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Die kleine Roque

Guy de Maupassant: Die kleine Roque - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie kleine Roque
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume14
year1911
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid0aff1248
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Fräulein Perle

I

Es war eine komische Idee von mir, an dem Abend Fräulein Perle zur Königin zu bitten. Ich verbringe alljährlich den Dreikönigstag bei meinem alten Freund Chantal. Als ich Kind war nahm mich immer mein Vater, dessen intimster Kamerad er war, dorthin mit, und ich werde dorthin gehen, so lange ich lebe und so lange es einen Chantal auf der Welt giebt.

Übrigens haben die Chantal eine ganz eigene Art zu leben: sie leben in Paris so, als ob sie etwa in Grasse, Yvetot oder Pont-à-Mousson wohnten.

Sie besitzen in der Nähe des Observatoriums ein Haus in einem kleinen Garten, und dort verbringen sie ihr Dasein wie in der Provinz, vom wirklichen Paris kennen und ahnen sie nichts; sie sind weit, weit fort. Und doch unternehmen sie manchmal dorthin eine lange Reise. Frau Chantal geht große Einkäufe machen, wie sie es in der Familie nennen. Dies »Einkäufe machen« findet folgendermaßen statt: Fräulein Perle, die die Küchenschrankschlüssel führt, (denn der Wäscheschrank untersteht der Herrin des Hauses selbst) Fräulein Perle meldet, daß der Zucker zu Ende geht, daß die Konserven bald alle sind und daß in der Kaffeebüchse nicht mehr viel ist.

Nachdem Frau Chantal so vor kommender Hungersnot gewarnt worden ist, beaugenscheinigt sie, was noch da ist und notiert sich das in einem Notizbuch. Wenn sie dann eine Menge Zahlen aneinandergereiht hat, kommen zuerst lange Berechnungen und dann lange Besprechungen mit Fräulein Perle. Jedoch endlich einigen sie sich, und es wird festgestellt, wie viel man anschaffen muß, damit es drei Monate reicht, nämlich: Zucker, Reis, Pflaumen, Kaffee, Eingemachtes, Schoten, Bohnen, Hummer, geräucherten oder gesalzenen Fisch alles in Büchsen, und so weiter und so weiter.

Dann wird der Tag für die Einkäufe festgestellt, und in einer Gepäckdroschke fahren die beiden zu einer großen Kolonialwarenhandlung jenseits der Seine in das neue Stadtviertel.

Frau Chantal und Fräulein Perle machen geheimnisvoll diese Reise miteinander und kommen zur Essenszeit totmüde, obgleich noch ganz aufgeregt, zurück, zusammengerüttelt von der Droschke, deren Verdeck mit Paketen und Säcken beladen ist, wie ein Umzugswagen,

Für die Chantal bedeutete alles, was auf der anderen Seite der Seine liegt, Neuland, Stadtviertel, von ganz sonderbaren wenig anständigen, lärmenden Leuten bewohnt, die den Tag über nichts thun, die Nacht sich amüsieren und das Geld zum Fenster hinauswerfen. Dennoch wurden ab und zu die jungen Mädchen ins Theater geführt, in die komische Oper oder auch in das Theatre Français, wenn das Stück von der Zeitung, die Herr Chantal liest, empfohlen ward.

Die jungen Mädchen sind heute siebzehn und neunzehn Jahr alt zwei schöne, große frische Mädchen, gut erzogen, zu gut erzogen, so gut, daß man sie, wie zwei Puppen, niemals bemerkt. Mir würde nie der Gedanke kommen, auf die Fräulein Chantal aufmerksam zu werden oder ihnen den Hof zu machen. Man wagt kaum, mit ihnen zu reden, so unnahbar fühlt man sie, man fürchtet beinah, etwas Unrechtes zu thun, wenn man sie nur begrüßt.

Der Vater aber ist ein reizender Mann, sehr unterrichtet, offen, herzlich, der aber vor allem Ruhe liebt, Stille, und der viel dazu beigetragen hat, seine Familie zu mumificieren, um nach seinem Geschmack in vollkommener Ruhe leben zu können. Er liest viel, spricht gern und ist leicht gerührt. Weil er mit niemand in Berührung kommt, mit niemand aneinandergerät und nie kämpfen muß, ist er sehr empfindlich und zart geworden. Die geringste Kleinigkeit empört ihn, stört ihn und bereitet ihm Schmerzen.

Die Chantal haben jedoch Verkehr, wenn auch nur sehr beschränkten, sehr vorsichtig in der Nachbarschaft ausgewählten. Zwei oder drei Mal im Jahr wechseln sie auch wohl mit Verwandten, die entfernt wohnen, Besuche. Ich lade mich bei ihnen zum Essen ein jeden fünfzehnten August und am Dreikönigstage. Das ist mir Pflicht geworden, wie die Osterbeichte den Katholiken.

Am fünfzehnten August werden ein paar Freunde eingeladen, aber am Königstag bin ich der einzige Fremde.

II

Ich bin also dieses Jahr wie jedes Jahr zu den Chantal zum Essen gegangen, um Epiphanias zu feiern.

Wie immer, umarmte ich Herrn Chantal, Frau Chantal und Fräulein Perle und machte Fräulein Louise und Pauline eine tiefe Verbeugung. Man befragte mich über tausend Dinge, was in der Stadt los ist oder in der Politik, was man über Tonkin dächte und über unseren Gesandten dort. Frau Chantal, eine dicke Dame, deren Ideen mir alle einen eckigen Eindruck machten, hatte sich angewöhnt, jede politische Unterhaltung mit den Worten zu schließen: »Das wird sich noch später rächen.« Warum habe ich mir nur immer eingebildet, daß alle Gedankengänge der Frau Chantal viereckig sein müssen? Ich weiß nicht recht, aber in meiner Vorstellung nimmt alles, was sie sagt, die Gestalt eines Quadrats an mit vier rechten Winkeln. Die Ideen anderer Menschen erscheinen mir immer rund oder rollend wie Reifen. Sobald sie einen Satz begonnen haben, rollt es weiter, geht von selbst, zehn, zwanzig, fünfzig runde Ideen, groß und klein hintereinander, die eine der anderen nachlaufen bis ans Ende des Horizontes. Wieder andere Menschen haben auch spitze Ideen, ... na, sei es wie es sei.

Wie immer, setzten wir uns zu Tisch, und das Essen ging zu Ende, ohne daß etwas von Bedeutung gesagt worden wäre.

Beim Dessert wurde der Königskuchen gebracht. Übrigens war Herr Chantal alljährlich König. War es Zufall oder Familienüberlieferung, das weiß ich nicht, aber immer er fand die Bohne in seinem Kuchenstück und ernannte Frau Chantal zur Königin. So war ich denn sehr erstaunt, als ich in meinem Bissen etwas so Hartes entdeckte, daß ich mir beinah einen Zahn ausgebissen hätte. Ich zog den Gegenstand vorsichtig aus dem Munde, gewahrte eine kleine Porzellanpuppe, nicht größer, denn eine Bohne, und rief erstaunt:

»Ach!« Alle blickten mich an, und Chantal rief, indem er in die Hände klatschte: »Gaston hat sie, Gaston hat sie! Es lebe der König!«

Alle wiederholten im Chor: »Es lebe der König!« Und ich errötete bis an die Ohren, wie man oft errötet in thörichten Situationen. Ich blieb mit niedergeschlagenen Augen sitzen, hielt zwischen zwei Fingern das Porzellanstück, bemühte mich zu lachen und wußte nicht, was ich thun und sagen sollte, als Chantal rief: – Nun heißt es, eine Königin suchen.

Jetzt wußte ich nicht, was thun. In einer Sekunde kamen mir tausend Gedanken und Überlegungen. Wollte man etwa, daß ich eine der Fräulein Chantal bezeichnen sollte? War das vielleicht ein Mittel, um mich zum Geständnis zu bringen, welche mir besser gefiele? War es vielleicht ein leichter unmerklicher Vorstoß der Eltern zu etwaiger Heirat. Der Gedanke an eine Heirat irrt fortwährend in den Häusern umher, in denen es erwachsene Töchter giebt, und nimmt alle Formen an, alle Mittel und Verhüllungen. Eine entsetzliche Furcht, mich zu kompromittieren, überkam mich und auch eine große Befangenheit angesichts der so tadellosen, verschlossenen Haltung von Louise und Pauline. Die eine unter Vernachlässigung der anderen wählen, erschien mir ebenso schwierig, wie zwischen zwei Wassertropfen eine Wahl zn treffen. Und dann überfiel mich mit Entsetzen der Gedanke, daß ich etwa da in eine Geschichte hineingeraten könnte, die mich gegen meinen Willen ganz allmählich doch zur Ehe geführt hätte, durch ganz geheime, unauffällige und ebenso diskrete Vorgänge, wie diese unbedeutende Königsschaft war, die ich eben angetreten.

Aber plötzlich kam mir ein Gedanke, und ich hielt Fräulein Perle die symbolische Puppe entgegen. Zuerst war alle Welt erstaunt, dann lobte man ohne Zweifel mein Zartgefühl und meine Diskretion, denn sie klatschten alle eifrig Beifall und riefen: »Es lebe die Königin! Es lebe die Königin!« Sie aber, das arme, alte Mädchen, hatte alle Haltung verloren, zitterte verstört und stammelte:

– Aber nein, ich nicht! Bitte, ich nicht, ich nicht!

Da blickte ich zum ersten Mal Fräulein Perle an und fragte mich, was eigentlich hinter ihr stecke.

Ich war gewohnt, sie in diesem Haus zu sehen, wie etwa einen alten Stuhl, auf den man sich seit seiner Kindheit gesetzt hat, ohne auf ihn zu achten. Eines Tages, man weiß nicht warum, wenn ein Sonnenstrahl auf den Sitz fällt, sagt man sich plötzlich: »Herr Gott, das Möbel ist ja eigentlich sehr interessant!« Und man entdeckt, daß das Holz von einem Künstler geschnitzt worden und daß der Stoff prachtvoll ist. Ich hatte nie auf Fräulein Perle geachtet.

Sie gehörte zur Familie Chantal, mehr wußte ich nicht. Aber in welcher Eigenschaft? Es war ein großes, mageres Geschöpf, das sich bemühte, unbemerkt zu bleiben, aber doch nicht unbedeutend war. Man behandelte sie freundschaftlich, besser als eine Bedienstete und doch weniger gut wie eine Verwandte. Und plötzlich fielen mir eine Menge Kleinigkeiten auf, die ich bisher garnicht beachtet. Frau Chantal sagte: »Perle«, die jungen Mädchen: »Fräulein Perle« und Chantal nannte sie nur etwas steifer vielleicht: »Fräulein«.

Ich betrachtete sie. Wie alt mochte sie sein? Vierzig Jahr? Ja, vierzig. Sie war nicht alt, dieses Mädchen, aber sie machte sich alt. Und plötzlich war ich ganz erstaunt über diese Entdeckung. Sie frisierte und zog sich lächerlich an, trotzdem hatte sie nichts Lächerliches, sondern besaß eine natürliche, einfache, versteckte, absichtlich verborgene Anmut. Wirklich ein seltsames Geschöpf. Wie kam es nur, daß ich sie nie genauer beobachtet hatte?

Sie frisierte sich ganz sonderbar mit kleinen, alten, verrückten Löckchen, und unter dieser altjüngferlichen Haartracht sah man eine große, ruhige Stirn, durch zwei tiefe Runzeln, Runzeln, die langer Kummer gezogen, geteilt, dann zwei blaue Augen groß, milde blickend, verlegen, ängstlich, demütig zwei schöne Augen, naive, erstaunte Kinderaugen in denen man von Empfindungen junger Jahre und von vergangenem Leid las, das sie nur weich gemacht, aber nicht ihre Seele verhärtet.

Das feine, zarte Gesicht zeigte jene Züge, die erloschen sind, ehe sie verbraucht wurden, oder verwelkt durch Müdigkeit oder starke Leidenschaften. Dazu hatte sie einen hübschen Mund, reizende Zähne, aber es war, als wagte sie nicht zu lachen. Und plötzlich verglich ich sie mit Frau Chantal. Gewiß war Fräulein Perle hübscher, hundert Mal hübscher, feiner, vornehmer, stolzer.

Ich war ganz erstaunt über meine Beobachtungen. Der Champagner wurde eingegossen. Ich streckte mein Glas der Königin entgegen und trank in wohlgesetzter Rede auf ihre Gesundheit. Sie hätte am liebsten, das bemerkte ich, ihr Gesicht in der Serviette versteckt. Als sie dann ihre Lippen mit dem klaren Trank netzte, riefen alle: »Die Königin trinkt! Die Königin trinkt!« Nun wurde sie ganz rot und verschluckte sich. Man lachte, aber ich merkte wohl, daß man sie im ganzen Haus gern hatte.

III

Sobald wir gegessen hatten, nahm mich Chantal beim Arm. Es war die heilige Stunde seiner Cigarre. Wenn er allein war, ging er auf die Straße, um zu rauchen, wenn er jemand eingeladen hatte, begab man sich in das Billardzimmer hinauf, und dort spielte er und rauchte dazu. An diesem Abend hatte man sogar im Billardzimmer Feuer gemacht wegen des Dreikönigstages, und mein alter Freund nahm sein Queue, ein sehr dünnes Queue, und rieb die Spitze mit Kreide ein. Dann sagte er:

– Du bist dran, mein Junge.

Denn er nannte mich »Du«, obgleich ich fünfundzwanzig Jahr alt war. Aber er kannte mich ja von Kindheit an.

Ich begann also zu spielen, machte ein paar Carambolagen, dann einige Fehlstöße. Aber da ich immerfort an Fräulein Perle dachte, fragte ich plötzlich: – Sagen Sie doch einmal, Herr Chantal, sind Sie eigentlich mit Fräulein Perle verwandt?

Er hielt inne im Spiel und sah mich erstaunt an:

– Was denn? Kennst Du denn nicht Fräulein Perles Geschichte?

– Nein.

– Ja, hat sie Dir denn Dein Vater nicht erzählt?

– Nein.

– Na hör' mal, das ist aber komisch, das ist aber komisch, denn das ist ja eine ganze Geschichte.

Er schwieg. Dann fuhr er fort:

– Und wenn Du wüßtest, wie sonderbar das ist, daß Du mich gerade heute das fragst am Dreikönigstag.

– Warum?

– Ja, hör mal zu. Heute ist's gerade einundvierzig Jahr her, heute am Dreikönigstag. Wir wohnten damals in Rouy-le-Tors. Aber ich muß Dir erst erzählen, wie das Haus beschaffen war, damit Du die Geschichte verstehst. Rouy liegt auf einem Höhenzug oder vielmehr auf einem Hügel, der das Wiesenland überragt. Wir besaßen dort ein Haus mit einem hängenden Garten, der auf den alten Verteidigungsmauern angelegt war. Das Haus lag also in der Stadt auf der Straße, während der Garten die Ebene überragte. Der Garten hatte auch eine Pforte ins freie Feld hinaus am Fuß einer geheimen Treppe, die in der Mauerdicke hinunter führte, ganz romantisch. Eine Straße ging an dieser mit einer Klingel versehenen Thür vorbei, denn die Bauern brachten durch diese ihre Vorräte, um den Umweg zu vermeiden.

Du siehst die Örtlichkeit vor Dir, nichtwahr? Kurz, in diesem Jahr am Dreikönigstag schneite es schon seit Wochen. Es war, als sollte die Welt untergehen. Als wir auf den Wall hinaufkletterten, um in die Ebene hinaus zu sehen, wehte uns förmlich ein eisiger Hauch durch die Seele, beim Anblick dieser riesigen, schneeweißen, eisigen Landschaft, die glänzte wie lackiert.

Unsere Familie war damals zahlreich: mein Vater, meine Mutter, mein Onkel und meine Tante, meine beiden Brüder, meine vier Cousinen. Hübsche Mädchen, – ich habe die jüngste geheiratet. Von all den Menschen leben nur noch drei, meine Frau, ich und meine Schwägerin, die in Marseille wohnt. Herr Gott nochmal, wie so eine Familie allmählich abbröckelt! Ich zittere förmlich, wenn ich daran denke. Ich war damals fünfzehn Jahr alt, ... ja denn ich bin jetzt sechsundfünfzig.

Wir wollten also das Dreikönigsfest feiern und waren lustig, sehr lustig. Wir warteten eben im Salon auf das Essen, da sagte mein ältester Bruder Jacques: – Seit zehn Minuten heult ein Hund draußen auf der Ebene. Der arme Kerl wird sich verlaufen haben.

Er hatte kaum gesprochen, als die Glocke am Garten klang. Sie tönte dumpf, wie eine Kirchenglocke, die einem den Gedanken an ein Begräbnis naheführt. Alle zuckten zusammen. Mein Vater rief den Diener und sagte ihm, er solle nachsehen, wer da wäre. Wir schwiegen und warteten, wir dachten an den Schnee, der die ganze Erde bedeckte. Als der Mann wiederkam, sagte er, er habe nichts gesehen. Der Hund heulte noch immer, ununterbrochen und zwar immer an der gleichen Stelle.

Man setzte sich zu Tisch, aber wir waren etwas erregt, vor allem die jungen Leute. Das blieb so bis zum Braten, da begann es wieder zu läuten, drei Mal hintereinander, drei Mal, lange und laut, daß es uns durch und durch ging bis in die Fingerspitzen, wir den Atem anhielten, uns anblickten, mit dem Bissen zum Munde innehaltend, plötzlich von einer Art fast übernatürlicher Furcht gepackt.

Endlich sagte meine Mutter:

– Es ist merkwürdig, daß man so lange gewartet hat, um wieder zu klingeln. Gehen Sie nicht allein nachsehen, Baptiste, einer der Herren geht mit.

Mein Onkel Franz stand auf, eine Art Herkules, der sehr stolz auf seine Kraft war und sich vor nichts aus der Welt fürchtete. Mein Vater sagte zu ihm: – Nimm doch ein Gewehr mit, man weiß nie, was passieren kann.

Aber mein Onkel nahm nur einen Stock in die Hand und ging sofort mit den Diener hinaus.

Wir andern blieben, zitternd vor Schreck und Beklemmung, sitzen, ohne zu sprechen, ohne zu essen. Mein Vater suchte uns zu beruhigen:

– Ihr werdet sehen, es ist irgend ein Bettler, der sich im Schneetreiben verirrt hat. Er hat zuerst geklingelt, dann ist nicht gleich geöffnet worden, und er hat versucht, den Weg weiter zu finden. Das ist ihm nicht geglückt, und er hat abermals an unserer Thür geklingelt.

Es war uns, als bliebe der Onkel mindestens eine Stunde fort. Endlich kam er wütend und fluchend wieder:

– Gott verdamm' mich, nichts ist zu sehen. Es hält uns einer zum besten! Nur der verfluchte Hund heult hundert Schritt von der Mauer. Wenn ich ein Gewehr mitgehabt hätte, hätte ich ihn totgeschossen, daß man Ruhe kriegte.

Wir setzten uns wieder zum Essen. Aber alle behielten etwas Ängstliches, denn wir fühlten, daß es noch nicht zu Ende war, daß noch irgend etwas geschehen, daß die Glocke abermals läuten würde.

Und sie begann zu läuten, gerade in dem Augenblick, als man den Königskuchen anschnitt. Alle Herren erhoben sich zu gleicher Zeit. Mein Onkel Franz, der ein paar Glas Champagner getrunken, hatte, schwor so wütend, er würde »ihn« totschlagen, daß Mutter und Tante ihm entgegentraten, ihn daran zu hindern. Und auch mein Vater erklärte, obgleich er sehr ruhiger Natur und, da er sich bei einem Sturz mit dem Pferde ein Bein gebrochen hatte und seitdem lahmte, auch körperlich behindert war, daß er auf jeden Fall wissen wollte, was los wäre und mitgehen würde. Meine Brüder, zwanzig und achtzehn Jahr alt, holten ihre Gewehre, und da niemand auf mich achtete, nahm ich ein Teschin, um mich auch der Expedition anzuschließen.

Sie brach sofort auf; mein Vater und mein Onkel voraus mit Baptiste, der eine Laterne trug, meine Brüder Jacques und Paul folgten, ich schloß den Zug, trotz der Bitten meiner Mutter, die mit meiner Schwester und meinen Cousinen auf der Schwelle des Hauses blieb.

Seit einer Stunde schneite es wieder, und die Bäume waren mit Schnee belastet. Die Tannen, wie weiße Pyramiden oder riesige Zuckerhüte, beugten sich unter dem hellen schweren Kleid, und man gewahrte kaum durch den dichten Schneeschleier die kleinen Gebüsche mitten in der Dunkelheit. Der Schnee fiel so dicht, daß man nicht zehn Schritt weit sehen konnte, aber die Laterne warf einen hellen Schein vor uns. Als wir die Treppe in der Mauer hinunter stiegen, hatte ich wirklich Angst. Es war mir, als ginge jemand hinter mir, als packte man mich bei den Schultern und schleppte mich fort, und ich wollte umkehren; aber da ich allein durch den großen Garten gemußt hätte, wagte ich es nicht.

Ich hörte, daß man die Thür, die auf die Ebene hinausführte, öffnete. Dann fluchte mein Onkel: – Gott verdamm' mich, er ist fort! Wenn ich nur seinen Schatten sehe, schone ich ihn nicht, das

Man sah die Dunkelheit der Ebene vor sich, oder vielmehr man fühlte sie, denn man sah nichts. Man gewahrte nur einen endlosen Schneeschleier oben, unten, geradeaus, rechts, links, überall.

Mein Onkel begann von neuem:

– Da ist ja der verfluchte Hund, der so heult. Ich werde ihm mal zeigen, daß ich schießen kann; dann haben wir wenigstens etwas erreicht.

Aber mein Vater war gutmütig und sagte:

– Wir wollen das arme Tier, das vor Hunger heult, lieber mitnehmen. Das arme Vieh bellt um Hilfe, wie ein Mensch ruft, der in Not ist. Komm!

Und durch den dichten Vorhang von Schnee, durch das ewige Flockengeriesel, durch diesen Schaum, der die Nacht und die Luft erfüllte, der sich hin und her bewegte, fiel und schmelzend die Haut kältete, kältete, als würde sie verbrannt, ein thatsächlicher, heftiger Schmerz bei jeder Berührung der kleinen, weißen Flocken.

Wir sanken bis zu den Knieen in diese kalte, leichte Decke ein und mußten die Beine hoch heben, um vorwärts zu kommen. Je weiter wir kamen, desto stärker und deutlicher wurde das Gebell Mein Onkel rief: – Da ist er! Und wir blieben stehen, wie um einen Feind, dem man in der Nacht begegnet, zu bespähen.

Ich sah nichts, folgte den anderen und bemerkte den Hund. Er war gräßlich und phantastisch anzusehen: ein großer, schwarzer Hund, ein Schäferhund mit langem Fell und einem Wolfskopf; Er stand auf allen Vieren am Ende des langen Lichtscheins, den die Laterne auf den Schnee warf. Er rührte sich nicht, und blickte uns stumm an.

Mein Onkel sagte: – Sonderbar, er geht weder vorwärts noch zurück. Ich möchte ihm doch mal eine Ladung auf den Pelz brennen.

Mein Vater antwortete bestimmt:

– Nein, wir müssen ihn mitnehmen.

Da sagte mein Bruder Jacques: – Aber er ist nicht allein, da liegt etwas neben ihm.

In der That befand sich etwas Graues, das man nicht unterscheiden konnte, hinter ihm. Und vorsichtig näherten wir uns.

Als der Hund uns nahen sah, setzte er sich. Er sah gar nicht böse aus, schien sich vielmehr zu freuen, daß es ihm geglückt war, Menschen herbei zu rufen.

Mein Vater ging gerade auf ihn zu und streichelte ihn. Der Hund leckte ihm die Hand,, und wir sahen, daß er an einen kleinen Wagen angebunden war, wie ein Puppengefährt, das ganz und gar in Wolldecken eingehüllt war. Wir nahmen sie vorsichtig ab, und als Baptiste seine Laterne der Öffnung des Wägelchens näherte, sahen wir darin ein kleines schlafendes Kind.

Wir waren so erstaunt, daß keiner ein Wort sagen konnte. Mein Vater fand zuerst die Sprache wieder, und da er großherzig war, vielleicht etwas leicht begeistert, legte er die Hand auf das Dach des Wagens und sagte: – Armes verlassenes Wurm, du sollst zu uns gehören. – Und er befahl meinem Bruder, den Fund vor sich her zu schieben.

Mein Vater sagte, in dem er seine Gedanken laut aussprach: – Gewiß, ein uneheliches Kind, dessen Mutter in dieser Dreikönigsnacht, in Erinnerung an den Gottessohn, an unsere Thür geklopft hat.

Er blieb wieder stehen und rief vier Mal, so laut er konnte, nach allen vier Himmelsrichtungen in die Nacht hinaus: – Wir haben es gefunden! Dann legte er die Hand seinem Bruder auf die Schulter und sagte: – Siehst Du, Franz, wenn Du nun auf den Hund geschossen hättest....

Mein Onkel antwortete nicht, schlug aber ein Kreuz in der Dunkelheit, denn er war trotz allem, was er so redete, sehr religiös.

Wir hatten den Hund losgebunden, der uns folgte.

Unsere Rückkehr ins Haus war sehr nett. Wir gaben uns riesige Mühe, den Wagen die Treppe im Festungswall hinauf zu ziehen. Es gelang, und wir rollten ihn bis in den Flur des Hauses.

Mama war zu komisch, glücklich und verstört zugleich, und meine kleinen Cousinen (die jüngste war sechs Jahr alt) sahen aus, wie vier Hühner um ein Nest. Endlich nahmen wir das Kind, das immer noch schlief, aus dem Wagen. Es war ein Mädchen von etwa sechs Wochen. In den Windeln fanden wir zehntausend Franken in Gold. Jawohl, zehntausend Franken, die Papa, um der Kleinen einmal eine Mitgift geben zu können, anlegte. Es war also kein Kind armer Leute, sondern vielleicht das Kind irgend eines Mannes der guten Gesellschaft und eines kleinen Bürgermädchens aus der Stadt, oder .... ach Gott, wir haben uns tausend Dinge überlegt und nie die Wahrheit erfahren, niemals. Den Hund erkannte kein Mensch als den seinen an, er war fremd in der Gegend. Jedenfalls mußte die oder der, der drei Mal an unserer Thür geklingelt hatte, unsere Eltern sehr genau kennen, um gerade sie ausgewählt zu haben.

So trat Fräulein Perle denn im Alter von sechs Wochen in das Haus Chantal.

Fräulein Perle wurde sie übrigens erst später genannt, zuerst wurde sie getauft: Marie Simonne Clara. Clara sollte ihr Familienname sein.

Ich sage Dir, es war zu komisch, wie wir ins Eßzimmer kamen mit dem eben anfgewachten Wurm, das um sich blickte, Leute und Lichter anstarrend mit seinen unbestimmten, verwirrten, blauen Augen. Wir setzten uns wieder zu Tisch, der Kuchen ward verteilt. Ich wurde König und wählte zur Königin Fräulein Perle, wie Du vorhin. Sie wird wohl kaum an dem Tag von der Ehre, die man ihr anthat, etwas empfunden haben.

Die Kleine wurde also adoptiert und in der Familie aufgezogen. Sie ward groß, Jahre vergingen. Sie war nett, artig, gehorsam, alle hatten sie gern, und hätte es meine Mutter nicht verhindert, wir hatten sie alle verzogen.

Meine Mutter liebte Ordnung und führte das Regiment im Hause. Sie willigte zwar ein, die kleine Clara wie ein eigenes Kind zu halten, aber wollte doch, daß ein gewisser Unterschied gemacht würde, um den Abstand zu markieren.

Sobald das Kind groß genug dazu war, wurde ihm seine Geschichte erzählt, ihm ganz langsam beigebracht und der Kleinen auseinandergesetzt, daß sie für die Chantal zwar ein Adoptivkind, aber schließlich doch eine Fremde sei.

Clara begriff ihre Lage mit seltener Intelligenz, und erstaunlichem Instinkt und wußte die ihr angewiesene Stellung mit so großem Takt, auf so nette Weise zu behaupten, daß es meinen Vater rührte bis zu Thränen.

Und auch meine Mutter rührte die leidenschaftliche Dankbarkeit und die etwas ängstliche Ergebung, der kleinen zärtlichen Kreatur so sehr, daß sie sie bald »meine Tochter« nannte. Manchmal, wenn die Kleine etwas Gutes, Nettes gemacht hatte, rückte meine Mutter ihre Brillengläser auf die Stirn, was bei ihr immer das Zeichen war, daß sie sich bewegt fühlte, und sagte: – Aber das Kind ist eine Perle, eine wahre Perle! – Dieser Name blieb der kleinen Clara, die für uns Fräulein Perle ward und blieb.

IV

Herr Chantal schwieg. Er saß auf dem Billard, baumelte mit den Beinen, die linke Hand spielte mit einer Kugel, während die rechte ein Stück Leinwand drückte, das gebraucht wurde, um auf der Schiefertafel die Zahlen auszuwischen und das wir das Kreidetuch nannten. Seine Wangen hatten sich gerötet, und er sprach mit dumpfer Stimme vor sich hin, ganz in Erinnerungen versunken, erzählte von vergangenen Dingen, versunkenen Ereignissen, die in seinem Gedächtnis aufstiegen, wie wenn man in einem alten Familiengarten, in dem man aufgewachsen ist, wieder einmal spazieren geht, und jeder Baum, jeder Weg, jede Pflanze, die spitzen Stechpalmen, die duftenden Lorbeerbäume, die Eiben, deren rötliche, dicke Beeren zwischen den Fingern zergehen, bei jedem Schritt in uns irgend ein Ereignis aus der Vergangenheit auftauchen lassen, eines jener kleinen Geschehnisse, die den Untergrund des ganzen Lebens bilden.

Ich blieb ihm gegenüber stehen, lehnte mich an die Wand und stützte die Hand auf mein unnütz gewordenes Billardqueue.

Nach einer Minute begann er von neuem:

– Gott, wie hübsch war sie, mit achtzehn Jahren reizend und so riesig nett. O, das hübsche, hübsche und gute und brave und famose Mädchen! Sie hatte Augen, blaue Augen, durchsichtig, klar, wie ich niemals welche gesehen habe, nie.

Er schwieg von neuem, und ich fragte:

– Warum hat sie sich nicht verheiratet?

Er antwortete, nicht mir, sondern wie auf das Wort »verheiratet.«

– Warum? Warum? Ja, sie hat nicht gewollt. Und sie besaß doch dreißigtausend Franken und hatte mehrere Anträge. Sie hat nie gewollt. Sie hatte etwas Trauriges damals. Es war etwa, als ich meine Cousine, die kleine Charlotte, meine Frau, heiratete, mit der ich sechs Jahr verlobt war.

Ich blickte Herrn Chantal an, und es war mir, als durchdränge ich seine Gedanken, als hätte ich plötzlich einen Blick gethan in eines jener einfachen und doch grausamen Dramen braver Menschen, ehrlicher Seelen, tadelloser Herzen, in eines jener unentdeckten, uneingestandenen Herzensgeheimnisse, die niemand geahnt hat, nicht einmal, deren stumme, ergebene Opfer selbst.

Und plötzlich überkam mich die Neugierde:

– Hätten Sie sie denn nicht heiraten mögen, Herr Chantal?

Er zuckte zusammen, blickte mich an und sagte:

– Ich? Wen heiraten?

– Fräulein Perle.

– Warum denn?

– Sie liebten sie doch mehr, wie Ihre Cousine.

Er blickte mich mit seltsamen, runden, verstörten Augen an. Dann stammelte er:

– Ich habe sie geliebt? Ich? Wieso? Wer hat Dir denn das gesagt?

– Na, das sieht man doch, und ihretwegen haben Sie doch so lange gewartet, ehe Sie Ihre Cousine heirateten, mit der Sie sechs Jahre verlobt waren.

Er ließ die Kugel fahren, die er mit der linken Hand gehalten, packte das Kreidetuch mit beiden Händen, hielt es vor das Gesicht und begann zu schluchzen. Er weinte verzweifelt und lächerlich, gleich einem Schwamm, den man ausdrückt, aus Augen, Nase und Mund gleichzeitig, und er hustete, spuckte, schnaubte in das Kreidetuch, wischte sich die Augen, nieste, und aus allen Öffnungen seines Gesichtes begann es zu laufen, und es rasselte ihm in der Kehle, als gurgelte er.

Ich war ganz erschrocken, beschämt und wollte davon laufen. Ich wußte nicht, was ich sagen, was versuchen, was thun sollte, und plötzlich klang Frau Chantals Stimme auf der Treppe:

– Seid ihr bald fertig mit rauchen?

Ich öffnete die Thür und rief: – Jawohl, gnädige Frau, wir kommen.

Dann stürzte ich mich auf ihren Mann, nahm ihn beim Arm:

– Herr Chantal, mein Freund Chantal, hören Sie doch, Ihre Frau ruft Sie. Fassen Sie sich, fassen Sie sich! Sie müssen hinuntergehen.

Er stammelte: – Ja, ja, ich komme. Armes Mädchen! Sagen Sie ihr nur, ich komme.

Und sorgfältig begann er sich das Gesicht abzuwischen mit dem Tuch, das seit zwei oder drei Jahren alle Striche auf der Schiefertafel weglöschte. Hann erschien er halb weiß, halb rot, Stirn, Nase, Wangen und Kinn voll Kreide geschmiert, mit geschwollenen Augen, in denen noch die Thränen standen.

Ich nahm ihn bei der Hand und zog ihn in sein Zimmer, mit den Worten:

– Ich bitte um Verzeihung, ich bitte vielmals um Verzeihung, das hat Ihnen weh gethan, aber ich wußte es doch nicht. Verstehen Sie?

Er drückte meine Hand:

– Ja, ja, es giebt böse Augenblicke.

Dann steckte er das Gesicht in die Waschschale. Als er aber daraus auftauchte, schien er mir immer noch nicht gesellschaftsfähig und ich kam auf eine kleine List. Da er sich ängstigte, als er in den Spiegel blickte, sagte ich: – Sie brauchen ja bloß zu erzählen, es wäre Ihnen was ins Auge geflogen, und können dann vor aller Welt weinen, so viel Sie wollen.

Er ging in der That hinunter und rieb sich, die Augen mit dem Taschentuch. Man wurde ängstlich, jeder wollte den Staub, der ihm ins Auge geflogen, sehen, aber man fand nichts. Und nun wurden ähnliche Fälle erzählt, wo man sogar den Arzt hatte holen müssen.

Ich war zu Fräulein Perle gegangen, blickte sie mit quälender Neugierde an, einer Neugierde, die fast schmerzhaft wurde. Sie mußte in der That sehr hübsch gewesen sein mit den großen, ruhigen Augen, so groß, als schlösse sie sie nie, wie andere Menschen.

Ihr Anzug war etwas lächerlich, gleich dem einer alten Jungfer, er machte sie nicht gerade ungeschickt, aber kleidete sie nicht.

Und es war mir, als blicke ich in ihre Seele, wie ich vorhin in die Seele des Herrn Chantal geschaut. Und ich sah von Anfang bis zu Ende dies einfache, demütige, gottergebene Dasein vor mir. Der Wunsch kam mir auf die Lippen, ein quälender Wunsch, sie zu fragen, zu wissen, ob auch sie ihn geliebt hätte, ob sie, wie er, heimlich lange gelitten in jener Art, die man nicht sieht, von der man nichts weiß, die man nicht errät, aber die sich nachts in der Dunkelheit des einsamen Zimmers löst. Ich blickte sie an, ich sah unter dem Einsatz ihres Kleides ihr Herz klopfen. Und ich fragte mich, ob dieses ruhige Gesicht jeden Abend gestöhnt, in das weiche dicke Kopfkissen geschluchzt, und ihr Leib fieberhaft in der Hitze des Bettes gezuckt hatte.

Und ich sagte ihr ganz leise, wie ein Kind, das ein Spielzeug zerbricht, um hinein zu gucken: – Wenn Sie vorhin Herrn Chantal hätten weinen sehen, hätten Sie Mitleid gehabt.

Sie zuckte zusammen: – Was, er hat geweint?

– Ja, ja, er weinte.

– Und warum denn?

Sie schien sehr bewegt. Ich sagte:

– Ihretwegen!

– Meinetwegen?

– Ja. Er hat mir erzählt, wie er Sie früher geliebt hat, und wie schwer es ihm geworden ist, statt Ihrer seine Frau zu heiraten.

Ihr bleiches Gesicht schien etwas länger zu werden, die immer offenen Augen, diese ruhigen Augen schlossen sich plötzlich, so schnell, als wären sie für immer zu. Sie glitt vom Stuhl zu Boden und sank langsam, wie eine Schärpe, die heruntergefallen, in sich zusammen.

Ich rief: – Hilfe, Hilfe! Fräulein Perle ist unwohl.

Frau Chantal und ihre Töchter liefen herbei, und wie man Wasser holte, eine Serviette und Essig, nahm ich meinen Hut und rannte spornstreichs davon.

Ich eilte davon mit großen Schritten, mit klopfendem Herzen, voller Gewissensbisse und Bedauern. Und doch war ich wieder zufrieden, es war mir, als hätte ich etwas Notwendiges und Gutes gethan.

Ich fragte mich:

Hatte ich unrecht, hatte ich recht? Sie hatten das beide in der Seele, wie man eine Kugel in einer geschlossenen Wunde stecken hat; werden sie jetzt nicht glücklicher sein? Jetzt war es zu spät, als daß ihre Qual von neuem begonnen hätte und früh genug, um milde ihrer zu gedenken.

Und vielleicht werden sie eines Abends im kommenden Lenz, durch einen Mondstrahl innerlich bewegt, der zu ihren Füßen durch die Zweige auf das Gras fällt, sich bei den Händen nehmen, sie sich drücken in Erinnerung all dieser erstickten, grausamen Leiden. Und vielleicht wird auch dieser kurze Druck in ihre Adern ein wenig von jenem Schauer gießen, den sie nie kennen gelernt haben, und wird ihnen in einer Sekunde das jähe, göttliche Gefühl der Trunkenheit eingeben, jenes Rausches, der den Liebenden in einem Zittern mehr Glück bereitet, als andere Menschen ihr ganzes Leben hindurch genießen.

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