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Die Komödianten

Louis Couperus: Die Komödianten - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleDie Komödianten
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
year1928
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100330
projectid0f04c9a3
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Erstes Kapitel.

Den ganzen Tag schon strömten Regengüsse herab. Durch die Rinnsteine der Subura wogte das Wasser in zwei rauschenden Bächen, rechts und links, floß rasch durch die engen, gewundenen Gassen und führte allerlei Unrat mit sich zur jubelnden Freude der Gassenbuben, die mit besonderem Wohlbehagen Knochen, Gräten und Gemüsereste herausfischten und sie sich gegenseitig um die Ohren platschten. Die Jungen hatten während dieses Regentages in der Subura geherrscht, ausgezankt von ihren Müttern, die sie von den dunklen Türen der kleinen Läden und Kneipen aus zurückriefen und über die Häupter ihrer nichtsnutzigen und ungehorsamen Sprößlinge die Strafe der Götter heraufbeschworen.

Die Dirne Gymnasium – also genannt, weil sie in ihrer Jugend eine Lehrschule für junge Athleten und Gladiatoren geführt – hatte einen Blick hinausgeworfen und ihrer Sklavin ein paar Worte zugerufen. Die hatte sie wegen ihrer anerkannten Geschicklichkeit im Haarflechten in einem kleinen, gegenüberliegenden Laden als Tonstrix eingerichtet, um sie auf diese Weise besser auszunützen. Dann hatte sie sich auf ihre breite Ruhebank gelegt, um so den schwülen Apriltag und die regendurchrauschte Ruhe zu genießen. An diesem Nachmittag würde sich schwerlich ein Fremder in der Subura herumführen lassen.

Der Abend brach herein, vorzeitig schon und düster. Der undurchdringliche, graue, schmale Himmelsstreifen über den niedrigen und höheren Häusern verblaßte. Es regnete immer weiter. Die Gassenbuben waren verschwunden, und vor dem langen, niedrigen Hause des Leno Taurus mit dem Stiernacken hielten die frisierten Dirnen des Kupplers Ausschau, ohne sich indes auf ihre gewohnten Plätze längs der Hauswand hinzusetzen – Name und Preis als Inschrift über ihren Köpfen – zur Ansicht und zur Miete für eine Nacht. Es wäre zu toll gewesen, sich in diesem Regen dahin zu setzen. Zwar drängten sie sich, wie es ihnen von dem brutalen Leno eingedrillt war, an der Tür, aber draußen fand sich niemand, dem sie hätten zublinzeln können.

Es regnete, regnete immerfort. Die Kneipe des Nilus, des Ägypters, die dem Hause des Taurus gegenüberlag, war überfüllt. In dem weiten, niedrigen Raume drängte sich, von dem unsicheren Licht der qualmenden Öllampe beschienen, eine laute Menge von Essern und Trinkern. Die niedrigen, mit Stuck beworfenen, rauchgeschwärzten Säulen trugen die hölzerne Decke, die rußfarben war. An jeder Säule qualmte in einem eisernen Napf eine Öllampe. Wer eintrat, vermochte kaum die Luft zu atmen: so erfüllt war sie von dem Qualm des Öles, von menschlicher Ausdünstung und dem Brodem, der aus der Küche drang. Zu alledem gesellte sich noch der Geruch der nassen Kleider und der Schweißgeruch der vielen, aneinandergedrängten Körper. Aber wer erst einmal darinnen war empfand alsbald, wie ihn während des Essens und Trinkens ein Wohlbehagen überkam. Gab es doch in der Subura kaum eine bessere Kneipe als die des Nilus. Hier aß man gut und für wenig Geld und konnte sicher sein, daß der Wein aus Nomentum niemals gefälscht war. Hier war gut sein unter den Blicken der Göttin Isis, deren Bildnis über dem langen, breiten Ausschank qualmumhüllt auf die Gäste niederschaute, der keuschen guten Göttin, die über alles, was sie hörte, sah und dulden mußte, niemals entrüstet schien.

Hinter dem Ausschank drillte der geschäftige, sehnige, muskulöse Ägypter seine Küchensklaven. Aus der Küche trugen sie auf großen, braunen Tongeschirren die Bohnen- und Linsengerichte herbei, die Schnitten Schinken und Gänseleber, die Korallenschwämme und eine große Anzahl in Milch getauchter Brötchen von Picenum, die köstlich aufgequollen waren gleich Schwämmchen. Nilus warf einen flüchtigen Blick auf jeden Teller, und die drei Sklaven, die den Dienst im Gästezimmer hatten, reichten die Speisen herum und lieferten dann sofort das Geld ab, das die Mutter des Nilus, eine starkbusige Alexandrinerin, nachzählte, weglegte und auf einem mit viereckigen Fächern ausgefüllten Rechenbrett mit kleinen Kugeln verrechnete. Nilus selbst stand an dem Schenktisch, dem Abacus, auf dem die unten spitz zulaufenden Tongefäße, die mit seinem berühmten, billigen Nomentaner Wein gefüllt waren, schlank und zierlich sich emporreckten, neigte fortwährend die schmalen, langen Fässer und goß die Krüge voll, halb oder ganz, je nachdem es die Gäste verlangten.

Nilus war stolz auf sein Geschäft. Er war ein Mann der Ordnung, wenngleich er nur ein Kneipwirt in der Subura war. Er war in die Brüderschaft der Isispriester aufgenommen worden und erschien den Gästen wie ein unergründliches Wesen. Nilus indes verachtete seine Gäste. Er gab ihnen gut zu essen und zu trinken und prellte sie nicht, aber er verachtete sie. Es war auch eine bunte Gesellschaft, die da am Boden, auf den schmalen Ruhebänken und auf den Stühlen saß und lag. Es waren Diebe und Mörder mit ihren Dirnen, Matrosen aus Ostia, entlaufene Sklaven, Henker und Christen – das Vieh, wie sie genannt wurden – und dann saßen am heutigen Abend dort in jenem Winkel auch die schmutzigen Galli. Oh, diese Galli! Anfänglich hatte er ihnen den Zutritt verweigert, diesen elenden, umherziehenden Bettelpriestern der Rhea Kybele, der großen Göttin, deren Fest, die Megalesia, sich näherte. Er hatte sie nicht hereingelassen, als sie in der Subura erschienen waren mit ihrer jubelnden, tanzenden, tollen Truppe, mit ihren rasselnden Tamburinen rings um den Esel, auf dem sie ihre Göttin, die Mutter aller Götter, in einem kleinen Schrein schleierumhüllt mit sich führten.

Es waren wohl sieben dieser diebischen Kerle außer dem riesigen Archigallus. Aber sie sagten, sie seien hungrig und durstig, da sie einen ganzen Tag lang auf der Landstraße außerhalb Roms gelaufen seien; sie hätten kein Geld eingenommen und wüßten nicht, wo sie nächtigen sollten. So hatte er ihnen denn doch noch gestattet, sich dort in jenem Winkel aufzuhalten. Sie fraßen und soffen. Späterhin würden sie bezahlen, sagten sie. Ihren Esel hatten sie in dem Schuppen eingestellt zu des Nilus Lasttieren und Wagengerät. Es sollte ihnen gestattet sein, die ganze Nacht über in jenem Winkel zu lagern, in den Sägespänen auf den feuchten Steinen, auf ihren Mänteln, wie eine Verbrecherbande. Diese gemeine Truppe! Ihren Schrein mit der Göttin hatten sie auf ein Brett an der Wand gestellt und den Schleier darüber gebreitet. Da lagen sie nun schreiend und johlend oder erhoben sich wieder, um zu tanzen wie die Narren, immer obszön wie die gemeinsten Burschen aus der Subura. Sie waren unwürdige Diener der großen Göttin, und nun wollte es dem Nilus beinahe scheinen, als habe er ihnen, einem religiösen Gefühl gehorchend, Unterkunft gewährt. Konnte er doch Priester, mochten sie noch so unwürdig sein, nicht vor Elend und Hunger umkommen lassen.

»Wollt ihr wohl euern Schnabel halten, ihr dort drüben!« brüllte er ihnen zu. »Sonst werfe ich euch allesamt zur Tür hinaus.«

Sie waren betrunken, sie flehten ihn an mit grotesken Bewegungen, sie schlugen ihre Kleider auseinander, zeigten zwinkernd ihre Nacktheit, und die übrigen Gäste lachten, schrien, johlten. Auch Nilus lächelte gutmütig. Denn er bedachte, daß er ihnen jetzt die Tür nicht weisen könne um der Göttin Rhea Kybele willen, die sie mit sich führten. Ja, die Götter mußten sich viel gefallen lassen von ihren unwürdigen Geschöpfen, von diesen gemeinen Galli und von jenen scheinheiligen Christen, die da saßen und dort, die immerfort miteinander tuschelten und niemals heiter waren.

Draußen regnete es, regnete es immerfort. Immer wieder öffnete sich die Tür und es erschien ein neuer Gast, es erschienen zwei neue Gäste, zwei, drei Frauen drängten sich durch die Fülle, den Rauch und das Geschrei, eroberten endlich einen Platz auf einer der langen Holzbänke und bestellten eine Wurst, ein Picenumbrötchen und einen Becher Nomentaner. Bis Nilus seiner Mutter plötzlich zurief:

»Da sind sie wahrhaftig schon wieder!«

Die, von denen er sprach, waren zwei Frauen, die sich ebenfalls hereingedrängt hatten und die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zogen, obwohl die Neugierde, die sie weckten, sie recht kalt zu lassen schien. Obwohl sie vermummt waren, konnte man sie doch sogleich als patrizische Frauen erkennen, und sie schienen dies nicht zu bedauern, lachten sogar darüber. Sie hatten sich zwischen den Matrosen aus Ostia und deren Dirnen ein Plätzchen erobert und bestellten sich das gleiche, was sie jene fordern sahen: ein Paar sehr fette Würstchen, Picenumbrötchen und Nomentaner. Inzwischen waren aller Augen auf sie gerichtet. Die eine ...

»Das ist Nigrina,« flüsterte ein entlaufener Sklave einem Diebe zu, der tief in seinen Mantel eingehüllt war.

... war eine große, robuste, junge Frau. Ihr Haar war breit frisiert gleich dem Helm eines Mirmillo und mit einem Dreizack durchstochen, ähnlich der Waffe der Retiarii. Ihr üppiger Busen, der entblößte Nacken und die Oberarme waren von einem kupfernen Panzerhemd umspannt, und ein schwarzer Rock fiel ihr nur bis an die Knie gleich einer Gladiatorentunika, während ihre muskelstarken Beine von breiten, mit Kupfernägeln beschlagenen Riemen umschnürt waren. Ihre Bewegungen waren straff und männlich. Sie saß breitbeinig da, ihre Brust war hochgewölbt, ihre starken Arme weit vom Körper entfernt. Sie aß ihre Würstchen in derber Volksmanier, während sie die Schalen auf ihren irdenen Teller klatschen ließ und laut schlürfend aus ihrem Becher trank. Sie war die Frau eines Senators, entstammte zwar einem berühmten römischen Geschlecht, trat indes in der Arena als Gladiator auf und kämpfte mit andern männlichen und weiblichen Schwertfechtern. Sie ließ ihre schwarzen, dreisten Mannweibaugen frech über die in Rauch gehüllte Menge schweifen, bis sie der Galli in dem Winkel ansichtig ward. Die tanzten, tanzten immerfort und öffneten ihre Priestergewänder in obszöner Weise, jetzt zur Belustigung der beiden Patrizierinnen.

Nigrina lachte laut auf und machte ihre Gefährtin mit verächtlicher Gebärde auf sie aufmerksam.

»Fabulla, Fabulla, sieh dir einmal die Männer dort an, die keine Männer sind!«

»Ja, Fabulla!« bestätigte der entlaufene Sklave dem Dieb, »eine Nichte der Kaiserin Domitia.«

»Beim Herkules!« sagte der Dieb leise fluchend, während er die Patrizierin neugierig betrachtete.

In diesem Augenblick lachte sie laut auf, ihr Blick folgte der von Nigrina angegebenen Richtung. Die hatte sich mit einer blonden Dirnenperücke unkenntlich gemacht. Sie war aus Flachs und sehr grob, so daß die Frisur, die ihr weißes Antlitz umrahmte, viel eher einem Hut als einer Haartracht glich, während zwei große künstliche Blumen, die mit Glasjuwelen befestigt waren, an ihren Schläfen bunte Farbflecke bildeten. Sie trug eine verschossene, zerrissene, kurze Tunika aus Gaze und hatte sich zum Schutze gegen den Regen einen dunklen Mantel umgeschlagen, der nun herabgeglitten war. Sie war jünger, zarter, und weiblicher als Nigrina. Sie erschien selbst in ihrer herausfordernden Dirnenkleidung beinahe jungfräulich und war von einer Lieblichkeit, die sogar in dieser Umgebung noch patrizierhaft wirkte. Es schien beinahe, als werde es ihr schwerer als Nigrina, die Wurst so gemein zu essen und den Wein so laut zu schlürfen. Aber nun schaute auch sie zu den obszönen Galli hinüber und lachte, während sie sich kokett gegen Nigrina lehnte und ihrer Freundin, die sich zärtlich über sie neigte, kichernd etwas zuflüsterte. Allein das laute Wort der Nigrina schien unvorsichtig gewesen zu sein. Denn die Galli riefen gereizt und mit schriller Stimme:

»So wie du keine Frau bist, Mannweib aus der Arena, Gladiator, Mirmille ohne dies, aber mit dem ...«

Mit obszöner Gebärde deuteten sie an, was Nigrina als Mann fehle und was sie als Weib im Überfluß besitze. Rings um sie her schrien und johlten die Gäste und ahmten die Gebärden der Galli nach. Nigrina und Fabulla lachten ebenfalls. Der weibliche Gladiator fühlte sich nicht gekränkt. Denn sie rief aus:

»He, Archigallus, Bettelpriester, komm her!«

Sie wies gebieterisch. Sie wies so, wie eine Patrizierin weist, und der riesengroße Archigallus, der dem Befehl der hohen Frau instinktiv gehorchte, bahnte sich einen Weg zwischen den Bänken, den Tischen, den Gästen hindurch. Als er näher gekommen war, fragte er unterwürfig, doch zugleich ironisch mit seiner tiefen Stimme:

»Was steht Euch, Amazone, der niemals Herkules den Gürtel rauben möge, zu Diensten?«

»Seid ihr aus Rom?« fragte Nigrina.

»Aus Neapel, Hippolyte,« antwortete scherzend der Archigallus. »Wir sind gekommen, um dem Fest unserer Göttin beizuwohnen.«

»Neapel!« wiederholte Fabulla schmachtend. »Erinnerst du dich noch, als wir zusammen in Neapel waren zur Zeit der Floralia, und dort nackt auf den Plätzen tanzten?«

»Da nimm!« rief Nigrina, während sie dem Erzpriester der Kybele ein Geldstück zuwarf. »Zeig uns die Göttin, aber schnell!«

»Mit Freuden, mit Freuden, edle Frau!« beeilte sich der Erzpriester zu erwidern, während er den Galli durch eine Gebärde gebot, die Göttin herbeizuschaffen.

Zwei Galli griffen nach dem kleinen Schrein, der auf dem Brette stand. Aber bei ihren trunkenen Bewegungen stießen sie eine oberhalb des Brettes befindliche Luke auf, die sich polternd öffnete. Im gleichen Augenblick kam aus der Luke ein Eselskopf zum Vorschein – der Kopf ihres Esels, der in dem Stall der Taberne eingestellt war – und rief hungrig:

»Hi-ha.«

Die Gäste brüllten und johlten, die Galli stießen den Eselskopf zurück, schlossen die Luke mit einem Ruck und brachten den Schrein. Er war umhüllt von einem schmutzigen, noch vom Regen triefenden Schleier mit silbern glitzernder, zerrissener und besudelter Einfassung. Sie lüfteten den Schleier behutsam, als sei auch er ein Heiligtum, öffneten die kleine Tür des einstmals vergoldeten Tabernakels und stellten zur Schau die Mutter der Götter: ein kunstloses Bildnis der Rhea mit der Mauerkrone über den grobgeschnittenen Zügen.

»Wenn Ihr, edle Frau,« sprach mit tiefer Stimme der Archigallus, der riesengroß vor den beiden Frauen stand, »dieses heilige Bildnis, das geschnitten ward nach dem urheiligen Bildnis von Pessinus, küßt, so werdet Ihr in der Arena unverletzbar sein.«

»Wahrhaftig?« fragte Nigrina, in flüchtigem Aberglauben befangen.

Die Galli, die den weitgeöffneten Schrein in den Händen hielten und die Göttin zeigten, sangen mit ihren hohen, schrillen Falsettstimmen:

Heilig die Mutter der Götter!
Aus Pessinus kam sie nach Rom,
Und ihre Barke blieb bei Ostia stecken
In der Versandung der Tiber.
Heilig die Mutter der Götter!
Die große Göttin!
Claudia, die Vestalin,
Der Unzucht beschuldigt.
Tat ihre Unschuld dar, –
Heilig die Mutter der Götter!
Als sie an ihrem Schleier die Barke
Schleppte die Tiber hinauf.
Heilig die große Göttin!

Drüben in ihrem Winkel hatten sich die übrigen Galli erhoben und wanden ihre Hüften nach dem Rhythmus des Liedes, ohne daß ihre Füße von der Stelle wichen, und riefen im Takt und schrill mitten hinein in die Hymne:

»Attis! Attis!«

So riefen sie den Geliebten der Göttermutter an und rasselten dazu mit ihren Tympana, und alle Trinker in der Taberne klatschten in die Hände und sangen:

»Attis! Attis!«

»Hi-ha!« iahte plötzlich wieder der Esel, der aus der Luke zum Vorschein kam, die er nun von seinem Stall aus aufstieß. Wie er in dem dichten Qualm so plötzlich gleich einer Erscheinung sichtbar ward mit den großen Zähnen und den weit geöffneten Nüstern, schrien die Gäste wieder laut auf und ahmten lachend seinen Ruf nach:

»Hi-Ha! Hi-ha!«

»Attis! Attis!« schrien mit stets höherer Stimme die Bettelpriester und klapperten mit ihren Tamburinen, während die beiden Galli mit dem Schrein schrill schrien:

»Heilig die große Göttin!«

Nigrina neigte sich über den Schrein, und der Archigallus breitete ihr den schmutzigen Schleier über den Kopf. Unter dem Schleier küßte Nigrina das Bildnis lange und inbrünstig, gleich als wolle sie eine schirmende Heiligkeit in sich aufnehmen. Darauf schlossen die Galli den Schrein, den sie immerfort so gehalten hatten, daß die Matrosen und die Dirnen, die ebenfalls unentgeltlich schauen wollten, das Bildnis nicht hatten sehen können. Der Archigallus breitete den Schleier von neuem über den Schrein. Denn Fabulla ekelte sich vor dem Bildnis und zog es vor, es lieber nicht zu küssen, wenn es auch vor allem Mißgeschick schützen sollte.

»Wieviel?« fragte Nigrina.

»Drei Denare!« sprach mit tiefer Baßstimme der Archigallus, während er zu Fabulla gewandt hinzufügte:

»Wollt Ihr nicht einen heiligen Nabel kaufen, schöne Blonde, einen heiligen Nabel, geschnitten aus Goldstein, einem schönen Stein, der sich an Kette oder Gürtel tragen läßt?«

Er winkte. Ein anderer Kybelepriester brachte eine kleine Lade in der die Amulette verwahrt wurden, und zeigte sie.

»Geschnitten nach dem heiligen Nabel der Mutter der Götter, der aus dem Himmel gefallen und mit Juwelen verziert in ihrem Tempel aufbewahrt wird.«

»Wieviel?« fragten die beiden Frauen. Sie waren jetzt begehrlich geworden, und jeder wählte einen Nabel aus.

»Fünf Denare das Stück!« sagte der Archigallus und fügte sofort hinzu, der Preis sei nicht zu hoch.

Die Frauen kauften die Amulette. Nigrina wollte bezahlen und suchte in ihrem Busen nach ihrer Börse. Dort in jenem Winkel sangen die Galli noch immer, während die Tamburine rasselten und die Schellentrommeln klirrten. Über den Köpfen der Gäste lag sichtbar der dicke Qualm. Es war wie ein beweglicher Dunst, in dem um die Säulen herum die rötlichen und gelblichen Flämmchen der fettriefenden Lampennäpfe flackerten. Alle Umrisse waren verschwommen. Die Körper flossen in der schwankenden Undeutlichkeit zu gestalt- und farblosen Liebkosungen zusammen, die durch die Fülle und die Mannigfaltigkeit und die Fahlheit des unbestimmten Ganzen nicht auffielen, und die Nilus, der an seinem Schanktisch beschäftigt war, daher ruhig dulden konnte. Seine Mutter blieb von allem unberührt und hatte für nichts anderes Sinn und Blick als für das Nachzählen der kleinen Kugeln in den Schälchen ihres Rechenbrettes, wo sie wie Marmeln klapperten.

»Es ist voll!« rief Nilus zur Tür, die sich wiederum öffnete.

Durch den klatschenden Regen, der seine feuchten Dämpfe hereinsandte, drängten sich drei, vier robuste Männer.

»Es ist voll und kein Platz mehr für Kerle, wie ihr seid!«

Allein die Neuangekommenen kümmerten sich nicht darum. Alle erkannten in ihnen Gladiatoren vom Kolosseum.

»Dämchen, deine Waffenbrüder!« riefen die Galli mit schriller Stimme, während sie den Gladiatoren Kußhände zuwarfen.

Die Männer waren in dicke, braune, schmutzige und triefendnasse Abollae gehüllt, aus deren Falten die Wasserstrahlen wie aus Rinnen herabsickerten. Wüst, stark und roh drängten sie sich durch die Tische und Bänke hindurch. Die Trinkenden fluchten, sie fluchten ebenfalls.

»Mach ein wenig Platz, Waffenschwester!« rief einer von ihnen. Nigrina rückte bereitwillig ein wenig zur Seite, und die Gladiatoren ließen sich neben den Frauen nieder, schlugen mit den breiten Fäusten auf den Tisch und schrien nach Wein. Die Galli riefen spöttisch von drüben:

»Thraker, Thraeces, oder was ihr sonst sein mögt, Fechter mit Netz und Dreizack! Rührt Fabulla nicht an! Hört ihr? Sonst wird Nigrina eifersüchtig.«

»Hi-ha!« rief der Eselskopf bestätigend. Aber im gleichen Augenblick wurde ihm auch schon die Luke auf sein aufgesperrtes Maul geschlagen.

Alle lachten trunken. Sie bewarfen sich gegenseitig mit Wurstschalen, Zwiebeln, abgenagten Artischocken, ausgesogenen Spargeln.

Nilus sah ein, daß sich die Ordnung nicht mehr handhaben ließ, wenngleich es eine Schande war, daß sich seine Gäste unter den Blicken der Isis derartig aufführten.

»Wir machen heute abend gute Geschäfte, mein Sohn,« sagte die dicke Alexandrinerin, während sie begütigend die Achseln zuckte und die Rechenkugeln unaufhörlich durch die fetten Finger gleiten ließ.

Zwischen Nigrina und Fabulla, sowie in dem Kreise der neuangekommenen Gladiatoren schien bereits Uneinigkeit zu herrschen. Denn Nigrina hatte sich erhoben und brüllte mit ihrer vorsätzlich tiefen Stimme einem sehr jungen Schwertfechter, den seine Kameraden Colosseros nannten, etwas zu. Es war ein bartloser, blonder Jüngling. Seine Augen waren groß, blau und unschuldig, seine Züge eben und regelmäßig, Brauen und Nase schön gezeichnet wie die eines griechischen Kopfes, und dieser schöne blonde Jünglingskopf ruhte auf einem herkulischen, doch zugleich vollkommen ebenmäßig gebauten, muskelstarken Körper, der halb zum Vorschein kam aus der braunledernen Tunika, die seine breiten Knie und die umschnürten Waden freiließ, nun, da die nasse, weite Abolla ihm heruntergeglitten war. Er hatte sogleich Fabulla in seine Arme geschlossen, deren Muskeln bei jeder Bewegung spielten – sie hatte sich, lachend, kaum gewehrt – und sie dann mit einem Ruck auf seine Knie gezogen. Aus diesem Grunde hatte Nigrina entrüstet und von keinerlei Scheu vor ihren Waffenbrüdern befangen ihm zugebrüllt, er solle ihre Freundin loslassen.

»Weißt du, wo Fabulla wohnt?« fragte der Dieb den entlaufenen Sklaven.

»Fabulla wohnt im Palatium!« antwortete der Sklave. »Aber Nigrinas Wohnung liegt in der Carinae.«

»Sollte dort etwas zu machen sein?«

Die beiden Männer steckten die Köpfe dicht zusammen und flüsterten. Neben ihnen summten die Christen mit halblauter Stimme einen frommen Gesang, der sich in dem Schreien, Schelten und Johlen der Galli und in dem ironischen I-ahen des Esels hinter der Luke verlor.

Inzwischen glaubte Fabulla ihre Freundin beruhigen zu müssen, aber als Nigrina sogar handgemein ward mit zwei der Thraeces, die scherzend die erboste Waffenschwester bekämpften, so daß die Krüge und die Becher vom Tische rollten und zerbrachen

und Nilus entrüstet die Sklaven herbeirief, ließ sich Fabulla, dicht an Colosseros geschmiegt, von ihm umarmen.

»Wie alt bist du?« fragte die Nichte der Kaiserin Domitia, auf den Knien des großen Jünglings sitzend.

»Zwanzig Jahre, bei Juno Lucina, die meiner Mutter gnädig war bei meiner Geburt und ihr einen derben Jungen zum Sohne gab.«

»Komm morgen«, flüsterte Fabulla »zur Zeit des Sonnenunterganges zum Septizonium!«

Colosseros versprach es, und Fabulla rief Nigrina, die nicht mehr wütend war, weil die Thraeces sie lachend bezwungen, aber dennoch respektiert hatten, während sie auf ihre Rechnung neuen Wein bestellten, zu:

»Nigrina, ich kann nicht anders sitzen als auf seinem Schoß. Anderswo ist kein Platz mehr.«

»Kein Platz mehr,« bestätigte Colosseros, während er Fabulla fester an sich drückte.

»Nein, nein, nein!« schrie Nilus außer sich in der Richtung der Tür. »Es ist kein Platz mehr, ich habe nichts mehr: keinen Stuhl und keine Bank, keinen Wein und kein Brot!«

Wiederum hatte sich nämlich die Tür geöffnet, und in dem noch immer herabströmenden Regen wurde ein Mann sichtbar mit einem großen Reisehut, in einem langen Mantel, ein Mann von einem gewissen Ansehen. Hinter ihm erblickte man unzählige andere begehrliche Gesichter. Der Mann mit dem Hut bat noch einmal höflich, aber zugleich sehr entschieden um gastliche Aufnahme. Er wünsche mit allen, die ihn begleiteten, das Nachtmahl einzunehmen.

»Nein, nein, nein!« wiederholte Nilus bestimmt und blickte um sich. Verzweiflungsvoll wies er ringsumher, um zu zeigen, daß es unmöglich sei. Auch die Gladiatoren und Matrosen riefen:

»Es wird nicht gehen.«

»Gewiß, es wird nicht gehen, werter Herr!« fuhr Nilus fort, nun zu dem Fremden gewandt. »Ihr seht, daß es nicht geht. Nein, nein, es geht nicht! Laßt's Euch gutgehen! Gute Nacht!«

Mit der Hand winkend komplimentierte er sie zur Tür hinaus.

Allein der Mann mit dem Hute machte einen Schritt auf ihn zu. Höflich lüftete er den Breitrandigen, von dem das Wasser heruntersickerte, und sprach:

»Herr Caupo, ich bin Lavinius Gabinius, der Dominus Gregis, der mit seiner Grex heute abend in Rom eingetroffen ist. Ich habe dem höchst ehrenvollen Ersuchen des Prätors und der Ädilen, während der Megalesia Schauspielvorstellungen zu veranstalten, Folge gegeben und, obwohl ich mit meinen Komödianten schon ein Unterkommen gefunden habe, wäre es mir doch sehr erwünscht, etwas zu essen und zu trinken zu erhalten. Denn wir alle sind vor Hunger und Durst völlig erschöpft. Solltet Ihr wahrlich nichts für uns haben, Herr Cauvo? Ich will es reichlich bezahlen. Denn die hohen Ädilen haben mir gnädiglich einen Vorschuß vergönnt.«

Höflich blieb Lavinius Gabinius stehen mit dem Breitrandigen in der Hand.

»Die Komödianten! Die Komödianten!« Der Ruf durchbrauste das Stimmengewirr in der Kneipe des Nilus. »Die Komödianten, die während des Festes der großen Göttin Vorstellungen veranstalten werden!«

Die Neugierde war allgemein. Aller Augen richteten sich auf die immer noch geöffnete Tür, vor der mehr und mehr Gesichter sich drängten in der regenüberströmten Gasse. Auch Nilus, der anfangs außer sich gewesen ob des ungewohnten Lärms, war sogleich besänftigt und rief:

»So tretet doch ein, Lavinius Gabinius, tretet ein mit eurer Caterva, mit der gesamten Truppe! Tretet näher, Dominus Gregis! Es wird sich schon ein Plätzchen finden,«

»Wir sind unser sechsundzwanzig!« sprach der Dominus erläuternd, während er wie ein Feldherr um sich blickte.

»Tretet nur alle sechsundzwanzig näher! Es wird sich schon noch ein Brötchen, eine Wurst, eine Zwiebel finden. Wir haben sogar noch Wurst aus Lukanien, und es ist noch junger Kohl da, in Laserpicium geschmort, und frischer Käse aus Trebula, und Honig von Hybla, und Feigen aus Kampanien. Wein ist immer da.«

Nilus winkte, während er diese Kostbarkeiten aufzählte, dem Dominus und der ganzen Caterva zu, sie möchten näher treten, und sie kamen einer nach dem andern.

»Wir sind unser sechsundzwanzig!« wiederholte der Dominus und überblickte die Schar seiner Komödianten, die allmählich näher kamen und auf den Bänken und Stühlen vor den Tafeln Platz nahmen, auf denen der Nomentaner rot floß.

Nilus war ihnen entgegengegangen.

»Wo habt ihr Unterkunft gefunden, Lavinius Gabinius?« fragte er voller Anteilnahme.

»In fünf, sechs, sieben Räumen hoch oben im fünften Stockwerk eines sehr hohen Hauses hinter der Subura in dem neuen Viertel, Herr Caupo!« antwortete der Dominus. »Aber gestattet mir nun zunächst, daß ich meine Sklaven zähle! Man weiß nie, ob nicht einer von ihnen entwischt ist. Sechsundzwanzig müssen es sein.«

»He, ihr lieben Gäste, wollt ihr nicht ein wenig Platz machen?« rief Nilus durch den Raum. »Denn Lavinius Gabinius kommt mit seiner Caterva. Es sind ihrer nicht weniger als sechsundzwanzig.«

»Sechsundzwanzig!« Dieser Ruf tönte durch den Qualm und den Brodem des Raumes. »Sechsundzwanzig! Welche große Truppe!«

Währenddessen zählte der Dominus seine Komödianten, die seine Sklaven waren.

»Zwei Senex, Vertreter des Faches der Alten Männer!« sagte Lavinius zählend und dann zu Nilus:

»Aber der eine ist ein Freigelassener. Setzt euch! Zwei Adulescentes! Kommt herein, kommt herein! Sind Cäcilius und Cäcilianus wieder zurückgeblieben? Wo mögen sie nur stecken? Zwei Parasiten, Vertreter des Faches der Intriganten! Ja, Herr Caupo, ich habe eine vollständige Truppe. Zwei junge Leute für die Rollen der Matronen. He, sputet euch ein wenig! Sind Cäcilius und Cäcilianus wieder nicht da?«

Der Dominus zählte mit schulmeisterlich erhobenem Finger, ob seine sechsundzwanzig hungrigen und durstigen Komödianten auch wirklich eintraten. Sie kamen bestimmten Rangstufen entsprechend: die größten Rollen zuerst. Nach den Senex und Adulescentes, Parasiten und Matronen – wo nur Cäcilius und Cäcilianus blieben? – kamen die zwei großen Sklavenrollen und die zwei kleineren Sklavenrollen, zwei Lenones, zwei Lenae, Bordellwirt und -wirtin, vier kleinere Rollen, sowohl Männer wie Knaben. Dann die Mimusrollen, Tänzer, Sänger, Flötenspieler. Dann die Maschinisten und die Bühnenarbeiter.

»Sie sind alle da!« rief Gabinius. »Nur Cäcilius und Cäcilianus

nicht, meine Zwillinge, welche die ersten Frauenrollen spielen. Beim Apollo und Bacchus! Wo stecken sie nur?«

»Wahrscheinlich sind sie für immer auf und davon, Dominus!« neckte der erste Senex, wütend und hämisch. Er war, obwohl er die Rollen der Alten spielte, ein junger Mann, aber seine Stimme eignete sich ausschließlich für die Senexrollen, und auch im täglichen Leben konnte er nur mit seiner Senexstimme sprechen. »Eure schönen, unvergleichlichen Weibkerlchen sind durchgebrannt.«

»Nein, Dominus!« sagte spöttisch der erste Parasit, der sich angewöhnt hatte, auch im täglichen Leben geistreich zu sein. »Fürchtet nichts! Eure schönen Zwillinge werden nicht zum zweitenmal gestohlen werden.«

Die ganze Caterva belachte den Scherz, aus dem hervorging, daß der Dominus selbst vor vielen Jahren die schönen Zwillinge gestohlen haben mochte. Allein Gabinius zuckte verächtlich die Achseln. Waren ihm doch die Zwillinge als ganz kleine Bübchen von ihrer Mutter in optima forma überlassen worden.

Inzwischen hatten vierundzwanzig Komödianten den bereits vollen Raum noch weiter überfüllt. Doch überall machten die Gäste Platz, auf einer Bank, auf einem Ruhelager, auf einem Stuhl, an der Ecke eines Tisches. Nilus selber half den Sklaven, und die Sklaven wiederum halfen den Küchensklaven. In der Tat wurden die neuen Portionen vorgesetzt, reichlich, dampfend, wie sie von dem frisch geschürten Feuer gekommen, das nun hinten in der Küche von neuem prasselte: Picenumbrötchen.

»Wie Schwämmchen!« priesen die hungrigen Komödianten im Chor. »Die fetten Würste von Lukanien und der köstliche Kohl in Laserpicium geschmort!«

»Man hat mir nicht zuviel von Eurer Küche erzählt, Herr Caupo!« sprach Gabinius anerkennend.

Nilus lächelte. Er trug in beiden Armen eine sich unten verjüngende Amphora, die er über die irdenen Becher neigte, ohne sich die Mühe zu nehmen, die Krüge erst zu füllen. Der Wein ergoß sich über den Tisch.

»Auf solche Weise kann ich nicht rechnen, mein Sohn!« rief die Alexandrinerin mit wilden Augen und keuchendem Busen, über ihr Rechenbrett gebeugt, auf dem sich ihre Finger in den Kugeln verwirrten. Nilus winkte ihr zu: Es komme nicht darauf an, sie brauche nicht so genau zu rechnen, wenn die ganze Caterva zum Nachtmahl erscheine, und natürlich auch an allen andern Tagen während der Megalesia.

»Herr Caupo,« rief der Parasit fein, »gießt mir den Wein lieber in den Mund als in den Schoß!«

Ringsum lachten die Gäste laut auf.

»Er bleibt in seiner Rolle. Er will lieber saufen als ersaufen.«

»Erst im Regen, jetzt im Wein.«

Der Parasit lächelte, weil man ihn anerkannt hatte und nippte an seinem Becher. Denn er war sehr mäßig.

Die Galli umringten die neuen Gäste.

»Wollt ihr nicht kleine Nabel kaufen, Chrysopras-Nabel der großen Göttin? Ihr werdet Erfolg haben, wenn ihr sie kauft. Wollt ihr nicht die große Göttin küssen unter ihrem Schleier in ihrem Schrein? Ihr werdet dann niemals ein Wort eurer Rolle vergessen, werdet folglich niemals gegeißelt, und dann vermögt ihr euer Diverbium allzeit fein sauber zu sprechen nach dem Rhythmus der Flötenmusik. Flötenspieler, küsse doch diese Göttin, kauf' doch einen Nabel! Dann wirst du so rein spielen, als hätten die Musen selber es dich gelehrt.«

Allein die Galli machten mit ihrer großen Göttin keinerlei Eindruck auf die Komödianten. Sie waren zu skeptisch geworden durch das Leben, das sie zur Philosophie erzog, sie alle, diese Sklaven, die zugleich Künstler waren, um noch an Amulette zu glauben oder an die Göttin einer schmutzigen Bande von Bettelpriestern, die von den besseren Bürgern mindestens ebenso verachtet wurde wie sie selbst, die Histriones waren. Sie waren sich ihres Unwertes als Menschen viel zu sehr bewußt, empfanden viel zu stark sowohl ihre Minderwertigkeit als lebende Geschöpfe wie auch die Unvermeidlichleit ihres Schicksals, um auch nur noch einen einzigen As für die zweifelhaften Künste einer Göttin zu opfern, die, unter einem schmutzigen Schleier verborgen, in einem kleinen Schrein in einer Taberne auf einem Wandbrett stand in unmittelbarer Nähe der Stalluke, durch die sich immerfort ein iahender Eselskopf streckte. Sie scherzten mit den Galli ironisch, satirisch, beinahe ein wenig rhetorisch und erinnerten sich einiger Sätze aus ihren Palliatae, ihrer im griechischen Kostüm dargestellten Lustspiele des Plautus und Terenz. Dabei zeigten sie eine seltsame Mischung von sklavischer Unterwürfigkeit unter ihren Dominus Gregis, unter die Gesellschaftsordnung und das Schicksal und anderseits einen gewissen heimlichen Stolz, Künstler zu sein und literarisch gebildet und die feineren Nuancen in den Spielen beurteilen zu können, in den Versen und der Metrik, in den Geheimnissen der Mimik und des Vortrages, des gesprochenen sowohl, als auch des gesungenen, mit der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Kunst, wie sie sie studiert hatten viele Jahre lang, während der Stock stets drohend über ihrem Sklavenrücken geschwungen ward. Hatten einige von ihnen dann eine kleinere Summe zusammengespart, so daß sie sich von Dominus hätten loskaufen und frei sein können, so gebot ihnen doch ihr Interesse, den Dominus nicht zu verlassen. Als Freigelassene besaßen sie einen gewissen Vorrang vor den Sklavenkünstlern, spielten sie schon um ihrer höheren Kunst willen, die ihnen gestattet hatte, sich freizukaufen, die erste Rolle und verdienten etwas mehr Geld, als der Dominus den andern zu zahlen pflegte. Der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber blieben sie indes, ob Sklaven oder Freigelassene, die verachteten Histriones, die keine bürgerlichen Rechte besaßen, die verspotteten Belustiger der Menge, Hanswürste, die von dem Publikum, das doch stets herbeiströmte, um sie zu sehen und zu hören, verachtet und auf dem Forum und auf der Straße ausgepfiffen und mit Schmutz beworfen wurden, Elende, die einen verachteten Beruf ausübten und noch mehr verachtet waren als der Ladenbesitzer, doch nicht ganz so verachtet wie der Henker. Kaum hatten sie den Mut, sich außerhalb ihrer Berufstätigkeit zu zeigen, fern von den Brettern, auf denen sie sich zur Schau stellten und wo sie die Launen des Publikums erdulden mußten, während doch die Besten unter ihnen im Innern etwas wie einen geheimen Stolz auf ihre Künstlerschaft empfanden, weil sie die Jahrhunderte alten Komödien des Plautus und Terenz darstellen durften.

In der Taberne des Nilus wurden sie nicht verachtet, sondern brüderlich empfangen und willkommen geheißen. Warum auch nicht? War doch Nilus selbst ein Fremder und ein Caupo, also ebenfalls ein verachteter Gewerbetreibender! War doch unter diesen Säufern kaum ein geachteter römischer Bürger zu finden! Waren dies nicht alles verachtete Geschöpfe: diese Gladiatoren, diese Matrosen, dieses ganze namenlose Volk von Suburabesuchern, diese Diebe, diese entlaufenen Sklaven, diese Christen, diese unheilvolle Gruppe dort drüben: ein Henker zwischen seinen beiden Geißelsklaven und den Leichenträgern, die sich zu ihnen gesellt hatten? Finster schauten sie über ihre Becher hinweg, meist schweigend, während sie nur ab und zu ein leises Wort flüsterten zwischen den rauhen Stoppelbärten und ihre verwitterten Köpfe in dem Qualm des fetten Küchen- und Lampenöls und dem Dunst der triefend nassen Kleider in unbestimmten Umrissen sichtbar waren. Hatten sie und ihresgleichen etwa das Recht, Komödianten zu verachten? Nein, sie fühlten sich eins mit ihnen, sie räumten ihnen einen Platz ein, sie reichten ihnen ihre Becher, nun, da Nilus ihrer zu wenig hatte. Die Komödianten, deren Hochmut einen rein intellektuellen Charakter trug, gingen sogleich auf diese Verbrüderung ein, fühlten sich heimisch in der Freiheit, die Herumschwärmern eigen ist, machten lustige Wortspiele, scherzten sogar mit den Galli, die von den andern fast ausnahmslos unwirsch zurückgestoßen wurden. Denn die Galli waren unbequeme, aufdringliche Bettelpriester. Allein die Komödianten bildeten ein geselliges Völkchen und kamen ja auch zum Spielen, um all dies Volk, das sie von der höchsten Galerie aus sehen würde, zu belustigen.

»Ist es sehr hochtrabend, was ihr aufführen werdet, Adulescens?« fragte einer der Matrosen aus Ostia den Darsteller der ersten Jünglingsrolle, während er Fabulla über die weiße, kugelrunde Schulter des Colosseros hinweg zublinzelte. Denn der Adulescens, der sich auf seine Jünglingszüge, die er nur selten hinter einer Maske verbarg, sehr viel einbildete, protzte mit der Gunst der Frauen und schaffte sich daraus eine Nebeneinnahme in der Hoffnung, sich einstmals loskaufen zu können.

»Nein!« erwiderte der Adulescens gutmütig, während er immerfort selbstgefällig zu Fabulla hinüberblinzelte, die von diesen Blicken sehr belustigt schien, trotzdem aber den Arm unablässig um den säulenartigen Nacken des jungen Riesen geschlungen hielt. »Wahrscheinlich wird es Plautus sein. Die Menächmi oder vielleicht die Bacchides, und«, fügte er sich herabbeugend hinzu, »ihr werdet es alle sehr gut verstehen können. Denn der Prolog wird euch sofort einweihen.«

»Ja, ja!« schrien die Matrosendirnen durcheinander. »Dann ist es auch leichter.«

»Ich kann nicht allem so gut folgen.«

»Ich habe immer am liebsten das, was zum Schlusse kommt. Dann tanzen und springen sie.«

»Jawohl!« sagte der Adulescens selbstgenügsam und mit dem Hochmut eines Intellektuellen. »Solch ein Mimus als Nachspiel, solch ein Exodium ist immer recht hübsch wegen all der schönen Schaustellungen.«

Obwohl er einsah, daß seine weisen Worte hier schlecht angebracht waren, konnte er doch nicht umhin, während er immer noch zu Fabulla hinüberblinzelte, herablassend hinzuzufügen:

»Aber unsere Kunst, unsere Kunst des sprechenden und singenden Rezitierens, mit einem Worte gesagt, unsere Schauspielkunst, steht natürlich höher als all das Tanzen und Purzelbaumschlagen und Possenreißen, wie es in den Exodia geschieht.«

»Kannst du denn solche Rolle ganz auswendig lernen?« fragte der Matrose mit ängstlicher Miene.

»Natürlich!« antwortete der Adulescens. »Man wird geprügelt, wenn man seine Rolle nicht kann oder wenn man stottert oder stecken bleibt, während sich ein Mimusspieler« – seine Stimme klang nun verächtlich –, »der nur tanzt und springt, immer zu helfen weiß.«

Der erste Mimusspieler überhörte seine Worte, während der Adulescens Fabulla gänzlich vergaß und seinen jugendlichen Liebhaberkopf fast völlig in einen braunen Napf voll warmer Linsensuppe vergrub, die er gierig schlürfte. Doch der Mimusspieler, der mit beiden Händen und mit den Lippen eine dicke Wurst bearbeitete, antwortete heftig, während seine bartlosen Wangen von Fett trieften:

»Als müßten wir nicht nach dem Rhythmus der Musik und der Flöten springen und tanzen, als würden wir nicht gepeitscht, wenn wir auch nur einen Augenblick aus dem Takte kommen! Das Publikum pfeift uns heftiger aus als euch, weil es unserm Tanze besser folgen kann als den Tausenden von Worten, die ihr ausspuckt, und die einfach unverständlich sind, wenn man nicht eine Maske mit einer breiten Schnauze umbindet wie du, edler Adulescens.«

»Mich verstehen sie immer sehr gut!« schrie der Adulescens wütend, während er die Finger um den inzwischen geleerten Topf krampfte. »Das ist nur eine Frage des Artikulierens.«

»Unsinn!« rief der Mimus. »Das Publikum versteht immer besser, wenn man eine Maske vorhat, weil der Mund der Maske wie ein Trichter den Klang verstärkt hinaussendet.«

»Wenn man als Adulescens edle Züge hat,« rief der Liebhaber aus, »braucht man keine Maske.«

»Willst du etwa behaupten, du hättest edle Züge?« rief grinsend der Mimus noch immer haßerfüllt aus. »Wenn du auf den Brettern stehst, hast du für die entferntesten Zuschauer geradezu ein Säuglingsgesicht.«

»Das ist, beim Pollux, nur eine Frage des Schminkens,« gab der Adulescens scharf zurück.

»Jedenfalls wäre mir eine Maske lieber. Ich würde lieber ein Personatus sein, als daß ich mein eigenes Gesicht verschmierte mit Schwarz um die Augen und Rot um die Lippen, so wie du das tust.«

»Hi-ah!« bestätigte der Esel.

»Bis du doch wie eine Maske aussiehst.«

»So? Aber im allgemeinen habe ich doch einen sehr guten Kopf. Das gibt sogar der Dominus selber zu.«

»Maske bleibt Maske!« beharrte der Mimus. »Wer sie trägt, bleibt wenigstens unkenntlich hinter der Maske und ist nicht dem Publikum preisgegeben wie ihr, die ihr allzeit kenntlich bleibt, was ihr auch auf euer Gesicht schmieren mögt.«

»Wir bleiben viel menschlicher, wenn wir keine hölzerne Maske tragen.«

»Ihr seid wie Dirnen mit eurer Schminke, beim Pollux!«

»Ich habe, beim Herkules, noch niemals eine Dirne gesehen, die wie ein Comoedus aussieht, denn wir schminken uns nicht jugendlich, sondern malen uns Runzeln. Ich spare wahrhaftig nicht mit der Farbe auf meinem Gesicht.«

»Hi-ha!« machte der Esel.

»Eine Maske ist notwendig!« rief wütend der junge Senex. Er selbst mußte immer mit einer Maske spielen.

»Ihr seid Cinaedi!« schrie der Mimus mitten durch den Lärm hindurch.

»Nein, gerade ihr seid Cinaedi!« brüllte der Adulescens rasend. »Ihr wiegt euch in den Hüften und benehmt euch wie obszöne Knaben, wie jene Galli dort. Aber wir bleiben Künstler, Künstler des Wortes, wir bleiben immer erhaben-komisch. Wir bieten nicht priapeische Genüsse feil, wie ihr es tut. Wir reizen nicht die niederen Instinkte des Publikums wie ihr mit euren Bockspringen. Ich kann von mir ruhig behaupten, daß ich nur für schöne Frauen zu haben bin, während ihr jedem zu Willen seid.«

Er lächelte verführerisch zu Fabulla hinüber.

»Zankt euch nicht. Freunde!« rief Nilus dazwischen. »Eßt euch lieber den Bauch voll!«

Mit diesen Worten setzte er sowohl dem Mimus wie dem Adulescens eine mit Petaso gefüllte Schüssel vor: Schweinegehacktes mit Püree und Eiern angerichtet.

»Beim großen Jupiter!« rief der Adulescens jauchzend aus. »Herr Caupo, Ihr seid wert, daß wir Euch den ganzen Plautus vorspielen und hinterher auch noch den Terenz.«

Der Mimus sprach kein Wort. Vor Heißhunger stöhnte er wohllüstig, warf sich mit dem Mund über die Schüssel und schleckte sie aus.

»Was ist Terenz?« fragte eine der Matrosendirnen.

»Wer Terenz ist?« wiederholte der Adulescens und hielt den Mund weit auf vor Verwunderung darüber, daß ein Mensch, und sei es auch nur eine Dirne aus Ostia, die sich einen Tag herumtrieb mit Matrosen von einem dort eingelaufenen Getreideschiff, das von Ägypten kam, um Rom Nahrung zuzuführen, so unwissend sein konnte. »Wer Terenz ist? Aber wie ist das nur möglich?«

»Sie ist ja nur eine einfache Dirne!« sagte der Matrose, der das Auswendiglernen so sehr fürchtete. »Was weiß denn unsere Sila von all der Gelehrtheit? Sag' du uns jetzt einmal, du gescheiter Adulescens, was, ich meine, wer Terenz ist.«

»Terenz ist ein berühmter Lustspieldichter,« sagte der Adulescens erläuternd, »der vor etwas mehr als zweieinhalb Jahrhunderten gelebt hat und der gleich nach Plautus kommt, aber kein so großes Genie ist.«

»So?« sprach langsam und verächtlich der feine erste Parasit, während er sich umwandte, einen langen, blauen Spargel in den Fingern. »Findest du Terenz weniger genial als Plautus? Beim Herkules, es ist das erstemal, daß ich das höre. Terenz, der sein Griechisch so vollendet beherrschte, der von so seinem Geiste war!«

»Beim Pollux, Plautus hat doch auch die griechischen Vorbilder nachgeahmt,« gab der Adulescens beißend zurück.

»Terenz, dessen Sprache und Rhythmus so elegant sind!«

»Plautus ist, sowohl was seine Sprache, als auch seinen Rhythmus anbelangt, viel frischer, und der Aufbau seiner Komödien ist viel weniger systematisch. Terenz ist schon dekadent.«

»Noch schöner! Terenz, dessen Titel allein schon Gedichte sind, effektvoll genug, um sie zu deklamieren. Wann hätte Plautus Titel gefunden wie ›Andria‹, ›Hecyra‹ und namentlich ...«

Der Parasit spitzte die Lippen und sprach, während er Daumen und Zeigefinger gegeneinander legte:

»Heautontimorumenos! Ist solch ein Titel allein nicht schon von geradezu äolischem Klang?«

Der Parasit sang, rezitierte, spielte das lange griechische Wort Silbe auf Silbe, den reich klingenden Titel des Spieles von dem »Selbstquäler«.

Darauf lehnte er – im Leben mäßig, obwohl er auf den Brettern den Vielfraß spielen mußte, – die zweite Portion Fleisch und Bohnen, die Nilus ihm anbot, dankend ab.

»Wie gelehrt sie jetzt werden!« sagte Sila zu ihrem ägyptischen Matrosen. »Sie sind wie die Philosophen!«

»Sie sprechen griechisch,« sagte der Matrose, der in Alexandria vielsprachig geworden war und den Titel des Heautontimorumenos beinahe verstanden, aber nicht begriffen hatte. »Aber du hast recht, beim Herkules, es sind gescheite Kerle.«

Inzwischen keiften der selbstbewußte Adulescens und der feige Parasit weiter über die Vortrefflichteit des Plautus und des Terenz, und die Christen murmelten einander zu:

»Dieses sündhafte Theater, meine Brüder!«

»Diese unsittlichen Darstellungen, immer Ehebruch!«

»Sklaven, die ihre Herren betrügen, und Huren!«

»Bei Plautus und bei Terenz.«

»Niemals läuternd und erhebend, stets in den Schlamm der Niedrigkeit hinabziehend!«

»Müssen wir nicht gehen, Brüder? Hat nicht die Stunde geschlagen?«

»Da unser Bischof, der heilige Klemens ...?«

»Ja, ja, uns erscheinen wird in den Katakomben zur Predigt?«

»Gehen wir, gehen wir!«

Sie erhoben sich. Alle sahen nun, daß sie Christen waren. Doch nichts Besonderes war an ihnen. Sie verrieten sich nur durch ihre Züge, durch ihre starren Augen und die fest zusammengekniffenen Lippen. Kaum, daß ihre groben Tuniken etwas dunkler waren als die der sie umringenden Heiden.

Sie gingen, und man blickte ihnen nach und verhöhnte sie, als sie bei der Tür angekommen waren.

»Säuglings-Schlächter!« schrien die Galli.

Der letzte der Christen wandte sich um, stand einen Augenblick still. Um seine festgeschlossenen Lippen erblühte plötzlich ein Lächeln strahlenden Mitleids.

»Nigrina!« rief Fabulla, noch immer auf den Knien des Colosseros sitzend. »Wie schön sah der Christ aus, als er so lächelte!«

»Ich beunruhige mich sehr, Herr Caupo,« sprach der Dominus besorgt. »Ich fange wirklich an, mich um Cäcilius und Caecilianus, meine beiden ersten Frauenrollen, zu ängstigen. Es sind sehr kostbare Kerlchen, und ich fürchte stets, sie zu verlieren. Es sind Zwillinge, Herr Caupo, etwa sechzehn Jahre alt. Ich habe sie in Syrakus gekauft, als sie kaum drei Jahre alt waren und habe sie jetzt gewiß schon dreizehn Jahre. Sie haben verschiedene Pädagogia besucht. Ich habe viel Geld an sie gewendet. Ich habe sie in allem unterrichten lassen: in der Rhetorik, in allen freien Künsten, in der Musik, im Tanz. Dafür sprechen sie jetzt auch ihre Rollen wie keine andern. Sie haben viel Talent, und es ist langsam gereift. Ich habe sie niemals geißeln lassen, ich fürchtete, ihre schönen Körper könnten verdorben werden. Ja, ja, ich habe sie sehr verwöhnt, und sie wissen ganz genau, daß sie sich manches herausnehmen dürfen. Sie laufen mir davon, bleiben stundenlang fort. Wie heute abend. Denkt Euch nur, Freund Caupo, wenn sie für immer weggelaufen wären oder geraubt! Knaben in diesem Alter, die so schon sind, werden hier in Rom hin und wieder geraubt, hier ist alles so groß! Was hier verschwindet, findet man nicht leicht wieder. Mich überläuft es eiskalt bei dem Gedanken, daß sie vielleicht ... Das wäre ein Verlust!«

»Wann habt Ihr sie zuletzt gesehen, Freund Dominus?« fragte Nilus.

Der Dominus saß auf einem Schemel, wo ihn Nilus dicht vor dem Schanktisch hatte niedersetzen lassen. Auf seinen Knien hielt er einen tiefen Teller, der zu Anfang reichlich mit Suppe, dann mit Fleisch, Gemüse, Brot gefüllt war, und verzehrte jetzt einen Honigkuchen nach dem andern. Sein allzeit gefüllter Becher stand auf dem Schanktisch vor ihm.

»Soeben noch. Wenn ich nicht irre, sah ich sie, als wir unsere Kämmerchen in jenem Hause dort drüben gemietet hatten. Da mußte ich das Unterbringen unserer Kisten und Koffer überwachen, die gefüllt sind mit Requisiten und Masken und Manuskripten und die im Haus unten bei dem Sklavenhändler verwahrt werden. Ach, Freund Caupo, Ihr ahnt gar nicht, was für Arbeit es macht, solch eine große Grex von Neapel nach Rom zu bringen! Auf mir ruht alles: ich muß den Briefwechsel führen mit dem Prätor und den Ädilen, ich muß darauf achten, daß in den Verträgen alles erwähnt wird, was erwähnt werden muß. Die Verträge sind nun alle unterzeichnet, aber ein Geld habe ich ausgegeben, um unsere Masken und Bühnenschuhe wieder auffrischen zu lassen, noch bevor ich der Sache sicher war! Die Ädilen fingen dann an zu handeln, und die Reise von Neapel nach Rom ist gar weit, und bevor man wiederum Antwort hat, vergehen Tage und Wochen, mag die kaiserliche Post unter unserm gnädigen Kaiser Domitian auch noch so trefflich geregelt sein.«

»Hm, hm!« brummte Nilus vielsagend mit einem Grinsen, wie eine Theatermaske, meinte der Dominus.

»Pst!« flüsterte erschreckt Lavinius Gabinius. »Nicht brummen, nicht grinsen, Freund Caupo!«

Aus Angst trank er seinen soeben eingegossenen Nomentaner in einem Zug aus.

»Denkt Euch nur, ich, der ich mit den Magistraten zu tun habe, sage immer: unser gnädiger Kaiser Domitian und alles, was kaiserlich ist, auch die Post, ist prächtig geregelt, jawohl, prächtig. Bedenkt doch, wenn ich etwas anderes sagte, würden die Angeber ...«

»Hier sind keine!« sagte Nilus prahlend.

»Sagt das nicht zu laut, Freund Caupo!«

»Von diesem Völkchen hier ist beim Kaiser nichts zu verklatschen.«

»Es könnte doch sein, daß gerade die Vornehmen, die sich als Dirnen und Gladiatoren vermummen, Angeber sind.«

»Sie kommen schon wochenlang hierher. Es sind nur ein paar Weiber, die prickelnde Abwechslung suchen.«

»Ach so! Prickelnde Abwechslung, Freund Caupo! Ist das modern in Rom?«

»Wer weiß? Sie sind nicht moderner, als Messalina war. Sie sind der Vornehmheit müde und führen sich sonderbar auf. Sie suchen Liebhaber und Geliebte unter dem Volke, wenn sie von ihresgleichen genug haben. Sie sollten einmal von einem modernen Dramatiker an den Pranger gestellt werden! Ja, das sollten sie, Freund Dominus! Dann müßtet ihr die Satire aufführen lassen!«

»Ei was, modern, Freund Caupo! Echte Kunst ist nie modern. Von den modernen Schriftstellern wollen wir nichts wissen. Die haben nicht so viel Talent, Genie meine ich, wie Plautus und Terenz hatten, obwohl sie vor beinahe drei Jahrhunderten gelebt haben. Sogar für unsere Mimen suche ich am allerliebsten die antiksten aus, die lustigen Stücke des Livius Andronicus. Aber wo doch nur Cäcilius und Cäcilianus bleiben? Freund Caupo, mich verzehrt die Unruhe. Seit ich die Unterbringung der Koffer und Kisten überwachte, habe ich sie nicht mehr gesehen. Sind sie mir entwischt? Sind sie mir durchgebrannt? Was mögen sie jetzt treiben in dieser großen, unbekannten Stadt? Wir haben schon öfter in Rom gespielt. Vor drei Jahren.«

»So, Freund Dominus, vor drei Jahren? Damals war ich noch in Alexandria.«

»Aber damals spielten die beiden noch nicht die ersten Frauenrollen. Damals traten sie nur ab und zu in einem Mimus auf. Sie tanzen auch schön. Aber ich meine, sie kennen Rom doch nicht und irren jetzt in dieser großen, dunklen Stadt umher. Wo mögen sie nur sein in diesem Augenblick?«

»Vielleicht heimgegangen, Freund Dominus.«

»Heimgegangen? Jawohl! Die sehen mir gerade so aus, als ob sie so früh und so ruhig heimgingen und noch dazu ohne Nachtmahl. Es sei denn, daß der oder jener ihnen eine Aufforderung ins Ohr geflüstert hat. Freund Caupo, wenn sie nicht zurückkehren, bin ich verloren. In drei Tagen muß ich spielen, und wenn ich sie nicht habe ... Den Göttern Dank!«

Der Dominus hatte einen Schrei der Erleichterung und der Freude ausgestoßen. Die Tür hatte sich geöffnet. Es regnete nicht mehr. Durch die geöffnete Tür sah man in die enge Suburagasse, über der sich der Himmel dunkelblau wölbte, ein nächtlicher Streifen, von der Tür umrahmt. Es blitzen sogar zwei, drei Sterne auf. Die niedrigen Häuser zeigten ihr graues Dächer- und Mauergewirr dunkel und unheimlich unter diesem Nachtstreif oder erglommen in triefender Feuchtigkeit, beleuchtet von dem rötlichen Glanze der Laternen, die vor dem Hause des Taurus ihr Licht spendeten. Obwohl es schon spät in der Nacht war, saßen – von der Taberne aus waren sie sichtbar – drei, vier Frauen davor auf hohen Stühlen. Name, Preis und etwas über ihre besondere Eigenart war über ihrem Platze derb angeschrieben und obszön gemalt. Sehnsüchtig schauten sie in die Taberne an den beiden Knaben vorüber, die soeben die Tür geöffnet hatten. Sie schauten, ob niemand herauskomme und sahen zugleich, daß diese beiden blonden Knaben, in eine weite Abolla gehüllt, dort eintraten. Der Mantel umhüllte ihre mutwilligen Zwillingsgesichter. Die dort sitzenden Dirnen riefen etwas in die Taberne hinein, riefen sogar die blonden Knaben an. Doch diese kehrten den Dirnen ihre in einen Mantel gewickelten Rücken zu, während ihre Augen schalkhaft in das Innere der Taberne hineinschauten. Im Schatten des Mantels, der ihnen über die Köpfe hing, lugten ihre vier dunklen Gucker verschmitzt in den Raum, dessen Qualm und Dunst sie zu durchdringen versuchten. Sie waren jung, frisch und blond, reizend im Glanz ihres kecken Lächelns, des Lächelns verderbter Knaben. Sie hielten sich in den Mantelfalten eng umschlungen, während sie auf der Schwelle zauderten.

»Also endlich!« rief der Dominus, und die ganze Truppe wiederholte jauchzend, ironisch und ihren Herrn, um dessen Unruhe sie wohl wußten, neckend:

»Also endlich, endlich, Cäcilius und Cäcilianus!«

So daß all die Matrosen, die Dirnen, die Gladiatoren, die Galli, all diese dicht zusammengedrängten Gäste riefen, gleich als hätten sie die Neuangekommenen schon seit langem erwartet:

»Also endlich, endlich, Cäcilius und Cäcilianus!«

»Seid ihr nun endlich da, Cäcilius und Cäcilianus?« rief der Dominus, während er sich erhob. Seine Stimme klang wie die eines unzufriedenen Feldherrn. »Wo habt ihr denn gesteckt?«

Cäcilius und Cäcilianus waren eingetreten. Die Tür fiel ins Schloß und versperrte den Ausblick auf die Gasse und die in abwartender Haltung vor der Tür des Taurus sitzenden Dirnen. Die Knaben gaben nicht sogleich Auskunft darüber, wo sie gewesen, antworteten mit einem Scherz, der in dem wirren Durcheinander unverständlich blieb, und legten ihren weiten Mantel ab. Aller Augen richteten sich auf sie. Ein jeder wußte, daß sie die ersten Frauenrollen spielten. Sie waren von gleicher Größe, nicht klein, sehr schlank, kindlich, aber dennoch hatten sie etwas an sich, das sogleich den jungen Histrio verriet: eine Ironie, eine Gewandtheit, eine Nichtsnutzigkeit und etwas gewissermaßen Herausforderndes, wiewohl sie Sklaven und verachtet waren. Keinerlei Verlegenheit zeigten diese Kinder der Bretter. Sie schienen sich überall sofort heimisch zu fühlen, diese Nomaden des mißachteten Berufes, die schon weit in der Welt umhergekommen waren. Mochte es Canopus bei Alexandra oder Bajae bei Neapel oder die Subura in Rom sein, für sie blieb alles gleich. Reiche Villen, großartige Terrassen, die Taberne des Nilus, nichts konnte auf sie mehr großen Eindruck machen. Sie begannen sogleich mit Nilus zu scherzen, als hatten sie ihn schon jahrelang gekannt. Ungezogenen Kindern gleich tauchten sie ihre Finger in die Gerichte, um sie zu kosten.

»Hi-ha ...« Ließ sich wiederum der Esel vernehmen, und die Knaben ahmten ihn nach und wollten sich ausschütteln vor Lachen, Nachdem sie ihren Mantel abgelegt hatten, wunderte es ihre Mitspieler – sofern irgend etwas, was die Knaben betraf, sie noch wundern konnte –, daß sie nicht gleich allen andern ihre schmutzige, braune, durchnäßte Tunika trugen. Vielmehr trugen sie beide eine hellgelbe Tunika aus feiner Leinwand mit Stickerei an den Ärmeln und an dem Rande ihrer hellgelben Schuhe, die bis zu den Knien geschnürt waren und auf der Straße kaum feucht geworden zu sein schienen. Wo waren sie gewesen? Wo hatten sie Gelegenheit gehabt, sich umzukleiden? Warum waren ihre schönen Schuhe so unversehrt? Stand ihnen in Rom sofort eine Sänfte zur Verfügung? Diese Fragen aus dem Munde des Senex, Adulescens, Parasiten, der Sklavenrollen und all der übrigen stürmten auf die beiden Knaben ein. Scherzend wiesen sie alles von sich genau so, wie sie Fliegen von sich abgewehrt hätten. Hatten sie ein Bad genommen, daß sie so erfrischt waren? Sie sprachen sich darüber nicht aus. Hi-ha! riefen sie dem Esel zu. Sie tanzten sogar einen Augenblick mit den Galli. Cäcilianus, der »Jüngste« – denn er war der jüngere Zwilling – schlug mit der flachen Hand gegen die untere Seite des Schubfaches mit den Nabeln, die der Archigallus ihm anpreisend zeigte, und die kleinen Nabel schnellten empor und flogen hierhin und dorthin. Alle lachten, und der Archigallus fluchte. Fabulla und Nigrina winkten die Knaben voller Interesse zu sich heran, und es war ein tolles Stimmengewirr und ein wüstes Durcheinander um sie her.

»Wo kommt ihr her?« fragte Nigrina, die breitbeinig dasaß und ihre Männerfaust auf den Tisch stützte.

»Aus dem Palast des Kaisers, edle Fechterin,« antwortete Cäcilius prahlerisch, worauf der Dominus, der sich sofort erhoben hatte, ihm erschreckt ins Ohr flüsterte:

»Nimm dich in acht! Die Patrizierin dort kommt aus dem Palast des Kaisers.«

»Ecastor!« sagte Cäcilius fluchend, der es vornehmer fand, bei Castor als bei Pollux oder gar bei Herkules zu fluchen.

Fabulla, die Nichte der Kaiserin Domitia, blickte, noch immer auf den Knien des Colosseros sitzend, Cäcilius neugierig an. Allerlei Gedanken und ehrgeizige Wünsche jagten ihr durch den Kopf unter ihrer großen, blonden Dirnenperücke, Gedanken, ehrgeizige Wünsche, deren sie sich schon so oft bewußt geworden, seit Nigrina sogar mit Genehmigung des Kaisers Domitian, ihres Vetters, Schwertfechterin geworden war. Das Leben war dumpf, ohne Erregung. Das Leben im Palatium war trübselig, seit Domitia, die Kaiserin, und Domitian, die einander stets feindlich gesinnt gewesen, sich nun haßten. Heitere Feste gab es nicht mehr. Dort hing stets eine düstere Atmosphäre, von Drohungen erfüllt, wenn der Kaiser sich plötzlich zeigte, nachdem er tagelang abwesend geblieben war und sich damit zerstreut hatte, Fliegen auf eine lange Nadel zu reihen. Fabulla, die jung war, und nach dem Leben schmachtete, langweilte sich in dieser lastenden Umgebung. Der Kaiser sah sich nicht mehr nach ihr um, nachdem eine Laune, die kaum zwei Nächte gewährt, verflogen war, ja, sprach nicht einmal mehr zu ihr. Domitia behandelte sie ab und zu wie eine Sklavin, Domitilla, des Kaisers Schwester, ebenfalls. Hätte sie Nigrina nicht gefunden und mit ihr die neue Erregung der Freundinnenleidenschaft, so würde sie nicht das geringste Lebensinteresse gehabt haben in diesem dumpfen, öden Dasein, das alle unaufhörlich mit der plötzlich drohenden Ungnade des Kaisers belastete. Die Subura, die Kneipen, die Bordelle, die Taberne des Nilus, das alles hatte ihr Nigrina offenbart. Sie hatte es ihr ermöglicht, daß sie das Leben des Volkes, des Geringsten aus nächster Nähe sah, daß sie sich vor aller Augen von einem jungen Gladiator umarmen ließ, weil es so eng war, daß Nigrina es wohl dulden mußte, daß sie auf den Knien des Colosseros saß. Alles dies ließ sie die unaufhörlich quälende Angst vergessen, daß eines Tages plötzlich die Henker des Domitian sie packen könnten ohne Grund, nur weil sie gelacht oder nicht gelacht habe. Hier vergaß sie, hier sah sie die Histriones in ihrer unmittelbaren Nähe ihre Suppe schlürfen. Ungeheuer interessant schienen sie ihr. Und dann der Ehrgeiz und alle die einer Patrizierin aus dem Hause der Flavier so seltsam fernen, entnervenden Wünsche, die doch einzig das Leben lebenswert machten! Wenn Nigrina Schwertfechterin war, warum konnte sie, Fabulla, dann nicht als Schauspielerin auftreten in einem Stück des Terenz oder des Plautus? Sie sang, sie deklamierte, sie beschäftigte sich mit all diesen Dingen, die eine Patrizierin niemals trieb, die sonst nur kostspielige Sklavinnen trieben. Solche Dinge weckten neues Interesse, feuerten seltsam ehrgeizige Wünsche in ihr an: daß die Menge in einem Theater ihr zujubeln, sie auspfeifen möge, sie, die Nichte der Domitia.

»Spielst du?«, fragte Fabulla den Cäcilius, »die ersten Frauenrollen, Kerlchen?«

»Zu dienen!« antwortete Cäcilius possierlich. »Ich und mein Brüderchen, wir stellen auf den Brettern ebenso schöne Meretrices dar, wie du eine bist in deinem durchsichtigen Gewand.«

»Von dem nicht zu reden, was sie sind, wenn sie nicht auf den Brettern stehen!« rief der Senex, der die Knaben aus mehr als einem Grunde nicht leiden konnte.

»Erzähle!« sagte Fabulla.

»Was denn, Schwesterchen?« antwortete Cäcilius scherzend, frech und kindlich zugleich.

»Komm näher zu mir!«

»Es ist hier so voll. Ich kann nicht.«

»Komm nur zu mir auf mein anderes Knie!« bot Colosseros an.

Cäcilius drängte sich durch die Menge und nahm auf des Colosseros anderm Knie Platz. Der junge Gladiator ließ die Frau und den Knaben wie Kinder auf seinem Schoße hopsen.

»Wie lange spielst du die Rollen schon?«

»Seit zweiundeinhalb Jahren, mit meinem Brüderchen.«

»Ist dies das erste Jahr, daß du in Rom auftrittst?«

»Ja. Aber wir sind in Alexandria und in Kleinasien aufgetreten, überall gibt es Theater, sogar größere als hier in Rom.«

»Das Auswendiglernen ist wohl peinlich?«

»Jawohl, für den Rücken, wenn man stecken bleibt.«

Abwechselnd wippten sie auf des Colosseros Knien hoch.

»Ei was!« rief der Senex aus. »Das Kerlchen hat einen viel zu schönen Rücken, um jemals geprügelt zu werden.«

»Du bist alt vor der Zeit!« rief Cäcilius, um den Senex zu ärgern, der, obwohl noch jung, niemals Adulescens hatte sein dürfen.

»Hast du lange lernen müssen?« fragte Fabulla voller Interesse.

»Ob wir lange lernen müssen, Schwesterchen! Erst tanzen, dann Musik.«

»Das kann ich auch.«

»Ecastor! Hast du die Sklavenschule besucht dort drüben im Palast, liebe Schwester?« fragte Cäcilius die Patrizierin aus dem Hause der Flavier mit schalkhafter Neckerei.

»Was lernst du sonst noch?«

»Metrik. Was ein Senar ist und ein Septenar, und wie man Senare spricht und wie Septenare. Wie man einen ruhigen Satz spielen und sprechen muß und wie eine erregte Stelle. Dann noch vieles andere. Danke Caupo! Ich habe kein Verlangen mehr nach Suppe und Fleisch, aber ich möchte wohl noch einen von deinen Honigkuchen essen.«

Geziert dankte er für die Gerichte, die Nilus ihm selber brachte, als habe er bereits insgeheim und seiner zu Abend gegessen. Aber naschmäulig knabberte er an den Honigkuchen, von denen er in jeder Hand einen hielt, während er an Fabullas Seite auf des Colosseros Knie schaukelte.

»Dominus!« rief plötzlich Fabulla, während sie Lavinius Gabinius zu sich heranwinkte. Nigrina hatte sich mit den Thraeces iu die Methode vertieft, wie man das Schwert von der rechten in die linke Hand wirft, um dem Gegner den Fang zu geben, während der rechte Arm den Schild auffängt.

Lavinius Gabinius trat näher.

»Ist es durchaus notwendig, daß die Frauenrollen immer von Knaben gespielt werden?« fragte Fabulla.

Lavinius war verstummt. Das war eine sehr gewichtige Frage. Die sollte er nun hier inmitten dieses unwissenden Publikums gemeinsam mit diesem nach Ungewöhnlichem lüsternen Weibe verhandeln, die auf dem Knie des Gladiators an der Seite des Cäcilius sich schaukelte.

»Domina!« sagte er ausweichend.

»Ich bin keine Domina,« gab Fabulla scharf zurück. »Du bist Dominus, aber ich gehöre nicht zum kaiserlichen Hause, so daß man mich Domina anreden müßte. Ich bin nur eine ganz gewöhnliche Dirne, was man dir auch von mir erzählen mag. Ich wurde wohl hin und wieder in den Palast entbeten. Denn ich bin die Schutzbefohlene von einer der Frauen des Kaisers. Das ist alles. Das übrige ist leeres Geschwätz.«

»So!« sagte Dominus, der verstand, daß die Nichte der Kaiserin Domitia hier so und nicht anders angesehen zu werden wünschte. »Natürlich, natürlich, ich verstehe schon.«

»So sage mir nun: Ist es durchaus notwendig, daß die Frauenrollen immer von Knaben gespielt werden?«

»Was fragte sie da?« rief Cäcilianus, der mit den Galli getanzt hatte und sich nun hinter dem Rücken des Cäcilius an des Colosseros Knie schmiegte.

»Willst du auch hopsen?« fragte Colosseros, während er zugleich das Brüderchen auf den Schoß des Brüderchens schob und nun drei auf seinem Schoße hatte. Aber alle drei waren so stark an den schwebenden Fragen interessiert, daß sie das Schaukeln unbewußt über sich ergehen ließen.

»Das ist eine sehr gewichtige Frage, Fabulla,« sagte der Dominus, »die du mir da stellst. Eine sehr gewichtige Frage! Sie ist im Theaterleben schon seit hundert Jahren behandelt worden.«

»Natürlich!« riefen Cäcilius und Cäcilianus, die Nebenbuhlerschaft witterten, fast gleichzeitig, während sie ihre feinen Köpfchen gleich Nattern emporreckten. »Natürlich ist das durchaus notwendig.«

»Warum können Frauen diese Rollen nicht spielen?«

Der Dominus wollte antworten, aber Cäcilius und Cäcilianus riefen wirr durcheinander:

»Ihr Mädchen habt keine Stimmen, die unsern großen Theaterraum füllen könnten. Nein, ihr habt keine Stimmen, ihr seid auch viel zu klein für die klassische Komödie. Mit einem Wort, ihr Mädchen könnt es nicht. Auf den Brettern könnt ihr nur Flöte spielen oder tanzen, wie es Thymele tut.«

Sie waren beide sehr ärgerlich und schaukelten fast mechanisch auf den unermüdlichen Knien des summenden Colosseros. Sie merkten nicht, daß sie alle drei wie Kinder sprangen auf dem Schoße dieses Eros, der ein Koloß war. Alle drei, zwei gegen einen, die beiden Knaben gegen die Frau, gerieten plötzlich in eine Feindseligkeit, während Cäcilianus noch immer naschmäulig genug war, den Honigkuchen dem Brüderchen aus dessen Hand langsam abzubrechen und ihn selber aufzuknabbern. Leidenschaftlich, als wollten sie die gewichtige Frage in diesem Augenblick lösen, flammte ihr verworrener Zwist auf. Fabulla behauptete, sie fühle in sich die Begabung, Frauenrollen zu spielen, und habe genug Stimme, um den am fernsten auf den höchsten Ringen sitzenden Zuhörern Senare und sogar Septenare verständlich zu machen. Die Knaben behaupteten, es sei unerhört, ungesehen, in Griechenland noch niemals dagewesen und jeglicher Tradition zuwider, ohne die das Theater zu einem Unding werden müsse. War doch die Tradition alles in der klassischen Komödie! Mit weit geöffnetem Munde beugten sich die Matrosendirnen vor. Sie verstanden nicht, was dort verhandelt wurde. Sprach doch auch diese patrizische Dirne schon wie ein Philosoph!

»Möchtest du, Dominus,« schrie Fabulla mitten durch die Beweisgründe der schon neidischen, furchtsamen, getränkten, geringschätzig sprechenden Zwillinge, »es nicht einmal mit mir versuchen? Ich würde dir Geld dafür zahlen. Denn ich bin die Schutzbefohlene einer der Palastfrauen der Kaiserin.«

Jetzt gab es kein Halten mehr. Alle drei, die beiden Knaben und das junge Weib, hatten sich erhoben und standen einander gegenüber, während sie sich rasend Worte zuwarfen, die nicht mehr verständlich waren. Alle übrigen Komödianten sahen voller Interesse zu. War doch die Frage, ob Frauenrollen von Frauen gespielt werden könnten, ebenso gewichtig wie die Frage der Masken. Es gab solche, die dafür, und andere, die dagegen waren. Der Adulescens zum Beispiel und der Parasit waren für Knaben, weil echte Frauen zu sehr von der Kunst ablenken würden. Der Senex war entschieden gegen Knaben und gab dem Spiele von Frauen den Vorzug. Er war übrigens in jeder Beziehung und immer gegen diese Knaben, gegen diese kleinen Prahler, die es, mochten sie auch Sklaven sein, in jeder Weise viel besser hatten als er, obwohl er ein Freigelassener war. Er, der Senex, hatte bereits als ganz junger Sklave nur die Senexrollen spielen dürfen, und das wegen seiner tiefen, brummigen Stimme. Weil er ein guter Senex war, hatte sein Dominus ihn stets angemessen bezahlt, und so hatte er sich endlich freikaufen können. Aber in sich behielt er eine Bitterkeit, die in ihm erwacht war, weil er von seiner Jugend an Alte-Männer-Rollen hatte spielen müssen. Die grinsende Maske, dieses Unding, das mehr einem Satyrkopf als dem Gesicht eines Mannes glich und hinter dem er schwitzte und traurig war, hatte nicht nur seinen Kopf, sondern sein ganzes Leben bedrückt, hatte ihn eifersüchtig, neidisch und bitter gemacht. Er haßte seine Maske und war sich bewußt, daß er sich von ihr niemals werde befreien können. In der Maskenfrage sprach er sich daher aus Mißgunst gegen die Zwillinge für die Maske aus, wahrend er seine eigentliche Meinung verbarg und sehnlichst hoffte, daß eines Tages alle Schauspieler ohne Ausnahme solch einen elenden, schweren Maskenkopf würden tragen müssen, auch der Adulescens und der Spieler einer Frauenrolle. Was die Posse von Atella in der Tat vom künstlerischen Standpunkt aus vertrat, das sagte der verbitterte, melancholische, neidische Senex vor Melancholie, Mißgunst und Bitterkeit. Aber die Frauenfrage! Gewiß, er war für Frauen, für maskierte weibliche Schauspielerinnen, und nicht für diese verderbten, schönen, blonden Knaben, die niemals Prügel erhalten hatten, die nur das taten, was ihnen paßte, die davonliefen und Abenteuer suchten und sich niemals zu maskieren brauchten.

Mitten in die Meinungen, die hier laut wurden, schlenderte er auch die seinige, erbarmungslos.

»Gewiß, Fabulla!« rief er, »du würdest natürlich mit einer Maske viel besser meine Tochter spielen oder die Dirne, die ich alter Mann meinem Sohn abjage in einem Stücke des Plautus, als die dummen Jungen mit ihren geschminkten Gesichtern.«

Die Zwillinge schrien heftig zurück. Es war seltsam, aber diese vermutlich halb und halb als Patrizier geborenen Knaben, die indes schon von ihrer Kindheit an im Komödiantenfach groß geworden, waren ihrer Kunst zugetan. So sehr hingen sie an ihr, daß sie fast nur noch instinktiv fürchteten, es könne einmal eine Zeit kommen, in der Knaben wie sie die Frauenrollen nicht mehr spielen würden. Sie verteidigten ihr Gebiet. Sie ballten sogar ihre kleinen Fäuste, während ihre seinen Mädchenzüge sich vor Zorn röteten. Rings um sie her bewunderten die Gladiatoren sie lächelnd um ihres Mutes willen, und in der allgemeinen Verwirrung gelang es Nigrina, Fabulla von Colosserus wegzureißen.

Plötzlich hörte man draußen auf der Gasse ein Geräusch, ein Lärmen, ein Geschrei. Durch die Tür der Taberne, durch die sich Matrosen aus Ostia schoben, drang das Geschrei und das Lärmen herein. Es war vor dein Hause des Leno. Es war Taurus mit dem Stiernacken, Er stand da breit, gedrungen, robust inmitten seiner tobenden Frauen, seiner Sklaven-Herausschmeißer und dreier Gäste, die berauscht waren. Die drei Gäste schienen lein Geld mehr bei sich zu haben, nachdem sie an Flacca, Matta und Prisca ihre Schäferstündchen im voraus bezahlt hatten. Die drei Dirnen rasten, weil sie keinen Trinkpfennig erhalten hatten, nachdem sie, wie sie behaupteten, mit den betrunkenen Kerlen schwere Arbeit gehabt. Die Haussklaven zerrten die Kerle aus dem Bordell heraus und warfen sie in den Rinnstein, weil die Gasse so eng war. Die Mädchen brüllten nach Recht und schrien drohend, daß sie zu den Ädilen gehen und ihr Geld verlangen würden. Die Gäste des Nilus blickten neugierig hinaus, neigten sich über die Kerle, die in dem Rinnstein zappelten, machten Witze und wollten sich ausschütten vor Lachen wegen dieser Händel. Die Dirnen kreischten, kläffende Hunde liefen herbei, andere Hunde antworteten bissig aus der Ferne. Im Stalle iahten die beiden Esel der Galli, die allzeit hungrigen, und andere, die sich bisher nicht hatten hören lassen, die des ägyptischen Wirtes.

Nilus stieß einen der Kerle, der über seiner Schwelle lag, noch tiefer in den Rinnstein hinein. Die Alexandrinerin saß vor ihrer Rechentafel und zählte hastig. Die Gäste eilten einer nach dem andern hinaus, um zu schauen.

»Ich schließe, Lavinius Gabinius,« sagte Nilus. »Zwar läßt sich die Stadtwache niemals blicken, wenn in der Subura ein Auflauf ist, aber die Stunde hat doch schon längst geschlagen, und ich schließe. Geldstrafe ist unangenehm.«

»Da kann ich ein Wörtchen mitreden, Nilus,« sagte der Dominus. »Ich habe einmal Buße bezahlen müssen, weil ich mit meiner Grex zu spät in Antiochia eintraf. Ihr Götter, wieviel Buße habe ich damals bezahlen müssen! Dabei war es nicht meine Schuld, denn ich konnte trotz aller Bemühungen keine Postbüffel bekommen.«

»Ihr begebt Euch gewiß zur Ruhe, Gabinius?«

»Sicherlich, sicherlich, Nilus, ich begebe mich zur Ruhe, und auch die Grex muß ruhen. Morgen muß ich zu den Ädilen. In drei Tagen ist der erste Tag der Megalesia.«

»Die erste Aufführung. Es gibt noch vielerlei zu tun.«

»Also dann auf Wiedersehen, Gabinius, und gute Nacht! Nein, nein, nicht hereinkommen! herein mit euch, ihr Galli, wenn ihr in eurem Winkel schlafen wollt! Erst wollen wir noch eurem unersättlichen Esel etwas Heu geben, damit er nicht am frühen Morgen die ganze Subura wachiaht. Ihr andern allesamt zur Tür hinaus! Auf morgen abend, auf morgen abend, und Dank euch allen!«

Er drängte die Trinker von der Schwelle fort. Die Subura zwischen Bordell und Taberne war voll, übervoll von dem Gedränge, dem Geschrei, dem Gebrüll. Die Tür des Nilus fiel plötzlich ins Schloß. Zwei Galli, die ausgesperrt waren, schrien flehentlich, schlugen gegen die Tür, wurden noch schnell eingelassen. Dann wurden erbarmungslos die Riegel vorgeschoben. Die Sklaven räumten die irdenen Gesäße von den Tafeln und die Alexandrinerin verschwand, indem sie ihre Geldkiste fest gegen den Busen drückte.

Nilus ermahnte die Galli streng, endlich ihren Mund zu halten und sich schlafen zu legen.

Mit einem letzten, von weit her dringenden Kläffen eines Hundes, das nicht aufhöre» wollte, erstarb der Lärm. Im Innern der Taberne war der Dampf, der Qualm und der Brodem hängengeblieben und verflüchtigte sich langsam in dem unbestimmten Schein eines schwachen Öllämpchens, das die Sklaven hatten brennen lassen. Der Wirrwarr der schmalen Betten an den Wänden, der langen Bänke, der Tafeln und der Schemel in dem gelblichen Lichtschein, der den grauen Dunst durchdrang, schimmerte fettig und in roten Lachen wie von Blut getränkt. Auf den Steinen am Boden schwammen die Abfälle der Wurstschalen und des weggeworfenen Gemüses zwischen Scheiben von Krügen und Bechern in großen Weinlachen umher. Der niedrige Raum verschwamm bis in den dunkelsten Winkel. Dort lagen auf den Betten, den Bänken, dem Fußboden die Galli und schnarchten todmüde und berauscht sogleich in tiefstem Schlaf.

Unter dem Schleier blieb die große Göttin der Bettelpriester, eine Bettlerin gleich ihnen, eine unwürdige Angebetete, eine arme Verfallene, unsichtbar in ihrem Schrein. Aber über dem Schanktisch, über dem Abacus mit seinen leeren, runden Löchern, aus denen die Sklaven des Nilus die Amphoren entfernt hatten, um sie in den Keller zu tragen, schaute die Göttin Isis herab. Sie zeigte ihr stets gleiches, wohlwollendes, gütiges und Mütterliches Göttinnenlächeln, das in dem gelb durchleuchteten, verschwommenen Dunst über den nun einzig von den schmutzigen Bettelpriestern durchschnarchten, im übrigen verlassenen Tabernenraum ihres Priesters herabglänzte, des Nilus, der die Ufer des Nils hatte verlassen müssen, um in der Subura Geld zu verdienen.

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