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Die Kohlenbrenner

Zakarias Nielsen: Die Kohlenbrenner - Kapitel 5
Quellenangabe
authorZacharias Nielsen
titleDie Kohlenbrenner
publisherFr. Wilh. Grunow
year1898
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180812
projectid9a7c1897
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Viertes Kapitel

Das Soldatenleben hatte auf Svend während seiner Knaben- und Jünglingsjahre eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt, und jetzt, als der rote Rock näher als je heranrückte, sehnte er sich geradezu danach, endlich darin zu stecken. Seine Mutter meinte zwar, man könnte ihn gut zu Hause brauchen; aber Svend wollte nun einmal Soldat werden, wenn sie auch zehnmal um seine Freilassung eingekommen wäre, und man ihn vielleicht als einer Witwe einzigen Sohn freigegeben hätte.

Im Herbst 1828 wurde er einberufen und gleich den Ulanen zugeteilt.

Ich möchte gern in das Kronenregiment, bat er und schwang den nackten, muskelkräftigen Arm, indem er Front machte.

Der Stabsarzt ließ seine Blicke mit Wohlgefallen auf den schönen, kräftigen Formen des schlanken Jünglings ruhen, und sich an die andern Herren wendend sagte er: Könnte man ihm nicht seinen Wunsch erfüllen?

Gut – rechtsum! erklang die kurz angebundne Einwilligung.

So sage ich gehorsamen Dank und verspreche, ein guter Soldat zu werden. Er schlug die Fersen an einander und marschierte stolz hinaus.

Ein wesentlicher Grund, warum Svend gern in das Kronenregiment eingetreten wäre, war, daß dieses in Helsingör lag; denn in dieser Stadt hatte er eine Base, die an einen wohlhabenden Böttcher verheiratet war, und er wußte wohl, wie günstig es für einen Soldaten sei, irgend einen guten Unterschlupf zu haben, wenn der Magen knurrte und der Beutel leer war.

Anine freute sich sehr, daß er in Helsingör dienen sollte; da war doch eine Möglichkeit vorhanden, ihn einmal zu sehen; die Familie des Böttchers war mit beiden verwandt, und diese Familie wollte sie gern einmal besuchen.

Da wirst du dir die kleine Sophie als Küchenschatz einthun? sagte sie lachend zu Svend.

Sophie war die Tochter des Böttchers, deren sich Anine als eines magern, kleinen Schulmädchens mit entzündeten Augen und geschwollnen Drüsen erinnern konnte.

Der Winter verging, der Frühling brach an.

An dem Tage, wo Svend zum Abschied nehmen herüberkam, fühlte Anine eine unerklärliche Unruhe. Aber mit steifem Arm gab sie ihm die Hand und richtete ihm die Ermahnung aus, die ihr die Mutter aufgetragen hatte: Gieb acht, daß du dich ordentlich aufführst!

Das werde ich gewiß, mein Schatz! Er zögerte ein wenig, spitzte den Mund und drückte drei feste Küsse aus den Rücken seiner eignen Hand: Leb wohl! Le ... b ... wo ... hl, A ... A ... nine!

Noch lange nachher ging das Mädchen mit unruhig grübelnden Gedanken herum. Nach alter Gewohnheit wandte sie die Augen wohl zehnmal am Tage nach dem Hofe des Oheims hinüber, hatte aber das Gefühl, als ob eine kalte Totenhand über ihr Antlitz striche.

Alles fröhliche Leben war von Hof und Wald wie weggeblasen; alle Menschen wurden ihr so unendlich gleichgiltig; die Arbeit wurde ihr eine Plage, und das Brot ballte sich in klebrigen Klumpen in ihrem Munde zusammen.

Der junge Kohlenbrenner wurde in die Leibkompagnie gesteckt; diese bestand aus lauter kräftigen schmucken Burschen. Der Sommer war brennend heiß, und der Dienst sehr streng; den ganzen Tag flog es mit Flüchen und Schimpfworten um die Ohren der jungen Soldaten, und Stockprügel gab es, daß die Rücken oft blau und grün aussahen.

Svend Börgesen hatte von Anfang an bei seinem Leutnant, dem spätem General Hedemann, einen Stein im Brett. Dieser drückte in der Instruktionsstunde immer ein Auge zu und schickte ihn meistens mit irgend einem Auftrag fort, während abgefragt wurde. Aber im stillen hatte Svend höllisch Angst, wie es ihm wohl gehen werde, wenn die Vorstellung vor dem General stattfinden würde.

Das wird freilich schlimm ablaufen, meinte der Leutnant, aber wart nur, hier gebe ich dir ein Stück zum Auswendiglernen, dann kannst du mit Glanz bestehen.

Zu Befehl, Herr Leutnant!

Der Tag der Vorstellung rückte heran. Mann für Mann wurde hervorgerufen und abgehört.

Was hat eine Schildwache zu beobachten? lautete die an Svend gerichtete Frage.

Die Schildwache muß aufmerksam auf ihrem Posten sein und darf nicht zugeben, daß in ihrer Nähe ein Unfug getrieben wird. Dahin gehört: Lärm, Prügelei, mutwillige Beschädigung, Diebstahl, Einbruch. Bricht Feuer in der Nähe des Postens aus, so macht die Schildwache in den nächsten Häusern Lärm und schickt den ersten Vorbeigehenden mit der Anzeige zur Wache. Nach erfolgter Ablösung hat die Schildwache jeden Vorfall auf Posten dem Wachthabenden zu melden.

Sehr gut, sagte der General. Das ist ein Kerl, der kann seine Sache! Sehr gut, mein Sohn.

Die Übungen zu Pferd waren Svend ein Kinderspiel, und im Schießen fand sich nicht seinesgleichen.

Du hast schon früher eine Büchse in der Hand gehabt, das merkt man, sagte der Leutnant.

Zu Befehl, Herr Leutnant! antwortete Svend.

Der Leutnant drohte mit dem Finger: Im Streit mit den Kohlenbrennern etwa?

Der junge Bursche schwelgte in Lebenslust und Freude. Wie er erwartet hatte, gelang es ihm, sich beim Vetter Böttcher einzuquartieren, wo er eine gute, gesunde Verpflegung bekam, wo ihm aber auch die redegewandte Frau Böttchermeister manchmal eine ernstliche Strafpredigt hielt, wenn er sich nicht ordentlich aufgeführt oder sich sonst irgend eine Untugend hatte zu Schulden kommen lassen: Ordnung muß in meinem Hause herrschen, das merke dir ein für allemal! Und dann schimpfte sie wie ein Pferdeknecht.

Aber wie erstaunte Svend, als er Sophie zum erstenmal sah. Er erwartete, ein kleines Mädchen mit Triefaugen zu sehen, und nun stand sie vor ihm als eine hübsche, wohlgewachsene, blondlockige Maid mit lustigen Augen, für die sich anzustrengen und der den Hof zu machen es wohl der Mühe wert war.

Svend kam es vor, als ob ein ganz neues Dasein für ihn angebrochen wäre. Das muntre Leben in dem Turnsaale und auf dem Exerzierplatz behagte seiner urkräftigen Natur; die Stunden in dem Böttcherhause waren wahre Festtagsstunden, und das Getreibe in der Stadt, die hübschen Läden, die Fröhlichkeit an den Jahrmarktstagen brachten alle seine Sinne in Bewegung. Oft machte er mit Sophie und ihrer Freundin Spaziergänge in der Stadt selbst oder in deren herrlicher Umgebung, wo alles neu und anziehend für ihn war. Das Lachen und Scherzen der jungen Mädchen, der Glanz ihrer klaren Augen und der Anblick ihrer schönen, weißen Zähne erhöhten natürlich den Reiz dieser Ausflüge und erhitzten ihm das von Natur heiße Kohlenbrennerblut noch mehr, und die Sehnsucht, zu leben, zu lieben und zu genießen, wuchs von Tag zu Tag.

Nach beendigter Instruktionszeit wurde er als Bursche für einen Adjutanten gewählt, und bei diesem hatte er die allerbesten Tage.

Einen eigentümlichen Eindruck boten damals die sogenannten Freispieler, die erst viele Jahre, nachdem sie ausgehoben worden waren, einberufen wurden, und deren Dienst sich nur auf die Instruktionszeit von zehn Wochen beschränkte. Diese Leute wurden bei ihrem Eintritt in alte vertragne Kleider gesteckt: ein roter Rock, blaue Beinkleider, Gamaschen und Schuhe samt Filzhelm mit Lederschild und Pompon war ihre Ausstattung. Viele dieser »Rekruten« waren schon dreißig Jahre alt, ja verschiedne davon gesetzte und beleibte Ehemänner. Außerordentlich komisch sahen sie ohnedies in ihren traurigen Kleidungsstücken aus, die an ihren ungelenken Gliedmaßen eng anliegend saßen, während der Tschako bei den meisten eine eigensinnige Vorliebe zeigte, so weit als möglich hinten auf dem Kopf zu sitzen. Die Unteroffiziere, ja die Leutnants sogar trieben oft ihren Schabernack mit diesen ältlichen Burschen.

Nun, ihr Leute, wollen wir jetzt abspazieren? wurde öfters anstatt des donnernden: Vorwärts Marsch! kommandiert. Da sahen sich die Rekruten gegenseitig fragend an; einige stolzierten davon, andre blieben ratlos stehen. Wollt ihr wohl abschrammen! konnte dann der Unteroffizier brüllen, während er die Nachzügler mit der Säbelscheide handgreiflich aufmunterte. Dann stoben die verdutzten Stümper in wilder Flucht auseinander, drängten sich aufs Geratewohl in die ersten Reihen, wodurch eine grenzenlose Verwirrung entstand, natürlich zur großen Belustigung der jüngern gutgeschulten Mannschaften.

Unter diesen Freispielern befand sich auch Troels Troelsen.

Für diesen tapfern Vaterlandsverteidiger, der unaufhörlich von einem schwarzen Augenpaar träumte und mit heißer Sehnsucht an die Fleischtöpfe von Alsingröd dachte, war das Soldatenleben eine Quelle täglichen Kummers. Es konnte noch hingehen, daß ihn die Unteroffiziere zum »Ritter der Breikachel« ernannten oder ihm Namen wie »Freßsack« oder »Bauernflegel« an den Kopf warfen, aber daß sie es, trotz aller Mühe, die er sich beim Exerzieren gab, wobei ihm oft der Schweiß in schweren Tropfen von der Stirn lief, doch immer wieder versuchten, seinen Rücken mit Püffen und Stößen in einen Wärmegrad zu versetzen, der weit über das gewöhnliche Maß eines Soldatenrückens hinausging, das fand er geradezu gegen jede Vernunft. In der ersten Zeit heulte er darüber, aber nachher kam er auf den Gedanken, ein altes Stück Pappendeckel zwischen seinen Rücken und den Rock zu stecken, und nun nahm er die Prügel hin, ohne zu mucksen.

Zuweilen durfte er auch Svend zum Vetter Böttcher begleiten, wo er dann mit seelenvergnügtem Ausdruck dasaß und nach Svend und Sophie hinüberschielte.

Höre, das ist gefährlich, wie Svend dir den Hof macht, sagte er eines Tages zu dem jungen Mädchen.

Wirklich! ... Sag einmal – hat er etwas zu dir gesagt? erwiderte sie.

Ha ha! ... etwas gesagt! Neulich, als wir draußen auf dem Feld lagen, schlief er neben mir und umarmte meinen Stiefel, indem er zärtlich sagte: Ach Sophie! Sophie!

That er das wirklich?

An einem heißen Sommersonntag machten sich Svend und Troels auf den fünf Meilen langen Weg nach Alsingröd. Die Sonne brannte auf ihre erhitzten dunkelroten Gesichter und schmorte ihnen durch die dicken, roten Röcke den Rücken.

In einem Wirtshaus unterwegs hörten sie, daß Niels Bendtsens Hof abgebrannt sei. Bei dieser Nachricht wurde Svend unruhig; er brach, obgleich sein Bierkrug erst halb geleert war, rasch auf und marschierte noch einmal so schnell vorwärts.

Wie zwei gekochte Krebse sahen die beiden Soldaten aus, als sie endlich in Alsingröd ankamen. Guten Tag, grüßten sie, mit der Hand an der Mütze, die Augen nach Vorschrift nach der Seite des Entgegenkommenden gedreht, sonst aber gingen sie schweigend, mit großen Schritten durch das Dorf, Svend nach seinem Heim, und Troels zu seinen Hausleuten.

Lange ehe Svend die Hausthür erreichte, hörte er den wohlbekannten Ton aus der Webstube.

Errötend kam ihm Anine im Garten entgegen, blieb aber ganz verdutzt stehen, als er ernsthaft die Fersen zusammenschlug und drei Finger an die Mütze legte.

Ach! herrje! erklang es nun vom Hause her, und Svends Mutter und Großmutter erschienen unter der Thür. Ach! herrje! rief Else und blies einen Webefaden von ihrem Ärmel; das ist ja herrlich, daß du einmal kommst und nach uns siehst!

Ja freilich! Aber hier hat es ja böse Geschichten gegeben!

Leider, leider! Der Backofen war schuld daran. Aber Gott sei Dank ist kein größeres Unglück passiert, als daß Marianne am Rücken schwer verletzt wurde ... alle Schweine wurden gerettet ... so komm doch herein, Svend!

Drin in der Stube saß Niels Bendtsen und sein Hofknecht, Lille Bendt, jeder mit einem gesalznen Schweinsknochen in der Hand; mitten auf dem Tisch stand eine leere irdne Schüssel, und rings herum lagen nach allen Seiten hin Spuren von gelber Erbsensuppe.

Guten Tag und guten Appetit!

Guten Tag! Danke, danke! antworteten die beiden mit vollem Munde.

Nun, ihr habt ja indessen hier draußen ein bischen zu stark gefeuert!

Ja, das haben wir! So wahr ich dastehe! bestätigte Lille Bendt mit quäkender Stimme.

Lille Bendt war ein kleiner, ältlicher Mann mit einem gebeugten Rücken und einem tief zwischen den Schultern sitzenden schiefen Kopf. Niels Bendtsen gab zuweilen – zu Lille Bendts großer Belustigung – die witzige Erklärung über diesen Kopf ab, daß einmal der Riese Goliath mit seiner großen Faust Hand daran gelegt und ihn halbumgedreht habe mit den Worten: So bleibst du sitzen!

Niels saß dumpf brütend da und nagte an seinem Schweinsknochen.

Svend ging zu Marianne hinauf, die in der Giebelstube im Bett lag. Else folgte ihm auf Schritt und Tritt und musterte ihn in stiller Verzückung unaufhörlich vom Kopf bis zu den Füßen.

Es wird wohl nicht so schlimm sein mit dem Stoß im Rücken! meinte er, als er wieder herunterkam.

Das habe ich auch gesagt, nahm Lille Bendt das Wort, es wird wohl nicht so schlimm sein mit dem Stoß im Rücken, so wahr ich dastehe!

Ja ja, der Stoß, den der Hof bekommen hat, der ist allerdings schlimmer! brummte Niels Bendtsen und warf den abgenagten Knochen von sich.

Das ist allerdings sehr schlimm, erwiderte Lille Bendt, das ist ein Stoß, der hat etwas zu sagen, so wahr ich dastehe!

Eine Art Ohrfeige, die man nie wieder verwindet.

Nein! Ich sagte auch zur Mutter, als ich nachts heim kam, das ist eine Ohrfeige, die verwindet der Niels Bendtsen nicht!

Aber die Herren aus der Stadt werden dir vielleicht helfen, warf Svend ein.

Ihm helfen? Ganz gewiß wird ihm jeder helfen! Alle, alle können Niels Bendtsen gut leiden. Ich hörte, wie drei oder vier Hofbauern, die beisammen standen, darüber verhandelten, daß man nun helfen müsse, Niels Bendtsen seinen Hof wieder aufzubauen; ja ich will verflucht sein, wenn ich das nicht gehört habe! rief Lille Bendt.

Else stellte jetzt etwas zum Essen auf den Tisch und stand wieder eine Weile in den Anblick ihres Sohnes versunken da, aber auf einmal fuhr sie wie aus einem Traum erwachend auf und ging eilends wieder an ihren Webstuhl.

Und wenn wir dann ein paar gute Jahre bekommen, und die Kohlen ein wenig im Preise steigen, können wir es schon verwinden, tröstete Svend.

Ja, verflucht! Schon verwinden, wenn wir nur ein paar gute Jahre bekommen, und die Kohlen ein wenig im Preis steigen.

Niels Bendtsen wandte sich jetzt an seinen Neffen und fragte ihn mit einem eigentümlichen Leuchten in den Augen, ob er über Nacht dableibe?

Ja, das heißt, ich muß in der Nacht fort, denn ich muß mich morgen in aller Frühe melden.

Es liegt ein allerliebster, netter Haufen Prügelholz draußen gerade vor unserm Gartenzaun.

Onkel! ich habe des Königs Rock an!

Es klang ein edler Stolz aus seiner Stimme.

Am Nachmittag kam Troels. Verlegen und wie immer bis über die Ohren errötend, begrüßte er Anine an der Küchenthür, die nach dem Garten hinausging.

Du bist ganz erhitzt, Anine!

Ach ja! Mir ist es so heiß im Kopf geworden, ich weiß nicht, woher es kommt!

Mir ist es auch so sonderbar zu Mut, du wirst es mir ansehen, nicht wahr?

Ja, ich mußte gleich an eine rote Rübe denken, als ich dich erblickte.

Ha ha ha! – ha ha!

Bitte, geh doch hinein!

Danke, Anine, danke! Es brauste ihm in den Ohren vor lauter Glück.

Svend stand im Garten draußen neben der offnen Scheune und rasselte mit dem Riegel. Ein Gefühl der Unruhe bemächtigte sich seiner beim Geräusch des Webstuhls drinnen im Kämmerchen.

Hm ... Anine, Anine! rief er dann.

Bald saß er ganz behaglich mit ihr auf einer Bank neben dem Gartenzaun.

Nun, wie gefällt denn der Jungfrau der Soldat?

Meinst du Troels?

Nein, den andern.

Warum sollte denn der mir gefallen?

Er hat dir doch früher ganz gut gefallen.

So, wer hat dir denn diese Wissenschaft mit auf den Weg gegeben?

Das hast du ihm selbst oft genug gesagt.

Ach, dummes Zeug!

Ja, mit den Augen.

So? Sie wurde rot und schlug sich mit einem Zweig, den sie in der Hand hielt, auf das Knie. Und was dann?

Ja, was dann?

Ja, was dann?

Dann will ich dir nur sagen, daß du jetzt wieder ganz rot wirst – ja, über und über, bis hier herunter! Er stach sie mit dem Finger in den Hals.

Und dann will ich dir nur sagen, daß du deine Pfoten für dich behalten kannst! Sie schüttelte seine Hand ab und stand auf.

Anine, Anine – wir zwei! rief er. Komm, sei lieb und setz dich neben mich! Er hielt sie an der Schürze fest und zog sie neben sich auf die Bank. Siehst du, so! Komm, dreh den Kopf zu mir her.

Warum?

Und nun schließ deine beiden schwarzen Guckäugelein, dann bekommst du etwas Gutes!

Das will ich vorher sehen!

Nein, nein! Du bekommst es nicht, wenn du die Augen nicht zumachst!

Nun, also!

Nein, du blinzelst. Ganz zu mit ihnen!

In dem Moment, als sie die schwarzen Wimpern zudrückte, schlang er den Arm um ihren Hals und wollte seinen Mund auf ihre Lippen drücken; aber sie stieß ihn im letzten Augenblick weg und erhob sich zornig.

Hahaha! Ich glaube, du wirst ganz aufgebracht! lachte er etwas verlegen.

Ich will wissen, was du dir eigentlich dabei denkst?

Dabei denkst? Was soll man denn dabei denken, wenn wir zwei bei einander sitzen und uns einmal einen Schmatz geben? Zwei Geschwisterkinder und Spielkameraden wie wir zwei!

Dann will ich dir nur so viel zu wissen thun, daß ich in dieser Hinsicht keine Faseleien dulde; da kannst du dich darauf verlassen! Sie zog die Brauen zusammen und sah ihn mit durchbohrendem Blick an. Es ist ja möglich, daß du dort in Helsingör bei den Mädchen sitzen darfst und sie abschmatzen, aber hier behältst du deine Lippen für dich, hörst du?

Aber Anine!

Es leuchtete wild auf in ihren Augen; sie wandte sich um und ging den Weg entlang.

Svend blieb mit einem blöden Lächeln auf der Bank sitzen und wußte nicht, was er mit sich selbst anfangen sollte. Was in aller Welt sie nur gestochen haben mochte? Sie war doch sonst immer hinter ihm her gewesen, schon als ganz kleines Mädchen, und wenn er sich nicht ganz täuschte, so wartete sie nur noch auf eins – auf eine ganz kleine Frage. Stand sie vielleicht jetzt in irgend einem Winkel und guckte nach ihm aus? Oder saß sie etwa drin in ihrer Kammer und weinte? Mißmutig kaute er an seinem dunkeln Schnurrbart. Sollte er am Ende hineingehen, die Wolken zerstreuen und das Lächeln auf ihr Gesicht zurückrufen? Nein, er kam sich so komisch vor.

Da ging er hinaus auf die Pferdekoppel und unterhielt sich eine Weile mit Stern, der ihm freudig entgegenwieherte, den Kopf an seine Schulter lehnte und ihm beständig nachlief, so oft er fortgehen wollte. Ha ha, mein guter alter Kerl!

Selbst hier draußen konnte er den unveränderlichen Schlag des Webstuhls vernehmen.

Den ganzen Abend war Anine steif gegen ihn. Troels sang und war ganz übermütig. Svend that, als ob nichts vorgefallen wäre; er schielte aber scharf nach ihr hinüber, so oft er erklärte, es sei jetzt für ihn und Troels Zeit zum Aufbrechen.

Niels Bendtsen sollte beide mit seinen Pferden nach Asminsröd fahren, so war es am Nachmittag ausgemacht worden.

Als nun die Nacht angebrochen war, kam Niels zu Svend hin und stieß ihn in die Seite, aber er erklärte mit einem Fluch, er thue das nicht, er habe des Königs Rock an.

Ich habe gar nichts mehr, nicht so viel, als unter den Nagel geht, klagte Niels.

Svend fuhr mit der Hand in die Tasche. Hier sind zwei Speziesthaler, die mir die Ahne geschenkt hat, da kannst du dich mit durchbringen; hier hast du sie.

Um zehn Uhr brachen die beiden Soldaten auf. Else rief ihren Sohn in die Speisekammer und gab ihm ein Paket Eßwaren mit. Mein lieber Junge, sagte sie mit Thränen in den Augen, ich habe niemand mehr als dich.

Ja ja, Mutter, ich weiß schon, was du sagen willst; sieh nur, daß du gesund und frisch bleibst.

Ja.

Übergiebst du mir dann den Hof, wenn ich heimkomme?

Dergleichen Fragen verdrossen Else immer sehr; sie würde das schon von selbst thun, wenn es ihr gut dünkte, dachte sie.

Zum erstenmale fiel es Svend auf, wie alt und häßlich seine Mutter geworden war. Ihre Augen saßen tief in den Höhlen, die Backenknochen standen weit hervor, und das früher so schöne, dunkelbraune Haar war ergraut, ja beinahe weiß geworden, obgleich sie kaum fünfzig Jahre alt war.

Ein Stich mitleidigen Schmerzes ging durch seine Seele.

Mutter, sagte er und legte die Hand auf ihren Arm, du reibst dich auf.

Nein, ganz gewiß nicht. Nimm nun dies hier, Geld habe ich nicht.

Als er nachher Anine Lebewohl sagte, hielt er ihre Hand eine Weile zögernd in der seinigen.

Gute Nacht, sagte sie, es ist wohl schon spät?

Ja ja, freilich!

Stolz, mit hochgehobnem Kopf ging er an den Wagen. Ich will selber fahren, sagte er und ergriff die Zügel.

Er setzte sich rechts auf das Wagenbrett, während Niels Bendtsen hinaufkletterte und sich links setzte. Troels lag hinten auf einem Bund Stroh und focht mit den Beinen in der Luft.

Lange Zeit saß Svend ganz stumm da und brütete über seinen Gedanken. Er ärgerte sich über diese Geschichte mit Anine, denn sie hatte wohl gesehen, wie wild ihm das Blut in den Kopf gestiegen war.

Als sie schon eine gute Strecke im Gribwald gefahren waren, richtete Svend sich auf und sah um sich. Die Wärme der Sommernacht, das Sterngefunkel, der frische Luftzug mit seinem Laub- und Pflanzenduft belebten ihn wieder und weckten in seinem Herzen eine Art Heimweh nach den nächtlichen, so verlockenden Waldausflügen ... Sprang dort nicht gerade ein Rehbock über den Weg?

Hör, du, rief Troels und streckte den Kopf nach ihm hin. Aber Anine hat sich einmal verändert!

Warum denn?

Hm ... Bemerktest du denn nicht, wie böse sie dich ansah?

Was kümmre ich mich darum?

Nein, was solltest du dich denn auch darum kümmern? Laß sie einfach laufen!

Er zog den Kopf wieder zurück, ließ sich auf den Strohhaufen zurückfallen und stimmte ein altes Volkslied an, sodaß es laut im Walde widerklang.

Hör du, Svend, begann er nach einer Weile wieder, du hast aber der Sophie den Kopf nicht schlecht verdreht!

So ... o?

Ja, sie mußte neulich zur Beruhigung Hoffmannstropfen nehmen, als ich nur ein Wort davon fallen ließ, daß du einen Schatz hier zu Hause habest.

Da war es wieder, das mit Anine! Er wurde ganz zornig über sich selbst, weil er immer so viel an sie denken mußte, wenn es irgend etwas zwischen ihnen gegeben hatte, und doppelt schmerzte es ihn, daß sie ihn heute wie einen albernen Jungen gezüchtigt hatte, heute gerade, wo er sich doch so von Herzen gefreut hatte, sie wiederzusehn.

Er rief sich das Bild wieder vor Augen, wie sie bei seiner Ankunft im Garten gestanden hatte: hoch und schlank, das Mieder straff um den hochgewölbten, kräftigen Busen gespannt, mit glänzendem Blick und einer Falte zwischen den Brauen ... Es überkam ihn eine unerträgliche Sehnsucht nach ihr, ein wildes Verlangen, den Arm um sie zu schlingen, und eine rasende Lust, allen Widerstand mit der Riesenmacht der Leidenschaft zu bezwingen.

Wieder saß er eine Weile still und träumte vor sich hin. Auf einmal richtete er sich stolz auf, gab jedem der Pferde einen Schlag mit der Peitsche und fuhr wie wahnsinnig über Stock und Stein. Pah! Fort mit dem Zeug! War sein Mund ihr nicht gut genug, so konnte sie sich nach einem andern umsehen!

Inzwischen erreichten sie das Wirtshaus in Asminsröd, wo Niels Bentsen sie zum Abschiede mit Kümmelbretzeln, Branntwein und Eierpunsch bewirtete. Troels hielt sich bei dieser Gelegenheit tapfer wie immer, aber Svend trank fest darauf los, und sein Onkel wurde zuletzt ganz ausgelassen und wollte durchaus mit Troels und dem schläfrigen Gastwirt tanzen.

Erst gegen Morgen kam Niels Bendtsen zurück; er fuhr in vollem Galopp daher und war so aufgeräumt, daß er vor lauter Freude den Knecht umarmte.

Was für ein schöner Abend! Voll Himmelsglanz und Sterngefunkel!

Abend? Es ist ja Morgen!

Morgen? Das ist einerlei! Es ist ein schöner Anblick, der Nachthimmel im Glanz der Sterne und mit allen noch so fernen Ge – stirnen! Nicht alle Tage giebt es solch einen Abendhimmel!

Er stolperte in die Stube hinein, wo Anine und ihre Tante sich eben angezogen hatten.

Guten Abend, Anine ... Was! Das ist ja Else! Ganz richtig, Schwester ... gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen. Das gefällt mir, daß du treulich nach der Mutter siehst, wenn ich fort bin!

Führ dich doch nicht so verrückt auf, schalt Else.

Schwester, wir sind Nachbarn in aller Freundschaft und Ehrbarkeit! Wo ist die Mutter?

Es ist nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu zanken, flüsterte Anine.

Er brauchte lange, bis es ihm gelang, seine Pfeife an die Wand zu hängen. Nun, habt ihr etwa den Nagel herausgerissen? So, jetzt! Ihr glaubtet, hähä ... Ihr glaubtet wohl, ich würde die Pfeife daneben hängen, und nun ... hä hä ... bums! Na, ihr könnt glauben, der Niels Bendtsen, der hat seine Finger bei sich ...! Was ist denn das für eine Uhr? Das ist ja Svend Börges Uhr? Wie kommt denn die hierher?

Er glaubt wahrhaftig, er sei bei sich zu Hause, flüsterte Else. Niels, sagte sie dann laut, entweder bist du verrückt oder betrunken!

Er ließ einen verschwommnen Blick über die Stube hingleiten, wo das Morgenlicht seine ersten gelben Streifen auf dem Staub spielen ließ; da leuchtete auf einmal ein Funken des Erkennens in seinem umnebelten Gehirn auf.

Schwester, ich bin betrunken! murmelte er.

Buchschmuck

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