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Die Komödianten

Louis Couperus: Die Komödianten - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDie Komödianten
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
year1928
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100330
projectid0f04c9a3
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Viertes Kapitel

Die Nacht brach schon herein, als die Sänfte durch die Porta Raudusculana und längs der Südseite des Zirkus Maximus das innere Rom erreicht hatte. Die keuchenden Träger eilten am Pädagogium der kaiserlichen Sklaven vorüber und machten halt vor einer kleinen Hinterpforte unweit eines Wachthauses der Prätorianer. Die Soldaten saßen beim Licht einer qualmenden Lampe rittlings auf einer Bank und würfelten um einen Krug Wein.

Martial erwachte aus seinem Grübeln.

»Knaben,« sprach er, »hier steige ich aus. Dies ist die Pforte, durch die ich zum Kaiser gelange. Wohin geht ihr?«

»Herr,« erwiderte Cäcilius, »wir müssen den Dominus suchen.«

»Dominus suchen,« wiederholte Cäcilianus.

»Er wird vermutlich im Theater sein.«

»Im Theater des Pompejus.«

»Pompejus, natürlich.«

»Könnt ihr euch zurechtfinden, ihr Knaben?« fragte Martial. »In der Sänfte dürft ihr euch nicht weiter tragen lassen. Denn sogar mein Recht, eine Sänfte zu benutzen, ist recht anfechtbar.«

»Natürlich, Herr, wir werden zu Fuß gehen.«

»Zu Fuß gehen,« erklang das Echo des Cäcilianus.

Sie stiegen alle drei aus. Martial gab den Vorläufern ein Trinkgeld. Die Nacht war feucht nach dem strahlenden Apriltag. Ein silberner Dunst hing in der Luft gleich einem ungeheuren durchsichtigen Spinngewebe. Die Knaben fröstelten in ihren leichten Tuniken.

»Hier,« sagte Martial, während er eine weiße Lacerna ergriff, die in der Sänfte lag, »nehmt diesen Mantel um! Ich bin davon überzeugt, daß der edle Plinius sie hat in die Sänfte legen lassen für den von uns dreien, der frieren würde.«

»Meint Ihr wirklich, Herr?« fragte Cäcilius zweifelnd.

»Natürlich!« sagte Cäcilianus. »Denn der edle Plinius ist ein ganz besonders edler Herr.«

Martial legte den beiden Knaben die Lacerna um die Schultern und lächelte.

»Jetzt, in diesem einen weißen Mantel, seht ihr aus wie zwei kleine Dioskuren,« sagte er. »Ich werde ein Epigramm auf euch dichten. Aber erst muß ich noch ein fünftes für den Kaiser vollenden. Mit vieren darf ich ihm nicht aufwarten. Denn vier ist keine ehrerbietige Zahl, und drei sind zu wenig. Guten Abend, meine Prätorianer! Ich bin zum Kaiser entboten.«

»Tretet näher, Martial!« sagten die Prätorianer einladend, während sie sich erhoben. Schon schwankte die Sänfte davon.

»Ich werde mich beeilen,« sagte Martial. Flüchtig streichelte er Cäcilius über den Kopf, gab Cäcilianus einen leichten Schlag auf die Wange und schlüpfte dann eilig durch die kleine Pforte, um den Kaiser nicht länger warten zu lassen, als dringend nötig war.

»Und ihr, Knäblein?« fragten die Prätorianer, die sich schon wieder zu ihren Krügen und den Würfeln rittlings auf die Bank gesetzt hatten.

»Wir müssen zum Theater des Pompejus. Wir sind Komödianten,« sagte Cäcilius erklärend.

»Setzt euch nur ein wenig zu uns, ihr Knäbchen!« sagten die Prätorianer. Sie saßen da in ihren ledernen Soldatentuniken, mit schweren Caligä an den Füßen und breiten Riemen um die Waden. Ihre Helme hatten sie abgenommen. Ihre Schwerter hingen an der Wand. Die Zeit wurde ihnen lang. Vorerst würden sie nicht abgelöst werden, und junge Komödianten waren immer willkommen.

»Nein,« sagte Cäcilius. »Es wird nicht gehen. Wir müssen zu unserm Dominus.«

»Wird nicht gehen,« wiederholt« Cäcilianus.

»Ich hoffe, daß er im Theater ist. Wirklich, wir müssen ins Theater. Wo ist es?«

»Geht nur am Septizonium vorbei!«

»An dem hohen Gebäude dort?«

»Ja, an dem hohen Wachtgebäude und dann noch am Zirkus Maximus entlang.«

»Und dann?«

»Am Forum Boarium vorüber.«

»Ecastor! Und dann?«

»Zwischen dem Capitolinus und dem Theater des Marcellus hindurch.«

»Ist es denn noch weiter als das Marcellustheater?«

»Beim Herkules, ja! Ein beträchtliches Stück weiter.«

»Und dann?«

»Durch die Portikus der Octavia und am Theater des Balbus entlang,«

»Ecastor!« Cäcilius ließ wieder seinen sonst nur von Mädchen gebrauchten Fluch hören, und die Prätorianer lachten, weil er so zierlich wie ein Mädchen fluchte. »Müssen wir an zwei Theatern vorüber, bevor wir ...«

»An das richtige Theater kommen? Jawohl, mein kleiner Komödiant.«

»Ecere!« sagte Cäcilianus. Er fluchte feiner noch als Cäcilius bei Ceres, weil auch er die Prätorianer zum Lachen bringen wollte. Sie lachten über ihn und ahmten ihm nach: Ecere und Ecastor!

»Flucht auch einmal beim Herkules!« rief ein Prätorianer zum Scherz mit donnernder Stimme.

»Beim Herkules!« fluchten die Knaben nun, während ihre Stimmen plötzlich erklangen wie die Baßstimmen von Männern, und die Prätorianer brüllten vor Lachen und sagten einladend:

»Wollt ihr nicht einen Krug Wein hier trinken einen Augenblick auf dieser Bank?«

Aber die beiden hatten besseren Wein getrunken in der Sänfte und eilten davon. Sie schmiegten sich dicht aneinander in der weißen Lacerna und preßten die blonden Köpfe fest zusammen.

»Das ist ein Paar!« sagten die Prätorianer schmunzelnd, während sie ihnen nachblickten. Dann würfelten sie weiter um den Krug Wein.

Die Knaben gingen am Septizonium entlang und blickten empor.

»Hoch, nicht wahr?« sagte Cäcilianus.

»Sieben Stockwerke,« sagte Cäcilius.

»Sieben? Ich will einmal zählen: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, ja, wahrhaftig sieben ...«

»Nicht so hoch wie ...«

»Wie der Pharos von Alexandria.«

»Aber doch hoch.«

»Sehr hoch und mit dem Ausblick über die Via Appia.«

»Die Via Appia. Wer weiß ...?«

Plötzlich gewahrten sie ein Paar im Schatten des Gebäudes. Ein Mann und eine Frau schlenderten, in einen einzigen Mantel gehüllt, langsamen Schrittes dahin. Die nächtliche Dämmerung hüllte sie ein, aber Cäcilius erkannte sie doch.

»Ecastor!« rief kichernd Cäcilius.

»Ecere!« kicherte, sie erkennend, auch Cäcilianus, während er vor lauter Freude seinen Bruder in der Seite kitzelte.

»Siehst du es?«

»Ob ich es sehe!«

»Die Patrizierin ...«

»Von gestern ...«

»Ja, die unsere Rollen spielen will. Sie soll lieber ...«

»Und Colosseros ...«

»Der uns auf seinen Knien reiten ließ.

»Pst! Still! Laß sie nicht merken, daß wir sie gesehen haben. Wir wollen horchen.«

»Ja, horchen.«

Die beiden Knaben schlichen ins Septizonium. Der Mond ging auf. Langsam verschmolz die unbestimmte Glorie mit dem feuchten silbernen Spinngewebe, das gleichsam den ganzen Himmel durchwob. Sie schauten sich um. Es war Colosseros und Fabulla. Sie gingen fest aneinander geschmiegt, und man hörte Küsse.

»Hu!« riefen die beiden Knaben, um das Paar zu erschrecken.

Fabulla schrie auf. Colosseros fluchte. Einen Augenblick stand er breitbeinig da mit geballten Fäusten, schlagbereit. Dann gewahrte er die Knaben. Sie eilten davon in ihrem flatternden Mantel. Er erkannte sie, eilte ihnen nach, holte sie mit ein paar großen Schritten ein, packte sie im Nacken. Sie lachten und schrien.

»Nicht doch, Colosseros! Wir sind Cäcilius und Cäcilianus!«

»Wo wollt ihr denn hin, ihr Schlingel?«

»Zum Theater. Der Dominus erwartet uns. Sitzt er etwa bei Nilus, Colosseros?«

»Weiß ich es?«

»Hast du nicht bei Nilus gespeist?«

»Ich will jetzt erst speisen.«

»Bei Fabulla?«

»Fabulla?«

»Ja, bei Fabulla.«

Des Colosseros Fäuste hielten noch immer die Nacken der Knaben umklammert. Jetzt ließ er sie los, lachte sie gutmütig aus und streichelte ihnen das Kinn zum Zeichen, daß er ihnen verziehen hatte. Alle hatten sie lieb, wiewohl sie echte Schlingel waren.

»Wir sind den ganzen Nachmittag artig gewesen,« sagte Cäcilius.

»Wird wohl so gewesen sein,« antwortete zweifelnd Colosseros.

»Aber wo? was meinst du? Beim edlen Plinius!«

»Alles mit einer Suppe übergossen.« So lautete des Colosseros Wahlspruch. »So lebt denn wohl!«

»Vale, Colosseros!«

»Vale!«

»Laß es dir gut schmecken!«

»Gut schmecken bei Fabulla!«

Die Knaben eilten davon, schauten sich noch einmal um. Der Gladiator und die Patrizierin entfernten sich hastiger. Fabulla schien eine weitere Begegnung zu fürchten.

In Roms nächtlichen Straßen, in diesem Viertel zwischen dem Palatin und der Tiber war kein Mensch zu sehen. Hier herrschte die Verlassenheit der Großstadt. Rechts hoben sich, vom aufgehenden Monde beleuchtet, die kaiserlichen Paläste weiß ab vom nächtlichen Himmel, über den ein silbern Spinngewebe ausgespannt zu sein schien. Links verschwamm die langgestreckte Mauer des Zirkus Maximus mit regelmäßig wiederkehrenden Säulengängen, in denen Bildnisse standen, die gespenstergleich wirkten. Die Knaben fürchteten sich. Eng aneinandergeschmiegt eilten sie dahin, in die eine weiße Lacerna gehüllt. Sie begegneten keinem Menschen.

»Denk nur, wenn wir ein Gespenst sähen!« sagte Cäcilianus schaudernd.

»Ei was!« sagte Cäcilius ihn beruhigend, obwohl er selber sich fürchtete.

»Man wird besessen, wenn man ein Gespenst sieht.«

»Ei was!«

»Doch, doch! Man wird wahnsinnig.«

»Hör doch auf, Cäcilianus!«

Jetzt bogen zwei dunkle Gestalten um die Ecke des Zirkus Maximus.

»Cäcilius!« sagte Cäcilianus ächzend.

»Bist du denn närrisch, dich so zu fürchten?«

Allein sie fürchteten sich beide, bis sie die Männer erkannt hatten. Es waren die beiden, die gestern beisammen gesessen und viel getuschelt hatten, während sie immerfort zu Fabulla und Nigrina hinüberblickten. Doch plötzlich fürchteten sich die Knaben weniger vor den finsteren Gesellen. Denn sie hatten sie erkannt.

»Viel Glück!« rief Cäcilius ihnen zu.

»Glück!« wiederholte Cäcilianus ängstlich.

Die Männer hielten sie an.

»Wohin wollt ihr, kleine Komödianten?«

»Ins Theater.«

»Des Pompejus.«

»Wir suchen den Dominus.«

»Aß er bei Nilus?«

»Weiß ich es?« antwortete der entlaufene Sklave. »Wir waren nicht bei Nilus. Sagt nicht, daß ihr uns gesehen habt!«

»Niemals!« versicherte Cäcilius feierlich.

»Niemals!« wiederholte Cäcilianus.

»Valete!«

»Valete!«

Sie gingen aneinander vorüber.

»Die werden jetzt eine Gelegenheit suchen...«

»Also Einbrecher?«

»Natürlich.«

»Denk nur, wenn sie in unser Landhaus...«

»Einbrächen!«

Die Knaben kicherten. Wie weit war es um sie her und wie einsam! Dieser weite, von Pfählen eingefaßte Platz war sicher das Forum Boarium. Ein großer bronzener Stier ward sichtbar.

»Hier ist hin und wieder Viehmarkt.«

»Meinst du?«

»Sieh nur den Tempel mit den vergoldeten Ziegeln! Wie er im Mondlicht leuchtet!«

»Gewiß ist das der Tempel des Jupiter Capitolinus. All die Gebäude dort mit den Bildnissen, das muß das Kapitol sein.«

»Ja, und weiter drüben die Arx. Sieh nur! Man erkennt deutlich die Burg.«

»Hier links die halbrunde Mauer? Ein Theater!«

»Das ist das erste, an dem wir vorüber müssen, das Marcellustheater.«

»Sieh nur die Portikus!« sagte Cäcilianus bewundernd.

Weiß, weit und üppig schimmerte die säulenreiche Portikus der Octavia. Die zahlreichen Säulen, dreihundert an der Zahl, reihten sich hintereinander wie ein Wald glänzender Stämme, Schneeberge mit breiten, bläulichen Schattenumrissen. Ein später Fußgänger entfernte sich schleppenden Schrittes, strauchelnd.

»Er ist betrunken,« sagte Cäcilianus flüsternd.

»Trunkenbold!« schrie Cäcilianus ihm scheltend nach. Aber als sich der Trunkenbold umwandte gleich einem dunklen Affen im Säulenwald der blanken Stämme, rannten die beiden Knaben ängstlich davon. Die Lacerna umflatterte sie, und beinahe hätte Cäcilius die Masken verloren, die ihm Plinius geschenkt hatte.

»Trunkenbold!« schalt Cäcilius ihm noch von weitem nach.

Als sie an der Portikus vorüber waren, schauten sich die Knaben kichernd vor Freude und dennoch ängstlich nochmals um. Weiße Wolken trieben am Himmel, rings um sie breitete sich die weite, weiße, verlassene nächtliche Stadt. Schmal nur waren die Straßen, mit den Furchen der Wagenspuren, den seit Jahrhunderten stets gleichen, und der Bordschwelle neben diesen Spuren. Hin und wieder bot sich plötzlich zwischen den Gebäuden eine Fernsicht. Ein Blick auf die leuchtende Tiber links, rechts über einer verlassenen unbebauten Ebene die jäh aufleuchtende Pracht der kaiserlichen Fora: das des Cäsar, das des Augustus, das des Vespasian, das modernste. In dieser unbestimmt silbern leuchtenden Ferne sah man Säulen, Säulen, Säulen. Hier war niemand. Das Nachtleben rief die Römer, die zu dieser Stunde nicht daheim weilten, nicht in diese Gegend. Es war beängstigend weit und weiß, vornehm und öde, und die Standbilder in den Nischen der Mauern oder zwischen den Säulen der Portiken waren gespenstergleich. Aber am frühen Morgen, nach Ablauf der ersten oder zweiten Stunde, füllte sich diese Leere mit der Menge der Geschäftigen, der Geschäftsleute, der Advokaten und Prozeßzeugen, der allzeit lauernden Angeber, mit dem ganzen regen Leben, das das Forum Romanum nicht allein zu umspannen vermochte. Jetzt aber waren nur die weißen Bildnisse sichtbar und die dunklen Schatten, gespenstergleich.

Die Knaben eilten weiter, und plötzlich rief Cäcilius, während er die Masken fest in den Arm unter die Mantelfalten drückte:

»Dort muß es sein.«

»Muß es sein,« wiederholte Cäcilianus mit Nachdruck. Denn ein herrlicher Halbkreis reckte sich empor, mit Bildnissen bekrönt. »Das Theater des Pompejus.«

»Mit seiner Portikus.«

Der Mond stand hinter den Wolken. Zwischen den Säulen der ungeheuren Portikus des Theaters dunkelte es. Es war, als hörten die Knaben Stimmen hinter der runden Mauer mit ihren Säulen, Nischen, Bildnissen. Sie gingen an den Säulen entlang, suchten den Eingang. Eine Pforte war geöffnet. Die Stimmen wurden deutlicher hörbar.

»Hier ist es,« sagte Cäcilianus entschieden.

»Natürlich ist es hier,« sagte Cäcilius.

»Was gibt es?« ließ sich eine tiefe Stimme im Dunkel vernehmen.

»Pompejus?« fragte Cäcilius.

»Sein Theater wenigstens,« antwortete der Pförtner.

»Ist der Dominus hier?«

»Jawohl. Euch wird es schlecht ergehen. Macht nur rasch, daß ihr hereinkommt!« sagte der Janitor des Theaters. Er war eine gewichtige Persönlichkeit, Sklave, aber ein staatlicher. »Rechts herum!«

Die beiden Knaben schlüpften hinein, eilten sogleich eine Treppenflucht empor. Plötzlich dunkelte das ungeheure Theater vor ihnen wie ein halbrunder Brunnen, während der Janitor hinter ihnen herfluchte. Die halbrunde Mauer schien sich bis in die Wolken zu erheben, die Bildnisse, die den Umgang krönten, reckten sich dem Mond entgegen, der langsam hinter den Wolken hervortrat. Er sandte sein dämmeriges Licht herein, verschwand dann wieder, ließ alles in neuem Dunkel, während er sich launisch stets wieder hinter größeren und immer größeren Wolkenschichten verbarg. Die Knaben gewahrten, daß sie den kaiserlichen Eingang benutzt hatten. Sie gingen wieder eine Treppenflucht hinab und befanden sich im Tribunal, in der kaiserlichen Loge. Auf der Bühne, die nur von wenigen roten Lämpchen erleuchtet war, auf dem weiten Proszenium, bewegten sich gestikulierend und sprechend eine Anzahl dunkler Wesen gleich Schemen und Schatten. Trotz der Dämmerung erkannten die Knaben sie. Es war die Caterva.

»Dominus!« rief Cäcilius.

»Dominus!« wiederholte Cäcilianus mit schrillerer Stimme. Aus den Schemen und Schatten, die aufblickten und dort auf dem Proszenium ihr seltsames Nachtspiel spielten, trat einer zornig hervor. Es war Lavinius Gabinius.

»Seid ihr endlich da?« rief er wütend.

»Ja, Dominus.«

»Wo seid ihr gewesen, ihr verfluchten Schlingel? Müßt ihr euch den ganzen Tag herumtreiben? Müßt ihr mich so in Unruhe versetzen, wo ich ohnedies schon nicht weiß, wie mir der Kopf steht? Wollt ihr mich denn wahnsinnig machen? Wo seid ihr gewesen?« brüllte Lavinius Gabinius von der Bühne aus in der Richtung der kaiserlichen Loge, vor der die Zwillinge, in ihre weiße Lacerna gehüllt, erschienen waren.

»Bei dem edlen Plinius, Dominus. Hat sein Klient das nicht berichtet?«

»Wer ist der edle Plinius?« schrie Lavinius Gabinius wütend. »Ich kenne keinen Plinius und mit seinem Klienten habe ich nichts zu schaffen. Ihr gehört zu mir, und wenn ihr davonlauft, setzt es Prügel. Kommt sofort her auf das Proszenium! Seid ihr denn toll? Was habt ihr denn da im Tribunal vor der kaiserlichen Loge zu suchen? Wollt ihr vielleicht gekreuzigt werden wegen dieses Sakrilegiums?«

Die Knaben merkten, daß ihre Sache schlecht stand. Der Dominus war kein böser Meister, wenigstens nicht bis zum Vorabend der Vorstellung. Indes, wenn sich der gewichtige Augenblick näherte, so ward aus seinem von Haus aus gemütlichen, durch das Künstlertum gemilderten, durch den Umgang mit viel gewichtigen Autoritäten höflich und nachgiebig gewordenen Wesen eine ganz andere, autoritative Persönlichkeit, die die Komödianten kannten und auf die man Rücksicht zu nehmen hatte. Wenn sie sich vorher auch manchmal einen kleinen Scherz erlaubten mit ihrem Dominus und ihn hin und wieder neckten wegen seiner Angst, die Zwillinge zu verlieren, so wagte, sobald der Tag der ersten Vorstellung sich näherte, sogar der Senex nichts mehr, und der Parasit verhielt sich völlig ruhig. Während der Dominus raste, schwiegen alle. Sie waren dort im Mondlicht, im roten Lampenschein, im Schatten des ungeheuren Theaters noch versammelt nach der Probe, die den ganzen Nachmittag gedauert hatte. Sie hatten die Menächmi geprobt, als der Dominus von den Ädilen, mit denen er alles verabredet hatte, zurückkehrte und sie im Theater versammelt fand. Allein wiederum hatten die Zwillinge gefehlt, und der Parasit hatte es, vom Senex unterstützt, durchzusetzen gewußt, daß an Stelle der Bacchides die Menächmi geprobt wurden, weil die Knaben, die in den Bacchides die Hauptrollen spielen sollten, bei einem gewissen edlen Plinius verweilten, wie ein Klient gemeldet hatte. Eigentlich spielte der Senex seine Altemännerrolle in den Bacchides, den Nicobulus, lieber, aber aus Wut gegen die Knaben, aus Eifersucht, beinahe aus Haß hatte er sich mit dem Parasiten zusammengetan und dem Dominus so lange zugesetzt, bis die Menächmi geprobt und die Frauenrollen von andern Knaben gespielt wurden. Dann war Gymnasium gekommen mit ihrer Tonstrix. Man hatte in den kleinen Ankleidezimmern hinter dem Proszenium über die Haartrachten verhandelt. Dann war Cosmus erschienen, der berühmte Duftbereiter, dem die Sorge für die Salben, den Puder und die Schminke oblag. An alles wurde gedacht.

»Keine Bacchides, keine Bacchides!« hatte der Dominus rasend geschrien. Nie mehr die Bacchides, wenn diese verfluchten Knaben mit jedem edlen Plinius unbekümmert davonliefen! An Ketten werde er sie legen lassen unten im Gewölbe des Proszeniums, wo die Mimusdekorationen verwahrt wurden. Aushungern werde er sie und sie geißeln lassen, wenn sie jemals zurückkämen!

Die Komödianten, die den Dominus umringten, lachten nicht mehr. Ihre Züge waren starr. Das war der Lavinius Gabinius, der sich, nachdem alle Verträge unterschrieben und alles mit den Ädilen geregelt war, seiner Sache sicher fühlte, dessen Takt und Zuvorkommenheit bei den Magistraten ihre Rolle ausgespielt, sobald er alles erreicht hatte, sobald er sicher war, Geld zu verdienen. Die Komödianten wußten, daß er viel Geld verdiente. Jetzt entpuppte er sich als der echte Dominus. Seine freundlichen, ab und zu gequälten Züge wurden starrer und zugleich jugendlicher ungeachtet der vielen Runzeln. Sein Blick wurde energischer, schärfer, seine Fäuste ballten sich, wenn es nicht nach Wunsch ging. Jetzt war er Herr im Theater des Pompejus, Herr über die Megalesia, und von ihm hing es ab, ob sie schön oder nicht schön gefeiert wurden. Jetzt war er der Herr von Rom. Die Gladiatorenspiele in dem flavischen Amphitheater, dem ungeheuren Kolosseum, und die Wettrennen im Zirkus Maximus? Er pfiff darauf. Zu ihm werde man kommen. Plautus wollte er ihnen zu schlucken geben, den ewigen Plautus, die erhabene Komödie, die unübertreffliche Palliata und dann den Mimus, aber den künstlerischen Mimus, nicht den mit den allzu derben Scherzen, sondern das unvergleichliche Exodium, das wirken würde wie ein musikalisch-choreographisches Nachspiel mit vielem Dekorationswechsel, mit Lichteffekten, mit edlem Flötenspiel und attischem Tanz. Seinen künstlerischen Geschmack werde er nun triumphieren lassen, und nun sollten sie, beim Herkules, alle, in erster Reihe seine Komödianten und Sklaven, einmal sehen, was für ein Kerl er war, wenn es galt!

Des Lavinius Gabinius Augen funkelten wie die eines Löwen. Sein graues Haar umflatterte gleich einer Mähne sein umgewandeltes Dominusgesicht, als er Cäcilius und Cäcilianus mit dem Finger befahl, auf das Proszenium zu kommen.

Noch die Knaben wußten Bescheid. An seine Drohungen waren sie gewöhnt, aber die Peitsche gab es doch nie. Indes, sie gehorchten. Kleinmütig wandten sie sich um, verließen das Tribunal und wurden oben an der Treppenflucht von dem Janitor gescholten, weil sie so flugs und noch bevor er es hatte hindern können, über die kaiserliche Treppe in die kaiserliche Loge und weiter gelaufen waren. Durch den runden Umgang, die Präcinctio, gelangten sie an einem der Parascenia, den Aufbewahrungsort der Requisiten, entlang durch eine Seitenpforte auf das Proszenium. Dort standen sie nun in der Pforte halb im Schatten, halb im Scheine der roten Lampen wie Missetäter nebeneinander, gleich groß, gleich blond, mit der gleichen schuldbewußten Miene. Der Dominus gab ihnen wütend einen Schlag links und einen Schlag rechts und brüllte, man solle sie tüchtig verprügeln. Sie zweifelten noch. Waren sie doch an solche Drohungen zwei Tage vor der Vorstellung, wenn der Dominus durch allzu große Arbeitslast außer sich war und blieb, allzusehr gewöhnt. Allein dieses Mal schien es ernst zu werden. Der Dominus rief nach seinem Maschinisten, nach zweien, und nach den Peitschen. Die Kerle kamen, rauhe Gesellen, jeder mit einem Stock bewaffnet, an dem schmale Lederriemen befestigt waren.

»Kleidet sie aus!« rief der Dominus. »Haut drauf los!«

Jetzt schrien die Knaben, flehten um Gnade.

»Von wem habt ihr die Lacerna?« rief der Dominus, den weißen Mantel in den Händen haltend. »Immer habt ihr etwas, und nie weiß ein Mensch, wie ihr dazukommt.«

»Vom edlen Plinius, Dominus,« sagte Cäcilianus mit flehentlicher Stimme, während er weinend die Hände faltete. Auf dem Proszenium drängten sich alle dicht zusammen, sämtliche Komödianten

und auch Thymele, die große Tänzerin, die in dem Mimus auftreten sollte, und Cosmus, der berühmte Duftbereiter, und Gymnasium mit ihrer Tonstrix. Alle wollten sehen.

»Wer ist denn eigentlich dieser edle Plinius?« rief der Dominus nochmals wütend. Die Knaben standen da in ihren gelben Tuniken, die die Knechte ihnen öffneten.

»Von den Lumpen weiß ich auch nicht, woher ihr sie habt!« raste der Dominus weiter. »Weg damit!«

Die Knechte zogen den Knaben, die noch immer weinten und schrien, die Tuniken aus. Auf den Umgängen und Galerien des dunklen, hin und wieder vom Mond beleuchteten halbrunden Theaters saßen einige und schauten zu. Es hatte sich Volk eingedrängt, das der Probe beiwohnen und nun zusehen wollte, wie man die kleinen Komödianten geißelte.

»Was ist das?« rief der Dominus aus. Aus des Cäcilius Gürtel war ein Büchelchen gefallen. Der Dominus hob es auf.

»Das sind die letzten Epigramme des edlen Martial, Dominus. Er selbst hat sie mir gegeben.«

»Wer ist der edle Martial?« schrie der Dominus rasend.

»Epigramme des Martial?« rief Cosmus, der Duftbereiter, aus. »Stehen auch Epigramme auf mich darin? Martial macht immer Epigramme auf mich, und zwar sehr zierliche.«

»Auf mich auch,« sagte prahlerisch Gymnasium, die Einstige.

»Auf mich auch. Natürlich!« glaubte Thymele, die Tänzerin, selbstbewußt äußern zu müssen, und Latinus, der berühmte Archimimus, der als Gast im Mimus auftreten sollte, kam herbei und fragte, was da vorgehe.

»Auf uns wird er auch Epigramme machen,« rief Cäcilianus mit hoher, kreischender Stimme prahlerisch aus, während er sich zugleich ängstlich nach der Geißelpeitsche umsah, die noch schlaff in der Faust des Knechtes hing.

»Was trägst du da unter dem Arm?« polterte der Dominus. Denn Cäcilius, der den noch immer wartend dastehenden andern Maschinisten mit seiner schlaff herabhängenden Lederpeitsche fürchtete, drückte unbewußt ein Päckchen fest unter die Achsel. Der Dominus entriß es ihm.

»Gebt acht!« schrie Cäcilius. »Es sind schöne griechische Frauenmasken, kostbare antike Stücke. Der edle Plinius hat sie uns geschenkt. In meinem Gürtel, der dort liegt, Dominus, sind drei Goldstücke verwahrt, alle drei für Euch, von dem edlen Plinius, weil wir heute Mittag nach seinem Gastmahl Hero und Leander gespielt haben.«

Eilig hob der Dominus den Gürtel auf, und die unangekleideten Knaben standen nun nackt da in hohen, mit Riemen verschnürten Schuhen, zitternd, wie kleine weiße Epheben, mit wankenden Knien und eingezogenen Rücken im Mondenschein auf dem nämlichen Proszenium, wo sie übermorgen vor vielen tausend Zuschauern auftreten sollten. Sie standen nebeneinander, schauten sich immerfort ängstlich um, und die ganze Caterva lachte, weil sie so possierlich dastanden. Nur der Senex grinste im Genuß der Vorfreude, der Parasit aber nicht. Denn er konnte den Anblick des Geißelns nicht ertragen, wiewohl er hin und wieder gegen die Zwillinge wühlte.

Beim roten Schein der Lampe auf der Scena, an der hinteren Mauer mit den roten Säulen, zwischen denen Nischen mit Bildnissen unbestimmt sichtbar wurden, in dem verschwommenen Scheine der matt glimmenden Lampen packte der Dominus das Päckchen aus. Er sah die beiden Masken. Auch Latinus und Thymele kamen herbei, um zu schauen.

»Schöne und seltene Stücke!« sagte Thymele, die Berühmte.

»Die sind selten,« sagte Latinus, ebenfalls eine berühmte Größe.

»Cäcilius,« flüsterte Cäcilianus seinem Brüderchen zu, während beide Knaben zitternd vor Angst nackt inmitten der gaffenden Caterva standen, »zwei Goldstücke sind für uns dabei.«

»Laß nur!« erwiderte Cäcilius flüsternd. »Später werde ich sie ihm schon wieder wegstibitzen. Du,« – er wandte sich an den Knecht – »wirst du auch nicht allzu hart schlagen?«

»Du auch nicht, Afer?« bat Cäcilianus flehentlich.

»Dann erhältst du ...«

»Ja, dann erhältst du von mir ...«

»Zwei As, Afer.«

»Zwei As, lieber Silus, wenn du nicht allzu derb zuschlägst.«

Die Caterva lachte, die Knechte lachten. Sie schwangen sogar lachend die Peitsche.

»Au!« schrie Cäcilianus, während er den unteren Teil seines Rückens einzog. Aber die Knechte hatten ihn noch nicht einmal getroffen.

»Was soll das?« rief der Dominus und trat hastig hinzu. »Schlagt die Knaben doch nicht! Es sind Schlingel, gewiß. Aber da sie beim edlen Plinius gewesen sind ...«

»Siehst du wohl?« zischte der Senex dem Parasiten wütend zu. »Habe ich es dir nicht gesagt? Die Knaben werden nicht gegeißelt.«

»Aber wir spielen die Menächmi,« flüsterte der Parasit triumphierend, froh über die schöne Rolle, die er an dem Peniculus des Stückes hatte.

Der Senex brummte etwas. Eigentlich gab er der Rolle des Nicobulus in den Bacchides für sich den Vorzug.

»Außerdem«, sagte Cäcilius wieder aufatmend prahlerisch zum Dominus, »haben wir in der Villa des edlen Plinius bei Laurentum den berühmten Quintilian getroffen. Der hat uns in der Rhetorik geprüft.«

»Ja, in der Rhetorik,« rief Cäcilianus.

»Weil er nicht glaubte ...«

»Nicht glauben wollte ...«

»Daß wir wüßten, was ein Solöcismus ist.«

»Ein Solöcismus ist.«

»Wer ist der edle Quintilian?« fragte der Dominus und runzelte die Brauen.

Jetzt redeten alle durcheinander. Latinus und Thymele erklärten dem Dominus abwechselnd, wer Quintilian sei und wer Plinius, und alle Komödianten atmeten freier, weil der Dominus durch die drei Goldstücke und die Masken versöhnt zu sein schien, begannen von neuem zu scherzen, plapperten nach, was der Archimimus und die Tänzerin ihnen sagten.

»Wer der edle Plinius ist und wer der edle Quintilian? Und wer Martial? Aber, Dominus, wißt Ihr denn nicht ...?«

»Daß das die modernen lateinischen Schriftsteller sind?«

»Wir haben«, schrien die Knaben dazwischen, »auch den edlen Tacitus dort getroffen und Verginius Rufus.«

»Und Sueton.«

»Und Frontin, den Prokonsul.«

»Juvenal.«

»Dominus,« sagte Latinus halb ironisch – er war groß, hager, geistreich, behende und hatte scharfe, mutwillige Augen –, »Eure Zwillinge haben vor der Blüte unserer modernen lateinischen Schriftsteller und Dichter Hero und Leander spielen dürfen.«

»Blüte?« fuhr der Dominus auf. »Ich mache mir nichts aus modernen Schriftstellern. Es gibt keine modernen Schriftsteller, und wenn es solche gäbe, würden sie nichts wert sein. Außer Terenz und Plautus gibt es keine. Das sind Genies. Die haben es verstanden, die griechischen Originale unverfälscht nachzuahmen.«

»Man muß ursprünglich sein, um etwas zu bedeuten, behauptet der edle Quintilian,« schrie Cäcilianus dreist dazwischen, während er gleich darauf vor Angst aufschrie, weil die Knechte zum Scherz mit den Peitschen knallten.

»Aser und Silus,« flüsterte Cäcilius den Kerlen zu, »macht, daß ihr fortkommt! Wir werden nicht mehr gegeißelt.«

Allein der Dominus hatte seine Worte gehört.

»Nein, ich werde euch nicht geißeln lassen. Ich bin immer gegen das Geißeln gewesen, das wißt ihr wohl. Wenn ich euch mit Güte und Überredungskunst beikommen kann, dann lasse ich euch nicht geißeln.«

Die Knaben bückten sich hastig, griffen nach ihren Tuniken und Gürteln.

»Aber beim Herkules, ihr Knaben, übermorgen spielen wir die Menächmi, und zwar ohne euch. Verstanden?«

»Wie?« Die beiden Knaben schossen empor gleich blonden Nattern. »Die Menächmi, und ohne uns? Warum nicht die Bacchides? Pfui, wie gemein! Pfui, wie gemein! Das werde ich, ja, das werde ich ...«

Sie dachten beide das gleiche.

»Dem edlen Plinius sagen.«

»Und dem edlen Martial.«

»Und dem edlen Quintilian.«

Sie drohten mit emporgereckten Natternköpfchen, mit blitzenden Augen. Sie waren beide rasend. Nur halb angekleidet warfen sie sich plötzlich wie in einer einzigen Eingebung ihrer Zwillingsseelen auf den Parasiten. Es entstand ein höllisches Geschrei, ein Tumult. In dem ungeheuren dunklen Halbkreis, der von unbestimmtem Mondlicht durchflutet war, saß dicht und dichter das Volk, das hereingedrängt war. Einer nach dem andern schlüpfte herein. Es war fast schon wie eine Vorstellung. Die Zwillinge hatten den Parasiten auf die Bretter gezerrt und bearbeiteten ihn mit ihren zarten Mädchenfäusten. Sie spielten zwar die Frauenrollen, schrien sie, aber sie seien doch stark genug, um diesen Parasiten zu verprügeln. Ihre hohen Stimmen tönten laut über all den Lärm und all das Geschrei. Sie schlugen und hieben auf ihn ein. Lavinius Gabinius, Latinus und die andern zerrten sie weg, halfen dem Parasiten auf. Der Parasit stand rasend da mit geballten Fäusten, die beiden Knaben ihm gegenüber ebenfalls mit geballten Fäusten. Alle wurden nur mit Mühe von der johlenden und lärmenden Menge zurückgehalten.

Auf den Präcinctiones jagte der Janitor mit seinen Sklaven das Volk davon. Durch welche Pforte waren sie eingedrungen? Wenn es so dunkel war, ließ sich die Ordnung nicht aufrecht erhalten. Aber jetzt war die Probe aus. Weg mit allen, auch mit de« Komödianten!

»Ich bitte euch, der Janitor muß schließen.«

Droben am Himmelszelt leuchtete der Mond. Die Nacht war blau. Nie silberne Flut strömte in den halbdunklen Theaterraum. An den dunklen Umrissen der Nischenreihen und der Galerien vorüber trieb der Janitor die dunklen Schemen der Eindringlinge hinaus. Die Komödianten verließen einer nach dem andern das Proszenium. Man hörte noch fluchen, rasen, drohen, scherzen und aufhetzen, ab und zu auch einen gemeinen Ausruf.

»Cäcilius!« rief der Dominus, »Wo sind die drei Goldstücke des edlen Plinius?«

»Dominus, die habe ich Euch in die Hand gedrückt, alle drei für Euch.«

»Mir in die Hand gedrückt?«

»Ja, Ihr habt sie in Euren Gürtel gesteckt.«

»Du lügst, du hast sie noch, du elender Schlingel! Aber, hörst du, die Masken behalte ich. Meinetwegen kannst du dann die Goldstücke behalten.«

»Dominus!«

»Was denn?«

»Spielen wir übermorgen nicht die Bacchides?«

»Wann soll geprobt werden?«

»Morgen? Bitte, bitte, Dominus! Ihr habt uns doch nicht in Eurer Caterva, um uns zu verstecken.«

»Nein, Dominus!« wiederholte Cäcilianus schmeichlerisch mit seinem süßesten Stimmchen. »Ihr habt uns doch nicht in der Caterva, um uns zu verstecken.«

»Wir werden sehen,« murmelte der Dominus mit gerunzelten Brauen.

Draußen in der Mondnacht schlenderte die Caterva dahin laut lachend, sprechend, murrend, während hin und wieder noch ein Fluch des Parasiten hörbar ward, in der Richtung nach der Subura. Sie gingen zu Nilus zum Nachtmahl.

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