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Die kleine Goethemutter

Helene Böhlau: Die kleine Goethemutter - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie kleine Goethemutter
authorHelene Böhlau
year1928
firstpub1928
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin/Leipzig
titleDie kleine Goethemutter
pages212
created20140327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Das Leben quillt auf. – Man schwätzt allerlei. – Das furchtsame Kind und das Gerippchen. – Der Vater und sein Geheimheft. – Der Joseph brennt. Katharinche Schaket kommt in aller Fröhlichkeit durch Sturmgeläut und Feuerlärm. – Das Kind, die Mutter und die fröhliche Frau. – Madam Schaket bringt Herrn Schaket aufs Tapet

Sie sitzen um den runden Eßtisch, der mitten im dunkel getäfelten Raum steht. Vater, Mutter, eine kleine Fünfjährige und ein winziges Bübchen, die beiden hurtigen Mädchen, die potz Schimper-, potz Schemperschreier. Es spielt ihnen noch immer um die Kinderlippen und strahlt aus den Augen.

Jetzt aber bleiben sie ehrbar und still, wie es sich gehört, in Gegenwart so würdevoller, wohlgeratener Eltern. Das älteste Kind hat das Tischgebet zur Abendmahlzeit gesprochen. Die junge Magd kommt mit der dampfenden Suppenschüssel und stellt dieselbe auf den Tisch. Die Mutter schöpft in die Zinnteller. Beim Hinausgehen zupft die Magd ungesehen das ältere Mädchen an einem Nackenlöckchen, das gar lustig und unternehmend sich aus dem kleinen, festen Knoten oben auf dem Wirbel gelöst hatte. –Das Kind schlägt ein wenig mit dem Fuß aus und reckt die Achseln hoch. Über das Gesicht geht ein verständnisinniges Lächeln.

14 Man sieht, sie liebt Schelmerei, die Kleine. Sie ist dankbar für alle Ablenkung von der Gewöhnlichkeit.

Man schlürft die Suppe. Es gehört gewiß zum guten Ton und ist der würdige Ausdruck dankbar hingenommenen Genusses. Die Kinder schlürfen nicht. Sie wissen noch nicht recht, wie man dies Geräusch mühelos hervorruft, aber es gehört ihnen zu Vater und Mutter, es erfüllt sie mit Achtung und einer gewissen Scheu. Es schließt sich an das Tischgebet an wie in der Kirche der Chorgesang an die Predigt.

Der Vater liebt es, nach beendeter Mahlzeit mit den Kindern, wenn das Speisegerät abgenommen und die Kerze entzündet ist, die Magd hat sie jetzt brennend auf den Tisch gesetzt, allerlei zu bereden, Fragen zu stellen, er läßt sich von ihnen erzählen, was sie tagsüber Besonderes erlebt haben.

Heute frägt er die Älteste, die Zierliche mit den frohen Augen, in denen es immer lacht und sich freut:

»Nun sage mir, mein Kind, was hast du heute erlebt, was ist dir über den Weg gelaufen?«

Sie lacht: »Über den Weg ist mir ein Jud gelaufe mit seim gelbe Hut und eim große Sack, den trug er über der Schulter. – No – da geht der Sack auf und falle als so Baumzweigelcher eraus.«

»Jetzt bringt sie was vor!« ruft das jüngere Mädchen lustig.

»Wie ich so geh wie ein Fisch im Wasser, der drin herumschnalzt, und die Baumzweigelcher falle als aus dem 15 Sack – und der Jud läuft – und ich lauf, potz Fritzchen, was fällt da eraus aus dem Sack, ein Bobbelche mit Florfontage und Falbellas, so eine verwunschne Prinzeß. Ich muß als die Händ überm Kopf zusammenschlage – heb 's Bobbelche auf – und lauf und lauf – und der Jud läuft – und da laufe wir als alle beid' – und immer fallen die Baumzweigelcher aus dem Sack und da – eine feuerrote Katz, so ein Katzorche und springt davon, hast du nit gesehen, wirst du sehen – und drauf ein Hanswurst und springt davon und drauf ein verwunschner König und springt davon – und drauf – und drauf – und drauf – und immer die Baumzweigelcher.«

»Ei so lüg!« sagt der Vater.

»Und überhaupt,« jubelt das zierliche Kind voll Feuer und Lust – »wieg ich hundert Pfund!«

Da lächelt der Vater, und das Kind springt auf und wirft sich ihm an den Hals, und er klopft es zärtlich und gehalten. Sein Ausdruck ist weich, fast träumerisch. Im Kerzenlicht legt es sich wie ein Schleier über seine starken Züge. Der Mund liegt ganz im Schatten, die Augen bekommen ein großes Übergewicht. Es sind nächtliche Augen, die der Tag nicht zum rechten Leben bringen kann. Die Kinder werden ins Bett geschickt. Die Älteste darf ein Viertelstündchen länger aufbleiben als die Kleinen. Die Kleinen aber ziehen sich im Zimmer aus. Die Magd kommt und bringt die Nachtkittel, und die Kleinen hocken und 16 ziehen sich selbst Schuhe und Strümpfe aus. Nackte Beinchen und Füßlein leuchten im Dämmer, rosige Körper blühen und werden eingehüllt, ein Waschbecken mit kaltem, frischem Wasser, um das die Drei stehen und vor dem die Magd kniet, ist eine Sache, die mit Scheu und Achtung betrachtet wird. Die Magd aber macht kurzen Prozeß und fährt mit einem gehörigen Lappen über drei Blumengesichter, und mit Seife rumpelt sie Hände und Beinchen, aber sie tut es gutgelaunt und packt dann die ganze Gesellschaft. Jedes trägt sein Kleiderpäckchen und die Schuh, und die Magd treibt sie zur Türe hinaus in die Schlafkammer.

Nun sitzen noch Vater, Mutter und die Älteste um den runden Tisch. Die Mutter hat das Spinnrad herangerückt und läßt es schnurren, der Vater schneuzt das Licht so genau und liebevoll sachlich, wie er vorhin die Pfirsichen abnahm.

Er ist jetzt an seinen Schreibtisch gegangen, der auch im Familienzimmer steht mitsamt dem hohen Aktenständer, der vollgepfropft mit wichtigen Schriftstücken seiner Proponenten ist, in dessen Nähe kein Kind sich wagen darf. Des Vaters Reich im großen, niederen Familienzimmer ist unantastbar, wie mit hohen Mauern umgeben. Selbst das kleinwinzige Bübchen macht kehrt, wenn es auf allen vieren kriechend die weite Stube durchmißt und der Machtsphäre des Vaters sich mit gesenktem Dickkopf genähert hatte.

Über dem Schreibtisch des Vaters aber flammt und leuchtet ein köstliches Bild, das dem getäfelten, großen 17 bürgerlichen Raum etwas Auserwähltes, ja Geheimnisvolles gibt. Von eines alten Meisters Hand stammt es.

Ein dunkeläugiger Königssohn von bedeutender Schönheit liegt auf einem kostbaren Prunkbett. Der König neigt sich verschattet über ihn, ein Arzt ist zugegen, und alle drei Personen blicken auf ein leuchtendes, in Prachtgewänder gehülltes junges Weib, das über Stufen herab dem Prunkbette zu schreitet. Die mächtigen, wie zu neuem Leben erwachten Augen des Königssohnes strahlen der Schönen, der Lebenbringenden entgegen.

Der Königssohn liegt wie in einem Licht der Freude, das die beiden jungen, herrlichen Gestalten verbindet. Alle anderen Personen und der ganze übrige Raum des Bildes ist in Schatten und Dämmer gehüllt.

Dies außerordentliche Gemälde steht dem Herrn des Hauses nahe. Er hat es schon vor Jahren aus dem Festsaal in das Familienzimmer bringen lassen, weil es ihm in der kalten Pracht des selten benützten Raumes zu lebendig, zu sprechend und auch zu bedeutungsvoll erschienen war, denn seltsamerweise blickte der Königssohn mit den dunklen Herrscheraugen der Hausfrau, und auch den beiden ältesten Kindern leuchteten in den blühenden Gesichtern die dunklen Augensterne der Mutter und des Königssohnes. – Dies wunderliche Zufallsspiel war dem Vater teuer.

Und so strahlten die Augen des schönen Jünglings über die Spiele der Kinder, über die fröhlichen Mahlzeiten 18 der Familie, und dem Vater erschien es, als blickte ein Bruderwesen aus dem schweren, goldenen Rahmen auf sie alle herab.

Jetzt kramt er unter seinen Papieren und bringt ein geheftet Büchlein zum Tisch.

Die Frau schaut mit einem wunderlichen Blick auf den Mann, als erwarte sie etwas Besonderes, was mit diesem vergriffenen Heft wohl zusammenhängen mochte.

»Nu geh,« wendete er sich an sein ältestes Kind, »'s wird Zeit. Zuvor aber bring von der Babelage aus dem Pfirsichkorb ein Stücker acht Pfirsich.«

»Nimm das Tellerche dort,« sagt die Mutter, »und leg sie fein sauber drauf. Verschütt das Öl nit aus dem Lämpche, wenn du es vom Podestche nimmst.«

»Und geh allein!« ruft der Vater noch nach.

Und das Kind geht allein, hätte die Magd gar gern mitgenommen, über die breite, dunkle eichene Treppe mit den schweren Balüstern und den ungeheuren, düsteren Schränken, die auf dem breiten Treppenabsatz stehen. Da brannte das Lämpchen und ließ im flackernden Dämmerlicht die uralten, geschnitzten, von der Zeit tiefgedunkelten Schränke wie geheimnisvolle, stumme Häuser erscheinen.

In einem der ungeheuren Schränke, so raunten sie unten in der Gesindestube, habe man vorzeiten ein Kindergerippchen gefunden in einem schwarzen Schrein.

Die Kleine hatte das mit Grausen gehört und oftmals 19 gehört und hatte nachts, wenn sie einmal wach wurde, an das Gerippchen denken müssen, so ein Gerippchen wie auch sie eins in sich hatte – unsichtbar freilich, aber es war doch da in aller Verborgenheit, und sie mußte oft an das Kind denken, dem das schaurige Ding im Schrank gehört hatte. Wie es in den Schrank gekommen sein mochte? Nicht auszudenken, was da alles geschehen sein konnte. Vielleicht war das Kind verwunschen und mußte als Geripplein liegen und warten, bis es erlöst wurde. Und alles war von ihm abgefallen, seine Härlein, die Wangen, alles Warme und Weiche und Feine, und nur sein kleinwinziges Herz war geblieben und wußte alles – und die Zeit verging, und es hatte immer allein gelegen, und niemand hatte nach ihm geguckt. – Wo sie es wohl hingetan? – Ob sie es erlöst hatten? –

So ging sie erschauernd an den düsteren Schränken vorüber und die kleine Treppe hinauf zur Babelage, einer unter der Decke eines Raumes angebrachten Galerie, von wo herab man auf die unten im Raum aufgehäuften Vorräte des Haushaltes sah. Da hingen die Schinken, Würste und Speckseiten, da standen die Säcke mit Mehl, die Fässer mit Öl und Fett, die Hülsenfrüchte, die Töpfe mit eingelegten Eiern, das gedörrte Obst, eingekochte Früchte und frisch geerntete Äpfel in Haufen.

Das Licht des Lämpchens ließ hin und wieder etwas aufleuchten, eine wohlbeleibte braunrötliche Wurst, ein 20 Obstgeschimmer, die weißen Kerzenbündel, Wachslichter und Talglichter, alles schimmernd und dämmernd.

In diesem Raum aber hatte die Kleine nichts zu suchen, der war fest verschlossen und verwahrt, aber auf der Babelage stand der Korb mit Pfirsichen. Wie sie dufteten! Man roch sie, ehe man sie sah. Sie überdufteten alles.

Das Kind langte in den Korb. – Wie sie sich weich und noch fast wärmlich anfühlten. Die hatten an Sonne sich beduselt – und süß – süß! Dem Kinde lief ein Pfützchen im Munde zusammen, es schluckte – und wie der Lichtschein auf den Köstlichen tanzte, da leuchtete es rosig, da tiefrot, voll und goldig. Und das Flaumpelzchen hüllte alles so zart und freundlich ein. Der süße Saft, das zarte Fruchtfleisch! – Beißen – beißen – saugen. Die Zähnchen bissen aufeinander, die kleinen festen braunen Hände aber legten die acht Früchte gehorsam auf den Teller – befühlten gar manche noch und verweilten mit den Fingerchen.

Es war nicht leicht, so allein im Dunkeln vor dem Pfirsichkorb zu sitzen und nur zu befühlen und zu riechen, und dann wieder an den großen schaurigen Schränken vorüber, die breite, böse Treppe hinab und das Lämpchen halten und beileibe nicht verschütten und nichts betröpfeln – als ob das alles leicht wäre! Das dachte das Kind nun freilich nicht – aber es war das alles nicht leicht.

So eine kleine zarte Seele und eine so breite dunkle harte Treppe und so tiefe, große Dunkelheit und so ein winziges, 21 schwankendes Licht, die aufragenden düsteren Schränke, das Gerippchen, das sich Steifen und Halten gegen Furcht und Grausen, die Verlockungen vor dem Fruchtkorb, das Beißen- und Saugenwollen, all die Kämpfe im Herzen, das schwer errungene Heldentum. – Und was war es schließlich, das Kind sollte acht Pfirsiche auf einen Teller legen und in die Wohnstube bringen; – aber so sind die Aufträge dieser Welt und dieses Lebens, sie sehen so harmlos aus und sind so schwer.

Kennt ihr die Sage von der großen Weltenschlange, der Mitgartschlange, die die ganze Welt zusammenhält?

Die lag einmal am warmen Ofen auf der Ofenbank und wollte sich wärmen, da kam ein Knecht herein und sah sie.

Ei du! dachte er, was machst du da! Und es schien ihm nur eine gewöhnliche einfache Schlange zu sein.

Er hob sie, denn hinaus mußte sie, aber er hob und hob – und hob –, da war's ihm, als stürzte die ganze Welt auf ihn, so schwer war sie. Er aber ließ nicht nach und hob und hob – und hob – und schleppte sie –, da war's, als stürzte Sonne, Mond und Sterne auf ihn, so schwer war sie; aber er schleppte – und schleppte – und als er sie endlich draußen hatte, da wußte er, daß es die Mitgartschlange gewesen war, die sich hatte wärmen wollen, und die er gehoben und getragen hatte.

So geht's.

22 »Na, kommst du,« sagte der Vater, als die Kleine ihm den Teller mit Pfirsichen hinhielt, und er strich dem Kind übers Haar und reichte ihm den größten, schönsten Pfirsich. Das Kind aber war sehr müde geworden und nahm den Pfirsich wie schon im Traum lächelnd und trug ihn mit beiden Händen haltend, als es Vater und Mutter den Gutenachtkuß gegeben, zur Türe, als trüge es ein Kleinod.

Der Vater blätterte in seinem Heft. Die Mutter spann nicht mehr und schaute nachdenklich auf den Mann.

»Hast du was im Büchelche eingetrage – in Gottes Namen?«

»In Gottes Namen –« antwortete der Mann.

»Die Welt steht auf einem Fuß, wo keiner an die Wirklichkeit des anderen glaubt – und wenn die Wirklichkeit nicht ist wie aller Tags Gesicht, dann gar nit.«

»Doch – ich glaub –« antwortete die Frau. Das schmale Gesicht mit den dunklen, vorherrschenden Augen war ernst.

»Hör also: – da kommt's! – aber wie ein Sturmwind angerennt – angerasselt – ganz erschrocken – und hält still. Am Liebfrauenplatz brennt's! – Der Nachtwächter ist aufgedämelt und stößt ins Horn! – Die Bürgerschaft erwacht. Die Fenster werden hell – wir aber schaun den Feuerschein einer blutroten Wolke gleich überm Tor – der Joseph brennt!«

»Der! Der Joseph am Wüstenborn,« sagt die Frau, 23 »das schöne Haus von dene Goldschmieds? – Ja –, wann in Gottes Namen?« frägt sie.

»In der Nacht von heut zu morgen – heißt es. In der Nacht, wo die Wetterfahnen das Wort führen.«

»Oh, du Gott!« ruft die Frau – und horcht. Still ist's in der Stube.

Aber was ist das!

Nach dem stillen Sonnentag hat sich ein Herbstwind aufgemacht und saust im Hof und rüttelt an den Fensterläden.

»In einer Nacht,« wiederholt der Mann, »wo die Wetterfahnen das Wort führen, so sei es –, so heißt es. Im Jahre der Gnade 1741 am 1. Oktober, im Herbstmonat –.«

»Und wann schriebst du's?«

»Vor Jahresfrist,« war die ernste Antwort.

Stille.

Die Frau sitzt andächtig wie in der Kirche mit gefalteten Händen und gebeugtem Kopfe.

Der Mann erhebt sich, geht zum Schreibtisch in sein Reich, holt die schwere Hausbibel, legt sie behutsam auf den Tisch.

»Geh, Johann, laß mich däumeln,« sagt die Frau, leise bittend und ein wenig bebend.

Er schiebt ihr lächelnd die Bibel hin.

Und sie fährt mit dem rechten Daumen in großer Andacht zwischen die Seiten des mächtigen Buches mit geschlossenen Augen.

24 »Und siehe,« sagte sie dann, als sie gefunden: »Gott der Herr spricht zu uns, Weisheit Salomonis erstes Kapitel, 13., 14. und 15. Vers.« Sie schob ihm das Buch wieder zu, und er las laut: »Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat nicht Lust am Verderben der Lebendigen.

Sondern er hat alles geschaffen, daß es im Wesen sein sollte; und was in der Welt geschaffen, das ist gut und ist nichts Schädliches darinnen.

Dazu ist der Hölle Reich nicht auf Erden, denn die Gerechtigkeit ist unsterblich.«

Des Mannes Augen blicken stark und ruhig, und die Frau hält einen stillen Gottesdienst in ihrem Herzen.

Da bläst der Türmer aus dem Gaubloch der Katharinenkirche. Im Windgebraus werden die Töne zerrissen, daß sie im Sausen und Brausen sich völlig verlieren.

»Das ist freilich Sturm,« sagt der Mann. »Der Joseph brennt, wie ich es sah in Gottes Namen.« Er spricht das so gelassen aus, als läse er die Summe unter einer Addition, die er soeben beendet.

»Gott im Himmel sei dene Goldschmieds gnädig!« ruft die Frau und hebt die gefalteten Hände.

»Gott hat den Tod nicht gemacht und hat nicht Lust am Verderben der Lebendigen. Wir stehen umgeben von Geheimnissen – von unergründlichen Geheimnissen,« sagte der Mann.

Da stürmt es mächtiger. Die Türmer blasen mit der 25 ganzen Kraft ihrer Lungen aus den Gaublöchern aller Türme der Stadt – die Glocken läuten das Sturmgeläut. Die Nachtwächter sind allerorts nun aufgedämelt. – »Feurio, feurio!« rufen sie greulich aus Sprachrohren, so greulich sie es vermögen, und das Volk rennt und heult. Man hört es stark und doch dumpf über das Tor herüber durch den stillen Hof, denn das Haus steht nicht an der Straße.

Und da, wenn man am Fenster schaut, sieht man den Feuerschein einer blutigen Wolke gleich über dem Tor, wie es der Hochgelahrte, Wohlfürsichtige vorausgeschaut und in seinem Büchlein, in dem er Vorträume, denen sich sein Wesen von je zuneigte, Ahnungen und Schauungen niederzuschreiben pflegt.

Jetzt klopft es draußen.

»Mit dem Türklopper am Pförtchen – das ist ein Bekanntes. Geh, guck einmal, wer's ist,« bittet die Frau ängstlich. »Die Mägd sind gleich rebellisch und verextert. Es geschieht so alle hundert Jahr gar nichts – und wenn was geschieht, fahren sie wie die Bomben daher!«

Das Pförtchen war aber schon auf, und man hörte Stimmen.

Durch alles Gerede hindurch aber klang eine frischfröhliche Stimme: »Ihr Gäns ihr! Daß mir da keine hinauswitscht! – Freilich brennt's – und wie! Wollt ihr den Durmel etwa ausblase, he? Daheim gebliewe!«

26 »Das ist,« sagte der Schöffe und lächelte, »die Kattunhändlerin und Hebamm – die mutwillige Personage!«

»Katharinche!« ruft die Schöffin, und ein freundlicher, lichter Ausdruck geht über das strenge, schöne Gesicht der Frau.

Und herein kommt ein behendes junges Weib mit ein Paar Feueraugen, geblümtes, gebauschtes Kleid und in der kleinen schwarzen Salopp. »Daran habt ihr nit gedacht, wer da angerumpelt kommt durch Feuersnot und Wind wie der leibhaftige Genius mit zwei ungeheure mächtige Flügel; und den Sonneparapluie hab ich bei nachtschlafender Zeit als auch noch mitgebracht, weil ich von früh an auswärtig war. Wollt nur nach dem hochweisen Schöffen und der Schöffin frage, weil ich grad des Wegs komm nach meiner Amtierung.«

»Katharinche – und wieder hat er's vorgeschaut – und wie! Wir haben eben gesesse und gelese im Heftche – da machte sich der Wind auf und fuhr daher – und heut, da war's! Da sollte der Joseph brenne, und alleweil kam's grad wie ein Sturmwind angerasselt.«

Die fröhliche Frau war nicht ganz im Bild. »Das hat deinem wohlfürsichtigen Herrn wohl wieder geträumt?« frug sie. »Potztausend – das laß ich gelte! So ein lieb Göttche spiele kleidet ihm wohl – und nur das Absonderliche ist Erlebnis für die feurige lebendige Gemüter.

Schaut, welche Glut!« Sie trat ans Fenster. »Gott 27 mög mich nit strafe; aber mir hüpft das Herz, wenn's nit so alltagsschlendermäßig zugeht. Wirst du mir's jetzt ehnder glaube,« frug sie die Schöffin, ihre gute Freundin, »wenn ich sag: Bei euch ist's leichter an de liebe Gott glaube, weil's so prophetischmäßig bei euch zugeht, als beim Prediger seine ewige Wüste Gobi, durch die er seine Andächtigen führt, bis sie als gähne.«

Da tat sich die Tür auf, und das älteste Kind kam im Nachtkittel leichtfüßig hereingeflogen und direkt in die Arme des schönen jungen Weibes, der weitläufigen Verwandten der Schöffin, der Frau Katharina Schaket, die die Hebammenkunst erlernt hatte und auch noch ein Kattunlädchen führte, was beides die vornehme Schöffin nicht hinderte, mit ihr getreue Freundschaft zu halten. Das lebhafte, muntere Wesen der allezeit fröhlichen Frau war gern gesehen im alten stillen Haus.

Das Herz, was ihr am meisten hier zugehörte, war das des ältesten Kindes.

Jetzt hielt das Kind die fröhliche Frau ängstlich umfangen und wühlte sich ganz in sie ein. Der blutige Feuerschein, das Rennen und Rufen auf der Gasse, das Stürmen und Läuten hatte es im ersten leichten Schlaf geschreckt und aufgescheucht.

Die anderen Kinder schliefen, als der Lärm begann, schon den tiefen Kinderschlaf. Die Kleine aber schluchzte ein bißchen und konnte sich nicht eng genug an die lebendige 28 Weichheit schmiegen, die mitten im Schrecken der Feuersnacht sie umfangen hielt.

Nun aber machte sich der Vater auf, um zur Brandstätte zu gehen, was er seiner hohen Stellung als Ratsherr schuldig war.

Die Frau brachte ihm Mantel und Hut.

»Ei,« sagte das Weiblein, zärtlich zum Kinde gewendet, »weshalb ging der Hochfürsichtige nicht, bevor es zur Feuersbrunst kam? Ei, Mannsleut, soviel zu tun habe sie, wie? – wie die Maus im Kindsbett! Und die notwendigsten Dinge im Leben, da schaut keiner drauf, und wenn unser Herrgott sie mit der Nas drauf stößt!«

»Bin Euch sehr obligiert,« meinte der würdige Mann lächelnd; er hatte schon die Türklinke in der Hand.

»Nu, wär ich nit dahergerumpelt nach solch einem Traum und hätt' im Joseph gesagt: Schaut euch vor und gebt Achtung – mir hat geträumt, der Joseph will brenne.«

»Ja, geträumt, Frau Bas! Wenn sie wüßten, du gingst mit so was um – Gott befohlen.«

»Gib als Obacht, Johann, sei fürsichtig,« sagte die Frau leise.

»Möcht kein Mannsbild sein, net um die Welt Gotts!« rief die muntere Person, als die Türe sich hinter dem Schöffen geschlossen hatte. »Wie sie dem frischen Lebensgeist den Boden vor den Füßen abgraben vor lauter 29 Würd und Weisheit. Ich mein: Lieber zehn Dummheite mache, als die Weisheit mit Löffeln fresse und hochfürsichtig werde, daß sie einen also titulieren.«

Da lächelte die Frau Schöffin und meinte: »Nun, dann mußt du mit dem deinen ja recht zufriede sein, Katharinche?«

»Gar nit in Abred – aber doch, zufriede gewiß nit! Nu, mei lieber Adamssohn, wie steht das nun um dich? – Vor Würden und Gelehrsamkeit steif gefrore, oder ohne das, nirgends an und aus. Bei so bewandte Umstänn ist mir's schon lieber, daß mich mein guter Geist ein Weibsbild werden ließ. Man tut sich leichter so. Und gar so ein Schlemihl wird eins doch nit!«

Das Kind war still und ängstlich. Noch immer dröhnte es von den Türmen, und auf den Gassen rannte es und heulte, die Fensterläden klapperten im Wind, und der rote Schein glühte am Himmel.

»Du Goldiges, Goldiges,« sagte das Kind leise, als wäre sein Brüstlein bedrängt – »wenn nun der Joseph am Wüstebrunnen brennt und die bösen Brüder – und wenn der Wind so geht, könnt doch auch das Jesuskindche und die heiligen drei Könige zu brenne anfange – und die Bathseba im Bade und der König David?«

»Die brenne nit – denk doch, was das für eine Frag ist, so weit weg wie die sind!«

»Aber die Haimonskinder sind recht nah, du –«

30 »Du meinst, deine Bilder verbrenne dir, dein großes Bilderbuch? Die ganze bunte Stadt müßt da ja brenne!

So, das kommt ganz apart heraus! Denkst nur an das Bilderwerk, weil's dich freut, und an die Leut und ihr Sach – und die Betten – und die Kleider und Schlüsseln und Töpf nit. Wie du bist!

Gelt, jetzt schweigst du? Zuerst komme die Leut, dann die Sach, zuletzt die Bilderche, die alte grausliche Bilder an den Häusern.«

»Doch nit grauslich, Goldiges?«

»No nein, nit grauslich – aber die Hauptsach sind sie nit – die Hauptsach ist alles Lebendige. – Da ist ein Mäusche ein großes Wunder als der ganze Joseph, der Wüstebrunne und die bösen Brüder – so ein Mäusche hat eine kleinwinzige Seel – in der wohnt ein kleinwinzig Stückche vom liebe Gott, so winzig, winzig einem Stäubche gleich; aber was ist da ein tot Bild dagegen!«

»Aber so ein Katzorche, so ein böses – was die Mäusercher frißt –, hat's auch ein Stückche vom liebe Gott?«

»Wenn's mit sei' Kinderche spielt, gewiß, du!«

»Ja, nenn's! Aber –«

»Geh, frag nit so viel, exter mich nit. Geh in dei Bett. Ja, so Katzorche?« sagte das feine Weib wie für sich hin, »so Katzorche, so lieb die sind, sind schaudervolle Viecher, aber ihr Stückche liebe Gott haben sie auch mit wegbekomme.

31 Was da lebt ist Gottes.

Mach, daß du brav wirst – und kein Katzorche.«

»Goldiges,« sagte das Kind, »die Bilder sind mir als doch lieber wie alle Mäusercher mitsamt!«

»Vielleicht hast du recht,« meinte die fröhliche Frau und drückte einen Kuß auf die Stirn des Kindes. »Und wer weiß, kriegen wir's doch raus, weshalb das Bildwerk an den wüsten Häusern uns beiden so arg gut gefällt. Nu aber geh schlafe.«

Da gab's noch eine Küsserei und Zupferei, und sie spielten miteinander wie zwei Katzen.

»No,« sagte die schöne ernste Mutter, »fällt da für unserein gar nichts ab?«

Da stürzte das Kind auf sie zu, weil es sich betroffen fühlte, und küßte die schlanken Hände und schwang sich hin und her in Verlegenheit und Liebe.

»So summ und brumm mit deim Rüsselche – und jetzt allons!« Das Kind bekam einen leichten Klaps, auch wie aus Verlegenheit und Liebe, denn die Frau war an stürmische Liebesbezeigungen ihrer Kinder nicht gewöhnt.

Es hatte sie wohl ein wenig gekränkt, zu sehen, wie ihre Freundin und Base mit dem Kinde umsprang und wie so gar vertraut sie miteinander waren.

Man bekommt, was man gibt, dachte sie und musterte die jüngere Frau, die in ihrem geblümten, bauschigen Kleide, der kleinen schwarzen Saloppe, dem blühenden Gesicht und 32 den dunklen leuchtenden Augen, den bewegten, lebendigen rundlichen Händen, die an dem Handballen wie rosige Bäckchen hatten und so geschwungene weiche Fingerlein, daß diese kleinen Hände wie eine Liebkosung aussahen.

Die Hände der Mutter waren schlank, ein wenig hart von mancherlei Arbeit im Hause geworden. »Das Kind hat deine Augen, Katharinche,« sagte die Mutter. »Wir sind doch nit so nah verwandt, wunderlich, wie so was in den Familien spukt.«

»Sie hat einfach die Lindheimerschen Augen, die brenne sich in all den Lindheimerschen Gesichtern durch wie 's Feuer. – Meinst du, bei dir nit? Vor deinen habe ich mich manchmal gradaus gefürchtet, so gut du bist – aber wenn du guckst, als hättst du Feuer in den Adern – und der ganze Handel dreht sich drum, ob 's Kindche in die Windeln gemacht hat. Du Herrgöttche, solch eine Feuersbrunst! Was braucht's einen Zwölfpfünderblick unter einer Weiberhaube?«

Da lächelte die schlanke Frau und schaute auf die Muntere, über deren Augen etwa rosa Morgenwölkchen zogen.

Bei der Frau Schöffin aber war es Tag.

»Auch ich wollt,« sagte sie, »ich wär betulicher. Sind die Augen alleine nit. Schau nur, wie dir 's Salöppche sitzt, gerad als zum Davonfliege – und dein Häubche flattert selbst in der Stub. Und das meine sitzt wie aus Draht und das Busentuch, als wär's gemeißelt.«

33 »Ei, ich setz den Fall, die Schöffin und das Katharinche sollten ausgemustert werde. Wer bekäm den Preis? – Ei, freilich die Schöffin! Sauber wie eben aus dem Ei, und manierlich schon von obe bis unte – i der Tausend! Da gäb's keine lange Wählerei. Die Katharin aber, da rührt sich nix, denn so, wie sie ist, ist nit viel mit ihr aufzustelle. Alles fliegt und flattert, das ist wahr, ein abscheulich Gesicht, als wär's vom König Salomo seim Thron abgebroche, oder so eine Turmknaufenfratz. Geh! – Die eine ist ein fürnehm Weib in eim Haus, das sich sehen lasse kann, hat e Mann wie e Fels an Bravheit, ehrenreich, so daß er steigt von Staffel zu Staffel bis in die höchste Spitz vom Kerschebaum, – da wird er sitzen wie der König Salomo und richten die Lebendigen und die Toten. Wer diesen Mann sieht und nit liebgewinnt, dem ist nit zu helfe.«

»So geh mit deinen Dummheiten, unsinnige Kreatur!« rief die Schöffin. Und doch klang ein verstecktes Lachen in den Worten.

Die Katharin aber war ins Schwätzen gekommen und fuhr daher wie ein Füllen, das sich auf und davon gemacht hat.

»Sapperment, da schaut euch aber das Kathrinche an! – Ein Gegenstück, so weit sie warm ist, mit allem Drum und Dran. Der ihr Mann, wenn er auch mitgemustert werden soll, was besser nit geschäh, ein kompletter Narr, was ihr 34 doch besonders gut gefalle hat, weil sie vor das Närrische ist – ein Kreuzschnabel durch und durch, so weit er warm ist, der Kathrin ihr Kreuzschnabel. Sitzt nit zu Gericht – hat nichts zu sage, ist ein Kautz von eim Doktor, Geizkrage in höchster Potenz – schreibt aber kei Rechnung nit. Das Geld geht ein: kommst her oder nit? Für die Frau gibt's kein Pfennig, für das Häusche kein Pfennig, fall ein oder nit – mir ist's gleich. Keinen Rock für die Frau, kein Tüchelche, kein Schuh. – Ja, ein Schuh zu Weihnacht, zum heiligen Osterfest den zweite. Daß ich derweil nit barfuß lauf. O je! – So was kommt in seim Menü nit vor!«

Die Katharin stand wunderlich mit den Fremdworten.

»Die Küch sieht zum Erbarme aus – daß er sie weißen ließ! Daß ich nen Meister hole darf? Außem Gefängnishaus muß der komme, weil der Meine Gefangenendoktor is und allerlei Vorteil dabei hat, doch muß er warte, bis emal ein Weißbinder erwischt wird. Bis – bis – ja, bis!

Das Kattunlädche kam – weil die Katharin nit nackt laufe wollte. Zuerst zwei, drei Stückercher, recht herzhafte Muster und Farben. Die Stoff hingen von Zeit zu Zeit zum Fenster hinaus, wenn der Doktor nit daheim war, und lockten die Weiber aus den Häusern der Nachbarschaft.

So – das ist das Katharinche und ihr Doktor – daß ihr die Haub hinterst der vörderst sitzt! Das war doch vorher nit, ehe sie den Doktor hatte und sie Kattunhändlerin wurde – und Substitut für die Stadthebamm – und sie die 35 Schwänzelpfennch nit leide mag, die sich das Weibsvolk macht! Was soll sie tun, die arme Haut? Die Fröhlichkeit wär' ihr vergange mit ihrem bockbeinige Kreuzschnabel, über den sie doch als so viel lache muß.

Nit emal zum e Kind konnt er sich aufschwinge.

An mir liegt's nit, die Fruchtbarkeit wär ich schon selber gewese, aber mitgegange, mitgehange, so heißt's in der Eh und nit anders. Kopf obe und nit den Mut verliere und sein bisselche Lieb.« 36

 

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