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Die Komödianten

Louis Couperus: Die Komödianten - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDie Komödianten
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
year1928
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100330
projectid0f04c9a3
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Achtzehntes Kapitel.

Eintönig und strahlend schleppte sich der Sommer hin und der Dominus wartete auf die erste Herbstfrische. Dann sollte eine lebhafte Saison beginnen: vermutlich zuerst in Rom private Spiele, die der reiche Sextilianus veranstalten würde, dann Spiele in Neapel, dann in Syrakus. Dann sollte es nach Karthago gehen. Der Dominus sehnte sich nach diesen goldenen Tagen, die, wie er hoffte, alles das gutmachen sollten, was der lange Sommer verdorben hatte. Immerhin, er hatte nicht viel Grund zum Klagen. Viele seiner Komödianten hatte er vermietet. Die Arbeiter an den Wäschermeister, die, welche etwas gelernt hatten, als Kopisten an den Buchhändler. Der Adulescens blieb immer gesucht, und viele patrizische Frauen bestellten ihn für einige Wochen. War es doch immer angenehm, im Sommer, wenn die Theater geschlossen waren, einen begabten Komödianten im Hause zu haben! Die Zwillinge waren noch immer bei Plinius, der sogar eine Vergütung für sie bezahlte, obgleich der Dominus Plinius beschworen hatte wie ein Klient seinen Herrn, dies nicht zu tun, da allein schon der Aufenthalt in Laurentum für sie von unschätzbar großem Vorteil sei. Plinius selber hatte, dem Drängen seiner Freunde nachgebend, sein prächtiges Landhaus in Toscana bezogen, wo seine leidende Gemahlin sich meistens aufhielt. Ohne dabei an Flucht zu denken, schien diese vorübergehende Abwesenheit von einem Ort, der so nahe bei Rom gelegen war, wie Laurentum, in diesen Tagen vernünftig, da der Kaiser – warum, wußte niemand – auf Plinius erzürnt schien. Aber die Knaben durften in Laurentum bleiben und führten dort ein Leben wie die Prinzen. Als der Dominus einmal auf seinem Maulesel hinkam, fand er sie, von Hermes geführt, in einem einfachen, aber zierlichen Sommergewand in der Bibliothek sitzen. Sie saßen zusammen an dem geöffneten Fenster aus Spiegelstein in zwei bequeme Cathedrae gelehnt, die weiß beschuhten Füße auf einer Fußbank. Um sie herum waren die zitronenhölzernen Paneele der Bücherschränke geöffnet, und Rollen in bronzenen Zylindern waren zur Hand. Auf Tischen von Azurstein lagen hochaufgestapelt Bücher und Handschriften. Büsten von Philosophen und Dichtern auf niedrigen Porphyrsäulen ringsumher schienen die kleinen lesenden Komödianten würdevoll anzusehen.

Die beiden Knaben hielten es nicht für nötig, sich zu erheben.

»Guten Tag, Dominus!« sagte Cäcilius.

»Dominus!« sagte grüßend Cäcilianus.

»Nun,« sagte der Dominus, »sitzen die Herren wohl bequem genug hier in der Bibliothek des edlen Plinius?«

»Es macht sich,« sagte Cäcilius.

»Es macht sich sogar sehr,« sagte Cäcilianus. »Wir dürfen es, Dominus.«

»Ja, wir dürfen es. Der edle ...«

»Der edle Plinius hat es uns erlaubt.«

»Ja, er hat uns sogar, als er fortging, gebeten,« flüsterte Cäcilius mit einem Blick auf die Tür, um sich zu vergewissern, ob auch Hermes nichts höre, »die Bücher und Rollen in Ordnung zu bringen. Denn Hermes stellt kurzerhand Lateinisch neben Griechisch und Zosimos hat seinen Herrn begleitet wegen der Luftveränderung. Nun sollen wir die Bücher gehörig ordnen. Wir haben eben all die griechischen Tragici nebeneinander gestellt. Es sind schöne und antike Handschriften darunter von Sophokles und Euripides. Ihr könnt Euch keinen Begriff machen, Dominus.«

»Seht einmal!« sagte Cäcilianus, indem er ihm eine kostbare griechische Handschrift der »Vögel« des Aristophanes zeigte.

»Geht nur recht behutsam um mit diesen Kostbarkeiten!« empfahl ihnen der Dominus. »Also die, Herren sind keine schmachtenden Lilien mehr?«

»Wieso schmachtende Lilien?« fragte Cäcilius ganz ruhig.

»Was meint Ihr, Dominus, mit schmachtenden Lilien?« fragte Cäcilianus ebenso ruhig.

»Nun, vor einiger Zeit, als die Herren nicht beisammen waren, da ließ der eine den Kopf nach links und der andere nach rechts hängen, meine ich, lag der eine krank, beim Kaiser und der andere krank bei Martial.«

»Krank?« fragte Cäcilius erstaunt.

»Wieso krank, Dominus?« fragte Cäcilianus noch erstaunter.

»Nun, beim Herkules, wart ihr denn etwa nicht krank, so krank, daß wir meinten, ihr müßtet sterben? Krank, krank, krank und mager, blaß und schlapp.«

»Ich habe mich nie sehr krank gefühlt,« sagte Cäcilianus leicht verwundert.

»Ich auch nicht,« meinte Cacilius noch verwunderter als Cäcilianus. »Ich war zwar manchmal müde, wenn ich vor dem Kaiser getanzt hatte ...«

»O ja!« sagte Cäcilianus obenhin. »Ich war zwar manchmal verstimmt, weil Cäcilius so lange wegblieb.«

»Aber krank?«

»Nein, krank...«

»Das, Dominus, ist wirklich ...«

»Keiner von uns beiden ...«

»Nein, keiner von uns beiden gewesen.«

Sie blickten beide den Dominus höchst verwundert an. Sie sahen frisch und blühend aus. Ihre blonden Haare waren sorgfältig gebürstet und durch ein weißes Band an den Schläfen zusammengehalten, und mit ihren schalkhaften, braunen Augen blickten sie verwundert den Dominus an, während sie in den weiten Cathedrae saßen und die weißbeschuhten Füße auf den gleichen Fußschemel hielten.

»Nun,« sagte der Dominus, während er die Schultern hochzog und den Kopf schüttelte, weil man den verdammten Schlingeln nie etwas nachsagen konnte, »um so besser. Ihr seht prächtig aus.«

»Das macht die Seeluft,« sagte Cäcilius.

»Was machen die Seebäder,« sagte Cäcilianus. »Jeden Morgen, köstlich!«

»Und die Ruhe,« sagte Cäcilius. »Die Ferien.«

»Wir werden im Oktober viel ...«

»Viel zu tun ...«

»Ja, zu tun bekommen.«

»Erst der alte Sextilianus.

»Neapel.«

»Syrakus.«

»Und dann wahrhaftig bis nach Karthago,« sagten die beiden Knaben gleichzeitig und einander ergänzend. »Wir verdienen es wohl, daß wir uns einmal ausruhen.«

»Verdienen? Ob wir es verdienen!«

»Nun,« sagte der Dominus »ich habe euch gesehen. Jetzt gehe ich wieder fort.«

Die Knaben standen auf und reckten sich.

»Nein! Tut das nicht!« sagten sie gähnend. »Bleibt heute da!«

»Hermes wird es nicht artig finden, wenn Ihr gleich wieder geht.«

»Helft uns lieber bei der Bibliothek! Dann ist die Sache schnell...«

»In Ordnung. Heute nachmittag...«

»Kommt Carpophorus, vielleicht auch Colosseros.«

»Dann baden wir wieder alle zusammen und reiten ein wenig.«

»Carpophorus und Colosseros lehren uns ringen. Sieh nur, was ich für einen Bizeps bekomme!« sagte Cäcilius. Er streifte den Ärmel in die Höhe und spannte seinen runden, weißen Arm, an dem nicht die Spur von einem Bizeps zu sehen war.

»Ich auch!« sagte Cäcilianus und spannte den seinen.

»Wenn ihr zuviel Bizeps bekommt, könnt ihr nicht mehr die ersten Frauenrollen spielen,« sagte der Dominus.

»So schlimm ist es noch nicht.«

»Noch lange nicht, obgleich du schon einen Schnurrbart bekommst, Cäcilius.«

»Du auch. Sogar einen Bart!«

»Ich einen Bart?« sagte Cäcilianus und fuhr sich mit der Hand über die Wange. »Sie ist weich wie ein Pfirsich. Laß einmal bei dir fühlen!«

Er befühlte des Cäcilianus Wange.

»Du hast mehr Flaum als ich,« sagte Cäcilianus. »Du darfst nicht früher einen Bart bekommen als ich.«

»Bei allen Göttern, nein!« rief der Dominns. »Nur alles ganz gleichmäßig. Denn sonst werden die Herren wieder schmachtende Lilien.«

»Stell dir vor!« sagte Cäcilius. »Wir schmachtende Lilien!«

»Schmachtende Lilien!« wiederholte Cäcilianus, während er die Augenbrauen hochzog, mit höchst verständnisloser Miene.

»Also, ihr meint, daß ich bleiben darf?« fragte der Dominus zweifelnd.

»Natürlich, Dominus,« sagten die Knaben.

»Der edle Plinius«, sagte Cäcilius, »hat Carpophorus und Colosseros auch gestattet, hin und wieder zu kommen, um uns Gesellschaft zu leisten. Denn, wenn Zosimos fort ist...«

»Haben wir niemand,« fiel Cäcilianus ein. »Hermes ...«

»Ist zu dumm,« flüsterte Cäcilius.

»Gut wohl,« flüsterte Cäcilianus.

»Aber dumm. Stellt Euch doch vor, griechische ...«

»Neben lateinische Werke! Dabei ist er selber ein Grieche. Er könnte es doch allein schon an den Buchstaben sehen. Euripides gleich neben ...«

Cäcilianus wollte sich ausschütten vor Lachen.

»Neben Plautus!« sagte Cäcilius kichernd.

Sie taumelten gegeneinander vor lauter Lachen. Soeben trat Hermes sehr höflich ein, ohne sich dessen auch nur im mindesten bewußt zu sein, wie ungebildet er verfahren, indem er in der Bibliothek seines Herrn einen griechischen Tragicus dicht neben einen lateinischen Comicus gestellt hatte.

Der Dominus blieb, und Hermes bewirtete ihn. Auch die beiden Gladiatoren kamen. Es war ein Tag behaglichen Zusammenseins. Denn Hermes war, wenngleich er Euripides neben Plautus gestellt hatte, gemäß dem Vorbild seines Herrn ein sehr artiger Wirt, und alles, was er für seine Gäste tat, das geschah – dies wußte er – ganz im Sinne seines abwesenden Gebieters. Es gab am Strand eine Zusammenkunft aller Freigelassenen und Sklaven. Die Knaben tanzten, sangen und rangen. Die beiden Gladiatoren gaben ein Spiegelgefecht zum besten. Es gab ein allgemeines Baden in der See, und ein Mahl beschloß den Mittag. Nach der Mahlzeit gingen die Gladiatoren, die Knaben und der Dominus auf die Hügel und lagen dort im Gras, hinter sich das weich silberne Schimmern des Olivenwaldes, vor sich die sommerliche See, deren Azur überschattet war von den ersten malvefarbenen Nebeln, die der Abend aufsteigen ließ. Alles färbte sich violett, gleich als senkten sich Veilchen aus dem Himmel herab.

»Ich muß jetzt fort,« sagte der Dominus, indem er seine Glieder dehnte. »Ich werde meinen Maulesel holen, und dann muß ich fort nach Rom.«

»Warum?« fragte Cäcilius. Er lag lässig an Colosseros gelehnt, während Cäcilianus, an des Jägers Knie gelehnt, wiederholte:

»Warum?«

Der Dominus setzte es ihm auseinander. Für die privaten szenischen Spiele, die der ungeheuer reiche Sextilianus in einigen Wochen zu veranstalten gedachte, gebe es sehr viel vorzubereiten. Morgen früh, möglicherweise noch heute abend, wolle er versuchen, den Maskenmacher zu sprechen. Nenn es müßten neue Masken bestellt werden. Die Kostüme sollten von ungeahnter Kostbarkeit sein. Es sei töricht von einem Dominus Gregis, seine Zeit so unter den Olivenbäumen auf grünem Rasen zu vergeuden.

»Dominus!« sagte Colosseros. »Wir wollen uns einmal alle gütlich tun. Wir wollen alle hier unter den Olivenbaumen schlafen.«

»Ich muß nach Rom,« sagte der Dominus sehr lässig, ganz unter dem Eindruck des guten Mahles und des gesunden, in der frischen Luft verbrachten Tages. »Die Knaben müssen mitgehen, nun, da der edle Plinius ihrer nicht mehr bedarf. Für die Proben brauche ich sie. Ich möchte sie einmal zur Abwechslung die Zwillingsbrüder in den Menächmi spielen lassen, und zwar ohne Masken, weil sie einander doch so sehr gleichen. Es müßte nett sein, zwei so liebe, kleine Zwillinge in den Menächmi spielen zu sehen. Allmählich müssen sie anfangen, Adulescensrollen zu spielen, nun, da sie einen starken Bizeps haben und ihnen ein Schnurrbart wächst. Hörst du, Cäcilius?«

Aber Cäcilius antwortete nicht. Denn er war, angelehnt an Colosseros, der gleichfalls schlief, eingeschlummert.

»Hörst du, Cäcilianus?,«

»Wie?« sagte schläfrig Cäcilianus, dicht an seinen großen Freund, den Jäger, geschmiegt, der ihn sorgfältig in seinen Mantel gehüllt hatte,

»Schlaft ihr?« rief der Dominus.

»Wir schlafen alle schon halb, Dominus,« sagte Carpophorus, »Schlaft Ihr doch auch hier!«

Sie schliefen. Auch der Dominus kämpfte nicht länger. Sie schliefen, während die Sterne aufblühten. Als er erwachte, war es noch dunkel. Carpophorus war gerade aufgestanden.

»Der Tau fällt,« sagte er. »Kommt! Laßt uns ins Haus gehen! Es ist zu spät geworden, Dominus, um nach Rom zu gehen.«

Sie streckten sich alle und standen gähnend auf.

»Ja,« sagte Colosseros, »die Wege sind nicht sicher genug, Dominus. Ihr könnt nicht allein auf einem Maulesel nach Rom reiten. Wir könnten Euch zwar beschützen, aber wir bleiben hier, nicht wahr, Jäger?«

Sie schlenderten zurück, dem Landhaus zu, das sich still, weiß und weit bis an das Meer erstreckte. Alle lagerten sich in den Zellen des Cäcilius und des Cäcilianus, die Knaben und die Gladiatoren, während der Dominus, den die Sternennacht nachdenklich stimmte, auf der Schwelle saß und an sein neues Choragium dachte. Gegen Morgen schlief auch er ein. Er erwachte spät. Sie sollten nun alle fünf nach Rom zurückkehren auf Pferd, Esel und Maultier. Sie bedankten sich bei Hermes und brachen vor der ersten Morgenstunde auf. Der Morgen war silberdurchsprenkelt vom Tau. Vorn sprangen die Jungen auf ihren Eseln wie echte Jugend, wie Kinder. Die Gladiatoren zu Pferd ritten zu beiden Seiten des Dominus, der auf seinem Maultier saß. Alles atmete Sorglosigkeit und Lebensfreude. Die drei Männer lachten über die Zwillinge, die sich so toll gebärdeten auf ihren geduldigen, alles ertragenden Tieren.

Sie ritten durch die Porta Raudusculana. In der Stadt herrschte schon geschäftiges morgendliches Leben. Zwischen den Gemüsekarren, die zum Markt zogen, zwischen den Stein- und Marmorblockkarren, die polternd hier durch Staub, dort durch Schlamm in die neuen Stadtviertel fuhren, ritten sie quer über die Einsattlung des Aventin und am Septizonium vorüber zum neuen Viertel am Kolosseum.

»Wir sind angelangt,« sagte der Jäger. Beim Kolosseum lag sein Ludus, seine Gladiatorenschule, wo er als Lanista die jungen Gladiatoren drillte und wo er auch wohnte. Er machte sich bereit, abzusteigen.

Da gewahrten sie eine Menschenmenge, die in der Richtung des neuen Viertels hinter der Subura hervorströmte.

»Was ist denn dort?«

»Dort?« riefen die Zwillinge.

Wirre Rufe erklangen. Viele Neugierige strömten herbei, alle in die gleiche Richtung. Aus der Gladiatorenschule kamen die Schwertfechter gelaufen, aus dem Kolosseum die dort noch immer beschäftigten Maurer und Architekten, von weiter her aus den Bädern des Titus die Badenden.

»Gibt es Unruhen?« fragte Colosseros.

»Ist der Kaiser ermordet?« fragte Dominus.

»Das sollten sie einmal wagen!« brüllte Carpophorus.

»Ein Haus ist eingestürzt,« antwortete man endlich verwirrt.

»Ein Haus? Wo?« riefen sämtliche Neuangekommenen, indem sie zusammenströmten.

»Hinter der Subura,« antworteten die, welche es schon wußten. »Ja, ein Haus, ein hohes Haus ist eingestürzt. Sie bauen aber auch blind drauflos jetzt. Lauter Plunder! Das wievielte Haus ist es nun schon, das hier in dieser Gegend einstürzt?«

»Welches Haus? Welches Hans?« riefen alle, besorgt um Freunde und Anverwandte.

»Das Haus des Wäschermeisters,« rief man ringsum.

»Das Haus, in dem Autronius, der Sklavenhändler, wohnt?«

»Heilige Götter des Olymp!« rief der Dominus. »Da wohnte ich ja!«

»Eingestürzt,« versicherten die, welche es wußten, und nickten mit den Köpfen.

»Da ist ja meine ganze Caterva untergebracht!« rief der Dominus verzweifelt. »Wann ist es eingestürzt?«

»Vor kaum einer halben Stunde.«

»Es ist nur noch ein Schutthaufen.«

»Menschen umgekommen?« fragten die Gladiatoren, während die Knaben – alle saßen noch immer auf Maultier und Esel – zu weinen begannen.

»Was meint ihr denn?« rief es ringsum. »Die in dem Viertel hinter der Subura wohnen, sind keine Frühaufsteher. Der Wäschermeister war an der Arbeit, ist aber ...«

»Und die Sklaven des Autronius ...«

»Und meine Komödianten, meine Komödianten?« rief der Dominus.

»Die werden auch nicht mit heiler Haut davongekommen sein,« ertönte es ringsumher.

Der Dominus schrie auf vor Entsetzen. Die Gladiatoren fluchten, die Knaben fingen an zu kreischen. Die ganze Menge der Neugierigen umdrängte, umstaute die Karren, die nicht weiter konnten, umstaute die fünf Reiter. Der Morgen war erfüllt von dem Tumult. Ein Haus eingestürzt! Das wievielte schon? Waren diese Bauten nicht eine Schmach? Müßte dagegen nicht endlich gesetzlich eingeschritten werden? Alles drängte und drängte und staute sich vorwärts voller Neugierde und Empörung. Alles strömte vorwärts, von unwiderstehlichem Drange getrieben. In der Straße, wo das Unheil geschehen, war die ganze Subura versammelt. Plötzlich, als sie um eine Ecke bogen, gewahrten sie es und das Grauen sprach aus ihren Gebärden, ihrem Schreien, ihrem Kreischen, ihrem Fluchen. Das hohe Haus, das fünf Stockwerk hohe Haus des Wäschermeisters, lag als weißer Schutthaufen da. Eine tragische Staubwolke wirbelte noch wie weiße Asche daraus hervor und schwebte in einem Nebel von Atomen durch die frühe Morgenluft. Näherkommend sah der Dominus, daß die Mauer des Autronius' Behausung noch stand, abgebröckelt zwar, dünn und wankend und berstend, aber doch noch aufrecht. Aber auf der andern Seite war ein einziger schauerlicher Schutthaufen von Mörtel und Stein und ausgebauchten Fußböden und Decken, über dem sich das hölzerne Dach, das sich mitgesenkt hatte, noch breitete.

»O ihr Götter! Ihr Götter!« rief der Dominus unablässig. »Tagt mir, meine guten Leute! Was ist mit meiner Caterva?«

Er rang die Hände empor, er schrie. Flehentlich bat er um Auskunft. Plötzlich entdeckte er, nachdem er von seinem Maulesel herabgeglitten war, Nilus, der sich einen Weg zu ihm bahnte. Hinter Nilus kreischten die Frauen: die dicke Alexa, Gymnasium, die Dirnen des Taurus und Taurus selber. Alle schrien und heulten, und riefen die Götter an.

Der Dominus schluchzte in des Nilus Armen. Nilus berichtete ihm alles, während Taurus und die Frauen rufend, heulend, kreischend, schreiend, ihn immerfort unterbrachen mit Klagen und übermäßiger Verzweiflung. Kurz nach der ersten Morgenstunde war es geschehen. Ein Krachen und Gepolter von Steinen wie bei einem Erdbeben ward hörbar. Aber es war kein Erdbeben. »Ja!« riefen die Dirnen. »Jeder hat an ein Erdbeben gedacht.« Aber es war kein Erdbeben, es war kein Erdbeben. Das Haus stürzte ein ohne Erdbeben. Ganz plötzlich war es eingestürzt, in nur wenigen Minuten. Beim Wäschermeister hatte es angefangen, und kaum einige seiner Arbeiter und Arbeiterinnen hatten sich retten können.

»Meine Caterva! Meine Caterva!« schrie der Dominus verzweifelt. Die Zwillinge, die von ihren Eseln herabgestiegen waren, schrien wie er, und die Gladiatoren brüllten, weil auch sie wissen wollten.

Plötzlich gewahrte der Dominus Syrus, seine erste Sklavenrolle. Er hatte ein Tuch um den Kopf. Sie schoben ihn dem Dominus entgegen in der engen Gasse, die dort, wo das Haus gestanden hatte, versperrt war durch den noch immer rauchenden Schutthaufen.

»Syrus!« rief der Dominus. »Syrus, wo sind die andern?«

Syrus heulte auf vor Schmerz, schwenkte die Arme vor Verzweiflung. Wo sie seien? Dort, dort, unter dem Schutte begraben, tot oder halb erstickt, zerschmettert.

»Ausgraben! Ausgraben!« rief man ringsum und eilte schon mit Schaufeln herbei.

»Meine Caterva! Meine Caterva!« kreischte der Dominus. »Einundzwanzig Sklaven! Hat sich keiner retten können außer dir?«

»Afer! Afer!« kreischten die Frauen. »Hier ist Afer, Dominus.« Ihn stützend, führten sie Afer herbei, der hinkte. Afer sagte, während sein ganzer knorriger Körper erzitterte:

»Ich bin gerettet, Dominus. Aber ich glaube ...«

»Was glaubst du?« schrie der Dominus.

»Sonst niemand. Sie schliefen noch. Es war noch früh, und sie hatten sich noch nicht auf den Weg gemacht zu ihrer Arbeit bei den Buchhändlern. Ich arbeitete schon bei dem Wäschermeister und habe mich retten können. Aber ich strauchelte auf der Treppe.«

»Die stürzte in kleinen Holzsplittern herunter,« rief Syrus, »gleich nachdem ich hinuntergerannt war. Die andern, die ich gewarnt hatte, kamen hinter mir her.«

Ein Rufen, ein Jammern hub an. Träger brachten die erste Leiche. Es war Autronius, der Dicke. Gerade auf seiner Schwelle war er getroffen worden.

»Wo ist mein Parasit?« schrie der Dominus. Es war sein kostbarster Sklave.

»Ich habe ihn noch nicht gesehen,« jammerte Syrus, und die Zwillinge umarmten ihn und umarmten Afer.

»Mein Adulescens!« schrie der Dominus. »Alle meine teuren Sklaven! Tot, alle tot!«

Er schrie wie ein Besessener, und alle um ihn her schrien. Es war ein Schwenken von Armen, ein Krämpfen von Fingern in der Luft. Die offenen Münder verzerrten sich zu Jammerschreien. Es war ein geräuschvoll sich äußernder Schmerz über die Katastrophe, gleich als sei ein jeder dieser vielen von einem Unheil betroffen worden.

Carpophorus sammelte seine Gladiatoren um sich, und sie drängten die Menge zur Seite und riefen nach Schaufeln. Sie hoben die Steinblöcke und gestürzten Balken. Es war wie ein Berg von Schutt, ein Berg, der unaufhörlich rauchte von weißer Asche, und man hörte deutlicher nun das Stöhnen der Schlachtopfer, die noch lebend, aber zerquetscht, halb erstickt unter den Schuttmassen lagen.

»Meine Caterva! Meine Caterva!« schrie und schluchzte der Dominus immerfort. Die Zwillinge hingen, ebenfalls jammernd, an ihm und schrien und schluchzten. Plötzlich preßte er sie mit einem Aufschrei wie rasend an sich. Alle schrien und kreischten, die Dirnen des Taurus und Gymnasium und die Alexandrinerin kreischten wie Katzen, und alle brachen in den gleichen wütenden Schmerzensruf gegen die Götter aus. Aber Taurus schwang die geballten Fäuste und schimpfte, Schaum vor dem Mund, auf die Ädilen.

»Platz! Platz!« riefen die Sklaven mit Peitschen. »Platz für die Viermänner!«

Es war ein rasendes Schimpfen, ein Schieben, ein Drängen, ein Heulen. Nilus führte den Dominus weg, indem er ihm den Arm um die Schultern legte. Er wollte ihn zu der Taberne führen. Die Zwillinge mit Syrus und Afer zwischen all den Frauen folgten kreischend, schluchzend, fragend, rufend, den Göttern fluchend, den Ädilen fluchend.

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