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Die kleine Goethemutter

Helene Böhlau: Die kleine Goethemutter - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie kleine Goethemutter
authorHelene Böhlau
year1928
firstpub1928
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin/Leipzig
titleDie kleine Goethemutter
pages212
created20140327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Beths Leute im Giebelhaus wachsen zu Form und umgeben Beth schicksalsmäßig. – Herr Schaket ist ein echter rechter Ehemann. – Das Geizideal. – Das Hostiengebäck. – Aus dem Haus der Bathseba im Bade kommt eine Überraschung. – Herr Schaket geht seine eigenen Wege

Doktor Matthias Schaket blieb allein zurück. Kaum war die Tür hinter der Base Katharinche und der kleinen Elisabeth geschlossen, als er den langen Strumpf vom Arme zog, alles Durcheinander, das er auf den Kasten geräumt hatte, liegen ließ und im schönen aufgeräumten Zimmer auf und nieder ging. Es war jetzt kein Grund vorhanden, daß er Strümpfe stopfen mußte, die Zuschauerin, das Katharinche, fehlte. Ihr Gleichmut, so notwendig er ihm war, brachte sein aufgeregtes Meer leicht zur Wallung, so wenig es ihm auch gepaßt haben würde, hätte sie mit ihm gewallt.

Man will seinen Gegensatz in der Ehe finden, aber mit allem Komfort der Gleichgestimmtheit.

Konnte ihm bei seiner außerordentlichen Sparsamkeit etwas Besseres geschehen, als eine Frau gefunden zu haben, die in der Vorratskammer ein Lädchen unterhielt, auch für ihn versteckt. Sie unterstützte seinen Geiz mit fröhlicher Verschwendungssucht.

65 Er verlor kein Wort auch über die neugeweißte Küche, über allerlei Schmuckes im Haus, zu dem er nie bei Leibesleben einen Pfennig beigesteuert haben würde. Ganz gut befand er sich in dieser geheimen Herrlichkeit, trotzdem er sie nicht brauchte, wohlweislich ignorierte.

Daß sich die Frau an die Stadthebamme herangepirscht hatte, war ihm nicht recht aus verschiedenen Gründen. Die Frau wurde ihm zu selbständig. Es war da ein ganzes Getrieb mit den Madamen und deren Männern, die Katharinche die »Wöchner« nannte, herangewachsen, was er kaum überblicken konnte. Denn jedermann, der mit Katharinche zu tun hatte, spürte gar bald eine Ansammlung von Kräften in der Frau, die ihn anzog, wurde von dem Überfluß dieser kleinen Sonnenkugel gewärmt, blieb gern in ihrem Lichte und ließ sich's wohl sein.

Aber man will seine Frau hübsch zusammengelegt im Wäschekasten haben, oder das Licht soll, wenn man's nicht gerade will, im Haus unter dem Scheffel brennen oder einstweilen ausgelöscht sein, braucht nicht überall herumzuleuchten für dumme Leute in ihrer Dämmerung. Ja, er war ärgerlich und beschloß, in Anbetracht der schlechten Zeiten Katharinche im Wirtschaftsgeld zu kürzen. Dieser Entschluß verbesserte ihm die Laune. Der einsame Abend aber sah ihn lang und öde an, so machte er sich fertig, um wieder auszugehen, was bei ihm nicht umständlich war.

Mit der Hand fuhr er ein paarmal über den alten Rock, 66 klopfte sich auf die Schenkel, wetzte die staubigen Schuh an den schwarzen Strümpfen ab, die ihm die hageren Beine bedeckten, gab dem abgelebten Haarbeutel in der Schlafstube einen frischen Puderdunst, der ihm den Rock bestäubte, den er wiederum mit seinem roten Taschentuch zu säubern versuchte.

Darauf schaute er in der Küche nach, was Katharinche ihm zurechtgesetzt hatte, sah eine appetitliche Platte mit allerhand guten Dingen, frische Butter, ein Salätchen, Brot, zwei hartgekochte Eier, ein Schöpplein Wein, auch ein duftendes Käschen. »Verdammte Frauenzimmer! Wozu Salat? Wozu der Aufwand? Wozu das frische Tüchelche? Dumme Aufmacherei!«

Aber er aß den Salat mit nicht geringem Genuß, schlürfte sein Weinchen, bestrich das Brot mit frischer Butter, legte vom Käschen fein säuberlich darauf, nahm die harten wohlgeschälten Eier zur Hand, tauchte sie vorsichtig nach jedem Biß ins Salz, verschmierte und betropfte das Tüchlein – und brummte weiter über gottsträfliche Verschwendung. Alsdann machte er sich auf und ging nach des Tages Müh und nach mancherlei Ärger, den ihm seine Patienten gemacht hatten, zu Madam Heideblut, über die er sich auch mitunter ärgerte, aber auf eine andere Weise wie über das gleichmütige Katharinche, das im Lebensstrom der Welt, so stark er auch strömte, immer kräftig und siegreich mit dahinzog.

67 Madam Heideblut war Witwe eines Goldschmieds, ein hageres Persönchen, sparsam von der Natur bedacht, dünne Löckchen, mit denen sich schwer eine standesgemäße Frisur erzielen ließ. Die Paniers schwankten um ein zierliches Gestellchen, kleine harte Hände an dünnen, feinknochigen Armen. So ein Sparsamkeitsprojekt der Natur, ein Pröbchen davon, die Menschheit einmal mit weniger Unkosten herzustellen. Sie hatte große, etwas wässerige, schwärmerische Augen, die Herr Matthias Schaket nicht ungern auf sich gerichtet fühlte. Er war der Medikus bei des Goldschmieds Todeskrankheit gewesen, und da Herr und Madam Heideblut der damals verbreiteten Richtung der Separatisten angehörten und Herr Schaket auch, so waren sie sich in dieser bedeutungsvollen Zeit nähergekommen.

Der selige Goldschmied hatte einen gewaltigen Zorn auf die Pfaffen gehabt und hatte sich Manns genug gefühlt, mit seinem Herrgott in eigener Art und Weise zu verkehren, ohne Dolmetscher und Zeremonienmeister – und das war ganz nach des Medikus Geschmack gewesen. So hatte er sich der Richtung mehr und mehr angeschlossen und auch der hinterbliebenen Witwe und dieser in Rat und Tat in allerlei verworrenen Angelegenheiten, wie ein Todesfall sie leicht mit sich bringt, beigestanden.

Es wurde ihm zur Gewohnheit, zu Madam Heideblut zu gehen. Sie war gewissermaßen das Ideal seines Geizes, da er Aufwand, wie wir wissen, nicht gut ertragen konnte, 68 auch ein Übermaß von Freude schien ihm auf dieser Welt durchaus nicht angebracht. Katharinchens Art zu reden, so quellenartig hervorsprudelnd sie auch war, voller Einfälle, fand er nicht so recht in der Ordnung, ganz unnotwendig, verschwenderisch, eben durchaus unangebracht auf dieser kalten Erde, wo der Philister bedachtsam sein Ei legt und damit gut. Genius in jeder Form war verdächtig, an Krankheit erinnernd, unnormal wie Krankheit. Ja, das spärliche Weiblein erschien ihm normaler, beruhigender als sein blühender Rosenbusch – und er ging zu ihr, um sich auszuruhen.

Madam Heidebluts Haus schaute nicht unternehmend in die Weite, hatte nicht Sonnenseite über den dicken Hochwall hinaus wie das seine. In der strengen Gasse, mitten im alten Rattennest steckte es und schaute auf das in sich versinkende Haus, dem die Haube hinterst der vörderst saß, und auf dessen modriger Mauer der Tod tanzte, und von dem fröhlichen Herrn, den er erschreckte, nur mehr die Hand und der Becher übriggeblieben war.

Gerade auf dieses Haus blickte es, vor dem die beiden glückseligen Kinder ein solches Grausen hatten, daß nur einmal ihre unschuldigen Augen einen Blick darauf geworfen, dann nie wieder, ja, daß der Junge, der grinsend vor dem Bilde gestanden, ihnen schaurig wurde. Und neben diesem Bilde stand das Haus, das man Bathseba im Bade nannte, mit dem bunten Vogel und dem König David, das herrliche Bild, dem die Kinder so gerne zu Gefallen gingen.

69 Ja auf diese beiden Gebilde schauten unentwegt die Fenster der Witwe. Ihr machte das gar nichts, daß der Tod jahraus, jahrein dort unten tanzte, und daß die Gasse so dämmerig war. Sie stimmte so ganz mit Herrn Matthias Schaket überein, daß die Erde ein Jammertal sei, und Bathseba mit dem bunten Vogel nahm sie auch in aller Gleichgültigkeit hin. Weit war sie entfernt von der Ergriffenheit der Kinder, die sich nicht genug sehen konnten an der Herrlichkeit und dem Reichtum dieser Erde und nicht genug sich abwenden konnten von ihrer Dunkelheit und ungetrösteten Häßlichkeit.

Heute fand Herr Matthias die spärliche Frau gerade von einem Ausgang zurückgekehrt. Sie trug ihr bestes Flügelhäubchen noch, was nur für die Auswärtigkeit bestimmt war, und schien erregt.

»Nu denke Sie sich, Herr Doktor Schaket, wenn Sie's nit scho wisse, in der Stadtallee promenieren die Bürgersleut schon seit gestern in der Früh und trinke Brunnen, und die Musik spielt dazu auf – und sie tanze dann.«

»Ist mir bekannt, liebe Madam, – war als schon dort. Und hab's mir angeguckt, wie die dicken Bäuch, in denen viel mühselig Verdauungswerk vor sich geht, sich mit Wasser füllen und mit Musik dazu. – Wo komme wir hin, frag ich? – Mit seidnem Regeschirm beginnen sie zu gehn und laufen sie jetzt schon daher und schämen sich der leinenen. Sporen tragen sie aus Silber, waren die messingnen schon 70 arg statt der eisernen. – Und gestern fuhren auch sechs Postkutschen durch die Stadt, ganz herrlich und in Gloribus, eine Gesellschaft Bürger mit ihren Frauenzimmern, einer kleinen Kanone und dem Material zu einem Feuerwerk auf den Feldberg, um zu schmausen, zu trinken und auch zu tanzen.«

Die Sucht, prunken zu wollen, war in jener Zeit und überall im Steigen, besonders trieb es der Adel arg. Und es ergriff auch mit Macht das noch gesittetere Bürgertum.

»Wir sind gewaltig vom Guten abgekommen,« klagte Herr Schaket, »einen heiligen Geiz exerzieren und beim ersten Anlaß übern Tölpel fallen, das ist jetzt bei den Besten schon der Brauch.«

Die zierliche Witwe stimmte ihm mit der ganzen Kraft ihrer Spärlichkeit bei. So klagten sie miteinander eine beträchtliche Zeit. Wir würden sagen: sie flirteten – und das taten sie ja auch in etwas anderer Weise und anders benamst wie jetzt üblich. Die schwärmerischen Augen des zierlichen Geizideals streichelten über den braunen Rockelor hin, ersahen zärtlich den Puderstaub, der dem Haarbeutel entflogen, und die feinen, etwas härtlichen Krällchen fuhren abstäubend darüber hin.

»Da haben sich Herr Doktor als ein wenig eingestäubet. Die gelehrten Herren Doktores vergessen das leicht.« Etwas spitz: »Madam Schaket wird wohl nit gerade daheim gewese sein?«

71 Herrn Medikus Schaket tat das hilfreiche Krällchen wohl, es war so leicht, so durchaus angenehm, und er fühlte, wie gerne sie am Rockelor sich zu tun machte.

Draußen vor dem Fenster guckte König David auf den bunten Vogel, den Bathseba in ihrem blauen Badewasser auf der Hand hielt, auch er flirtete wie Herr Schaket, und sie taten es beide auf ihre Art und Weise in den Formen ihrer Zeit.

Jetzt machte sich die Witwe daran, ihrem werten Gast etwas vorzusetzen. Sie bereitete auf einem kunstvollen Maschinchen, das der verewigte Goldschmied selbst konstruiert hatte, einen chinesischen Tee.

Und so, wie sie das tat, war es dem Herrn Schaket durchaus sympathisch. Er sah von Herzen gern zu. Mit den spitzen dünnen Fingerlein entnahm sie einer kleinen Porzellanbüchse ein Prischen Tee, so ein paar Blättlein, und goß vom kochenden Wasser ein kleines Strählchen in eine kleine Kanne, deren Schnäuzchen sie mit einem Korkstöpsel zimperlich verschlossen hatte, um ja kein Aroma entwischen zu lassen.

Dann kamen die paar Tassen daran und die kleinwinzigen Zuckerstücke und ein Gebäck, dünn wie Hostie – nur ein Gleichnis. Herr Schaket mußte an Katharinchens Kuchenberge dabei denken, er sah sie im Geiste den Teig mengen mit ihren festen schönen Armen. Er sah das Mehl stäuben, sah sie kneten und schergen, sah, wie sie die Butter in den Teig 72 mischte, wie die großen Rosinen kollerten, wie sie die Eier hineinschlug, alles wie in einer gewaltigen Weltliebe und Schöpferkraft.

Katharinche buk eine frohe Welt und keinen Kuchen, eine Welt voll Freude, Kraft, Süßigkeit und Wohlgeschmack, vor der es Herrn Schaket angst und bange wurde.

Hier konnte er aber ruhen, die gebackenen Blättlein der Witwe durfte eins auch im Jenseits, mit welcherlei Mundwerk es dann auch sei, gelassen verzehren. Und die Kosten mußten hier wie dort äußerst bescheiden sein für solch eine Leckerei.

Während sie nun miteinander die Täßchen zum Munde führten und die zarten Kuchenblätter auf der Zunge wie eine Illusion zergehen ließen, und Herrn Schaket der Hunger nicht plagte, so daß das überzierliche Mahl ihn auch sättigte, denn er hatte Katharinchens Abendmahl im Leibe, drangen von der Straße herauf düstere Klänge mitten in das gläserne Verhältnis hinein. Drunten in der abenddämmerigen Gasse wurde ein Sterbelied gesungen von den Chorsängern der Katharinenkirche.

Die kleine Witwe sprang auf. »Ei du mein Gott,« rief sie, »jetzt singe sie mir mein Sterbelied, weil's Samstag is, und ich hab ganz drauf vergesse. – Sie wisse doch – alle Samstag –, Herr Doktor Schaket, zur Sterbestunne des selchen Heideblut. – Verzeihe Sie mir, Herr Schaket.« Damit stand sie auf, zog ein Kommodenfach auf, steckte sich 73 einen goldenen Ring an eins der dünnen Fingerchen. Auf dem Ring war ein elfenbeinerner Totenkopf mit roten Rubinaugen zu sehen. Draußen in der Dämmerung sang es schwer und traurig:

O Seele, liebe Seele mein,
Bald gehst du heim.
O lieber Leib, mach dich bereit,
Dein Weg ist nimmer weit.
Drei Schritt zum Grab
So geht's bergab,
Bist gar nichts weiter wert,
Ein Handvoll Erd.
Drum gräm dich aber nit,
Dein Seel nimmt alles mit,
All Lieb, all Lust, All Freud, all Leid
In deiner Brust.

Traurig klang das alte Lied die dumpfe Gasse herauf, denn das Lied hatte eine schwermütige Weise.

Die beiden Teetrinker mochten in dieser Stunde nicht gerade besonders sterbesüchtig gewesen sein, da sie viel Wohlgefallen aneinander hatten. Die Zeit mochte ihnen auf ihre Weise angenehm verstrichen sein.

Herr Schaket hatte wirklich so eine Art ausruhende Liebe zu der kleinen Madam, die ganz befriedigt war, wenn 74 sie miteinander über die böse Zeit klagten, über den Verfall des Bürgertums und über die Verschwendungssucht.

»Heiliger Geiz,« rief er, »kehre zurück! Ein ehrlicher Mann ist mehr als alle Adelige und Barone. Wenn einer mich zum Baron mache wollte, so werde ich ihn als einen Hundsfott oder einen Baron ausfilzen!« Herr Schaket drückte sich soviel als möglich in würdigem Schriftdeutsch aus.

Die kleine Witwe schlug die Händchen zusammen, so gefiel ihr, was der Medikus sagte.

»Das alte Lied aber,« meinte er, »sollten Sie sich nicht zur Erbauung singen lassen.

Drum gräm dich aber nit,
Dein Seel nimmt alles mit,
All Lust und Leid –

Bedank mich schön, will mein Bündel klein schnüren, will in Teufels Namen den ganzen Quark nit mitnehmen – mög er in meiner Brust nur zerfallen, wie sich's gehört, will die Welt aufgeben, damit, wenn Gott mich ruft, die Reis' leicht sei. Er will mich in der Welt nit groß haben.«

Andächtig schaute die Witwe.

»Auch die Lieb nit,« frug sie und schlug die Augen schwärmerisch zu ihm auf.

»Die gar nit. Die ist ein greulich Erdenfressen, so appetitlich sie zuzeiten schmeckt – im Grund ein wüster Fraß. – 75 Unvernunftfresser. Gott steh eim bei. Ein ehrlicher Mann sollte damit nichts zu tun haben.«

»Du mein Gott,« sagte die Witwe und fühlte mit einemmal sich mitten in ihrem Behagen außerordentlich einsam. Was ein wunderliches Mannsbild ist als der Schaket, war Heideblut ganz ein anderer Mann, da wußte eins doch, wo und wie, was hier durchaus der Fall nit is. Da sitzt er wie der schönste Liebhaber un redt wie ein Pfaff im Nachmittagsgottesdienst.

Der Medikus mochte irgend so etwas im Wesen des Weibchens gespürt haben.

»Was für ein liebenswert Frauenzimmer ist Sie doch!« sagte er nachdenklich und faßte eins der Händlein und streichelte es, wie man etwa ein Vogelkrällchen streicheln würde. »So ein Mann,« sagte er, »muß sich als Hemmschuh anlege, wenn's steil bergab zu gehen droht – und da geschieht's, daß der Wagen greulich knarzt und rumpelt.«

»Das läßt sich höre,« sagte die Witwe, verstand ihn gar wohl und fühlte sich immerhin angenehm gehoben durch den sie ehrenden Seelenkampf ihres Liebhabers.

»Nu, und geht Sie heunt wieder in die Schnurgaß?«

»Heunt nit; aber morge für gewiß. – Sie auch, Herr Schaket?«

»Kann sehr wohl sein – warum nit? Ich bleibe dieser Leute Freund, werde ihnen durch die Tat dienen, auch bei Verfolgungen nit von Gott abfallen. Dazu wird er Geist 76 und Glauben geben, um die Natur zu überwinden, allein ich lasse mir von ihren Regeln nichts vorschreiben, gebe nichts auf heilige Gesten und Versammlungen, Bibellesen, Gesetze, Beten. Ich geh zu Gott selbst, bete an, verherrliche ihn durch Wort und Werke. Sie geben einander die Hände, küssen sich, nennen einander Brüder. Darin ist nichts zu suchen; aber sein Kreuz trage, Gott und den Nächsten liebe, sich selbst verachte und den ganzen alten Adam ausziehe, das muß ein Unbekehrter wohl bleibe lasse.« Hin und wieder, im Eifer hielt auch er seinen Sprachschatz nicht recht sauber.

»Aber Sie komme doch hie, Herr Doktor?«

Tiefe Dämmerung lag nun schon im großen Zimmer. Er nahm Abschied, küßte das Krällchen, und die Witwe leuchtete mit dem Lämpchen, das im Gange brannte, die Treppe hinab.

Kaum aber war er aus der Haustür getreten und hatte diese hinter sich geschlossen, ergoß sich ein mächtiger Wasserschwapp gerade vor seine Füße aus dem gegenüberliegenden Hause, der Bathseba im Bade, in dessen oberem Stock auch ein Medikus wohnte. Aus welchem Stock der Wasserschwapp herniedertroff, war nicht mehr festzustellen, aber eine, dem Herrn Schaket unbekannte Stimme rief: »Verfluchter Separatiste!«

»Traf nit!« rief der, dem der Schwapp gegolten hatte, und ging gleichmütig seines Weges. Nun wanderte er noch eine Weile durch die Gassen, bis die Nacht ganz eindrang 77 und durch den schmalen Spalt zwischen den Häusern der ausgestirnte Himmel funkelte. Sein Haus lag still und dunkel. In keinem Fenster Licht, nur im Treppenhaus brannte das Lämpchen. Durch das schmale Fensterchen über der Haustür drang ein schwacher Schein.

Leise und vorsichtig schritt er über die Stufen, entzündete die Kerze, die seine Frau ihm vorsorglich neben das Öllämpchen gestellt hatte, und betrat die einsame Stube mit seinem brennenden Licht.

Geheimnisvoll sind unsere Stuben nachts, wenn man ihre Einsamkeit betritt, als wären sie nicht für uns da, als lebten andere, unsichtbare Wesen darin mit den Rechten des Besitzers und als wären wir abgeschieden. Wir aber spüren sie hin und wieder; auch dem Medikus mochte es so gehen, ein sonderbares Frösteln überlief ihn. Es war gar still. – Katharinchen mochte die ganze Nacht noch beschäftigt sein.

Er leuchtete in das Schlafzimmer, da stand das Ehebett breit aufgeschlagen, blütenweiß. Auf dem weißen Vorhang, den ein bronzener Reif zusammenhielt, schaukelte ein Büschel blauer Straußenfedern, die im Nachtwind, der durch das weit offene Fenster strich, sich wie weiche Nachtfalterflügel bewegten. Das breite Bett sah feierlich einem Katafalke gleich. Das Zimmer war aufgeräumt und rein.

Der schlampige, schöne Mann schien eigentlich nicht hineinzugehören; aber er bewegte sich doch recht heimisch, 78 trat an das eine offene Fenster und blickte über den Hochwall hinaus in den Sternenhimmel, der sich in seiner unausdenkbaren Pracht und Herrlichkeit ungezählter leuchtender Welten wie ein funkelndes, lichtschäumendes Meer über die Weite hinzog.

So blieb der Mann lange versunken stehen, trat dann zu einem Wandschränkchen und entnahm diesem einen alten schönen Kristallkelch. Es stand da auch eine edel geschliffene Kristallflasche voll roten Weins und eine kleine Schale mit Brot, wie es die Juden backen.

Den Kelch setzte er behutsam an das offene Fenster nieder, goß aus der schönen Flasche Wein in den Kelch, hob ihn dann mit beiden Armen und reckte sie hinauf zum bestirnten Himmel und verharrte so lange, setzte den Kelch wieder feierlich und langsam nieder – nahm darauf von dem Brote, brach es und aß davon – sprach dann: »Das ist mein Leib, der für euch gegeben ist.«

Darauf hob er den Kelch wieder zu den Sternen: »Das ist mein Blut, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.« Und er nahm den Kelch und trank daraus in langen Zügen, sank dann am Fenster nieder in die Knie. Sein Kopf ruhte auf dem Fensterbrett neben dem geheimnisreichen Kelche.

Solches tat er an Abenden, wenn der Himmel in ganzer Herrlichkeit ausgestirnt war zu Sommer- und Winterszeit. Da trat der wunderliche Mann zu Gott in aller 79 Einfalt und allen Glaubens voll. Kein Sterblicher sollte ihm dabei helfen.

Als er sich wieder von den Knien erhob, nahm er ein reines Tuch aus dem Wandschränkchen, trocknete den Kelch und verschloß seine heiligen Geräte.

Für dies alles aber war ihm heut abend ein Wasserschwapp zugedacht gewesen, denn es hatte sich in den engen, dämmerigen Gassen herumgeredet, daß etliche Separatisten also zu tun sich erkühnt hatten.

Nun legte sich der Mann ruhig in seinen Ehekatafalk, die abenteuerliche geizige Haut war von ihm abgefallen, und ein weiches, sauberes Nachtgewand, das Katharinchen ihm bereitgelegt hatte, ließ ihn so gut und rein erscheinen, wie er im Grunde seines Herzens war. 80

 

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