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Die Komödianten

Louis Couperus: Die Komödianten - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDie Komödianten
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
year1928
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100330
projectid0f04c9a3
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Drittes Kapitel.

In der Villa zu Laurentum wurde Plinius von seinen Gästen erwartet. Seit einer Stunde befanden sie sich schon dort. Der Gastgeber hatte sie aufgefordert zu kommen, wann es ihnen beliebte und hatte hinzugefügt, daß er nicht wisse, wie spät er nach der Salutatio aus dem Palatium zurückkehren werde, um mit ihnen das Mahl einzunehmen. Sein griechischer Freigelassener Hermes hatte an seines Herrn Statt die Gäste empfangen, als sie zu Pferde erschienen waren. Nachdem sie abgestiegen und die Pferde weggeführt waren, folgten die Gäste dem Freigelassenen durch die halbrunde Portikus.

»Meine Herrin läßt sich entschuldigen, edle Herren. Sie weilt mit ihrem Großvater in unserm toskanischen Landhaus,« sagte Hermes erläuternd.

Mit einer Handbewegung forderte er die Gäste auf, näher zu treten.

»Das Landhaus, das unser Gastgeber in Toskana besitzt, ist umfangreicher als dieses und von größeren Wäldern und weiterem Jagdgebiet umgeben. Aber eine schönere Behausung als dieses fürstliche Landhaus an der See wüßte ich nicht zu nennen,« meinte Quintilian.

»Es schwebt hier eine antike Atmosphäre,« sagte der alte Verginius Rufus, »die in der Tat an Hellas erinnert.«

Hermes geleitete die Gäste in ein viereckiges, überdecktes Atrium, in welches das Licht von oben aus einer viereckigen Öffnung in das kleine Nympheum fiel. Ringsumher waren in den rotschwarzen Freskowänden viereckige Fenster angebracht und darin zwischen roten Marmorsäulen kleine Scheiben aus durchsichtigem Spiegelstein, die zur Seite geschoben werden konnten. Auch die Dachöffnung ließ sich mit solch einer kleinen Spiegelsteinscheibe schließen.

»Das ist für schlechtes Wetter, wenn die Tyrrhenische See stürmisch ist,« meinte Hermes lächelnd. »Dann ist es ein sehr behaglicher Aufenthalt.«

Ringsumher standen viele Bildnisse zwischen Myrtenpflanzen, bronzene Köpfe aus Porphyrsockeln. Rote Rosen aus Pästum umblühten das ovale Bassin. Delphine aus schwarzem Marmor spien Wasserstrahlen. Das Murmeln war wie ein Rhythmus.

»Reich, aber dennoch zierlich und einfach,« sagte der junge Sueton anerkennend.

»Dies ist die Schönheit, die Güte bedeutet,« antwortete ihm Tacitus mit tiefer, dunkler Stimme.

Sie traten in den Hof und durchquerten eine Gallerie. Ein Triklinium breitete sich erstaunlich weit aus und sehr hoch, und zwischen den Säulen hindurch sahen die Gäste die See, die bis zu den Stufen der breiten Treppe emporstieg, nun, da der Südwind die leichten Wellen spielerisch staute.

»Dies ist allzeit wundervoll.« sagte der Prokonsul Frontin, und Juvenal bestätigte es. Immer wieder machte es Eindruck auf sie, wie oft sie es auch schon geschaut haben mochten.

Auf den drei Seiten erhoben sich zwischen doppelten Türen hohe Fenster, so daß man vom Triklinium aus von drei Seiten das Meer erblicken und den Horizont unter dem Lenzhimmel sich wölben sehen konnte. Azur über türkisfarbener Weite. Sich umschauend gewahrten die Gäste durch einen Hof und eine Portikus den Weg, die Wälder, die fernen Berge. Zu beiden Seiten des sich bis an die See erstreckenden Trikliniums öffneten sich weite Räume. In dem Winkel, den der Speisesaal zu einem der kleineren Räume bildete, war draußen am Strand eine Art Stadion.

»Der Spielplatz der Sklaven,« sagte Hermes erläuternd. »Hier ringen sie oder laufen um die Wette oder werfen den Diskus und unser Herr schaut zu von seinem Gemach aus.«

Stets weiter führte er sie, höflich mit der Hand einladend. Die Gäste betraten eine Rotunde, die wie eine Kristallkuppel zwischen Marmor wirkte. Von allen Seiten war das Meer zu sehen und die Berge und die Wälder. Längs der Ufer, in weiterer Ferne lagen andere Landhäuser schimmernd zwischen Grün, Türkis und Azurblau.

»Ein olympischer Aufenthalt, nicht wahr?« fragte Quintilian lächelnd den jungen Sueton, der die Villa bei Laurentum zum erstenmal sah.

»Ich wenigstens habe niemals eine vollendetere Wohnstatt gesehen,« antwortete der junge Mann bewundernd.

Hermes schob in der Mauer eine Tür aus Zitronenholz zur Seite.

»Die Bibliothek,« sagte er lächelnd, »die gelehrten Herren, wie Ihr alle seid, zur Verfügung steht. Hier folgen die Schlafgemächer meines Herrn.«

Die Gäste dankten aus Bescheidenheit. Draußen angelangt, warfen sie einen langen Blick auf die lange Reihe der Zellen, die für die vielen Sklaven und Freigelassenen bestimmt waren. Alle diese Zellen gewährten einen Ausblick auf das Meer und den felsigen Strand.

»Ich selbst habe oft weniger gut gewohnt,« gestand Quintilian ein, »als die Sklaven unseres Freundes hier untergebracht sind.«

Hier und dort wandelten die Gäste. Von den Gärten her wallte ein Rosenduft, der sich mit dem salzigen Aroma der Wogen vermischte. Die Gäste irrten weiter, am Strand entlang. Ein intimerer Flügel rundete sich dort mit einem kleinen Speisesaal und mit verschiedenen kleineren Sälen, die um einen Hof gruppiert waren. Sie betraten die Bäder. Da war ein Schwimmbad mit Süßwasser. Sie sahen das große Hypocaustum, das zur Erwärmung diente, und die kleinen Kabinette mit den Salb- und Ölkrüglein aus Alabaster in den Nischen.

Es war alles geräumig, reich und von einfachem, aber verfeinertem Geschmack. Eine ungeheure Reihe von Gemächern zwischen Säulen und Pilastern, aber Meer, Himmel und Wald waren immer und von überall her zu sehen.

»Auch von der andern Seite her,« meinte Hermes lächelnd, während er die Gäste weiterführte.

Sie gingen zurück durch das Triklinium, um den andern Flügel des Landhauses zu besichtigen. Die Gemächer liefen alle ineinander. Hermes öffnete weite Vorhänge. Er zeigte den von seinem Herrn am meisten geliebten Raum, der durch eine künstliche Leere von Garten und Haus getrennt und auf diese Weise völlig geräuschfrei war, nur umrauscht von dem Meer, das beinahe bis an die Fenster schlug.

»Ich würde mich hier verirren,« meinte Sueton, der den Weg suchte. Allein Hermes eilte ihm voran, führte die Gäste durch einen überdeckten Säulengang und sogleich wieder zurück nach dem gläsernen Binnenhof, um die Ankunft des Gastgebers abzuwarten.

Sie nahmen in den geräumigen Cathedrä rings um das Nymphäum Platz.

»Der liebenswürdigste Mann unserer Zeit!« sagte lobpreisend der alte Verginius Rufus, der stets des Plinius väterlicher Freund gewesen. »Ein antiker, beinahe hellenischer Geist und dabei doch ein Römer und ein moderner Mensch! Freunde, laßt es uns ehrlich bekennen: Daß in unserer Zeit ein Mann leben kann wie unser Plinius, das ist eine Gnade der Götter, so wir einen kurzen Augenblick an Götter glauben dürfen. In unserer fürchterlichen Zeit, in der stets etwas wie ein dunkles Schicksal über eines jeden Haupt schwebt, einen Zeitgenossen wie Plinius zu besitzen, das ist ein Trost und ein schier unfaßbares Glück. Gibt es einen zweiten, der in diesen Tagen der wahnsinnigen Überspannung so reich und zugleich so gütig wäre, so edelmütig und so seelenrein, daß sogar Domitian es nicht wagt ...?«

»Pst, edler Verginius!« warnte Quintilian erschrocken. »Verzeiht mir, daß ich, der Jüngere, Euch unterbreche! Aber laßt uns den Namen des Kaisers nicht nennen! Ich bin vielleicht abergläubischer, als Ihr meint. Sooft unser Freund im Palatium erscheinen muß, fürchte ich.«

»Dies ist eine verabscheuenswürdige Zeit,« rief Juvenal ungehalten aus. »Wenn wir zu sprechen wagten! Aber Quintilian hat recht. Wir schweigen, wir schweigen immer. Unsere Lippen sind versiegelt, weil wir zu furchtsam sind und zu abergläubisch. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, aber noch niemals habe ich frei zu sprechen gewagt. Werde ich es noch einmal wagen? Könnte man doch mit seiner schonungslosen Satire diese abscheuliche Zeit geißeln! Aber was nützt das alles, solange beim ersten Wort schon das ewige Schweigen auferlegt wird?«

»Was wage denn ich? fragte Tacitus düster, und ein Schatten der Melancholie breitete sich über seine früh gealterten Züge. »Ich bin nicht mehr jung, bin fast neun Jahre älter als Ihr. Aber das, was ich in meinem Geiste plane, die Geschichte dieser entsetzlichen Zeiten zu buchen, in denen nur Vespasian und Titus uns für einen kurzen Augenblick aufatmen ließen, das habe ich auch nicht gewagt, wenngleich ich alles aufzeichne und allen Stoff sammle, wenngleich ich meine Stunde erwarte ...«

»Ja!« sprach der alte Verginius Rufus finster, während er mit dem Kopfe nickte. »Dennoch war Domitian, als er noch jung war, ein guter Flavier, wie sein Vater und sein Bruder es waren. Kann ich mich doch seiner entsinnen, wie er nach dem Feldzug in Palästina, nach dem Falle von Jerusalem, auf seinem weißen Rosse hinter Titus und Vespasian dahinsprengte. Damals war er noch sittsam und liebenswert, nichts ließ mich damals ahnen, daß ... Aber laßt mich schweigen über ihn, wie es Quintilian wünscht!«

Es war, als zögen düstere Gedanken über sie alle hin. Nichts anderes war mehr zu hören als der murmelnde Wasserstrahl in dem Nymphäum. Die Rosen von Pästum dufteten. Durch die hier und da zurückgeschobenen kleinen Fensterscheiben atmete der sanfte Wind. Ringsum eine ruhige, geschmackvolle Üppigkeit von weißem, schwarzem, rotem Marmor, rotem Porphyr, dunkler Bronze, lauter edlen Linien und schönen Formen. Das Mosaik des Fußbodens, die Fresken der Wände, der Stuck der Decken, alles lud ein zur Ruhe und Frieden inmitten so kunstvoll reicher Einfachheit. Es war ein Tag im römischen Frühsommer. Der Gastherr, der alsbald kommen würde, war der liebenswerteste Römer, der in dieser Zeit lebte. Dennoch lag düstere Stimmung über den harrenden Gästen und ließ sich nicht bannen. Kaum daß sie die im Alpenschnee gekühlten Erfrischungen kosteten, die Hermes ihnen vorsetzen ließ. Sie alle dachten den gleichen Gedanken: Plinius ist zur Salutatio beim Kaiser befohlen. Was hat ihm der Kaiser gesagt? Wird er alsbald wiederkehren? Denn sie alle wußten, daß der Kaiser ihn haßte, weil er liebenswert, edel und seelenrein war, wie kein anderer.

Quintilian, sein Lehrmeister, dessen durchfurchtes glattrasiertes Antlitz mit der großen geraden Nase und den dünnen Lippen in ernsten Falten lag, während das kurzgeschnittene Haar grauschwarz und dürftig über der hohen Stirn stand, saß still da und schaute vor sich hin in die Wasserstrahlen der Delphine, indes seine großen geäderten Hände auf der schwarzen Lehne der Cathedra, seine umschnürten Füße regungslos auf der Fußbank ruhten. Die Falten seiner Tunika lagen regungslos um seine unbeweglichen Glieder, die beinahe atemlos schienen. Er war der Lehrmeister aller derer gewesen, die jünger waren als er, nachdem er als etwa Fünfundzwanzigjähriger Galba in Spanien kennengelernt, ihm als Sekretär und Dolmetscher gedient und ihn später zu seiner Thronbesteigung nach Rom begleitet hatte. Dann hatte er zwanzig Jahre lang seine stark besuchte Schule geleitet. Domitian hatte ihm sogar die Erziehung der Enkel seiner Schwester Domitilla anvertraut. Er war Konsul gewesen. Ihn umgab Ehrfurcht und Wertschätzung, ihn, den Autor der Institutio Oratoria, des zierlich geschriebenen Handbuches der Beredsamkeit, das alle jugendlichen Redner benutzten. Dennoch empfand er, während er in diesem Augenblick auf Plinius wartete und sich eigener häuslicher Sorgen erinnerte, daß alles, was das Leben zu bieten vermag, vergänglich ist wie eine Seifenblase. Neben ihm saß der finstere, verbitterte Juvenal. Er schrieb bereits seine Satiren, ließ sie aber vorsichtshalber nicht erscheinen. Kaum, daß er einige von ihnen in diesem intimen Freundeskreis vorlas: die über die Frauen seiner nervenüberspannten Zeit, die Patrizierinnen, die vor den billigenden Augen des Kaisers als Gladiatoren in der Arena auftraten; die über den riesengroßen Steinbutt, den der ägyptische Günstling Crispimus dem Kaiser verehrte und zu dessen Zubereitung man das ganze kaiserliche Konsilium entboten hatte. Neben ihm saß, gleichfalls finster, doch zugleich von einer Wolke der Melancholie umflossen, Tacitus. Er hatte die Vierzig bereits überschritten, aber seine Historien und Annalen wollte er erst später schreiben, und nichts in seiner Wehmut über die Zeit, in der er lebte, kündete an, daß er, wie begabt er auch sein mochte, einst der große Geschichtsschreiber werden würde. Von ritterlicher Herkunft, schon redegewandt als Advokat vor dem Tribunal, verheiratet mit Agricolas Tochter, alsbald Konsul unter Nerva, sollte sein Geist unter diesem Herrscher von einem Menschenhaß angetastet werden, der ihm die Dinge seiner Zeit noch düsterer würde erscheinen lassen, als sie bereits waren. Auch an diesem klaren Apriltag sah es in seinem Innern düster aus. Doch dieser Druck hatte nichts gemein mit der Seelenverfassung derjenigen Menschen, die sich geehrt, zum mindesten bekannt wußten. Auch war der Druck nicht der gleiche, den die schlichtere Seele des Prokonsuls Frontin empfand, der unter Agricola in Britannien die römischen Legionen geführt und der in seinem Buch über die Kriegslisten Domitian schmeichlerisch als einen großen Feldherrn, als den Besieger der Germanen bezeichnet hatte. Nun, da er frei von allem Ehrgeiz seine reiferen Jahre ruhig in Rom hatte verleben können, ging er gebeugt unter dem Drucke wegen seiner selbst, wegen seiner Freunde, wegen seines Freundes Plinius, der immer noch nicht kam. Zwischen ihnen allen saß, sehr bekannt, sehr abgeklärt und schon in ganz Rom sehr geehrt, vielleicht, weil er schon so alt war, Verginius Rufus, dem das Gewicht sämtlicher ehrenvollster Ämter bereits die Schultern belastet hatte, der nach Vitellius' Tode zu Ehren der Flavier, des Vespasian und der Seinen, vielleicht auch aus philosophischer Abneigung den ihm angebotenen kaiserlichen Purpur abgelehnt hatte und nun wartete, wartete, wie nur ein Greis mit dem sanften, zustimmenden Nicken seines alten Hauptes warten kann. Der einzige, der diesen Druck, dieses Warten und diese düstere Melancholie nicht empfand, war der junge Sueton, Gaius Suetonius Tranquillus, dessen Gemüt unbewegt war wie seine drei Namen, der Sohn eines Tribunen, Rechtsgelehrter und wie alle Studierenden jener Zeit, Schüler des Quintilian, ein heranreifender Literat, der über die Spiele, Sitten und Gewohnheiten von Rom und Hellas arbeitete, der aber nicht der spätere berühmte Geschichtsschreiber war, wohl aber bereits die etwas trockene, phantasielose Seele, die nur empfand, daß ihre eigene Zukunft noch tagen müsse.

Plötzlich zerriß Hermes, der griechische Freigelassene, diese Stimmung düsteren Harrens. Er erschien und sagte, indem er hinauszeigte:

»Unser Herr!«

Alle erhoben sich und eilten durch die Portikus hinaus und sahen, wie die schwankende Sänfte näher kam und von den Trägern behutsam zu Boden gesetzt wurde. Sie sahen Martial aussteigen, dann Plinius und dann zwei junge Sklaven mit blonden Haaren, Seiltänzer oder Gaukler.

Wen mochte der Gastherr da mit sich bringen, er, der doch so sittenstreng war?

Die Gäste brauchten sich nicht lange verwundert zu fragen. Sie eilten Plinius und Martial entgegen, und herzlich war die Begrüßung. Es war, als atme ein jeder freier. Der alte Verginius Rufus umarmte Plinius wie ein Vater seinen Sohn. Die andern drückten ihm freudig die Hände, befragten ihn mit den Augen.

Es hatte sich nichts ereignet. Der Kaiser hatte in finsterer Laune kaum einen Augenblick gesprochen mit den Senatoren und den Konsularbeamten, hatte sich sogleich wieder zurückgezogen.

Plinius umringend traten die Gäste ein.

»Edler Frontin,« sagte Martial, indem er den Prokonsul begrüßte, »es ist mir eine Freude, Euch wiederzusehen. Entsinnt Ihr Euch noch, wie wir beide im vergangenen Sommer über Poesie sprachen in Eurer Villa zu Bajä und wie wir gemeinsam lasen bei Anxur? Ich habe darauf ein neues Epigramm gedichtet, sowie ich ja auf alles Epigramme dichte. Natürlich ein liebenswürdiges Epigramm. Es wurde in meine letzte Sammlung ausgenommen.«

Er griff in seinen Gürtel und suchte.

»Beim Herkules! Wo habe ich es nur gelassen? Wo habe ich meinen letzten Band, den ich soeben frisch aus den Händen der Kopisten erhielt, nur gelassen? Ich hatte ihn doch zu mir gesteckt.«

»Mit Eurer gütigen Erlaubnis, Herr,« sagte Cäcilius mit seiner hohen Stimme, indem er Martial das Bändchen darbot, »Ihr hattet es mir bereits verehrt. Hier ist es. Bekomme ich es zurück?«

»Wahrhaftig! Das hatte ich ganz vergessen. Gewiß, mein kleiner Junge, sollst du es zurückbekommen. Aber,« – er blätterte – seht, Frontin, hier ist es, hier habe ich es schon:

Anxuris aequorei placidos, Frontine, recessus, Et proprius Baias ...

»Hier ist es, und Ihr werdet daraus lernen, wie sehr ich dem geschäftigen Leben Roms die Schuld daran beimesse, daß wir einander so wenig sehen. Denn nicht wahr, meine lieben Freunde, Rom ist in der Tat geschäftig, und wir sehen uns nicht jeden Tag? Dennoch sind wir alle Söhne der Muse, und auch dieser tapfere Kriegsmann, dieser Verfasser des so sachlichen kriegskundigen Buches über die Kriegslisten ist, wie ihr alle wißt, für Poesie durchaus nicht unempfindlich.«

»Wollt ihr mir gestatten, meine Freunde,« sagte Plinius, »daß ich mich in ein luftigeres Gewand kleide?«

Er entfernte sich, während Hermes, der ihm voranging, in die Hände Klatschte, um den Leibsklaven herbeizurufen, und Martial seine kleine, alte, etwas schäbige Toga ablegte.

Die andern versammelten sich im Atrium und umringten Martial. Es schien, als verscheuche seine Munterkeit ihre traurigen Gedanken. Sie lächelten schon alle, während sie ihn umringten und er so lebhaft berichtete.

Ein neuer Band seiner Epigramme war bei Tryphon, dem Buchhändler, erhältlich. Aber seinen Freunden würde er ihn natürlich senden. Sie wehrten ab, sagten, daß sie ihn gern selbst kaufen würden. Er gab lächelnd zurück, das sei nicht nötig, da er ohnedies durch seine Epigramme steinreich werden würde, auch wenn er einige Exemplare verschenke. Epigramme schreibe er unaufhörlich. Das sei ungefähr so wie ein Tagebuch: scharfe Epigramme, liebenswürdige, giftige, schmeichlerische.

»Auf unsern Jupiter,« sagte er lächelnd. Er meinte den Kaiser.

Domitian sei nun einmal Kaiser. Was helfe es, finster drein zu schauen? Man müsse ihn eben mit Honig füttern. Das sei das einzige Mittel, um nicht ...

Er zwinkerte verständnisinnig mit den Augen. Sogar Juvenal und Tacitus, die beide viel ernster, finsterer, gewissenhafter waren als dieser leichtherzige Lebensgenießer mit seinem Silenenkopf lächelten wohlwollend. Mochte er auch im Vergleich mit ihrem tieferen Ernst wie ein großes ungezogenes Kind erscheinen, sie waren immer bereit, ihn zu entschuldigen. Sie entschuldigten seine Verehrung Domitians, die ihm auf Veranlassung des Kaisers hin und wieder ein hübsches Sümmchen einbrachte. Sie entschuldigten seine zweideutigen Verse, weil sie in so überaus elegantem Latein ausgesprochen, beinahe gesungen waren. Eigentlich durfte er alles tun, was ihm beliebte. Ohne gewöhnlich einen As Geld in der Tasche zu haben, wohnte er vor den Toren Roms, bei Nomentanus oder in dem kleinen Stadthäuschen, das Domitian ihm geschenkt hatte, das aber von der Wasserleitung sehr weit entfernt lag. Sie alle hatten ihm Wohl schon einmal Geld gegeben, geliehen. Er war bei ihnen allen ein regelmäßiger Mittagsgast, aber trotzdem hatte er nichts von einem Parasiten an sich. Auch seinerseits lud er sie alle zu sich zu Gaste, zu einfachen, gemütlichen Mahlzeiten mit einem billigen Wein oder zu einer Unterhaltung, die von Geist und Klugheit sprühte.

Er war viel zu viel der aus Bilbilis gebürtige Spanier geblieben, um nicht, so gut er es eben vermochte, diese Gastfreundschaft zu erwidern, indem er von seinem wenigen Geld ihnen einen Schinken vorsetzte, der schon ein paarmal vorgesetzt gewesen, und zwar auf einfacher, irdener Schüssel aus Arretium, dies alles aber mit so viel Grazie und Lebensfreude, daß sie die kostbaren Banketts gern dafür im Stiche ließen.

»Cäcilius,« sagte Cäcilianus – die beiden Knaben blickten verstohlen um sich –, »es ist hier wirklich schön.«

»Ja,« sagte Cäcilius »es ist sehr schön, aber vornehm, weißt du, Cäcilianus. Das sehe ich sofort. Ganz anders als da,« – er begann zu flüstern –, »wo wir gestern abend gewesen sind.«

»Bevor wir in die Taberne des Nilus kamen,« gab Cäcilianus flüsternd zurück.

»Ja, ganz anders. Dort war es mehr so wie in Alexandria. Weißt du noch?«

»Bei dem Neffen des Legaten. Ja. Und in Antiochia.«

»Bei dem reichen Perser, der immer betrunken war. Hier ist es vornehm.«

»Sehr vornehm. Nicht allzu frei sein, Brüderchen!«

»Frei? Das gibt's hier nicht. Aber ich fange an, hungrig zu werden.«

»Wir dürfen nicht essen, wenn wir noch spielen und singen und tanzen müssen.«

»Nein. Ich weiß. Aber ich habe fürchterlichen Hunger.«

»Und dann,« sprach Quintilian zu Martial, »sagt mir doch, bester Freund, wer sind die blonden Knaben, die Ihr mit Euch brachtet?«

»Wie sollten sie etwas anderes sein, als das, was sie scheinen, mein Hochgelehrter?« gab Martial scherzend zurück. »In jedem Falle dürft Ihr davon überzeugt sein, daß Euer keuscher Freund Martial nicht die geringste Schuld daran trägt, daß diese leichtsinnigen blonden Knäblein mitgekommen sind, die an Hylas und Ganymed erinnern, die uns aber keinen Wein kredenzen werden. Unser Plinius selbst bat sie, mitzukommen, um uns nach dem Mahl mit Tanz, Gesang und Vortrag zu erheitern. Es sind zwei kleine Komödianten aus der Grex, die während der Megalesia den Plautus aufführen wird.«

»Plautus?« fragte Quintilian mit flüchtigem Staunen.

»Das haben die Kerlchen mir selbst erzählt.«

»Also doch wieder die klassische Komödie zu den szenischen Spielen?« fragte Juvenal. »Wir hatten sie beinahe vergessen.«

»Der Mimus hat sie verdrängt,« warf der junge Sueton bescheiden ein. »Aber eigentlich erscheint die klassische Komödie doch immer wieder zwischen den Mimusspielen.«

Quintilian zuckte die Achseln.

»Sie ist bei uns nie ursprünglich gewesen. Plautus ist lebhaft, heiter, leicht, doch ohne tiefere Weisheit. Er schreibt immer nach griechischem Vorbild. Terenz, der so keusch ist, daß seine Hetären wie Matronen wirken, ist noch griechischer, war noch mehr von seinen Vorbildern abhängig und starb, wie ihr wißt, vor Schmerz, als ihm bei einem Schiffbruch all die klassischen Stücke verloren gingen, die er aus dem Menander übersetzt hatte.«

Die beiden Knaben hörten aufmerksam zu.

»Ich glaubte,« flüsterte Cäcilianus dem Cäcilius zu, »es sei von Plautus und Terenz gerade rühmenswert gewesen, daß sie den Griechen nachahmten. Soll man denn ursprünglich sein?«

»Pst!« machte Cäcilius, indem er dem andern zu schweigen gebot. »Halt doch deinen Mund und hör erst zu, was die gelehrten Herren zu sagen haben! Es sind die gelehrtesten, die es in Rom gibt, und sie sind hier alle versammelt. Ich habe das gleich bemerkt.«

»Auf jeden Fall«, fuhr Tacitus fort, »wird es sehr interessant sein, ihren Aufführungen einmal beizuwohnen. Welches Stück werden sie aufführen?«

»Was führt, ihr auf?« rief Martial den Knaben zu.

»Ich denk, die Bacchides, Herr!« sagte Cäcilius.

»Ja,« bestätigte Cäcilianus, »die Bacchides. Sicherlich. Das ist ein hübsches Stück für uns. Wir spielen dann die beiden Bacchides.«

»Man sieht sie schon leibhaftig,« sagte Martial, »wie sie die Rollen schöner Mädchen verkörpern.«

»Aber unser Parasit«, fuhr Cäcilianus erregt fort, »will durchaus, daß die Menächmi gespielt werden, weil er darin eine schönere Rolle hat. Aus reiner Mißgunst will der Senex das auch. Aber der Dominus ...«

»Sei doch still!« sagte Cäcilius. »Du darfst nicht so viel sprechen, wenn die Herren dich nicht fragen.«

»Laß ihn nur reden!« sagte Verginius Rufus begütigend mit der leutseligen Würde des vornehmen Greises.

Cäcilianus, der niemals verlegen war, berichtete leidenschaftlich weiter. Immer seien es der Senex und der Parasit, die in den Stücken nicht auftreten wollten, in denen sie nicht die Hauptrollen hätten. Sie hätten doch nun einmal nicht solche Ausbildung genossen, wie der Dominus sie ihnen selbst habe zu teil werden lassen.

»Wo?« fragte Quintilian.

»In Syrakus, Herr,« antwortete,Cäcilius ruhiger, indem er dem Brüderchen die Hand auf die Lippen legte. »Wir haben sogar Griechisch gelernt bei einem griechischen Rhetor und in Kleinasien spielten wir Menander.«

»Beim Herkules! Wenn ihr in Rom gelernt hättet, würde der Dominus euch die Lehrstunden des Quintilian gegönnt haben,« sagte Martial scherzend.

»Wer ist Quintilian, Herr?« fragte Cäcilius, allzeit wißbegierig.

»Das ist dieser Herr hier,« antwortete Martial, indem er auf ihn deutete. »Er ist der Lehrer der kenntnisreichsten Männer Roms.«

»Dann muß der edle Quintilian wohl sehr gescheit sein,« sagte Cäcilius bewundernd. »Denn ich habe es sogleich gemerkt, daß ihr alle gescheite Herren seid.«

»Sst!« machte Cäcilianus nun seinerseits, indem er aus Rache die Hand auf Cäcilius' Lippen legte. »Du darfst nicht so freimutig sein, wenn die Herren dich nicht fragen.«

»Halt doch deinen ...!«

»Ihr habt also Grammatik gelernt?« fragte Quintilian, in dem der Pädagoge erwachte, sehr interessiert.

»Gewiß Herr, und auch etwas Rhetorik.«

»Nun sagt mir einmal,« begann Quintilian prüfend und ein wenig schulmeisterlich, während die andern lächelnd und belustigt zuhörten, »spielt ihr Komödie während der Megalesia oder während der Ludi Megalesia?«

»Herr,« antwortete Cäcilius schnell, »während beider. Denn man kann beides zusammen sagen: Ludi Megalesia.«

»Das sieht wie ein Solöcismus aus,« unterbrach ihn Cäcilianus.

»Ei was!« rief Cäcilius. »Laß mich doch sprechen! Das sieht wie ein Solöcismus aus,« wiederholte Cäcilius rot vor Zorn. »Aber es ist nicht so. Denn die scheinbar falsche Mischform Ludi Megalesia war, obwohl in dem Wort Megalesia die Vorstellung von Ludi schon einbegriffen war, doch schon bei den alten Römern gebräuchlich, und wir dürfen ...«

»Ja, wir dürfen beides zusammen sagen!« fiel Cäcilianus rasch ein. »Nur ...«

»Nur ist Ludi Megalesia weniger gebräuchlich und ...«

»Dichterischer,« warf Cäcilianus schnell ein, um das letzte Wort zu haben.

Alle lachten belustigt.

»Was ist nun ein Solöcismus?« fragte Quintilian examinierend.

»Ein Verstoß gegen die richtige grammatische Verbindung von Worten.«

»So wie die Bewohner von Soloi ...«

»In Cilicien ...«

»In Cilicien ...«

»Sie bildeten.«

»Täglich bildeten.«

Die Knaben sprachen durcheinander. Alle lachten laut. Plinius kam zurück in einer leichten Synthesina, wie man sie im Hause trug, mit Sandalen an den Füßen.

»Nun, Freunde, zur Tafel!« bat er einladend.

»Du läßt mich nie aussprechen!« sagte Cäcilius ärgerlich und vorwurfsvoll zu seinem Bruder.

»Nicht böse sein, Brüderchen!« sagte Cäcilianus, indem er sich an ihn schmiegte. »Ich habe schon großen Hunger.«

Im Triklinium, dem Meere gegenüber, waren die breiten und geräumigen Ruhebetten zusammengeschoben. Es waren ihrer drei für diese acht Tafelgenossen, so daß eigentlich für neun Gäste Platz war. Die Sklaven trugen die kleinen, runden Tafeln herbei, die sie zwischen den Lagern aufstellten. Zu beiden Seiten dieser mittleren Gruppe waren längere Tafeln hergerichtet, an denen einzelne Klienten, Freigelassene in sitzender Haltung Platz nehmen sollten.

»Nimm du die kleinen Komödianten zu dir, Hermes!« befahl Plinius dem Griechen.

»Herr,« antwortete Hermes, »ich habe sie bereits aufgefordert, aber sie wollen nichts essen.«

»Warum nicht?«

»Sie sagen, daß sie niemals essen, bevor sie singen und tanzen und vortragen.«

»Ihr Knaben!« lief Plinius. »Wollt ihr nichts essen?«

In gebührender Entfernung dankten sie höflich und entschuldigten sich.

»So wandelt denn durch die Gärten,« sagte Plinius freundlich, »oder am Meer entlang.«

Die beiden Knaben verneigten sich und gingen die Treppe hinab. Sie irrten am Strand umher und kamen an den Küchen vorüber. Der Dampf stieg aus den Pfannen, die auf den verschiedenen kleinen, steinernen Öfchen standen.

»Cäcilius,« sagte Cäcilianus fast stöhnend, »ich fange an entsetzlich hungrig zu werden.«

»Vielleicht wirst du nachher etwas erhalten,« sagte Cäcilius tröstend, während beide den Duft einsogen.

»Wer seid ihr?« riefen die geschäftigen Küchensklaven erstaunt.

»Wir werden nachher singen und spielen.«

»Komödianten?« fragten die Küchensklaven. »Histriones?«

»Sage ihnen nicht, daß wir Comoedi sind!« sagte Cäcilianus zu seinem Bruder, der sich ärgerte. »Sie verstehen den Unterschied doch nicht. Ja. Wir sind Histriones,«

»So singt und spielt uns etwas vor!«

»Fragt euren Herrn, ob ihr kommen dürft, um uns zu sehen im Theater des Pompejus in zwei Tagen, und applaudiert uns dann schön!«

»Was werden wir gewiß tun. Wollt ihr etwas naschen?«

»Nein, nein!« schrie Cäcilianus verzweifelt, während ihm eine Schüssel gereicht wurde.

»Wir dürfen nicht essen, bevor wir spielen!« sagte Cäcilius erklärend, während er sein Brüderchen der Verführung entzog.

Die Knaben irrten am Strand entlang.

»Wie ist es doch gleich, wenn Hero auf dem Turme klagt?« fragte Cäcilianus.

Sie hielten am Saume des Meeres eine Probe ab. Ihre hohen Stimmen erklangen bald im Rezitativ, bald im Gesang. Sie sahen einen bleichen Jüngling auf sich zukommen und schwiegen.

»Ich bin Zosimos!« sprach der Jüngling. »Ich bin Freigelassener meines Herrn. Er bat mich, euch zu suchen. Ich rezitiere und spiele die Flöte und die Leier. Auch lese ich meinem Herrn öfters vor, Geschichte und Poesie.«

Er hustete und fuhr dann fort:

»Singen darf ich nicht mehr, seitdem ich Blut speie, aber meine Gesundheit hat sich sehr gebessert, seit mein Herr mich nach Feruli schickte zu seinem Freunde Paulinus. Nie Bergluft hat mir wohlgetan.«

»Dein Herr, der edle Plinius, ist Wohl ein guter Herr?« fragte Cäcilius.

»Er ist in der Tat ein guter Pater Familias,« sagte Zosimos, »Vater seiner ganzen Familie von Freigelassenen und Sklaven. Er betrachtet uns, in aller Ehrfurcht sei es gesagt, als seine Kinder. So gut ist er zu uns, er, der selber keine Kinder hat. Er hat mir aufgetragen, euer Spiel mit Leier oder Flöte zu begleiten.«

»Wir probten soeben,« sagte Cäcilius.

»Ja, wir probten,« wiederholte Cäcilianus.

»Wenn du mich vielleicht über den Verlauf des kleinen Mimus in Kenntnis setzen willst, während die Herren tafeln ...«

»Ja,« sagte Cäcilius. »Wir brauchen auch ein paar Pallia.«

»Um uns zu kostümieren,« sagte Cäcilianus.

Inzwischen wurde den Gästen im Triklinium das Vorgericht aufgetischt. Plinius liebte das Übermaß nicht. Eine derartige Zusammenkunft mit literarischen Freunden war mehr ein Vorwand zum Plaudern, als zum Verzehren unzähliger Gerichte. Dennoch waren die sogenannten ländlichen Speisen gepflegt und mit Kunst zubereitet. Jeder Gast erhielt auf der ihm vorgesetzten Schale drei in Schnee gekühlte Schnecken, die von Salat und zwei harten Eiern umringt waren. Auf einer andern Schüssel Oliven, Gurken und gefüllte Zwiebeln, und dies war ein einfacherer Beginn, als wenn Austern und Spanferkelwarzen ihn gebildet hätten. Der Wein, der getrunken wurde, war der gleiche, den man an der Tafel der Klienten und Freigelassenen ausschenkte: würziger, doch leichter Landwein von dem toskanischen Landgut des Plinius.

»Wir Redner,« sagte Quintilian, »wir, die wir in der Öffentlichkeit so oft das Wort führen, sei es als Advokat in einem Prozeß, sei es bei literarischen Reden oder beim Vortrag unserer eigenen Werke, können von den Schauspielern wohl das eine oder andere lernen, wenn wir nur dafür sorgen, daß wir nicht theatralisch werden. Unsere Stimme können wir ganz gewiß nach der Methode schulen, nach der die Schauspieler die ihrige schulen.«

»Aber jung«, sagte Verginius Rufus, »sind die Knäblein, die Plinius und Martial uns mitgebracht haben! Sie müssen in ihrem Alter – mich dünkt, sie können kaum sechzehn Jahre alt sein – große Frauenrollen spielen in einem ungeheuren Theater wie das des Pompejus eines ist. In meiner Jugend spielten ältere Schauspieler diese Rollen. Werden ihre Stimmen, so jung noch, darunter nicht leiden?«

»Ich bin der Ansicht,« sagte Martial, der sein Vorgericht mit Genuß verzehrte, »daß ihr Dominus sie zum Teil wegen ihrer hübschen Frätzchen diese Rolle spielen läßt.«

»Die Frauenrollen der klassischen Komödie«, fügte Plinius ein, »sind nicht schwer. Sie müssen gut gesprochen werden, und die Knaben sprechen sehr rein. Die komischen Mimusrollen sind im Grunde genommen viel schwerer und ermüdender, und die sie spielen, sind in der Regel Akrobaten.«

»Decimus,« bat Martial den hinter ihm stehenden Sklaven, »gieß mir etwas gekühltes Wasser ein!«

Der Sklave füllte einen ziselierten Kristallbecher mit gekühltem Wasser.

»Ein Epigramm, Martial?« fragte Frontin.

»Ein Epigramm?« sagte Martial. »Herzlich gern. Hört denn!«

Er improvisierte, während er den mit Schnee gekühlten Becher emporhielt:

»Seht diesen Humpen von Glas, den das reiche Ägypten gesendet!
Welch ein findiger Kopf schuf ihn mit Fleiß und Geschick!
Rastlos mühte er sich, hier Bilder an Bilder zu fügen.
Zehnmal zerbrach ihm sein Werk, bis es ihm endlich gelang.«

Die Gäste klatschten jubelnd in die Hände.

»Nach diesem zierlichen Epigramm auf die Form, Martial, erbitte ich mir eines auf den Inhalt!« rief Sueton.

»Auf den Inhalt?« wiederholte Martial sinnend. »So höre denn, mein junger Freund!«

Er hielt den Becher noch immer empor und sprach:

»Wer schlürft heute noch Schnee? Man kühlt sich mit Schnee nur das Wasser.
Wer für den Durst das erfand, war ein bedeutender Kopf.«

Sie jubelten, sie klatschten in die Hände.

»Ihr Gäste,« sagte Plinius, »verlangt nicht mehr von unserm Freunde. Wir möchten sonst unbescheiden scheinen.«

Aber als Decimus dem Dichter wenige Tropfen eines Weines von Massilia, der nach gallischer Sitte mit Rauch versetzt und so gewürzt war, den aber der Dichter gering schätzte, in die Schale gießen wollte, fuhr Martial fort:

»Misch mir nicht rauchigen Wein in das kühle, erfrischende Wasser!
Denn du verteuerst den Trunk nutzlos mit jedem Schuß Wein.«

Flüsternd sprach Juvenal zu Tacitus:

»Seht, wie er daliegt, ein alter Silen bereits und doch nicht alt, ein Mann der Untugenden, mein Freund, wie keiner unter uns, aber zugleich ein Dichter, feiner als jeder von uns!«

»Er trinkt Wasser,« sagte Tacitus »weil er weiß, daß Plinius mäßig ist.«

»Er ist mäßig aus Schmeichelei.«

»Er schmeichelt, gewiß, aber in formvollendeten Epigrammen.«

»In einem Latein, das noch feiner ziseliert ist als seine ägyptische Trinkschale.«

»In Distichen, wie sie so zierlich vor ihm niemand geschrieben hat.«

»Was er sagt, ist eigentlich nichts.«

»Aber wenn er es sagt, wird etwas daraus.«

»Man weiß kaum, warum es so bezaubert.«

»Aber es bezaubert.«

Sie lächelten Martial zu, der einige ihrer Worte aufgefangen hatte.

»Ihr beide sprecht über euern Freund Martial,« sagte er mit dem Finger drohend. »Ich habe euch wohl gehört.«

»Dann werdet Ihr auch gehört haben, daß ich Euch pries,« sagte Juvenal.

»Und daß ich Euch beneidete,« sagte Tacitus. »Bleibt jung, stets lebenslustig, sorglos!«

»So, wie wir es nicht sind,« ergänzte Juvenal.

Ihr Lächeln eilte dem Dichter entgegen, während sie ihm mit ihren Bechern zutranken.

Jetzt wurde ein großer, langer Stör aufgetischt, ein Luxus nach der Einfachheit der Vorgerichte.

»Stör!« rief Martial entzückt. »Welch köstliche Üppigkeit, edler Gastherr!

Sendet den leckeren Stör nur schnell auf die Tafel des Kaisers!
Solch ein seltenes Tier paßt nur auf Jupiters Tisch.«

»Er ist unverbesserlich,« sagte Plinius lachend.

»Aber erst wollen mir selber von ihm essen,« fuhr Martial in Prosa fort.

Sie verspeisten den Stör und sandten ihn nicht dem Domitian, so wie dessen Günstling es mit dem berühmten Steinbutt gemacht hatte, den Juvenal heimlich besungen.

Eberbraten folgte. Auf der Schüssel prangte zum Schmuck der nicht enthäutete Kopf des Ebers. Martial, der gut im Zuge war, musterte mit einem lustigen Augenzwinkern das Tier und rief:

»Haarklein gleicht er dem borstigen Untier, das Held Meleager
Auf kalydonischer Flur einst mit dem Speere erlegt.«

Während sie speisten, berichtete der Gastherr, er habe von Plutarch einen Brief aus Athen erhalten und ihr aller gemeinsamer Freund, der Dichter Stalius, sei allzeit leidend.

»Was meint ihr, meine Gäste?« fragte Plinius. »Wollen wir in Erwartung des Nachtisches unsere kleinen Komödianten hören?«

Die Gäste bejahten. Plinius klatschte dreimal in die Hände, Hermes erhob sich von der Tafel der Freigelassenen und näherte sich ihm.

»Herr?«

»Können die kleinen Komödianten jetzt etwas zum besten geben?«

»Ja, Herr,« sprach Hermes.

»Haben sie alles, was sie brauchen?«

»Sie haben mit Zosimos ihr Spiel vorbereitet, und Plautilla hat ihnen zwei Stück Leinwand gegeben, die sie brauchen.«

»Ist das alles, dessen sie bedürfen?«

»Ja, Herr.«

»So sage ihnen, daß sie beginnen sollen!«

»Herr, sie bitten um die Erlaubnis, zwischen den Säulen am Meere spielen zu dürfen.«

»So werden wir alle uns ein wenig umwenden. Wenden wir uns um, meine lieben Gäste, auf daß wir die kleinen Komödianten sehen können!«

Sie lagerten sich auf den Ruhebetten, so daß sie alle den Ausblick auf das Meer genossen. Das erstreckte sich sommerlich blau zwischen den Säulen. Zosimos setzte sich mit seiner Doppelflöte auf einen Marmorsockel unweit der Treppe. Er präludierte.

»Man reiche Zosimos ein Kissen!« befahl Plinius, besorgt um die Gesundheit seines Freigelassenen. Zosimos spielte. Die beiden Flöten seines Instruments waren an einem Mundstück befestigt, aber ungleich. Die rechte war die hohe, die linke die Baßflöte. Er improvisierte eine Melodie rechts, während er sie links begleitete. Es war ein zartes, schwermütig einsetzendes Vorspiel. Alsbald erschien auf einem hohen Schemel, den ein Sklave auf die oberste Treppe hinter eine Säule gestellt hatte, Cäcilianus. Mit ganz geringen Mitteln hatte sich der Knabe in die Jungfrau Hero, die Priesterin der Aphrodite, umgewandelt. Einige weiße Haarbänder, die ihm die Haushälterin Plautilla verschafft hatte, wanden sich um seine breit ausgekämmten blonden Locken, und mit einem rosafarbenen Stück Leinwand hatte er sich zierlich umwickelt und dies dann um die Hüften festgeschnürt. Es fiel auf seine Füße herab. Seine Arme waren frei, weiß und rund wie die eines Mädchens. Als er hinter der Säule auf dem Schemel zum Vorschein kam, im Hintergrund das blaue Meer, da sprach Heros hohe Stimme von der ungeheuren Ruhe dieses Meeres und daß sie den erwarte, der in jener Nacht den Hellespont überschwamm, sooft sie ihre Lampe als Leuchte auf diesen Turm gestellt. Cäcilianus schien, unterstützt von dem Flötenspiel des Zosimos, der dem Rezitativ des Knaben folgte, voller Sehnsucht seine Liebe hinauszuschreien über den Hellespont hinüber zu Leander, der zauderte.

Die Gäste des Plinius wunderten sich über seine Stimme, die hoch, hell und gutgeschult dieses verliebte Schmachten hinausrief.

Zur Seite des Trikliniums am Strande kamen die Küchensklaven schüchtern zum Vorschein, um zu sehen und zu hören. Die Gebärden des Cäcilianus, seine sich ausbreitenden Arme formten eine Melodie von Linien, die fast unbewußt der Melodie der rechten Flöte sich anpaßte, die kam und ging und immer schwermütiger ward ob des vergeblichen Wartens. Denn die See schien dunkler zu werden mit ihren wilden heranrollenden Wogen, und Hero rief nun fast schreiend ihre Angst hinaus. Sie rang die Arme und sank, die Göttin anrufend, in sich zusammen. Eine seltsame Leidenschaft sprach aus den Akzenten dieses jungen Knaben, etwas, das seinem Alter und seinem Geschlecht fremd zu sein schien, eine Offenbarung seiner jungen Künstlerseele.

Plinius und seine Gäste lauschten, einander zunickend, gerührt.

Indessen war jenseit unweit einer andern Säule Leander sichtbar geworden. Zosimos wiederholte sein schmachtendes Sehnsuchtsmotiv weniger hoch, männlicher. Immer wieder gewann die Baßflöte die Herrschaft. Cäcilius, der den Leander spielte, sprach von seiner Liebe, von seiner Sehnsucht nach Hero. Dann winkte er verstohlen dem Zosimos, und der Flötenspieler ahmte plötzlich mit dem tiefsten Baßton seiner linken Flöte das Meer und den rasenden stürmischen Wellenschlag nach. Leander – Cäcilius – spielte, er wollte sich ins Meer stürzen. Er warf den Mantel ab, der ihn umhüllte und stand nackt da. In seltsamer Schönheit hob sich dieser helle Knabenkörper von dem Marmor der Säulen, von der Bläue des Himmels und des Meeres ab.

»Die Knaben spielen sehr gut,« sagte Tacitus bewundernd.

»Ihre Aussprache ist auffallend rein,« sagte Quintilian.

»Aber die See spielt ihre Rolle nicht gut,« meinte Martial.

In der Tat dehnte sich die See in seligem Blau und lenzlicher Ruhe zwischen den Säulen. Nur in dem kleinen Mimus raste das Meer, hatte sich Leander in schäumende Wogen geworfen. Als er an der untersten Stufe der Treppe angelangt war und die Anstrengungen des Schwimmens durch Gebärden darstellte und sein Keuchen das Nachlassen seiner Kräfte, gab Martial nicht länger acht darauf, daß die See ihre Rolle schlecht spielte. In dem Spiele des Cäcilius, dessen Stimme und Gebärde männlich war, verkörperte sich der Kampf zwischen menschlicher Kraft und übermächtigem Element. Aus seinem Schrei tönte die Verzweiflung dessen, der fern von seiner Liebe den Tod findet. Wieder erschien Hero auf dem hohen Turme, Cäcilianus auf seinem Schemel. Es war, als erkenne er in dem dunklen Sturme den Geliebten, der mit den Wellen kämpfte. Hero ließ ihre Lampe heller leuchten, Hero winkte mit ihrem Schleier, um dem, der ihr entgegenschwamm, Mut zu geben, und die beiden Stimmen, die des Cäcilianus etwas höher, etwas tiefer die des Cäcilius, riefen einander gemeinsam ihre Verzweiflung, ihre Angst, ihren Schmerz entgegen. Indessen waren von links und von rechts alle Sklaven herbeigeeilt. Die beiden Knaben klagten, begleitet von dem baßähnlichen Wellenschlag, der sich immer und immer wieder auf des Zosimos linker Flöte wiederholte mit der Arabeske der Sehnsucht, die sich in Schmerz und Sturm auf der klingenden rechten Flöte zu verwirren schien, ihre stets höher steigende Erregung. Dann verschwand Leander. Er ertrank, während seine Hand noch ein letztes Lebewohl winkte. Cäcilianus rief dem Himmel und Aphrodite anklagenden Schmerz entgegen und Hero stürzte sich vor Schmerz hinab.

Das Flötenspiel verhallte wie ein stets schwächer werdender Wellenschlag.

»Die See spielte gleichgültig nicht mit,« sprach Plinius bestätigend zu Martial, »allein die beiden Knaben sind Künstler. Nein, werter Frontin, in meiner Familia habe ich keine fest angestellten Narren, Flötenspieler, Zwerge oder sonstige Possenreißer. Ihr wißt ja, was das für ein Völkchen ist. Wenn sie obszön wären meinen Gästen gegenüber, würde ich mich auch nicht wundern. Denn sie sind der Ansicht, daß sie so sein müssen, um uns zu belustigen. Aber ihre Obszönitäten könnten mir doch nimmermehr behagen. Prodigia, Monstren nennen wir sie oft, nicht wahr? Anderseits lasse ich aber auch den Geschmack der andern gelten und bin durchaus nicht entrüstet, wenn andere sich an ihnen erfreuen. Seid ihr müde, ihr Knaben, oder wollt ihr uns noch einen andern Mimus vortragen?«

Die Knaben waren bereit.

»Was dünkt Euch, edler Herr, von Adonis und Aphrodite?«

Allein Hermes näherte sich erschreckt dem Plinius.

»Herr!« sprach er.

»Was gibt es?«

»Es ist ein Bote da vom Palatium.«

Alle erschraken. Mitten in diese Stunde des behaglichen Beisammenseins all dieser gesetzten Männer von Geschmack und Verstand, mitten in den Reiz des noch nicht ganz abgelaufenen Mahles, – die Sonne begann sich rötlicher zu färben, die ruhige See ward purpurn – mitten in diese seltene Stunde der Sorglosigkeit zwischen Wein und Plauderei, zu der die Knaben ihre anmutige Kunst gefügt hatten, fiel der Druck, der allzeit wiederkehrende Druck, fiel plötzlich die düstere Melancholie, die geheime Furcht, die Unsicherheit der entsetzlichen Zeiten. Alle hatten sich erhoben und umringten Plinius. Sie waren besorgt um ihren Freund. Denn sie fühlten die Furcht und die Ungewißheit, die melancholische Düsterkeit, und die einzigen, die dies nicht empfanden, waren die beiden Knaben. Verwundert standen sie da, dachten noch an Adonis und Aphrodite, weil der edle Plinius einen weiteren Mimus gewünscht hatte und begriffen nicht diesen plötzlichen Druck. Für sie gab es nur die Sorglosigkeit, die heitere Ausübung ihres verachteten Berufes, die beneidenswerte Unbekanntheit. Wer waren sie? Sie brauchten niemals Furcht zu hegen, wie schrecklich die Zeiten auch sein mochten. Ihnen konnte eine Botschaft des Domitian nichts anhaben. Wußte er doch nicht einmal um ihr Dasein.

»Was wünscht der Kaiser?« fragte Plinius bleich. In jedem Augenblick konnte die Ungnade treffen.

»Der Augustus wünscht, daß Marcus Valerius Martialis sich in das Palatium begebe.«

Alle atmeten auf, Martial lachte.

»Er befiehlt nur mich. Werte Freunde, fürchtet nicht um mich! Ich bin nur sein Narr und tue ihm schön. Mir wird nichts widerfahren. Ich sage ihm meine süßesten Epigramme her, und er schluckt sie und lacht. Nur meiner Wenigkeit gilt es, daß ein kaiserlicher Bote auf galoppierendem Rosse nach Laurentum kommt, nachdem er mich erst in Nomentum vergeblich gesucht hat. Nur mir gilt es, mir, Martial, dessen Schultern von keiner ehrenvollen Bürde gedrückt werden, der kaum unserm kleinen Ritterstand angehört – gehöre ich ihm denn eigentlich an? – mir, der selten mehr als ein paar As in der Tasche hat, der in einem kleinen Häuschen wohnt, das der Kaiser mir geschenkt, jedoch ohne Wasserleitung, und doch so glücklich ist, einen netten kleinen Sklaven – einen einzigen – mein zu nennen, der mir das Wasser holt. Martial, meine Freunde, der Hermes nun um seine alte abgetragene Toga bittet, um zu abendlichem Besuch zu Hofe gehen. Freunde, Freunde, sitzt von neuem nieder in horazischer Seelenruhe und laßt mich gehen! Wahrlich, mir wird nichts widerfahren, nichts anderes, als daß ich heute zu viel essen werde, wenn mich Domitian zum Nachtmahl lädt. Auch dann, meine Freunde, braucht ihr noch nichts zu fürchten. Denn ich werde das morgen sogleich wettmachen. Morgen esse ich dann nichts, Freunde.«

Die Gäste lächelten erleichtert. Hermes brachte die kleine Toga.

»Martial,« sagte Plinius, »eine Sänfte steht natürlich zu Eurer Verfügung.«

»Dank, mein sorgsamer Freund!«

»Nur möchte ich Euch bitten, die beiden kleinen Komödianten nach Rom mitzunehmen.«

»Ich will es, so Ihr ihnen in der vorgeschriebenen Form das Recht verleiht, sich in einer Sänfte tragen zu lassen.«

Die Gäste lachten.

»Ihr Knaben,« sprach Plinius, »wir können das Spiel von Adonis und Aphrodite leider nicht mehr hören. Ihr müßt mit Martial gehen. Kleidet euch rasch um! Der Kaiser wartet.«

Die beiden Knaben eilten davon, um ihre Tuniken anzuziehen.

»Hermes,« befahl Plinius, »richte einen Korb her für die Knaben, fülle ihn mit Speisen und Getränken und bringe mir die Truhe aus Zitronenholz, die in meinem Arbeitszimmer steht, und den silbernen Schrein aus der kleinen Schatzkammer!«

Die Gäste und Sklaven waren voll Spannung und Unruhe, seit der Name des Kaisers erklungen war. Die Knaben kehrten umgekleidet zurück. Vor der Portikus bereiteten die Nubier eine Sänfte, eine kleinere als die, welche Plinius zur Salutatio geführt hatte. Hermes brachte den silbernen Schrein und die Truhe aus Zitronenholz.

»Ihr Knaben,« sprach Plinius, indem er Truhe und Schrein öffnete, »ihr habt uns schöne Kunst geschenkt. Wiewohl noch jung, seid ihr bereits Künstler. Hier habt ihr ein jeder eine kleine Vergütung!«

Er reichte jedem von ihnen ein Goldstück.

»Hier eine Entschädigung für den Dominus! Vergeßt nicht, sie ihm zu geben!«

Er reichte ihnen ein drittes Goldstück.

»Und hier«, sprach er, indem er die Truhe aus Zitronenholz öffnete, »ist noch etwas, was euch Freude bereiten wird. Hier sind unter andern Erinnerungen an meine Reise in Hellas zwei griechische Masken, Frauenmasken. Sie sind nicht dazu geeignet, gebraucht zu werden, wenn ihr spielt, können euch aber doch vielleicht irgendwie nützen, während sie bei mir vergessen in dieser Truhe schlummern.«

»O Herr!« schrie Cäcilius. »Es sind prachtvolle griechische Personae. Es sind Masken, die man nur noch selten findet. Dank, Herr, Dank! Wir werden, wenn wir die Bacchides spielen, unsere Gesichtszüge nach dem Vorbild dieser Masken schminken lassen.«

»Dann werden wir alle kommen, um euch zu sehen. Aber fort jetzt, fort! Der Kaiser erwartet Martial.«

Alle geleiteten Martial, der sich mit einem Schwung, als sei sie eine Senatorenlaticlavia, in seine einfache Toga gehüllt hatte. Die Knaben folgten ihm mit ihrem Korb und den Masken.

Sie stiegen ein. Die Gäste winkten. Die schwarzen Sklaven trabten davon.

»Martial ...,« begann Cäcilius; denn ihn beseelte der Wunsch, seine Eindrücke mitzuteilen.

»Verhaltet euch jetzt ganz ruhig, Knaben!« sagte Martial. »Dies ist ein sehr gewichtiger Augenblick. Ich muß mindestens fünf neue Epigramme für den Kaiser machen. Laßt mich jetzt ruhig denken und dichten!«

»Ja, Martial,« sagte Cäcilius voller Ehrfurcht, weil Martial zu Domitian entboten war.

»Cäcilius,« sagte Cäcilianus, »jetzt sterbe ich aber beinahe vor Hunger. Was ist denn in dem Korbe?«

Er öffnete ihn.

Hinter den Tannenwäldern von Laurentum glühte rot die untergehende Sonne. Das weite Meer badete sich in Purpur. Das Landhaus mit seinen zurückweichenden Säulen zeigte nur noch verschwommene Umrisse. Die Träger trabten.

Cäcilianus begann begehrlich in dem Korbe zu wühlen. Er entdeckte darin die mit Salat umhüllten Schnecken, die harten Eier, Schnitten Eberbraten und Honigkuchen, viel feiner und duftender als die des Nilus, und auch einen Krug Wein.

In der Dämmerung, die über dem Wege lag, aßen die Knaben heißhungrig und schweigend, während sie sich von dem Rhythmus der trabenden Träger wiegen ließen.

Ihnen gegenüber saß Martial, ernst in die Polster zurückgelehnt, uud dichtete seine fünf Epigramme.

 

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