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Die kleine Goethemutter

Helene Böhlau: Die kleine Goethemutter - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie kleine Goethemutter
authorHelene Böhlau
year1928
firstpub1928
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin/Leipzig
titleDie kleine Goethemutter
pages212
created20140327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel

Alles drängt ein, Leben gestaltend

Der Junge, der die Elster unter den Bürgern hatte umherspazieren lassen, begegnete Beth und ihrer Schwester, als diese auf dem Heimweg von der Schule waren und durch die Sandgaß gingen.

»Ei, da seid ihr ja, ihr Halgäns!«

»Ei freilich, sei auch noch frech, Grinsebock. So 'n Bild angucke und lache! Ei, schäm dich!« Die tüchtige Johanne zog vorwärts, wollte mit dem Jungen nichts zu tun haben.

Der Junge wußte nicht recht, um was es sich handelte. Johanne rief:

»Drum ebe glotz uns nit so borniert an. Wir wolle dir nur unter die Füß gebe, daß wir dich gar nit mögen.«

»So, ihr Stolze? Mir kann's gleich sei. Ich geh und guck, wie sie den Andres zum Verhör führe, der sein Vatter nit verrate will – scho zweimal nit! Das macht mal ihr! Ihr – ihr Gäns – wenn ihr's könnt!« Da streckt er ihnen die Zunge heraus.

»Bankerts ihr!«

Das überhörten beide ganz gleichmütig, und Johanne frug: »Wo gehst dann als hin?«

»So geht doch emal mit.«

101 »Wer tut sein Vatter nit verrate?«

»Der Andres. Ihr wohl nit?«

»Wer is der Andres?«

»So geht doch emal mit, daß ihr auch was zu gucke kriegt – und was lernt.«

»Du glaubst,« sagte Johanne, »wir täten unsern Vatter verrate? – Du?«

»Ja, wenn er was angestellt hätt, wohl, feig, wie ihr seid.«

»Er stellt aber nichts an!«

»Wär er arm, dät er sicher was anstelle.«

»Nie!« rief Beth.

Da grinste der Junge grad so frech wie vor dem tanzenden Tod.

»Ihr werd's wisse! – Den Andres sein Tagsgedanke und nachts sei Traum is: daß niemand weiß, worin sein Vatter auch die Hand im Teig mitgehabt hat – da könne sie spitze –, und ob und wo er Rädleinsführer war. Jetzt überleg's, lieber Herr Gevatter, ob ihr den Andres bratet oder spießt. Der is euch über und mein Schulkamerad!«

Das alles gefiel den beiden sehr, war ganz nach ihrem Geschmack.

»Könnt ihr vielleicht blase wie er? – Was könnt denn ihr? Nix könnt ihr! Vielleicht Klarinett, Flagelott und Flöte spiele?«

Das konnten sie nicht.

102 Aber sie wollten den Andres sehen, wie er zum Verhör geführt wurde.

»Da lauft nur. Das Zuchthaus is nit gleich um die Eck.«

Und nun liefen sie, hast du nicht gesehen, wirst du sehen, und sie kamen an das dunkle, düstere Haus, aus dem Herr Schaket seinen Schneider, seinen Schuster, Tischler, Ofensetzer, kurz alle Spitzbuben bezog, die etwas, was seiner Person und seinem Hause gedieh, zu basteln verstanden und die dann mit ihrem Wärter zu Madam Schakets Verdruß im Hause ihr Wesen trieben und oft mehr verdarben und Schaden brachten, als es recht und billig war.

Der Junge zog die Klingel an dem breiten, dunklen Tor. Es stand schon allerlei Volks vor dem Hause, denn es handelte sich darum, den Anführer einer Diebsbande, die in der Freien Reichsstadt und ihrer Umgegend viel Unheil gestiftet hatte, zu ermitteln. Sie hatten schon manchen der Bande hinter Schloß und Riegel und auch den sehr verdächtigen Vater des Andres mitsamt dem Andres, der heute seines Vaters wegen vernommen werden sollte, wie schon zweimal ohne Erfolg.

Da standen Neugierige und Beschädigte aus Stadt und Land und warteten auf den Schlingel, der endlich Licht in die Angelegenheit bringen sollte, unter der sie schon viel gelitten und Angst ausgestanden hatten und die durch die Verstocktheit des Burschen nicht zur Klarheit kommen sollte.

103 Die beiden Mädchen hatten sich mit ihrem Begleiter gehörig durchdrängen müssen, bis der Junge die Klingel ziehen konnte. Der Torwart war sein Verwandter. Das hatte er ihnen schon mitgeteilt. Die Gnaden, die der Junge auszuteilen hatte, waren mitten im atemlosen Lauf auf die beiden herabgeregnet und hatten sie mächtig erfrischt und belebt. Da waren sie wieder einmal zur rechten Stunde gekommen. Sie erfuhren auch im Trab, daß der Junge Kreischhuhn Jaköbche hieß.

Wie ein Schauer durchrann sie der Name, aus einer uralten Geschichte schien er zu kommen.

Jetzt traten sie durch zwei Doppeltore in den Hof ein, in den das Schicksal selbst sie geführt hatte, denn wunderlich war's, daß sie dem Jungen wieder gerade jetzt begegnet waren.

Wie eine drohende dunkle Gewitterwolkenwand, in die sie hineingingen, kam Beth dieser Hof vor. Schwer lag's ihr auf dem Herzen. Als die Tore sich wieder schlossen, drückte sie's im Hals, als wenn sie weinen müßte. Sie wußte nicht, welch ein Meer von Leid, Angst, Not, Hilflosigkeit und Todestraurigkeit hier wogte, in das ein jeder versank, der hier eintrat. All dies uralte Leid wollte auch zu ihr hinein.

In diesem düsteren ummauerten Hof, in den traurige, öde vergitterte Fenster blickten, ging allerlei vor und bewegten sich Gestalten wie Schatten.

104 Da sahen die beiden Mädchen wie im Traum auch einen langen Zug Waisenkinder stehen, die Mädchen in ihren schwarzen Röcken und weißen Hauben, die Jungen in braunen Kniehosen, dicken Strümpfen, braunen Jacken, die langen Haare mit runden Kämmen aus der Stirne gekämmt in einem Beutel im Nacken hängen.

Sie standen alle stumm und steif, der Waisenhausvater sie mächtig überragend auf einen hohen Krückenstock gelehnt, der ihm das Kinn stützte.

So waren sie um eine wunderliche Art Gerüst aufmarschiert, eine Art festen Stuhl aus Balken und Eisenwerk, in den man soeben einen Sträfling einspannte. Hals, Arme, Hände und Füße wurden auf das sinnreichste bewegungslos gemacht, der hintere Teil seiner Person aber freigelegt, um wehr- und hilflos Prügel zu empfangen, die er auch auf das feierlichste und getreulichste von einem derben Kerl bald danach erhielt. Die Schmerzensschreie und das Stöhnen waren eine Dreingabe des Delinquenten, um die sich niemand von den Personen, die im Hofe ab und zu gingen, kümmerte. Die Waisenkinder aber hatten etwas zu murmeln, was zu der Exekution zu gehören schien und was also lautete:

Wir Waisenkinder groß und klein
Stehn hier und sollen voll Andacht sein.
Was hier dem bösen Schelm geschiecht,
Ist ein gerecht und gut Gericht. 105

Das wird uns allen so geschehn,
Sowie wir böse Wege gehn.
Der Hohe Rat der schönen Stadt
Dies also so verordnet hat.

Wir sollen sehn des Schlimmen Pein,
Wir dürfen ihn hören beten und schrein,
Damit uns solches nit geschiecht
Und wir in Sünden fallen nicht.

Darauf sprach der Waisenvater noch ein langes Gebet. Dazwischen sausten die Hiebe des derben Kerls, und wie Messer schnitten die Schreie des Bearbeiteten. Die beiden Kinder drückten sich eng aneinander und bebten – wo waren sie hingeraten! Der junge Kreischhuhn Jakob machte ihnen von neuem Furcht und Grauen, wie er auch jetzt wieder breitbeinig dastand und wohlgefällig grinste.

»Das hab ich auch als oft mitgemacht, Herr Gevatter,« nickte er wie vor sich hin. »Da, wo sich Laus und Floh gut Nacht sage, im Waisenhaus, gibt's allweil was; aber sie sollen nur nit meine, daß wir uns da fürchte däte. Des war so was für euch Halgäns,« lachte er. »Aber nun paßt auf! Jetzt bringe se den Andres – das is einer – Hut ab! Den zwinge se nit.«

Ja, und da brachten zwei mächtige Männer mit starkem Zopf und den Dreispitz auf, in weißen Lederkniehosen und 106 grünem Frack, zwei Stadtsoldaten ein zierliches Bürschchen dahergezogen, das sich gewaltig stemmte, schnickte und zappelte, so daß die großen Kerle nicht wußten, wie sie den Irrwisch festhalten sollten. Er entwand sich ihnen kraft seiner Behendigkeit und Zappeligkeit wie ein Aal, den sie auch nicht hätten packen können. Kreischhuhn Jakob jauchzte vor Vergnügen, schlug sich auf die kurzen Schenkel und blinzte dem Andres zu. Ein Leben war in dem Burschen, als wollte er in die Luft fliegen.

Die Mädchen fürchteten ihn so noch mehr und schämten sich seiner.

Die Stadtsoldaten kämpften unentwegt mit ihrem kleinen Sünder und Zeugen, der gegen seinen Vater nicht aussagen wollte, überhaupt nicht wollte, was sie wollten.

»Auf die Straß geh i halt nit mit euch,« schrie er unentwegt. »Mit so Schandkerln! Mit so Schandkerln – und sagen tu ich ehnder nix – und weiß auch nix! So zerre laß ich mich nit!«

So kämpften und zogen sie ihn hin und her, bis einer von den Riesen auf den Gedanken kam, das Bürschchen zu tragen. Da hatte er einen Wirbel in den Armen, der um sich biß und trat, der eine Unzahl von Armen und Beinen zu haben schien und um sich wetterte.

»So könne mer 'n nit schleppe! Das wär lächerlich!«

Da sagte das Bürschchen: »Gebt mir als mei Flöten, daß ich zu mir selbst komm – dann geh ich in Gotts 107 Namen, sonst aber gibt's nix; wo nix ist, hat der Kaiser das Recht verlore.«

»Das wird sich finde,« meinte der Soldat, »geh und hol ihm sei Flöt.«

Da machte sich der eine Soldat auf und brachte sie ihm, die sie ihm bei der Gefangennahme wohl abgenommen hatten. Er nahm sie ganz gelassen, tat einen tiefen Seufzer. Beth und die Schwester sahen, wie ihm Tränen über die dünnen Wangen liefen. Nun setzte er die Flöte an die Lippen – und ein liebliches Hirtenlied erklang süß und leicht in dem düsteren Gefängnishof, in dem sich alles Leid für Beths Herz zu einer dunklen Wolkenwand geballt hatte.

Und nun ging der Junge zwischen seinen zwei Stadtsoldaten und noch mancherlei Begleitung, seine Flöte blasend, fein und leicht durch die breiten dunklen Tore, hinaus zu den wartenden Neugierigen und Erbosten, und spielte seine Wald- und Sehnsuchtslieder so einzig schön und süß, daß aller Herzen ihm zuflogen. Und die Bestohlenen, die gekommen waren, den verstockten Jungen auf dem langen Weg, den er bis zu seinem Verhör gehen mußte, zu schelten und zu verhöhnen, wie sie es schon das letztemal getan, als er vorgeführt wurde, liefen ihm jetzt nach, ganz hingerissen von seinem lieblichen Blasen.

Beth und ihre Schwester gehörten nicht zu den letzten, die dem Flötenjungen nachrannten, aber vor ihm her tanzte 108 und sprang Kreischhuhn, der Junge. Man sah ihm einen gewaltigen Stolz an.

»No – nu wird's Nacht!« sagte er, als die zarten Töne verklungen waren und ein großes ernsthaftes Haus die beiden Stadtsoldaten und somit den weltvergessenen Jungen eingeschluckt hatte. Kreischhuhn Jakob fand sich wieder bei seinen beiden Schützlingen ein. Die bestohlenen und neugierigen Leute jubelten dem Burschen nach, der sich auf dem schweren Weg so lieblich getröstet hatte.

»Seht er's, allert muß eins sei! kein Duckmäuser nit, Tod und Teufel auslache, fröhlich blase, dann kann er König und Kaiser wern! – Kann sein, daß ich, wenn er frei wird – und das wird er bald, sein Vatter auch –, euch zu ihm bring. Wenn ich wüßt, wie mer enein könnt komme, dät ich's jetzt, aber da fehlt's, da fehlt's weit.«

Die Mädchen waren ganz verwirrt von allem, was sie gesehen und gehört. Johanne hielt sich am Rock der Beth fest, die wie in ein wundersames Märchen schaute, in das sie geraten waren.

Sie gingen ganz still und müde nach Hause. Johanne zu den Kindern, Beth in den Garten. Die wußte den Vater dort. Ja, und da war er auch wieder am Pfirsichspalier und legte in den Korb auf das weiße Tuch die letzten Früchte. Heut jubelte Beth nicht: Potz Schimper – potz Schemper! sondern kam langsam gegangen und schlang den Arm um den Hals des knienden Vaters. Er spürte Tränen an seiner 109 Wange und hielt das Kind fest umfangen, und wunderlich, er frug nicht, weshalb sie weine, aber Beth war es, als wenn der Vater sie ganz verstände und alles wüßte – doch verstand sie sich selbst nicht.

Als sie so eine Weile miteinander vor den duftenden Früchten gehockt hatten, begann der Vater ganz leise und streichelte die still weinende Beth über das Haar. »Denk dir, mir träumte einmal, auf meinem Tisch stände ein schöner Kelch, gefüllt mit Wein. Und ich nahm ihn und trank daraus einen so köstlichen Wein, wie ich ihn noch nie getrunken hatte und wie es wohl auch auf Erden keinen Wein geben mag.

Da war mit einemmal der Becher nit mehr da – und denke dir – du standest vor mir und sagtest, wie du immer sprichst:

›Vater, ich war der Becher.‹

Da wachte ich auf und hab den Traum nicht vergessen, so schön war er.«

Die Beth drückte sich ganz beschämt und in einem wundersamen Gefühl fest an den Vater. Der Vater wußte so merkwürdige Dinge, und sie hatte oft eine ehrfürchtige Scheu vor ihm und immer eine große Liebe.

Dann gab er ihr einen Pfirsich und suchte den allerschönsten heraus – und Beth dankte ihm, wie sie noch nie gedankt hatte, denn ihr war gar feierlich zumute, und sie wußte nicht recht, sollte sie in den Pfirsich beißen oder nicht; 110 sie tat es doch und sagte, weil sie dem Vater zeigen wollte, wie lieb sie ihn hatte: »Grad so herrlich wie der Wein schmeckt deine Pfirsich – auch wie gar keine Pfirsich auf der Erde.«

Das war süße, fast überirdische Herzensfreundlichkeit, wie nur Kinder sie hin und wieder haben in Stimme und Gebärde. 111

 

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