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Die Komödianten

Louis Couperus: Die Komödianten - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDie Komödianten
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
year1928
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100330
projectid0f04c9a3
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Elftes Kapitel.

Die Cerealia waren vorüber, ohne daß szenische Spiele stattgefunden hatten. Die Floralia waren mit szenischen und zirzensischen Spielen gefeiert worden, und der Mai lag glühend über dem leuchtenden Rom, das die Römer verließen, um sich nach Bajae, Antium und den vornehmen Sommeraufenthaltsorten zu begeben. Aber wer nicht nach Bajae oder Antium ging, das waren die Bewohner der Subura und der neuerbauten umliegenden Straßen und die Bewohner des Palatiums.

Es waren die Allerhöchsten und die Allergeringsten.

Diese hatten sich niemals daran gewöhnt, der sommerlichen Hitze Roms zu entfliehen. Sie genossen ihre längere Mittagsruhe, sie genossen ihre langen Abende, wenn die taufrische Kühle kaum in die engen Straßen und Gassen drang. Obgleich schwerfälliger und langsamer, spielte sich ihr Leben doch stets gleichmäßig ab. Die andern, der Kaiser und seine Umgebung, waren sonst zwar daran gewöhnt, der römischen Hitze zu entfliehen, wenngleich das Palatium, auf weitem freiem Hügel gelegen und von frischerer Brise umweht, inmitten von Parks und Gärten lag. Allein Domitianus war krank und finster. Er wollte nichts von alledem wissen, sondern schloß sich ein in seine Gemächer, um am kommenden Tage wie ein Wahnsinniger aufzufahren und einen Mord zu befehlen oder den Senat aufzufordern, mit ihm das Nachtmahl einzunehmen in schwarz verhangenem Saale, wo Särge als Ruhebetten dienten, wo verblaßte Schädel als Schüsseln und Trinkschalen benutzt wurden und wo schwarz gekleidete und als Dämonen maskierte, unheimlich tanzende Sklaven den Dienst versahen. Um ihn blieb im Palatium nur Crispinus, Sigerus, Earinus, seine Günstlinge und sein Narr sowie Domitia, Domitilla, Fabulla, Crispina, während das Gras der Parks versengt wurde und die Kronen der Stechpalmen von Staub überdeckt sich grau färbten und die letzten Rosen an den Sträuchern dahinstarben, indem sie ihre verdorrten Blätter ringsum verstreuten.

Um die Mittagstunde erwartete Crispina den Dominus Lavinius Gabinius in ihrer Behausung. Als man ihn in das Atrium einließ, saß sie auf der Ruhebank unweit des kleinen Nymphäum. Matt nur plätscherte der Wasserstrahl, während die Sonne durch die viereckige Dachöffnung schräg herabglitt und grell an der glühend rot gemalten Wand glitzerte, auf der sich im Fresko der zierliche »Augentrug« von Säulen, Portiken, Wald und Auen bot.

Der Dominus grüßte ehrfurchtsvoll.

»Nun, Dominus?« fragte Crispina.

»Domina!« sagte Lavinius. »Ich habe mit den Knaben gesprochen. Sie vermuten noch immer nicht...«

»Und...?«

»Ich habe ihnen Euren Vorschlag übermittelt, habe ihnen gesagt, sie sollten so lange, wie es der edlen Crispina behage, als Histriones in ihre Dienste treten, um ihren Aufenthalt auf dem Palatin durch Gesang, Tanz und Vortrag zu verschönern, doch nicht länger als über die Sommermonate, da wir zu Beginn des Herbstes über Sizilien nach Karthago reisen.«

»Was haben sie geantwortet?«

»Anfangs haben sie sich gesträubt. Sie sind gewöhnt an viel Freiheit und sehen ein, daß sie diese hier auf dem Palatium entbehren müssen. Ich habe sie aber, da es meine Gewohnheit ist, sie nicht zu zwingen, dazu überredet, indem ich ihnen vorhielt, wie schwer es für einen Dominus Gregis sei, seine Caterva zu unterhalten in den Monaten, da keine Spiele stattfinden, selbst dann, wenn er im April viel Geld verdient habe. Da haben sie denn nachgegeben, aber...«

»Aber?«

»Sie haben mich darauf aufmerksam gemacht, daß die Geldentschädigung, die Ihr anbotet, um sie zu mieten, zu gering sei.«

»Und?«

»Ich bin der Ansicht, daß sie recht haben, Domina. Wir wollen daher ausmachen, daß Ihr Cäcilius und Cäcilianus von mir mietet, aber für den Tag um hundert Sesterzen mehr, als Ihr mir bisher geboten habt.«

»Also dreihundert Sesterzen täglich? Ihr seid teuer, Dominus, mit Euren Sklaven.«

»Es sind Sklaven, die mich viel gekostet haben, Domina.«

»Es sind Sklaven, die ich Euch geschenkt habe.«

»Aber die ich großgezogen und an die ich viel Geld gewendet habe. Sie sind unvergleichlich, sie sind einzig.«

Crispina lächelte gerührt.

»Ich kann sie Euch nicht um weniger als dreihundert Sesterzen für den Tag vermieten.«

»Dreihundert Sesterzen für den Tag, Dominus, ist sehr viel dafür, daß ich meine eigenen Kinder eine Weile um mich haben kann. Wenn ich sie nun abwechselnd mietete, einmal Cäcilius und dann wieder Cäcilianus?«

»Die Knaben können nicht ohne einander sein, Domina. Ich kann sie nicht trennen. Ihr müßt sie entweder beide mieten oder Eure Absicht aufgeben.«

»Es ist gut, Dominus. So miete ich sie denn alle beide. Ich habe sie auch lieber beide zugleich.«

»Ich habe unsern Vertrag mitgebracht, Domina.«

»Unsern Vertrag?«

»Ja, Domina. Ein Vertrauensmann hat ihn entworfen, kein Prozeßjäger, sondern ein rechtschaffener Mann: Labienus Postumus. Er steht mir in Rom bei allen meinen Geschäften zur Seite. Er hat den Vertrag entworfen, laut welchem ich mich verpflichte, Euch Cäcilius und Cäcilianus für dreihundert Sesterzen jeden Tag zu vermieten unter der Bedingung, daß ich dessen ungeachtet über sie verfügen kann, falls ich ganz unerwartet etwa im Auftrag von Privatleuten einmal szenische Spiele darzustellen habe. Gleichzeitig bin ich durch diesen Vertrag gegen allen Schaden gesichert, der Cäcilius und Cäcilianus während ihres Aufenthalts bei Euch zustoßen und mir, ihrem Besitzer, zum Nachteil gereichen könnte.«

»Wie hoch ist die Summe?«

»Zweihundertfünfzigtausend Sesterzen.«

Crispina fuhr auf.

»Das ist zu viel, Dominus,« sagte sie. »Das ist unsinnig.«

»Domina! Ich kann die Knaben jeden Tag für zweihundertfünfzigtausend Sesterzen verkaufen.«

»An wen?«

»An den edlen Sextilianus. Sie sind zweihundertfünfzigtausend Sesterzen wert. Ihr wißt selber, daß der geringste, nur ein wenig schöne und geschickte Sklave bald seine hunderttausend Sesterzen wert ist. Allzu hoch schätze ich also Cäcilius und Cäcilianus wohl nicht ein?«

»Aber was sollte ihnen denn zustoßen?«

»Ich weiß es nicht, Domina. Vielleicht nichts, vielleicht alles. Hier auf dem Palatin ist selbst das Atmen nicht frei. Sollte den beiden Knaben etwas, irgend etwas zustoßen, so würde das mich als den Dominus Gregis empfindlich treffen, ebenso mich als Pflegevater. Ich liebe diese Knaben, Domina, so wie ein Vater seine Söhne liebt. Es sind freche Schlingel, und falls sie etwas täten, was innerhalb der kaiserlichen Mauern als strafbar erachtet wird und sie in Haft bringt, so würde ich, wenn auch nicht als Pflegevater, so doch als Dominus einen Schadenersatz beanspruchen müssen.«

»Es ist gut, Dominus. Zeigt mir den Vertrag und gestattet mir, daß ich ihn erst mit Trebellius, dem Klienten meines Bruders, durchsehe. Er ist uns als Rechtskundiger bei vielen Dingen behilflich. Alsdann werde ich ihn unterschreiben.«

Crispina entbot Trebellius zu sich. Eine Stunde später verließ Lavinius Gabmius die palatinischen Parks mit dem unterzeichneten Vertrag auf der Brust. Langsamen Schrittes und sorgenvoll begab er sich nach Hause. Der sonnige Mainachmittag durchwärmte das staubbedeckte Rom. Draußen vor dem Hause angelangt, traf er den Wäschermeister in voller Arbeit. Viele ausgespannte Togen fingen den Sonnenglanz auf. Der Dominus grüßte die Wäscher und die Wäscherinnen, erstieg bereits die hölzerne Treppe.

»Dominus!« rief der Wägermeister ihm von der Schwelle aus nach.

»Was gibt es?« fragte der Dominus.

»Ist bei Euch noch alles in Ordnung?«

»Wie meint Ihr das?«

»Ist nicht irgendwo in den Wänden ein Riß oder eine Senkung sichtbar?«

»Ich habe nichts bemerkt.«

»Ich selbst bin auch der Ansicht, daß alles in Ordnung ist. Gestein schien es mir allerdings, als zeige sich hier unten ein Riß. Ich habe den Architekten kommen lassen. Er sagte mir, es habe nichts zu bedeuten, und hat es ein wenig zumauern lassen. Ihr müßt wissen, mit den neuen Häusern hier steht es nicht gerade zum besten. Sie sind oft aus Gewinnsucht nur hingepfuscht, seit man an den Thermen des Titus und an dem Kolosseum baut. Aber ich glaube, daß dies Haus, das ich gekauft habe, noch zu den besten gehört. Wenigstens wird es solider sein als die andere Sorte, von der schon ab und zu hier in dieser Gegend eines eingestürzt ist.«

»Eingestürzt?«

»Nun ja! Ihr braucht aber nichts zu befürchten. Dieses Haus ist nur fünf Stockwerke hoch. Die andern, die ich meinte, hatten sieben Stockwerke und waren sehr schlecht gebaut. Ein wenig Kalk, Lehm, Holzsplitter und Marmorrestchen zusammengeklebt. Ihr wollt also Eure Zimmer behalten, bis Ihr nach Karthago geht? Dann vergeßt nicht, so früh wie möglich zu kündigen! Ja? Möge es Euch wohlergehen, Dominus! Ob ich viel zu tun habe? Alle Menschen haben nach den Festen schmutzige Togen zu waschen. Ich kann die Arbeit kaum bewältigen mit all meinen Sklaven.«

»Kann ich Euch vielleicht ein paar von meinen Leuten vermieten?«

»Das nehme ich gern an.«

»Dann will ich Euch Silus und Aser schicken und noch ein paar andere, wenn es Euch recht ist. Wir können das dann auf die Miete verrechnen. Wir werden schon ins reine kommen.«

»Gut, Dominus, gut!«

Oben fand der Dominus viele aus seiner Grex bei der mittäglichen Ruhe. Rücken an Rücken saßen sie in dem glutheißen Zimmerchen. Sie hatten nichts zu tun. Der Dominus sah es nicht gern, wenn sie ziellos in den Straßen Roms umherschwärmten. Er fürchtete, sie könnten dann eines Tages plötzlich verschwinden. So sperrte er sie denn oftmals ein, und wenn sie sich über die Hitze beklagten, ließ er wieder einmal für ein paar Tage die Tür öffnen, weil sie doch Nachschlüssel besaßen oder die Schlösser gewaltsam öffneten. Es war die Zeit der Ruhe, aber auch die Zeit der Langweile und der Knappheit für all diese Tagediebe. Der Dominus sammelte wohl ein hübsches Kapital, das er bei vielen guten Geldmännern und zuverlässigen Wucherern in Antiochia, in Alexandria, in Brundisium, in Syrakus und in Rom angelegt hatte, aber das Geld stellte doch nur einen unsicheren Besitz dar. Seine Grex verkörperte seine hauptsächlichste Einnahmequelle, kostete ihm aber dafür auch viel während der Zeit, da nicht gespielt wurde. Denn er konnte seine Leute nicht hungern lassen. So aßen sie denn bei Nilus, was sie wollten. Allerdings vermietete er sie, sooft er sie nur vermieten konnte. Dem Senex, seinem einzigen Freigelassenen, bezahlte er nichts während dieser schwierigen Ferienzeit, aber Kost und Wohnung gab er ihm dennoch.

Den Adulescens hatte er ohne Fibula an eine patrizische Frau vermietet, die sich in ihn verliebt hatte. Den Parasiten, Syrus und die Sklavenrollen hatte er dem Buchhändler Tryphon gegen ein ganz kleines Entgelt als Kopisten überlassen. Sie schrieben beide hübsch und sauber, brachten also auch etwas Geld ein, gerade so viel, daß er ihren Lebensunterhalt davon bestreiten konnte. Jetzt hatte er Silus und Aser an den Wäschermeister vermietet und Cäcilius und Cäcilianus ...

Der Dominus öffnete behutsam, halb besorgt, sie nicht vorzufinden, die kleine Kammer, in der er mit den beiden Knaben schlief. Waren sie da? Wahrhaftig! Sie waren da. Sie hockten auf dem Boden und aßen Feigen, dicht aneinander geschmiegt. Sie hatten geschlafen und wollten soeben in den Thermen des Titus ein Bad nehmen. Jetzt, nach der Ruhe, war die Stunde, zu der die vornehmen Badenden sich einfanden, und die Knaben, die sich langweilten, hatten bei sich gedacht, man könne nie wissen, wem man dort begegne. Da kam gerade der Dominus nach Hause.

»Knaben!« sagte der Dominus, indem er sich ermüdet auf den einzigen Schemel setzte, der vor dem kleinen Tischchen stand. »Ich habe euch vermietet.«

»Habt Ihr es nun doch noch getan?« fragte Cäcilius entrüstet.

»Uns vermietet?« fragte Cäcilianus.

»Ja,« sagte der Dominus. »An die edle Crispina.«

»An unsere Mutter!« dachten die Knaben gleichzeitig. Denn seit der ersten Vorstellung im Theater des Pompejus wußten sie genau Bescheid, sagten aber kein Wort.

»An die edle Crispina,« wiederholte der Dominus verwundert, da sie nicht antworteten. »Knaben! Es geht mir ans Herz. Ich liebe euch, als wäret ihr meine eigenen Kinder, wenngleich ihr Schlingel seid.«

»Warum tut Ihr es denn, Dominus?«

»Lieber Dominus!« schmeichelten die Knaben halb weinend, während sie näher herankrochen und dem Dominus auf die Knie kletterten.

»Hört erst!« sagte der Dominus gleichsam entschuldigend. »Ich erhalte dreihundert Sesterzen für euch.«

»Für welche Zeit?«

»Dreihundert Sesterzen für jeden Tag,« rief der Dominus, »soviel, wie ihr mir zu fordern geraten habt.«

»Ecastor!« sagte kichernd Cäcilius. »Ecere!« sagte kichernd Cäcilianus.

Sie lachten laut auf und purzelten übereinander auf den Boden.

»Dreihundert Sesterzen!« riefen die Knaben. »Jeden Tag!«

Sie schauten einander vielsagend an und riefen:

»Sie läßt es sich viel kosten, uns zu sehen!«

»Die edle Crispina!«

Sie blinzelten einander zu, lachten, schlugen Purzelbäume und stießen sich gegenseitig in die Seite.

Dann aber wurden sie plötzlich sehr ernst und begannen, jeder an ein Knie des Dominus gelehnt, dem Dominus nach dem Munde zu reden.

»Erhalten wir auch etwas ...?«

»Von den dreihundert ...?«

»Dreihundert Sesterzen ... ?«

»Jeden Tag?«

»Natürlich!« sagte der Dominus. »Ihr erhaltet auch etwas davon als Taschengeld, um euch Feigen davon zu kaufen.«

»Mehr!«

»Ja, ein wenig mehr!«

»Meinethalben ein wenig mehr,« gab der Dominus nach. »Ihr wißt ja, daß ich es gut mit euch meine. Ihr seid meine Knaben, meine lieben eigenen Knaben. Wer weiß, ob ich euch nicht noch einmal freilasse später und euch alles vermache, was ich besitze, meine Grex und all die Sümmchen, die ich in Alexandria und Antiochia hinterlegt habe?«

»Und in Brundisium.«

»Und in Syrakus.«

»Ja, ja! Ihr wißt genau Bescheid. Jetzt müßt ihr mir nur noch eins versprechen: seid recht artig und gut auf dem Palatin, damit euch nichts zustößt und ich keine Unannehmlichkeit habe. Denn wenn euch etwas zustößt, beim Herkules, erhalte ich keinen As Schadenersatz für euch,« log der Dominus.

Die Knaben versprachen, bei der edlen Crispina seht gesittet zu sein. Noch heute abend sollten sie dorthin gehen.

»Der Wäscher reinigt unsere gelben Röcke. Sie sind eigentlich schon abgetragen,« meinte Cäcilianus.

»Ich will mich einmal nach ihnen umschauen,« sagte Cäcilius und eilte davon.

»Ich komme mit.« Cäcilianus folgte ihm. »Ei was!« rief der Dominus, ihn zurückhaltend. »Könnt ihr denn nicht einen Augenblick ohne einander sein?«

»Ihr wißt doch, Dominus, daß wir am liebsten Zwillingsrollen spielen. Die gefallen uns am besten.«

Der Dominus schaute Cäcilianus voller Sorge und mit traurigem Lächeln an. Dann umarmte er ihn, drückte ihn lange an sich und seufzte tief.

»Was gibt es, Dominus?«

Der Dominus antwortete nicht.

»Was gibt es, Dominus?« fragte Cäcilius, der mit den gereinigten gelben Röckchen wiederkam.

»Nichts, meine Knaben,« sagte der Dominus. »Ihr habt doch gehört, daß ich euch Tag für Tag vermietet habe?«

»Ja, Tag für Tag.«

»Natürlich, Tag für Tag.«

»Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber ich muß euch öfters sehen. Ihr seid schlaue Burschen. Ihr müßt dafür sorgen, daß ich euch jeden Tag sehen kann, sei es auch nur für drei Augenblicke. Denn wenn ich kein freies Geleite habe, darf ich den Palatin nicht betreten.«

»Dominus, wir werden dafür sorgen,«

»Fürchtet nichts, Dominus! Wir werden dafür sorgen.«

Sie lehnten sich gegen seine Knie und streichelten ihm den Bart. Jetzt hielten sie ihm die Summe vor. Er möge bedenken, dreihundert Sesterzen jeden Tag! Um diesen Preis könne er der ganzen Grex während einer Woche Kost und Wohnung geben, obendrein noch ein kleines Taschengeld. Außerdem könne er noch einen Teil der Summe bei seinem Wechsler anlegen. Die Vorstellung von Geld zauberte ihnen sofort Berge von Gold vor die Augen. Jetzt plötzlich hatten sie Lust zu gehen. Sie würden ihre kleinen Tuniken in die Thermen mitnehmen und ihre Doppelflöten. Jetzt gingen sie zum Baden. Dann wollten sie Nilus um seinen Esel bitten. Sie wollten auf dem Esel zu den Thermen reiten und von den Thermen zum Palatin.

»Ihr seid verrückt!« rief der Dominus, verstimmt über ihre Sorglosigkeit und ihre unbesonnenen Einfälle.

»Wer soll dann den Esel vom Palatin zurückbringen? Ihr fallt viel zu sehr auf, wenn ihr zusammen auf dem Esel sitzt in euren gelben Tuniken. Dann schilt das Volk euch aus oder bewirft euch mit Schmutz. Ihr müßt zu Fuß gehen und euch auf der Straße ruhig benehmen, nicht immer nach links und nach rechts schauen, als suchet ihr etwas!«

Sie versprachen es, sie küßten ihn. Er bezwang seine Rührung, schob sie selber zur Tür hinaus. Er blieb allein zurück in der überheißen kleinen Kammer auf dem Schemel an dem Tische. Dann stand er auf. Sorgen umwölkten seine Stirn. Er rollte die beiden kleinen Matratzen der Knaben auf und stellte sie in einen Winkel. Er blickte zu dem einen einzigen geöffneten glaslosen Fensterchen hinaus. Das gab den Blick frei über die Subura, die Carinä und das Forum in der Richtung zum Palatin und Kapitol. Hinter, dem Tempel des Jupiter Capitolinus ging die Sonne unter im Staube goldener Atome gleich einem Strahlenkranz aus wimmeldem Goldstaub. Ziellos und bekümmert stand er da, während die Sorge schwer auf ihm lastete, und starrte, er wußte nicht, wohin, er wußte nicht, warum. So stand er starren Blickes da, bis die Dämmerung hereinbrach.

 

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