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Die Komödianten

Louis Couperus: Die Komödianten - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDie Komödianten
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
year1928
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100330
projectid0f04c9a3
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Dreizehntes Kapitel.

Der Dominus hörte von dem Decanus, der ihm Botschaft sandte. Er kam meist am Abend spät zur Prätorianerwache beim Septizonium und sah die Zwillinge. Er hörte ihre Klagen. Das sei ein Leben dort in dem Hause der edlen Crispina! Sie schliefen zwar unter Decken aus Bombyx, und ihr Zimmer sei beinahe so schön wie das Zimmer auf der Exostra in den Bacchides, sie badeten in einem Porphyrbad und könnten allerlei feine Gerichte essen. Ihr Götter, wie sie sich sehnten nach dem Kohl des Nilus! Sie liefen den ganzen Tag in langen, bunten Tuniken umher und hätten nichts anderes zu tun als zu singen, die Flöte zu spielen und zu tanzen. Die Kaiserin komme beinahe jeden Abend mit Domitilla zu ihnen. Einmal hätten sie Gelegenheit gehabt, Fabulla zu fragen, ob sie noch immer an die Bühne denke, und Fabulla habe gesagt, die Bühne sei sündhaft, jawohl, sündhaft. Sie sei Christin geworden. Die beiden Großneffen des Kaisers, die der edle Quintilian erzogen habe, seien auch Christen geworden. Das scheine in der Luft zu liegen, seit jener heilige Mann der Christen dem siedenden Öl unversehrt entstiegen sei. Auch die Kaiserin suche die Christen auf, weil sie sich im Palatium langweile. Sie selber langweilten sich auch. Man könne nicht atmen auf dem Palatin. Es laste etwas Beängstigendes, etwas Unheimliches darauf, das sie erschauern lasse. Nachts erwachten sie und horchten hinaus. Das komme daher, weil es in den Parks völlig still sein müsse, da der Kaiser krank sei, sagten die Prätorianer. Aber der Kaiser sei sehr gut zu den Prätorianern, sagten die Soldaten auch. Sie mochten ihn gern, und die Knaben sagten, daß auch die Gladiatoren nichts Schlechtes über den Kaiser hören wollten. Aber lustig sei es trotzdem nicht. Sie sehnten sich fort. Nun ja! Dreihundert Sesterzen jeden Tag! Darum täten sie es nur. Jeder Tag, der verflossen, sei dreihundert Sesterzen wert. Aber sie langweilten sich gräßlich, ebenso wie die Kaiserin. Die Christen hätten sie schon in der Taberne des Nilus gesehen. Solche mürrischen Gesichter! Niemals heiter! Ach! Wie sie sich sehnten, davonzulaufen! Aber sie wagten es nicht. Sie wagten es nur um diese Zeit. Schwupp, über die eine, schwupp, über die andere Mauer und sich dann gründlich recken bei den Prätorianern, die sie alle kannten! Im übrigen sei alles in Ordnung. Der Dominus ging fort, und die beiden Knaben blieben noch und würfelten und tranken mit den Soldaten und schlichen dann nach Hause, schwupp, über die eine, schwupp, über die andere Mauer.

Aber an einem Abend – es war Ende Mai – traf der Dominus bei der Prätorianerwache nur Cäcilianus. Der Knabe saß leise schluchzend auf der Bank. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt, und die Prätorianer versuchten ihn zu trösten. Der Decanus drückte ihn an sich und sagte, es werde wohl nicht so schlimm sein.

»Was gibt es denn?« fragte der Dominus erschreckt.

Cäcilianus schluchzte und konnte beinahe nicht sprechen. Dann sagte es der Decanus:

»Allem Anschein nach wurde Cäcilius heute zum Kaiser entboten, Dominus,« sagte der Decanus. »Das ist doch nicht schlimm! Der Kaiser ist nicht immer böse. Er wird Cäcilius tanzen sehen wollen oder die Flöte spielen hören.«

»Er ist noch nicht zurückgekommen,« sagte Cäcilianus schluchzend. »Er ist schon den ganzen Tag im Palatium. Nun ist es schon lange dunkel, und alles ist geschlossen. Er kommt heute abend nicht mehr zurück. Die edle Crispina war auch unruhig.«

»Cäcilius?« stammelte totenbleich der Dominus. »Cäcilius beim Kaiser? Wie kam denn das?«

»Der edle Crispinus ist daran schuld,« sagte Cäcilianus schluchzend, während die Soldaten den Knaben mitleidig umringten. »Wir waren morgens zusammen in unserm Zimmer – es war wieder sehr langweilig, und man weiß nie, was man treiben soll, – da kam Crispinus und sagte, Cäcilius solle mit ihm kommen. ›Wohin?‹ fragte ich. ›Zum Kaiser!‹ sagte Crispinus. Crispina kam auch. Sie war sehr böse. Aber Crispinus befahl Cäcilius mitzukommen. Ich fragte, ob ich nicht meinen Bruder begleiten dürfe. Da sagte Crispinus Nein, aber vielleicht dürfte ich ein andermal kommen. Er nannte uns die kleinen Steinbutten.« »Das sagte er nur zum Spaß,« meinten die Prätorianer ihn tröstend.

»Nein!« sagte Cäcilianus und schüttelte den Kopf. »Das sagte er nicht zum Spaß. Ich habe ihn wohl durchschaut. Dieser edle Crispinus ist ein gemeiner Schurke.«

»St!« sagten die Prätorianer. »Das darf man hier nicht so laut sagen.«

»Ich sage es aber doch!« sagte Cäcilianus, noch immer schluchzend. »Er ist ein gemeiner Schurke. Dieser edle Crispinus ist ein gemeiner Schurke. Was brauchte er meinen Bruder mitzunehmen? hätte er mich dann wenigstens auch mitgenommen! Aber er sagte, ein kleiner Steinbutt genüge.«

Die Prätorianer versuchten zu lachen.

»Ihr sollt nicht lachen!« sagte Cäcilianus zornig, während er die Fäuste ballte. »Mein Bruder ist jetzt gewiß schon tot.«

Er schluchzte laut auf, während der Decanus ihn zu trösten versuchte.

»Nein, nein!« sagten die Soldaten.

»Decanus!« sagte der Dominus bleich. »Ich muß sofort die edle Crispina sprechen.«

»Dominus!« sagte der Decanus. »Das geht nicht. Es ist viel zu spät. Komm morgen früh! Dann kann mein Stellvertreter dich anmelden. Wir alle wissen, wer du bist. Einer hier, Decius, wird den Cäcilianus zurückführen in das Haus der Crispina, zu der Mauer, über welche die Knaben zu springen pflegen.«

Am nächsten Morgen früh kam der Dominus zurück. Die neue Wache wußte von der Sache. Ein Prätorianer geleitete den Dominus, um ihn zu melden.

»Domina!« sagte der Dominus. »Ich habe gehört ...«

»Wie wißt Ihr?« fragte Crispina bleich.

»Das tut nichts zur Sache,« sagte der Dominus. »Ich weiß, ich weiß, daß Cäcilius beim Kaiser ist, und erinnere Euch an unsern Vertrag.«

Crispinus trat aus seinem Zimmer, noch nicht angekleidet, mit wirrem Haar.

»Welchen Vertrag?« fragte er.

»Das kann die edle Crispina Euch sagen, edler Crispinus. Der Vertrag, den sie und ich geschlossen haben und laut welchem sie sich verpflichtet, mir zweihundertfünfzigtausend Sesterzen Schadenersatz

zu zahlen für jeden Schaden, der etwa der Person eines der beiden Knaben zugefügt wird und durch den ich einen Nachteil erleide.«

»Was?« rief Crispinus rasend aus. »Ist das wahr? Zeigt den Vertrag!«

»Die edle Crispina mag Euch den ihrigen zeigen! Der meinige liegt wohlverwahrt an einem sicheren Ort.«

»Zeige den Vertrag!« brüllte Crispinus seiner Schwester zu. »Warst du denn von Sinnen? Hast du, um diese Bastarde bei dir zu haben, einen solchen Vertrag unterschrieben?«

»Ja,« gestand sie zitternd vor Angst.

»Du bist wohl toll?« schrie er und packte sie rauh bei ihren Pulsen. »Zeige den Vertrag! Zeige den Vertrag!«

»Es verhält sich so, wie Lavinius sagt. Wenn dem Cäcilius etwas zustößt, muß ich dem Dominus hundertfünfundzwanzigtausend Sesterzen zahlen.«

»Zweihundertfünfzigtausend,« sagte der Dominus kühl.

»Der Schadenersatz für beide«, sagte Crispina, »würde zweihundertfünfzigtausend Sesterzen betragen.«

»Lest Euren Vertrag noch einmal durch!« sagte der Dominus. »Es steht deutlich darin: Im Falle einer der beiden Komödianten Cäcilius und Cäcilianus, die an die edle Crispina vermietet werden, irgend einen Schaden erleidet, erhält der Dominus einen Schadenersatz von zweihundert ...«

»Zeige den Vertrag!« brüllte Crispinus.

»Trebellius hat ihn gelesen,« schrie Crispina.

»Und Labienus Postumus,« sagte der Dominus.

»Zeige den Vertrag!« raste Crispinus.

Crispina eilte ins Haus. Sie kam mit dem Vertrag zurück, Crispinus entriß ihn ihren Händen, las ihn.

»Es steht da!« schrie er rasend. »Du, du bist von Sinnen, du Komödiantendirne! Wie konntest du es wagen, das zu unterschreiben? Dominus, ich zerreiße den Vertrag. Ich bin der Vormund meiner Schwester. Sie kann nichts tun ohne mich.«

»Zerreißt ihn, edler Crispinus!« sagte der Dominus. »Zerreißt ihn! Ich habe den meinigen. Ich habe angesehene Beschützer, den Prätor, die Ädilen, den edlen Verginius Rufus, den edlen Plinius, den edlen Frontin. Ich habe sie alle gebeten, ihr Klient sein zu dürfen. Sie haben alle eingewilligt. Ich bin ein freier Mann, edler Crispinus. Zerreißt den Vertrag! Dann wird Rom Zeuge eines Prozesses sein, der zu seinen bedeutsamsten zählen wird. Ich schrecke vor nichts zurück. Es war vielleicht unvorsichtig von mir, daß ich die Zwillinge hier auf den Palatin vermietete. Das Geld hat mich verlockt. Aber sollte wirklich dem Cäcilius etwas zustoßen, woraus mir ein Schaden erwächst, so werde ich all mein Geld, das ich an den verschiedensten Stellen des römischen Reiches in Verwahrung gegeben habe, dazu verwenden, an mein Ziel zu gelangen.«

»Wenn aber die Gelder für verwirkt erklärt werden?«

Der Dominus lachte verächtlich.

»So leicht dürfte einem in Ungnade gefallenen Günstling denn doch nichts gelingen. Es gibt noch Recht in Rom, edler Crispinus. Bedenkt, daß ich den mächtigsten Schutz genieße. Sollte der Kaiser sich an Cäcilius vergriffen und das Kind ermordet haben, so wird er, sei es auch nur, um die Sache zu unterdrücken, diesen Vertrag wirksam sein lassen. Bedenkt, daß ein neuer Wind durch Rom weht! Nehmt Euch in acht!«

Der Dominus drohte ihm mit ausgestrecktem Finger, blitzenden Auges, mit herrischer Gebärde, wie er einem Mitglied seiner Grex drohte, ihm, dem ägyptischen, in Ungnade gefallenen Günstling.

Crispinus hörte bebend zu. Seine Augen blickten scheel, er zitterte. Er glaubte an sein Fatum. Vorüber war jegliche Gunst des Schicksals. Was er tat, schlug nicht zu seinem Vorteil aus. Er legte langsam den Vertrag zusammen.

»Der Kaiser hat den Knaben nicht ermordet,« sagte er nur. »Der Kaiser ist krank, und der Knabe zerstreut ihn. Er soll vor ihm tanzen. Das ist alles.«

»Wann kommt Cäcilius zurück?« fragte Crispina mit flehentlicher Stimme.

»Das weiß ich nicht,« sagte Crispinus dumpf. »Ich glaubte, er werde schon gestern abend zurückkommen. Des Kaisers Launen sind unberechenbar. Als ich ihm von den Knaben sprach, erinnerte er sich, sie im Theater des Pompejus gesehen zu haben. Ich fragte, ob er die Knaben tanzen sehen wolle. Ja, sagte er, den einen, den ältesten. Später den andern. Kaiserliche Gunst, Dominus, darf nicht ausgeschlagen werden, auch nicht von einem Komödianten.«

Sie maßen sich mit wütenden Blicken. »Domina!« sagte der Dominus. »Ich wünsche Cäcilianus zu sehen.«

Seine Stimme klang hochmütig wie die eines Gebieters.

»Kommt mit!« sagte Crispina.

Sie führte ihn durch den schmalen Gang, vorbei an der roten Freskowand. Sie öffnete ihm die Tür zu dem zierlichen Kämmerchen.

»Cäcilianus!« sagte sie leise. »Hier ist der Dominus.«

Der Knabe lag auf dem Bett. Er war nicht aufgestanden. Er war bleich und dunkle Schatten zeigten sich unter seinen Augen. Er lag in der weichen Üppigkeit seines zierlichen Bettes und stöhnte ganz leise.

»Was ist dir, Kind?« fragte der Dominus.

Der Knabe regte sich nicht.

»Bist du krank?«

»Bist du krank, mein Junge?« fragte Crispina.

Cäcilianus stöhnte.

»Was ist dir, mein Kerlchen?« fragte zärtlich der Dominus.

»Ich bin krank,« stöhnte der Knabe.

»Stehst du nicht auf?«

»Ich kann nicht.«

»Was hast du?«

»Ich weiß nicht.«

»So steh doch auf!«

»Nein.«

»Dein Brüderchen wird bald zurückkommen.«

Der Knabe schwieg. Crispina brachte ihm Obst und Gebäck. Er wehrte ab und weinte.

»Was möchtest du denn?« fragte sie.

»Mein Brüderchen!« sagte er leise stöhnend.

»Er wird bald zurückkommen,« versicherte der Dominus. »Aber du darfst nicht krank werden. Wenn du nicht krank wirst, kommst du, wenn Cäcilius zurück ist, wieder zu uns in die Subura.«

»Cäcilianus!« sagte Crispina. »Cäcilius kommt bald zurück. Aber du darfst nicht krank werden. Sage mir, was willst du, was kann ich dir geben?«

»Mein Brüderchen!« sprach der Knabe stöhnend.

Er lag regungslos. Er schloß die Augen. Es war, als müsse er sterben. Er lag da wie eine weiße Blume, die dahinwelkte. Ein leichter Schauder, gleich einem Fieber, überlief ihn immer und immer wieder.

»Es ist kühl hier,« sagte der Dominus. »Wir wollen ihn mehr in die Sonne legen.«

Die Sonne warf ihre schrägen Strahlen in das Atrium. Der Dominus wollte das Bett mit dem kranken Knaben der Sonne entgegen schieben.

»Nein!« stöhnte Cäcilianus.

»Warum nicht?« fragte Crispina,

»Hier bleiben!« stöhnte der kranke Knabe. »Neben dem andern Bett!«

Jetzt erst sahen beide, daß er seines Bruders Kissen mit den Armen umschlungen hielt.

 

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