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Die Kohlenbrenner

Zakarias Nielsen: Die Kohlenbrenner - Kapitel 14
Quellenangabe
authorZacharias Nielsen
titleDie Kohlenbrenner
publisherFr. Wilh. Grunow
year1898
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180812
projectid9a7c1897
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Buchschmuck

Dreizehntes Kapitel

Anine ging hinauf in ihr Zimmer, wo Mille eben eingeschlafen zu sein schien und mit dem Abglanz eines glücklichen Liebestraumes auf dem gesunden, frischen Gesichtchen lächelnd wie ein Kind auf ihrem Lager ruhte. Auf dem Tische brannte ein Talglicht, das mit qualmendem Dochte ängstlich um sein Dasein kämpfte.

Anine war ganz überwältigt und mußte sich niedersetzen.

Es war also doch so!

Manchmal, wenn er neben ihr gesessen hatte, sie mit seinen freundlichen Augen ansah und jedesmal errötete, so oft ihre Blicke sich trafen, hatte sie eine Ahnung von dem wirklichen Sachverhalt durchschauert, aber sie hatte nie weiter darüber nachgedacht, denn er paßte ja doch viel besser für Mille, und außerdem kannte er ja auch den Kummer, der an ihr nagte, und den sie, wie er wohl wußte, nie ganz überwinden würde.

Aber hatte sie ihn am Ende nicht ganz und gar mißverstanden?

Nein, er hatte es ja gerade herausgesagt, und sie hatte es in seinen Augen gelesen, aus seiner Stimme gehört, an seiner zitternden Hand gefühlt –

Sie hatte ihn im Grunde ihres Herzens sehr lieb, den schüchternen, treuherzigen Jens Ludwig. War es auch recht von ihr, wenn sie Nein sagte? Wenn er sie nun so »unaussprechlich« lieb hatte? Er war seiner selbst »vollständig sicher.« Ja, wenn es einen Menschen auf der Welt gab, der wirklich treu war, so war es Jens Ludwig.

War es recht, daß sie Nein gesagt hatte? Noch immer aß sie in diesem Haus hier in gewissem Sinne das Gnadenbrot; es konnte doch nicht immer so fortgehen, Bredals konnten sterben, und wo sollte sie dann hin? Es wäre für sie jetzt doch recht schwer, geradezu eine Stelle als Dienstmädchen anzunehmen, und nach Alsingröd konnte und wollte sie nicht zurückkehren.

Wie er sagte, war es ihm ganz einerlei, daß sie ein Bauernmädchen war; und hatte denn das eigentlich etwas zu sagen? Hatte nicht Madame Bredal auch einmal die Bauernhaube getragen und war doch eine richtige vornehme Frau geworden? Madame Bredal war auch nicht so »sehr gebildet und unterrichtet,« wenn sie auch noch so lieb und gut war; das merkte man hie und da in den Gesprächen. Aber daß man einen hübschen Knicks machen und über Theater und Romane sprechen konnte, war auch nicht die Hauptsache; es war viel besser, wenn man sich mit seiner Hände Arbeit nützlich machen konnte, kochen und alles in guter Ordnung erhalten – ja, und darin konnte ein Bauernmädchen zum mindesten soviel leisten wie die feinsten Frauen.

Ach, wie sonderbar war es doch, daß Jens Ludwig schon seit einem ganzen Jahre die Liebe zu ihr im Herzen getragen haben sollte!

Sie ergriff einen kleinen Handspiegel und sah hinein, legte ihn jedoch gleich wieder weg, als sie an ihre sechsundzwanzig Jahre dachte.

Nein, sie war nicht mehr jung. Mehrere ihrer Freundinnen waren schon lange verheiratet und hatten ihr eignes Heim; eine davon hatte sogar schon zwei Kinder.

Lange dachte sie darüber nach, wie herrlich es doch sein müßte, so ein hübsches Heim zu besitzen, wie z. B. Bredals; so hübsche Zimmer mit Sofa, Vorhängen und Teppichen. Jens Ludwig hatte eines Tages davon gesprochen, er werde sich wahrscheinlich in einigen Jahren als Rechtsanwalt in Helsingör niederlassen. Sie sah sein Bureau mit Pult, Tischen und Bücherständern vor sich, gerade wie drüben bei Frandsens; er selbst saß an dem großen Pult und schrieb auf einen Bogen gestempelten Papiers; dann kamen ein Paar Landleute, bückten sich vor ihm und sprachen von Kaufsummen und Unterpfändern, er stand vor ihnen, den Gänsekiel in der Hand und deutete mit dem Federbart: Bitte, nehmt Platz, ihr Leute. Sie selbst ging in ihre Stube und zog die Gardinen zurück. Das Mädchen kam herein mit einem heißen Bügeleisen. Ach, Madame kann wohl jetzt das Eisen noch nicht brauchen? – Doch, stell es nur auf den Rost und bring mir die Haubenenden, die über dem Waschtisch hängen. – Jens Ludwig kam herein. – Meine geliebte, süße Anine, wie glücklich sind wir doch miteinander! – Sie zog ihre neue Seidenmantille an, und dann gingen sie Arm in Arm spazieren und betrachteten die vorüberfahrenden Schiffe. Sie begegneten der Böttcher-Sophie, die stehen blieb und Mund und Nase aufsperrte vor Verwunderung und Neid. –

Ach! unterbrach sie sich selbst, als plötzlich Svend wie leibhaftig vor ihr auftauchte, was ist doch das für ein gräßliches Durcheinander!

Sie putzte das Licht, das gerade am Ausgehen war, und lehnte sich dann wieder in den Stuhl zurück.

Im Stock über ihr ging eine Thür, und sie hörte Jens Ludwigs Stiefel auf dem Boden auftreten. Es war, als ob diese knarrenden Laute ihr weh thäten; sie fühlte inniges Mitleid mit Jens Ludwig, denn sie wußte, er würde diese Liebe niemals vergessen, aber sie konnte ihm ja nicht anders antworten, als sie es gethan hatte, sie konnte eben nicht.

Ja, wenn er warten wollte – vielleicht! Nein nein, nie in ihrem Leben konnte etwas daraus werden, denn sie konnte das andre nicht vergessen; es würde jeden Tag in ihren Gedanken weiterleben, sie bedrohen und erschrecken und selbst ihre Träume stören, wenn sein Arm sie zärtlich umschlungen hielte.

Sie erhob sich und betrachtete nachdenklich die schlafende Freundin, die, wohl von einem holden Traum umfangen, freundlich lächelte.

Da stiegen heiße Thränen in ihre Augen, und eine nach der andern lief schwer über ihre brennenden Wangen.

*

Am nächsten Morgen erwachte Anine mit heftigem Kopfweh und konnte sich kaum zusammenreimen, was sich am Abend vorher zugetragen hatte.

Madame Bredal legte die Hände um die schmerzende Stirn, um ihr Linderung zu verschaffen, aber ihre Finger waren steif und wollten sich nicht so recht anschließen.

Du hättest in der Johannisnacht die Quellen besuchen sollen, mein Kind, wie ich es dir damals vorgeschlagen habe. Anine that, als ob sie es nicht hörte; dorthin, wo er war, nein, ganz gewiß nicht! Geh ein wenig spazieren, mein liebes Kind, und schöpfe etwas frische Luft! drängte Frau Bredal.

Ja, ich glaube, das wird mir gut thun.

Sie ging über den Marktplatz und die Hauptstraße entlang. Einen Augenblick hielt sie an einem Kaufladen an und betrachtete die im Schaufenster ausgestellten Gold- und Silberwaren. Da drang durch die Hausthür ein Luftzug mit einem eigentümlichen frischen Brandgeruch vermischt; sie erhob den Kopf und ging an die Thür, da sah sie einen großen Haufen im Hausflur aufgeschichtete frischgebrannte Kohlen. Ein kleiner Junge stand daneben und machte sich ein Vergnügen daraus, die schwarzen, blanken Stücke auf den Steinboden fallen zu lassen, wo sie mit einem metallnen Klang zersprangen. Sie stand mit weit offnen Augen, ihre Nasenflügel bebten, ihre Brust arbeite heftig – –

Fühlst du dich nicht wohl? redete sie plötzlich eine vorübergehende Frau an.

Sie schlich davon und nahm den Weg durch den Schloßhof hinein in den Schloßgarten.

Aber wie merkwürdig! Da kam Jens Ludwig ihr aus dem Garten entgegen, gerade als sie durch das Thor hineingegangen war.

Sie fühlte das tiefste Mitleid mit ihm, als er schweigend und niedergedrückt auf sie zutrat und ihr die Hand reichte.

Sie gingen an dem Badehaus vorüber, vor dem der alte Frydendhal in einem Schaukelstuhl saß und das Tageblatt las. Gerade als sie vorübergingen, mußte der alte Mann niesen, und das Blatt fiel ihm aus der Hand. Jens Ludwig sprang schnell zu und hob es auf.

Ei ei, guten Morgen, lieber ... o tausend Dank! Das war sehr freundlich von dir!

Sie sprachen ein wenig von dem gestrigen Abend und von dem herrlichen Sommerwetter – gerade ein Wetter für zwei junge Menschenkinder. Frydendhal drohte mit dem Finger: Spitzbube! – Ja ja, Gott segne euch, Kinder!

Jens Ludwig wurde dunkelrot und schielte zu Anine hinüber, die auch errötete.

Lange Zeit sprach keins ein Wort, während sie weiter gingen.

Hast du gehört, was Frydendhal sagte? begann endlich Jens Ludwig.

Ja, ich habe es gehört.

Wieder schwiegen sie eine Weile.

Du hast wohl nicht weiter darüber nachgedacht, Anine?

Doch, das habe ich; aber ich kann dir auch heute keine andre Antwort geben.

Ist Svend der Grund?

Sie stand still und erbleichte. Jens Ludwig, versprich mir, daß du diesen Namen nie wieder aussprechen willst. Ich will ihn nicht mehr hören!

Liebste Anine, ich wollte ja nur – ich kann gut verstehen, daß es dich immer noch schmerzt, aber denke daran, wie viele Tausende es giebt, die auf dieselbe Weise Schiffbruch gelitten haben, die sich aber wieder faßten und in neuen Verhältnissen ganz glückliche Menschen wurden.

Das ist es ja gerade, was ich nicht kann, antwortete sie und fing wieder an zu gehen.

Weißt du denn, daß Tante Bredal in ihrer Jugend einen ähnlichen Herzenskummer gehabt hat?

Ja, das habe ich wohl gemerkt.

Sie war mit einem Gutsverwalter Tomsen zwei Jahre lang verlobt gewesen; da verheiratete er sich mit der Tochter eines reichen Kaufmanns und kaufte sich in der Nähe von Roskilde einen Hof.

Anine schwieg.

Sie hatte ihn, fuhr Jens Ludwig fort, unaussprechlich geliebt und war tief unglücklich; ich weiß es von meinem Vater. Aber so etwas kann schließlich doch überwunden und vergessen werden.

Vergessen?

Ja. Glaubst du denn nicht, daß Tante es vergessen hat?

Du siehst den Leuten nicht tief in das Herz, Jens Ludwig.

Aber ich weiß und sehe doch, wie glücklich Onkel und Tante zusammen leben.

Wieder gingen sie eine Weile schweigend vorwärts.

Anine, wenn ich nun ein ganzes Jahr warten will, oder zwei Jahre, oder bis ich eine Stellung habe, die ...

Sie wurde von der ehrlichen, warmen Liebe, die in dieser Bitte lag, gerührt. Was konnte es denn auch nützen, immer und immer an das andre zu denken, das doch nie von neuem angefangen und wieder gut gemacht werden konnte. Sollte sie immer mit dieser Qual im Herzen herumgehen und alle Menschen mit finstern Blicken betrachten?

Du hast ja selbst gesagt, du habest mich sehr lieb, fuhr er fort, und ich würde auch so liebevoll und gut gegen dich sein. Glaubst du das nicht, Anine?

O doch, davon bin ich fest überzeugt.

Es ist nicht wie ein Rausch über mich gekommen, es ist aus sich selber herausgewachsen, langsam und stille, ohne daß ein Mensch eine Ahnung davon hatte. Wieder und wieder habe ich meine Gedanken geprüft und erwogen, stundenlang habe ich nachts wachend auf meinem Bett gelegen und habe Gott gefragt: Ist es mir auch wirklich Ernst? Und dann habe ich mich so sicher und gewiß gefühlt und gewußt: Ja, es ist mir Ernst. Und dann habe ich Gott gebeten, er möge es dir selbst kund thun!

Es kam mir auch manchmal vor, als ob ich das bemerkte, aber ich dachte eben doch nicht, daß es dir so sehr Ernst damit sei.

Und dann habe ich tausendmal davon geträumt, wie ich für uns beide ein Heim bauen wollte, o, so ein behagliches, warmes Nest mit Teppichen und ...

Sie blieb stehen und sah ihn prüfend an.

Ja ja, Anine, das ist ganz wahr, versicherte er bewegt und sah schwärmerisch zu den Baumwipfeln empor. Ich habe mir vorgestellt, wie glücklich wir sein würden, wie wir beisammen wohnen würden, wie eines es nicht lange ohne das andre aushalten könnte, wie wir zusammen nach dem Ringsee fahren und wie herrlich wir die Winterabende miteinander verbringen würden, wenn wir ganz allein wären, und wie ich dir, während du stricktest, vorlesen würde. Gestern noch standen alle diese Bilder in strahlendem Glanz vor mir. Ach, ich war gestern so glücklich, denn ich glaubte, es müsse alles zusammen zur schönen Wirklichkeit werden.

Jens Ludwig, sagte Anine schwer atmend, ich glaube doch ... ich glaube, ich liebe dich mehr, als ich selber weiß.

Dann sei Gott im Himmel droben gelobt und gepriesen! Er wandte sich zu ihr und sah sie strahlend an; nach und nach aber füllten sich seine Augen mit Thränen der Rührung.

Aber ... wenn es nun Bredals nicht recht ist? fragte sie ängstlich.

Es ist ihnen recht, das weiß ich ganz gewiß! Gestern abend, als Frydendhal mich mit dir neckte, sah ich Bredal lächeln.

Ach, ich habe so ein sonderbares Gefühl, und mein Kopf ist so müde. Laß mich ihn ein wenig an dich anlehnen.

Komm, wir wollen uns dort auf die Bank setzen.

Seine Finger zitterten, als er ihre Hand ergriff, diese Hand, die jetzt mit des Lebens heiligsten Banden an die seinige geknüpft war.

Sie setzten sich auf die Bank. Eine riesige Ulme dehnte ihre Zweige über ihren Häuptern aus, unzählige feine, metallisch glänzende Sommerfäden durchzogen die Luft, ringsum herrschte tiefe, feierliche Stille.

Du zitterst ja, Jens Ludwig.

Ach, das kommt nur von ... ich bin so unaussprechlich glücklich.

Aber du mußt mir versprechen, bat sie, vorerst nichts davon zu Hause zu sagen; denn ich weiß nicht recht ... die Leute haben es immer so wichtig und reden gleich so viel, wenn sie so etwas hören.

Ich werde kein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Wenn nur wir zwei einig sind, wenn nur wir zwei ...

Sie fuhr zusammen. Du darfst nicht sagen »wir zwei« ... ach, mir ist, als ob die Bäume um uns herum tanzten ... ich glaube, es ist am besten, ich sitze ganz still und schließe die Augen ein wenig.

Dein armer Kopf! Komm, leg ihn hier auf meinen Arm.

Aber ... wenn jemand käme?

Es ist kein Mensch um den Weg.

Sie sah sich ängstlich um, neigte dann den Kopf zu ihm herunter, richtete sich noch einmal auf und blickte wieder scheu nach allen Seiten, heftete dann ihre Blicke auf sein Gesicht und schaute ihm tief in die Augen. Schließlich brach sie in Thränen aus und lehnte ihren Kopf an seine Brust.

Mein liebes, liebes Mädchen, nun ist ja alles gut, sagte er und drückte sie innig an sich. In meinem Arm kannst du sicher und getrost ruhen. Schließe jetzt ein paar Augenblicke die Augen und übergieb dich mir mit allem Kummer und allem, was dich quält, mit allem ... allem!

Anine fiel in einen tiefen Schlaf und lag schwer aus Ludwigs Arm. Er saß unverrückt und sah auf die roten Lippen und die schwarzen, feuchten Augenwimpern. Wie gern hätte er sie geküßt, nur ganz vorsichtig und zart, wie ein warmer Wind über eine Rose hinstreicht; aber er wagte nicht, sich zu rühren.

Sein Herz klopfte mit heftigen Schlägen, er fühlte das Blut in seinen Adern hämmern; keine Sekunde wandten sich seine Augen von ihrem Gesicht ab. War es nicht merkwürdig, wie nahe ihr Gesicht an dem seinigen lag; ganz, ganz nahe; er konnte seine Wärme fühlen. Jetzt erst sah er genau den feinen, dunkeln Flaum auf ihrer Oberlippe, die glänzenden, schwarzen Augenbrauen mit dem ganz kleinen Zwischenraum an der Nasenwurzel, wo die Haut durchschimmerte, die schöne Rundung der Stirn unter dem Haar hinauf – – – Jetzt war sie sein eigen, sie war jetzt eins mit ihm, er eins mit ihr, all das würde er künftig wieder und wieder sehen; die Brust, die hier atmete, würde nun ein ganzes Leben lang an der seinigen atmen, und ihre Träume, ihre Wünsche, ihre Lebenshoffnungen, alles, was dem Blut Wärme verleiht, sollte sich vereinigen wie ihre Atemzüge; sie sollten zusammenhalten im Arbeiten und Kämpfen, und ihr Leben sollte in einem gemeinsamen, unermeßlichen Glück dahingleiten.

Ein paar alte Leute gingen langsam vorbei, da er sie jedoch nicht kannte, that er, als ob er sie nicht sehe.

Wieder heftete er seine Augen auf ihr Gesicht, und das soeben Erlebte erschien ihm noch unfaßlicher, noch unbegreiflicher. War es denn auch wirklich geschehen? War er verlobt? Verlobt mit ihr – mit ihr – mit ihr, die seines Lebens beste und heiligste Gefühle geweckt, die er in vieltausend Liebesträumen innig umarmt hatte? Ein Rieseln ging durch seine Nerven, eine Art Offenbarung der seligen Gewißheit, und wieder stieg der Wunsch heiß in ihm auf, sich nur einmal auf sie niederzubeugen – – nichts als seine Wange auf ihre Stirn zu legen, nichts als die Augenbrauen zu fühlen ... ah, wenn er es könnte! Aber er wagte nicht, sich zu rühren.

Das Schlimmste war, daß er so unbequem saß; er fühlte einen Krampf in der Brust, und sein Arm schmerzte ihn heftig, weil er fest gegen die Rückenlehne der Bank gedrückt wurde. Ob er sie nicht ein wenig emporheben könnte, nur ein ganz klein wenig, um den Arm etwas heraufzuziehen?

Da erklangen Schritte auf dem Wege zur Linken. Vorsichtig drehte er den Kopf – o weh! das war der alte Frydendhal! Was sollte er nun thun?

Der Schauspieler, der langsam mit einem Stock daherkam, hielt an und zog die Augenbrauen in die Höhe.

Jens Ludwig erhob seine linke Hand und sah ihn, wie ein Hund, mit flehenden Blicken an; er fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg und in seinen Schläfen pochte.

Der alte Mann legte den Kopf auf die Seite und betrachtete die beiden eine Weile. Die Thränen stiegen ihm in die Augen. Leise kam er heran, legte segnend seine Hände auf ihre Häupter, blinzelte einige male mit den Augenlidern und setzte dann seinen Weg fort – ebenso still, wie er gekommen war.

Über eine Stunde lang saß Jens Ludwig unbeweglich und litt alle Qualen der Ermüdung in Brust und Lenden, während der Arm ihm vor Schmerzen einschlief. Aber sie lag so unaussprechlich sicher und geborgen in seinem Arm.

Da fiel ihm ein, daß es gewiß bald Mittag sein müsse; man aß um zwölf zu Mittag, und Herr Bredal erschien immer mit dem Glockenschlag bei Tische. So vorsichtig als möglich zog er die Uhr aus der Tasche und neigte den Kopf – langsam, ganz langsam – aber als er den Kopf auf das Zifferblatt werfen konnte, fuhr er zusammen – – sie erwachte.

Was ist geschehen? fragte sie und sah um sich. Bist du es? Ach, jetzt erinnere ich mich ... wie viel Uhr ist es denn?

Es ist recht widerwärtig, aber es ist halb Eins.

Habe ich denn geschlafen?

Ja, du hast so gut und herrlich geschlafen. Ist dein Kopf jetzt nicht besser?

Ja, aber ... habe ich hier in deinem Arm geschlafen?

Ja, weißt du es denn nicht mehr?

Sie dachte ein Weilchen nach und hielt die Hand an die Stirn. Freilich, es ist ja wahr. Ach, das kommt daher, daß ich so übernächtig war, und deshalb habe ich geschlafen. Mir scheint, alles hat so einen sonderbar bleichen Schimmer angenommen ... das Gras ... was sagtest du, wie viel Uhr ist es?

Es ist leider schon halb Eins.

Halb Eins! Das ist ja aber ganz schrecklich! Was werden sie nur zu Hause sagen?

Sie fuhr auf und eilte davon.

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