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Die Kohlenbrenner

Zakarias Nielsen: Die Kohlenbrenner - Kapitel 9
Quellenangabe
authorZacharias Nielsen
titleDie Kohlenbrenner
publisherFr. Wilh. Grunow
year1898
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180812
projectid9a7c1897
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Buchschmuck

Achtes Kapitel

Eines Abends kam Niels ganz schwankend vom Walde heim; eine Kugel saß ihm im Rücken.

Es war der neue Waldhüter! stöhnte er und sank zu Boden. Ein breiter Blutstreifen drang aus dem einen Mundwinkel über das Kinn herunter.

Lille Bendt, der am Tisch saß und an einem Schweinskopf herumschabte, warf das Messer weg und half ihn ins Bett bringen.

Mach, daß du hinauskommst, spann die Pferde an und hole den Doktor so schnell als möglich! rief Anine.

Das hat keinen Wert, sagte Lille Bendt, denn ehe ich mit dem Doktor zurückkomme, ist er hinüber; die Stute könnte ohnedies auch nicht vom Fohlen weggenommen werden.

Da lief Anine zu Svend hinüber, und dieser ritt stracks davon.

Der Doktor versuchte die Kugel herauszuziehen, aber es war vergebens; er konnte also nur einen Verband anlegen und stimmte mit Lille Bendt darin überein, daß Niels nicht mehr lange leben werde.

Ach! Ach! Ich wußte es wohl, ich wußte es wohl! klagte Marianne. Am vorhergehenden Abend wollte sie nämlich gesehen haben, wie ein großer schwarzer Vogel über den Kirchhof flog.

Svend wäre die Nacht gern dageblieben, aber er war auf dem Hofe durchaus nötig, da eine der besten Kühe krank geworden war.

Ich werde, so wahr ich dastehe, hier bleiben und für alles Sorge tragen, versprach Lille Bendt und machte es sich in der warmen Ofenecke bequem.

Anine brachte den größten Teil der Nacht an dem Krankenbett zu und starrte in den halbdunkeln Raum hinein, wo ihr die vom Tode gezeichneten Züge schon wie ein Leichengesicht entgegenstarrten.

Von Zeit zu Zeit wurde ihr ganzer Körper von unterdrücktem Weinen erschüttert.

Lille Bendt schwatzte unaufhörlich, bis er zuletzt müde wurde und nach jedem Wort ein langes, schläfriges Gähnen hören ließ.

Die Stube wurde nach und nach von einem thranigen Qualm erfüllt; die Fensterscheiben glänzten wie Steinkohlenplatten in dem rötlichen Licht; in dem an der Thür des Gänseställchens ausgeschnittenen Herzen erschien zuweilen ein langer, bleicher Schnabel, unten auf dem Tisch stand der Schweinskopf mit aufgestellten Ohren und zusammengedrückten Augen.

Es schlug drei Uhr. Lille Bendt richtete sich auf, rieb sich die Augen, stopfte seine Thonpfeife und machte sich wieder an den Schweinskopf, mit dem er bei Niels Ankunft beschäftigt gewesen war.

Natürlich, du mußt gleich wieder essen! schalt Anine.

Ich kann es sonst nicht aushalten, so wahr ich dastehe!

Laß ihn nur essen, erklang es röchelnd vom Bett her.

Ja das sage ich auch! stimmte Lille Bendt bei und machte sich an das linke Ohr, wo noch gar nichts weggeschnitten war. Laß mich nur essen, damit ich bald fertig werde.

So vergingen die Stunden, nur von dem Röcheln vom Bett und dem an dem Knochen herumarbeitenden Messer vom Tische her unterbrochen.

Anine ging auf Strümpfen leise hin und her; sie konnte es kaum im Zimmer aushalten. Nur wenn sie sich an einen Platz setzte, von dem aus sie den Vater nicht sehen konnte, bekam sie Ruhe, und dann schienen ihr die kleinen, raschen Messerlaute vom Tisch her Zeugnis davon abzulegen, daß gar nichts geschehen sei. Ihre Mutter hatte jetzt Lille Bendts Platz am Ofen eingenommen und beruhigte sich in stummer Ergebung mit dem Glauben an ein unabwendbares Schicksal: so ist es uns zum voraus bestimmt gewesen!

Lange ehe der Tag graute, kam Svend; er fand Lille Bendts großen Kopf auf beiden Armen ruhend zur Seite des Schweinskopfs und Marianne bleich und schlaftrunken in der Ofenecke.

Nun, wie geht es? fragte er.

Ach Svend! stammelte Anine und warf sich in seine Arme.

Bei uns drüben steht es auch schlimm genug; die Kuh ist tot; Mutter ringt die Hände und sieht den Bösen aus allen Ecken herausgucken.

Lille Bendt war indessen erwacht und wollte sich vor Hunger krümmen, sodaß Marianne eilig Brot und Fett auf den Tisch stellen mußte.

Ja, das ist, so wahr ich dastehe, recht schlimm, sowohl das mit Niels als das mit der Kuh, sagte er ein über das andre mal mit einem schweren Seufzer und strich sich dabei eine große Butterstulle nach der andern.

Aber das Leben wollte den kräftigen Körper nicht so bald verlassen. In der nächsten Nacht wachten Svend und Anine zusammen und schüttelten betrübt die Köpfe, so oft der Kranke von einem Rehkitzchen und Flintenkugeln zu phantasieren begann.

In der dritten Nacht, als Lille Bendt und Marianne bei ihm Wache hielten, hatte er ab und zu einen lichten Augenblick, doch drang nicht ein Laut der Klage über seine Lippen, obgleich er offenbar große Schmerzen litt.

Du wirst sehen, er macht die Nacht nicht durch, sagte Lille Bendt.

Marianne saß gefaßt auf der Bettkante und hielt ihres Mannes Hand in der ihrigen. Glaubst du, daß du sterben mußt? flüsterte sie.

Ja.

Ja, es ist, wie ich sagte, fiel Lille Bendt ein, die eingefallnen Schläfen – das sind sichre Zeichen, ganz gewiß, so wahr ich dastehe.

Wie soll es denn mit dem Hof hier gehalten werden? fragte Marianne.

Der Kranke stöhnte einige Worte, die von Svend handelten.

Ja, das ist das Einzige, das man thun kann, meinte Lille Bendt auch.

Dann stammelte der Sterbende etwas davon, daß sie es ja auch eine Weile als Witwe selbst versuchen könne.

Lille Bendt schielte währenddem unausgesetzt nach der Seite hinüber, wo die Uhr hing.

Nun lag der Kranke eine Zeit lang still, als ob er über die große, dunkle Frage grübelte, was nach des Lebens letztem Seufzer beginne.

Soll ich nach dem Pfarrer schicken, im Fall du den nächsten Morgen noch erlebst? fragte Marianne.

Er vernahm ihre Frage nicht, es war, als sei er weit weg mit seinen Gedanken und mit einer Bitte, einem brennenden Wunsch, einem Anliegen, das sein ganzes Denkvermögen in Anspruch nahm, beschäftigt. Marianne sah ihn unverwandt an. Was konnte es nur sein?

Da richtete er auf einmal einen durchdringenden Blick zum Betthimmel empor und blies die Nasenlöcher auf.

Jetzt, jetzt, nun mußte es kommen ...

Ich, ich hätte so schrecklich gern noch gelebt, um zu sehen, was aus dem Fohlen wird. – Ich habe einen großen Glauben an das Fohlen.

Glauben? Lille Bendt nickte und freute sich, daß er seinem Herrn zu guterletzt noch einen vollen Freudenbecher reichen konnte. Das giebt einen Prachtrenner und sticht Stern mit Leichtigkeit aus!

Da verbreitete sich ein heller Schein über das Gesicht des Sterbenden. Trinkt es gut? stammelte er.

Das will ich meinen! Es ist so dick wie ein gefüllter Schlauch!

Marianne versank in Gedanken und schaute hinaus in die große, unendliche Ferne, wo des Lebens Ereignisse hinter geheimnisvollen Wolken gewoben werden. Ach! Wie würde es nur hier nachher mit allem gehen?

Es ist doch ein rechtes Glück, daß wir gerade das Schwein geschlachtet haben, sagte sie als eine Art Trost für sich selbst.

Das kann man freilich ein Glück nennen, bekräftigte Lille Bendt. Und die Rüben, die werde ich schon herbeischaffen.

Sie grübelte wieder einige Minuten nach. Es ist aber doch schrecklich, klagte sie. Dann trocknete sie sich die nassen Augen. Alle die Umstände, die dabei sind!

O, das werden wir schon überwinden! tröstete der kleine Mann und schielte wieder nach der Uhr in der Ecke.

Niels flüsterte etwas davon, daß man an nichts sparen solle.

Wir werden alles so hübsch und so gut als möglich machen, du kannst dich darauf verlassen, versprach Marianne.

Sie meinte auch, man würde den Sarg wohl am besten beim Schreiner Jens bestellen.

Ja, fiel Lille Bendt sogleich ein. Der Schreiner Jens ist der billigste, und er macht gute, haltbare Ware. Ich möchte wissen, ob wir nicht am Ende selbst Bretter genug hätten; ich muß doch morgen nachzählen.

Nur gut, daß wir Leinwand vorrätig haben, seufzte Marianne.

Bendt rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und sah mürrisch in die Ecke. Ich muß immer an die Flinte denken, erklang es endlich gedämpft und vorsichtig durch die Nase, Svend hat ja schon eine.

Sie gab ihm mit dem Holzschuh einen Puff. Du kannst doch wohl warten, bis er ausgeatmet hat.

Ein paar Stunden vergingen in stillem Überlegen. Der Atem des Kranken wurde schwächer und schwächer.

Hast du sonst noch einen Wunsch? fragte Marianne und neigte sich über ihn.

Es schwebt mir vor, als ob ich bei dem Schmied noch zwei Kronen gut hätte.

Sie schüttelte den Kopf. Diese würde er wohl nie wieder bekommen, meinte sie; aber es sei auch nicht der Mühe wert, jetzt daran zu denken.

Wie sollen wir uns mit Troels abfinden? fragte sie dann.

Mit Troels?

Ja, wegen des Geldes? Soll er etwas Schriftliches bekommen?

Niels murmelte einige Worte, aber Marianne konnte sie nicht verstehen, es war, als ob die Worte über einer geschwollnen Zunge hinstürben.

Gegen Morgen kam Anine herein, barfuß und im Unterrock; sie ergriff des Sterbenden Hand und neigte sich weinend über sie.

Er öffnete die Augen halb und sandte die letzten, schwachen Reste seines Denkvermögens noch einmal hinaus, auf den Tummelplatz seines Lebens ... der Hof ... der Wald ... die Kohlenmeiler ... die Heimat ... umfaßte alles mit der letzten hinsterbenden Lebenswärme und hauchte dann ruhig den letzten Atemzug aus.

Marianne brach in Thränen aus. Jetzt erst verstand sie recht, wie schrecklich es doch war, daß sie und Niels sich trennen mußten, daß er hier aus dem Bett fortgebracht und aus der Stube hinausgetragen werden würde, um nie wieder zurückzukehren; und das Weinen verwandelte sich in lautes Schluchzen, als ihr einfiel, daß sie nun nie wieder seine geschwärzten Kohlenbrennerhemden waschen müßte.

Sie legte ein Gesangbuch unter sein Kinn und einen Kupferpfennig nebst einem Kreuz aus einem zusammengebundnen Strohhalm auf seine Brust. Nun hat er es gut bei unserm Herrgott im Himmel droben. Sie wischte sich die Augen, ließ dann ihre nassen Finger über seine Stirn und seine Wangen gleiten und seufzte: Er war ein guter Mann. Nie hat er mir etwas andres als Liebes und Gutes erwiesen, mein Leben lang.

Auf dem Gesicht des Toten lag ein ruhiges Lächeln, als ob sein letzter Gedanke gewesen wäre: Ich habe dort oben auch etwas gut, und das bekomme ich gewiß! –

An einem warmen Sonnabend im Juni waren Svend und seine Mutter und Großmutter, der Stallknecht und der Hofjunge, sowie Anine und ihre Mutter, alle miteinander um einen Kohlenmeiler versammelt, der schon mehrere Tage gebrannt hatte.

Nichts behagte Svend besser, als auf diese Weise in der Nacht bei dem rauchenden Meiler zu sein und die hervorbrechenden Flammen niederzuhalten, besonders wenn er wie heute Anine an seiner Seite hatte.

Sie saßen alle um den Kohlenmeiler herum, teils auf Baumstümpfen, teils auf der Erde. Else strickte mit fieberhaftem Eifer an einem langen, weißen Strumpf, während die andern Frauen vorwärtsgebeugt dasaßen und die bloßen Arme im warmen Schoße hielten. Obgleich der Meiler gegen den Wind geschützt war, schlug doch ab und zu eine dicke Rauchwolke heraus und zog, sie alle mit ihren brandgelben Wolken verhüllend, über ihren Köpfen weg; aber keinem wurde von dem scharfen Brandgeruch der Atem genommen, im Gegenteil, alle atmeten ihn mit Wollust ein, als ob es süßer Rosenduft wäre.

Das ist einerlei, sagte Anine, aber ich meine, Mutter sollte es versuchen, schon viele Kranke haben ja auf diese Weise ihre Gesundheit wieder erlangt.

Boline wußte nicht recht, was sie sagen sollte. Sie hatte von dem Pfarrer in Vejby gehört, die Sage von der Helenenquelle sei von den Mönchen in Adserbö erfunden worden, um sich durch die Leichtgläubigkeit des Volkes eine Einnahme zu verschaffen. Es war nämlich – so hatte der Pfarrer erzählt – geltend gemacht worden, daß die Kranken nur dann gesund werden könnten, wenn sie drei Jahre nacheinander die Quelle besuchten und jedesmal aufs neue die Gunst der heiligen Helene erflehten, indem sie ein anständiges Scherflein in den Opferstock von Tisvilde spendeten.

Im nächsten Augenblick war Boline mitten im Erzählen der Helenensage, genau so, wie sie sie früher oft erzählt hatte; aber dennoch hörten alle wieder mit dem stets wachen Interesse zu, mit dem das Landvolk alles Übernatürliche auffaßt. In breiten Zügen erzählte sie von der Leiche der heiligen schwedischen Frau, die auf einem großen Felsen über das Meer nach Tisvilde hinüber geschwommen war; von der großen Felsenkluft am Ufer, in der die Leiche begraben worden sei, von der Quelle, die an dem Abhange herausquoll, und von dem Grabmal auf der wilden, einsamen Heide. – Nachdem Boline ausgesprochen hatte, sprach lange Zeit keines ein Wort. Es war, als ob der Geist der heiligen Helene sie mit mächtigen, geheimnisvollen Flügelschlägen umkreiste, und der tiefe Frieden der Nacht, die träumerische Stille des Waldes, das Flimmern der Tausende von funkelnden Sternen trug noch dazu bei, der Stimmung etwas überaus Feierliches zu verleihen.

Else saß ganz still und klapperte mit den Stricknadeln, als ob es ihr Leben gelte, wenn sie den Strumpf nicht vor Mitternacht fertig bringe.

Eine dicke, gelbweiße Wolke wälzte sich jetzt aus dem Meiler hervor, und im nächsten Augenblick drangen große Flammen durch den Rauch und schlugen mit fröhlichem Knistern in die Luft.

Svend sprang auf und dämpfte das Feuer. Mariannens große, schwimmende Augen glänzten in rötlichem Schimmer, so oft eine Feuerzunge aus dem Meiler herausschlug. Es wäre ja gar nichts so Schreckliches, in der Johannisnacht dorthin zu fahren, sagte sie seufzend und faßte sich an den schmerzenden Rücken.

Svend bot sich augenblicklich an, sie hinzufahren, und das Anerbieten wurde auch gleich angenommen.

Spät in der Nacht gingen die Frauen nach Hause, ebenso bekamen der Hofknecht und der Stalljunge die Erlaubnis, ihr Lager aufzusuchen und zu schlafen.

Anine setzte sich dicht neben ihren Freund, erfaßte seine Hand und legte seinen Arm um ihren Hals.

Im Innern des Meilers brodelte und zischte es, und dazwischen hinein fuhr ein glühender Atemzug an den Seiten heraus. Der Wind hatte sich gelegt, und der Rauch stieg nun gerade in die Luft empor und ergoß sich in den großen, sternbeleuchteten Weltraum, ein starker Ambraduft drang vom Garten herüber und bildete im Verein mit dem scharfen Teergeruch einen kräftigen Weihrauch für die zwei jungen Nasen.

Anine hob den Finger in die Höhe, um Svend Schweigen zu gebieten: Pst, sagte sie. Hörst du den Rohrsänger draußen im Moor?

Ja, er singt immer so fröhlich bei Nacht.

Und die Sterne leuchten so schön! Sieh dort den großen, klaren! Jens Ludwig sagt, er heiße Wega. Ach, wie schön ist es doch – alles – in solch einer stillen Sommernacht!

Wenn wir beide so beisammensitzen.

Ja; es giebt so viel zu sehen und zu hören ... es liegt so etwas Wunderbares in der Luft ... es wird einem selbst so wunderbar zu Mut, so froh, so ... sie konnte das rechte Wort nicht finden und mußte sich damit begnügen, ihre Gedanken in einem freudeerfüllten Seufzer auszudrücken.

Ein Strom unbestimmter Ahnungen wogte durch ihre Brust und vereinigte in seinem Wogen all ihre Lebenslust, all ihre Träume und ihre brennende Sehnsucht, die bei einer gesunden Jugend die Unterströmung des Lebens bilden.

Ach Svend! Sie drückte sich an ihn mit dem ganzen Drang ihres Herzens, wie um ihm ihren eignen warmen Lebensstrom einzugießen. Wenn wir zwei nun zusammenkommen!

Er zögerte ein wenig mit der Antwort und bohrte mit einem Spaten in der Erde.

Ich habe nachgerade die Überzeugung, daß das Ganze auf eine Lumperei hinauskommt!

Lumperei?

Ja, denn ich weiß durchaus nicht, was ich mit dieser Sandwüste anfangen soll.

Aber der Hof ist doch auch da.

Glaubst du, meine Mutter werde mir ihn geben? Nicht so viel davon, daß man eine einzige Kartoffel darauf bauen könnte; so eifersüchtig ist sie auf das Ganze aus. Was sollten wir denn auch mit drei Frauen im Altenteil?

Anine war gekränkt und zog ihren Arm zurück. Ich hätte eben Troels nehmen sollen! murmelte sie.

Was hättest du? fuhr er auf.

Sie wußte nicht recht, sollte sie schweigen oder weitergehen. Haben dir meine Eltern nie erzählt, daß es nahe daran war wegen einer Heirat mit Troels?

Du, Anine?

Ja, damals, als wir sein Geld bekamen.

Das ist doch nicht wahr, Anine?

Doch, es ist wahr. Starr mich nur an, dachte sie, es wird dir gut thun, wenn du weißt, daß ich mich nicht in den Tod legte, als du in Helsingör mit den Mädchen herumscherwenztest!

Dem heißblütigen Svend aber kam das schon wie eine Untreue vor. Daß er selbst zu der Zeit, von der hier die Rede war, mit dem Feuer gespielt hatte, entschuldigte Anine in seinen Augen durchaus nicht, denn sie mußte sich ja selbst sagen, daß die Geschichte mit Sophie die reine Dummheit gewesen war; ein übermütiges Spiel, das alle Soldaten trieben, selbst wenn sie schon einen Schatz zu Hause hatten.

Ich will dir etwas sagen, mein lieber Freund, begann Anine aufs neue, Troels war damals so ein netter, ordentlicher Kerl wie nur einer, viel respektabler selbst als du, das sagte auch meine Mutter.

Da stieg Svend das heiße Blut in den Kopf; es sauste ihm in den Ohren. Wenn ihr beide, du und deine Mutter, dieser Ansicht seid, dann sage ich Lebewohl und bedanke mich! Er erhob sich, stieß den Spaten in den Meiler, daß die Funken knisternd umherstoben.

Svend, was sind denn das für Dummheiten! Sich so aufzuführen!

Mit einem Fluche versicherte er, es sei ihm bitterer Ernst damit.

Der Gedanke, daß Anine und ihre Mutter auch nur für einen Augenblick den dickhalsigen Dummkopf ihm hätten vorziehen können, empörte und verletzte seinen ehrgeizigen Sinn im höchsten Grade, und er fühlte sich mit einem Schlage innerlich meilenweit von Anine getrennt.

Jetzt verstehe ich auch, warum Troels Tag und Nacht hier herumschnüffelte, während ihr drüben bei meiner Mutter wohntet, und auch warum der geizige Lausbub so freigebig mit dem Geld war – er machte eben einen Handel, das war die ganze Geschichte, ha ha!

Bist du denn aber ganz verrückt, Mensch! rief Anine. Du schreist ja, daß man es im halben Dorf hören kann! Du weißt doch ganz gut ...

Und dann konntet ihr das alles so hübsch glatt in Ordnung bringen, während ich beim Militär war ...

Aber so hör doch, was ich sage ...

... und euch von mir los machen mit dem Geschwätz von einer Liebschaft mit Sophie!

Wenn du nicht still bist und dein Schreien sein läßt, geh ich fort.

Ja, geh nur, das ist mir das Allerliebste! Geh nur heim zu deiner Mutter und frage sie, ob du nicht jetzt gleich zu ihm gehen kannst.

Sie ballte die Faust und trat einen Schritt näher. Ich schlage dir ins Gesicht, Svend.

Du kannst es ja probieren!

Einige Sekunden zögerte sie und sah ihn starr an, mit Augen, die wild unter den schwarzen Brauen hervorleuchteten, aber plötzlich faßte sie sich, ließ die erhobne Hand sinken und sagte mit gebrochner Stimme: Svend, du bist recht schlecht gegen mich.

Dann ist es gut, wenn du mich beizeiten los wirst. Ich für meinen Teil will auch lieber aufhören, so lange ich noch die Wahl habe. Dann kannst du hingehen, wohin du willst!

Ihr erhitztes Gesicht wurde aschgrau, sie richtete sich auf, als ob sie ihm eine schnelle Antwort zuschleudern wollte, aber mit einer willensstarken Bewegung wandte sie sich jäh um und ging fort, ohne noch ein einziges Wort zu sagen.

Er setzte sich auf einen Baumstumpf und begann eine selbstgemachte Melodie zu pfeifen, eine wunderliche Mischung von Läufen und Trillern, die auf die ganze Welt zu pfeifen schienen.

Dann erhob er sich, ergriff den Spaten, klopfte und glättete an dem Meiler herum und setzte sich abermals.

Der Rohrsänger hatte seinen Gesang eingestellt; ein kalter, feuchter Nebel hatte sich über das Moor gebreitet und zog sich in einem dünnen Streifen zum Graben hin, neben dem er saß.

Pfui! Es wird kalt! Er ergriff die Flasche – den sichern Wachtgenossen aller Kohlenbrenner – und nahm ein paar große Schlucke.

Schließlich ging er hinein und rief barsch nach dem Knecht. Steh auf und hilf mir noch ein wenig draußen!

Der Knecht kam langsam heraus und schielte nach ihm hinüber.

Man wird wirklich ganz dumm im Kopf, wenn man zwei, drei Nächte hintereinander gewacht hat. Wir wollen noch einen Schluck nehmen.

Gegen Morgen warf er sich der Länge nach auf den Rasen, legte den Arm um den Baumstumpf und lehnte den Kopf daran.

Der Knecht wunderte sich, daß er so lange in derselben Stellung liegen blieb. So, so steht es?

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