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Die Kohlenbrenner

Zakarias Nielsen: Die Kohlenbrenner - Kapitel 10
Quellenangabe
authorZacharias Nielsen
titleDie Kohlenbrenner
publisherFr. Wilh. Grunow
year1898
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180812
projectid9a7c1897
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Neuntes Kapitel

Nun also, in Gottes Namen vorwärts!

Die alte, fromme Boline hatte Lust verspürt, selbst mit nach Tisvilde zu fahren, und saß nun in ihrem großen, grüngestreiften, wollnen Mantel auf dem Wagen.

Svend knallte mit der Peitsche, und fort rollte der Wagen auf dem staubigen Feldweg.

Svend und Anine hatten seit jener Nacht beim Kohlenmeiler kein Wort mehr miteinander geredet. Das Mädchen war steif und schweigsam, und Svend stolz wie eine gekränkte große Seele. In beiden Familien wußte man wohl, was sich zugetragen hatte, aber Marianne vergoß keine Thränen darüber – sie hatten sich ja schon viel Dutzend mal gestritten –, und Boline war ohnedies nie sehr darauf versessen gewesen, die beiden zusammenzubringen, denn sie hatte Angst, die beiden Heißsporne würden nie miteinander in Frieden auskommen, und was endlich Else anbelangte, so befaßten sich ihre Gedanken nur mit dem einen Wunsch, Svends Braut möge – wer es auch immer sei – mit einem schweren Sack voll blanker Thaler über die Thürschwelle treten; aber Aninens Säckel wog nicht sehr schwer.

Als sie die hohe Hügelkette auf der andern Seite von Hollöse erreichten und in den tiefen, grünen Thalkessel hinuntersahen, wo das Moor und das Dorf Tisvilde zur Rechten, Tibirke aber im Schatten der Bäume zur Linken liegen, fühlten sie sich alle von einem heiligen Schauer ergriffen.

Ach, du lieber Gott! Ach, du lieber Gott! rief Boline, die bis jetzt ganz teilnahmlos dagesessen und mit thränenfeuchten Augen in der Richtung der Vejbyer Kirche gesehen hatte.

Fünf Wagen fuhren hintereinander; Svends war der erste.

Was ist das dort oben auf der Höhe? fragte er, als sie sich dem Thal näherten, wo der Weg nach Tisvilde rechts abbiegt.

Das ist das Denkmal, von dem ich so oft erzählt habe. Hier sah es schrecklich aus vor nicht gar langer Zeit ... Ach! daß ich wirklich noch einmal hierher gekommen bin!

Der Anblick des hohen, von grünen Wipfeln umgebnen Denkmals brachte eine vollständige Umwälzung in ihrem Gedächtnis hervor; ihre Wangen bekamen Farbe, die Oberlippe mit dem graumelierten schwarzen Bärtchen zitterte vor Entzücken, während die Erinnerungen aus den alten Tagen sich zum tausendsten mal in Worten Bahn brachen.

In Tisvilde sahen sie den mächtigen Opferstock aus Eichenholz, der seit Hunderten von Jahren die Opfer der kranken Pilger in Empfang genommen hatte; an einem einzigen Abend oft mehrere hundert Reichsthaler. Na, solch ein Block – wie ein Ofen so dick!

Sie fragten nach der Witwe von Jens Johansen, einer Hofbäuerin, die Boline in ihrer Jugend gekannt hatte.

Jens Johansen ...? Also Lars Jensens Witwe? Ja, die lebt noch, und zwar dort draußen.

Das muß eine entsetzlich alte Schachtel sein, dachte Svend, als sie sich dem bezeichneten Hof näherten.

Die alte Karen, Jens Johansens Frau, war nun allerdings schon lange tot, desgleichen ihr Sohn Lars, aber seine Witwe – von einer zweiten Heirat –, eine ganz junge, blonde, üppige Frau, war jetzt Besitzerin des Hofs.

Diese junge Witwe nahm die Gäste sehr gastfreundlich auf und begrüßte sie herzlich, wobei ihre blauen, kindlichen Augen von Vergnügen förmlich strahlten.

Die Pferde wurden auf der Weide angebunden, ein riesiger Eierkuchen, der gerade in der Pfanne brotzelte, wurde auf den Tisch gestellt, und mit den Worten: Bitte, verseht euch und eßt zuerst ein wenig! nötigte die junge Frau zum Zulangen und bestreute den Pfannkuchen nochmals dick mit feinem Zucker. Ich habe leider nichts andres zum Anbieten. Was hat man denn sonst in dieser Jahreszeit? Ja, hätte man gewußt, daß ihr kommt, so hätte man wohl eine Henne oder eine Hammelsulz gehabt ... Was, ist denn das nicht Svend? Ich denke doch! Bitte, hier ist Branntwein und Bier!

Sie schwatzte in einem fort mit einem singenden Ton, der die einzelnen Worte ineinander schleifte.

Laßt es euch nun auch recht schmecken, alle miteinander. Ich freue mich so, daß ihr gekommen seid. Hier ist man ganz allein auf dem großen Hof und sieht beinahe nie einen Menschen. Und man ist doch von Hause an Vergnügen und Umgang gewöhnt – ich bin von Gilleleje – ... nein, nimm doch das große Stück! Nimm es doch! ... Pst! ihr dummen Hühner! Ihr kommt wohl gerade in die Stube! Hinaus mit euch! ... Hier, bitte, trinkt auch! Auf euer Wohl! Pu! Es wird einem gräßlich heiß!

Svend sah sie die ganze Zeit unverwandt an. Es war doch schrecklich, wie die schwatzen konnte. Und dann sagte sie immer »man« anstatt »ich.«

Marianne dachte unausgesetzt an die Quelle und war in solcher Spannung und Aufregung, daß sie beinahe keinen Bissen hinunterbringen konnte. Die Witwe erzählte jetzt von ihrem kurzen Ehestand mit dem schon ältern Hofbauern, der »ein so guter Mann« gewesen war. Da war es gut, daß er heimging! seufzte sie zur Decke hinauf, sodaß der rote Holzvogel, der über dem Tisch hing, leise hin und her schaukelte.

Waren keine Kinder da? fragte Boline.

Doch, ein kleines Mädchen. Ich möchte wohl wissen, wo sie hingelaufen ist ... ah, da ist sie ja!

Ein bleiches Geschöpfchen mit einem Finger im Mund sah scheu durch die Küchenthür herein.

Komm und begrüß die Gäste schön, Lene Marie!

Die Kleine schlich langsam an der Wand entlang herbei und streckte Marianne, die ihr am nächsten war, verschämt die Hand hin. Die Stiefmutter strich ihr die Schürze glatt und wischte ihr das ziemlich schmutzige Gesichtchen ab. So, jetzt gieb mir einen Kuß ... du kleiner Schmutzfink!

Eigentlich gefiel Svend die junge Witwe, die auf so lächerliche Weise immer ganz außer Atem und ziemlich unordentlich in ihrer Kleidung war, nicht recht; aber die weichen Formen der vollen Gestalt, das lichte Köpfchen mit den freundlichen Augen und dem blonden Haar, das sich an der Stirn wie gesponnene Seide kräuselte, übte doch eine gewisse Anziehungskraft auf ihn aus. Ja, sie war wirklich schön!

Einmal, als sie erzählte und dabei den unaufhaltsamen Strom ihrer Rede mit den Händen und mit kräftigem Kopfnicken begleitete, saß er mehrere Minuten unbeweglich, das gefüllte Schnapsglas in der erhobnen Hand, da, und erst, als sie endlich atemlos innehielt, merkte er, daß er sie, mit dem Glas vor dem Munde, eine ganze Zeit angestarrt hatte.

Gegen Sonnenuntergang gingen sie alle nach der Helenenquelle, wo jetzt schon eine große Anzahl Menschen versammelt war.

Etwas, das ihn beinahe wie Angst bedrückte, eine hochgespannte Erwartung, überkam den jungen Mann, als sie nun die Felsenwand erreichten und hinaussahen auf das Kattegat, das große, unendliche Meer, wo Millionen lebendiger Mauern in langen Zügen sich hoben und senkten, während die helle Abendsonne auf den Wogenbergen mit den weißen Schaumkronen glänzte.

Dort ist die Kluft, wo sie heraufkamen, hörte er Boline sagen, und dort war es, wo sie mit dem Sarge ausruhten.

Auf einem mit Gras bewachsenen Absatz der Felswand saßen und standen eine Anzahl kranker Leute, eine Versammlung bleicher, wortkarger, seufzender Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts, darunter auch Gesunde, besonders Frauen, die den Leidenden behilflich waren.

Svend ging zu ihnen hinunter.

Krücken und Kleidungsstücke lagen durcheinander, abgezehrte Frauen mit verkrümmten Gliedern, Kinder mit offnen Drüsen, junge Mädchen mit grünen Lichtschirmen über den Augen, bleiche Männer, die sich kaum aufrecht halten konnten, obgleich sie sich auf zwei Stöcke stützten, alle die fahlen Gestalten, die sich sonst in den Dörfern verkriechen und ihre Klagen in der Stille der langen Schmerzensnächte ergießen, oftmals hinter feuchten Wänden und in dunkeln Winkeln, begegneten sich hier in gemeinsamer Bitte und Erwartung.

Drei halbentkleidete Frauen lagen um ein kleines Wasserloch herum und badeten ihre kranken Glieder. Wieder und wieder schöpften sie mit zitternden Händen das trübe, von grünem Schleim und abgerissenen Pflanzenteilen erfüllte Wasser und übergossen sich die Kniee, den Hals und die Brust damit, ohne sich das Allergeringste darum zu kümmern, daß ein paar Männer daneben standen und zusahen; alle Scheu war auf die Seite gesetzt, nur von einem einzigen Gedanken waren die Herzen erfüllt: von des Herzens heißestem Begehren, dem Sehnen nach Gesundheit.

Eine andre Gruppe, die soeben mit dem Baden fertig geworden war, stand in einem Holzschuppen dicht daneben und trank in langen, hastigen Zügen von dem Wasser der andern Quelle.

Die junge Frau Maren, oder, wie die Leute hier sagten, Marne, war die Aufmerksamkeit selbst gegen Marianne, sie half ihr beim Auskleiden und wusch ihren kranken Rücken. Svend traten die Thränen in die Augen; er ging weg.

Draußen auf dem Meere hatte die Luft eine rötliche Färbung angenommen, die jetzt mehr und mehr in der zunehmenden Dämmerung erstarb.

Da erhob sich plötzlich auf dem höchsten Punkt der Felswand, einige hundert Meter östlich von der Kluft, eine hohe Feuergarbe und goß einen goldnen Regen glühender Funken über die Klippen. Svend begann unruhig zu werden, eine eigentümliche Beklemmung überkam ihn, er wandte sich um und sah ins Land hinein – ja, richtig! rund herum auf den Höhen brannten die Feuer, sogar ganz in der Ferne, von der Frederiksborger Seite her stieg ein Feuerschein in die Höhe – es war ja Johannisnacht!

Mit den Frauen zusammen ging Svend später auf das Feld, wo das Grab war; dort wartete ein Knecht mit einem Bündel Umhüllungen für Marianne. In einer von Feldsteinen umgebnen Einzäunung lag der kleine Grasplatz mit seinen zwei großen Steinen, seinem verwitterten Kreuz, seinen Krückenstumpfen und alten verfaulten Lumpen, alles zusammen von Unkraut und Feldblumen überwuchert.

Etwa ein halbes Dutzend Kranke war schon hier versammelt und hatte sich für die Nacht zurechtgelegt; einige lagen so, daß ihre Füße in einem Loch unter dem einen Stein steckten. Alle hatten die Köpfe dicht umwunden und waren in Tücher und alte Röcke gehüllt.

Marianne zog ihren Mantel an, legte sich nieder, wickelte ein Tuch um ihren Kopf, bedeckte sich noch mit einem Teppich, schloß die Augen und murmelte: In Jesu Namen. Die andern bekreuzten sich und gingen leise fort.

Als Svend sah, wie freundlich Maren die alte Boline auf dem Rückweg führte und ihr auf dem holprigen Feldweg forthalf, und wie sorgfältig sie noch mit ihr beschäftigt war, bis sie warm und behaglich in ihrem Bett lag, wurde sein Herz von warmer Dankbarkeit gegen die junge Frau erfüllt.

Wollt ihr nicht noch ein wenig hinausgehen? fragte Boline.

Ja, ergriff Maren schnell das Wort, es ist ein so schöner Abend, und jetzt seid ihr alle beide, du und Lene Marie, wohlversorgt im Bett.

Lange saß sie mit Svend zusammen auf der Bank vor der Thür. Sie erzählte von ihrem frühern vergnügten Leben in Gilleleje, von ihrem schönen Besitztum u. s. w. Auch vertraute sie ihm in ihrer kindlichen Offenheit an, daß ihr Hofknecht, Namens Tönnes, immer um sie herumschwänze und ihr den Hof mache.

Er ist ein ganz netter, anständiger Kerl, aber es ist doch nicht gerade angenehm ... so ein ganz gewöhnlicher Knecht ... Hör einmal! rief sie plötzlich und erhob die Hand, wie um allen nächtlichen Naturlauten Stille zu gebieten.

Droben von der Stadt her kam ein gedämpftes Geräusch, wie von Geigen- und Flötentönen.

Wollen wir hingehen? fragte Svend.

Ja, das können wir gut. Die Leute sind freilich alle fort, aber wer sollte wohl indessen hierher kommen?

In Tisvilde wimmelte es von Fremden. Die Burschen und Mädchen zogen in langen Reihen durch die Straßen, und große Haufen standen vor einem Bauernhof, worin getanzt wurde. Durch die offnen, auf die Straße hinausgehenden Fenster erklang ein Brausen von Menschenstimmen und Musiklauten, das im Verein mit zwei sich scharf abzeichnenden Lichtstreifen die jungen Sinne anlockte.

Komm, wir wollen hineingehen und eins tanzen! schlug Svend vor.

Sie stieß ihn mit der Hand in die Seite.

Ich glaube gar, es ist dir Ernst. Ich, eine Witwe!

Doch blieb sie stehen, schielte ab und zu nach ihm hinüber und nickte mit dem Kopf im Takt zum Tanze. Du möchtest gewiß schrecklich gern da drin sein?

Er gab es offen zu.

Lange Zeit stand sie schweigend, aber unruhig mit den Füßen trippelnd und beständig nach dem Lichtschein sehend da. Ihre Brust hob und senkte sich heftig. Es ist eigentlich ein Unrecht ... wenn du aber so gar große Lust hast, sagte sie zuletzt.

O, ich kann es schon aushalten.

Wieder schwiegen sie eine Weile und sahen hinein.

Du hast aber gewiß schrecklich große Lust zum Tanzen? begann sie aufs neue.

Gewiß; wollen wir denn nicht hineingehen und eine Tour mitmachen?

Nein nein! Man fürchtet, die Leute könnten es sonderbar finden und sich darüber aufhalten.

Da fing er mit einem neben ihm stehenden jungen Mann eine Unterhaltung an und schien sich das Tanzen aus dem Kopfe geschlagen zu haben. Aber sie ging zu ihm hin und zog ihn am Ärmel: Trotzdem ... ich wage es nur nicht, mit dir hineinzugehen ...

Dann komm! Er erfaßte mit raschem Griff ihren Arm und zog sie fort.

Aber Svend! Nein nein! wehrte sie sich. Nein, es geht nicht, ich will nicht, ich will doch nicht!

*

Die erste graue Morgendämmerung leuchtete schon über den Feldern, als Svend und die junge Witwe aus dem Wirtshause weggingen und sich nach dem Hofe auf den Weg machten.

Es war ein windstiller, warmer Morgen, die Luft war schwer, und drohende schwarze Wolken standen am Himmel. In beider Sinnen wogte und brauste es von den Tönen und Tanzweisen und Gelächter der letzten Nacht, die sich alle zusammen in einem unbestimmten Bedürfnis nach Genusse vereinigten.

Es donnert! rief Maren und sah zum Himmel auf. Ach Gott! der Himmel ist vollständig überzogen!

Als es gleich darauf mit großen, schweren Tropfen zu regnen begann, mußten sie unter einem alten Dornbusch in einem Graben Schutz suchen.

Hätte ich doch nur ein Tuch mitgenommen. Du warst aber auch ein recht schlechter Kerl, daß du mich so mit Gewalt in den Tanzsaal hineinzogst.

Er riß seine Jacke herunter. Her mit dem Nacken! rief er.

Nein nein, ganz gewiß nicht! Da wirst du ja selbst tropfnaß!

Was macht denn das? Komm! Ich will sie schon festhalten, versprach er und legte den Arm darüber.

Sie schielte nach ihm hin. Man fühlt sich ganz behaglich. Es ist merkwürdig.

Seine Hemdärmel waren in einem Nu durch und durch naß und legten sich glatt an die großen muskulösen Arme an.

Wir könnten vielleicht öfters so zusammensitzen, Maren?

Sie sah ihn lange prüfend an, wandte dann die Augen ab und begann das untere Ende ihres Rockes mit dem Fuß hin und her zu bewegen.

Der Regen hörte auf, aber sie blieben ruhig sitzen. Ein warmer Dampf stieg von seinem Arm auf und vermischte sich mit den Atemzügen, die aus ihrer wogenden Brust hervordrangen.

Jetzt müssen wir aber heimgehen, sagte sie endlich und nahm die Jacke ab. Es ist gewiß besser, ich gehe allein voraus, dann kannst du in einer kleinen Weile nachkommen.

Svend blieb noch lange allein sitzen und sah auf die Felder hinaus, wo die ersten Sonnenstrahlen in dem feuchten Tau der Kornähren leuchteten. Ein Durcheinander von Gedanken an die Eindrücke und Erlebnisse des gestrigen Tages und der letzten Nacht wogte wie eine Art lebendigen Traumes durch seinen Kopf.

Dir würde ein ordentliches kaltes Bad recht gut thun, mein Junge! sagte er zu sich selbst.

Damit ging er hinunter ans Meeresufer und kühlte das erhitzte Blut in den frischen Wogen.

Marianne hatte nur ein paar Stunden am Grabe geschlafen und mußte sich gleich in das warme Bett legen, von dem Boline aufgestanden war. Die alte Frau ging den ganzen Vormittag auf eigne Hand auf dem Hof herum, betrachtete alles und schätzte im stillen die ganze Einrichtung, die Schweine, die Hühner, die Kälber u. s. w.

Am Nachmittag machte die junge Frau den Vorschlag, sie sollten alle zusammen nach dem Raaberg und dem Hasenhügel fahren, aber Marianne war noch ganz wie verwirrt im Kopf, und die alte Boline, die zu Hause in Alsingröd vom Morgen bis zum Abend vom Raaberg und Hasenhügel gesprochen und hundert mal gewünscht hatte, nur ein einziges mal in ihrem ganzen Leben das Glück genießen zu dürfen, die entzückende Aussicht von diesen Anhöhen aus sehen zu können, war nun auf einmal ganz gleichgiltig dagegen geworden und wollte um keinen Preis mitfahren.

Ich habe auch heftige Schmerzen in meinem Knie, fügte sie hinzu. Aber du, Maren, du bist jung und gesund, du gehst mit und bist vergnügt. Fahrt ihr zwei nur allein.

Man findet es aber so sonderbar, daß man auf diese Weise von euch fortgeht, antwortete diese.

Was thut denn das? Geh nur und spann an, Svend.

Die zwei jungen Leute fuhren fort.

Der lange Weg durch die Felder war sehr mühsam für die Pferde; die Wagenräder sanken bis an die Speichen in den trocknen Sand ein, es war, als ob der Wagen zwischen den Bäumen dahinschwömme, während der aufgewirbelte Sand mit zischendem Laut an den Wagenkasten schlug.

Maren war noch müde von der durchtanzten Nacht, weshalb Svend sie an der Hand führen und ihr den steilen Hügel, an dem sie unten ausgestiegen waren, hinaufhelfen mußte.

Ach! wie schön ist es hier! rief er, als sie den Gipfel erreicht hatten und ihre Blicke über das Land und das Meer hinschweifen ließen.

Es war aber auch ein Anblick zum Entzücken. Vor ihnen das Meer, das schäumende wilde Kattegat, aus dem die Hesselinsel hell und deutlich hervorglänzte, und nach allen Seiten in das Land hinein ungeheure Wälder, fruchtbare Felder, weite Heidestrecken, freundliche Dörfer mit ihren Kirchtürmen und großen Bauerngütern. Die ganze Landschaft breitete sich im Sonnenglanz vor ihren Augen aus; es war ein Anblick, der Svend mit Bewunderung für sein Vaterland erfüllte und sein Blut schneller schlagen machte. Und hier hatte damals die schreckliche Sandflucht gewütet, von dieser Gegend lautete es auf dem Denkmal: Hier sah es schrecklich aus vor nicht gar langen Zeiten.

Freilich, aber du mußt bedenken, daß seither mehr als hundert Jahre vergangen sind.

Schließlich ließen sie sich am Abhang im Schatten nieder. Auf allen Seiten wuchsen wilde Rosen und Einbeeren, die einen starken, würzigen Duft verbreiteten, der sich mit der warmen Sommerluft vermischte.

Von was wollen wir sprechen, Maren?

Das ist es ja gerade; es fällt mir gar nichts ein, hihihi!

Sie schielten zu einander hinüber mit kurzen verstohlnen Blicken, die sich nicht recht hervorwagten.

Auf einmal richtete sie sich auf den Ellenbogen auf, rückte ein Stückchen näher zu ihm hin und sagte mit ihrer eigentümlich fröhlichen, unschuldigen Art: Hör, Svend, wir sind in diesen zwei Tagen schon so gute Freunde geworden, weißt du, was ich deshalb glaube?

Nein. Er riß die Augen weit auf und öffnete unwillkürlich den Mund ein wenig, sodaß seine milchweißen Zähne in der Sonne glänzten.

Man sollte aber vielleicht so etwas nicht sagen, kam es nun zögernd hervor.

Sag es nur, ganz gerade heraus!

Das thue ich auch: ich glaube, wir zwei würden recht gut zusammenpassen.

Etwas wie der Stich einer Biene durchfuhr ihn bei diesen Worten; aber noch ehe sie ganz ausgesprochen hatte, hatte er schon die Arme um sie geschlungen: Maren ...! –

Troels hatte wieder einmal das Trinken aufgegeben.

Boline und ihre Schwiegertochter gingen mit wichtigen Mienen im Hause herum und steckten mit einer aufgeregten Geheimnisthuerei die Köpfe zusammen; die Alte focht mit den Armen in der Luft und schwatzte von Kälbern, Federdecken und fetten Hühnern. Else freute sich ebenso sehr darüber; es war zwar recht sonderbar, all dieses; aber natürlich – das Glück seines einzigen Kindes!

Im Laufe der Jahre war Else durch den ewigen Kampf ums tägliche Brot ebenso kleinlich geworden, wie sie schon vorher körperlich ausgetrocknet gewesen war. Die Leute auf dem Hof verhungerten beinahe bei ihrem Geiz; vom Morgen bis zum Abend wachte sie mit scharfen Habichtsaugen über ihnen, oft schlich sie ihnen in die Speisekammer und an andre Plätze nach, wo nur irgend eine Gelegenheit zum Stehlen war, niemals wagte sie es, das Dienstmädchen oder die Arbeitsfrau das Schafscheren und das Flachshecheln allein besorgen zu lassen, aus lauter Angst, sie könnten etwas dabei auf die Seite bringen. Wenn Svend ein einziges mal nicht selbst mit Torf und Kohlen nach Kopenhagen fahren konnte, nahm sie selbst das Leitseil in die Hand und ging mit aufgeschürztem Rock den langen Weg zu Fuß an der Seite des Wagens, ohne sich im geringsten darum zu kümmern, daß sich alle Leute umwandten und über ihre langen, dünnen Beine lachten. Ihr Haar war jetzt vollständig weiß geworden, ihre Haut aber wie braunes, runzliges Leder. Im Sommer kleidete sie sich nur ganz notdürftig an, um ihre Kleider nicht zu vertragen, und an manchen Tagen bekamen die Leute nichts zu Mittag als saure Milch und trocknes Brot.

Nur das Haus selbst hielt sie rein und zierlich wie ehedem. In Küche und Speisekammer wusch und scheuerte sie selbst nach Herzenslust, und drinnen in den Stuben arbeitete Boline mit Federwisch und Staubtuch. Die Finger der alten Frau rochen beständig nach Branntwein, den sie zum Reinigen unter das Wasser mischte, ihre Ärmel und die Schürze tropften vor Nässe, und der Schweiß lief ihr von der Stirn herunter. Oft sank die alte, müde Hand mit dem Staubtuch herunter; aber ein lobendes Wort der Schwiegertochter über den Silberglanz der Zinnteller oder die leuchtende Reinheit der Messingleuchter und der Ofenkugeln genügte, um ihr neue Kräfte zu verleihen.

Ja ja, mein Kind, ich thue, was ich kann, um meinen Teil dazu beizutragen.

Else vergoß reichliche Thränen im Gedanken daran, daß ihr Sohn sie verlassen wolle; aber es gab da einfach nichts weiter zu bedenken. Solch ein Glück. Große Stücke selbstgewobnen Frieses, die seit Jahren zu unterst in der Truhe gelegen hatten, kamen jetzt ans Tageslicht, und Schneider und Nähterin wurden bestellt.

Svend striegelte und putzte die zwei Füchse, daß sie beinahe wie zwei junge frische Wagenpferde aussahen; der Wagen wurde gewaschen und gebürstet, und die dicken Holzspeichen frisch mit Teer angestrichen.

Marianne humpelte zu Hause am Stock herum und reckte den Hals, um hinüber sehen zu können. Es muß drüben etwas Besondres los sein; sie haben es alle so eilig und schaffen wie verrückt, jetzt kommt sogar der hinkende Schneider von Nejede.

Svend spornte jeden andern Abend Stern und ritt davon, als ob ihn der Teufel jagte.

Bis wann wird es richtig? fragte Else, als er an einem Morgen zurückkam.

Auf den Freitag ist es festgesetzt, morgen ziehe ich hin.

Weiß sie es denn du drüben?

Ich gehe jetzt selbst hinüber und lade sie ein.

Du bist wohl verrückt, Junge!

Ich habe keinen Grund, etwas zu verheimlichen.

Er zog einen andern Rock an und ging hinüber, stolz und hochaufgerichtet.

Ich komme, um euch auf nächsten Freitag zur Hochzeit einzuladen, begann er.

Anine saß auf der Bank und hatte eine Schüssel mit Milch und Brot auf dem Schoß, sie hatte sich zuerst erhoben, um das Zimmer zu verlassen, setzte sich aber wieder und zerdrückte das Brot mit dem Löffel in der Schüssel.

Hochzeit? fragte Marianne.

Ja, es kommt natürlich noch der richtige Hochzeitlader, aber ich dachte, ich wollte zuerst selbst einmal herüberlaufen und es euch sagen.

Da bist du also selbst der Bräutigam?

Ja, in höchsteigner Person.

Dann ist die Braut ganz gewiß die junge Witwe draußen?

Ganz richtig erraten.

Was du sagst? Da darf man dir also gratulieren?

Ja, natürlich.

Über Aninens Gesicht breitete sich eine unheimliche Blässe; krampfhaft drückte sie die Schüssel in ihren Händen.

Er sah sie von der Seite verstohlen an. Ob er nicht am besten that, jetzt gleich wegzugehen? Nein, er hatte nicht nötig, sich wie ein Hund davon zu schleichen.

Du gratulierst mir doch auch, nicht wahr, Anine?

Ja, das thue ich von Herzen gern, das ist ja ein großes Glück und eine Freude für dich!

Er stutzte. Es waren sonderbare Blitze, die aus ihren lächelnden Augen hervorleuchteten.

Dann müssen wir eilig unsern Staat zurecht machen ... wie dumm von mir, ich werfe ja die Schüssel um! Nein, es sind nur ein paar Tropfen verschüttet.

Sie erhob sich, schüttelte ihre Schürze und stellte die Schüssel auf den Tisch. Das ist aber eine Neuigkeit! Wer hätte gedacht, daß man so auf einmal zu einer Hochzeit eingeladen würde! Ich möchte wohl wissen, ob die Näh-Stine bei Willums schon fertig ist, damit sie auch zu uns kommen kann.

Sie ist drüben bei uns.

Was du nicht sagst? Dann müssen wir eben nach der Christine von Kagerup schicken ... Mutter ... sind meine Schuhe vom Schuhmacher geholt worden?

Marianne, deren Gesicht die äußerste Verständnislosigkeit ausdrückte, sah mit stummem Entsetzen von einem zum andern.

Ach! Ich will aber tanzen! fing Anine gleich wieder an. Seit dem Fest in Tingstrup bin ich bei gar keinem richtigen Fest mehr gewesen!

Ein durchdringendes Lächeln, schneidend wie der Glanz eines frisch geschliffnen Messers, blitzte wieder und wieder aus ihren Augen.

Du giebst mir doch einen Tanz? fragte sie ihn. Du kannst doch nicht die ganze Nacht nur mit deiner Frau tanzen, nicht wahr? Ob sie wohl einen Riel tanzen kann?

Ich muß gestehn, ich weiß es nicht.

Sonst können wir sie es noch lehren, wir zwei. Ha, die Tisvilder werden große Augen machen, wenn sie uns drei auf dem Boden herumschleifen sehen!

Ihre Brust hob und senkte sich in heftigen Atemzügen, und ihre Kniee bebten. Es wird doch wohl Platz genug dazu in der Oberstube sein, meinst du nicht?

Es lag ein großes, spitziges Brotmesser auf dem Tisch. Marianne drückte sich hinter der Tochter an den Tisch heran und legte es heimlich in die Schublade.

Svend wandte sich nach dem Fenster. Ich glaube, ich muß fort, denn so viel ich sehe, hat sich die trächtige Kuh losgerissen.

Nein, bleib doch noch ein wenig da und laß uns noch weiter darüber sprechen. Setz dich! Sie deutete mit der Hand aus einen Stuhl. Meine Mutter sagt, sie sei sehr schön. Sie habe gerade so goldnes Haar wie Sophie. Wie alt ist sie denn?

An Michaelis wird sie einundzwanzig.

Und der Hof sei so sehr groß! Das ist doch ein rechtes Glück für dich! Mutter sagt auch, sie habe so viele neue Betten – große, weiche, mit Barchent bezogne Bettdecken.

Ja, freilich ... aber ich muß ...

Nein, bleib doch noch ein wenig! Du weißt doch wohl, daß wir dann in ganz kurzer Zeit wieder so ein Fest feiern? fuhr sie fort und mußte sich dabei an der Tischkante festhalten.

Ein Fest?

Ja, Hochzeit und Tanzvergnügen!

Inwiefern denn?

Rat einmal! Man sagt nicht alles!

Er sah sie forschend an, und es wurde ihm eigentümlich zu Mute bei den schnellen, funkelnden Blitzen, die aus ihren Augen wie die Flammen aus einem Kohlenmeiler hervorzuckten.

Dann können wir wieder einen Riel zusammen tanzen, du und ich ... und sie, fügte sie hinzu. Wir werden es ihr schon beibringen.

Nun muß ich aber wirklich fort.

Nun, dann grüß deine Mutter und die Ahne recht vielmals. Grüß auch Maren viele, viele male ... also am Freitag soll die Hochzeit sein? Ja, ich meine doch, du sagtest Freitag. Adieu! Grüße Maren recht vielmals und hab Dank, daß du selbst herüber gekommen bist! Adieu, adieu!

Als Svend zur Thür hinausgegangen war, wandte sich Marianne der Tochter zu, und sie sahen sich lange schweigend an; Marianne wurde es ganz schwarz vor den Augen, sie mußte sich setzen.

Mutter, was hast du denn?

Die Mutter wandte dem Mädchen ein totenblasses Gesicht zu und saß einige Minuten lang bewegungslos und unverwandt vor sich hinstarrend. Nun darfst du wohl die Augen aufmachen, daß du den andern bekommst! brachte sie mühsam hervor.

Da ist leicht die Augen aufmachen, Mutter; ich habe gleich an ihn gedacht, als wir vorhin davon sprachen.

War es das, was du meintest?

Ja, was denn sonst? Ich habe Troels immer sehr gern gehabt, und er bekommt ja später auch noch einen ordentlichen Sack voll Geld.

Ist dir das Ernst, Anine?

Freilich ist es mir Ernst, Mutter. Was mache ich mir denn aus Svend?

Kind, Kind, ich verstehe dich nicht!

Warum denn nicht, Mutter?

Marianne schwieg, sah ihre Tochter aber immerfort an.

Jetzt haben wir aber viel zu thun, fuhr diese fort und sah sich im Zimmer um, als ob sie das Haus augenblicklich zur Hochzeit in Stand setzen wollte.

Du wirst doch ihn nicht auch dabei haben wollen?

Er, er muß dabei sein – und sie auch. Wir wollen ja Riel zusammen tanzen!

Sie lachte laut auf und ging hinaus in die Küche, dort nahm sie den Melkeimer, setzte ihn auf den Kopf und eilte mit aufrechter Haltung und raschen Schritten auf die Weide hinaus.

Svend stand drüben neben der trächtigen Kuh und sah ihr nach. –

Acht Tage nachher wurde auf der Grenze der Tisvilder Markung eine flotte Hochzeit gefeiert, zu der das ganze Dorf eingeladen war. In allen Stuben duftete es nach Suppe und gebratnen Hühnern, Wein, Bier und Branntwein. Die in allerlei zierliche Formen gedrückte und oben mit einer kleinen, bunten Fahne gezierte Butter stand einladend auf den Tischen. Vier Musikanten gingen von Zimmer zu Zimmer und ermunterten die Gäste mit lustigen Weisen.

Marianne und Anine waren aber schließlich doch nicht zur Hochzeit gekommen, denn Marianne fühlte sich gar nicht wohl, und Anine hatte trotz aller Mühe keine Wärterin für sie auftreiben können.

Ach, es thut mir so schrecklich leid, ich kann gar nicht sagen, wie sehr! klagte sie Else vor der Hochzeit.

Mit unermüdlicher Ausdauer tanzte das Brautpaar die ganze Nacht. Svend goß nach jedem Tanz ein großes Glas hinunter, focht mit den Armen in der Luft und stampfte lärmend auf den Boden: Heissa, ihr alten Tisvilder Burschen! Ihr sollt wissen, daß ihr jetzt einen Kohlenbrenner unter euch habt! Kopf hoch, und lustig drauf los!

Lille Bendt, der sich auf irgend eine Weise auch mit hereingeschmuggelt hatte, versicherte natürlich augenblicklich hinterher, daß Svend Börgesen der erste Kohlenbrenner im ganzen Frederiksborger Bezirk gewesen sei, und bekräftigte dies mit seinem gewöhnlichen: So wahr ich dastehe! oder: Ich will verdammt sein!

Maren, die junge Frau, trug ein schwarzes Tuchkleid, eine weiße Schürze und einen breiten Gürtel aus Goldborten mit lang herunterhängenden Gold- und Silberfransen; sie ging bei allen Gästen herum und nickte einzelnen Auserwählten, während sie den Kopf nach der Küchenthür wandte, geheimnisvoll zu.

Ja ja. Danke, danke! erklang es zur Antwort.

Draußen in der Küche saß ein Haufen alter Frauen, runde Schüsseln zwischen den ausgespreizten Fingern haltend, und kühlten den ihnen dargereichten heißen Trank, indem sie eifrig darein bliesen. Lille Bendt war auch dabei; er hatte es am vorteilhaftesten gefunden, einigen von den Frauen hierher zu folgen, und unterhielt sich nun lebhaft mit der Frau des Küsters, während ihm die Köchin, die ihn für einen hochangesehenen Verwandten des Bräutigams hielt, auch eine Schale Kaffee reichte, die er sich herrlich schmecken ließ, indem er dazu einen Brocken braunen Kandiszuckers mit den Zähnen zermalmte.

Das ist wirklich etwas verdammt Gutes, so wahr ich dastehe! Aber das ist nichts für kleine Leute – Gott bewahre! Ich und die Mutter zu Hause und auch die Ahne, meine Schwiegermutter, wir erlauben uns wohl hier und da ein Schälchen Kaffee, aber nur am Sonntag, oder wenn wir zum Abendmahl gehen, oder bei andern festlichen Gelegenheiten; aber, so wahr ich dastehe, wir müssen uns alle drei mit einem kleinen Stück Zucker begnügen, das übrige wird in ein Stück Papier gewickelt und gut aufgehoben, ja, ganz gewiß!

Gegen Mitternacht wurde in der Oberstube ein Tisch mitten ins Zimmer gerückt, und Braut und Bräutigam nahmen oben daran Platz. Dann zog die ganze Hochzeitsgesellschaft, ein Paar nach dem andern, zuerst die Männer und die Frauen, dann die Burschen und die Mädchen an ihnen vorüber und stießen mit ihnen an, wobei zugleich der übliche Hochzeitsspruch gesungen wurde:

Dem Bräutigam zu Ehren
Will dieses Glas ich leeren;
Zur Freude auch der Braut;
Gott schenke euch viel Segen
Auf all euern Wegen,
Die ihr jetzt einander in Liebe vertraut.
Faladera! Faladera!

Svend hatte nun hunderterlei zu bedenken und zu besorgen. Ein paar Kälber, die im Stall standen und fürchterlich brüllten, wurden auf die Weide gebracht, Feldwege wurden geebnet, Steine gesprengt und Zäune geflickt. Er wollte den Tisvildern zeigen, wie ein Hof bewirtschaftet werden müßte. Es mußte doch wirklich aus dieser Erdscholle etwas zu machen sein, wenn ordentlich gedüngt und Klee eingebaut wurde, damit die Äcker sich wieder erholen konnten, ehe man aufs neue Korn darauf baute. Drunten, am Strande hin, konnte freilich nur Buchweizen oder Roggen gebaut werden, das sah er wohl ein, aber Buchweizen und Roggen waren auch nicht zu verachten. Nun – frischen Mut und ein Paar arbeitslustige Fäuste, die hatte er ja, Gott sei Dank!

Komm, mein kleines Weibchen! Gieb mir einen Kuß, dann setz ich dich auf meine Kniee und schaukle dich. Komm! Hop hop hop!

Hihihi! Hör auf und laß mich los!

Die kleine Lene Marie hatte eine zerrissene Schürze an, sie war nie ordentlich gewaschen, und ihr Gesicht starrte vor Schmutz.

Svend sah es und sagte: Höre, Maren, geh, wasch doch das Kind einmal sauber und ziehe ihm auch eine gute Schürze an.

Ja, aber woher sieht sie denn auch wieder so schrecklich aus? Komm in die Küche, daß wir dich ein wenig striegeln – – – o du Schreihals!

Es ist aber auch nicht recht, daß du sie mit der Faust in den Nacken stößt.

Ach, sie ist ja nicht mein eignes Kind, das weißt du doch!

Freilich weiß ich das, umso weniger solltest du es thun.

Jeden Morgen um vier Uhr war Svend mit seiner Büchse draußen am Meeresufer, und mehr als eine Ente mußte die Wogen mit ihrem Blut rot färben. Wenn er dann heimkam, fand er das Frühstück meist noch nicht fertig.

Du machst es dir morgens recht lange bequem im Bett, schalt er gutmütig. Tönnes ist auch niemals herauszubekommen.

Svend konnte den Hofknecht nicht leiden.

Eines Tages bat er Maren um die Papiere, denn er wolle zum Pfarrer hinüber reiten und sich einen Trauschein ausstellen lassen; der Hof müsse ja auch auf seinen Namen eingeschrieben werden.

Warum hast du denn davon nicht früher gesprochen?

Ach, ich war ein wenig bange davor.

Sie brachte einen Arm voll großer Akten und eine Anzahl Steuerbücher und Quittungen. Lange saß er davor, eifrig hin und her blätternd und lesend. Endlich erhob er den Kopf, er sah ganz bleich aus.

Du hast mich betrogen, Maren.

Was habe ich?

Betrogen hast du mich! Hier ist nur ganz wenig über fünf Tonnen Hartkorn eingeschrieben, und der Hof ist auch viel mehr belastet, als du mir gesagt hast.

Was weiß ich davon, wie viel Tonnen Hartkorn da sind? ... Dich betrogen! Du hast ja selbst nicht einen roten Heller mitgebracht!

Nein, aber du weißt ganz gut, daß alles, was meine Mutter hat, auch mir gehört.

Deine Mutter kann neunzig Jahre alt werden!

Er legte die Papiere in den Eckschrank, schlug die Thür zu, drehte den Schlüssel knarrend um und ging davon, ohne noch ein Wort zu sagen.

Für gewöhnlich lief Maren in einem schmierigen Friesrock, der unordentlich ihre üppigen Formen verhüllte und gewöhnlich vorn halb offen stand, im Hause herum. In der ersten Zeit lag etwas Verführerisches für den jungen Mann darin, seinen Arm um ihren Hals zu legen und in ihre begehrlichen Augen zu blicken, aber ehe viel Wochen vergangen waren, fühlte er schon ein unbestimmtes Mißbehagen und eine Art Abneigung gegen diese träge, unordentliche Frau.

Und dann kamen alte Erinnerungen, und er fing an zu vergleichen. Ganz drin im Walde sah er ein braunes Mädchen dahin wandern, hoch und stolz, heftig in ihrem Zorn, aber – konnte er es leugnen? brav bis auf den Grund ihres Herzens, immer rein und zierlich trotz ihrer Einfachheit, immer würdig in allem, was sie that.

Eine peinigende Unruhe, die bis jetzt durch die Hochzeitsstimmung und den Rausch der Flitterwochen niedergehalten worden war, drängte sich nun mächtig hervor und machte ihn wortkarg. Nun, jetzt war nichts mehr daran zu ändern, und es konnte ja auch besser, ja vielleicht ganz gut werden, wenn das Alte mit der Zeit abgeschliffen wurde, und er seine Frau richtig kennen gelernt hatte. Maren hatte ja viele gute Eigenschaften; sie war weichherzig und gutmütig und wahrhaftig in all ihrer verzognen Kindlichkeit; immer freundlich gegen ihn und allezeit vergnügt.

Da bekam er eines Tages Streit mit einem Kartoffelhändler aus Gilleleje, und dieser teilte ihm im Zorn mit, daß Maren in ihrem Heimatsort als eine ganz leichtsinnige Person angesehen werde, die kein ordentlicher Mann mit einem Stecken anrühren möchte. Später erhielt er auch von andern Seiten einen Wink nach dem andern in derselben Richtung. Schweigend ging er herum, hörte alles an und rechnete es zusammen. Aber was hatte er ihr eigentlich vorzuwerfen? Hatte er nicht selbst verschiedne Liebesgeschichten gehabt, über die er nie mit seiner Frau gesprochen hatte?

Maren, wir wollen einmal ein wenig mit einander plaudern.

So begann er denn ihr zu beichten; halb im Scherz, halb im Ernst.

Du lieber Himmel! Was hat denn das zu sagen? Ich habe auch viele Abenteuer gehabt! Und nun erzählte sie ihm mit ununterbrochnem Lachen und Scherzen alle die lächerlichen Liebesgeschichten, die sie mit den jungen Fischern und dem Verwalter in Hellerup gehabt hatte.

Oh, ihr Männer seid eben verrückte Kerle! schloß sie und warf sich ihm schwer an die Brust.

Es stürmte in der Nacht. Svend lag schlaflos auf seinem Lager und warf sich unruhig hin und her. Der Wind heulte im Balkenwerk und fuhr sausend um die Giebel; das Meer rauschte und brauste in wildem Aufruhr. Dann lag er lange still, immer über einem Worte brütend, das ihm Anine einmal ins Gesicht geschleudert hatte: Es ist von jeher dein Fehler gewesen, daß du fortfährst, ehe du recht angespannt hast.

Nun, und wenn es so war? Was ging sie denn das an? Es war ja sein eignes Fuhrwerk!

Ehe es ganz Tag war, stand er auf und ging mit seiner Flinte hinaus. Aber was war denn das? Nebel? ... Unsinn! Das war ja Staub, Erde ... o ... o weh! Flugsand! – In langen, treibenden Streifen, in großen, rötlichen Wogen, die sich mit rasender Eile daherwälzten, sauste der feine Sandstaub über die Felder und verbarg Häuser und Höfe wie unter einem dichten Schleier.

Svend eilte ins Haus zurück und schüttelte Maren. Es geschieht ein großes Unglück! Der Sand hat sich erhoben, Himmel und Erde ist alles lauter Nebel!

Sie fuhr auf und griff im Halbschlaf wild in die Luft, aber als sie hörte, um was es sich handelte, lachte sie ihn aus: Was ist denn dabei? Das kommt oft vor!

Aber ich glaubte doch, die Sandflucht sei längst ganz unterdrückt worden!

Ach nein! Sobald es nur ein wenig stürmt, fegt es von allen Seiten derart, daß man sich kaum zur Thür hinauswagt.

Sie warf sich wieder zurück in all ihrer faulen Bequemlichkeit und schien sich zu ärgern, weil sie zu früh geweckt worden war.

Du solltest aber jetzt aufstehen, Maren.

So, das thue ich auch, ich will es mir nur zuerst noch ein bischen behaglich machen! Sie drückte sich tief in ihre Kissen und streckte sich: Ah, ah, ah!

Er ging wieder hinaus, aber konnte in dem wogenden Sandnebel kaum vorwärts dringen; Augen, Nase und Ohren füllten sich mit Staub, und tausend feine Körnchen knirschten ihm zwischen den Zähnen, so oft er sie zusammendrückte.

Der Teufel hole die Enten!

Mißmutig und ärgerlich ging er heim.

Was, du bist noch nicht auf?

Jetzt komme ich gleich, antwortete sie und langte nach ihren Pantoffeln.

Tönnes lag auch noch im Bett und schnarchte. Ich habe ihm aufgekündigt, so einen Faulpelz kann ich nicht brauchen.

Bei alldem war Svend fortwährend von großer Angst geplagt, Anine könnte es am Ende zu Ohren kommen, wie schlimm die Sachen hier in Tisvilde standen. Er konnte ihre Augen ganz deutlich in wildem, schadenfrohem Glanze aufleuchten sehen und ihre Worte hören: Das ist ja ein großes Glück für dich!

Tausendmal schob er den Gedanken an sie von sich weg; aber gleichwie der Kork im Wasser immer wieder an die Oberfläche kommt, so oft er auch hinuntergedrückt wird, so drangen auch sie augenblicklich wieder hervor.

Nun – – vielleicht mit der Zeit. – –

Im Sommer 1831 kehrte die asiatische Cholera zum erstenmal mit ihrem Gifthauch aus den Sümpfen des Ganges in Europa ein. Eine Abart dieser Krankheit, die sogenannte europäische Cholera, drängte sich auch in Holstein ein; sie verbreitete sich über verschiedne Landstrecken in Dänemark und brachte Schrecken und Entsetzen in manche friedliche Heimstätte.

Eine Anzahl junger Ärzte aus der Hauptstadt wurde in die von der Seuche ergriffnen Bezirke geschickt; sie konnten jedoch nur wenig ausrichten, da sie die Bauern weder dazu bringen konnten, die vorgeschriebnen Arzneimittel zu nehmen, noch sie dazu bewegen, der frischen Luft Thür und Fenster zu öffnen. Der Glaube der Landbevölkerung an die Mittel der »klugen Frauen« war außerdem viel größer als das Vertrauen in die »Medsiner« der Ärzte.

Die Sterblichkeit nahm überhand; an vielen Orten – z. B. in Gentofte – standen an den Sonntagen ganze Reihen von Särgen auf dem Kirchhof und warteten auf den Pfarrer.

Eines Morgens kam ein Junge auf Stern angesprengt und brachte Svend die Nachricht, daß seine Mutter und seine Großmutter die Cholera bekommen hätten und im Sterben lägen. Das ganze Dorf sei angesteckt, und mehrere seien schon tot; am schlimmsten hause die Krankheit in den Hütten der Armen, wo sie sich in dem Schmutz und den Lumpen festsetze und vermehre; die Polizei habe jeden Leichenschmaus in den angesteckten Häusern verboten, der Pastor gehe herum und halte lange Reden über ein Strafgericht Gottes.

Den Jungen seinem Schicksal überlassend sprang Svend auf Sterns Rücken und sprengte nach Alsingröd davon.

Da sah es allerdings grausig aus. Die Leute standen auf den Straßen herum und starrten vor sich hin; ein paar kleine, halbnackte Kinder rüttelten an der Kirchhofsthür und schrieen: Mutter, Mutter! Hier trug man eine Leiche in eine Scheuer hinein, und dort wurde ein Haus mit Schwefel ausgeräuchert.

Als Svend in seinem Vaterhause ankam, stand die kluge Frau von Höberg neben dem Krankenlager und sprach über den beiden Kranken, die nebeneinander lagen und sich mit blauen, aufgelaufnen Gesichtern vor Schmerzen krümmten. Die Frau blieb, ihm den Rücken zuwendend, ruhig stehen, als er hereinkam, und hob bloß die Hand auf, uni ihm Stille zu gebieten:

... er sitzt im Himmel droben und sieht herunter auf die Erde; er sieht herunter auf diese blutige Seuche. Sie soll weder schwären noch aufbrechen, weder versengen noch reißen, weder ziehen noch stechen, sondern vollständig stille stehn. So wenig ein fester Stein sich bewegt, so wenig soll noch irgend etwas bei euch sich regen. Und so heilen wir euch mit diesen allerheiligsten Worten: Im Namen Gottes des Vaters, Gottes des Sohnes und Gottes des heiligen Geistes!

Sie verneigte sich dreimal nacheinander, schlug ein Kreuz in der Luft über dem Lager und entfernte dann ein weiß- und rotgefärbtes wollnes Band, das um den Hals der Kranken gebunden war.

Nun, wenn ihr es so lange ausgehalten habt, werdet ihr es auch überstehen, tröstete Svend.

Elses Zustand besserte sich auch zusehends im Lauf des Nachmittags, während es dagegen mit der Ahne schlimmer und schlimmer wurde; sie hatte das Gehör verloren und schien schon von den Schatten des Todes umgeben zu sein.

Verläßt du uns denn, Großmutter?

Ja ja, sie gehören dir, dir allein, mein Junge ... sie haben sich sehr vermindert; aber die Zeiten ... die Steuern ... und ... die himmlische Gnade. Ihre Reden verwirrten sich, schließlich phantasierte sie nur noch von Engeln und Blumen.

Gegen Abend kam Marianne atemlos hereingestürzt und sagte, daß Anine in den letzten Zügen liege. Svend ging mit ihr hinüber; aber als ihn das junge Mädchen erblickte, stieß es einen lauten Schrei aus und focht mit den Armen wild in der Luft.

Geh, geh! Mach doch, daß du fortkommst! schluchzte Marianne und hielt die Tochter mit den Armen fest.

Svend taumelte hinaus.

Um Mitternacht legte Boline die Hände zusammen und entschlief so sanft und friedlich, wie sie ihr ganzes Leben lang gewesen war. Svend mußte den entseelten Körper aus dem gemeinschaftlichen Bett nehmen und vorerst auf einige alte Säcke und Tücher in der Hinterstube auf den Boden legen.

Großmutter war eben alt, Mutter, du aber wirst dich gewiß wieder erholen, tröstete Svend.

Ja, ich glaube es auch! Sie erhob sich im Bette und hielt sich mit aller Gewalt aufrecht. Svend, hier nimm den Schlüssel aus ihrem Kleide, geh hinauf in die Oberstube und schließ ihre Truhe auf. Ich glaube, sie hat dort noch Geld von Jens Börgesens Zeit her.

Ist das auch recht, Mutter, jetzt?

Ja ja, du mußt, sage ich. Ich bin so schrecklich in Not. Sie hatte ein altes geschnitztes Kästchen mit der Jahreszahl 1709 darauf. Es steht links in dem innern Fach. Nun geh!

Ein wenig ärgerlich ging er und holte das Kästchen; mit zitternden Händen griff die Kranke danach.

Was habe ich gesagt? rief sie, als sie den Deckel aufhob und beim Schein des Talglichts einen alten, gefüllten Geldbeutel mit roten Kattuntaschen, blauen Wollquästchen und den daraufgestickten Buchstaben I. B. S. erblickte. Daß der Beutel Geld, viel, viel Geld enthalten mußte, das folgerte sie gleich aus den vielen Fettringen, die auswendig an dem Stoff sichtbar waren.

Laß uns lieber warten, bis du wohler bist, Mutter.

Nein nein, stöhnte sie und umklammerte den Beutel wie mit Geierskrallen.

Da öffnete er den Beutel und schüttete dessen ganzen Inhalt auf die Bettdecke ... Holländische und Speziesthaler funkelten im Schein des Lichts. Ih, du verd... au, du brennst mich! schrie sie und schlug nach dem Licht, daß es umfiel, auf den Boden rollte und dort erlosch. Ach, du lieber Himmel! Was thun wir jetzt? jammerte sie. Es ist auch nicht ein einziger lebendiger Funken im Hause!

Svend tappte im Finstern vorwärts, nahm eine Laterne, die an einem Balken über dem Melkeimer hing, und lief damit zu Marianne hinüber. Else breitete indessen ihre fieberischen Hände über die Bettdecke und ließ ihre Finger zwischen den kalten Münzen hin und her gleiten. Achtzehn ... zwanzig ... zweiundzwanzig ... nein, sie verzählte sich immer wieder, sie mußte warten, bis Svend zurückkam.

Während sie so ihre Finger mit den Münzen spielen ließ, verlor sie sich in rasch wechselnden Gedanken, die ihre Pulse schneller schlagen machten. Da war der grüne Friesrock, der konnte für sie leicht geändert werden. Da war das rote, geblümte Mieder und die schwarze Damasthaube mit goldnen Blättchen gestickt ... vier Paar ganz gute Strümpfe.

Auf einmal hörte sie ein wimmerndes Stöhnen von der Zwischenkammer her, und ein lähmender Schreck überfiel sie. Mit einem lauten Schrei fiel sie zurück und lag noch in Ohnmacht, als Svend mit der brennenden Laterne zurückkam.

Was hast du, Mutter, was giebt es? fragte er, als sie wieder zu sich kam.

Sie ist ... wieder aufgewacht, hauchte sie und deutete matt mit der Hand nach der Thür.

Ach Unsinn! Du bist ganz wirr im Kopf. Das verfluchte Geld!

Es klang wie eine Stimme! Ganz gewiß!

Komm, laß mich das Geld weg ... nehmen, wollte er sagen, hielt aber plötzlich inne, richtete sich mit einem Ruck auf und sah nach der Thür, woher soeben wieder ein schwacher Klagelaut erklungen war.

Ach, lieber Heiland im Himmel droben! schrie Else und zog die Bettdecke über die Münzen.

Svend ging mit der Laterne an die Thür und klopfte mit dem Finger darauf. Bist du es, Großmutter?

Du darfst nicht hineingehen, Svend. Komm hierher mit der Laterne. Du darfst nicht, du darfst nicht hineingehen! Sie schrie laut.

Er öffnete die Thür und hielt die Laterne vor sich hin. Es kam ihm vor, als ob sich das Stück Papier, das er über das Gesicht der Toten gebreitet hatte, bewege. Er ging zu ihr hin und hob das Papier auf; nein; es war auch nicht die geringste Veränderung auf dem fahlen, friedlich lächelnden Gesicht zu bemerken; bloß der graue Bart auf der Oberlippe schien gewachsen zu sein.

Er schloß die Thür nach der großen Stube, die offen stand.

Miau!

O, du Biest! schalt er und stieß mit dem Fuß nach der Katze.

Else war ganz in Schweiß gebadet und in halb bewußtlosem Zustande; sie hielt einen Haufen Geldstücke krampfhaft mit den festgeschlossenen Fingern umklammert.

Ach! also deshalb erschrak ich so schrecklich, daß mir noch alle Glieder zittern. O, diese Katze!

Nun wurde das Geld gezählt: zweihundert und zwanzig Thaler.

Ach, Svend!

Aber was ist denn das? rief Svend plötzlich. Hier ist ja ein Papier in dem Beutel! Er zog einen vergilbten Fetzen Papier heraus und las:

Dieses Geld gehört Svend.

So etwas habe ich aber doch in meinem ganzen Leben nicht gehört!

Ach! Ach! ... Svend, du wirst sie mir doch nicht nehmen wollen? flehte Else. Du bist ja mein eignes Kind, und ich bin in so großer Not.

Er betrachtete ihre hohlen Augen, das weiße Haar, die glühenden Wangen, die sich alle zusammen wie zu einer großen, krankhaften, brünstigen Bitte vereinigten. Ja ja, behalte sie nur, sagte er dann.

Sie füllte die Münzen wieder in den Beutel, versteckte diesen unter der Bettdecke, fiel matt zurück und lag lange unbeweglich in todähnlicher Ruhe.

Svend saß in tiefe Gedanken versunken daneben; eine Thräne lief ihm die Wange hinunter. Auf einmal erhob er sich, ging in die Zwischenstube und legte den alten, steifen Körper der Großmutter in sein eignes Bett, das noch wie früher seinen Platz hier hatte.

In der folgenden Zeit war er mehr in Alsingröd als in Tisvilde. Else erholte sich langsam, konnte aber noch keine Arbeit verrichten, deshalb mußte er die Besorgung des ganzen Hofs übernehmen. Auch im Dorf war er von großem Nutzen, besonders unter den Armen; er gab ihnen Getreide und Geld, sprengte auf Stern in die Apotheke, holte mit seinem Wagen die Särge und half die Toten in die Erde bestatten.

Gewöhnlich lag er bei Nacht auf der Ofenbank, aber nur selten schlief er. Oft plauderte er auch mit der Mutter bis tief in die Nacht hinein.

Ist es Anine immer gut gegangen? fragte er gleich in der ersten Nacht.

Ja, ganz gut. Marianne hat sich auch recht erholt. Da sieht man, daß doch etwas an der Kraft der Helenenquelle ist.

Hat sie wie sonst gegessen und getrunken?

Marianne?

Ach nein! Anine?

Wahrscheinlich. Aber wie geht es ihr denn jetzt in der Krankheit?

Sie schreit laut auf, wenn sie einen nur sieht.

Hu! Ja, es ist eine schreckliche Krankheit. Man weiß nicht mehr, was man thut. Es ist auch gräßlich, wie sie haust! Jetzt sind in den letzten Tagen sieben daran gestorben. Laß mich sehen: Karen Jens, Knejse Ola, der Hanfbrecher ... wie es jetzt wohl Hanfbrechers Grete gehen mag?

Sie bekam keine Antwort.

Hast du nicht gehört, was ich dich gefragt habe, Svend?

Ja, wie es ihr geht, meinst du? Ich habe dir ja gesagt, daß sie laut aufschreit, sobald ...

Aufschreien? Ich spreche ja von Hanfbrechers Grete.

So ... Das weiß ich nicht.

Dann fragte Else, wie es in Tisvilde stehe.

So so ... schon recht.

Freilich, so ein schöner Hof!

Hat sie einmal von mir gesprochen?

Wer?

Anine.

Nicht ein einziges Wort. Ich fragte sie eines Tages, ob sie sich um dich gräme! Ha ha! antwortete sie mit lautem Lachen, den habe ich schon lange vergessen.

Glaubst du, daß das wahr ist?

Ich glaube schon; denn du hattest der Stadt kaum den Rücken gekehrt, so wurde alles mit Troels fest gemacht ... Du weißt doch, daß sie ihn heiratet ...?

Nein.

Ja, es wurde auf der Stelle ausgemacht. Nun, ich sage nichts dagegen, es war ganz vernünftig, denn sie sind es ihm eigentlich schuldig gewesen.

Er gab keine Antwort.

Sie sind eigentlich dazu gezwungen, wiederholte sie, ja, sie sind geradezu gezwungen. – Du lieber Gott, ja! Jeder kämpft ums tägliche Brot! fügte sie seufzend hinzu und umfaßte in Gedanken ihren eignen Hof, das Geld unter der Bettdecke und Svends großen Hof mit bewegtem Herzen.

Lange schwiegen sie; da hörte sie ihn die Holzschuhe anziehen.

Was willst du?

Ich gehe nur ein wenig hinaus; es ist zum Ersticken heiß hier drinnen. – –

Hule Jens war in seiner Lehmhütte tot gefunden worden; es roch entsetzlich in der Hütte, und niemand wagte sich der Hütte zu nähern. Das ist nicht recht, sagte Svend. In seinen Ohren klangen die Worte des armen Unglücklichen, die er so oft gesagt: Silber, Silber von des Heilands Rock. Mit Hilfe des Gemeindevorstehers wurde eine schwarze Kiste gemacht, dann fuhr er hinaus auf die Heide, kleidete die Leiche aus und bettete sie in diesem Sarg zur Ruhe. Als er daran dachte, wieviel Böses diesem »Bruder Jesu« in seinem langen, unglücklichen Leben widerfahren, wie schrecklich einsam und verlassen er nun gestorben war, fühlte er warmes Mitleid mit ihm und zugleich den heißen Wunsch in seinem Herzen aufsteigen, ihm zum Abschied noch ein freundliches Lebewohl zu erzeigen. Er sah sich um und faltete die Hände. Und so stand er hier unter dem großen, weiten Himmelsdom und betete ein Vaterunser für den armen verachteten Blödsinnigen.

Buchschmuck

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