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Die Komödianten

Louis Couperus: Die Komödianten - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDie Komödianten
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
year1928
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100330
projectid0f04c9a3
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Siebentes Kapitel.

Die Megalesia! Die Megalesia! Der Tag der großen Göttin, der Tag vor den Nonen des April! Schon am ganz frühen Morgen, als die Nacht noch dämmerte, war Rom erwacht, war Rom wie besessen von festlichem Rausch. Allen voran die Kinder, die schon vor Morgengrauen auf ihren Trompeten zu blasen begannen, die auf den Straßen kleine Zimbeln schlugen und einen ohrenzerreißenden Lärm vollführten. Niemand konnte mehr schlafen, jeder stand fiebrig auf. In der allerfrühesten Morgenstunde wurden schon die Bäder des Titus bestürmt, wurden in den bei den Bädern gelegenen Tabernen die Schalen mit geronnener Milch ausgetrunken, liefen die Sklaven frei und laut schreiend durch die Straßen. Alle Arbeit und jegliche Tätigkeit stockte. Niemand dachte mehr an seinen Prozeß und an seinen Advokaten. Alles strömte zu dem Tempel der Rhea Kybele, über die sagenhafte Cacustreppe vor das kleine Haus der Livia, um die Prozession zu sehen.

Die Megalesia! Das Fest der Auferstehung des Attis, des Geliebten der Göttermutter! Alle Düsterkeit schien gewichen, seit vor zehn Tagen das heilige Mysterium mit endlosen Wehklagen und Klagegesängen gefeiert wurde. Dann war in den Tagen des Intrat Arbor der Tannenbaum, unter dem Attis gestorben war, veilchenumkränzt von den Archigalli Roms und den Dendrophoren in feierlicher Prozession herumgetragen worden. Dann war die Trauer um Attis gewesen und die Fasten, und die Galli hatten sich an dem Dies Sanguinis zur Erinnerung an des Attis Tod und seine Selbstverstümmelung, weil er der Mutter der Götter die Treue nicht gehalten, in Schmerz und Besessenheit seinem Vorbild folgend und auf dem Platze vor dem Tempel tanzend, ihre Mannheit verstümmelt und nochmals verstümmelt, bis sie bluteten. In immer wiederholten Symbolen war das rote Blut, das kein Blut war, vor den Augen der Menge sichtbar geflossen. Dann, nach soviel Schmerz und Trauer, waren die Hilaria gekommen, der Tag der Wiedergeburt und der Fröhlichkeit, der tollen Scherze und der Ausgelassenheit. Da war das Bild der Göttin genau wie damals, als man es aus Pessinus herüberbrachte, mit großer Feierlichkeit in den Almo getaucht worden, worauf das Volk im Almo gebadet hatte.

Heute, zehn Tage später, begannen die Megalesia. Die Megalesia! Eine Woche der Feste, der szenischen Spiele im Theater des Pompejus, der athletischen Spiele im Kolosseum und Zirkus Maximus. Nach den Spielen Einladungen zum Nachtmahl, die die Patrizier miteinander austauschten, allerlei Freiheiten für die Sklaven, die die Schauspiele besuchen durften, und Fest, Fest für jeden. Wer aufgestanden, gebadet und gefrühstückt hatte, gesellte sich zu dem Strome, der zum Tempel wogte und ihn umflutete. Dicht gedrängt stand die Menge. Der Tempel war geöffnet, die Säulen waren umkränzt mit Lorbeer und Tannenreisig. In den Duftfässern zwischen den sechs korinthischen Säulen qualmte der Dunst von Weihrauch und verschwand spiralförmig am blauen Lenzhimmel. In den Körben auf den Stufen häuften sich die Veilchen, die Blumen des Attis, die die Galli gegen eine Vergütung unter das Volk austeilten. Jeder steckte sich Veilchen in den Gürtel, an den Busen, hinter das Ohr.

In vergangenen Jahrhunderten, zur Zeit der Republik, waren die szenischen Spiele, die nun im Theater des Pompejus stattfinden sollten, auf diesem Platz, auf den Treppenstufen des Tempels abgehalten worden. Jetzt aber versammelte sich am frühen Morgen das Volk, um den immerfort sich wiederholenden Umzug zu sehen. Die Priester, die aus dem Tempel heraustraten, trugen das allheilige Bild:

»Mater Deum Magna Idaea!« schrien sie. »Große Göttermutter vom Ida!«

Sie schritten die Stufen hinab, während sie unter einem Baldachin das Bildnis trugen, das formlos aus verwittertem Holz, aber ehrfurchtgebietend heilig und kaum sichtbar war unter einem mit kostbarem Golde gestickten Schleier, dessen schwere, goldene Fransen herabhingen. Priester, als Korybanten verkleidet, Dämonen aus den Wäldern des Ida, tanzten, während sie ihre Schwerter auf die Schilde klirren ließen, einen Tanz in pyrrhichischem Maß um das Bildnis der Rhea Kybele zur Erinnerung an ihre Wehen, als sie Jupiter gebar und ihre Schreie von dem lauten Waffengeklirr der Korybanten übertönt wurden, auf daß das Kind vor dem Vater Kronos gerettet werde, der die eigene Nachkommenschaft auffraß, bis einst der Ewige geboren würde.

»Mater Deum Magna Idaea!« brüllte der Archigallus mit seinem tiefen Baß. Die Galli schrien wie er.

Eine zweite Prozession trat hervor. Der Archigallus schrie, während das Bildnis in den Tempel zurückgeführt ward, mit erhobenen Händen:

»Acus Matris! Acus Matris! Heiliger Nabel der Mutter!«

Die Galli schrien wie er.

Priester schleppten den Nabel herbei. Auf einem Tisch erhob sich der dunkle, pyramidenförmige Meteor, der vom Himmel gefallen war und den Nabel der Rhea Kybele darstellte. Von Juwelen eingefaßt glitzerte der Stein unter einem Schleier, und das Volk gaffte entgeistert.

Es kaufte die kleinen Nabel, die die Priester auf den Tempelstufen feilhielten, als eine plötzliche Bewegung entstand.

»Die Kaiserin!«

Aller Augen wandten sich von den heiligen Dingen zu dem Hause der Livia, dem kleinen, anmutigen Hause, wo des Augustus Gattin, die Mutter des Tiberius ihre letzten Witwentage verlebt hatte. Durch unterirdische Gänge war es mit dem flavischen Palast verbunden, dessen hinterer Giebel sich auf dem Hügel nördlich des Rheatempels emporreckte. Zierlich stand es da, einem Kleinod gleich am Fuße der riesengroßen Säulen des Palastes, und zwischen diesen anmutigen Säulen war gleichsam wie in einer Loge die Kaiserin Domitia mit ihren Frauen sichtbar geworden. Die Menge schien immer dichter zu werden. Auf der uralten Cacustreppe – also benannt nach der Sage, daß Herkules den Riesen Cacus an dieser Stelle erschlagen habe – drängte sich immer dichter das Volk, um das Bildnis, den Nabel und jetzt auch Domitia zu schauen. Auch in den Säulengängen des Palastes drängte sich die Menge der Hofbeamten, stand die Wache der Prätorianer, in deren leuchtendem Küraß die Sonne sich spiegelte. Der Marmor der hohen Säulenschäfte erglänzte in seinen senkrechten Linien wie unschmelzbarer Schnee, und die Treppen senkten sich mit vielen Stufen herab in horizontalen Strichen, die von leichten Schatten überblaut waren. An den Ecken der Tympana glänzten auf Ehrensäulen die vergoldeten Bildnisse der Siegesgöttinnen und die Bildnisgruppen der in dem Azur sich aufbäumenden Quadrigae. Von überall her richteten sich aller Augen auf Domitia, die dort erschienen war mit hoher, runder Haartracht und in der Kaiserin weiter Festchlamys aus Gold und Purpur. Um sie waren ihre Frauen, und man zeigte sie sich gegenseitig, während man sich auf den breiten Stufen der Cacustreppe vordrängte.

»Domitilla neben ihr? Aber Nigrina ist ... St!«

Sie sprachen es nicht aus vor Aberglauben, aus Ehrfurcht vor den Megalesia sowohl wie vor etwaigen Lauschern in der Menge.

»Domitilla, Tochter der Schwester des Domitian! Daneben Crispina?«

»Ja, die Schwester des Crispinus.«

»Fabulla, die Freundin der Nigrina, ist ...«

»Ja, die ist ... st!«

»Domitias Nichte, Fabulla, siehst du wohl? Ja, ein hübsches Mädchen!«

»Aber Domitilla ist mager, nicht wahr?«

»Frisiert sind sie! In diesen runden Lockenperücken!«

»Sind das Perücken?«

»St!«

»Nun, ich habe nichts gesagt.«

»Crispina ist eine Ägypterin und Crispinus ein Sklave aus ...?«

»St!«

»Aufgepaßt! Die Angeber!«

Das Flüstern ward gedämpfter.

»Ist der, welcher Nigrina ...«

»St!«

»Schon gefangen?«

»Es wird allgemein behauptet. Wenn sie ihn wirklich gefaßt haben, so wird es nicht lange dauern, bis ...«

»Sie ihn kreuzigen.«

»Ja, kreuzigen.«

»Kommt der Kaiser zum Zuschauen?«

»St!«

»Mater Deum Magna Idaea!« rief mit tiefer, feierlicher Stimme der Archigallus. Wiederum verließ die Prozession den Tempel. Das Bildnis ward vor der Kaiserin hergetragen. »Acus Matris! Acus Matris!« riefen schrill die Galli und der heilige Nabel folgte.

Nun ließ die Kaiserin dem Archigallus durch einen Hofbeamten eine Schale darbieten, auf der in Goldstücken ihre Gabe lag.

»Mater Deum! Acus Matris!«

Die Prozession glitt wiederum in den Tempel.

»Es wird Zeit,« lärmte es im Volke. Sie schauten zur Sonne empor.

»Gewiß wird es Zeit. Das Theater wird geöffnet.«

»Wir müssen uns dran halten, schon frühzeitig.«

»Um gute Plätze zu erhaschen.«

Sie drängten sich auf der Cacustreppe, schalten, fluchten, rissen einander die Festgewänder entzwei. Die Kinder schrien oder bliesen auf ihren Trompeten oder schlugen mit den kleinen, kupfernen Zimbeln auf die Steine, daß es klirrte. Die Mütter hielten sich die Ohren zu oder schleppten entnervt ihre Kinder mit sich.

»Zum Theater! Zum Theater! Morgen zum Kolosseum! Übermorgen zum Zirkus Maximus! Und dann ...«

»Noch einmal zu dem, was uns am besten gefallen hat!«

»Gibt es heute nichts im Kolosseum?«

»Nein, nur im Theater: Szenische Spiele.«

»In drei Tagen wird der Zirkus Maximus geöffnet.«

»Also dann auf, zum Theater!«

In den Straßen wimmelte es. Jetzt strömte von allen Seiten alles in eine einzige Richtung. Durch das Forum Romanum, über die kaiserlichen Fora, den Vicus Tuscus entlang, wo die Läden geschlossen waren, über das Velabrum, wo heute kein Markt stattfand, über das Forum Boarium, wo keine Rinder um den bronzenen Stier zu sehen waren, die lange Mauer des Zirkus Maximus entlang, immer weiter! Es wimmelte zwischen den dreihundert Säulen der Portikus der Oktavia und längs den Theatern des Marcellus und Balbus.

»Die sind traurig,« meinte scherzend das Volk, »weil sie nicht geöffnet werden.«

»Die trauern weiter um Attis.«

»Attis! Attis!« schrie quer durch die Menge eine um einen Esel versammelte Gruppe von Bettelpriestern. »Wollt ihr die Göttin nicht küssen? Wollt ihr nicht kleine Nabel kaufen? Zwei As! Drei As!« »Hi-ha!« iahte wütend und entrüste der widerstrebende Esel, der von den Galli vorwärts gestoßen wurde und einen von schmutzigem Schleier bedeckten kleinen Schrein schleppte.

Aus der Menge drängten Männer, Frauen, Kinder herbei. Sie umringten den Esel.

»Vorwärts!« rief das zum Theater strömende Volk. »Weitergehen!«

Allein die den Esel Umringenden versperrten den Weg. Die Bettelpriester lüfteten den Schleier, öffneten den Schrein, und die, welche den Esel umdrängten, küßten das armselige Bildnis.

»Weitergehen! Weitergehen!« schrie das ungeduldige Volk, während es sich ob der durch den Esel und die Bettelpriester verursachten Störung entrüstete. »Weitergehen!«

Das Schreien und Rufen und Locken der Priester, das Geschrei der Frauen, das Iahen des Esels und das Blasen der Kinder durchklang die Luft. Gleich einer dichten, buntfarbigen See, aus der Köpfe emporragten und Arme mit verkrampften Fingern wie von Ertrinkenden sich emporreckten, wogte es dem Theater des Pompejus zu. Manipeln der Hastati kamen daher mit schräg gehaltenen Lanzen, um den Weg abzusperren, den die Sänften der Senatoren, der Konsulare und Vornehmen nehmen würden.

Das Volk schrie, brüllte, raste. Die Pforten des Theaters waren geöffnet. Jede von ihnen schien die Menge aufzusaugen. Es war, als sei das Theater ein Monstrum, der halbrunde, aus säulengetragenen Umgängen gebildete Kopf eines Monstrums mit Bildnissen, die sich diademartig vom Himmel abhoben, und mit einer Unmenge aufgesperrter Mäuler, die die Menge schlürften, aufsogen.

Es war um die zweite Morgenstunde. Zum Glück war der Tag golden von Sonne, und der Himmel leuchtete in strahlendem Blau. Der Tag versprach günstig zu werden. Das Theater leuchtete mit seinem goldgrauen Tuffstein, seinen feingeäderten, marmornen Feldern, den hunderten von Säulen und der grellweißen Statuenbekrönung, Es waren die reinen Linien und Formen der antiken Baukunst, die sich in dieser lateinischen Dekadenz noch unversehrt erhalten hatten. Es war eine jener letzten verwirklichten Schönheitsideen, die Hellas Rom vermacht und die sich noch beinahe unverändert erhalten hatte. Heute lebte diese Schönheit von Formen und Linien, von Marmor und Tuffstein, lebte diese ungeheure runde Maske mit den unzähligen Mäulern, dieses Monstrum der Schönheit mit den zahllosen Mäulern, die die Menge aufsogen.

Das Theater begann sich zu füllen. Die Menge, die durch die Pforten eingedrungen war, verteilte sich zu beiden Seiten die Praecinctiones, die Umgänge, entlang, die Treppen hinauf, die die Amphitheaterreihen durchschnitten, und suchten sich auf den stufenweis ansteigenden steinernen Cunei einen Platz. Viele hatten Kissen mitgebracht, andere kleine Schemel. Es formten sich bereits Gruppen. Es wurde gewinkt und gerufen: Kommt hierher! Hierher! Drei halbrunde Praecinctiones durchschnitten die Cunei mit breiten Gängen. Die Gänge wiederum wurden von sieben Treppen durchquert. Gleich Strahlen zogen sie sich aus einem einzigen Mittelpunkt durch den Halbkreis des Theaters hin. Während die Orchestra und die Plätze für die Senatoren, die ersten vierzehn Reihen, und die Ritterbänke noch leer blieben, begann sich der übrige Raum, die Cavea, mehr und mehr zu füllen. Innerhalb einer Stunde war die ganze Cavea voll. Etwa zwanzigtausend Zuschauer saßen aufeinandergepackt und richteten sich, so gut es ging, ein. Es war ein Summen wie in einem Bienenkorb, darüber brausendes Stimmengewirr. Erfreut waren diejenigen, die einen guten Platz erobert hatten, enttäuscht die, welche keinen mehr fanden. Zwanzigtausend Plätze waren schnell eingenommen am ersten Tage der Megalesia. Vor den Pforten staute sich zornig die aufgeschlürfte Menge. Denn das Monstrum der Schönheit war bereits gesättigt. Unlustig kehrten die Enttäuschten um.

»Es ist kein Platz mehr.«

»Wir kommen zu spät.«

Sie kehrten um mit verzweiflungsvoller Gebärde, während sie sich enttäuscht in das Unvermeidliche fügten und sich fest vornahmen, morgen früher zu kommen, noch bevor die Pforten geöffnet würden, da zu sein und sich vor den Eingängen zu scharen. Ganze Familien mit Großeltern und Kindern kehrten um. Es ließ sich nichts daran ändern. Heute würden sie die Spiele nicht schauen können. Man sah, wie überfüllt die Cavea war zwischen der halbrunden Mauer, über der ungeheuren Zisterne der Cunei, unter dem noch dunstig blauen Lenzhimmel, der gleich einer hoben Unendlichkeit sich über dem Menschengewühl wölbte. Allein viele konnten sich nicht damit abfinden, daß sie keinen Platz gefunden, liefen verbissen die Praecinctiones auf und ab, warfen immer wieder einen Blick in die Cunei, entdeckten ein fragwürdiges Plätzchen, drängten sich eine Treppe hinauf und baten höflich darum, zwischen den Rücken und Knien der Sitzenden Platz nehmen zu dürfen. In der Regel ward es voll munterer Laune bewilligt. Selten nur entstand ein Zank, selten nur gab es Unfrieden. War es möglich, das Plätzchen zu besetzen, so wurde es abgetreten. Der Rücken des Eindringlings wand sich zwischen den Schultern der beiden Zusammenrückenden und den Knien derer, die dahinter saßen, hindurch und, indem er sich dann langsam hinabgleiten ließ, versuchte er, den Sitzplatz zu erreichen. Es kam auch vor, daß er sich auf den Füßen des hinter ihm Sitzenden niederließ. Wortspiele und obszöne Scherze wurden laut. Dies dichte Aufeinanderhocken forderte allerhand heraus, aber nur selten Verstimmung. Vielmehr gab es ein Schöntun mit den Frauen und manche geheime Liebkosung. Kleine Liebesintrigen wurden zwischen Unbekannten angebahnt durch einen leichten Druck von Knie oder Fuß, während die Züge starr und phlegmatisch blieben. Ein Zipfel des Kissens ward angeboten. Einige Mäntel wurden zu einem Kissen zusammengerollt. Päckchen mit Wurst, Brot, Käse wurden geöffnet und kleine Weinkrüge. Die Männer mußten auf ihre Frauen acht haben, sie bewachten die Füße und Knie hinter ihnen, damit nicht allzusehr gedrängt werde. Dieses Nebeneinandersitzen im Theater, so lange und so dicht, mochte wohl manchmal Sympathie auslösen. Alsbald ward es ihnen behaglich warm so Schulter an Schulter. Die Sonne stieg höher, der Himmel ward blauer. Viel hatten die Aufseher nicht zu tun. Sie bewachten nur die Ritterbänke und die Orchestra, auf daß dort kein Unbefugter, der nicht im Besitz einer bronzenen Tessera, der mit einer Maske versehenen Eintrittsmarke, war, sich einschliche. In der Cavea tat jeder, was ihm behagte.

Jetzt war es voll, wohlig voll und voll von Bekannten. Die Gladiatoren hatten sogleich die oberste Galerie mit Beschlag belegt, um für ihre breitschultrige Gewichtigkeit genug Raum zu haben. Denn in der Regel plumpsten die Zuschauer so rasch wie möglich auf die Cunei hinter den Ritterbänken, um der Bühne näher zu sein. Viele Soldaten verbrüderten sich mit ihnen. Es saßen dort auch ganze Trupps von Sklaven, die nicht allzu dicht bei ihren Herren sitzen wollten, um ungestört rufen, mit Obstschalen werfen und sich vergnügen zu können. Hochmut war hier nicht am Platz. Zwischen den Gladiatoren – dort war auch der berühmte Carpophorus, und Myrinus saß bei Triumphus, und bei Priscus Verus und Colosseros – und den Sklaven verbrüderte sich alles, was dem geringeren Kaufmannsstand, also ebenfalls einem verachteten Beruf, angehörte: Der Wäscher hatte seine geweißten Togen im Stiche gelassen und saß da mit all seinen Wäschern und Wäscherinnen. Autronius, der Sklavenhändler, war anwesend mit der »Kostbaren« und den Dakern, die er noch nicht verkauft hatte. Er fand es recht bequem, seine ganze Kaufware mit ins Theater zu nehmen. Stolz wölbte sich sein Bauch und rundete sich sein Vollmondgesicht neben der »Kostbaren«, der Lydierin, während er sich den Anschein gab, als sei er der Mann oder der Geliebte der griechischen Sklavin, die reich geschmückt an seiner Seite saß. Nicht weit von ihm entfernt saß Taurus mit seinen acht Dirnen. Es war besser, sie mitzunehmen, als sie daheim einzuschließen. Denn sie würden ihm, widerspenstig wie sie sein konnten, alles zerschlagen. Auch Pampus saß da mit den Seinigen und die alte Galla mit den Ihrigen. Die ganze Subura war vertreten. Sogar die Gassenbuben hatten eine Möglichkeit gefunden. So drängte sich hier alles zusammen mit den Dieben, den Henkern, den Leichenträgern, den Matrosen aus Ostia mit ihren Mädchen und den Bettelpriestern, die nach der ersten Morgenstunde mit ihrer Göttin und den minderwertigen kleinen Nabeln doch keine Geschäfte mehr machen konnten. Alle Angestellten der Thermen und alle Arbeiter, die an den noch nicht ganz vollendeten Titusbädern und dem Kolosseum schafften, hockten hier zusammen mit den Schlächtern, den Geflügelhändlern, den Schnee- und Obstverkäufern vom Velabrum, während die vornehmeren Geschäftsleute vom Vicus Tuscus und die Wechsler, Tryphon und die Buchhändler vom Argilentum und die Seidenverkäufer und die Goldschmiede sich ein wenig abgesondert hielten, auf daß Stand bei Stand bleibe in angenehmem Zusammensein während des ganzen Tages, den die szenischen Spiele währen sollten. Für den, der keinen guten Platz erhascht hatte, konnte es an einem solchen Tage höchst ärgerlich sein, wenn er immerfort den Atem des Hintermannes im Nacken spürte oder dürre Knie sich in seinen Rücken bohrten oder der verlauste Kopf eines, der seit Wochen nicht gebadet hatte, vor ihm sichtbar ward. Beim Herkules, dann war es wahrlich keine Freude, und alles Vergnügen an den Vorgängen auf der Szene konnte durch die Nachbarschaft vergällt werden. Aber wenn man einen guten Platz erobert hatte, wenn man mit dem Fuß ein wenig suchen, mit dem Knie ein wenig drücken konnte und die Hand es dann wagen durfte – wer wurde das gewahr in dieser Fülle und unter den Falten der Gewänder? –, dann wurde das Vergnügen gesteigert durch die Wärme der Sympathie, durch Getändel, durch nähere Bekanntschaft, liebenswürdige Zufälle, die niemand übel nahm, und durch flüchtige Verliebtheit, die nicht länger währte, als das Stück selbst währen würde.

»Was?« rief Nilus entrüstet vor der Pforte. »Es ist kein Platz mehr? Sollte für mich kein Platz mehr sein, für mich, der ich die ganze Nacht mit der Kocherei beschäftigt war, auf daß dir Caterva heute abend etwas zu essen habe? Nein, das gibt es nicht! Ich muß Platz haben, und ich werde ihn haben für mich, für meine Mutter und für meine Sklaven!«

Allein an der Pforte, durch die er eingedrungen war, ankämpfend gegen den Strom der Enttäuschten, die zu spät gekommen waren und wieder umkehren mußten, gaben ihm die Aufseher zu verstehen, daß das Theater voll sei, daß die zwanzigtausend Plätze der Cavea besetzt, daß er aber morgen, wenn er rechtzeitig komme, Aussicht auf einen Platz haben werde.

»Morgen?« rief Nilus, dem es nicht einfiel umzukehren. »Morgen? Dann findet ja die erste Vorstellung im Kolosseum statt! Heute ist doch die erste Vorstellung im Theater! Bei der ersten Vorstellung muß man zugegen sein, wenn man in Rom etwas gelten will. Gelte ich etwa nichts? Wer führt in der Subura eine Taberne wie ich? Bin ich nicht Nilus, der vom Nil gekommen?«

Im Publikum, das hier und dort aufhorchte, lachte man belustigt.

Es gehe wirklich nicht, wiederholten die Aufseher ihn zurückhaltend. Er müsse doch einsehen, daß das Theater überfüllt sei.

»Überfüllt?« rief Nilus. »Überfüllt? Was tut das? Sollte etwa, obgleich das Theater überfüllt ist, kein Platz mehr da sein für mich, dessen Esel sogar im Prolog auftritt? Hat der Dominus mich etwa nicht um meinen Esel gebeten, weil er ohne ihn die Bacchides nicht hätte spielen können? Wollt ihr, ich solle mich rächen, indem ich meinen Esel zurückverlange, so daß die Vorstellung nicht stattfinden kann?«

Jetzt horchten alle auf, alle wollten wissen, was dort vorgehe, und man lachte aus vollem Halse. Überall wurden Stimmen hörbar, die riefen:

»Nilus! Nilus! Es ist noch Platz da. Komm nur her!«

»Nilus!« riefen mit donnernder Stimme die Gladiatoren Colosseros und Carpophorus von der höchsten Reihe herab. »Hier ist ein Platz für dich.«

»Meine Mutter?« rief Nilus, während er auf die dicke Alexandrinerin wies.

»Alexa! Alexa!« schrie Taurus einladend, während er seine Nachbarin zwischen die acht Dirnen nötigte. »Hier ist ein Platz für dich.«

Seine Dirnen riefen mit ihm:

»Alexa! Alexandrina!«

»Für meine Sklaven?« rief Nilus.

»Hier! Hier! Hier!« schrie, brüllte, lachte es von allen Seiten. »Hier ist ein Platz. Hier sind zwei Plätze.«

Die ersten Ritter, die Matronen, die durch ihre eigene Pforte eintraten und sich auf ihre Sitzplätze begaben, warfen einen Blick auf die Cavea, wo es so lärmend zuging. Die Alexandrinerin, Nilus und die Sklaven stiegen die verschiedenen Treppen empor und setzten sich, so gut es gehen wollte: Alexa neben Taurus und seine Dirnen, Nilus zu den Gladiatoren, die Sklaven hier und dort verstreut.

Ein ohrenzerreißender, alles übertönender Lärm. Stimmen von lachenden, einander erkennenden, einander zuwinkenden Männern und Frauen, von schreienden und trotz aller Verbote noch immer blasenden und zimbelschlagenden Kindern. Die Ritterbänke füllten sich , und auch in der Orchestra wurden nun die Subsellia eingenommen von den Senatoren, die gruppenweise eintraten, von den Konsularen, von den Angesehenen oder Vornehmen.

»Der Kaiser wird also nicht erscheinen?« fragte der alte Verginius Rufus. Er war zwischen Plinius und Frontin eingetreten. Sie hatten ihre bronzenen Tesserae mit der eingravierten Maske dem Aufseher ausgehändigt. Sie nahmen Platz, nachdem die Aufseher ihnen zuvorkommend die Kissen zurechtgelegt hatten. Sie grüßten zu den Ritterbänken hinüber. Den Senatoren winkten sie mit der Hand zu, Die Senatoren erhoben sich und begrüßten sie ihrerseits. Es war eine wechselseitige Höflichkeitsbezeigung.

»Ich hörte, daß der Kaiser nicht erscheinen werde,« sagte Frontin. »Domitian ist krank. Gestern, nach dem an Nigrina verübten Morde, soll er wie besessen gewesen sein. Er hält sich verborgen. Seid mir gegrüßt, Quintilian, und Ihr, Tacitus!«

»Der Kaiser? Nein, der Kaiser wird nicht erscheinen,« versicherten Quintilian und Tacitus.

»Aber die Kaiserin,« wußten einige Senatoren zu berichten. »Wir waren heute morgen in das Palatium entboten,«

»Um von der hinteren Portikus aus die Prozession auf dem Tempelplatz zu sehen.«

»Die Kaiserin trat aus dem Hause der Livia.«

»Sie wird kommen. Sicherlich wird sie kommen.«

Alle schauten nach links und nach rechts, nach den beiden Tribunalen, den kaiserlichen Logen, zu beiden Seiten des Proszeniums. Deren Säulen waren von Girlanden umrankt. Teppiche hingen über das marmorne Gitter herab. Die gepolsterten Sessel waren bereit. Zwei Weihrauchkessel standen vor jedem Tribunal auf bronzenem Fuß in der Orchestra und hohe bronzene Lampen, die man anzünden würde, falls die einen Tag dauernde Vorstellung bis zur Dämmerung währen sollte. Nun erschienen die beiden Konsuln, die Präfekten der Stadt und des Staatsschatzes, des Heeres und der Flotte, die verschiedenen Kollegien der Decemviri, Duoviri und Vigintiviri, der Prätor und die Ädilen, die die Spiele ausgeschrieben hatten. Die ganze Orchestra füllte sich mit römischen Würdenträgern. Togen entfalteten sich, Laticlavien hingen purpurn umsäumt über die Sitze herab. Die Cavea starrte hin, nannte Namen.

»Wir kommen spät,« sagten Juvenal und der junge Sueton, während sie sich höflich zu den ersten Ritterbänken drängten.

»Ich wohl am allerspätesten,« hörte man eine Stimme sagen. Es war Martial. Nun gab es wiederum ein Erkennen, eine Begrüßung, ein Sicherheben feierlich, zierlich und höflich. Man wechselte die Plätze, indem man sich endlos gegenseitig um Verzeihung bat, lehnte ab, um schließlich doch anzunehmen. Die literarischen Freunde konnten, obwohl sie in der Orchestra und auf den Ritterbänken voneinander getrennt waren, dennoch ein paar Worte miteinander austauschen, sich etwas zuflüstern. Plötzlich – die aufsteigende Sonne schien greller aus blauem Himmel und fiel bereits glühend, obwohl es erst die dritte Morgenstunde war, in den Hohlraum des Theaters, der den hellen Schein zurückwarf – rollte über den offenen Raum etwas wie eine ungeheure, feuerrote Woge, die sich wappernd entfaltete und sich ausbreitete in ungeheuren, mehr und mehr von schwüler Brise durchrauschten Bahnen. Es war das Velum, das an Eisenstangen und Stäben befestigt und von Schnüren gezogen, das ganze Theater überwogte, das den marmornen Brunnen abschloß von dem Aprilhimmel dort oben, das den Sonnenschein mit sanfter, rötlicher Glut hindurchschimmern ließ, eine Flut gedämpften, purpurnen Tagesscheins, der sich allmählich über das ganze, buntgefüllte Theater verteilte, je mehr dieses überdeckt ward.

»Ei!« rief die Menge, und man hörte einen vielfachen Seufzer der Erleichterung. Denn die Menschen begannen bereits, so dicht aufeinandergepackt, in der Morgenglut zu schwitzen.

So war es schön und gut. So war es köstlich und selig. So war es gedämpft und behaglich. Man sehe nur, wie die breiten roten Bahnen von der Brise bewegt hin und her wogten über den fast zwanzigtausend Köpfen, die hinabschauten! Die Musen waren darauf gemalt, auf einer blumigen Himmelswiese tanzend. Es schien, als ob die Musen dort in der rötlichen Glut einer Apotheose schwebten, indem sie das gesprenkelte, goldene Geblüm mit ihrem Tanz umschlangen.

»Unser Theater des Pompejus ist doch schön!« meinte man hier und dort bewundernd: bei den Dirnen des Taurus, um die Alexandrinerin, bei den Matrosen, den Sklaven, den Wäschern, den Händlern vom Velabrum. Nirgends gab es ein so schönes Theater. Wo denn konnte ein zweites so schönes Theater sein? Im Innern war es ganz mit Marmor bekleidet, ausgestattet mit Nischen, die in regelmäßigen Abständen über den Sitzplätzen in der runden Mauer angebracht waren. Darinnen standen die marmornen und bronzenen Bildnisse oder die großen, bronzenen Becken, die den Klang der Stimmen der Schauspieler auffingen, um ihn durch den ganzen Theaterraum zurückzuwerfen, und über all diesen Marmor und all diese Bronze breitete sich die leichte, rötliche Glut, die sich von dem Velum herabsenkte. Dann die üppige Orchestra, wo ungefähr sechshundert Senatorensöhne auf ihren Subsellia sahen neben all den vornehmen Konsularen und Magistraten. Dann seitlich die beiden prächtigen Tribunale. Dann die Szena hinter dem Proszenium. Wo kannte man wohl noch eine so schöne Szena wie in Rom, im Theater des Pompejus?

Das wartende Publikum konnte noch nichts anderes tun, als um sich zu schauen, und bewunderte daher vor allem die Szena. Sie bildete den Abschluß des Proszeniums, auf dem die Schauspieler auftreten sollten. Die Szena war die monumental gegliederte Mauer, die die eigentliche Bühne abschloß, eine Mauer, die aus zwei Stockwerken bestand und in deren Mitte sich eine große Pforte öffnete, die Königspforte der Tragödie, durch welche die fürstlichen Personen angeblich aus ihrem Palast traten, ferner je eine seitliche Tür, durch die andere Personen, häufig Gäste des Königshauses, eintraten, die von anderswo her kommend gedacht wurden. In der Komödie konnten diese drei Zugänge zur Bühne die Haustüren nebeneinanderliegender Bürgerhäuser in einer beliebigen Straße darstellen. Der Raum vor der Szenawand, das Proszenium, die eigentliche Bühne, wo die Schauspieler spielten, ruhte auf einem Unterbau, der an der Vorderseite ebenfalls architektonisch gegliedert war. Rechts und links führten Treppen zu den Schmalseiten des erhöhten Proszeniums, und dort öffneten sich gleichfalls Pforten auf die Bühne. Durch die Tür der linken Schmalseite traten die Personen des Stückes auf, die angeblich vom Lande oder aus der Fremde in die Heimatstadt zurückkehrten oder solche, die eine Botschaft zu überbringen hatten. Durch den ihr entsprechenden rechten Ausgang gingen die Schauspieler ab, die soeben zu erkennen gegeben hatten, daß sie zum Hafen oder zum Forum gehen wollten. Die beiden übereinander gelegenen Stockwerke der Szenawand waren in korinthischen Formen gehalten, geschmückt mit Säulen aus edelstem Gestein und Marmor aus Karystos und Numidien, während in Nischen zwischen Pilastern Bildnisse standen und große, schräge, den Klang zurückwerfende Bronzeschalen eingefügt waren. Das Proszenium erhob seinen prächtigen Hintergrund zur gleichen Höhe wie die höchsten Sitzreihen, auf welchen die Gladiatoren und Nilus saßen. Von einem auf den Säulen des höchsten Umgangs ruhenden, mit geschnitztem Architrav versehenen Vordach streckten sich kurze, schwarze, vergoldete Marmormasten empor, die sich nicht höher als um Armeslänge erhoben, um das Gitterwerk zu stützen, an denen das rote Velum über das Theater ausgebreitet war, von der Szena bis über die Köpfe der Gladiatoren, deren hin und wieder spielerisch hinaufreichende Hände die purpurnen Bahnen dennoch nicht zu erreichen vermochten.

Dieses Harren des römischen Volkes in diesem ungeheuren Halbkreis, in diesem halbrunden, marmornen Brunnenschacht, während alle auf die weißen Rücken der Senatoren und Vornehmen starrten und auf die prächtige Szena, indes das rötliche Licht allmählich überall eingedrungen war, war nach den ersten, bereits drückend heißen Morgenstunden eine köstliche Erfrischung. Alle waren nun untergebracht, und voller Behagen aß und trank man etwas. Man hörte jetzt nur noch ein rauschendes Summen. Die Mütter mußten ihre Kinder ruhig halten. Sie wußten, daß es lange zu warten galt. Als draußen Fanfaren ertönten vor der Pforte des linken Tribunals, blickten sie nach links. Sklaven eilten mit brennenden Zündstricken zu den hohen Weihrauchfässern, die links in der Orchestra auf bronzenen Sockeln so standen, daß die weiten Schalen zu beiden Seiten der Säulen des Tribunals sichtbar wurden. Sie zündeten den Weihrauch an. Sogleich qualmte der Rauch empor. Spiralförmig verflüchtigte er sich bläulich in dem roten Licht und verschwand, während er sich langsam violett färbte, in dem gewaltigen Raum.

Die Kaiserin Domitia war eingetreten, umgeben von der Virgo Maxima, den Vestalinnen und Domitilla, der Nichte des Kaisers. Alle jubelten ihr zu nicht aus Liebe, sondern aus Ehrfurcht vor dem fürstlichen Schauspiel. Palastoffiziere scharten sich um die Kaiserin. Ihre Palastfrauen folgten. Fünf Vestalinnen folgten der Oberpriesterin. Sie nahmen auf ihren Sesseln Platz. Das Tribunal füllte sich mit den Leibeigenen, mit den Sklaven der Kaiserin und man zeigte sich zwischen den vom Sussibulum umhüllten Köpfen der Vestalinnen die hoch und rund aufgetürmten lockigen Diademe der Domitia und Domitilla, der Crispina und der Fabulla. Das war eine Haartracht, die die verstorbene Tochter des Titus, Julia, vor kurzem erst zur Mode erhoben hatte.

»Von der Tochter des Titus?« fragte die Alexandrinerin, die, allzeit vor ihrer Rechentafel sitzend, von den Dingen, die in Rom vorgingen, kaum etwas wußte.

»Ja, ja,« flüsterten Flacca, Matta und Prisca. »Von Julia.«

»Die wurde von Domitian selber ...«

»Nimm dich in acht vor den Angebern!« flüsterte Taurus.

»So?«

»Jawohl, von ihrem Oheim. Weißt du das nicht? Es war doch Blutschande, was sie trieben,« flüsterten die Dirnen entrüstet.

»Als sie schwanger war,« zischte Taurus, während er vorsichtig rings um sich schaute, »hat sie die alte Galla zu sich gerufen.«

»Die Ärmste! Galla? Das Scheusal?« rief entrüstet die Alexandrinerin.

»Vorsicht!« rief Taurus. »Da sitzt sie.«

»Julia starb.«

»Natürlich,« sagte die Mutter des Nilus, gleich als sei es nicht anders möglich gewesen. Wehmütig schüttelte sie den Kopf. »Die Erhabenheit ist doch nicht immer beneidenswert.«

»Fabulla!« sagte Colosseros, der kolossale Eros, der Blonde mit den blauen Knabenaugen, auf der obersten Galerie zu Carpophorus, während er auf sie deutete.

»Also du?«

»Ja ich. Erst habe ich sie auf meinen Knien geschaukelt bei den Würstchen von Freund Nilus und in der folgenden Nacht ...«

»Wo?«

»Bei Galla, bei der alten Galla.«

»Beim Herkules!« sagte Carpophorus fluchend. Er selbst war ein Herkules, dunkel und riesengroß. Ein wenig älter als Colosseros, hatte er schon einmal über das andere in der Arena gesiegt, sehr begünstigt von Domitian und von Martial in dessen Epigrammen gefeiert. Er rang und kämpfte mit wilden Tieren, mit Löwen, Ebern und Tigern. Man gab ihm den Beinamen »der Jäger«. Zugleich war er Lanista, Fechtmeister der allerjüngsten Gladiatoren. Aus seiner ledernen Tunika kamen seine entblößten, verbrannten, ungeheuer starken Schultern und Arme zum Vorschein mit ihren dick hervortretenden Muskelsträngen. Die Narben, die ihm die Tatzen der wilden Tiere geschlagen, glühten auf seiner Wange und wurden auch auf Hals und Oberarm in feurigen Spuren sichtbar. Sein von dunkellockigem Haar umrahmter Kopf war klein, der Mund mit dem gewellten Schnurrbart kurz und dick, seine Augen groß, dunkel und gut wie die eines lieben, sanftmütigen Tieres, das es wohl dulden würde, daß eine Kinderhand es streichelte.

»Beim Herkules!« sagte er fluchend. »Die Mädchen dort sind alle so.«

»Domitillas Mutter kenne ich von früher her,« sagte Priscus. Gleich Verus war er ein Veteran unter den Fechtern. Der Kaiser hatte ihnen beiden vor mehreren Jahren zu gleicher Zeit die Rudis verliehen, den Stab, der den ausgedienten Gladiatoren zum Zeichen der Befreiung vom Kampfe und der Freilassung gegeben ward, damals, als im Kolosseum das Publikum einmal für beide um Gnade gefleht hatte, nachdem sie stundenlang miteinander gerungen und sich ebenbürtig erwiesen hatten.

»Das will ich gern glauben,« sagte Nilus, der neben Carpophorus saß. »In Alexandria geht es nicht anders zu.«

Alle waren sich darüber einig, daß es überall das gleiche sei.

»Ja,« sagte der ältere Verus, ein verwitterter Greis, der schon lange den Gladiatorenkampf aufgegeben hatte, »keusch kann man euch nicht gerade nennen, wenn man bedenkt, daß ihr von euren Kräften leben müßt. Diese patrizischen Dirnen sind für euch die Hölle. Seid ihr denn so sicher, daß ihr nach einer patrizisch verlebten Nacht euer Leben in der Arena auf gut plebejische Weise retten werdet, beim Herkules?«

Die Kerle brüllten, aber Colosseros antwortete philosophisch:

»Beim Herkules, die Verführung ist nur zu groß für uns arme Teufel. Wir können auch einmal nebenbei ein Goldstück brauchen.«

»Namentlich für dich, du kolossaler Eros!« meinte neckend Verus, der sein Vater hätte sein können.

»Und für begnadigte Missetäter, wie ich einer bin,« stimmte Myrinus zu. »Ich habe einen Mord begangen, aber ich war stark. Das war meine Rettung. Man hätte es doch allzusehr bedauert, einen Kerl wie mich zu kreuzigen.«

»Du warst jähzornig,« meinte Carpophorus, »und ein Mord, der im Jähzorn begangen wird, ist gar nicht schlimm. Schlimm ist es, wenn man mordet, um zu rauben.«

»So wie Nigrina ermordet wurde,« sagte Colosseros.

»Der Mörder wurde gefangen,« sagte Triumphus.

»Beide Kerle?« fragte Nilus. »Es waren Kunden von mir. Das wißt ihr nicht? Ein Dieb und ein entlaufener Sklave.«

»Pack!« sagte verächtlich Carpophorus.

»Der, welcher gefangen wurde, ist ein entlaufener Sklave,« sagte Triumphus.

»Hatte er denn den Mord begangen oder der Dieb?« fragte Nilus, noch immer neugierig.

Triumphus war dessen nicht ganz sicher. Auch er und sein Gefährte waren einmal gemeinsam nach unentschiedenem Zweikampf, während die Gunst des Publikums sich teilte – die einen waren für Triumphus, die andern für Marinus –, vom Kaiser begnadigt worden. Deshalb liebten sie alle den Kaiser. Sie waren Domitian zugeneigt, nahmen ihn in Schutz und versicherten immer wieder, er sei ein verteufelt guter Kerl.

»Pff!« rief Carpophorus. »Es fängt an, warm zu werden.«

Er reckte seine Titanenschultern.

Es fing in der Tat an, warm zu werden hier hoch oben, dicht unter dem Velum, obwohl dies immerfort von leichter Brise bewegt wurde. Die Gladiatoren saßen gleich einer gewaltigen Masse von Kraft mit gekreuzten Armen nebeneinander und warteten geduldig, während sie die Bildnisse der Szena betrachteten. Plötzlich konnte Colosseros es nicht länger aushalten und begann mit den schwer beschuhten Füßen vor Ungeduld zu stampfen.

»Fangen sie denn noch nicht an?« brüllte er zornig, während seine blauen Knabenaugen wütend dreinschauten.

Das war ein Signal. Seine Gefährten stampften wie er. Die Soldaten stampften wie sie. In allen Reihen begann man nun zu stampfen. Das Stampfen senkte sich in gleichmäßigem Fortschritt über die Reihen hinab, gleich als hätten sich all diese Tausende ein Zeichen gegeben. Vor der Szena bei den Ritterbänken hörte es auf.

Die Augen der Frauen in dem Kaiserinnentribunal hatten sich emporgewandt dorthin, von wo das erste ungeduldige Stampfen hörbar ward.

»Schau nur her!« rief Colosseros von seinem hohen Sitz herab, während er Fabullas Blick begegnete. »Du möchtest mich wohl haben? Wie? Seht nur!« sprach er zu seinen Gefährten gewandt. »Sie scheint nicht gerade um Nigrina zu trauern. Seht nur, wie sie lacht!«

Fabulla lachte in der Tat. Sie lachte sogar aus vollem Halse, während sie mit Domitilla scherzte, die an ihrer Seite saß. Die hohen, schwarzen und blonden Haardiademe neigten sich einander entgegen. Die beiden Frauen flüsterten hinter dem Rücken der Virgo Maxima, die ernst blieb, halb auf Griechisch, halb auf Lateinisch mit Domitia. Es war vornehm, hin und wieder ein griechisches Wort in die Rede einzustreuen.

Neben der Kaiserin saß gelassen Crispina.

»Jetzt wird sie sie sehen,« flüsterte Domitilla der Kaiserin zu, die hinter der Virgo Maxima saß.

»Ihre Zwillinge!« sagte Fabulla kichernd.

Auch die Kaiserin lachte.

»Was gibt es eigentlich?« fragte die Oberpriesterin.

Domitilla neigte sich zu ihr hinüber, sprach flüsternd halb griechisch, halb lateinisch. Der Daumen der Vestalin deutete flüchtig, gleichsam fragend auf Crispina. Domitilla nickte, flüsterte weiter, und die Virgo Maxima lachte herzlich. Die Vestalin hinter ihr wollte wissen, warum. Fabulla sprach flüsternd zu denen, die ihr zunächst saßen. Die Vestalin lachte, flüsterte es ihrer Nachbarschaft zu, und alsbald wußten es alle. Allein Crispina blieb gelassen.

Noch immer rollte einem Donner gleich das Stampfen der schwerbeschuhten Füße der Gladiatoren durch die Reihen des Theaters und vermischte sich mit dem Gestampf der andern. Lauter rauschten die Stimmen, dröhnend jetzt. Sie forderten den Anfang der Spiele.

»Zu Ehren der großen Mutter!«

»Zu Ehren der großen Göttin!«

»Die Spiele! Die Spiele! Die Spiele!«

In dem Tribunal lachten zur Seite der Kaiserin ihre Frauen laut auf.

Plötzlich ertönten Posaunen von den Seitentreppen der Szena her.

»Oh!« rief das Volk jubelnd aus.

Das Vorspiel begann. Es war ganz in griechischer Art. In weiße Peploi gehüllte Sängerinnen stiegen in Chören geordnet die Treppe herab. Sie näherten sich den Altären rechts und links vor dem Proszenium, warfen Weihrauchkörner auf die glimmenden Kohlen. Der blaue Duft wölkte empor. Flötenspielerinnen folgten ihnen. Ihre Hände führten das Mundstück der Flöten an die Lippen. Begleitet von der zarten Melodie der rechten und den tieferen Grundtönen der linken Flöten sangen die Sängerinnen die Hymne im Chor. Korybanten stiegen die Treppen herab. Sie trugen Schwert und Schild. Mitten in der Hymne führten sie einen Tanz in pyrrhichischem Maß auf und schlugen in regelmäßigen Abständen ihr Schwert gegen ihren Schild, so wie sie es getan hatten, als Jupiter geboren ward. Höher stieg die Hymne empor. Attis trat aus der Königspforte. Ihm stand dies Recht zu, weil er ein Halbgott war. Er trug eine Maske, weil er ein Halbgott war, die stilisierte Maske eines jungen Gottes. Es war der erste Mimus des Lavinius Gabinius. Er spielte feine schmerzliche Reue über die Untreue, die er an Rhea Kybele begangen. Seine Gebärden wurden von dem Rhythmus des Flötenspiels getragen. Es war von edler Linie.

»Es ist griechisch,« meinten die Ritter, die Senatoren, die Matronen und die die Kaiserin umringenden Frauen anerkennend.

»Eine recht hübsche Nachahmung!« sagte Quintilian lächelnd zu Plinius.

Hinter der Szena vor den Unkleideräumen raste Lavinius Gabinius. Sobald er Ausschau gehalten zwischen den Säulen und von der Treppe aus festgestellt hatte, daß sein Mimus, mochte dessen Feind, der Adulescens, auch alles daran setzen, ihn sein Auftreten verfehlen zu lassen, mit Grazie und griechischer Anmut vor dem Chor den Attis spielte, wandte er sich plötzlich mit geballten Fäusten wütend um. Es geschah nicht wegen des Adulescens. Der hatte sich schon aus dem Staube gemacht. Gegen den Hauptaufseher des Theaters und gegen einen jungen Beluarius, einen Tierbändiger, der neben ihm stand, richtete sich seine Wut.

»Es muß also sein?« fragte der Dominus rasend und ballte die Fäuste.

»Es muß sein, Dominus,« antwortete der Hauptaufseher ruhig. »Was wollt Ihr? Wenn der Kaiser es wünscht, so muß es geschehen«

Die Komödianten kamen von allen Seiten herbei. Sie waren teils ganz, zum Teil erst halb kostümiert. Auch Cosmus kam und Gymnasium.

»Kommt der Kaiser?« fragte der Dominus rasend.

»Ich glaube es nicht,« sagte der Hauptaufseher, »wiewohl natürlich alles in und vor dem kaiserlichen Tribunal in Bereitschaft gesetzt worden ist.«

»Was gibt es denn?« fragten die Komödianten neugierig und wild durcheinander. Der Adulescens trat von neuem näher. Auch die Zwillinge kamen herbei, um die sich Gymnasium und ihre Tonstrix soeben bemühten.

Auf dem Proszenium nahmen Tanz, Gesang und Flötenspiel ihren Fortgang.

»Was es gibt?« rief der Dominus wütend. »Daß der Kaiser verlangt ...«

Er erstickte fast vor Wut, er konnte es nicht aussprechen.

»Der Kaiser verlangt, es solle zum Schlusse des Mimus ›Laureolus‹ ...« begann der Hauptaufseher zu erklären.

Die Komödianten erblaßten. Sie stießen einen Schrei des Entsetzens, des Abscheus aus.

»Ein Theater ist doch keine Arena!« rief der Dominus wütend. »Kunst bleibt doch immer Kunst. Hätte ich gewußt, daß solche Dinge befohlen werden können in Rom ...«

»Still, Dominus!« flüsterte der Hauptaufseher. »Denkt an die Angeber!«

»Mir ist alles gleichgültig,« raste wütend der Dominus. »Angeber oder nicht! Ich wiederhole es: wenn ich auch nur hätte ahnen können, daß solche Dinge auf einem römischen Theater jemals befohlen werden könnten, so würde ich der Aufforderung der Ädilen niemals nachgekommen sein. Ich bin ein freier Mann, meine Grex gehört mir, niemand kann mich zwingen.«

»Aber jetzt seid Ihr einmal in Rom,« sagte der Hauptaufseher. »Jetzt muß es sein, Dominus. Es ist nichts daran zu ändern.«

»Es ist eine barbarische Schändung der Kunst, der Kunst, die wir vom griechischen Theater übernommen haben und wo so scheußliche Dinge niemals vorgefallen sind! Es ist eine Schande, eine Schande! Was steht ihr denn alle hier umher und verliert eure Zeit? Geht und kleidet euch an! Geschwind!«

Mit wütenden Gebärden trieb er die gesamte Grex nach allen Richtungen, nach links, nach rechts, in die hinter der Szenawand gelegenen Ankleideräume.

Die Zwillinge ließen sich beide in ihrem kleinen Kämmerchen vor dem Metallspiegel nieder und sahen einander an. Gymnasium, die Tonstrix und eine der Ankleiderinnen folgten ihnen.

»Ach Gymnasium!« rief Cäcilianus vor Angst erschauernd aus, während er seinen Schrei halb unterdrückte.

Vom Proszenium herab verklang in lydischer Tonart das Flötenspiel, das den Lenz feierte.

»Komm, Kind!« sagte die dicke Einstmalige, während die Tonstrix ihr allzeit freundliches Lächeln zeigte. »Das macht nichts aus. Solche Dinge ereignen sich oft in der Arena, noch öfter als im Theater. Aber dennoch ...«

»In Griechenland, Kleinasien oder Ägypten niemals,« unterbrach Cäcilius sie altklug.

»Wo lassen sie das Tier?« fragte Cäcilius ängstlich. »Wird es eingesperrt?«

»Wird es eingesperrt?« fragte Cäcilius nicht ganz so furchtsam. »Zum Esel des Nilus? Denn der tritt im Prolog auf.«

»Wahrscheinlich unten im Gewölbe,« meinte Gymnasium.

Die Ankleiderin sagte:

»Ja, unter der Bühne.«

»Unter der Bühne?« fragte Cäcilianus zitternd. »Ich werde nicht spielen, nicht singen und nicht tanzen können, wenn ich weiß, daß der Bär sich unter der Bühne befindet.«

Da trat der Dominus ein.

»Sorgt mir dafür, daß ihr rechtzeitig fertig seid!« sagte er gebieterisch.

»Sie werden fertig sein,« versicherte Gymnasium.

Die Knaben saßen bleich nebeneinander vor ihren Spiegeln, in denen sich der durch die hohen Fenster hereinströmende Morgenschein spiegelte.

Die Tonstrix frisierte Cäcilius, während Cäcilianus regungslos wartete. Der Dominus, der noch immer wütend war, sah zu. Auch Gymnasium sah zu. Flink war die Tonstrix und geschickt, sie, die zwanzig, dreißig Dirnen an jedem Morgen zu frisieren hatte. Sie setzte dem Cäcilius eine Perücke ans dünnem Flachs auf. Die war wie ein kleiner Turm, eine blonde Mitra, goldüberstäubt. Sie ordnete seine Locken links und rechts, umschlang das Ganze mit einem vergoldeten Haarband und ordnete vergoldete Rosen an seinen Schläfen. Das alles tat sie im Augenblick mit ihrem stets gleichen Lächeln.

»Das ist schön,« pries der Dominus, der seinen Zorn vergaß.

Darauf begann sie Cäcilianus zu frisieren, genau so wie Cäcilius. Draußen auf der Straße ward etwas wie ein undeutliches Brummen hörbar.

Alle erschraken, schauten einander an. Cäcilianus stieß einen Schrei aus.

»Das ist der Bär!« rief der Knabe aus.

»Hör nur!« rief Cäcilius. »Naht dort nicht der Esel des Nilus?«

Draußen in dem langen Gang hinter der Szenawand, auf den die Ankleideräume mündeten, ward ein wüstes Lärmen hörbar.

»Es ist der Bär! Es ist der Bär!« riefen die Komödianten. »Der Esel ...«

Der Choragus näherte sich, rief mit leiser Stimme:

»Dominus!«

»Choragus?«

»Die Komödianten sprechen zu laut hinter der Szena. Gebietet ihnen zu schweigen!«

»Wollt ihr wohl schweigen!« sagte beschwörend und mit kreischendem Flüstern der entnervte Dominus.

Aber sie riefen mit lauter Stimme:

»Es ist der Bär! Es ist der Bär! Gebt doch acht, daß er den Esel des Nilus nicht frißt!«

Alle kamen herbei, um den Bären zu sehen, der auf Befehl des Kaisers am Schluß des Laureolus ... Sie reckten sich auf den Zehen empor, stellten sich auf Schemel, versuchten durch die kleinen Fenster zu schauen. Jetzt sahen sie Bestiarii, Tierfechter, mit ihrem Beluarius, ihrem Wärter, und in ihrer Mitte an einer kurzen Kette einen Maulkorb tragenden Bären daherkommen.

»Ein zahmer Bär? Ich weiß nicht. Er trägt doch einen Maulkorb.«

Der Bär brummte.

Irgendwo hinter dem Proszenium iahte bescheiden ein Esel.

»Was Wunder, wenn der Bär brummt! Also am Schluß des Laureolus?«

»Ja,« sagte grinsend Lentulus, der berühmte Mimus, der als Gast in der Grex als Laureolus auftreten sollte. »Am Schluß muß mich der Bär, wenn ich schon gekreuzigt bin, verschlingen.«

Die Komödianten wollten es nicht glauben, aber es grauste sie.

»Muß er mich verschlingen,« versicherte Lentulus schaudernd. Aber er lachte. »Daher ...«

»Ihn selbst nicht,« sagte Thymele, die Tänzerin, »aber doch wohl ...«

»St!« Der Choragus winkte und gebot Ruhe.

Vom Proszenium her trat aus der Königspforte der Mimus aus der Grex des Lavinius, der den Attis getanzt hatte.

Der Chor sang noch immer das Lied, das des Attis Wiedergeburt feierte. Das Flötenspiel verklang. Die erste Sängerin erschien nun, da das Vorspiel beendet war, oben an der Seitenpforte der Treppe hinter der Szena.

»Was gibt es?« fragte sie, als sie die allgemeine Erregung gewahrte. Überall flüsterte es:

»Ein Bär, ein Bär! Am Schlusse des Laureolus ...«

Aus der Cavea erklang lautes Händeklatschen. Der Esel iathe.

Der Choragus drängte die Tänzerinnen in ihre Ankleideräume. Alle hörten den Bären. Er brummte leise, aber unablässig, als ob er noch nicht ganz erwacht sei, noch ein wenig schnarche. Der gesittete Esel iathe nicht mehr.

»Wo wird der Bär eingesperrt?« fragte die Flötenspielerin bleich, während sie die hölzerne Treppe hinter der Szenawand hinabstieg. Das Vorspiel war beendet.

»Im Gewölbe unter der Bühne,« sagte Cäcilius.

»Ja, unter der Bühne,« wiederholte Cäcilianus bleich. »Entsetzlich!«

Sie waren beide frisiert.

»An die Arbeit, Knaben!« sagte der Dominus. »Hier sind die griechischen Frauenmasken des edlen Plinius! Vorwärts! Ihr habt euch schon wieder verspätet. Das Vorspiel ist beendet, und ihr seid noch nicht einmal angekleidet.«

»Aber Prügel erhalten sie doch nicht,« sagte der Senex, der schon fertig war. Nur die Maske fehlte ihm noch.

Hinter der Szena war ein wirres Durcheinander. Unten im Gewölbe brummte der Bär unablässig.

»Ob man das Tier wohl in der Orchestra hören kann?« fragten sich die Komödianten. »Der Esel des Nilus benimmt sich viel anständiger.«

»Kommt der Kaiser?«

»Wer weiß?«

»Vorwärts, vorwärts!« Der Choragus drängte, der Dominus drängte.

Die beiden Knaben saßen wiederum in ihrem Kämmerchen. Der Dominus hatte die Masken auf den Tisch gelegt.

»Ihr Knaben!« sprach der Dominus bleich. Gymnasium und ihre Tonstrix waren damit beschäftigt, die andern zu frisieren. Aber Cosmus erschien mit seinem Sklaven, der die Farben brachte. »Jetzt dürft ihr nicht mehr an den Bären denken.«

»Nein, Dominus.«

»Nein, Dominus.«

»Jetzt müßt ihr euch sorgfältig und täuschend schminken lassen.«

»Ja, Dominus.«

»Ja, Dominus.«

»Richtet euch genau nach dieser Maske für die Augen und nach der andern für die Lippen!«

»Ja, Dominus.«

»Ja, Dominus.«

»Hm! Hm!« schnarchte unten der Bär.

Cäcilianus schauderte, begann sich aber doch mit breitem Pinsel und Stab zu schminken.

»Warte!« sagte Cäcilius. »Schminke du mich! Dann werde ich dich schminken.«

»Ja,« sagte Cäcilianus. »Du mich und ich dich.«

Cäcilius setzte sich, so daß ihre beiden Nasen sich berührten, rittlings auf des Cäcilianus Schoß und begann ihn aufmerksam zu schminken.

»Die Augen sehr groß!« empfahl der Dominus, dem es recht war, daß sie einander halfen. »Den Mund nicht zu klein!«

Er sah zu, und auch Cosmus sah zu. Denn es war eine sehr wichtige Arbeit, und es war scherzhaft, die beiden kleinen Komödianten unter den Augen ihres Dominus dasitzen zu sehen, den einen rittlings auf des andern Schoß, beide bereits geschmückt mit der getürmten Haartracht wie die Meretrices aus der höheren Palliata, während der eine dem andern die Augen, den Mund, die Wangen blau, rosa, rot, schwarz, weiß schminkte.

»Wenn ihr nun alles habt, Dominus, und ihr, Knaben, ebenfalls, dann darf ich mir wohl ein Plätzchen in der Cavea suchen, um euch zu bewundern?« fragte Cosmus.

»Ja, Cosmus,« sagte der Dominus.

»Ja, Cosmus,« wiederholte Cäcilius beiläufig inmitten seiner Arbeit, während Cäcilianus mit zusammengepreßten Lippen schwieg.

Cosmus erreichte durch eine Tür und einen Gang und noch eine Tür die unterste Praecinctio dicht hinter dem Tribunal der Kaiserin, wo er das Theater übersehen konnte. Wie warm es schon war! Schon füllte das Theater eine Glut von durchgesiebtem Licht, und unzählige Stimmen riefen bereits: Wasser! Wasser!

Noch immer waren die Stimmen der Tausende hörbar, aber hoch über allen schrillte der Ruf: »Wasser! Man lasse das Wasser fließen!« Der Wille des Volkes war in der Regel Gesetz für das Theater. Selbst wenn der Kaiser dagewesen wäre, würden sie es gewagt haben zu rufen: »Wasser! Wasser! Laßt das Wasser fließen!«

Oben auf der höchsten Galerie unter dem wappernden Velum öffneten die Wassersklaven aus Befehl ihres Aufsehers eine Anzahl von Hähnen, die in regelmäßigen Zwischenräumen angebracht waren.

Wasser strömte, erst langsam tropfend, dann triefend. Es strömte in der Pause, bevor die Bacchides aufgeführt wurden, an der hohen Theaterwand entlang und floß dann in kleinen Bächen immer tiefer und tiefer über die Praecinctiones und die Treppen hinab.

»O!« rief jubelnd die Cavea, selig über diese Erfrischung. Die Gladiatoren streckten ihre Hände aus und tranken, und hier und dort schöpfte man das Wasser aus den kleinen Bächen, obwohl es nur floß, um die Luft zu erfrischen und nicht, um getrunken zu werden. In der Orchestra zwischen den Ritterbänken stiegen hell kleine safranduftende Fontänen empor. Die Senatoren tauchten ihre Sudaria, ihre feinen linnenen Taschentücher, hinein und fuhren sich damit über die Stirn.

Vor dem Kaiserinnentribunal sprangen feine, Rosenduft verbreitende Fontänen.

»O, o!« Mit wollüstig geöffneten Nasen sog die Cavea den Duft ein.

»Hm, hm!« brummte es irgendwo und gleich darauf »Hi-ha«.

»Iaht dort ein Esel?« fragte Colosseros.

»Mein Esel vielleicht,« sagte Nilus, der neben ihm saß.

»Nein! Es brummte da etwas Ähnliches wie ein Bär,« meinte Carpophorus, der Jäger, aufhorchend.

»Ein Bär? Das ist unmöglich,« sagte Myrinus.

»Es ist doch möglich, daß ein Esel iaht hat, Nilus,« sagte Triumphus.

»Wie? Klingt das Iahen eines Esels wie das Brummen eines Bären?« fragte Priscus den Verus.

Die Gladiatoren erfrischten sich die Köpfe und Arme, die Schultern mit Wasser. Sie nahmen ein kleines Bad.

»Cosmus!« riefen die Buchhändler und Seidenverkäufer. »Komm her! Hier ist ein Platz!«

Cosmus winkte, er werde kommen, und während er die Stufen hinabschritt, begann es vor dem Proszenium zu rasseln und zu knarren, und feierlich hob sich das Auläum. Es war der vordere Vorhang, der an eisernen Stäben befestigt war und an einem Seil in einer Bretterverschalung hinter den Ecksäulen lief. Es hob sich, damit das Proszenium abgeschlossen werde. Es senkte sich, wenn die Bühne sichtbar werden sollte.

Hinter dem Auläum waren die Bühnenarbeiter geschäftig. Sie ließen aus dem vorspringenden oberen Abschluß der Szenawand den hinteren Vorhang herunter, der in klassischer Zeichnung eine Straße in Athen darstellte. Die Szenawand selbst mit ihren Nischen und Bildnissen, mit ihrem Marmor und ihrer Bronze wurde dadurch völlig verdeckt.

Cäcilius sollte die athenische Bacchis spielen, die ihre Zwillingsschwester Bacchis erwartet, die von Kreta heimkehrt. Nicobulus wurde von dem neidischen Senex dargestellt. Die Rolle des Mnesilochus war dem selbstbewußten Adulescens anvertraut. Der Dominus und der Choragus sahen zu. Die Dekorationen waren sehr reich. Die beiden Häuser, das der Dirne und das des Nicobulus, war monumental gehalten, in edler griechischer Architektur. Sogar Portiken fehlten nicht, und die Eingangstüren waren reich gegliedert. Über ihnen schien sich ein blauer Himmel zu wölben, von dem sich schlanke dunkle Zypressen abhoben. Das Ganze wirkte durch das Durcheinander von Leuchtendweiß, Tiefblau und Dunkelgrün freudig und stimmungsvoll zugleich.

»Es ist schön,« sagte der Dominus anerkennend. »Schiebt jetzt die Stufen hinter die Estrade, auf der meine Knaben tanzen müssen!«

»Den hinteren Vorhang etwas höher!« sagte der Choragus.

»Genug! Genug!« rief er wieder.

»Ein wenig tiefer!« befahl der Dominus.

Der hintere Vorhang senkte sich.

»Genug!« befahl der Choragus.

»Arbeitet die Exostra gut?« fragte der Dominus. »Gestern, als wir probten, versagte sie.«

Die Bühnenarbeiter drehten die Exostra. Es war eine drehbare Seitenbühne, die vorwärts gedreht das Innere des Hauses der Bacchis und zurückgedreht von neuem nur die Außenseite des Hauses sichtbar ließ.

Die Exostra drehte sich hin und her.

»Jetzt geht es, Nominus,« versicherten die Arbeiter.

»So stellt die Möbel auf, und befestigt die Vorhänge!«

Auf der Exostra stellten sie Möbel auf, spannten sie Stoffe. Es waren kostbare, gestickte, scharlachfarbene, an Ringen befestigte Vorhänge, die in zierlichen Bogen an dicken, vergoldeten Stöcken hingen. Da war ferner ein zierliches Ruhebett aus kostbarem Holz, ein Lectus Pavoninus, also genannt, weil das Holz so gemasert war, daß es im Schnitt Figuren wie die Augen auf dem Schweife des Pfaues zeigte. Die Seltenheit und Kostbarkeit des Lectus wurde durch reiche, goldgestickte Kissen besonders hervorgehoben. Da waren vergoldete und elfenbeinerne Schemel. Die Tafel aus Zitronenholz war gedeckt mit vergoldetem Geschirr, mit Kannen, Bechern, Obstschalen voll marmorner Früchte. Endlich schlangen die Bühnenarbeiter dicke Girlanden aus großen unechten Rosen von Pästum um die Säulen, um das Ruhebett, um die Vorhänge, um die Türpfosten.

»Es ist prachtvoll,« mußte der Dominus nochmals anerkennen. »Dies alles ist in Rom sehr schön, schöner, als wir es in Alexandria und in Kleinasien schaffen konnten. Dieses Triklinium ist fast allzu schön für eine athenische Hetäre. Ich fürchte, daß so schöne Dekorationen von dem Spiel selber ablenken werden. Zu Plautus' Zeiten war das alles viel einfacher. Da fehlte all dieses Elfenbein und Gold, all die Rosen und das feingezeichnete Holz des Lagers. Sind die Vorhänge aus Seide?«

»Mit Seide durchwirkt,« sagte der Choragus, und alle betasteten den schweren Stoff. »In Rom, Dominus, will das Publikum es so haben, besonders das Publikum der Cavea.«

»Hm!« brummte unten der Bär.

Der Esel, unruhig, aber gesittet, stampfte nur mit den Hufen auf.

»Dann«, sagte der Choragus, »müsst Ihr nicht vergessen, Dominus, daß wir verhältnismäßig einfach geworden sind. Lentulus Spinther ließ, als er seine Spiele aufführte, die Möbel mit echtem Silber beschlagen, Petrejus sogar mit Gold, und Nero wünschte, daß alles aus Gold, aus echtem Gold sei, alle Möbel, alle Requisiten, alle Verzierungen an den Kostümen. Wahrlich, unsere Ädilen sind noch recht mäßig, daß sie alles nicht noch schöner und echter geben.«

»Diese Pracht«, meinte der Dominus stirnrunzelnd, »wird der Tod des Terenz und des Plautus sein.«

»Keine Sorge, Dominus!« sagte der Choragus. »Eure Knaben werden sich recht gut dazwischen ausnehmen.«

Er ordnete das lange Rosengewinde, das ein Bühnenarbeiter soeben von der bronzenen Lampe zu dem gefüllten Duftfaß hinübergeschleudert hatte.

»Schließt jetzt das Siparium!« befahl der Dominus.

Die Exostra ward zurückgedreht hinter die Seitensäulen, das Siparium, der Zwischenvorhang, der die Bühne nur für den Prolog in einen kleinen Hintergrund und einen kleinen Vordergrund teilte, schloß sich.

»Es ist alles in Ordnung, Dominus,« versicherte der Choragus.

In der Cavea erklang ungeduldiges Stampfen von schweren Schuhen und leichteren Sandalen.

»Vorwärts!« sagte der Dominus. »Meine Komödianten werden wohl bereit sein.«

In der Cavea stampften sie, stampften sie immer lauter. Dann hörten die Duftfontänen auf ihre dünnen Strahlen emporzusenden, und auch das Wasser floß nicht mehr.

»Oh!« rief das Volk jubelnd, weil es nun endlich beginnen mußte.

Denn das Auläum senkte sich langsam herab. Das Siparium blieb noch geschlossen. Der Prologus erschien im Vordergrund: Silenus auf einem Esel reitend. Es war der zweite Senex der Truppe auf dem Esel des Nilus.

»Seht ihr nun?« sagte Nilus triumphierend zu den Gladiatoren. »Es ist mein Esel, der, auf dem ich zum Markt reite.«

»Wir hätten ebensogut unsern Esel vermieten können,« murmelten die Bettelgalli unzufrieden und mißgünstig. »Unser Esel ist doch wenigstens ein Esel der Mutter der Götter und daher viel geeigneter für die Spiele an den Megalesia. Es gibt keine Gerechtigkeit mehr in der Welt.«

Der zweite Senex ritt vor. Er war als Silenus in ein reiches Kostüm gekleidet, in einen violetten Mantel über amethystfarbiger Tunika. Er trug die Maske eines alten launigen Satyrs, von Trauben umrankt, und Ranken schmückten auch den Esel, der kostbar gezäumt war, Trauben hingen ihm an den Ohren herab. Er iahte nicht mehr, aber der Bär unter den Brettern machte ihn unruhig. Er schlug unzufrieden mit dem Schwanz.

Die Cavea hatte eine geradezu kindliche Freude an Silenus und dem Esel. Ein lautes Stimmengewirr erhob sich, wozu die Worte, die der Prologus mit lauter Stimme sprach, ausgezeichnet paßten.

»Ihr allesamt, die ihr da unten vor mir sitzt
und euch behaglich in den Sesseln wartend streckt,
ihr müßt hell und herzlich lachen, meine ich,
wenn ihr hier meinen wahrhaft spaß'gen Aufzug seht.
Ihr müßtet, ja! Doch kichert ihr viel lieber, schwatzt
und hustet hörbar. Euer Flüstern ist so laut,
daß ich mich kaum noch vernehmlich machen kann.
Schon unsre größten Mimen, die verzogensten,
blitzblanken, glatten Komödianten ebenso,
sind schon gequält genug: Sind sie auch jung, beliebt,
ist ihre Stimme auch noch stark, sie müssen schrein
trotz alledem, wenn ihr sie deutlich hören sollt.
Was soll ich alter Eselreiter da wohl tun,
daß ihr mir euer Ohr auch kurze Zeit nur leiht?«

Während der Prologus fortfuhr, um Stille zu bitten und zu erklären, welches der Stoff des aufzuführenden Lustspiels sei, traten von links und von rechts die Flötenspieler zwischen den Säulen hervor, von rechts drei mit hohen Doppelflöten, von links drei mit tiefen Doppelflöten.

Sie setzten sich ganz vorn im Proszenium auf niedrige Schemel und begleiteten possierlich und mit lang gehaltenen weichen Tönen und viel Tremulieren die Worte des Prologus.

»Das ist«, sagte Quintilian unzufrieden zu Plinius, »diese üppige Musik, die unsere Zeit entnervt. Hört doch nur! Es ist wie ein Katzengeschrei.«

»Aber Ihr wißt doch Musik zu schätzen, bester Freund!« sagte neben ihm Verginius Rufus.

»Ihr habt uns sogar gelehrt,« sagte Plinius, der ebenfalls neben dem Greise saß, »daß sich Gaius Gracchus, der größte Redner seiner Zeit, zu seinen Reden von einem Flötisten begleiten ließ, der ihm auf seiner Tonarionflüte den Ton angab.«

»Heutzutage haben wir kein Tonarion mehr,« sagte Quintilian, »sondern nur noch Psalterion und Spadix und sonst nur diese lydischen Flöten, deren Klang uns, sofern wir noch männlich geblieben sind, völlig verweichlicht.«

Hinter ihnen auf der Ritterbank sprach Martial flüsternd zu Sueton.

»Unser Quintilian ist brav und gelehrt, aber er hat einen großen Fehler.«

»Welchen?« fragte Sueton.

»Er ist nicht modern. Dies ist moderne Musik, üppig, wollüstig, verderbt, wenn man so sagen will. Dies hysterische Katzenmiauen der hohen rechten Flöten bildet den Auftakt zu dem, was uns die Bacchides in Gestalt von Cäcilius und Cäcilianus geben werden. Ich höre in dieser schrillen Musik meine Zeit. Gaius Gracchus ist längst tot.«

Er schaute nach der Seite zu Sueton hinüber, um zu ergründen, was der junge Mann wohl denken möge.

»Eine trockne Seele!« dachte Martial. »Jung, aber trocken! Der andere da vor mir weise, aber altmodisch in seinen Anschauungen.«

Er blickte sich noch immer um und dachte bei sich:

»Tacitus ist die Melancholie, Juvenal die Verbitterung über seine Zeit, Verginius Rufus die alte römische Vornehmheit, Frontin der tapfere Soldat mit der verborgenen Dichterseele. Aber Plinius, Plinius, den ich liebe und bewundere! Er versteht alles, er entschuldigt beinahe alles und ist selber so keusch, so einfach. Liebenswerteste Seele! Und ich? Der unverbesserliche Lebensgenießer. Warum nicht?«

Auf dem Proszenium wich das Siparium rechts und links zurück. Die Straße in Athen wurde sichtbar.

»Horch!« dachte Martial bei sich. »Diese weiche, üppige Flötenmusik schrillt empor. Ich liebe dieses Kreischen, diese scharfen, stets höher klingenden Töne. Quintilian! Quintilian! Dies sind die Akkorde unserer Zeit. Es ist gut, jung zu sein, nicht zu betrauern, was die Vergangenheit auch an Gutem geboten haben mag, sondern zu leben, sogar in unserm Verfall den Augenblick zu genießen, Stunde für Stunde jedes Tages wie die Beeren einer Traube pflückend mit Bewußtsein zu schlürfen. Carpere diem! Bravo, bravo den hübschen Knäbchen!«

Seine letzten Worte jubelte er laut hinaus. Denn der Prologus auf seinem Esel deutete auf die beiden Bacchides, die erschienen.

Ein bewunderndes Gemurmel durchlief das ganze Theater.

»Oh!« murmelte anerkennend die Cavea. »Wie schön sie sind! Der eine genau wie der andere!«

Der Prologus sprach weiter:

»Gott Bacchus sendet euch die Bacchides. Es sind
Bacchantinnen, die in Bacchanalien
vor euch hier tanzen werden. Zwei Geschwister sind's.
Das schöne üpp'ge Samos ist ihr Heimatland.
Die eine lebt hier als Hetäre in Athen.
Als Zwillinge sind sie gebor'n und gleichen sich
so ganz, wie Tropfen Wassers oder weißer Milch.
Ihr Vater ward gleich ihrer Mutter in den Dienst
Des Bacchus, in die heiligen Mysterien,
nicht eingeweiht. Drum nannten sie das Zwillingspaar
nach diesem Gotte: beide Bacchis. Merkt nun auf!
Die eine Bacchis ist das Mädchen, welches hier
in diesem netten Hause als Hetäre wohnt.
Die andre Bacchis weilt zur Zeit nicht in Athen,
sie kommt im Stück von einer Reise erst zurück.«

Sogar durch die Ritterbänke, die Orchestra und das Tribunal lief eine erregte Bewunderung. Die athenische Bacchis trat im Kreise ihrer Sklavinnen aus ihrem Haus und begrüßte ihre Schwester Bacchis, die von der Reise kam und die gleichfalls von ihren Sklavinnen umringt war. Die Sklavinnen waren Frauen, während Cäcilius und Cäcilianus die beiden Hetären darstellten. Sie sahen sich beide zum Verwechseln ähnlich, nur daß Cäcilianus, um hervorzuheben, daß er – sie – von der Reise komme, von einem dünnen Schleier umhüllt war, den er – – sie – in die Hände der Sklavinnen gleiten ließ, bevor er – sie – seine – ihre – Schwester umarmte. Sie trugen getürmte blonde Perücken, während ihre eigenen Locken sich unter dem Haarband links und rechts kräuselten und die Rosen an ihren Schläfen golden leuchteten. Ihre Züge waren mit besonderer Kunst nach den antiken Masken des Plinius geschminkt. Also angemalt glichen sie einer Maske, und dennoch blieb ihr Antlitz natürlich und lebendig durch das Mienenspiel der Züge, durch das Lächeln, das um Augen und Lippen lag. Groß waren die Augen, die unter den geschminkten, verlängerten Brauen in dem Schwarz und Blau zu schwimmen schienen, blank und rosenrot die Wangen, und der Mund war durch die plastisch geschminkte Oberlippe verlängert, so daß die Linienführung der Maske gewahrt blieb und die beiden frischen Knabengesichter zu halb exotischen, seltsam pervers anmutenden Gesichtern kyprischer Bildhauerkunst umgeschaffen schienen, jener Kunst archaischer Zeit, die den weißlichen Kalkstein bemalte. Dieser archaische Zug trat noch besonders hervor durch die breite, hohe, aber flache Haartracht, die ihr ganzes maskengleiches Antlitz ebenfalls flacher erscheinen ließ. Auch in ihrer Kleidung kam dies zur Geltung. Sie trugen beide den gleichen Peplos aus spinnwebfeiner, gefalteter gelber Gaze. Gelb war die von jeher übliche Farbe für die Hetären auf der Bühne, weil es ihre Goldgier versinnbildlichte. Der Peplos war kurz, reichte nur bis an die Knie, zeigte ihre entblößten Ephebenbeine, und die vier Spitzen fielen an der Seite sehr lang mit langen goldenen Fransen und Quasten herab, während das gleichfalls gelbe Untergewand, mit grellroten Rosen durchwirkt, bei jeder Bewegung hindurchleuchtete und das ganze Gewand, weil es eng anlag und in zierlichen Falten herabfiel, an archaische hellenische Skulpturen erinnerte. Die beiden Knaben waren mit dem Soccus beschuht, mit dem Komödienschuh, zum Unterschied vom Cothurnus oder Tragödienstiefel. Sohle und Absatz dieses Soccus waren etwas niedriger, immerhin aber hoch genug, um die Schauspieler allen sichtbar über den Bretterboden der Bühne emporragen zu lassen. Weil Cäcilius und Cäcilianus geborene Komödianten waren, fühlten sie sich, sobald sie den Soccus trugen, nicht mehr als die, welche sie waren, sondern als die, welche sie darstellen sollten. Sie konnten sich, wiewohl bereits angekleidet und frisiert, hinter der Szena immer noch wie zwei kleine Schlingel benehmen. Doch waren sie erst mit dem Soccus beschuht, so wurden aus ihnen plötzlich zwei Komödianten, Schauspieler, Künstler, so waren sie plötzlich griechische Hetären, waren sie die beiden Bacchides. So gingen sie denn jetzt aufeinander zu im Bühnenschritt, den der Soccus verlangte, nicht so weit ausschreitend wie die Tragici, aber doch weiter und rhythmischer, als die Menschen im gewöhnlichen Leben dahinschritten. Sie gaben, von den kreischenden, aufreizenden Klängen der lydischen Flöten begleitet, die Freude kund, einander zu sehen und umarmten sich.

»Schwester!«

»Schwester!«

Dann tanzten sie zusammen.

Rein und klar war der Ruf durch das ganze Theater erklungen. Was kümmerte sie jetzt noch der Bär, der unter ihren Füßen im Gewölbe brummte? Sie dachten an nichts anderes als an ihren Tanz. Während des Tanzes sangen sie einstimmig ihre Freude hinaus. Ihre Maskenmünder öffneten sich und sandten den Klang bis zu den fernsten und höchsten Bänken, bis zu den Gladiatoren hinauf. Sie erkannten sie wohl, aber was ging es sie an, wer da saß, wer in der Orchestra, wer im Tribunal Platz genommen? Sie sangen und tanzten, während der Prologus auf seinem Esel davonritt.

Wenn ihre Gesichtszüge und ihre Kleidung archaisch wirkten, wurde dieser Eindruck noch erhöht durch ihre rhythmisch abgemessenen Bewegungen. Durch den gleichmäßig weiten Soccusschritt, der ihr enges Gewand weitete, der die Gazefalten immerfort auseinanderfallen ließ und durch die Haltung ihrer schmächtigen Ephebenarme – sie beugten die Ellbogen rechteckig und breiteten ihre juwelengeschmückten Finger mit den gewölbten sehr langen Nägeln wie seltsame Falter oder Vogelflügel aus – beseelten sie ihre äußere Erscheinung zu einem lebenden archaischen Bilde, das sich von der neuzeitlichen griechischen Dekoration seltsam abhob und insbesondere in diesem modernen lateinischen Theater befremdend wirkte, das aber die Zuschauer, sobald sie nur auf sie blickten, rührte wie die Äußerung einer alten verfeinerten, unversehrt erhaltenen Kunst. Sie tanzten deklamierten, sangen, spielten.

»Ah!« riefen bewundernd die Gladiatoren, die Soldaten, die Dirnen, die Galli, die Matronen, die Kaufleute.

»Das sind die Zwillinge der Crispina!« flüsterte Fabulla, die sie herrlich fand, Domitilla und der Virgo Maxima zu.

»Sind das deine Knaben?« fragte Domitia Crispina flüsternd und voller Bewunderung.

Die Mutter des Cäcilius und Cäcilianus wandte der Kaiserin ihr glühendes Antlitz zu.

»Ja, Augusta,« gestand sie und schlug die Augen nieder, um sie dann lächelnd wieder zu der Fragerin aufzuschlagen.

»Quintilian,« fragte Plinius beinahe schalkhaft, »wie gefallen Euch jetzt Hero und Leander?«

»Sie wirken sehr anmutig und ungewöhnlich künstlerisch,« sagte Quintilian. «Aber ich für mein Teil gebe doch dem feinen Flötenspiel des Zosimos auf den zwei gleichen Flöten den Vorzug vor diesem schrillen Klang auf so vielen gleichen Flöten. Denn das klingt übertrieben.«

»Es ist prächtig,« sagte Martial, sich zu ihm neigend. »Sie sind archaisch, und doch ist ihre Kunst modern, weil sie in der Antike die Leidenschaften der neuen Zeit suchen. Sie bringen unser Jahrhundert vollkommen zur Darstellung, unser Jahrhundert, das aller Dinge und seiner selbst müde ist und das sucht, sucht sogar in unserer Vergangenheit. Diese Knaben sind Künstler von einer Güte, wie ich sie noch niemals sah. Vielleicht wissen sie selber nicht einmal, daß sie es sind.«

»Am meisten bewundere ich an ihnen,« sagte Quintilian voller Wertschätzung, »daß sie statarisch bleiben, während sie als Hero und Leander völlig motorisch waren. Sie sind jedesmal so, wie sie gerade sein müssen.«

»Verlangt die Komödie des Plautus niemals etwas anderes als ein ausschließlich statarisches Spiel?« fragte Juvenal.

»Diese gemäßigten Charakterspiele«, sagte Quintilian, »sind vorwiegend statarisch, ruhig, obwohl belustigend, aber stets erhaben-komisch und niemals motorisch, niemals heftig erregt. Als sie Hero und Leander gaben, spielten sie motorisch, leidenschaftlich, so wie es sein mußte. Wollten sie auch dies motorisch spielen, so würden sie eine Posse daraus machen. Diese Knaben haben viel Maß und Rhythmus in ihrem Spiel und empfinden mit bewunderungswürdiger Sicherheit, wie weit sie gehen dürfen.«

»Aber dieser Anfang ist im Plautus nicht angegeben und wurde zu Plautus' Zeiten sicher niemals so gespielt,« kritisierte der junge Sueton bescheiden.

»Was tut denn das zur Sache?« antwortete Martial heftig. »Dadurch wird das Jahrhunderte alte Stück erfrischt und verjüngt.«

Er klatschte lebhaft in die Hände. Das Theater erdröhnte von Beifall und Jubelrufen. Die athenische Bacchis geleitete ihre Schwester ins Haus. Die Sklavinnen folgten. Der Adulescens trat auf ohne Maske, reich gekleidet, in buntfarbigem Gewand. Die jungen Männer der Komödie waren stets vielfarbig geschmückt. Während er eitel zu Fabulla hinüberblinzelte, die er von der Taberne des Nilus her kannte, sprach er mit hoher Stimme, deklamierte er seine Liebe zu der aus der Fremde heimgekehrten Bacchis, der er nachgereist war. Die Flöten begleiteten den Monolog.

Fabulla war außer sich vor Bewunderung, so sehr, daß ihr Wahn zu schwinden begann und sie nicht mehr zu hoffen wagte, jemals auf diesen Brettern eine Frauenrolle zu spielen, wenngleich auch sie sang, tanzte und deklamierte. Während der Adulescens verliebt zu ihr hinüberblinzelte und sie anschmachtete, dachte sie unaufhörlich an Cäcilius und Cäcilianus. Wie? Diese kleinen Burschen, die bei Nilus mit ihr auf den Knien des Colosseros geschaukelt und ihr so heftig widersprochen hatten, waren so bedeutende Künstler? Sie empfand sehr wohl, daß dies Kunst war, eine Kunst, die jahrelang, von Kindesbeinen an empfunden und geübt sein mußte, eine Kunst, die zu einer Vollendung emporgeführt war, die eine Patrizierin nicht, wie sie gedacht, im ersten Anlauf mit Erfolg nachzuahmen vermochte. Wie graziös und rhythmisch hatten sie sich bewegt nach dem Takte der Flötenmusik! Wie klar und deutlich hatten sie gesprochen und gesungen, so daß es überall im Theater verständlich war. In ihrer Aussprache war etwas gewesen, das sie niemals erreichen zu können glaubte: die streng literarische und zugleich theatralische Aussprache des Lateinischen, die jedem Worte seinen Wert gab. Dies alles empfand sie so stark, daß ihr plötzlich angst ward vor ihrem Ehrgeiz und ihrem Verlangen. Sie begriff, daß die Frau vielleicht für dieses Theater nicht geeignet sei, daß sie niemals das Ideal würde verwirklichen können, das diese beiden Knaben mit den schlanken Hüften und mit den mageren, ein wenig weiblichen Ephebengliedern viel besser verkörperten. Wie seltsam hatte sie das eigenartig Stilisierte, das Archaische berührt, das in ihren hieratischen Bewegungen so schön zum Ausdruck kam! Wie zart und doch vernehmlich hatten ihre geschulten Stimmen fast singend gesprochen! Sie begriff, daß sie zu klein war, zu rundlich, daß sie keine Stimme haben würde. Das alles begriff sie mit einem Schlag. Es war richtig: die Frauenrollen mußten von Knaben dargestellt werden.

Sie stellte sich vor, wie sie dort auf den Brettern in den Bacchides spielen würde. Aber sie würde zittern und beben angesichts dieser Tausende von Augen. Sie würde, sie müßte lächerlich sein, während diese Knaben so waren, wie sie sein mußten.

Dies war für sie in ihrer bereits sorgenvollen Stimmung – wegen des an Nigrina begangenen Mordes, für dessen Mitwisserin man sie hielt – eine so bittere Enttäuschung, daß sie hinter dem Rücken der andern Frauen sich zu Crispina hinüberneigte und sie mit fast lauter Stimme und mit einem gehässigen neidischen Grinsen fragte:

»Bist du zufrieden mit deinen Zwillingen, Crispina?«

Der Adulescens schmachtete vor Liebe. Die Exostra drehte sich. Das üppige Haus der athenischen Bacchis ward sichtbar in seiner Pracht der scharlachroten Stoffe, des Lectus Pavoninus, des vergoldeten Geschirres, der Rosenkränze, die die Ädilen für die szenische Ausstattung verschwenderisch vergeudet hatten. Inmitten all dieser Üppigkeit saßen die Bacchides, die Hetärengeschwister. Durch die geöffneten Türen sahen sie den Adulescens, zeigten ihn einander, flüsterten miteinander.

»Oh! Oh!« rief jubelnd die Cavea. So war es ihnen recht. Diese Pracht war ihnen willkommen, diese hochbeschuhten, gelb ausstaffierten goldgierigen Meretrices in dieser traditionellen übertriebenen Stilisierung der Bühne, die sich auf der Exostra vorwärts drehten, während die Flöten rechts immer höher und immer üppiger spielten und die links stets lauter begleiteten und der Adulescens seine Stimme deklamierend erhob.

»Brummt da ein Bär?« fragte Domitia.

»Nein. Es sind die linken Flöten,« meinte die Virgo Maxima.

Das war schön. In dieser Art der Darstellung konnte man sich ein Stück des Plautus, eine höhere Pallatia, noch ansehen. Die Handlung war Nebensache. Die Ausstattung spielte die Hauptrolle.

Die Cavea ließ donnernden Beifall erschallen nicht etwa des Adulescens wegen, sondern einzig und allein wegen der beiden Bacchides, die auf der beweglichen Exostra immer mehr sichtbar wurden.

Cäcilius und Cäcilianus erhoben sich von dem kostbaren Ruhebett, auf dem sie sich in schwesterlicher Umarmung umfangen hielten. Cäcilius, die athenische Meretrix, begann:

»Du hälst dich still zurück, nicht wahr? und ich allein führ' das Gespräch mit diesem Jüngling da?«

»Ja, bitte, liebe Schwester! So ist's recht,« fiel Cäcilianus ein.

In dem rötlichen Lichte, das all das Scharlachfarbene und Vergoldete um sie her in fast unwirklicher Orange- und Purpurglut erglühen ließ – purpurn die Stoffe, orangefarben die Gewänder, orangefarben vor allem ihre goldübersprenkelten Perücken, die sich von der Purpurfarbe ihrer geschminkten Gesichter seltsam abhoben – blieben sie statarisch ruhig, lächelnd, schalkhaft, mutwillig, verderbt und zierlich, aber zugleich gemessen, weil sie in der ruhigen Palliata auftraten, dem höheren Lustspiel, das niemals zur Posse erniedrigt werden durfte, das allzeit plautinisch heiter bleiben mußte. Der Realismus der Komödie wurde durch solch seines Spiel, durch die melodische, vom Flötenspiel gestützte Rezitation und durch die Wunderpracht der vom Choragus gestellten Ausstattung idealisiert.

Draußen ertönten jählings und unerwartet Fanfaren. Es war, als schieße ein Blitz durch das Theater. Alle erhoben sich vom geringsten Gassenbuben bis zur Kaiserin. Hastig eilten Bedienstete herbei mit brennenden Fackeln und entzündeten den Weihrauch in den Fässern vor dem rechten Tribunal. In aller Eile wurde das Auläum wieder aufgerollt. In der kaiserlichen Loge erschienen Palastoffiziere. Mit Speer und Schild klirrend scharten sich die Prätorianer auf der Treppenflucht.

Domitian erschien.

»Ave Caesar Imperator!« schrie es laut, schrill, hoch, tief, und die Wände warfen das Echo zurück. Die patrizischen Stimmen, die plebejischen Stimmen, die Stimmen der Konsuln sowohl wie die der Gassenbuben riefen den Gruß. Die würdigen Stimmen der Senatoren dort unten mischten sich mit denen der jubelnden Gladiatoren dort oben, die der Cavea mit denen der Ritterbänke, die der Männer mit denen der Frauen. Gegenüber dem Tribunal, wo der Kaiser erschien, war der Gruß der Kaiserin und ihrer Frauen hell ertönt.

Domitian betrat langsam die Loge. Sein Blick war scheu und zornig, als sei er zugleich furchtsam und ingrimmig. Kurzsichtig kniff er die Augen zusammen. Er war groß. Für seine fünfundvierzig Jahre sah er alt und kränklich aus. Aus seinem ganzen Wesen sprach etwas Leidendes und Mißmutiges. Er trug eine purpurne Toga und um den fast ganz kahlen Schädel einen Kranz aus goldenem Eichenlaub. Sein geschwollener Bauch rundete sich unter dem Purpur, seine Beine waren dürr. Einstmals war er gut gewachsen und von männlicher Schönheit gewesen. Jetzt schien er aufgerieben und verfallen. Sein Körper war krank und auch seine Seele. Er war wahnsinnig vor Angst, Mißtrauen, Zweifel, Reue. Aber in der Regel hielt er in Gegenwart anderer seinen Wahnsinn in sich verborgen. Er war unerwartet in das Theater gekommen, weil ihm an diesem Tag im Palatium Angst geworden war. Er war dicht umringt von seinen Offizieren, Cubicularii, Knaben. An seiner Seite ging ein buckliger Narr. Als Domitian sich setzte, indem er die, welche ihm zugejubelt hatten, kaum mit einem zögernden Kopfnicken begrüßte, hockte der Narr ohne Possierlichkeit zu seinen Füßen nieder und sprach sehr ernst mit dem Kaiser. Der Narr machte keine Späße. Der Kaiser, gleichfalls ernst, antwortete ihm. Um ihn her setzte sich Satur, der Decurio Cubiculariorum, der oberste der Kämmerer, Parthenius, Sigerus, sein Günstling Crispinus und sein Liebling, der Jüngling Earinus. In dichten Wolken stieg der Weihrauch aus den Schalen empor.

Im Theater hatten alle ihre Plätze wieder eingenommen. Die vorher so heitere Atmosphäre hatte sich verdüstert. Es war drückend heiß geworden, immer heißer, je höher die Sonne stieg, während sich eine gewitterschwangere, schwüle Lenzesglut durch das Velum herabsenkte. Als das Auläum von neuem herabrollte, wurde die Bühne mit der Szenawand sichtbar. Man wiederholte das Vorspiel, das bereits dargestellt war, und das Auläum wurde wieder hochgezogen, während hier und dort schüchtern der Ruf »Wasser! Wasser!« ertönte.

Das Wasser rauschte gleich einem tropfenden Vorhang an den Wänden, an den Treppen entlang, die Duftfontänen sprangen auch vor dem Tribunal des Kaisers. Allmählich getrauten die Zuschauer sich wieder, die Frische und den Duft wollüstig einzuatmen, wieder zu plaudern, zu speien, selbst zu lachen. Ein übermütiger Knabe wagte es sogar, Tiere nachzuahmen, einen Hund, der bellte, ein Schaf, das blökte, einen Hahn, der krähte. Man war schon um geringeren Vergehens willen gekreuzigt worden. Im Tribunal der Kaiserin starrten die Frauen ernsthaft vor sich hin. Der Kaiser sprach noch immer mit dem Narren.

Hinter dem Auläum spornte der Dominus, nervös und wütend über die Wiederholung, den Choragus und die Arbeiter zur Eile an. Der Anfang der Bacchides mußte wiederholt werden. Der Prologus auf seinem Esel ritt wiederum vor, deklamierte, das Flötenspiel ertönte. Cäcilius und Cäcilianus traten auf genau so, wie sie bereits aufgetreten waren.

Die Menge, die bei ihrem glänzenden Wiedererscheinen plötzlich jeglichen Druck vergaß, brach in ein rhythmisches und zugleich rasendes Jauchzen aus, während sie gleichsam nach dem Takt in die Hände klatschte, daß es dröhnte. Die Knaben tanzten, und allmählich entrollte sich das Lustspiel. Es fesselte. Der Kaiser saß regungslos da. Gleichsam unberührt schaute er zu, während er hin und wieder sehr ernst eine Frage an seinen Narren richtete. Mit den andern sprach er nicht, nicht einmal mit Crispinus. Hin und wieder warf er unvermutet einen Blick in das Theater, sank dann wieder zurück in seinen Purpur, schielte mit einem verstohlenen Blicke zu dem Schauspiel hinüber. Es hatte den Anschein, als gewinne er langsam Interesse. Die klassische höhere Komödie, die Palliata, wurde in der modernen Auffassung, die der Dominus ungeachtet seiner Liebe zu den antiken Schriftstellern für unvermeidlich erachtete, vollendet gespielt. Nach der großen Szene der beiden Meretrices mit dem Adulescens ertönte von neuem ein leidenschaftliches, zugleich rhythmisches Jauchzen. Syrus, der die Rolle des listigen Sklaven Chrysalus spielte, der immer wieder durch geschickte Intrige und Verwicklung das nötige Geld für seinen jungen Gebieter hervorzuzaubern weiß, war prächtig. Er war köstlich in seiner dreisten Unverschämtheit. Er war der dienstbeflissene Servus Currens, der, allzeit geschäftig sich stellend, intrigiert und das Feld behauptet, obwohl sein verliebter Herr stets alles wieder verdirbt. Dann der Senex, besonders der erste, Nicobolus! Diese beiden Alten mit ihren großen Masken, die zugleich böse grinsten und behaglich scherzten! Wie die Menge sie belachte, wenn sie erst die eine, dann die andere Seite ihres maskierten Kopfes dem Publikum zuwandten! Völlig vergessen war Domitians Gegenwart. Denn er saß so ruhig da in seinem Purpur vergraben und schaute, schaute. Er verfolgte diese klassische Plautus-Intrige mit den beiden Vätern, die, während sie ihren Sohn aus den Stricken der verführerischen Bacchides befreien wollen, selber hineingeraten. Nun gar der Schluß, wenn die Alten, während die glänzende Exostra mit den Rosenkränzen und dem Lectus Pavoninus und dem mit vergoldeten Gefäßen beladenen Tisch aus Zitronenholz zum Vorschein kam, von den beiden Meretrices so lange verlockt, verführt, belehrt, ausgelacht werden, daß ihnen für allezeit der Mut fehlen wird, jenen etwas vorzuwerfen! Wie sie alle spielten: die beiden Senex, die beiden Adulescentes und namentlich die beiden Frauenrollen! Wie spielte der Schauspieler bei ersten Sklavenrolle! Der Parasit? Der trat nur flüchtig auf, kaum daß man ihn bemerkte. Es war schade. Denn ein Parasit, der eine gute Rolle hatte, war immer etwas Hübsches. Aber dieser Parasit hatte kaum eine Rolle und spielte außerdem schlecht.

»Ich verstehe alles ganz genau,« sagte über sich selber verwundert Sila, die Matrosendirne, zu ihrem Matrosen.

Es war in der Tat nicht schwer, wenngleich es so künstlerisch schön war. Alles entwickelte sich folgerichtig. Es wurde ein wenig feierlich, in etwas gedehntem Zeitmaß statarisch gesprochen, getanzt, und auch die mimischen Bewegungen waren so gehalten. Dominus achtete, zwischen den Säulen der Szena verborgen, genau darauf, daß das Zeitmaß innegehalten wurde. Nirgends durfte eine Posse daraus werden, nicht einmal, wenn keuchend und galoppierend der Sklave auftrat.

Dann das Ende! Das wunderbare Ende! Die beiden Bacchides tanzten nach den Klängen der stets sich steigernden Flötenmusik – Katzenmiauen, meinte Quintilian – mit den beiden Vätern ihrer Geliebten, die um eine Ecke schauten. Sie tanzten auf der Exostra, auf dem Proszenium. Sie tanzten vom Hause auf die Straße und von der Straße wiederum ins Haus. Sie umschlangen die guten Alten mit den Rosengewinden, sie gossen ihnen die vergoldeten Becher voll aus den vergoldeten Krügen.

»Es sind meine Knaben,« dachte Crispina, während sie über sich selbst staunte.

Sie bewunderte sie, sie hatte sie lieb, weil sie so schön waren. Es dünkte sie sehr seltsam, daß mit Ausnahme der Kaiserin und ihrer Frauen im Tribunal wohl kaum jemand im Theater wisse, daß es ihre Knaben seien. Es stimmte sie ängstlich und beruhigte sie zugleich. Jetzt brauchte sie nichts mehr zu verbergen. Würde Crispinus dem Kaiser dort drüben ebenso rauh ...? Würde der Kaiser dann verzeihen? Er hatte schon Schlimmeres verziehen, aber strafte oftmals noch geringere Vergehen als das, Zwillinge von einem Histrio zu haben und sie an einen Dominus zu verschenken. Die lieben schönen Knaben! Die Schätze! Die beiden Schätze! Sie lächelte ihnen beinahe zu, wie ein jeder lächelte. Seht nur! auch der Kaiser lächelte. Noch immer zusammengekauert lächelte er. Aber sie waren auch gar zu anmutig in diesem Bacchanal der Bacchides! Jedesmal, wenn die Alten Seite an Seite daherwackelten, küßten sie die beiden Geliebten heimlich und umtanzten darauf wieder die beiden Väter. Die Orgie endete stets rhythmisch und statarisch, in stets gemäßigtem Tempo mit dem bacchischen Tanz, den alle sechs, die Meretrices, die Väter, die Söhne tanzten.

Dann brach das Clare Adplaudere, der rasende, donnernde Beifall los, für den der Dominus in leicht schleppendem Gewande, die Bacchides an seiner Seite, durch ein kurzes Schlußwort, das die Moral des Stückes zusammenfaßte, von seiner Grex umringt, dankte.

Sie grüßten den Kaiser, die Kaiserin und das Publikum mit ihrem Theatergruß. Das Auläum rollte empor und verhüllte anfangs nur ihre mit dem Soccus bekleideten Füße, endlich auch ihre Köpfe. Überall im Raume hörte man Urteile. Von der Orchestra bis in die höchsten Ränge hinein war diese Palliata sehr beifällig aufgenommen worden. Die Gruppe der Literaten um Verginius Rufus und Plinius schätzte es ungemein, wieder einmal einen Plautus gesehen zu haben, obwohl diese Form durch das Vor- und Nachspiel mit Tanz und Gesang der beiden Frauenrollen, durch die noch modernere Flötenmusik und durch das ganze moderne Choragium, durch diese Pracht, die Plautus selber in höchstes Erstaunen versetzt haben würde, tiefgreifend modernisiert worden war. Allein die Cavea wußte gerade diese Pracht, die in die alte Komödie eingeflochten war, zu schätzen. Die Delicati, die verweichlichten jungen Leute, die schon die Sommerringe an den Fingern trugen und auf den Ritterbänken zwischen den Matronen saßen, und die entnervten patrizischen Frauen, die kristallene Kugeln zur Kühlung in den heißen Händen bewegten, meinten lobpreisend, indem sie ihre Anerkennung geziert mit griechischen Worten aufputzten, dieses Spiel sei mit griechischer Färbung gespielt worden und die beiden Bacchides selber seien so griechisch gewesen, weil Griechisch vornehm und in Mode sei.

Griechisch? Gewiß, griechisch. Aber die Vorstellung, die so griechisch begonnen hatte und mit den modernisierten gräzisierenden Bacchides fortgesetzt worden war, sollte jetzt lateinisch werden, so lateinisch wie nur möglich. Während das Auläum herabgelassen, das Siparium aber noch geschlossen war, gab es hinter dicken Zwischenvorhängen ein geschäftiges Treiben und viel Vorbereitungen für den ersten Mimus, Inzwischen fand nach kurzer Pause, indes Wasser floß und Düfte sprangen, nur auf dem vorderen Proszenium ein Zwischenspiel statt. Das geschah, um das Volk zu belustigen. Denn die Patrizier unterhielten sich unbekümmert weiter, standen auf, begrüßten einander.

Der Kaiser in seiner Loge schien leutselig. Er entbot die beiden Konsuln mit dem Prätor und die Ädilen zu sich. In seinem Purpur vergraben erhob er sich nicht, sprach, während er sitzen blieb, hin und wieder ein Wort zu den Entbotenen, die stehen blieben. Nach ihnen befahl er den alten Verginius Rufus und Plinius zu sich. Er schien sich Gewalt anzutun, um leutselig zu sein. Das war eine Anwandlung, die in der Regel nichts Gutes verhieß. Er hatte sich noch immer nicht erhoben. Leidend blieb er in seinem Sessel sitzen. Das Volk entspannte sich nach den zwar schönen und heiteren, aber doch sehr statarischen Bacchides, die es, noch aufnahmefähig, sowohl um der Pracht, besonders aber um des Cäcilius und des Cäcilianus willen hatte schätzen können, nun bei der heiteren Ausgelassenheit, die sich vor dem Siparium abspielte.

Andere gemein-komische Flötenspieler tanzten und flöteten gleichzeitig. Ihre Doppelflöten waren mit dem Capistrum, dem haltenden Bande, um die Wangen und den Hinterkopf befestigt. So ging auch die Luft, die sie bliesen, nicht verloren. Einige von ihnen traten mit Tieren auf. Sie tanzten barfuß ein kleines Nachspiel, eine Atellane. Sie waren grotesk geschminkt. Sie traten auf mit Böcken und Ziegen. Sie sangen allerlei obszöne Dinge. Sie waren Maccus, Bucco, Pappus, Dossennus, die vier Hanswurstfiguren, die das Volk liebte. Sie waren Acco, das eitle Frauenzimmer, und Mormo, das alte bucklige Weib, die aber von Männern gespielt wurden. Singend erzählten und spielten sie drollige Geburten und Fehlgeburten und verkörperten in possenhafter Weise die Göttin der Fruchtbarkeit. Alle hatten große Ohren, dicklippige Mäuler, schielende Augen, Buckel. Sie waren närrisch, obszön, grotesk, gefräßig. Sie prügelten einander, purzelten übereinander. Sie sangen Anspielungen, nicht allzu gewagte, und in ihrer Mitte war der Stupidus Graecus zu sehen, der dumme August, dem von allen andern übel mitgespielt wurde und der die größte Heiterkeit auslöste.

Das Volk lachte, schrie vor Lachen, während die Patrizier taten, als sähen sie nichts, und sich weiter miteinander unterhielten und der kaiserliche Narr zu Füßen des Domitian, der dem Theater zugewandt zu denen sprach, die zu ihm entboten waren, sehr verächtlich, starr und sehr ernst über die Cavea hinstarrte.

Cäcilius und Cäcilianus entkleideten sich mit fieberhafter Eile in ihrem kleinen Kämmerchen. Denn nun, da die Bacchides aufgeführt und sie nicht mehr beschäftigt waren, wollten sie sich im Theater die Nachspiele, die Atellanae und die Exodia ansehen.

»Ihr Jungen!« sagte der Dominus strahlend, »ihr habt schön gespielt.«

»Dominus,« sagte Cäcilius, »wir wußten, daß wir schön spielten.«

»Daß wir sehr schön spielten,« fügte Cäcilianus hinzu.

»Jetzt dürfen wir wohl auch einmal zuschauen?«

»Dürfen wir zuschauen?«

»Erst eure Sachen aufräumen!«

Ja, ja, das wollten sie tun. Denn dazu seien sie viel zu gute Comoedi. Es waren in der Tat sehr kostbare Kostüme, die dem Garderobenmeister gehörten. Der Choragus kam darum in eigener Person, um sie zu holen,

»Keine Furcht, Choragus! Sieh nur, wie sauber wir alles zusammenlegen!«

»Alles zusammenlegen!«

Er nahm die Kostüme mit, um sie in die Paraszena zu bringen.

Die Knaben wuschen sich unter dem kleinen Wasserhahn. Da trat Thymele, die berühmte Tänzerin, ein, gefolgt von Gymnasium und der Tonstrix.

»Ihr wart prachtvoll, Knaben!« sagte Thymele. »Aber macht jetzt, daß ihr fortkommt! Geschwind!«

»Wir waren gut, nicht wahr?« sagten die Knaben protzig, während sie sich säuberten.

»Mehr als gut!« sagte Gymnasium, und die Tonstrix fügte mit ihrem liebenswürdigen Lächeln hinzu:

»Wie herzig sie aussahen!«

Eine Ankleiderin erschien mit dem Gewand der Thymele.

»Laß uns einmal sehen!« sagte Cäcilianus neugierig und eifersüchtig.

»Ja, laß sehen!« wiederholte Cäcilius. Denn in ihm regte sich das gleiche Interesse, und gleichzeitig wischte er sich heftig über die Nase. Die Schminke ward zu einem wüsten Gemenge von roten, schwarzen, blauen Streifen. »Du hast doch nicht etwa ein schöneres Gewand als ich?« fragte Cäcilianus ängstlich gespannt.

Die vier Frauen lachten laut auf.

»Es ist nicht ganz so schön,« sagte Thymele tröstend. »Nun, ihr Lieblinge, macht daß ihr fortkommt! Gymnasium muß mich jetzt frisieren. Aber erst muß ich euch noch einmal auf eure süßen Fratzen küssen.«

»Thymele, ich bin noch ganz rot und blau,« rief Cäcilianus.

»Und ich schwarz und weiß,« flüsterte Cäcilius.

»Das tut nichts,« sagte Thymele.

Sie war fast so groß wie die Knaben, schlank und mager. Sie hatte etwas Jünglinghaftes. Scherzend nahm sie Cäcilius in ihre Arme und küßte ihn, küßte ihn wiederholt.

Die Frauen lachten belustigt.

»Dann küsse ich Cäcilianus,« sagte die Ankleiderin, während sie Cäcilianus umfing und ihn küßte.

»Willst du das wohl lassen!« rief Cäcilianus gleich einer Jungfrau, die bedrängt wird.

Aber Cäcilius rief:

»Dann küsse ich die Tonstrix, weil sie mich so schön frisiert hat.«

Er umschlang die liebenswürdig lächelnde Tonstrix und küßte sie. Sie schrie laut auf vor Freude und erwiderte seinen Kuß.

»Was wird mit mir?« rief Gymnasium, die dicke Einstmalige. »Schon gut, schon gut, mich küßt man nicht mehr. Dann will ich auch nicht mehr küssen.«

Zum Scherz stellte sie sich so, als sei sie traurig darüber. Aber die Knaben umfaßten sie, wirbelten sie rund herum und küßten, küßten sie. Sie küßte sie wieder, sehr mütterlich. Es waren doch gar niedliche Schlingel! Dann eilte sie davon. Um des Cäcilianus Augen lag es noch blau, und Cäcilius hatte noch eine rote Wange, und kohlschwarz waren beider Brauen und Wimpern.

»Vorwärts! Vorwärts!« Die Knaben spornten sich gegenseitig zur Eile an. »Wie haben uns die Frauen geküßt!«

Sie wischten sich die glühenden Wangen.

Sie schlüpften durch Tür und Gang und Tür. Sie waren auf der Praecinctio hinter dem Tribunal der Kaiserin und blickten flüchtig an den zierlich gekleideten Sklaven und Freigelassenen vorüber zu den hohen Frauen. Sie sahen deren Rücken in den gestickten, vielfarbigen Stoffen ihrer Festmäntel, die unter ihren entblößten Schultern herabwallten. Crispina, die der Kaiserin nur halb zugewendet saß, wandte sich um, sowie man sich häufig umwendet, wenn jemand vorübergeht. Sie blickte ihren Knaben in die Augen. Sie erkannte sie nicht sogleich. Sie waren schön und blond; ihre Gesichter waren schmutzig, und unbewußt pervers stahl sich ihr Blick unter den allzu dunklen Brauen und Wimpern hervor. Aber als sie sie erkannte, durchzuckte sie eine heftige Bewegung.

Auch Fabulla sah sie und rief der Kaiserin, der Virgo Maxima und Domitilla zu:

»Seht da! Die Zwillinge der Crispina!«

Crispina erschrak. Alle schauten sich um und lachten. Allein die Knaben, die man dabei erwischt hatte, als sie in die Kaiserinnenloge spähten, eilten, so sehr sie konnten, die Praecinctio entlang. Dann blieben sie zu gleicher Zeit stehen.

»Was sagte sie?«

»Ja, was sagte sie?«

»Was sagte Fabulla?«

»Was sagte sie doch?«

»Wir seien ...?«

»Wir seien ...?«

»Die Zwillinge ...?«

»Ja, die Zwillinge der ...«

»Der Crispina?«

»Crispina? Wer ist Crispina?«

»War Crispina dort im Tribunal?«

»Wer ist Crispina? Neben der Kaiserin rechts saß die Virgo Maxima. Neben der Virgo Maxima ...«

»Domitilla, die Nichte des Kaisers. Und neben ihr Fabulla.«

»Aber links neben der Kaiserin?«

»War das Crispina, unsere Mutter?«

»Ich weiß nicht.«

»Ich weiß auch nicht.«

Sie schauten einander an und stiegen dann aufwärts. Das Theater, die Cavea, war voll. Glühend heiß war es unter dem roten Velum. Die Mittagstunde war bereits vorüber, der Wind hatte sich gelegt, das Velum hing schlaff, beinahe regungslos. Das Wasser sickerte an den Marmorwänden entlang. Wie warm es war! Ob ein Gewitter drohte? Nirgends war ein Platz zu haben, wie es schien. Jeder erkannte sie. Obwohl die Atellane sehr belustigend war mit Pappus und Marcus, wandten sich dennoch aller Augen ihnen zu, und Stimmen riefen:

»Cäcilius! Cäcilianus! Kommt her!«

Es waren die Matrosen aus Ostia, es waren die Schlächter, die Geflügelhändler und Obstverkäufer des Velabrum, es waren die Galli, es waren Taurus und seine Dirnen, es waren die Wäscher und die Soldaten. Aber die vornehmeren Ladenbesitzcr des Vicus Tuscus und Tryphon, der Buchhändler, hielten sich zurück. Sie alle waren zu vornehm, um den beiden kleinen Komödianten einen Platz einzuräumen. Von der obersten Reihe herab brüllten die Gladiatoren:

»Kommt her, Knaben! Cäcilius und Cäcilianus!«

Carpophorus und Colosseros brüllten es mit so gewaltiger Stimme, daß sogar der Kaiser aufblickte, sein Narr ebenfalls. Sie blickten hinauf, während die Knaben den Ruf der Gladiatoren mit der Hand winkend erwiderten und eilends die Treppe hinaufkletterten. Der Kaiser schien Plinius und Verginius Rufus, mit denen er sprach, auf Carpophorus aufmerksam zu machen, den er erkannte und der ihm sein liebster Schwertfechter war.

Die Knaben erreichten die höchste Galerie. Voll war es dort und warm wie in einem Ofen dicht unter dem roten, glühend heißen Velum. Es war kein Platz da. Sämtliche Gladiatoren des Kolosseums, sämtliche Wagenlenker aus dem Zirkus Maximus mit unzähligen Soldaten saßen dort zusammengedrängt und schienen von roter Glut übergossen.

»So komm du nur wieder auf mein Knie!« sagte Colosseros zu Cäcilius.

»Komm du nur hierher!« sagte Carpophorus zu Cäcilianus.

Der Jäger rollte seinen kurzen Mantel zu einem Kissen zusammen und hieß Cäcilianus auf der Praecinctio über seinem Kopfe darauf niedersitzen. Dann zog er des Cäcilianus schlanke Beine über seine breiten Schultern. Der Knabe lachte. Klein saß er wie auf einem großen Pferde auf des Carpophorus kräftigem Nacken. Spielerisch wie ein Kind wippte er auf und nieder, legte die Hände an des Carpophorus Ohren und tat so, als halte er die Zügel.

»Sitzest du gut?«

»Ich sitze sehr gut, Jäger. Sitzest du gut, Brüderchen?«

Cäcilius saß gut. Plötzlich riefen sie wie aus einem Munde: »Sie spielen eine Parodie auf uns!«

In der Tat spielten Pappus und Marcus eine Parodie auf die Bacchides. So verlangte es die Tradition. Sehr oft bildete die Atellane eine Parodie auf die vorangegangene statarische Palliata. Die Knaben belustigten sich köstlich. Pappus und Maccus ahmten sehr spaßig Cäcilius und Cäcilianus nach. Sie gingen im Soccusschritt, sie trugen dünne, hohe Perücken, sie sangen in falschem Falsett, sie versuchten ihre Anmut nachzuahmen. Die Knaben schrien vor Lachen. Kaum hatten sie die Bretter verlassen und den Soccus abgelegt, so waren sie wie Kinder und vergnügten sich kindlich, indem Cäcilius auf des Colosseros Knie schaukelte und Cäcilianus auf dem massiven Nacken des Carpophorus saß, der seine Fäuste um die Knöchel des Knaben schlang und laut lachend mit ihm Pferdchen spielte.

Das Auläum hob sich. Beifall. Sengende Hitze, über dem Velum rollte der Donner. Die Zuschauer rangen nach Atem.

»Wasser! Wasser!«

Die Wasserstrahlen begannen zu strömen, die Düfte sprangen. Die Knaben sogen die Düfte ein. Göttlich war das!

»Du hast noch viel Blau um die Augen,« sagte Colosseros zu Cäcilius.

»Thymele hat uns zu sehr gehetzt,« murrte Cäcilius.

»Ja, hat uns zu sehr gehetzt,« wiederholte Cäcilianus, »weil Gymnasium sie frisieren sollte.«

Colosseros feuchtete seinen Finger mit Speichel an und rieb damit um des Cäcilius Augen, Carpophorus schöpfte Wasser aus der kleinen Rinne zu seinen Füßen und wusch Cäcilianus, Wie artige Kinder ließen die kleinen Komödianten sich säubern. die Flöten ertönten. Das Auläum schloß sich. Lebhafter Beifall. Die Patrizier nahmen ihre Plätze wieder ein.

Endlos währte der Tradition zufolge die Vorstellung, endlos schleppte sie sich fort mit den Atellanae, die einander folgten. Im Publikum begann man zu seufzen. Die Menschen rangen vergeblich nach Atem. Man keuchte. Es war ein wunderschöner Genuß, Komödianten zu sehen, aber es war allzu heiß hier, allzu drückend. Es ging jetzt auf die neunte Stunde. Niemand durfte fortgehen, da der Kaiser zugegen war. Es wollte auch niemand gehen, gab es doch »den Koffer« noch zu sehen mit Latinus in der Hauptrolle. Den »Koffer«, ja, den »Koffer«! Ihr Götter, es war kaum noch auszuhalten! Obwohl der Kaiser da war, obwohl

der ganze Hof da war, hörte man dennoch Wortspiele durch den Raum schwirren wie Vögel, die in einem Käfig mit den Flügeln schlagen. Das war gestattet innerhalb gewisser Grenzen. War es doch ein Volksfest! Man duldete mancherlei. Während der Palliata war das Publikum aufmerksam gewesen. Aber jetzt durfte man lachen und sich vergnügen. »Der Koffer«, der Mimus des Publilius Syrus! Ehebruchsszenen! Thymele verbarg ihren Geliebten, dessen Rolle Latinus verkörperte, in einem Koffer. Der Stupidus – er hieß Corinthus – war der betrogene Ehegatte. Wie sie ihn auslachten! Thymele tanzte. Wie sie tanzte: auf dem Koffer, um den Koffer herum, gegen den Koffer! Latinus streckte wiederholt den Kopf aus dein Koffer heraus, sprang empor. Die Knaben waren glückselig. Sie freuten sich wie die Kinder, sie, die doch selbst begabte Comoedi waren, die die Bacchides spielten, sangen, tanzten. Die Gladiatoren wieherten über die Witze des Latinus. Nilus schrie vor Lachen. Der ganze Riesenraum schrie.

Es war sehr dunkel. Immer lastender hing die Hitze in dem jetzt dunkelrot glühenden Ofen.

»Luft!« rief eine Männerstimme neben einer ohnmächtig gewordenen Frau.

»Luft! Luft! Luft!« ertönte es jetzt von allen Seiten.

Ein Knarren, ein Geräusch. Das Velum rollte sich auf, der Szena entgegen.

»Ah!« riefen aufatmend und jubelnd die Gladiatoren.

Die Bildnisse, die das Theater umkränzten, wurden in ihrer Erstarrung sichtbar. Der Himmel war schwer und schwarz, von Wolkenbergen bedeckt. Vereinzelte Tropfen fielen.

»Oh!« Ein Ruf der Enttäuschung durchklang die Cavea, weil es zu regnen begann.

Das Velum beschützte etwa noch die Hälfte des Theaters zur Bequemlichkeit des Hofes und der Vornehmen auf den vorderen Reihen. Es war Pause. Aller Augen blickten angstvoll hinauf in den dunklen Himmel. Allein sie würden sich den Laureolus doch ansehen, Laureolus, den sie abgöttisch liebten.

»Mit Lentulus! Mit Lentulus!« riefen jubelnd Cäcilius und Cäcilianus.

»Laureolus!« schrie die Cavea herrisch, obwohl das Zwischenspiel vor dem Siparium noch nicht zu Ende war. Das Rufen ward zu einem einzigen Schrei:

»Laureolus!«

Über dem Theater rollte dumpf das Unwetter. Es schien vorübertreiben zu wollen. Die untergehende Sonne durchbrach die Wolken, schien schräg und mit rotem Schein auf die Reihen der Bildnisse, die das Theater bekrönten, auf die Bühne. Das Siparium öffnete sich nach links und nach rechts.

»Ah!« rief jubelnd das Publikum.

Es war der große Mimus »Laureolus«, das beliebteste der Spiele dieser Art. Alle die da saßen, reckten sich empor, um besser zu sehen. Denn dies war das großartige Ausstattungsstück. Es war »Laureolus«, der Seeräuber, der Dieb, und Lentulus spielte ihn. Es tobte ein Sturm, und das Seeräuberschiff des Laureolus litt Schiffbruch. Die Musik der Flöten raste. Die Flötenspieler links und rechts bliesen hinter dem Capistrum, bis sie fast barsten. An ihren Schläfen waren die Adern angeschwollen. Die Geister des Sturmes tanzten in der Luft über den Wogen. Das Schiff ging unter, aber Laureolus rettete sich. Er rettete sich aus allen Verwicklungen und Zufälligkeiten, die in diesem Mimus aufgehäuft waren. Er rettete sich, bereits gepackt, aus den Händen seines Kerkermeisters durch einen ungeheuren Sprung von einem hohen Turm herab von der höchsten Höhe des vorspringenden Proszeniumdaches.

»Ah!« riefen bewundernd die Gladiatoren, die Soldaten, die ganze Cavea.

Im Todessprung landete er auf dem Proszenium. Er spie Blut – es war echtes Blut – ganze Strahlen Blut spie er aus. Alle Stupidi, alle Narren, sprangen von weit geringeren Erhöhungen schwerfällig ihm nach, spien gleichfalls Blut in roten Fontänenstrahlen, die sich kreuzten. Die Bühne war völlig mit Blut bespritzt und übersprenkelt. Laureolus entfloh zwischen den Sprüngen der Stupidi. Die Kulissen verwandelten sich unablässig, stellten einen Palast, eine goldene Grotte dar, in der Laureolus seine geraubten Schätze verbarg. Merkur fuhr in einer Wolkenmaschine herab. Dann gab es ein Fest. Es folgte ein Gefecht zwischen Seeräubern und Hirten. Die unwahrscheinlichsten Geschehnisse folgten sich endlos, endlos, während die Wolken wieder zu dunkeln begannen und die Sonne inmitten der Schwüle rötlich unterging.

In der Cavea war das Publikum in äußerster Spannung wegen des Laureolus. Er wurde gepackt, er wurde wieder gepackt, der Dieb, der Mörder, der Missetäter. Es gab einen Prozeß. Richter waren die Stupidi, und alles in dem Rechtshandel war erheiternd. Die Richter machten Akrobatensprünge, und Laureolus wurde verurteilt und benahm sich höchst possierlich, als er verurteilt wurde.

Plötzlich zuckte über dem Theater ein heftiger Blitz durch den Himmel. Gleich darauf donnerte es. Der Regen fiel klatschend herab.

»Oh!« rief das Volk protestierend.

In dem rechten Tribunal hatte sich Domitian angstvoll erhoben. Es entstand ein Tumult allgemeinen Aufbruchs, ein Gedränge von Palastoffizieren und Cubicularii rings um den Kaiser. Befehle erklangen. Die Prätorianer marschierten, mit Schild und Speer klirrend, die Trepen hinunter, um sich draußen um die kaiserliche Sänfte zu scharen.

Es war wie ein Signal. Viele brachen auf aus der Orchestra, aus den Ritterbänken. Die Kaiserin verließ das Theater. Es war sehr dunkel geworden. Der Regen fiel klatschend herab.

Auf der Bühne nahm die Vorstellung ihren Fortgang. Die Cavea trotzte dem Regen. Man wollte Laureolus gekreuzigt sehen.

»Ich werde naß,« sagte Cäcilianus klagend wie ein verwöhntes Kind.

»Komm her!« sagte Carpophorus.

Er hob den Knaben herauf, stellte ihn wie ein Kind zwischen seine Knie, hüllte ihn beinahe väterlich in seinen eigenen, kurzen Mantel. Colosseros und Cäcilius waren schon in einen einzigen Mantel gehüllt. Alle holten ihre Mäntel hervor. Es blitzte und der Donner rollte.

»Ist es so gut?« fragte Carpophorus Cäcilianus mit zarter Stimme.

Der Knabe nickte zufrieden.

Die Bühne verwandelte sich. Das Kreuz wurde sichtbar gleich einem T. Inmitten des Gewitters kreischten die Flöten. Die Orchestra leerte sich. Im Theater hörte man von draußen her das verworrene Geschrei nach den Sänften, den Tumult der Tausende. Nun ward Laureolus von den Henkern auf das Proszenium geschleppt. »Wird er wirklich gekreuzigt?« hörte man hier und dort in der Cavea rufen.

Sonst war es immer nur eine Puppe, die gekreuzigt wurde. Aber war dieser Mann, der sich da zur Wehr setzte zwischen den Fäusten seiner Henker, nicht der berühmte Archimimus Lentulus?

»Ja, ja! Er ist es,« hörte man rufen. »Es ist Lentulus.«

»Nein! Er ist es nicht. Er ist es nicht,« riefen andere Stimmen.

»Er ist es nicht,« rief Nilus überzeugt, nachdem er sehr scharf hingeschaut hatte.

»Er ist es nicht,« riefen die Gladiatoren.

Alle schauten atemlos zu. Sie sahen, daß es nicht Lentulus war. Über dem Theater donnerte es, und der Regen prasselte herab aus einem grauen Himmel.

»Bei allen Göttern!« rief Nilus. »Wißt Ihr, wer es ist? Es ist der entlaufene Sklave, der mit jenem Dieb oft in meine Taberne kam.«

Von unten her aus der Cavea rauschte das jähe Gerücht empor, von tausendfachen Stimmen getragen.

»Es ist ein entlaufener Sklave. Er wird an Stelle des Lentulus gekreuzigt wie Laureolus. Er wird gekreuzigt. Es ist der Mörder der Nigrina.«

Ein lautes »Oh« ward mitten durch den Regen hindurch in der Menge hörbar. Das Velum ward nun völlig aufgerollt. Der Regen strömte. Aber Tausende noch schauten in wilder Verwirrung auf die fürchterliche Überraschung, die Domitian befohlen hatte. Der entlaufene Sklave, den man für den Mörder der Nigrina hielt, wurde von wirklichen Henkern über die Bühne geschleppt. Die Dekoration stellte nun eine düstere hügelige Landschaft dar, in der sich das T des Kreuzes emporreckte, überschüttet von den scharfen Regenstrahlen, die in die Cavea hinabströmten, aber nicht auf das Proszenium, das durch sein eigenes Dach geschützt war. Alle waren aufgestanden, schauten atemlos zu.

»Sollte wirklich«, rief Quintilian, während er alle Vorsicht und die Nähe von Angebern vergaß, »dies das Ende einer in griechischem Stile begonnenen Vorstellung bilden?«

»Griechisch ist allenfalls Mode,« sagte Juvenal mit bitterem Spott, »solange römische Blutgier nicht das Wort hat.«

»Wir wollen gehen,« sagte Plinius drängend. »Ja, laßt uns gehen, Freunde!« sagte beinahe flehentlich der alte Verginius Rufus.

»Der Kaiser selbst ist gegangen. Er sieht sich diese Scheußlichkeit nicht an,« rief Tacitus.

»Ich höre hier«, sagte Frontin, »von diesen Senatoren, daß ein Bär den Unglücklichen am Kreuze verschlingen wird.«

»Das Ende des Laureolus!« meinte Sueton spöttisch und zugleich entrüstet.

»Geht, ihr Freunde!« sagte Martial. »Ich bleibe.«

»Ihr bleibt?« riefen alle.

»Ich bleibe,« sagte Martial ernst. »Dies ist meine Zeit. Die will ich sehen. Ich will meine Zeit erleben, um sie zu kennen.«

»Kommt mit!« baten sie.

»Geht! Ich begreife, daß ihr geht. Ich bleibe. Ich will dies sehen. Dies ist meine Zeit.«

»Unsere Zeit,« sagte Tacitus finster, »die ich dereinst buchen werde, auf daß kommende Geschlechter wissen mögen...«

»Ja!« rief Juvenal. »Dies ist unsere Zeit, die ich dereinst geißeln werde.«

»Ich«, sagte Martial, »werde sie immer nur besingen, weil ich nicht mehr bin als ein Dichter. Entschuldigt mich, Freunde, und geht! Ihr geltet mehr als ich, und ich verstehe, daß ihr nicht bleiben wollt.«

Er selbst drängte sie sanft hinaus. Er war sehr bleich. Er schaute zu.

»Oh!« fuhr es stöhnend durch die Menge.

Das Kreuz wurde auf das Proszenium gehoben und dort hingelegt. Kreischend klang die Flötenmusik durch den Regen.

Der Sklave schrie, aber ein Knebel wurde ihm in den Mund gesteckt.

Dann wurde er mit weit ausgebreiteten Armen auf das Kreuz gelegt. Die Hämmer der Henker schlugen auf die großen Nägel, die seine Hände durchbohrten.

»Oh, oh!« Ein Stöhnen ertönte von allen Seiten. Die Füße des Sklaven machten einen verzweifelten Ruck. Vergeblich! Die Henker ergriffen seine Füße und banden sie fest.

»Oh!« stöhnten noch immer voller Abscheu die wie besessen starrenden Zuschauer. Der Regen strömte senkrecht aus dem schwarzen Himmel herab. Der Donner rollte. Blitze zuckten.

»Oh!« rief die Menge. Das Kreuz richtete sich auf in den Händen der Henker. Ringsum spielten Mimen possenhaft, jauchzten alle, die Laureolus bestohlen, erhoben sich die Schemen derer, die er ermordet hatte. Der Klang der Flöten übertönte das Rauschen des Regens. Dann hing der Gekreuzigte vor dem Hintergrund der Theaterlandschaft, sichtbar übergossen von wirklichen Regenstrahlen.

Irgendwo brummte etwas.

»Der Bär! Der Bär!« hörte man rufen.

Das Gerücht, ein Bär werde den Missetäter am Kreuze verschlingen, hatte nun die ganze Cavea durcheilt.

»Ein Prozeß dauert lange in Rom,« sagte Taurus grinsend zu der Alexandrinerin, »aber ein Mörder wird binnen zwei Tagen gekreuzigt.«

»Es wird aber behauptet,« sagten die Matrosen aus Ostia, »daß er nicht der Mörder sei.«

»Wer sonst? Wer?« hörte man fragend rufen.

»Ein Dieb, der mit ihm war...« meinte der Sklavenhändler.

»Der Dieb? Nein! Dieser Sklave hier war es!« sagte der Wäscher. Er war seiner Sache beinahe sicher.

»Nein! Der Dieb,« riefen mit schriller Stimme die Galli.

»Also dieser hier...« riefen die Schlächter und die Gemüsehändler.

»Sollte unschuldig sein?« erklang es überall.

»St! Die Angeber!« hörte man flüstern.

»Die Angeber! Die Angeber!«

Alle schwiegen, alle schauten zu. Deutlich hörte man den Bären hinter den Kulissen brummen, wo er von den Bestiarii angefeuert ward. Plötzlich kam er wackelnd zum Vorschein.

»Ah! Ah! Ah!« schrien die Frauen.

Sie fürchteten, der Bär könne in die Orchestra springen. Die Orchestra hatte sich geleert. Nur seitwärts auf der untersten Praecinctio gewahrte man in weiße Togen gehüllte Silhouetten, die zusahen. Vor den ersten Ritterbänken stand Martial.

Kopfschüttelnd blickte der Bär in die Cavea und brummte, hinter den Kulissen feuerten ihn die Bestiarii an, die ihn noch an Ketten hielten. Sie zerrten ihn näher zum Kreuze hin.

Der Bär witterte das Blut, das von den Füßen und Händen des Gekreuzigten herabsickerte, und warf sich mit einem rasenden Sprung, plötzlich sich aufreckend, riesengroß auf das Schlachtopfer. Seine Pranken schlug er in die nackte Brust. Er riß und zerrte. Sein klaffendes Maul öffnete sich weit über der blutenden, immer formloser werdenden Masse, die nun da hing wie ein roter, triefender, zuckender Lappen.

Cäcilianus hatte sich neugierig und mit weit geöffneten Augen aus dem Arme des Carpophorus und aus seinem Mantel freigemacht. Er war aufgestanden, um besser zu sehen. Plötzlich schleuderte er die Arme empor.

»Ah!« Der Knabe stieß einen verzweifelten Schrei aus. Seine Arme fuhren durch die Luft. Er fiel in Ohnmacht.

»Mein Brüderchen!« schrie Cäcilius.

Alle drängten hinaus, die letzten aus den Ritterbänken, das Volk aus der Cavea, auch die Soldaten, die Gladiatoren.

»Mein Brüderchen!« rief weinend Cäcilius.

Carpophorus hob den ohnmächtigen Knaben auf. Das blonde Haupt sank auf die massive Schulter des Jägers herab.

»Wirst du ihn tragen, Carpophorus?« fragte flehentlich und schluchzend Cäcilius.

Der Jäger nickte. Alle stiegen die Treppe hinab, sprangen von Praecinctio zu Praecinctio. Alles drängte in dem strömenden Regen zum Theater hinaus. Der Jäger mit seiner Last – federleicht lag ihm der Knabe im Arm über der Schulter – folgte seinen Gefährten. Colosseros tröstete Cäcilius.

»Komm mit!« sagte er. »Komm mit! Nicht weinen, Cäcilius! Carpophorus wird gewiß für Cäcilianus sorgen.«

Der Jäger stieg langsam hinab. Drüben auf dem Proszenium vergaßen die Bühnenarbeiter in dem allgemeinen Entsetzen das Auläum zu schließen.

So blieb denn in der regenfeuchten Dämmerung, nachdem der Bär von den Bestiarii weggeschleift war, das verschwommene T des Kreuzes mit den zuckenden roten Fleischfetzen noch sichtbar. Der Jäger schaute sich danach um, während er das Kind in den Armen hielt und behutsam Stufe um Stufe hinabschritt. Immer wieder, als könnte er den Blick nicht davon wenden, schaute er auf dieses Entsetzen, blickten seine Augen, die denen eines riesengroßen, starken Tieres glichen, ängstlich und verstohlen dorthin, immer verstohlener, immer ängstlicher. Fester preßte er den ohnmächtigen Knabenkörper an sich und blickte sich verstohlen um.

»So«, dachte er, »werde auch ich einst enden.«

Auf der untersten Praecinctio, nahe der Pforte, durch die er hinausgehen wollte, warf er noch einen letzten Blick zurück.

»So«, dachte er bei sich, »werde auch ich einst enden. Morgen oder übermorgen.«

In dem völlig leeren, regenüberströmten Theater, in der von Strahlen durchschossenen Dämmerung, die sich von dem tragisch anmutenden Himmel herabsenkte, stand noch immer Martial ganz allein und starrte auf das Ende des Laureolus.

 

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