Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Heyse >

Die kleine Mama

Paul Heyse: Die kleine Mama - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/heyse/kleimama/kleimama.xml
typenovelette
authorPaul Heyse
titleDie kleine Mama
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1865
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
Schließen

Navigation:

In einer stillen Frühlingsnacht, die auf einen stürmischen Tag gefolgt war, saß ein Mädchen wobei seiner einsamen Lampe noch wach, da in den übrigen Zimmern des alten Hauses schon seit einer Stunde alle Lichter ausgelöscht waren. Auch hörten die engen Straßen der kleinen nordischen Stadt, obwohl es noch nicht weit über zehn Uhr war, keinen anderen Fußtritt mehr, als den des Wächters, der von Zeit zu Zeit unter dem hellen Fenster stehen blieb und mit besonderem Nachdruck seine Warnung, das Feuer und das Licht zu verwahren, hinaufsang. Das Fenster droben war nur angelehnt. Der Nachtwind hauchte über die Hyazinthenflora, die auf dem Simse stand, kühl ins Zimmer und machte die kleine Lampe flackern. Das Mädchen zog ein paar Mal das braune Tuch, in das sie sich eingewickelt hatte, fester um die Schultern, schloß aber den Fensterflügel nicht, sondern horchte über das Buch auf ihren Knieen hinweg nachdenklich in die schlafende Stadt hinaus auf die Viertelstundenschläge von der Stadtkirche. Gegenüber dem Großvaterstuhl, in dem sie lag, stand ein Tischchen mit einem sauberen Tuch überbreitet. Ein kleiner Theekessel summte darauf, ein einfaches kaltes Abendessen und ein einzelnes Gedeck waren mit einer gewissen Zierlichkeit hergerichtet und ein leerer Stuhl der Lampe gegenübergerückt. Im Uebrigen sah es in dem großen niedrigen Zimmer nicht nach einem Frauenregiment aus. Alte vergilbte Kupferstiche, Oelskizzen, antike Statuenfragmente verzierten Wände und Möbel in malerischer Unordnung, und den grünen Kachelofen bekrönte der Abguß eines korinthischen Säulenkapitäls, der von Rauch und Staub gebräunt war. Jetzt, in der stillen Nachtstunde, da die Lampe die ferneren Ecken des Zimmers in tiefem Schatten ließ, nahm sich die bunte Gesellschaft fast unheimlich aus. Das Fremdeste war hier einander so nahe gerückt, daß nichts recht zu Hause schien.

Nun schlug es Elf; die Leserin warf den kleinen blauen Band, in dem sie geblättert hatte, ungeduldig auf das alte Sopha und trat ans Fenster. Sie war nicht mehr in der ersten Jugend, das Gesicht trug den Ausdruck einer entschlossenen Seele, die Manches durchgekämpft hat und gleichgültig geworden ist gegen alle vergänglichen Reize. Aber wer den ernsten Kopf länger betrachtete, dem schien es bald, als ob nur Leben und Schicksale nicht hätten reifen lassen, was die Natur mit diesen Zügen gewollt hatte. Stirn und Augen waren vom reinsten Schnitt, die Wange breit und kräftig geschwungen, und einige leichte Narben von den Blattern entstellten nicht die feine Linie des Profils. Nur einen Hauch von Jugend, Glück oder Leichtsinn, so hätte auch der seltsam strenge Mund lieblich erscheinen müssen.

Denn plötzlich erschien sie schon als eine Andere, als sie hinaushorchend einen raschen Schritt auf der Gasse vernahm, der sich dem Hause näherte, und eine halblaute Stimme, die, während der Hausschlüssel im Schloß umgedreht wurde, eine Walzermelodie zu ihr hinaufsummte. Endlich! sagte sie und trat vom Fenster zurück. Es ist spät genug. Und wie kommt's, daß er singt? Am Ende hat er ein Glas Wein im Kopf, und für mein Warten hab' ich's nun, daß ich ihn wieder nüchtern predigen muß.

Sie lauschte in den Flur hinunter. Es kam ein elastischer, stäter Schritt die Treppe hinauf, ohne Lärm zu machen. So scheint's doch noch nicht arg zu sein, sagte sie beruhigter zu sich selbst. Aber daß er sich aufs Singen verlegt –

Indem öffnete sich die Thür, und ein hochgewachsener Jüngling, der nicht über neunzehn Jahr haben konnte, trat mit freundlicher Geberde ins Zimmer.

Guten Abend, kleine Mama, sagte er, die Mütze abnehmend und das buschige fahlblonde Haar zurückstreichend. Heut ist's lange geworden. Aber warum hast du auch aufbleiben wollen? Ich sagte es dir voraus. Es war ja die letzte Tanzstunde für diesen Winter, und da gab's ordentlich eine Art Ball, und hätten wir nicht unter unsern Herren und Damen auch so blutjunge Herrschaften, die Geschichte wäre noch nicht zu Ende. Aber einige von den Tänzern wurden von ihren Dienstmädchen abgeholt, obwohl sie's um die Welt nicht eingestanden hätten, und da durften wir die Mitternacht nicht heranwalzen. Du hast indeß ein wenig genickt, will ich hoffen.

Nein, mein Sohn, erwiederte sie in gelassenem Tone. Wenn man große Kinder in die Welt schickt, halten einen die Muttersorgen zu Hause wach. Am Ende aber hätte ich wohl besser gethan, zu Bett zu gehen, als auf den langen Nachtschwärmer mit meiner Theemaschine zu warten; denn wie ich merke, hat der Herr Leichtfuß seinen Durst bereits gelöscht, und der häusliche Thee wird ihm schal und langweilig vorkommen.

Und woran willst du das gemerkt haben, kleine Mama? erwiederte er heiter, indem er sich setzte und seine langen Gliedmaßen so gut es ging unter das kleine Tischchen streckte.

Weil es das erste Mal ist, daß der junge Herr singend nach Hause gekommen ist. Und diesen ungewöhnlichen Anlauf der Natur, das ihr Versagte zu leisten – freilich war es auch danach! – kann man doch nicht aus gewöhnlichen Ursachen herleiten.

Er lachte. Was ich für eine kluge kleine Mama besitze! sagte er. Aber sie ist doch noch nicht hinter das ganze Geheimniß gekommen. Irgendwo in mir ist es freilich nicht mehr ganz richtig; aber der Störenfried sitzt nicht im Oberstübchen, wie du argwöhnst. Der zahme Punsch bei Bürgermeisters nimmt viel zu viel Rücksichten auf die liebe Jugend von Obertertia, um unsereinem gefährlich zu werden. Ueberhaupt, was die leibliche Nahrung betrifft, bin ich so nüchtern, daß diese deine Vorräthe von Fleisch und Butterbrod es spüren werden. Ich kann das Kuchenwerk nicht ausstehen, mit dem man auf so Bällen gefüttert wird. Nein, kleine Mama, gieß mir nur immer einen Löffel Arak mehr als sonst in den Thee, vielleicht dämpft ein Rausch den andern. Denn wie gesagt, irgendwo sitzt mir's, irgendwo brennt was, irgendwo –

Er sah sie halb kläglich, halb schalkhaft an, und seine dunkelblauen Augen blitzten. – Walter, sagte sie, fast verdutzt, ich will doch nicht hoffen –

Der Jüngling griff, wie in Verlegenheit, nach einem Butterbrode und fing mit tiefsinnigem Ernst an zu essen. Niemand entgeht seinem Schicksal, sagte er, behaglich kauend. Früher oder später muß ja doch einmal das erste Mal kommen. Und wenn man neunzehn Jahr alt geworden ist, wird es nachgerade Ehrensache, sich so gut wie jeder Andere –

Er stockte wieder. Kinderpossen! sagte sie lachend. Ich glaube gar, der unnütze Junge will sich und mir einreden, er sei verliebt!

Nichts Geringeres, als das, erwiederte der Jüngling und trank die Tasse Thee, die sie ihm bereitet hatte, auf Einen Zug aus. Wenigstens sind alle Anzeichen dieser lebensgefährlichen Krankheit vorhanden.

Vor Allem ein ungewöhnlicher Appetit und zwölf Takte einer Walzermelodie, die so falsch herauskamen, daß sich der Muskelmann dort in der Ecke gewiß gern die Ohren zugehalten hätte, wenn seine Hände etwas mobiler wären. Und wer hat dieses Wunder gewirkt, wenn man fragen darf?

Das helle Gesicht des Jünglings, dessen Hauptreiz eine lustige Offenheit und Jugendfrische war, nahm plötzlich einen geheimnißvoll verschmitzten Ausdruck an. Rathe! sagte er. Ich bin, wie du siehst, noch zu sehr mit meiner Stärkung beschäftigt, um eine regelrechte Beichte abzulegen.

Und damit machte er sich über seinen Teller her und schnitt große Stücke von einem dunkelrothen Schinken herunter.

Sie hatte ihren Lehnstuhl nah an das Tischchen herangezogen und sah ihm ruhig ins Gesicht. – Als ob noch viel herumzurathen wäre, sagte sie, wenn man die Tänzerinnen sämmtlich zu kennen die Ehre hat und von dem leichtsinnigen Kavalier und seinen starken und schwachen Seiten mehr weiß, als er selber. Auch ist es ja längst bekannt, daß das Beste für unsern übermüthigen Junker gerade gut genug ist, und wer von den Töchtern der Stadt wird in Allem, was junge Thoren bethört, der Tochter unseres hochgebietenden Bürgermeisters den Vorrang streitig machen? Fand ich nicht auch auf einem gewissen Zeichenbrett erst vor wenig Tagen den Namen »Flora« in den schönsten Arabesken ausgeführt?

Dein Thee ist stark, kleine Mama, erwiederte der Jüngling mit verstelltem Ernst. Aber dein Ahnungsvermögen ist nur schwach. Ich will nicht läugnen, fuhr er mit flüchtigem Erröthen fort, daß ich diese kleine glatte Schlange, die sich so gewandt durch Alles durchwindet, wo ich zehnmal stecken bleibe, – daß ich sie, will ich sagen, bewundert habe; ja es mag auch sein, daß ich meine Ungeschicklichkeiten ihr gegenüber mir selber weniger übel nahm, wenn ich mir vorredete, ich sei nur verlegen aus Liebe, die ja auch weitläufigere Menschen unbeholfen und einfältig machen soll. Aber heute sind mir die Augen darüber aufgegangen, daß von Liebe zwischen uns keine Rede sein kann. Denn ich möchte schwören, daß, wenn man durch ein gewisses weißes Florkleid sehen könnte, man nichts unter der linken Brust entdecken würde, als eine Tanzkarte und eine Nummer der Modenzeitung.

Und was berechtigt den jungen Herrn zu diesem schwarzen Verdacht? Sicherlich wird hier wieder einmal einem harmlosen Frauenzimmer das Herz abgesprochen, weil sie nur für gewisse Leute kein Herz hat.

Wir haben unsere Beweise, sagte der Jüngling ernsthaft. Ich halte mich nicht für den größten Menschenkenner, und habe mich auch richtig wieder eine Weile betrügen lassen. Den ganzen Winter hindurch hättest du nur sehen sollen, wie diese hoffnungsvolle kleine Delila mir um den Bart ging – bildlich gesprochen; denn die paar rothen Flaumhaare können freilich noch nicht zählen. Das ging auch ganz mit rechten Dingen zu. Denn obwohl ich gottserbärmlich schlecht tanze, nie weiß, ob Walzer oder Schottisch und mit welchem Fuß zuerst angetreten wird, so war ich doch immer ihr erklärter Günstling; denn ich war der Aelteste in der ganzen Gesellschaft und konnte schon für einen Mann und Ritter gelten. –

Ein Hecht unter den Backfischen, Schaltete die Zuhörerin ruhig ein.

Meinethalben! Sie nahm mich für voll, und warum sollte ich mir's nicht gefallen lassen? Bei andern weiblichen Wesen – und er lächelte gutmütig – werde ich wohl mein Lebtag nicht als mündig gelten, und wenn ich auch durch die Stubendecke wachse und in ganzen Bartwäldern starre.

Sicherlich, sagte sie. Mein »kleiner Walter« bleibst du, und wenn du Großvater bist. Denn ich, als deine kleine Mama, werde mich stets für deine dummen Streiche verantwortlich fühlen, und es ist Aussicht vorhanden, daß du deren machen wirst, so lange du lebst.

Kann sein, erwiederte er und lachte. Aber heut hab' ich deiner Erziehung alle Ehre gemacht. Das hochmütige Ding nämlich, unsere Ballkönigin, fand mich heut sogar zu den üblichen Sklavendiensten zu schlecht. Es war da ein junger Herr vom Stadtgericht, der aus Herablassung mittanzte und mich, als ich hereintrat in meinem einfachen schwarzen Rock und baumwollenen Handschuhen, von oben bis unten durch eine Lorgnette besah. Er selbst nämlich war in Frack und Glacé, und da begreift sich's, daß er mich völlig ausstach. Aber wirst du glauben, daß sie plötzlich kaum noch die Fingerspitzen für mich hatte? O Weiber, Weiber!

Keine Generalverdammung, muß ich bitten!

Behüte! sagte er. Es giebt Engel unter eurem Geschlecht, einige, die ich nicht nennen will, mit feurigen Schwertern, andere aber, Engel schlechtweg, die noch dazu ihre Flügel unter ganz bescheidenen Mousselinkleidern verstecken.

Zum Exempel?

Wie ich nämlich von der Versicherung, daß Fräulein Flora schon alle Tänze vergeben habe, noch ganz verblüfft dastehe, fällt mein Blick auf ein Gesicht, das ich bisher so gut wie übersehen hatte, weil es freilich nicht so schlangenhaft zu lächeln und zu locken versteht, wie andere Gesichter. Aber jetzt sah ich zwei stille sanfte Augen auf mich geheftet, die mir zu sagen schienen: wir hätten dich schon längst gewarnt, dich nicht mit einem Eisblock einzulassen, aber du hattest ja keinen Blick für uns! und so weiter, was einem Augen nur immer sagen können. Und da war ich kein Narr und schritt, mit einem königlichen Anstand, sag' ich dir –

Ich sehe ihn! schaltete sie trocken ein. Du bist unterwegs nur einigen Damen auf die Kleider getreten und hast ein paar Stühle umgeworfen.

Diesmal nicht, du unnatürliche Mutter, die von ihrem Zögling immer das Schlimmste denkt. Wie ein geborener Prinz ging ich auf Lottchen zu. –

Lottchen Klaas? Ich ertheile dir meinen mütterlichen Segen, sagte sie feierlich. Diese erste Liebe macht mir allerdings nicht die Sorge, daß sie dich zu lange von ernsthafteren Dingen abziehen wird. Nur bitte ich mir aus, daß du dem guten Mädchen nichts in den Kopf setzest, hörst du?

Was denkst du von mir? sagte er treuherzig. Ich habe den ganzen Abend kein Wort mit ihr gesprochen, das ich nicht eben so gut an ein siebzigjähriges Fräulein hätte richten können.

Da wird sie freilich von deiner Unterhaltung sehr erbaut gewesen sein.

Hm, sagte er, sie brachte sie selbst aufs Tapet. Sie wußte, daß ich nicht ganz zufrieden damit bin, hier beim Pflegevater zu hocken und es über einen leidlichen Stuben- und Decorationsmaler nicht hinaufzubringen. Wer's ihr nur gesagt haben mag, daß ich lieber heut als morgen fortginge, um irgendwo in eine Bauschule zu kommen und noch einmal einen ordentlichen Architekten aus mir zu machen? Genug, sie fing davon an –

Und du konntest nicht wieder davon aufhören, wie ich dich kenne.

Freilich nicht. Aber es schien sie gar nicht zu langweilen. Und dazwischen tanzten wir natürlich, und ich kam mir diesen Abend besonders geschickt vor, denn du kannst dir nicht denken, wie gut sie es verstand, mir nachzuhelfen, so daß wir nur selten aus dem Takt kamen und beim Contretanz mit einer ganz kleinen Confusion uns aus der Affaire zogen. Sie ist wirklich ein himmlisch gutes Mädchen, und ich glaube, eine bessere Gelegenheit, zu einer ersten Liebe zu kommen, werde ich in Jahr und Tag nicht finden. Da sieh – und er zog eine Handvoll Cotillonorden aus der Westentasche – die alle werfe ich in den Ofen, aber die dunkelrothe Schleife da kommt von ihr, die wird aufgehoben und heute Nacht unter mein Kopfkissen gelegt, und es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ich morgen nicht kreuzverliebt aufwachte.

Also soll es erst über Nacht kommen? sagte sie und strich ihm neckend mit der Hand übers Haar. Armer Junge, da fürchte ich, daß es gute Wege damit hat. Morgen ist Sonntag. Wenn du erst wieder über deinen Zeichnungen sitzest, wird dir eine schlanke Säule oder ein hübsches Ornament liebenswürdiger vorkommen, als alle Lottchen der Welt. Und wahrhaftig, mein Junge, es ist auch eben kein Schade. Du kommst noch früh genug dazu.

Sie schwieg und sah nachdenklich in das blaue Spiritusflämmchen unter dem Kessel, das mit traulichem Summen ihre Reden begleitet hatte. Auch er war still geworden, seufzte einmal und schob endlich den leeren Teller zurück.

Kleine Mama, sagte er, mir ist beinahe, als ob du Recht behalten solltest. Jedenfalls weißt du mehr davon als ich. Sag mir doch einmal ehrlich und so vertraulich, wie man zu einem erwachsenen Sohn sprechen kann: Wie lang ist's wohl her, daß du deine erste Liebe geliebt hast, und warum ist nichts draus geworden, wie ja übrigens aus keiner ordentlichen ersten Liebe was werden soll?

Es flog ein Schatten über ihr Gesicht. Vorwitz ist Kindern niemals nütz, sagte sie kurzangebunden. Hole lieber unsere Weltgeschichte aus dem Schrank, daß wir noch ein Kapitel lesen können vor dem Schlafengehen.

Heute nicht, kleine Mama, bat er. Es würde heut noch mehr als sonst vergebene Mühe sein, diese alten Geschichten in meinen harten Kopf zu bringen. Erzähl du mir lieber was; du hast es ja sonst oft genug gethan, wie ich noch ein Knabe war. Du weißt wohl, wie oft ich auf dem Schemel da zu deinen Füßen gesessen habe und zugehört, wie du mir vom Kaiser Oktavian und den Heymonskindern die schönen Geschichten erzählt hast. Komm – und er stand auf und kauerte sich, ehe sie's hindern konnte, auf das Fußbänkchen vor ihrem Lehnstuhl nieder – da sitz' ich, meine kleine Mutter, und jetzt fang an. Am Ende profitire ich mehr von einer alten Liebesgeschichte, als von allen Völkerschlachten und Mord und Todtschlag, die du für meine Bildung so notwendig findest.

Er lehnte den Kopf mit dem dichten Haar, der an ihren Knieen ruhte, weit zurück und sah sie von unten auf mit einer Miene an, der nicht leicht zu widerstehen war.

Du unnützer, neugieriger Junge, sagte sie, du pochst darauf, daß ich dich verzogen habe, und meinst, ich könne dir nichts abschlagen. Steh aber nur auf und geh zu Bette und laß dir die naseweisen Gedanken vergehen, ob deine kleine Mutter, die nächst Gott für dich die größte Respektsperson sein soll, auch einmal so ein grünes junges Gänschen war, wie du heute Abend ihrer mehr als genug gesehen hast. – Nun? wird es dem jungen Herrn gefällig sein?

Er rührte sich nicht vom Fleck.

Wozu die vielen Umstände? sagte er lustig. Am Ende thust du ja doch immer, was ich will, weil ich natürlich immer nur was Vernünftiges will. Und diese deine alte Liebesgeschichte muß ich nun einmal erfahren, damit ich nicht so dumm dabeistehe, wenn Andere ihre Glossen darüber machen, daß du nicht geheirathet hast, obwohl –

Obwohl?

Nun, obwohl du einmal sehr hübsch gewesen sein müssest, wie sie sagen, und –

Wie Wer sagt?

Mehr als Einer, erst gestern noch unser Geselle, der Peter Lars; und dann brauch' ich übrigens auch nur meine Augen aufzumachen.

Wirklich?

Das heißt, ehrlich gestanden, erst seit gestern. Als Peter Lars davon sprach, daß er dich wohl vor zehn Jahren gesehen haben möchte, als du zuerst zu dem Meister ins Haus kamst, da fiel mir's selber erst ein, daß du mir damals sehr gefallen hattest. Ich hatte wahrhaftig in der ganzen Zeit nicht mehr daran gedacht, ob du überhaupt hübsch oder häßlich seiest. Du warst meine kleine Mama, und damit gut. Nun muß ich selber sagen: der Peter Lars, ob ich ihn auch sonst nicht leiden mag, darin hat er Recht.

Daß ich hübsch gewesen bin? Schönen Dank!

Nein, sagte er errötend, so mußt du's nicht aufnehmen. Ich meine, du hast ein Gesicht, das sich in einem halben Menschenleben nicht gar viel ändern kann.

Wohl! erwiederte sie ruhig. Ein Gesicht, das nie jung gewesen, kann auch nicht viel altern, bis einmal die Haare weiß werden.

Eine Stille folgte auf diese Worte; auch das summende Flämmchen unter dem Theekessel erlosch plötzlich. Nach einer Weile sagte das Mädchen:

Ich thue mir Unrecht. Ich bin so gut jung gewesen, wie die Glücklichsten und Leichtsinnigsten. Daß es so früh damit aus war, ist nicht meine Schuld.

Er schwieg und horchte mit verhaltenem Athem. Er konnte, da sein Haupt noch immer in ihrem Schooße lag, deutlich spüren, daß in der Erinnerung an alte Zeit ihre Glieder ein Zittern durchrieselte, von dem sie selber sich kaum Rechenschaft gab.

Wessen Schuld war es? fragte er endlich leise, die Augen starr nach der Zimmerdecke gerichtet, wo über dem Cylinder der kleinen Lampe ein leuchtender Ring schwebte.

Es ist zwar keine lange Geschichte, erwiederte sie, aber weder hübsch noch neu; warum soll ich sie dir also erzählen? Freilich, wenn du meine Tochter wärst, statt mein Sohn zu sein, so hätt' ich dich nicht neunzehn Jahr alt werden lassen, ohne sie dir zu erzählen. Es hätte dir am Ende auch nichts geholfen, aber ich hätte doch damit meine Mutterpflicht erfüllt. Jetzt, da du auch ein Mann bist, was soll ich dir erst lange sagen, daß ihr Männer ein habsüchtiges Geschlecht seid? Weißt du's noch nicht, so wirst du's über kurz oder lang an dir selber erleben.

Habsüchtig? Meine kleine Mama kennt mich wohl besser.

Sie legte ihm die beiden gefalteten Hände sacht über die Stirn. Du hast Recht, mein Junge, sagte sie bewegt. Wenn du wärst, wie die Andern, hätt' ich mir nicht elf ganze Jahre lang die Mühe gegeben, dir aus den Kinderschuhen herauszuhelfen. Du wirst auch nie werden, wie die Meisten sind. Kannst du dir auch nur vorstellen, wie ein Mann einem Mädchen die Treue bricht, weil sie ihm erklärt, daß sie keinen anderen Reichthum habe, als ihre siebzehn Jahre und einen guten Namen und ihre rothen Wangen?

Unwillkürlich fuhr er von seinem Sitz empor; er sagte aber nichts, sondern ging nur ein paar Mal durchs Zimmer und warf sich dann wieder vor ihrem Sessel nieder. Laß mich Alles wissen, sagte er.

Was ist noch weiter zu wissen nöthig? sprach sie ernst. Was liegt an Namen und Ort und Stunde? Ich denke selbst nicht mehr daran, nur daß es mich plötzlich alt gemacht hat, das kann ich freilich nicht vergessen, das sagt mir der Spiegel jeden Tag.

Er sagt dir nicht die Wahrheit, warf der Jüngling ein. Ich habe dich wohl beobachtet: wenn du mit dir allein bist oder Jemand ansiehst, den du nicht magst, kannst du wohl so böse, menschenfeindliche Augen machen, daß man sich fürchtet. Aber mit mir, oder wenn du heiter bist und gar einmal lachst, da kommt mir's vor, als ob alle Mädchen in der Stadt nicht so jung und hübsch wären, wie meine kleine Mama.

Sie schlug ihn leicht auf den Mund. Wir sind nicht mehr in der Tanzstunde, sagte sie, wo es angebracht ist, galante Reden zu führen. Uebrigens versteh' ich wohl deine gute Absicht, mich über alte Geschichten zu trösten. Das habe ich nicht nöthig, mein Junge. Daß ich dieses »Glück« verscherzt, darüber bin ich längst ruhig und dankbar gegen meinen Schöpfer. Denn wirst du es glauben? Wenige Monate, nachdem Alles aus war zwischen uns und er sich inzwischen um eine Reichere beworben hatte, war der Zufall schadenfroh genug, durch eine Erbschaft, an die Niemand gedacht hatte, mich und meine ältere Schwester plötzlich zu guten Partieen zu machen. Die arme Rosa, die häßlich war und sich längst alle Heiratsgedanken aus dem Sinn geschlagen hatte, wurde durch die unverhoffte Vergoldung ein sehr reizendes Geschöpf. Sogar ein Künstler war unter ihren Bewerbern und schätzte sich glücklich, als sie ihm den Vorzug gab. Ich hatte nun ebenfalls die Wahl, aber sie machte mir wenig Kopfbrechens oder Herzweh. Nur als jener Mann, den ich wirklich geliebt hatte, sich plötzlich wieder zu mir zurückwendete und die Stirn hatte, von einer Verirrung seines Herzens zu reden, da stieg mir der Ekel auf die Zunge, und seit jener Zeit ist ein bitterer Nachgeschmack geblieben, den ich immer verspüre, sobald von den Tugenden der Männer die Rede ist. Sie haben inzwischen dafür gesorgt, daß ich nicht eben besser von ihnen denken lernte. Meine eigene Schwester –

Sie hielt inne und ihre Augenbrauen zogen sich finster zusammen.

Hat sie ein schlechtes Leben gehabt hier im Haus? fragte er schüchtern. Ich habe sie ja erst gesehen, als sie das Bett schon nicht mehr verließ. Da war der Meister doch immer gut zu ihr. Sie hatte freilich so einen traurigen Blick, daß sie mich von Herzen dauerte, obwohl sie nie ein gutes Wort an mich wandte und ich ihr zuletzt, seitdem du ins Haus kamst, nicht mehr ins Zimmer durfte. Ich habe mir oft Gedanken gemacht, weßhalb sie mir so unfreundlich war. Ich war freilich eine Last im Hause zu Anfang, da mich der Meister als ein Waisenkind zu sich nahm, und es mag ihr auch weh gethan haben, mich zu sehen und lieb haben zu sollen, während sie selbst keine Kinder hatte. Aber ich habe mich doch bald bei der Arbeit nützlich gemacht und mehr geschafft, als ihrer Zwei von den gewöhnlichen Lehrburschen. Warum wandte sie nur immer die Augen weg, sobald ich zur Thür hereintrat, wie ängstliche Leute, wenn eine unschuldige Blindschleiche oder Maus ihnen über den Weg kommt? Weißt du's, kleine Mama?

Denke nicht weiter daran, erwiederte das Mädchen. Sie war unglücklich und hatte keine Freude, das ist Alles. Sie, in der That, sie ist niemals jung gewesen; sie war schon als kleines Mädchen nur selten einmal von Herzen fröhlich, während ich es an Uebermuth und Lachlust mit Jeder aufnahm. In meiner Heimath, wo die Mutter mit uns lebte, ging es auch anders zu, als in diesem steifen, aufgeputzten, armseligen Nest, das nicht Dorf und nicht große Stadt ist, wo Jeder vor Allem seine Würde wahren will und sollte er vor langer Weile darüber aus der Haut fahren. Wenn ich von deiner lahmen Tanzstunde höre, mein Junge, oder von den Bällen, die hier so einen trübseligen Winter nicht besser verherrlichen, als die paar Oellaternen die Straßen erleuchten, da kommt mir's wahrhaftig vor, als sei ich statt neunundzwanzig schon neunundneunzig Jahre alt und dächte an Zeiten zurück, in denen die ganze Menschheit noch wie im Paradiese lebte.

Hast du viel getanzt? fragte er.

Ich tanzte wie die Wasserjungfern eigentlich den ganzen Tag. So ich ging und stand, hatte ich den Dreivierteltakt oder die schönen Contretänze in den Fußspitzen, und so tanzte ich, wenn ich das Spinnrad drehte, oder in der Küche das Feuer singen hörte, oder meinem Mütterchen, die ihre Arme nicht mehr gut heben konnte, den Zopf flechten mußte. Ja es ist mir begegnet am Sonntag, während ich aus dem Gesangbuch eifrig mitsang, den Ländlertakt mit den Füßen dabei anzugeben, daß ich mich hernach der Sünde schämte, als ich es selber inne ward. Es war wie eine Krankheit in mir. Aber es dauerte kaum zwei Winter. Von der Stunde an, wo ich klar darüber wurde, daß ich an einen Herzlosen mein Herz gehängt hatte, hatt' ich Blei in den Schuhen; keinen Tritt hab' ich mehr in einen Tanzsaal gethan, und wenn ich in der Kirche saß und sang, war ich auch oft mit meinen Gedanken weit weg, aber nicht mehr wo es lustiger war, sondern noch stiller, noch über- oder unterirdischer, als in unserem alten Dom.

Sie schwiegen wieder und hörten draußen den Wächterruf, und die Turmuhr schlug Mitternacht.

Nun fangen die Gespenster an zu tanzen, sagte er halb lachend, halb abergläubisch überschauert. Wie wär's, kleine Mama, wenn wir's auch noch einmal versuchten? Ich weiß nicht, wie es kommt, aber es verlangt mich plötzlich über die Maßen, dich tanzen zu sehen. Der Meister ist noch im »Stern«, sonnabends kommt er ja vor Ein Uhr niemals nach Hause, da können wir hier oben unser Wesen treiben, ohne daß Jemand danach fragt. Höchstens fällt uns der alte Kasten überm Kopf zusammen und wir gehen tanzend in die bessere Welt hinüber. Was sagst du dazu, kleine Mama?

Er war aufgesprungen, hatte sich die Haare zurückgestrichen und trat nun mit komischen Geberden, als ob er die Handschuhe erst noch zuknöpfe und die Halsbinde zurecht zupfe, vor sie hin.

Possen! sagte sie. Was in aller Welt ficht den Jungen heute an? Er singt, er verliebt sich, er fordert um Mitternacht seine eigene ehrwürdige Erzieherin zum Tanzen auf! Kommt es dahin, wenn Söhne verzogen werden und ihren Müttern über den Kopf wachsen?

Sie irren, mein verehrtes Fräulein, sagte er mit devoter Miene. Vielmehr haben Sie als die Hüterin meiner unberathenen Jugend die ernste Pflicht, sich selbst zu überzeugen, ob ich auch wirklich Fortschritte in allem Guten mache, und auch in den freien Künsten, die mir von Natur etwas schwer fallen, nicht gar zu weit zurückbleibe. Mein Tanzkursus ist beendigt. Es wäre wohl in der Ordnung, eine kleine Prüfung mit mir anzustellen.

Sie schlug die Augen ernst zu ihm auf, mit einem Ausdruck, der seine muthwillige Laune sofort herabstimmte. – Es wäre nun wohl Zeit, dem Scherz ein Ende zu machen, sagte sie fast mit einem scharfen Tone. Ich würde dir Gutenacht sagen, wenn ich nicht sähe, daß du an Schlaf so bald noch nicht denken wirst. Hole nun doch das Buch. Wenn du heut auch nicht viel lernst, so vergissest du doch vielleicht deine Kindereien und das ist auch schon Gewinn.

Er seufzte und ging nach dem Schrank, auf dem eine schmale Bücherreihe aufgepflanzt war. Zur Veränderung muß ich wohl einmal gehorchen, sagte er kopfschüttelnd, aber wenn ich auch in Zukunft von Friedrich Barbarossa nicht mehr weiß, als daß er einen rothen Bart gehabt hat, so ist es deine Schuld.

Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen, sagte sie, wieder in den scherzenden Ton einlenkend. Laß die Weltgeschichte stehen und setze dich hierher; ich will dir was von den Göttern und Helden vorlesen und, wenn du hübsch aufpassest, zur Belohnung dich Bilder besehen lassen.

Damit nahm sie das kleine blaue Buch wieder in die Hand, in dem sie vorhin geblättert hatte. – Ich fand es erst gestern, sagte sie, unter altem Hausrath auf dem Boden; es heißt »Götterlehre«, ein gewisser Moritz hat es verfaßt und es ist noch aus dem vorigen Jahrhundert; dafür sind aber auch schöne Verse von Goethe drin. Komm, ich wette, es wird dir gefallen.

Nun fing sie an zu lesen, während er wieder auf dem Schemel zu ihren Füßen Platz genommen hatte. Sie hatte eine klare bescheidene Stimme, die, wenn sie in Affekt kam, zu einem ergreifend klangvollen Alt herabsank. Als sie die ersten Blätter gelesen hatte und nun mit steigender Wärme die Worte zu recitiren begann:

Welcher Unsterblichen

Soll der höchste Preis sein?

wurde ihr Sprechen fast zu Gesang. Sie las das Gedicht langsam zu Ende, dann ließ sie das Buch sinken. Wie gefällt es dir? fragte sie.

Er antwortete nicht. Die Augen, die er erst träumerisch in jenen blauen Lichtring an der Decke versenkt hatte, waren nach und nach zugefallen. Sein Kopf ruhte auf ihren Knieen. Er athmete leise und lächelte im Schlaf. Ob er an den letzten Walzer denkt? sagte sie vor sich hin. Sie betrachtete sinnend seine heitere Stirn und die rothen Lippen, um die eben ein blonder Flaum gesprossen war. Die Formen dieses blühenden Gesichts waren nichts weniger als regelmäßig; aber ein geistiger Reiz, ein gewisser adliger Humor verklärte sie auch im Schlaf. Diese Lippen hatten nie über einen niedrigen Scherz gelacht.

Lange hatte das Mädchen so gesessen und auf die klare Stirn niedergeblickt; dann lehnte auch sie sich in ihren Sessel zurück, und ermüdet von allen Gedanken, die in der tiefen Stille an ihr vorübergejagt waren, schloß sie die Augen und überließ sich einem leichten traumhaften Schlaf. Eine Stunde verging, durch das Fenster, vom Winde aufgestoßen, drang die feuchte Nachtluft, und ihr Wehen verlöschte das Lämpchen, das sein Oel fast verzehrt hatte.

Da kam ein mühsamer Schritt die Treppe herauf; das Geräusch drang in ihren Traum, aber die Dunkelheit umher ließ sie nicht völlig erwachen. Jetzt wurde die Thür geöffnet, und der scharfe Strahl aus einer kleinen Handlaterne traf ihr Gesicht. Erschrocken fuhr sie auf. Ihr seid's, Meister? sagte sie, sich hastig über die Augen fahrend.

In der Thüre stand eine hohe, wundersame Gestalt, ein Mann in den Fünfzigen, einen faltigen, mit Pelz besetzten Rock über eine verschossene rothe Sammetweste geknöpft, auf die lockigen, schon angegrauten Haare eine barettartige Mütze gestülpt, die tief über die starkgeröthete Stirn herabhing. Der eine Fuß steckte in einem derben Stiefel, das andere Bein, unförmlich mit Tüchern umwickelt, in einem großen Filzschuh. Obwohl aber der Gang des Mannes ungleich war und sein übriger Aufzug unordentlich und altmodisch, war die ganze Erscheinung doch danach angetan, alle Lachlust einzuschüchtern, und der Blick, den er jetzt aus finsteren schwarzen Augen auf die Gruppe der jungen Leute warf, machte selbst das unerschrockene Mädchen zusammenfahren.

Was soll das heißen? sagte er, indem er eintrat und die Laterne auf den Tisch stellte. Was habt ihr so spät noch hier zu schaffen? Schläft der Junge, oder wird nur Komödie gespielt?

Ich verstehe Euch nicht, sagte sie, und ein stolzes Erröthen überflog ihr Gesicht. Ihr seht, daß er schläft. Wir haben gelesen, er ist drüber eingeschlafen, ich auch.

Und die Lampe? fragte er barsch. Warum wurde das Fenster plötzlich dunkel, als ich unten an der Hausthür ankam? Hat man mich glauben machen wollen, daß längst Alles in den Betten sei?

Sie bückte sich zu dem Jüngling nieder und faßte ihn lebhaft an der Schulter. Steh auf, Walter, sagte sie; der Meister ist da, und ich will in mein Zimmer, denn ich wünsche nicht die Reden länger mitanzuhören, die er im Rausch –

Wer sagt, daß der Wein aus mir spricht? rief der Alte mit so heftiger Stimme, daß der Schläfer jählings auffuhr und mit scheuer Geberde dastand. Geh schlafen, Walter, fuhr er gemäßigter fort. Es geht auf zwei Uhr. Ich dulde das nicht länger, daß hier bis in die Nacht hinein –

Sein Blick begegnete dem des Mädchens, das all ihre Fassung wieder gewonnen hatte. Schon gut, brummte er. Es muß ein Ende werden, so oder so. – Dann: Morgen Vormittag hab' ich mit dir zu reden, Schwägerin. Ich werde vor Mittag nicht aufstehen können, die Schmerzen zucken mir schon wieder durch alle Gelenke und das Bein ist schwer wie ein Stein. Ich erwarte dich auf meinem Zimmer, Helene. Gute Nacht!

Er zündete ein Licht an, nahm die Laterne wieder in die Hand und hinkte die Treppe hinunter in sein Schlafgemach.

Die Beiden droben sprachen kein Wort mehr mit einander. Der Jüngling ergriff nur ihre Hand und drückte sie herzlich, indem er ihr mit einer halb betrübten, halb verschlafenen Miene zunickte. Dann ging er auf die Bodenkammer, wo Peter Lars, der Obergeselle, schon lange schlief. Er warf eilig die Kleider ab, horchte noch einmal hinaus, wie die Katzen über das alte Schindeldach liefen, und besann sich dann erst, daß er Lottchens rothe Schleife bei den übrigen gelassen hatte, statt sie unters Kopfkissen zu stecken. Er lachte mitten im Einschlafen vor sich hin. Sie hat Recht, sagte er bei sich selbst. Es ist doch wohl noch nicht die richtige erste Liebe.

*

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.