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Die kleine Goethemutter

Helene Böhlau: Die kleine Goethemutter - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie kleine Goethemutter
authorHelene Böhlau
year1928
firstpub1928
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin/Leipzig
titleDie kleine Goethemutter
pages212
created20140327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel

Die pietistische Magd. – Beth und die Schwester machen sich zur Brandstätte auf und verbummeln die Schule. – Der Junge mit der Elster. – Das Nest des Lebens wird größer und weiter. – Die Bilderschau. – Die bunte Stadt. – Der Hochwall

Die beiden Mädchen zogen am Morgen nach der Feuersbrunst so früh als möglich zur Schule. Die Hauptmagd und große Pietistin gab ihnen das Morgensüpplein in der Küche und ließ sie beten und singen, wie es ihr gefiel. Sie betete mit ihnen in einer etwas näselnden Art und Weise, war eine große, hübsche Person, ein Halt des Hauses, ehrlich und fromm und trug sich in der Art der Stillen im Lande.

Heut sangen die beiden mit der Magd, vor dem Herd kniend, auf dem die Morgensuppe brodelte:

O Jesulein,
Laß mich in deinen Wunden wohnen,
In deiner Dornenkrone thronen.
Laß deine Nägel stark
Mir dringen in Herz und Mark.
Und laß das Essigschwämmelein
Mir recht ein' Herzenswollust sein.
Laß mich dein Kreuz umschweben,
Gib mir dein ewig Leben.

37 So sangen sie und aßen dann ihre wohlgeschmalzte Suppe.

Elisabeth, die älteste der beiden, hielt mit dem Löffeln inne, schaute auf die Magd und sagte: »Das mit dem Essigschwämmlein mag ich gar nit. Ich sing's auch nimmer. Auch der Herr Jesus freut sich nit drüber, wenn er's hört. Glaub sogar, er wird ein bißche bös, weil's nit schön is – du?« –

»Das wirst du wisse, du Halgans, ob's schön is! Mach kei solche Glosse, sonst ergrimmt er im Geist über so 'n dummes Gepappel. Und sicher ist, daß ihr wieder euer Sach für die Schul-Alte nit gemacht habt, ihr Strick!

Fangt als an mit dem Einmaleins mit der Sechs. Einmal sechs ist sechs, zweimal zwei ist zwölf.« Beide Schlingel schauten die Magd mit offenen Mäulern an.

»Oder etwa nit?«

»Zweimal zwei ist zwölf – richtig,« sagte die Beth. »Lehr als nit, wenn du's nit verstehst.«

»Wer sagte zweimal zwei ist zwölf?«

»Du!«

»Ich?«

»Freilich!«

»Geh – gibt's nit!«

»Gibt's!«

Damit sprangen sie beide auf, packten die Schiefertafel und das Lesebuch, machten wie auf einen Schlag eine höchst ehrenrührige Referenz gegen die große Magd Fränze, 38 klopften sich auf ihre Gingangröckchen, die zwei rundliche allerliebste Hinterteilchen umfalteten.

»Ich sag's!« rief die Magd.

»So sag's!« Und zur Tür hinaus, fort waren sie.

Und nun flogen sie miteinander zur Brandstätte, zum Joseph am Wüstenbrunnen. Da brauchte es keiner Verabredung. »Potz Schimper – potz Schemper!« sagte alles. Das sangen und jubelten sie wieder vor sich hin, hielten sich an den Händen und ruckelten und schuckelten, daß es eine Art hatte.

Niemand fiel das auf. »Kinder sind als so,« dachten die alten Bürgersleute.

Durch die feineren Gassen, wo die Nobeln wohnen, die ihre Kinder in der Stadtallee mit einer französischen Demoiselle und in titulierten Kleidern, wie man damals sagte, stolzieren ließen wie kleine Dämchen und Herrchen, bereifrockt, gepudert, gebauscht, befrackt, seidenbestrumpft, mit winzigen Degen und frisierten gesteckten Flügellocken, kleinen Haarbeuteln, so daß sie nicht einen Schritt vom Wege rücken konnten, ohne ihre steifgepuderte Herrlichkeit zu derangieren.

Solche Straßen vermieden die beiden in ihren Fähnchen, dem rasch gedrehten Haarknoten auf dem Wirbel, den Flatterlöckchen, die sich allenthalben ums Köpfchen hervormachten, den festen Schuhen, denn trotzdem ihr Vater eine der höchsten Stellen der Stadt bekleidete, war das Leben daheim bürgerlich einfach.

39 In stillen Straßen aber, muß ich zu ihrer Schande sagen, daß sie dem potz Schimper, potz Schemper noch ein potz Schamper hinzufügten, was sie sehr zu ergötzen schien, da es wahrscheinlich eigene Dichtung war.

Mit einem Ruck aber standen sie still, und die feinen Näschen schnupperten Brandgeruch. »Guckste – riechste,« meinte Johanna.

Und nun liefen sie, hast du nicht gesehen, die strammen Beine flogen. Und vor ihnen lag bald die große Bescherung: der schöne Joseph am Wüstenbrunnen. Die Häuser wurden nach den Bildwerken genannt, die sie schmückten.

Ausgebrannt, aus dunklen leeren Fensterhöhlen, wie ein Totenschädel, blickte das Haus ohne Dach. Im Innern mochte alles eingestürzt sein. Und ein Geruch, ein schauerlicher Geruch bedrängte. Stinkender Qualm dampfte heiß auf, und in der dunkeln Haushöhle sah man durch die Fensteröffnungen noch Funken sprühen und hin und wieder wie ein Aufatmen glühenden Flammenhauch.

Aber, o Wunder, das Bild war vom Feuer verschont, nur angeräuchert. Josephs bunter Rock, den ihm die bösen Brüder soeben ausgezogen, leuchtete noch. Es war ein purpurfarbener Samtrock, ein wahres Prachtstück. Die bösen Brüder hatten nur graue, mißfarbene Röcke an, und es ließ sich leicht denken, daß dieses purpurfarbene Prachtstück mit seinen Troddeln, Fransen und sonstigen Herrlichkeiten, einen goldenen Löwenkopf als Knauf an der Schließe, den Neid 40 der Brüder herausgefordert hatte. Der Joseph aber stand jetzt gut und brav im Hemde vor seinen schlimmen Käufern und Verkäufern und ihren Kamelen, die wie vorsintflutliche, aus dem Meere gestiegene grünliche Ungeheuer aussahen, und dachte, das sah man: Da kann mer als nix mache.

Aus dem Wüstenbrunnen rann eine blaue Flut in ein schönes steinernes Becken. Jetzt aber war alles wie von einem Trauerflor, der sich darübergelegt hatte, verdunkelt.

Gruppen von Leuten standen und begafften den ganzen großen Schaden, den das Feuer gemacht hatte; und es war, als sähen sie alle das Bild zum ersten Male, an dem sie ihr Leben lang tausendmal vorübergegangen waren.

Die beiden Kinder aber kannten ihren Joseph gar wohl und konnten sich auch nicht losreißen.

So kam es, daß sie die Schule versäumten, ja ganz und gar vergessen hatten. Allzuviel gab es zu schauen, die bummelnden Leute, die sich am Unglück ihres Mitbürgers nicht sattsehen konnten, das Aufatmen der Glut, der rote Feuerwächter mit seinem Spieß – und ein Junge, der sich mit einer zahmen Elster, die ihm auf der Schulter saß, zu ihnen gesellte.

»Spitzbub!« schnarrte die Elster, hüpfte dem Jungen von der Schulter und tänzelte und spazierte vor den beiden Mädchen hin und her und zupfte sie am Röckchen.

Ganz angefüllt von der herrlichen Kraft des Lebens, standen sie wie in einem Meer von Lust und Daseinsfreude. 41 Daß es so viel zu sehen gab! Daß mitten drin im Menschen so ein köstliches Kerlchen sitzt, das dachten sie nun freilich nicht; aber es ist doch so, daß man sich nur durch dies wache Kerlchen so unbändig freuen kann, das durch die Augen alles sieht und weiß, und die Hauptsache ist, der Herr, der Meister vielleicht im Herzen wohnt und nicht fort kann bis zum Tode.

So etwas lebte und webte in beiden; Beflügeltes trugen sie in sich, daß ihre Füßchen nur so hin tanzten, als steckten sie nicht in groben Schuhen.

So war es auch jetzt, leicht war ihr Herz, einem Federchen gleich; daß sie die Schule schwänzten, war so schön und gut!

Die Elster scheute sich nicht, vor einem dicken Bürgersmann einherzuspazieren, zu parlieren und Spitzbub zu schreien, Spitzbub, Spitzbub! Freundlich sah der Bürgersmann auf die Schwätzerin, wie ein guter Christ, der sich gern schmähen lassen soll.

Die beiden Mädchen hüpften vor Freude, und der Junge stand stolz und blickte auf seine Elster wie ein Wundertäter. Selbst hatte er sie im Frühjahr von einer der hohen Eichen auf dem Wall geholt, hatte ihr die Zunge gelöst und sie schwätzen gelehrt, ihr die Flügel gestutzt, und so war sie etwas geworden, vor dem man Hochachtung haben mußte. Da konnten sich die Schöffen nicht mit ihr messen, oder auch der erste Mann der Stadt blieb immerhin nur ein Mann.

42 Die Elster aber war durch ihr Schwätzen etwas Geheimnisvolles geworden, nicht mehr Tier, nicht Mann noch Weib, etwas, was es gar nicht gab, was der Junge geschaffen hatte; und so stieg auch der Junge für die beiden ins Ungemessene.

Dem fremden Jungen gegenüber waren sie ganz Bewunderung, ganz kleinlaut. Er war ihnen über. Ein sprechendes Tier hatte er gemacht. Und sie frugen bescheiden, ob er ihnen den Eichenbaum zeigen könnte, von dem er die Elster heruntergeholt habe.

»Geht als mit.«

Und das taten sie, hatten nun genug von dem heißen Feuerhaus, dem Aufschießen des versunkenen Flammenschwalls.

So wanderten sie durch die alten kotigen Gassen. Nur eine Straße und einige Plätze konnten sich zu jener Zeit sehen lassen. In den Gassen überragte jeder Stock den anderen. Da konnte man unten wohl gut gehen und fahren, aber das dritte Stockwerk hing so weit über und nahm Licht und Luft.

Und nun schauten sie nach ihren Bildern aus, die in ihrer Einbildung heute nacht bedroht waren.

Sie begrüßten sie wie alte Freunde. Die Haimonskinder auf ihrem langen Pferd, wie sie über eine Brücke einem dunkeln Tore zuritten, die standen hoch in Gunst.

43 Beth wollte dem Jungen ausdeuten, was für ein köstliches Roß die Haimonskinder hatten – und kam ins Schwätzen. Die Kinder blieben vor diesem Bilde, das sie in- und auswendig kannten.

»Gelt, jetzt schweigst du,« sagte Beth ganz erfüllt zu dem Jungen, »jetzt bring was vor! Komm mit was angeschossen.«

»So 'n Pferd gibt's als nit,« sagte der Junge kühl.

»Ei, hör – du bist ein Gescheiter! Als wenn es für gewiß in der Zeitung stünd, so gewiß gibt's so ein Pferd. Traurig, wenn's kein solch Pferd gäb! – Da gibt's als auch keinen verwunschenen Prinzen, he? – der in der Haut von eim grimmigen Tier im Wald muß herumlaufe?«

»Gibt's nit,« sagte der Junge.

»Gibt's,« sagte Beth voll Kraft und Einsicht. – »Gab's wohl auch keine Bathseba im Bad – und keinen König David? – Du, schwätz als!« rief sie heftig.

Dem Jungen dämmerte etwas vom König David. »Kann sein,« sagte er, »'s gibt so manches.«

Da waren sie auch schon am uralten Hause, das man mit Bathseba im Bade gar herrlich geschmückt hatte. Bathseba saß in einer gelben Badewanne auf dem Dach ihres Hauses, das mit vielen Türmen und Türmlein geschmückt war. Sie war von blauem Wasser ganz bedeckt, nur ihr Kopf mit einer schönen Haube sah heraus und Arm und Hand, auf der ein bunter Vogel saß. König David stand auch 44 auf seinem betürmten Haus und blickte auf den Kopf mit der schönen Haube und auf den Arm mit dem bunten Vogel.

Der fromme Maler hatte mit dem schönen Vogel, den König David so angelegentlich betrachtete, wohl die vom blauen Wasser sittsam bedeckten Reize der schönen Jüdin andeuten wollen.

Neben dem Haus zur Bathseba ein ganz in sich zusammengebrochenes, das ein hohes bemoostes Strohdach sich aufgestülpt hatte wie eine Haube, die schief saß. Katharinche Schaket würde sagen: daß dir die Haub hinterst der vörderst sitzt!

Dies Haus trug ein gar schaurig Bildwerk, an dem die beiden Schelme streng vorbeisahen. Es war für sie nicht da. Grün bemoost von Feuchtigkeit, sah man den Tod im mißfarbenen Kleid mit schlenkerigen Beinen, wie er tanzte. Wen er mit seinem Tanz erschreckte, war nicht mehr ersichtlich, ganz zerbröckelt, nur so viel sah man, daß da ein lustiger Herr mit einem Becher gesessen hatte. Der Becher und die Hand waren noch geblieben und etwas verschimmeltes Weinlaub.

Gerad dies schlimme Bild gefiel aber, wie es schien, dem Jungen, denn er stand breitbeinig davor und grinste.

»Geh,« meinte die Jüngere, »guck nit so hie.«

»Da dät ich so manches Zeitche verbringe. – Grad des gefällt mer wohl – ihr seid närrische Häns!«

45 »Bist kei Hiesiger?« frug Beth.

»Doch – aber unsereins durmelt an so Bildercher vorbei, das is mehr für euch. Was hab ich davo?«

»No,« sagte Beth, »ein Mensch bist du doch auch.«

Nun ging's aber weiter.

Sie zogen an manchem alten Haus vorbei, und grad wie der Junge hatten sie nicht Zeit für ihr großes Bilderbuch. In jenen Tagen war die alte Reichsstadt gar farbenprächtig trotz ihrer schiefen Häuser und ihrem Schmutz anzuschauen. Für Beth und die Schwester ein endloser Zeitvertreib im Sommer und im Winter. Mit dem Bilderbegucken wuchsen sie auf. Die waren eine Welt für sie, eine eindrucksvollere als die lebendige Menschenwelt, die in den Gassen ihr Wesen trieb.

Heut aber lockte der Wall und der Eichenbaum, von dem der Junge die Elster sich geholt hatte, es lockten die mächtigen Bäume, die köstlichen Rasenrutschen, auf denen man sich abwärtsrollen lassen konnte, der stille Schatten, das Sonnengeflimmer, das Windeswehen, die reine Luft, die sie draußen umspielte. Düster war's in der Stadt, und alle Gewerbe rasselten, klopften, schnurrten, dröhnten, taten, was sie an Lärm nur tun konnten – und ein jedes hatte sein besonderes Gerüchlein, und alle miteinander mit allem Drum und Dran einer eingepferchten Bürgermasse gaben oft herzhaften Gestank bei Sommerhitze und Windstille.

Die schönen, majestätischen Hochwälle aber lagen vor 46 der Stadt wie ein gewaltiges Paradies mit ihren Eichen, Ulmen und Linden.

Das Paradies ist verstreut über den ganzen Erdboden, wie auch die Hölle. Die dunklen feuchten Tore der Stadt führten unter den Hochwällen hin. Endlos, dunkel, wie die Todesnacht, die hinaus ins Freie führt aus dem Erdengetriebe. Als die Elisabeth eine alte Frau geworden war – und an das Paradies ihrer Jugend zurückdachte – als Napoleon die Festungswerke der alten Reichsstadt hatte schleifen lassen, sah sie in ihrer Sehnsucht nach dem Vergangenen die Herrlichkeit ihrer Jugend, erzürnte sich in ihrem Herzen und sagte einmal schmerzlich in jener kommenden Zeit: »Alles mußtest du platt treten, daß du die Tore aus den Angeln hobst, keinem mehr eine geschlossene Heimat gönntest! Ist das deine Macht, dummer Kaiser?

Die Wälle, auf denen die junge Bürgerschaft Purzelbäume schlug, auf denen alle Kinder die ersten Schlüsselblumen pflückten, auf denen sie im Winter Schneemänner auftürmten und in den prächtigen Eichen das Klettern lernten und die Raben- und Elsternester ausnahmen – und haben den Elstern das Schwätzen gelehrt, die zur Freud der Nachbarsleut auf freier Straß sind herumspaziert und haben mit ihnen parliert und sie Spitzbub gescholten, worüber sie ihr ganz arglos Pläsier hatten, daß so ein Rab sich gegen einen ehrsamen Bürgersmann herausnahm.

Und die lange, finstere Stadttore unter den Wällen, wo 47 man so neugierig nebeneinander durchpassierte, ohne in der Dunkelheit einander zu kennen, und wollte doch wisse, was der eingeladen hat auf dem Schubkarren, wer in der Postkutsch saß, ob das der Herr Nachbar wär, bis dann der Lichtstrahl hereinbrach und alle Einbildung entzauberte.

So manchem Bürgerskind wird's kalt und unheimlich sein, als wäre ihm die Woll abgeschoren mitten im Winter. Wenn man sonst durchs Gallentor hereingehen wollte und man sah die Wälle voll Schnee wie im warmen Winterpelz um die Stadt herumgedrängt, und wie da der Rauch von den Schornsteinen aufstieg und die Giebel guckten über die Wälle hinaus, ach, da lachte eim die lieb Stadt so einladend an, als wollte sie sagen: so komm doch herein du Schelm, was verfrierst du dir draußen dei Nas, komm herein ins Winterquartier, wo jedes Kind sein Platz findt hinterm Ofen, und was dem eine recht ist, wie es dem andre billig ist.«

Ja, so sah Beth der Gang zum Hochwall aus und noch so mancher nicht so erschlichene andere zu Winters- und zu Sommerszeit, als sie nach langen Zeitläuften der Hochwälle und der finsteren Tore gedachte, durch die sie hinaus ins rauschende Sommerparadies, aneinandergeschmiegt, durch die lange feuchte Dunkelheit bänglich geschlüpft waren.

Aber wir sind mitten im heutigen Tag! Das Gewissen der beiden Schelme ist so appetitlich und leicht wie sie selbst. Schule? – Alles andere wichtiger und schöner, – ein 48 armseliges Loch die Schule! – Ein Loch mitten in allen Herrlichkeiten des Lebens. – Aber gottlob nur ein kleines Loch für beide großen Schlingel.

Als sie mit ihrem Jungen und der kunstreichen Elster das schaurige Tor eilig passierten, dunkle Gestalten an ihnen vorübergingen wie Schatten und allerlei rumpelte, schwänzte und fuhr, da erschien ihnen der Junge, den sie neben sich spürten, mit einem Mal fremd und unheimlich, fast wie das Schauerbild am düsteren schiefen Hause, das er so dumm angegrinst.

Einen Blick hatten sie ein einziges Mal auf jene schlimme tanzende Gestalt geworfen – dann war Haus und Bild vor ihnen versunken.

Nein, das war doch kein Junge für sie! Doch während sie mit ihm durch die Dunkelheit stapften, fiel er von ihrem Gefieder ab wie ein Tropfen.

Draußen im hellen Tag, unter dem Baumesrauschen erschien er ihnen klein und dreckig mitsamt seiner Elster.

Sie gingen mit ihm, waren aber maulfaul geworden.

»Wo kommst du her?« frug Beth.

»Wo die Läus Hochzeit halte und der Floh zu Gevatter steht – wo werd ich groß herkomme?« sagte er.

Das gefiel ihnen auch nicht, trotzdem sie nicht heikel waren.

Sie pufften einander im Einverständnis – und so kamen sie unter die Eiche, aus deren Gezweig der Junge seine Elster im Frühjahr geholt hatte.

49 Vor ihnen schauten die bunten Giebel der Häuser über den Hochwall und schauten so traulich und heimlich. Und die Beth erkannte den Giebel des Hauses, in dem die lustige Bas Katharinche wohnte mit ihrem Mann, dem Herrn Schaket – und sie schaute darauf hin, wie man auf etwas Liebes, Warmes schaut – auf ein Nest. 50

 

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