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Die Kohlenbrenner

Zakarias Nielsen: Die Kohlenbrenner - Kapitel 8
Quellenangabe
authorZacharias Nielsen
titleDie Kohlenbrenner
publisherFr. Wilh. Grunow
year1898
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180812
projectid9a7c1897
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Buchschmuck

Siebentes Kapitel

Niemals hatte die Mutter Natur mit ihrem schwarzen Roggenbrot einen gesundern Körper ernährt als den von Svend Börgesen, und niemals hatte die Sonne auf eine festere Wange gebrannt als auf die seinige. Unbeständig wie der Wind, der sich mit dem Blumenduft und den Sommerfäden auf den Auen herumtreibt, waren seine Gedanken, aber frisch und keck wie der brausende Frühlingssturm im Walde war die Lebenslust, die in seinen Adern wogte.

Anine konnte sich, was das Äußere anlangte, ohne Scheu an seine Seite stellen. War ihre Gesichtsfarbe vielleicht auch ein wenig dunkler, als es das strenge Gesetz der Schönheit verlangte, so waren ihre Züge dafür um so reiner. Die tief unter den schwarzen zusammengewachsenen Brauen liegenden Augen zeugten von großer Willensstärke, aber ein Paar weiche Vertiefungen um den Mund, ein Paar reizende Grübchen, die ihrem Gesicht den Ausdruck kindlicher Glückseligkeit verleihen konnten, gaben Zeugnis davon, daß dieser Wille seinen Hauptsitz in einem warmen Herzen hatte.

Nach seiner Rückkehr vom Militär näherte sich der junge Bursche mehr und mehr seiner schönen Base, und alle, die Augen im Kopfe hatten, konnten leicht erraten, auf was das Verhältnis hinauslaufen würde.

Troels, der einsah, daß seine Sache verloren war, fing wieder zu trinken an. Wenn ich Anine doch nicht bekomme, dachte er, habe ich ja keinen Grund, ein ordentlicher Mensch zu sein.

Es sollte ein Fest der Bauernburschen bei Anines Verwandten auf dem Skräderhof in Tingstrup sein. Die Leute in diesem Dorf waren keine Kohlenbrenner, und teils aus diesem Grunde, teils auch weil sie weder ordentlich trinken noch raufen konnten, sahen die Alsingröder mit überlegner Verachtung auf sie herab. Seit vielen Jahren hatte eine unheimliche Feindschaft zwischen den Burschen der beiden Dörfer geherrscht, die schon mancher Stirn ein blutiges Mal aufgedrückt hatte.

Aber die Burschen von Tingstrup konnten die Mädchen von Alsingröd wohl leiden und wollten gar zu gern die eine oder die andre bei ihrem Fest haben. Einer der jungen Bursche hatte Anine in Frederiksborg getroffen und ihr, mit den Augen zwinkernd, zugeflüstert: Du kannst ja wie zufällig dazu kommen. Und da sie wirklich Lust hatte, bei ihren Verwandten auf dem Skräderhof einen Besuch zu machen, und ihr überdies eine unwiderstehliche Tanzlust in den Beinen kribbelte, war sie nicht die, die Nein sagte.

Svend ging schimpfend und brummend umher. Sollten wohl diese Lümmel da drüben eine ganze Nacht hindurch mit ihr herumscherwenzen und herumhopsen dürfen! Sollte er das leiden? O nein, er würde mit ihnen reden, und wenn sie ihn zurückweisen sollten, so war er wirklich Mannes genug, mit ihnen fertig zu werden!

Der Festabend kam.

Maren Skräders bot Wurstscheiben mit Butter und Puderzucker an, während ihr Mann Ole Bendtsen, oder wie er gewöhnlich nach dem Hof genannt wurde, Ole Skräder, die Finger um den dünnen Hals einer Schnapsflasche gekrümmt, beständig herumlief und einschenkte.

Bitte, trinkt, ihr Leute! Das sind klare Tropfen; die thun einem wohl bis in die Beine ... Hier, Sören! Ausgetrunken! Ja ja, du hast heute abend schon mehr als einmal die Nagelprobe an deinem Glase gemacht ... Ja ja! – Hier, Per, gieß das über den Ärger. Es war ganz recht, daß du den Kerl ablaufen ließt. Was brauchen wir den großmäuligen Kohlenbrenner hier? Das hätte bloß noch gefehlt, daß ich mich herabgelassen und ihn durchgeprügelt hätte.

Einer der Burschen zwinkerte mit den Augen und spuckte aus.

Ole drehte sich nach ihm um und zeigte ihm die geballte Faust. Du kannst dich darauf verlassen, die hat schon Geschenke ausgeteilt, die sich gewaschen haben! Gott soll mich vor einer solchen Prügelsuppe bewahren, wie ich sie den drei Alsingrödern neulich austeilte, als ich beim Gastwirt Jörgen Ordnung in der Stube herstellte! ... Nein nein, es war ganz gut, daß du ihn ablaufen ließt; man will den Leuten doch nur ungern ein Leid anthun.

In der Oberstube erklang die Geige des Musikanten Niels. Lustig flatterten die Bänder an den Hauben der jungen Mädchen; die goldgestickten Haubenböden und Nackenstücke glänzten im Schein der Kerzen, und die grünen Friesröcke wogten beim Tanzen hin und her, sodaß sich die roten Besatzbänder nach allen Seiten in wunderlichen Schlangenlinien drehten.

Gegen Abend entstand auf einmal eine große Bewegung auf dem Hof. Der Riegel des Hofthors wurde zurückgeschoben, das Thor flog auf, und herein ritt Svend Börgesen auf seinem kleinen Pferd, ihm folgten sechs handfeste Burschen zu Fuß, jeder mit einem Knüppel bewaffnet, alle in braunen Drillichröcken mit flachen Silber- oder Messingknöpfen, roten Westen, ebenfalls mit blanken Metallknöpfen, gelben Lederhosen, weißwollnen Strümpfen und großen, schweren Lederschuhen.

Guten Abend, ihr Leute! rief Svend, richtete sich stolz auf und ritt bis an die offne Stubenthür.

Die Kartenspieler sprangen vom Tisch auf, die Tänzer drängten sich zusammen, einer von ihnen riß Ole Skräders Flinte von der Wand herab.

Aus dem Weg, Jungens! rief Svend und erhob den Knüppel.

Von allen Seiten rief man nach dem Hausherrn, aber er war nirgends zu entdecken.

Jetzt drückte Svend seinem Stern die Sporen in die Flanken und ritt geradenwegs bis in die große Stube hinein, wo die Mädchen bei seinem Anblick kreischend nach allen Seiten flüchteten.

Guten Abend, ihr schönen Tingstruper Mädchen! Wenn ihr uns einen kleinen Hopser gewährt, bekommt ihr einen Kuß!

Anine sah mit ängstlichem Staunen auf den Reiter. Die Angst davor, was aus all dem folgen würde, stritt mit dem Stolz über seinen Mut um die Oberhand. Aber Svend!

Guten Abend, Anine! Ja, ich bin es leibhaftig! Ich denke doch, ihr kennt mich alle miteinander, nicht wahr?

Wie keck sah er aus, wie er da mit erhobnem Kopfe auf seinem Pferde saß, und die dunkeln Augen mit funkelnden Blicken im Kreise herumgehen ließ!

In der andern Stube war es indessen zu einer Schlägerei gekommen; ein paar Tingstruper hatten schon einige Hiebe im Gesicht sitzen; Bierkrüge und Zinnbecher flogen in der Stube herum.

Svend sprang vom Pferd herab und gab Anine die Zügel.

Still da drin! schrie er, daß man es sieben Meilen weit hören konnte. Wenn ihr uns bloß einen Schnaps, einen Schluck Bier und einen Tanz mit euern Mädchen gönnen wollt, werden wir euch kein Haar auf euern Köpfen krümmen; aber das wollen wir auch haben, potz Blitz noch einmal!

Diese edelmütigen Worte erregten natürlich nur noch größern Lärm und eine noch wildere Prügelei. Svend mußte selbst auch noch Hand mit anlegen, um die Tingstruper zur Vernunft zu bringen. So ein paar unverschämte Rädelsführer! Blaue Mäler! mein Freund! Und nach Herzenslust teilte er Hiebe nach rechts und links aus und stellte bald Ruhe und Ordnung wieder her.

Die sieben fremden Burschen nahmen dann eine Herzstärkung aus der geretteten Branntweinflasche und stürmten hierauf zu den Mädchen hinein. Svend zog sein Pferd auf den Hof hinaus, band es im Viehstall an, stahl einer Kuh ihr Heu und warf es vor Stern hin. Oho, mein guter Alter!

Als Svend wieder hineinkam, wollte sich eben der Spielmann mit seinem roten Kalbfellsack davon schleichen, aber Svend packte ihn unsanft am Kragen und zwang ihn, einen Schottischen aufzuspielen.

Die Burschen umschlangen die Mädchen, die sich zwar sträubten, sich aber doch mit einer gewissen bebenden Freude von den starken Kohlenbrennern im Kreise schwenken ließen.

Inzwischen hielten die Tingstruper Burschen in der vordem Stube Rat, schwatzten und schrieen von Heugabeln und Sensen durcheinander, bis endlich ein kluger Futterschneider meinte, daß man jetzt nichts weiter thun könne, man müsse eben gute Miene zum bösen Spiele machen und sehen, wie man sich mit den Ungeheuern vertrage.

Und dabei blieb es. Sie stießen aus einen gütlichen Ausgleich mit den Alsingrödern an und teilten ihnen mit überströmender Freundlichkeit mit, wie viel besser es sei, in Freundschaft zusammenzuhalten, als sich zu raufen und zu prügeln.

Dann ging es los mit Zwei-, Drei- und Viertritt; mit Reigen, Schuhplattler u. s. w. Die eisenbeschlagnen Schuhe ließen tiefe Eindrücke auf dem Lehmboden zurück. Da und dort wurde ein Bein hoch in die Luft geschwenkt und mit der flachen Hand auf die Schuhsohle geklatscht; das war ein besondres Kunststück. Zwei Stunden lang durften die Mädchen kaum Atem schöpfen, und zum großen Ärger der eigentlichen Gastgeber rissen sie sich förmlich um die braunen Burschen von Alsingröd. Svend und seine Genossen waren wie losgelassen, sprangen mit den Mädchen herum und johlten vor lauter Übermut.

Eine Weile saß Svend bei Anine auf einer Truhe neben der Thür und plauderte mit ihr.

Was ist dir nur eingefallen, daß du zu Pferd kamst? fragte sie.

Ich will dir etwas sagen, antwortete er, du darfst in diesem Schnee nicht zu Fuß nach Hause waten; nun kannst du bei mir aufsitzen, wenn wir aufbrechen.

Hihihi! Das war nicht übel!

Es ist mir vollkommen ernst ... hopp! Da ist der Tirolerwalzer! Komm!

Er sprang auf, umschlang sie und zog sie hinein auf den Tanzplatz, wohin in demselben Augenblick noch sechs andre Paare eilten. Und lustig scharrten und hüpften achtundzwanzig Füße über den schwarzen Lehmboden hin.

Kleines Mädchen mit dem schwarzen Haar,
Sieh mich gerade an!

sang Svend und sah mit warmem Blick auf Anine herab, die sich mit einer Glückseligkeit ohne gleichen an ihn lehnte und sich im Dahingleiten mit ihm in unaussprechlichen Träumen wiegte.

Es wurde fünf Uhr morgens.

Jetzt müssen wir heim! sagte Svend und rief seine Kameraden zusammen.

Sie bedankten sich nun für die Aufwartung und Gastfreundschaft; jeder warf ein ehrliches Viergroschenstück auf den eichnen Tisch und wünschte einen guten Morgen.

Wohl spielte die Violine nach ihrem Weggang aufs neue auf, aber die gehobne Stimmung war dahin; die Mädchen schleppten sich nur noch herum, und verschiedne von den Burschen saßen in den Ecken und lehnten die Köpfe an die Wand.

Maren Skräders ging in die Küche, um das Feuer zu schüren. Als sie eifrig mit der Feuerzange herumhantierte, öffnete sich die Thür des Backofens, und ein großes schlaftrunknes Gesicht guckte heraus: Sind sie fort? Ole Skräders war es, der sich hier ein sicheres Versteck gesucht hatte.

Anine hatte das Dorf schon ein gutes Stück hinter sich.

Da kam Svend einhergetrabt. Du hast dich davongeschlichen ... komm! Er hob sie mit starkem Griff vor sich auf den Sattel, spornte das Pferd, und fort ging es in der hellen Winternacht. Puh! Svend war mit Schweiß übergossen; er riß das Hemd auf und ließ den kalten Nachtwind über seine nasse Brust streichen. Ah, das kühlt! das ist herrlich!

Bei einer Wendung des Wegs steckte er seine Hand unter ihren Shawl und zog sie fest an sich; er fühlte ihr Herz unter ihrem Mieder pochen.

Ach, du drückst mich zu fest! Sie wandte den Kopf und sah ihm in die Augen.

Zugleich hielt er das Pferd an, schlang den Arm um ihren Hals und drückte ihr Gesicht wieder und wieder an seinen Mund.

Nun bist du mein, Anine, verstehst du?

Es war eine gewaltthätige Kraft in seinen Worten und in seinem Griff, eine wilde, überwältigende Stärke, die ihr jede Widerstandskraft raubte; sie bebte in seinem Arm, sank schwer an seine Brust und übergab sich ganz der Leidenschaft seiner Liebe, dieser Liebe, auf die sie mit heißer Sehnsucht, beinahe so lange, als sie zurückzudenken vermochte, gewartet hatte. Sie war wie gelähmt vor Überraschung und Glück; ihre Gedanken standen still, ihre Brust hob und senkte sich in langen Atemzügen – auf einmal richtete sie sich auf und sah ihn an.

Svend, ist das auch wirklich dein Ernst?

Ja, du kannst dich auf mich verlassen, Anine.

Sie saß ganz still und sah ihm in die Augen; dann schlang sie die Arme um ihn, weinte und wollte ihn nicht wieder loslassen.

Du kannst dich gewiß auf mich verlassen, Anine.

Sie atmete schwerer und schwerer und drückte sich noch fester an ihn; es war, als wollte sie sich für ewige Zeiten bis in das Innerste seiner Liebe drängen.

Glaubst du mir nicht, Anine? fragte er.

Doch ich glaube dir. O, Svend, ich habe dich ja mein ganzes Leben lang geliebt ... hast du es denn nicht gemerkt?

Freilich habe ich es gemerkt! Wir zwei, Anine, wir zwei!

Dann ritten sie weiter. Den Arm um ihn geschlungen, sah Anine hinauf zum Sternenhimmel und suchte ihr Sternbild, die Wega, die in mildem Glanz leuchtete. Der Schnee knirschte unter den Hufen des Pferdes und stob in kleinen, feinen Wolken zur Seite. Das kräftige, kleine Tier eilte immer rascher vorwärts; der von seinem Hals aufsteigende Dampf setzte sich an den Spitzen der wolligen Mähne fest, wo er eine feine Perlenschnur bildete, die in schillernden Farben im Mondschein glänzte.

Buchschmuck

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