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Die kleine Goethemutter

Helene Böhlau: Die kleine Goethemutter - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie kleine Goethemutter
authorHelene Böhlau
year1928
firstpub1928
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin/Leipzig
titleDie kleine Goethemutter
pages212
created20140327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel

Die beiden Wöchner. – Madam Schaket im Amt. – Wie Madam Schaket ein Herz gewinnt. – Dumme Geschichten von Ziegen und Hühnern und stillen Seligkeiten, die einst Wichtigkeit als Mitgestalter von Kräften bekommen. – Auch ein schwachsinniger Bursche drängt ein und will Bedeutung gewinnen

Ein junges Weib liegt ängstlich harrend in einer ebenerdigen Stube, deren Fenster hinaus in einen kleinen Garten gehen, nahe beim Gallentor.

Sie liegt in ihrem breiten Bett, das mitten im Zimmer steht. Am Fenster ranken sich Rosen empor, die noch einige Rosen tragen. Der kleine Garten steht in Herbstblumenpracht.

Die Fenster sind geschlossen. Die Züge der jungen Frau gespannt. In den Augen banges Erwarten. Die Hände, über der Brust gefaltet, zucken erschrocken schmerzvoll auf. In den Augen liegt, trotz dieser Bangigkeit, eine Verklärung, die stärker ist wie jene Schmerzensschauer, die über die helle Stirne gehen und sie kräuseln wie Windstöße einen See.

Das Martyrium einer Menschwerdung liegt über ihr. Einem Unbegreiflichen treibt sie zu – auf das sie sich seit langen Monden in geheimnisvoller Erwartung hat 81 vorbereiten können, das aber nun unerbittlich vor ihr steht wie der Tod, den wir immer wissen – und zugleich nicht wissen, bis er uns den gewohnten Weg der Erdenewigkeit vertritt und halt ruft – ein Halt, das für jeden ein Weltuntergang ist mit allen Schrecken und Grausen und für etliche ein Weltenaufgang ungeheurer Art.

So auch für das Mutterwesen, dem die Stunde der Geburt nahekommt, die ihre Geheimnisse, ihre Schrecken und Qualen, auch ihr Erwachen hat.

Die Türe zu der ebenerdigen Stube tut sich leise und behutsam auf, und hereinschleicht zaghaft auf das Ehebett zu der kleine Mann, den die Beth als Wöchner angemeldet hatte.

Die junge Frau sieht auf ihn mit weltfernem Blick.

»Die Schaket kommt gleich,« sagt er und schaut bänglich und unsicher auf die Frau, die mächtigen Gewalten anheimgegeben ist, die ihn von ihr trennen.

Zwischen ihnen beiden liegt es wie ein dunkler Abgrund.

»Sie kommt gleich,« sagt er noch einmal und sieht, wie der Windstoß über den See geht und ihn kräuselt, und dieser Windstoß kündet Sturm, der kommen wird.

»Wie ist's dir?« frägt der kleine, unscheinbare Mann, der gar nichts anderes sein kann als ein Schreiber bei irgendeiner Amtsperson.

Da spielt ein zartes Lächeln um ihre Lippen, und sie winkt ihn an ihre Seite; da kniet er nieder, legt seinen Kopf 82 auf die Bettdecke, und ihre Hand spielt leicht in seinem Haar. Sie will den Puder nicht verstäuben, die Flügellöckchen, die ihr Stolz sind, nicht drücken; da spürt er in der zarten Bewegung eine unheimliche Erschütterung, ein Beben aus innersten, gewaltsamen Lebensmächten heraus.

Er spürt Geburt und Tod – Menschenlos – und erschauert.

So bleiben sie beieinander – wortlos. Er drückt seinen Kopf immer fester in die Kissen. Ihre Hand liegt still, sie will ihn nicht erschrecken. Sie hat seinen Schreck gespürt, als das neue Leben in gewaltigem Drängen, wühlend sich Bahn brechen will, ihren zarten Leib reißt und ängstet.

Die Liebesnächte, die er in dem heimeligen Stübchen, in das die Rosen zum Fenster hineinnicken, gefeiert und genossen hatte mit der lieblichen Frau, tauchen rätselhaft auf wie Unheil. In seinem kärglichen Leben waren königliche Stunden gewesen, in denen er sich reich, glückselig gefunden hatte, erlöst von Armut und Druck – Herr seines Daseins, geliebt, überschüttet von Glück – er selbst in ursprünglicher Menschenherrlichkeit.

Gespensterhaft sah ihn das jetzt an. Der bebende, gemarterte Leib, den er fühlte, die kleine Hand, die sich zusammennahm, ihn nicht zu schrecken – und was noch alles sich ereignen würde im Laufe der Stunden. – Welche Kehrseite seiner Glückseligkeiten.

Die Türe tut sich wieder leise auf.

83 Katharinche Schaket tritt ein, sieht die beiden Gestalten, die wie gescheuchte Tiere in ihrer Not und Angst sich aneinander verkrochen hatten. Sie sieht auch, wer der größte Hasenfuß ist, sieht die schützende kleine Hand auf der Frisur des Mannes mütterlich liegen – Schutz und Ruhe bringend.

Ein richtig Weib, dachte Madam Schaket, und ein richtiger Wöchner, wie sich's gehört. Und sie tippte ihm auf die Schulter, da er ihr Eintreten nicht bemerkt hatte.

»No, Herr Söhnlein, wie meint Er wohl, daß all die Leut, die auf der Straß als laufe, zustanne gekomme sin? Gerad so, wie jetzt wieder einer daherkommt. Auf die Äppelbäum sein se nit gewachse.

Hat Herr Söhnlein das Kind zu kriege? frag ich. Denk ich mir fast die Madam, so ist's im allgemeinen der Brauch.

Und wer hat da zu tröste und zu helfe – die Madam wohl?

Und wer liegt im Kindsbett? – Der Wöchner – und die Madam nur so nebebei – zum Trost und zur Gesellschaft!

Geh Er jetzt, Herr Söhnlein, und laß Er uns mache! Wir sind nit so wehleidig. Wir wissen scho, die ewige Seligkeit und ein Kindche, das will erkauft sei. Wäsch mir den Pelz und mach mir ihn nit naß. Ihm sag ich: die ewige Seligkeit und das Kindche will errunge sein; das ist die Faulheit im Menschen, die das nit will.

84 Nun geh Er – und bring Er warm Wasser, daß ich die Händ mir nochmals wasch.

Habt ihr noch wen im Haus, der zuspringe kann?«

»Den Bruder der Frau,« sagt Herr Söhnlein.

»Noch ein Mannsbild? Da sei Gott vor!« Katharine lachte. »Noch ein Furchthas, der sein Kamilletee darzu ausschwitzt.«

»In der Küch sitzt scho die alt Rickche und wartet.«

»Ein alt Weib, Herr Söhnlein, wär mir grad recht, die weiß, daß Not und Schmerzen noch der beste Lebensgenuß sind, wenn man's überstanne hat. Und nun geh Er und bring 's Wasser.«

Und so geschah es.

Die Zeit verging, die Nacht brach herein, und wie bei der Schöpfung der Welt kam auch hier eines nach dem anderen. Als Gott die Welt erschuf, geschah es unter gewaltigen Nöten, Brausen, Donnern und Qualen des Weltalls. – Und so auch hier.

»Weltaufgang und Weltuntergang will gemacht sein,« sagte Madam Schaket zu dem ringenden Weibe, aus dem eine neue Welt hervorgehen wollte. »Was aber der liebe Gott mit eim Weibsbild vorhat, daß er ihr so viel Schöpfungstag beschert und den Weltuntergang dazu – und eim Mannsbild nur ein Weltuntergang –, das gibt zu denke. Er hält als mehr von der gewaltigen Weibsnatur, die wie ein Fisch im Wasser herumschnalzt, wo das 85 Mannsbild verzagt und ganz und gar ausläßt. – Und dies Zutrauen Gottes muß Sie ehre, Frau Söhnlein.

Der Mann und der Bruder sind rechte Narren in der Stub da nebebei. Ich spür's – jetzt läßt's ein bißche – muß mal nach ihne schauen, sonst verschmachte die da drin.«

Sie öffnete die Türe.

Da hockten zwei männliche Gestalten; gegen die junge Heldin in der Schlafstube gehalten, waren sie ein trüber Anblick.

»Ei pfui – ei pfui! Ei freilich! Wer wird sich so anstelle? Eure Feigheit und Hasenhaftigkeit kommt als durch die geschlossene Tür und stört uns gewaltig. Zwei Wöchner! Mit eim hab grad genug. – Wie denn zwei?«

»Der Bruder der Frau, Madam Schaket!«

»Der Bruder? No! – Die sind doch sonst nit so?«

»Er ist als ein bißche schwachsinnig – von Kindsbeinen an.«

»No! Er am End auch?« lachte Katharinche. »Das wär mir! Nur Mut! Die Frau drin ist euch mächtig über, wenn Gott daherfährt im Sturm.

Aber nur Mut, das Fruchtwasser ist scho da – nu wird's bald überstanne sei.

Der Gott, der auf den Gedanken gekommen is, das Fruchtwasser zu schaffe, is ein allweiser Gott, der seine Leut im voraus kennt, dem wir vertraue sollen. Was täten die armen Weiber bei all den bösen Ehemännern in der Welt, 86 die besoffe um sich hauen und nit wisse, wohie der Schlag fährt, und die, Gott sei's geklagt, es oft auch wisse.

Kann einer den Fisch im Wasser puffe? He? Oder – oder? Frag ich. Ei, gewißlich nit. Also: die Ohren steif! Und uns nit störe in unserm Gott wohlgefälligen Werk!«

Da legte sich ein Arm um ihren Hals, und ein Bursch von etlichen zwanzig Jahren, ein schlanker Kerl, mit einem dunklen, ungepuderten und unfrisierten Haarschopf, der nur zurückgebunden war in einem Bündel, sagte mit tränenerstickter Stimme: »Mach du se als widder gesund un fröhlich – wer soll uns denn warte, und wer wartet den Garten, und wer kocht und näht und wäscht, und wer lacht im Haus? Und wer freut sich über alles, was ich kann – und tu? Ei, du liebe Frau!«

»Geh, du dummer Bursch, und exter mi nit und sei nit unklug – sonst filz ich euch aus. Alle Menschen müssen durch das Schicksal zu sich selbst komme – das is grad so gescheit wie die Sach mit dem Fruchtwasser. – Nu halt' Ruh miteinander – sonst erzähl ich's unterwegs alle Leut, was der Herr Söhnlein und sein Schwager für Hasefüß sind.«

Damit war sie aus der Stube geschlüpft.

*

Als die dämmernde Morgenstunde anbrach, trafen gar wunderliche Laute die Ohren der ängstlichen Männer.

87 Die Türe tat sich wiederum auf, und Katharinche Schaket erschien, hatte ihre schneeweiße Schürze hochgenommen und rief, und ihr Angesicht strahlte wie von einem heiligen Licht: »Nun erhebt eure Hände, ihr verzagt Mannsvolk, und schaut das Wunder Gottes! Ein lebendiger neuer Mensch liegt in meiner Schürz! Mit ewiger Seele begabt.«

Und die beiden kamen ganz betreten. Da schlug sie die Schürze auseinander, und die Verzagten erblickten ein jämmerlich zuckendes Fetzlein, in dem alle Kräfte der geheimnisvollen Menschheit verborgen lagen.

Über Katharinchens Angesicht aber leuchtete es wie auf dem Angesicht einer Priesterin, alles Schauen und Wissen dieser Erde und über diese Erde weit hinaus. Und auf dem Gesicht der Kinderlosen lag seligste Mutterfreude, als wär' es ihr eigenes Kindlein.

Der schwachsinnige Bruder der Frau, der sich geängstet hatte über das Unbegreifliche, was in der anderen Stube vor sich ging, schaute auf die leuchtende frohe Frau, die Gottes tiefstes Geheimnis in der Schürze hielt.

Er konnte die Augen nicht von Katharinchen fortwenden, die wie in seine Dämmerung hineinleuchtete.

Ihm war zumute, als würde er wach.

Als sie dann an jeder Seite des Bettes knieten in der morgendlichen Stube, die Rosen nach banger Nacht wieder durch die Fenster nickten und die müde blasse Frau mit einer 88 schwesterlichen Hand die Hand des Bruders hielt und mit einer bräutlich liebenden die Hand des Mannes, da schaute der trübe Bursche auf Katharinchen Schaket, die das quäkende Räupchen wickelte und es anlächelte, als begrüße sie es immer wieder und wieder aus ganzem warmem Herzen. – Und dem Burschen war, als schaute sie auch ihn so an wie das Winzige.

Ja, sie hatte einmal aufgeschaut, und die suchenden Augen des Burschen waren ihrem mütterlich-seligen Blick begegnet.

Nun legte sie den schön gewickelten Erdengast der Mutter in die Arme.

»Da hast du, was Gott dir anvertraut. Alle Qualen und Schmerzen bestandest du mutig, sei nun tapfer und unermüdlich in der Liebe!« Dabei hatte sie Tränen in den Augen und lächelte.

Als sie später im vollen Morgenlicht in den Garten trat, um heimzugehen, stand der schopfige Bursche da und hielt ein Blatt Papier in der Hand. Eine kleine Mutter Gottes war darauf gezeichnet, ganz geschickt und hübsch. Er packte Madam Katharinche fest an den Arm mit einem Griff, den er scheinbar nicht recht kontrollieren konnte, zeigte ihr das Bildchen und sagte: »Willst du's? – 's ist mein – von mir selbst.«

»Ei was – ei freilich! Was Ihr sagt!«

»Jawohl – von mir selbst gemacht.«

89 »So,« sagte sie, »von Euch? Das hab ich nit gewußt, daß Ihr so was könnt. Gern nehm ich's zum Andenken an die kleine Mutter Gottes, die ihr drin in der Stube habt.« Sie gab ihm die Hand und fühlte die ihre gedrückt mit Glut und Heftigkeit. Und wie sie aufschaute, war der Bursch krebsrot.

»Was ist Euch für e Hitz in Kopf gestiege?« sagte sie. »Was is mit dem Bildche? Meint Ihr, Ihr müßt mir's gebe? – Ei, da sei Gott vor! Der Bruder hat da nichts zu zahle.«

»Nit zahle! Gebe! – Schenke! Dir schenken!«

»Nichts lieber wie das! Gebt's her und seid recht schön bedankt.«

Nun ging er noch ein Stückchen stumm mit ihr. So hatte Katharinche Schaket dem armen Bruder der kleinen Wöchnerin das Herz gestohlen.

*

Die Beth und Madam Schaket steckten am selbigen Tag in der Abendstunde miteinander im Ställchen, das in das Haus eingebaut war und in einen kleinen Hof blickte, der in der Höhe mit der Stadtmauer fast gleich lag, von dem aus man auch in die Weite sah.

Im kleinen Stall hatte Katharinche Schaket zwei Ziegen und etliche Hühner.

90 Sie mußte außer Herrn Schaket noch etwas recht harmloses Lebendiges um sich haben. Und wenn Herr Schaket ihr oft gar zu wunderlich war, ging sie hinunter zu ihren Tieren, setzte sich ins Ställchen und ruhte von der sonderbaren Menschlichkeit des Medikus aus.

Auch heute war sie mit der Beth zu den Tieren gegangen. Es wurde schon dämmerig, die Hühner saßen auf ihren Stangen. Sie sangen sich in Schlaf, und es klang, als höre man in der Entfernung Menschen miteinander reden oder Kobolde in ihrer Koboldssprache, geheimnisvoll heimlich; Frau Schaket hatte das Melkkübelchen auf dem Schoß und hörte mit der Beth auf das Gerede der Hühner. Die erzählten und erzählten, tuschelten, gackerten leise.

»Sie erzählen sich,« sagte die Beth, »vom Pelzchen. Ich hör's genau, sie sagen: Pelzchen is verwunschen – und sie haben gesehen, daß nachts, wenn der Mond scheint, Pelzchen als ein Kind aus seinem Fell steigt und wie ein goldiges Kind dasteht und sein Krönche vom Kopfe nimmt und dran putzt und reibt, bis es gar herrlich glänzt – ›so daß man nit schlafe kann,‹ sagen die Hühner –, und dann setzt es sich wie müde aufs Melkstühlche und wartet und wartet, daß es erlöst wird.«

Pelzchen hieß die eine junge Ziege, die eigentlich keine Ziege war, sondern, wie die Hühner sagten, ein Kind mit einem Krönchen, das, wenn der Morgen dämmerte, wieder in sein Pelzkleid schlüpfte und sich melken ließ, Madam 91 Schaket am Ohrläppchen zupfte und so lieb und gut und freundlich war wie das gute Kind in ihr.

Auch Katharinche Schaket wußte, daß es mit den Tierchen geheimnisvoll zuging; und wenn sie mit Beth und den beiden Ziegen durchs Gallentor hinaus auf den Wall zog, da ging Pelzchen vernünftig und folgsam mit ihnen wie ein Kindchen, und durch die lange bange Dunkelheit voller Vertrauen, wie ein guter Christ durch Trübsal. Es drängte sich an und leckte im Gehen die Hand, die es erreichen konnte, und sagte: »Mrg – mrg – mrg.« Sein Wesen war freundlicher wie das Wesen der Menschen und ganz wunderlich zu Herzen gehend.

Die andere Ziege hieß Fanny, Madam Schaket nannte sie aber die »Hofdame«. Mit der war es nicht so geheimnisvoll wie mit Pelzchen bestellt. Sie war so eine richtige Hofdame, mißgünstig, mißtrauisch, gleichgültig, ein wenig tückisch und außerordentlich stolz. Man mußte sie mitnehmen, wenn man auf den Wall ging, weil sie es sonst übelgenommen hätte, und überhaupt, es gehörte sich so.

Pelzchen aber, das arme, verwunschene Kind, lag, wenn sich Katharinche Schaket und Beth ins Gras setzten, zwischen ihnen, weidete ein wenig, soweit es reichte, um sich her und blickte in die dunklen warmen Augen ihrer Herrin und gern in die großen Sternenaugen der Beth, die denen Katharinchens wohl glichen, doch waren sie stärker, wie Kinderaugen sein können, und aller Geheimnisse voll. Und Beth 92 war glücklich und geehrt, wenn Pelzchen seinen Kopf auf ihren Schoß legte und einnickte.

In den Stunden auf dem Wall unter den hohen Eichen, Ulmen und Linden ging Beth das Herz ganz auf. Die weißen getürmten Sommerwolken zogen über den blauen Himmel und über die große Stadt, wie Berge zogen sie dahin, so feierlich und gewaltig. Gras und Laub duftete, der Sommerwind wehte, die Kronen der Bäume rauschten – und das Baumgeflüster!

In Beths Herz und Seele erwachte die große, tiefe Erdenliebe, mit jedem Atemzug die Schönheitsseligkeit. Sie trank wie ein Kind an der Mutterbrust, lag mitten im Sommertag im Gras, und wundervolle Kräfte zogen still in sie ein.

Den Kopf des lieben Tieres im Schoß, neben sich ein Menschenwesen in seiner ganzen Weibesherrlichkeit, die wie ein Ebenbild neben ihr saß, dem Beth entgegenreifte. Wie Blüte und Frucht an einem Zweig waren die beiden.

Die Frühlings- und Sommerstunden auf dem Wall schienen aller Lebensgeheimnisse und Kräfte voll und Beths Seele einem offenen Blumenkelche gleich, der die Sonne durstig eintrinkt. Wie ein Fisch ins Wasser, gehörte die Beth auf den Hochwall unter die Bäume und in die Sonnenweite. Vielleicht war es eine Unerforschlichkeit, ein Weltereignis, daß Beth im Sommergrase selig saß, ungestört, die schützende, erweckende, lebensstarke junge Frau 93 neben sich, daß sie so hingegeben liegen und in alle Schönheiten und Kräfte der Erde und des Himmels ruhig und stark und rein hineinwachsen durfte.

*

Sie saßen aber jetzt im Ställchen und schwätzten. Pelzchen und Fanny wurden gemolken, die Hühner unterhielten sich in ihrer Koboldsprache. Madam Schaket aber sagte:

»Am schönsten und liebsten ist's doch im Ställche zur Wintersabendzeit; die Latern hängt dann am Nagel und leuchtet, und draußen geht der Wind, du weißt ja – und grade schneit's und stürmt's, so weit die Welt geht. Im Ställche ist's warm und eng. Die Milch zischt ins Kübelche. Pelzche zupft mich am Ohr – und möcht als rede. Draußen der Sturm jagt das Schneegestöber. Da hab ich wunder gedacht, wie schön es im Ställche ist – und hab mich daheim gefühlt wie 's Kind im Vaterhaus. Nichts Böses kann herein. All Sturm und Gestöber bleibt drauße, wie in eme Herz war's im Ställche, in dem alles Fried ist und zur Ruh gegangen.« Dann sprachen sie noch weiter von den Hühnern.

»Das ist dummes Volk, hab ich immer gedacht,« meinte Madam Schaket, »keins gönnt dem annern ein Bissen. Nie sind sie von Herzen freundlich miteinander. Immer tun sie hacke, nie spiele, immer todernst. Sie kenne einander kaum. Und wenn der Stoßer sich eine herlangt, sind sie 94 alsbald wieder grad so leichtsinnig und unverschämt wie vordem und grad so gleichgültig. Ja, was kann das uns batte, denke sie.

Leere Köpf, in denen die Hoffart und Dummheit sich eingenistet hat. Auch ihre Eier gebe sie auf eine so gleichgültige Art und Weis. Ich nehm's einer Henn, kaum daß sie's gelegt, vor ihrer Nas aus dem Nest, da gackert sie grad so wichtig, als läg ein Prinz im Nest und die Salutschüß sollten losgehe.

Aber mit den Hennen hab ich doch nit recht, war grad so leichtsinnig gewesen, wie ich's von ihne gesagt hab. Trotzdem: Henn bleibt Henn! Man schaut wie durch Glasauge in sie hinein, was greulich is.

No, da war aber eine schöne große Henn zum allerersten Mal Glucke geworde. Auch eine Sach für sich.

Drei Woche hat sie wie in tiefem Traum auf ihre Eier gesesse, kaum gegesse und getrunke, wie eine Heilige. Ihre Augen funkelten eim entgegen wie aus einer anderen Welt. Tag um Tag, Woche um Woche verging. Immer saß und saß sie. Tausend Jahre waren vor ihr wie ein Tag.

Und dann kam der Tag, wo das Lebe aus den Eiern auferstehen sollte; da nahm ich sie behutsam in die Höh und setzte sie auf den Rand vom Korb. Da saß die Henn mit gesträubte Federn. Was sie da sah! – Das hat sie gewaltig gerisse. Ich stann in der Klemm, wie ich mich zu verhalte hätt', weil sie ganz außer dem Häusche war und 95 ruckste und druckste und sich sträubte und wußte nit, wie sie enei komme sollt ins Gluckewesen – und was da eigentlich vor ihr lag. In den Eiern klopfte und pickte es. Ein paar gelb Köpfcher waren scho frei, die sah die Henn mit ihre Perleaugen.

Und die Henn rang und rang und wollte rufe und wollte spreche – da kam endlich, so stoßweis wie ein Quell, der verschüttet war und sich nun durchwühlt, der große Liebeslockruf zustanne, der durch die ganze Natur geht.

Und am andern Tag kam sie, umringt von all ihre Kinderche, aus ihrer Ewigkeit, in der sie so lang gesesse hatte. Und wenn die Gluck an schönen Frühlingstagen die Kleinen, die sich müd gepickt und gelaufe hatten, unter ihre Flügel nahm, damit sie warm stecken, saß sie mit hochgehobenem Häuptche, ihr Hals war alsdann stark und fest wie ein Turm der Stadt Zion in die Höh gereckt, und ihr Körper glich einem Kirchelche, so me Gluckenkirchelche, in dem die Gläubigen Ruh und Wärm und auch Schutz finde sollen.

Du siehst, wie mir allerlei Meldungswürdiges da begegnet ist.«

»Goldiges!« Beth schlang wie beschämt ihre Arme um den Hals der Base und drückte sie mit aller Kraft ihres Überschwangs an Liebe und Lebensdrang, daß das Milchkübelchen überschwappte.

»Du gehst aus alle Fugen!« rief Madam Schaket, schüttelte die Milch von ihrem Schurz und lachte. Denn 96 Pelzchen knabberte soeben wieder an ihrem Ohrläppchen, – da verdunkelte es sich im Ställchen.

Jemand stand in der Tür.

Die beiden fuhren erschreckt auf. Katharinche war in ihre Hühnerei vertieft gewesen, und die Beth hatte in sich eingetrunken und getrunken in aller Stille, war jetzt angefüllt von tausend Dingen, das verwunschene Kind in Geißleinsgestalt, vom Gluckenkirchlein und dem großen Liebesruf, von dem Winterabend im stillen Ställchenherz, wenn's draußen stürmte und stöberte. Was Wunder, daß die beiden den Schatten an der Tür nicht gespürt hatten, wo es bei ihnen so hoch herging.

»No, und was will Er denn? Er bringt doch etwa keine üble Nachricht – he?« fuhr Madam Schaket auf. – »In Gotts Namen!«

»Gar nit – gar nit!« antwortete der schopfige Bursche und schaute traurig und befangen in das fröhliche Ställchen, auf die strahlende Frau, die ihn hergezogen hatte.

»Wer hat Ihn denn hereingelasse?«

»Ein Mann.«

»Ein Mann? Das ist der Herr Medikus Schaket, wenn Er's wisse will, gar nit so einfach ein Mann. – Gar nit einfach.«

»Der Herr Medikus Schaket,« wiederholte der Bursche nachdenklich.

»Na, und was macht denn mei Kindche?«

97 »Euer? – oder – unser?«

»Ei freilich! Eure Nachtmütz brennt, mei lieber Kerl,« lachte Katharinche. »Wacht's als ein bißche auf?

Ei, was guckt Ihr mich so an, seht Ihr nit, daß ich Hörner hab?«

»Nein,« sagte der junge Bursch, »ich will Euch abzeichne.«

»Freilich! Und da guckt Ihr als so?«

»Da guck ich als so?«

»Du hast ja 's Madönnche gesehen, das hat Madam Söhnlein ihr Bruder gemacht.«

Beth schaute erstaunt auf den sonderbaren Menschen, der noch immer unbeweglich in der Tür stand und dem irgend etwas fehlte.

Sei Nas is da, dachte Beth, die Augen, der Mund, die Stirn, Arm und Bein; aber ist doch nit ganz richtig, grad als wenn das Salz in der Suppe fehlt. So ein wunderlieb Mariabild hat er gemacht. Aber aussehen tut er wie ein Bettler, der auch nit richtig is. Ja, da soll die Bas nur stille halte, wenn er sie macht.

»Nun weiß i doch immer noch nit, wie Ihr heißt?« frug die Bas.

»Winterhalter, Georg.« Das sagte er traurig, als wäre sein Name ein beschwerlicher großer Brocken, als hätten schon manche Leute Winterhalter Georg zu ihm gesagt und es nicht besonders gut gemeint. Er mochte ihm nicht gut 98 klingen, als würde er damit ausgescholten. Für Lehrer, Behörden mochte das ein Name sein, den sie mit aller Ungeduld, mit ihrem Ärger und ihrer Mißachtung beladen konnten.

Auch die Base Katharinche lächelte ein wenig, der Name kam ihr besonders lang vor.

Beth aber sah, daß der Bursche immer hilfloser und befangener an der Stalltür lehnte, und es schien ihr, als könnte er auslöschen wie ein Licht.

»Du, was is mit dem?« frug sie leise.

»So 'n Schlemihl,« flüsterte die Base ganz leise ihr zu.

»Sei als gut mit ihm.« Beth blickte auf den schopfigen Burschen mit überfließendem Mitleid.

»Und du läßt dich von ihm hinzeichne – gell?« Da schlang sie die Arme um die liebe Frau, daß das Milchkübelchen wieder in große Gefahr kam.

»Ei freilich, warum nit! – Hinzeichne! Daß die Leut lache – mit meiner Visage; die werde denke, ich bin ein kompletter Narr.«

»Laß ihn nur mache! Und wenn die lache! Mach ihm als die Freud!«

Der arme Bursch schaute auf das bittende Kind, etwa wie auf seine Frau Schwester, die ihn mit der Kinderkriegerei heut zwar geängstigt und verwirrt hatte, sonst aber es gut mit ihm meinte und sein ganzer Halt im Leben war.

99 »No, in Gotts Name, wenn ihm was Besseres nit einfällt – her damit! Wann soll's denn geschehen? Bei Euch oder bei mir daheim? Vielleicht, wenn ich 's Kindche gewickelt und versorgt hab?«

Da faltete der Bursch die Hände zusammen und hielt sie, wie es Kinder und Heilige auf Kirchenbildern tun.

»Bei Euch,« sagte er, »wäre mir's als lieber.« 100

 

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