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Die kleinen Verwandten

Ludwig Thoma: Die kleinen Verwandten - Kapitel 1
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDichter und Freier
authorLudwig Thoma
year1992
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-11302-8
titleDie kleinen Verwandten
pages37-59
created19991220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ludwig Thoma

Die kleinen Verwandten

Lustspiel in einem Aufzug

Personen:

Heinrich Häßler, Regierungsrat
Mama Häßler
Ida, beider Tochter
Josef Bonholzer, Oberaufseher aus Dornstein
Babette Bonholzer, seine Frau, Schwester des Regierungsrates
Max Schmitt, Kaufmann, Inhaber von Hugo Schmitts sel. Erben

Das Stück spielt in der Wohnung des Regierungsrates
in der Kreisstadt Großheubach in Bayern
.

Zeit: Gegenwart.

Erste Szene

Das schöne Zimmer bei Regierungsrat Häßler. Die Möbel im Stile der 60er Jahre. Nußbaum. Im Hintergrund, etwas rechts von der Mitte, ein Erker mit Fenstern an allen Seiten. Im Erker steht auf einem Antritt ein kleiner Nähtisch, davor ein Stuhl.

Links vom Erker, vor der Wand, ein geblümtes Sofa, dessen Rücklehne mit gehäkelten Decken geschmückt ist. Auf dem runden, polierten Tisch davor liegt ebenfalls eine Decke mit gehäkelten Spitzen. Die vier Stühle um den Tisch sind mit dem gleichen Stoff wie das Sofa überzogen.

Über dem Sofa hängt an der Wand ein Spiegel in Goldrahmen, links und rechts davon Porträts der Eltern von Frau Häßler; wo sonst Platz ist, hängen an den tapezierten Wänden Heliogravüren von Bodmanns »Märchen«, Thumanns »Parzen« oder ähnliche.

Rechts vom Erker Kommode, darauf eine Uhr unter Sturzglas. An der linken Seitenwand ein schmaler Glasschrank, an der rechten Seitenwand ein hoher Ofen aus bunten sächsischen Kacheln. Ein paar Lehnstühle. Einer in der Nähe des Erkers, daneben ein Rauchtisch. Regulator, Bücherstellage mit Konversationslexikon an der rechten Seitenwand.

Tür links, die zu Wohnräumen, Tür rechts, die in den Gang führt. Ein Fenster an der Hinterwand rechts vom Erker. An diesem, wie an den Erkerfenstern, weiße Mullvorhänge.

Ida nimmt die Schutzdecke von dem letzten Stuhl, der noch damit überzogen ist. Frau Häßler tritt von links ein und stellt ein Körbchen mit Handarbeit auf den Tisch.

Mama memorierend: Ich werde mit einer Handarbeit beschäftigt sein. Heinrich muß im Lehnstuhl sitzen und in der Zeitung lesen... und... Sie besinnt sich etwas. Ida!

Ida: Ja, Mama?

Mama: Du sollst nicht im Zimmer sein, wenn er kommt...

Ida schmollend: Warum?

Mama: Es ist besser. Sonst sieht es so aus, als ob wir alle auf ihn gewartet hätten...

Ida: Aber...

Mama: Nun folg mir doch! Du bleibst in der Küche. Wenn er kommt, schaust du einen Augenblick heraus... Dabei kannst du lächeln und ein bißchen befangen sein. Verstehst du?

Ida: Ja, Mama.

Mama: Und binde dir eine Schürze vor! Das ist häuslich und lieb, und... ja, du mußt ein bißchen echauffiert aussehen, wie vom Herdfeuer.

Ida geht fröhlich auf die Idee ein: Ich werde mir mit dem Frottierschwamm die Backen reiben.

Mama mütterlich beifällig: Das tust du! Überhaupt, benimm dich nur so, wie ich dir sage, dann wird alles gut gehen... Sie ruft laut und etwas unwillig nach links: Heinrich!

Häßler Unwirsch von drinnen: Was denn?!

Mama rufend: Was machst du denn so lang? Es ist höchste Zeit! Zu Ida, die an das Fenster getreten ist: Geh vom Fenster zurück, Ida!

Ida: Ich möchte ihn doch so gerne sehen, wenn er um die Ecke kommt.

Mama ungeduldig: Wozu denn? Er könnte dich auch sehen.

Ida: Dann hätte er vielleicht mehr Courage.

Mama sehr bestimmt: Nein! Er darf nicht glauben, daß er beobachtet wird.

Ida geht zögernd vom Fenster weg: Wenn er aber wirklich um mich anhalten will, Mama?

Mama etwas nervös: Widersprich mir doch nicht immer! Apodiktisch: Jeder Mann schmeichelt sich mit der Idee, daß er vollkommen frei seinen Entschluß faßt. Jeder Mann schmeichelt sich mit der Idee, daß er im letzten Augenblick noch zurück kann. Diese Illusion darf man den Männern nicht rauben. Wenn sich Herr Schmitt beobachtet sieht, könnte er einen Zwang fühlen. Du kannst dich auf meine Erfahrung verlassen. Sie ruft sehr ungeduldig nach links: Aber Heinrich!!

Zweite Szene

Häßler tritt von links ein; er trägt Gehrock und schwarze Binde. Etwas mürrisch: Na also! Was ist denn?

Mama entsetzt: Ja, wie siehst du denn aus?

Häßler: Ich denke, respektabel genug für einen Herrn Schmitt! Was das für ein Getu ist!

Mama: Ich habe dir doch gesagt: behaglich und als wenn nichts wäre! Also das geht einfach nicht. Zieh deinen Gehrock aus! Sie zwingt ihn, den Rock auszuziehen.

Häßler in Hemdärmeln: Man könnte wirklich glauben...

Mama: Ja, man könnte wirklich glauben, daß ein Vater Verständnis hätte für die Situation! Du wirst die Joppe anziehen.

Häßler: So? Trägt man die in der Situation? Das hättest du ja auch vorher...

Mama eilt mit dem Gehrock links ab: Häßler setzt sich seufzend auf einen Stuhl.

Dritte Szene

Häßler: Ida, tu mir den einzigen Gefallen und sieh, daß du mit dem jungen Herrn Schmitt heut ins reine kommst!

Ida: Mach nur du deine Sache gut, Papa!

Häßler. Sache gut! Du mußt auch mit solchen Redensarten kommen!

Ida: Weißt du...

Häßler: Es ist sonderbar, um nicht mehr zu sagen, wie mir da gewissermaßen eine Rolle eingedrillt wird.

Ida: Das wollen wir doch gar nicht!

Häßler: So? Aber jeder Satz wird mir förmlich vorgesprochen. Und dabei ist die Angelegenheit so einfach wie nur möglich. Ein gutsituierter junger Herr will die Tochter eines höheren Beamten heiraten. Schön! Warum nicht?

Ida: Aber das ist es gerade mit den höheren Beamten!

Häßler: Was ist?

Ida: Mama fürchtet, daß du ihm zu sehr imponierst, und daß er sich dann nicht traut, weil er Kaufmann ist...

Häßler: Hm... Am Ende dürft ihr mir doch zutrauen, daß ich den rechten Ton finde...

Mama tritt von links ein mit einer Hausjoppe.

Vierte Szene

Mama: So, das ziehst du jetzt an... Sie hilft ihm die Joppe anziehen. Es ist merkwürdig, daß du selber nie das Richtige triffst. Ein Gehrock ist doch immer feierlich, und Feierlichkeit läßt keine familiäre Stimmung aufkommen.

Häßler: Sehe ich dir jetzt jovial genug aus?

Mama: Setz dich nur in den Lehnstuhl und lies in der Zeitung!

Häßler: Jawohl... Er setzt sich und fragt etwas ironisch: Wie heißt mein Stichwort?

Mama: Sag nicht Stichwort! Die Sache ist zu ernst für Witze...

Häßler nimmt die Zeitung: Wenn ich schon eine Rolle spielen soll, muß ich sie auch können. Also... nicht wahr... wenn er kommt, habe ich aufzuspringen?

Mama nervös: Aber nein!

Ida: Du sollst doch ganz vertieft sein!

Mama zu Ida: Sprich mir nicht drein! Zu Häßler: Du bist vertieft in deine Zeitung. Dann sage ich vorwurfsvoll: Heinrich! Du blickst auf und bist überrascht, daß Besuch da ist, stehst auf und hältst ihm lächelnd die Hand entgegen... oder nein... beide Hände... so... Sie macht es ihm vor.

Häßler ironisch: Und lächle fortwährend?

Mama spitz: Allerdings. Vielleicht begreifst du, daß es sein muß. Nervös zu Ida: Was stehst du noch herum? Zieh endlich deine Schürze an und geh auf deinen Posten!

Ida geht: Ja, Mama. Unter der Tür. Wann darf ich hereinkommen?

Mama: Genau zehn Minuten, nachdem er eingetreten ist Dann bleiben wir einige Zeit alle im Zimmer und ungeduldig na ja, ich hab dir's doch schon oft genug gesagt!

Ida: Ja, Mama Ab.

Fünfte Szene

Mama seufzt: Ach Gott... wenn nur das schon in Richtigkeit wäre!

Häßler: Das kommt auf euch an...

Mama gereizt: Was kommt an?

Häßler: Wenn ihr die Sache ordentlich arrangiert habt, warum soll's denn nicht gehen?

Mama: Wie kann man so etwas Frivoles nur sagen? Arrangieren! Wir... du auch, nicht wahr... haben geduldet, daß er Ida die Cour machte.

Häßler im amtlichen Ton: Ja... und?

Mama: Und? Jetzt wird es sein, wie es immer ist. Wir müssen eben hoffen, daß er ernste Absichten hat.

Häßler: Soo?

Mama: Wir nehmen das an, und haben natürlich Grund dafür. Und weil er gestern beim Kränzchen Ida gefragt hat, ob er uns heute besuchen dürfe... na ja...

Häßler ganz amtlich: Nur weiter, wenn ich bitten darf...

Mama: Aus dem Ton... und allem... nicht?... weiß Ida, daß er sich heute erklären will.

Häßler streitbar: Das heißt: sie glaubt es; sie nimmt es an. Und wir schweben einstweilen in Ungewißheit. Wir haben ganz einfach abzuwarten, ob man unserer Tochter das Schnupftuch zuwirft...

Mama: Also... sei so gut...

Häßler: Ist es anders? Ist es ein Atom anders?... Ich kann dir nur sagen, wenn ich Mutter wäre, dann wäre ich heute nicht im ungewissen...

Mama energisch: Sprich nicht so daher und sieh nicht so rechthaberisch aus! Kein Mensch will dein Schwiegersohn werden, wenn du so aussiehst.

Häßler sinkt in den Lehnstuhl zurück: Ja so!

Mama: Es hängt alles davon ab, daß Herr Schmitt bei uns warm wird.

Häßler: Kann er doch meinetwegen werden.

Mama: Das ist sehr die Frage. Junge Männer haben überhaupt eine merkwürdige Scheu vor guten Familien.

Häßler: Hm...

Kleine Pause

Mama: Hast du jemals darüber nachgedacht, warum so viele junge Männer unter ihrem Stand heiraten ?

Häßler schlicht: Nein.

Mama: Ich will es dir sagen. Weil die Männer selten den Mut haben, höher zu streben. Weil ihr jeder Schwierigkeit aus dem Wege geht.

Häßler: Wir?

Mama: Ja. Nur durch eure Neigung fürs Legere machen die sonderbarsten Mädchen gute Partien.

Häßler: Schön! Aber ich vermisse wieder einmal die Logik. Der junge Herr Schmitt findet doch gar keine Schwierigkeiten bei uns!

Mama: Er bildet sie sich ein. Alle bilden sich Schwierigkeiten ein, sobald ein Mädchen von anständiger Familie ist. Die unanständige Familie ist kein solches Hindernis.

Häßler: Das können wir kaum mehr ändern.

Mama: Aber den Eindruck können wir abschwächen.

Häßler: Daß wir eine anständige Familie sind?

Mama: Du weißt recht gut, was ich sagen will, und wir haben wirklich keine Ursache, Witze zu machen. Seufzt tief auf. Heinrich, von deinem Benehmen hängt so viel ab!

Häßler unwirsch: Ja... ja! Ich werde fortwährend lächeln... ich werde ihm die Hand entgegenstrecken...

Mama korrigiert: Beide Hände...

Es läutet zweimal, lang und heftig.

Häßler: Der junge Mann scheint ja ganz beherzt zu sein.

Mama greift hastig nach ihrer Handarbeit. Nervös: Zünde dir eine Zigarre an! Und nimm die Zeitung und schlag die Beine übereinander!

Häßler zündet sich eine Zigarre an und liest in der Zeitung und rekelt sich gemütlich im Lehnstuhl. Mama arbeitet. Stille. Die Tür rechts wird langsam geöffnet, und im Rahmen erscheint Frau Babette Bonholzer. Sie ist nach der letzten Dornsteiner Mode aufgedonnert. Von ihrem zugeklappten Regenschirm rinnt ein Bach auf den Boden.

Sechste Szene

Babette mit sehr lauter, durchdringender Stimme: Da seid's ja! Grüß Gott!

Mama sprachlos und tief erschüttert: Ba...

Häßler auch fassungslos: Ba-bett! Du?

Babette: Gelt, da schaut's? Ich hab mein Mann mitbracht, damit's euch doch endlich amal kenna lernt's! Zu ihrem Mann, der zögernd unter der Tür erscheint: Geh halt rei!

Bonholzer tritt ins Zimmer. Er trägt altmodischen, ihm etwas zu weiten Gehrock. Die Hose ist etwas kurz, und man sieht, daß Bonholzer Schaftstiefel trägt. Sein ganzes Äußere verrät den ehemaligen Feldwebel, besonders der starke, durch eine Anleihe seitlich des glattrasierten Kinns buschig gemachte Schnurrbart und das gerötete Gesicht. In der rechten Hand hält Bonholzer einen altmodischen Zylinder, in der linken einen Regenschirm, von dem auch ein Bach ins Zimmer läuft.

Babette mit Stolz: Das is mein Josef!

Bonholzer macht zwei Schritte gegen Häßler und verbeugt sich: Ich habe die Ehre, den Herrn Schwager zu begrüßen. Mit Verbeugung gegen Mama: Ich habe die Ehre, die Frau Schwägerin zu begrüßen.

Babette: Ich hab zu ihm g'sagt, es is höchste Zeit, daß i 'n herbring, daß er doch endlich amal seine nächst'n Verwandt'n siecht.

Bonholzer: Natürlicherweise, den Trieb hat der Mensch gewissermaßen, daß es ihn zu seiner Familli hinziehagt... so zu sag'n.

Häßler gibt Bonholzer die Hand und bemüht sich jovial zu sein: Da habe ich also den Mann vor mir, den sich meine Schwester erwählt hat?

Bonholzer: Jawohl. Indem daß ich in den nämlichen Haus gewohnt hab, wo die Babett befindlich war, wo sie ihren Laden g'habt hat, als Marschad Mod.

Babette: Ich hab euch doch alles g'schrieb'n...

Häßler: Freilich, du hast uns geschrieben...

Babette: Wie er Oberaufseher worn is, hat er sich erklärt... Z'erscht hat er si net traut...

Bonholzer: Als pragmatisch geht ma halt leichter in den Hafen der Ehe... gewissermaßen.

Häßler gezwungen und verlegen: Natürlich, man wünscht Sicherheit.

Bonholzer reibt den Daumen am Zeigefinger: Und der Draht, das Gerstl, der Diridari spielt halt doch sozusag'n auch eine Rolle in der Poesie des Ehelebens.

Häßler: Ja... und jedenfalls freue ich mich, den Mann vor mir zu sehen, dem sich meine Schwester für das Leben anvertraut hat.

Mama wirft, unbemerkt von Babette und Bonholzer, ihrem Mann beschwörende Blicke zu: Heinrich... verzeihe...

Häßler beschwichtigend: Gewiß, Mama... Mit Herzlichkeit zu Babette: Es ist wirklich lieb von dir, daß du uns... äh... dein Eheglück vor Augen führst...

Babette: Geh, red doch net gar so g'schwoll'n! Ma hat scho zu euch komma müss'n... denn ihr kommt's ja doch net zu ei'm!

Häßler: Du weißt, wie das ist... Zu Bonholzer ... der Dienst!

Babette: Net amal bei der Hochzeit habt's euch sehen lass'n!

Mama: Das war uns sehr arg, Heinrich und mir.

Babette: No!?

Mama: Ich hatte schon den Koffer gepackt...

Häßler einfallend: Und da wurde ich telegraphisch zu einer Inspektion abgerufen.

Babette: Es waar halt weg'n die Leut g'wes'n! Net?

Mama: Aber...

Babette: Weil seine Verwandten halt auch da war'n. Da weiß ma scho, was da g'redt werd. Da heißt's gleich, mir sin euch vielleicht net fein g'nug. Steigert die Stimme. An Herrn Regierungsrat!

Bonholzer: No ja! I hab's zu der Babett g'sagt, und hab's zu meine Verwandten g'sagt. Babett, hab i g'sagt, du bist quasi von einer andern Kategorie und hast, sag i, in eine unterne Kategorie nei'g'heirat...

Babette: Geh, hör amal auf mit deiner Kategorie! Ma heirat halt, wen ma kriagt.

Bonholzer: Is all's recht. Aber d'Hauptsach is, daß da Mensch sei Kategorie kennt...

Häßler: Es ist mir nicht eingefallen, absichtlich von der Hochzeit wegzubleiben...

Babette. Dös hab ich auch g'sagt zu de Leut. Das wär noch schöner, hab ich g'sagt, wenn mei einziger Bruder an Protzen raushänga möcht, hab ich g'sagt...

Häßler: Wer denkt denn an so was?

Babette: Eben! Das hab i auch g'sagt. Z'erscht dös ganze Geld von der Familli verstudiern, hab ich g'sagt, und nacha die leibliche Schwester nicht mehr kennen, das wär doch zu gemein, hab ich g'sagt...

Häßler: Also, liebe Babette...

Babette: Ma redt bloß davon, net? Unser Mutter hat dich halt studieren lassen, und da is halt nix mehr übrig bliebn für unsereins, denn bald in einer Familli einer studiert, da weiß ma scho, was für d' Schwestern übrig bleibt...

Häßler: Ich glaube, wir könnten das Thema verlassen...

Babette: I sag bloß, weil er allaweil mit seiner Kategorie daherkommt.

Bonholzer: Babett, de muaß der Mensch kennen...

Babette: Ja, is schon recht... und jetzt tu amal an Zylinder weg und an Schirm, und den mein aa, und tu net so, als wennst bei fremde Leut wärst!

Mama hat sich auf die Lippen gebissen und verzweifelte Blicke nach oben geschickt und deutet mit Kopfschütteln und Augenverdrehen an, daß sie die Langmut ihres Mannes nicht mehr versteht. Ihre Stimme vibriert etwas: Aber Heinrich, ich verstehe dich nicht...

Babette hat das Mienenspiel ihrer Schwägerin bemerkt und blickt nun mit äußerstem Argwohn ihren Bruder an, der sich die Weste stramm zieht und in einen salbungsvollen Ton verfällt.

Häßler zu Mama, beschwichtigend: Ich weiß, Mama... Zu Bonholzer und Babette: Alles in allem, liebe Schwester... und lieber Schwager... Ihr habt uns durch euern Besuch jedenfalls eine herzliche Freude bereitet... Babette schlägt die Arme untereinander und sieht ihren Bruder beim Predigen mit einer sehr süffisanten Miene an. Gewiß, eine herzliche Freude! Ihr dürft überzeugt sein, daß meine Frau und ich, daß ich und meine Frau schon immer den Mann kennenlernen wollten, mit dem du den Bund für das Leben geschlossen hast, liebe Schwester...

Babette mit höhnischer Betonung: So?

Häßler feierlich: Ja, Babett, es war für mich als Bruder immerhin von schwerwiegender Bedeutung, es war für mich als Bruder eine Gewissensfrage, ob du zu deinem Glücke gewählt hast. Und die Gewißheit, die ich gewonnen habe, durch Ihre persönliche Bekanntschaft gewonnen habe, lieber Bonholzer, die gibt mir, die gibt uns eine absolute Beruhigung.

Mama sehr nervös: Gott! Heinrich...

Häßler zieht sich nochmals die Weste stramm: Kurz und gut, meine Lieben, ich hoffe, daß wir uns recht, recht bald wieder sehen werden, und ich bedaure nur, daß ich euch heute nicht einladen kann...

Mama fällt ein: Wir hätten euch so gerne zu Mittag dabehalten, aber es trifft sich so unglücklich, unser Herd wird repariert, wir sind selbst eingeladen...

Babette höhnisch: So! Stemmt die Arme in die Seite. Für wen halt's ihr ein denn eigentlich? Ihr müßt's ein scho für ausgemacht dumm halt'n.

Mama indigniert: Was hast du denn?

Babette ihre Stimme steigernd: Frage möcht i no! Mir soll'n dös wahrscheinli net merk'n, wie's ihr ein' nausschmeißts!

Häßler würdig: Ich muß aber doch bitten...

Babette: Meint's denn ihr, ich hab keine Aug'n?...

Bonholzer beschwichtigend: Der Empfang war aber durchaus ehrenvoll...

Babette sehr zornig: Geh, sei doch du staad! Zu Häßlers: Ich hab's scho gesehgn, wie's euch anblinzelt habts, i hab's scho gemerkt, wie's von oan Fuß auf den andern g'stand'n seids vor lauter Pressiern, daß 's oan naus bringts...

Bonholzer würdig: Halt di zruck, Babett! Zu Häßlers: Die Frau is nämlich a bissel leidenschaftlich...

Mama: Wenn ich dir erkläre, daß unser Herd repariert wird...

Babette: Der is vielleicht z'sammg'falln aus lauter Freud über unser Ankunft. So was muß ma von sein eigenen Bruder erleb'n! Aber d' Steigenberger Juli hat mir's ja g'sagt! Geh no hin, hat s' g'sagt, dös ander wirst nacha scho sehgn!

Häßler auch erzürnt, doch maßvoll: Gut! Was hast du gesehen? Ich bitte mir das einmal zu erklären, was du gesehen hast!

Bonholzer: Babett, halt di zruck! Du kummst in deine Leidenschäftlichkeit!

Babette wütend: Gar net halt i mi zruck! Zu Häßler: Was i g'sehgn hab? Deine brüderliche Liebe hab i g'sehgn. Und gnua hab i davo!

Mama: Aber so mäßige dich doch!

Babette: Ich bin net so fein erzogn worn wie gewisse Damen, de hinterrucks mit die Augn blinzeln. I war in koana höhern Töchtaschul, da hat 's Geld net g'langt, weil der Herr Bruada alls braucht hat...

Häßler ernst: Das geht wirklich nicht...

Babette: Is vielleicht net wahr? Wie oft hat d' Mutter g'sagt, der Heinrich, der dankt's euch Mädeln scho amal, weil's ihr jetzt zu kurz komma seids... Da hat ma'n an Dank!

Häßler in voller Höhe: Alles was recht ist, Babett! Jetzt ist meine Geduld zu Ende...

Babette:... Die meinige auch! Das hat ma von sein Bruder ! Net amal an Stuhl habt's ein' anbotn! Förmlich nausg'schmissen wird ma...

Die Wohnungsglocke läutet vernehmlich.

Mama sehr aufgeregt, in tödlicher Unruhe: Um Gottes willen! Das ist er!

Babette fährt unbeirrt weiter: Jetzt kennt ma si wenigstens aus mit euch! Jetzt brauchts euch nimmer verstellen...

Mama aufgeregt, sich zur Güte zwingend: Ich beschwöre dich, Babett, beruhige dich doch! So beruhige dich doch!

Häßler ebenso beschwörend: Kein Mensch hat dir etwas getan!

Babette schreiend: So? Is dös vielleicht nix, wenn ma nausg'schmissen wird...

Bonholzer: Halt di zruck, Babett!

Babette: Sei doch du staad! Du siechst as freili net, wie ma da behandelt werd...

Mama tritt dicht vor Babette hin, halb drohend, halb bittend: Verstehst du denn nicht? Es kommt Besuch!

Babette läßt die Stimme fallen: Is für den der Herd net brocha...?

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