian wendend:

»Gleichviel, gleichviel! Mein Kompliment, Vetter! . . . Sie sind als König gefallen!«

»O!« sagte er, auf Friederike zeigend, »sie ist der wahrhafte König von uns beiden . . .«

Eine Handbewegung seiner Frau schloß ihm den Mund . . . Er verbeugte sich lächelnd und machte eine Schwenkung auf dem Absatze zu Herbert herum.

»Rauchen wir doch eine Cigarre, Herbert!« sagte er zu seinem Adjutanten.

Und die beiden Herren traten auf den Balkon hinaus. Der Abend war warm und prächtig, der Tag kaum erst in dem blendenden Gaslicht erloschen, in welchem er in bläulichen Schimmern dahinstarb. Ein leiser Wind strich über die schwarze Masse der Kastanienbäume, die um das Tuilerieen-Schloß herum standen, und schöpfte Kühlung und Linderung aus ihr, und der Himmel droben belebte sich mit dem funkelnden Glanze der Sterne. Unter der Wirkung dieses Hintergrundes von Kühle und Frische, ausgestattet mit diesem weiten Raume für das Wogen und Treiben der Menge, verlor die Rue de Rivoli den erstickenden Charakter, welchen die Pariser Straßen zur Sommerszeit zeigen. Man empfand aber doch das ungeheure Pulsieren der Stadt in der Richtung nach den Champs-Elysées hin – vernahm ihre Konzerte im Freien unter Gaskronen und Kandelabern. Die Lust und Freude, die der Winter hinter die warmen Gardinen und Vorhänge verschlossener Fenster bannt, sang hier frisch und frei und lachte aus voller Kehle, tollte sich fröhlich aus unter blumengeschmückten Hüten und in flatternden Mantillen, in Zitz- und Kattun-Gewändern, deren tiefer Ausschnitt auf weißem, von schwarzem Band umschlossenem Halse vom Schein der Lampen und Laternen im Vorbeigange getroffen und aufgehellt wurde. Aus den Cafés und Konditoreien strömte auf die Trottoirs hinaus Geldgeklimper, das Rufen nach Bedienung, das Anrufen von Bekannten, Schwatzen und Gläserklirren.

»Dies Paris ist unerhört,« sagte Christian von Illyrien, während er den Rauch vor sich in den Schatten hinaus blies . . . »Die Luft ist da nicht dieselbe wie anderswo . . . es liegt etwas berauschendes, Taumel erweckendes in ihr . . . Wenn ich denke, wie in Laibach zu dieser Stunde alles geschlossen zu Bett gegangen, erloschen, erstorben ist . . .«

Dann sprach er lustigen Tones weiter:

»Ach Du! weißt Du übrigens, mein lieber Adjutant! ich hoffe doch, daß man mich in die Pariser Vergnügungen und Freuden entsprechend einweihen wird . . . Du scheinst mir in dieser Richtung völlig auf dem Laufenden, ganz gehörig im Zuge . . .«

»O das freilich, Monseigneur! das freilich!« sagte Herbert, vor befriedigtem Stolze wiehernd – »im Cercle, in der Oper, überall führe ich den Namen eines Königs der ›Gomme‹.«

Und während Christian sich den Sinn dieses neuen Wortes erklären ließ, hatten sich die beiden Königinnen, um ungenierter zu plaudern, in Friederikes Zimmer begeben und ergingen sich dort in langen Erzählungen, vertraulichen Mitteilungen betrübsamer Art, deren Flüsterton hinter der halb zugezogenen Portiere hervordrang. Im Salon saßen der Pater Alpheus und der greise Herzog und plauderten dort ebenfalls mit leiser Stimme.

»Er hat freilich Recht,« sagte der Kaplan, »wenn er sagt, daß sie der König sei . . . Jawohl! sie ist der König, der wahre König! . . . Sie hätten sie nur sehen sollen, wie sie, zu Pferde bei Nacht und bei Tag, die Vorposten abgeritten hat! . . . Im Engelsfort ist sie, während es Kugeln hagelte, zweimal den Wall auf und ab geritten, um den Soldaten Mut zu machen . . . kerzengerade und stolz . . . die Schleppe des Reitkleides über dem Arme und die Reitpeitsche in der Faust, ganz wie wenn sie im Schloß-Parke einen Vergnügungsritt machte . . . Unsere Matrosen hätten sie sehen müssen, als sie abgestiegen ist . . . Er – hm, er hat sich unterdeß, Gott weiß wo! herumgetrieben . . . Tapfer, fürwahr, so tapfer wie sie! . . . aber kein Stern . . . kein Glaube! . . . Und um den Himmel zu gewinnen wie um seine Krone zu retten, Herr Herzog, dazu muß man gläubig sein!«

Der Mönch geriet in Feuer, wuchs zu riesiger Größe in seiner langen Robe, und Rosen sah sich gezwungen ihn zu besänftigen.

»Sachte, Pater Alpheus . . . Pater Alpheus! kommen Sie! kommen Sie!« denn er hatte Furcht, daß Colette sie hören möchte.

Sie war bei dem Hofrat Herrn Boscowich gelassen worden, der sie mit seinen Pflanzen unterhielt, ihr Vorträge hielt über seine botanischen Exkursionen und die eingehenden Schilderungen derselben reichlich mit wissenschaftlichen Wörtern und Bezeichnungen durchspickte. Seine Unterhaltung roch nach welkem Heu und nach dem aufgewirbelten Staube seiner alten Bauern-Bibliothek. Und doch ist irdischen Größen ein so mächtiger Reiz zu eigen . . . die Atmosphäre, die sie verbreiten, berauscht gewisse kleine Naturen, die gierig darnach sind, sie zu atmen, gar kräftig, und erfüllt sie mit gar köstlichem Behagen . . . Zu diesen Naturen gehörte auch die junge Prinzessin, diese Prinzessin Colette von den Bällen des High-Life, von den Korsofahrten und Theater-Premieren, die immer auf Vorposten stand in dem »Paris, das sich amüsiert,« die unentwegt ihr niedlichstes Lächeln beibehielt, während sie den dürren Namen-Aufzählungen des Herrn Hofrates lauschte. Das Bewußtsein, daß ein König an diesem Fenster plauderte, daß zwei Königinnen im Zimmer nebenan sich das Herz ausschütteten, war ausreichend für sie, diesen alltäglichen Hotelsalon, in welchem die Eleganz ihrer Toilette sich wie herrenlos, wie nicht hierher gehörig, ausbreitete, mit der traurigen Größe und trübseligen Majestät zu erfüllen, welche die großen weiten Säle von Versailles mit den gebohnten, wie Spiegel leuchtenden Parkettböden so eintönig und düster machte. Sie würde in ihrer Verzückung und Schwärmerei bis Mitternacht dort sitzen geblieben sein; ohne sich zu rühren, ohne sich zu langweilen, einzig und allein ein bischen beunruhigt über die lange Unterhaltung, die Christian mit ihrem Gemahl führte. Was für ernste Fragen die beiden Männer wohl bewegen mochten? was für weit reichende Pläne sie zum Zwecke der Wiederherstellung der Monarchie sie wohl schmieden mochten? Ihre Neugierde verdoppelte sich, als sie sie alle beide mit belebten Gesichtern, entschlossenen Blickes und mit leuchtenden Augen, wieder in den Saal treten sah.

»Ich gehe mit Monseigneur aus,« sagte Herbert mit leiser Stimme . . . »mein Vater wird Dich zurück geleiten.«

Der König näherte sich ihr nun seinerseits:

»Sie werden mir nicht allzu sehr zürnen, Prinzessin . . . Es fängt sein Dienst nun an.«

»Alle Augenblicke unsres Lebens gehören Ihren Majestäten,« gab die junge Frau zur Antwort, überzeugt, daß es sich um eine wichtige und geheimnisvolle Maßnahme handelte, vielleicht gar um eine erste Zusammenkunft verschworner Geister . . . O! wenn doch sie, auch sie! mit hätte dabei sein können! . . .

Christian war nach dem Zimmer der Königin zugeschritten. Nahe der Thür aber blieb er stehen.

»Man weint drinnen,« sprach er, sich umdrehend, zu Herbert . . . »Guten Abend! ich gehe nicht hinein.«

Auf der Straße überkam ihn ein Freudentaumel. Er machte seinem Herzen Luft, schob seinen Arm in den Arm seines Adjutanten, nachdem er sich im Vestibül des Hotels eine Cigarre angesteckt hatte, und rief:

»Sieh! es ist doch eine herrliche Sache, so allein mitten hinein in die Menge zu laufen, sich auf gleicher Rangstufe wie alle andren Menschen zu bewegen, völlig Herr seiner Worte, seiner Gebärden zu sein, und wenn ein hübsches Mädchen vorbei kommt, den Kopf wenden zu dürfen, ohne daß Europa darob aus den Fugen gerät . . . Das ist die Wohlthat, der Segen des Exils . . . Als ich vor acht Jahren hierher kam, habe ich Paris nur aus den Fenstern der Tuilerieen, nur vom hohen Sitze der Staats-Equipagen aus gesehen . . . Dieses mal will ich alles sehen, alles kennen lernen, will ich überallhin gehen . . . Sapperlot! da fällt mir aber ein: ich lasse Dich laufen, laufen, und Du gehst lahm, mein armer Herbert . . . Warte! wir wollen uns einen Wagen nehmen.«

Der Prinz wollte dagegen protestieren. Sein Bein schmerzte ihn ganz und gar nicht, sagte er; er fühlte sich im Gegenteil genug bei Kräften, um »bis dort hinunter« zu Fuße zu laufen. Aber Christian ließ nicht nach:

»Nein, nein! ich will nicht, daß mein Führer schon am ersten Tage marode werde.«

Der König rief einen Rosselenker an, der nach dem Platze de la Concorde ratterte mit quietschenden Wagenfedern und während er die Peitsche fleißig auf das knochige Rückgrat seines Gaules niederklatschen ließ. Mit flottem Satze sprang der König in den Wagen, setzte sich auf dem alten blauen Tuche der Sitzpolster zurecht und rieb sich mit echt kindlicher Freude die Hände.

»Wohin fahren wir, mein Prinz?« fragte der Kutscher, ohne daß er eine Ahnung davon hatte, wie richtig er seine Anrede getroffen hatte.

Und König Christian von Illyrien antwortete mit der siegbewußten Stimme eines emanzipierten Bruders Studio:

»Nach Mabille!« Pariser Balllokal für die Halbwelt.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.