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Die kleine Goethemutter

Helene Böhlau: Die kleine Goethemutter - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie kleine Goethemutter
authorHelene Böhlau
year1928
firstpub1928
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin/Leipzig
titleDie kleine Goethemutter
pages212
created20140327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Geheimnisse wogen auf

Als der Winter vorüber war, kam ein große Zeit für die Reichsstädter. Karl Albert von Bayern sollte zum deutschen Kaiser gekrönt werden.

In einem Bienenschwarm, der eine neue Königin will, mag es ähnlich wie in der Freien Reichsstadt, die für das ganze deutsche Reich einen Kaiser krönen soll, zugehen.

Jede Biene hat im Bienenstaat bei der Wahl ihr Teil zu summen und zu schwirren, zu fliegen, zu eilen, hat ihren Platz, fühlt sich notwendig im mächtigen Geschwärm, – so auch hier. Jeder Bürger, Arbeiter, Handlanger, jede Magistratsperson, die Herren vom Adel, Weiber und Kinder, alles war Bürger und wichtig. Der armseligste Haushalt wurde umgedreht von oben bis unten, alle Lumpen gelüftet, jedes Mauseloch gekehrt, jede Wanze verfolgt, die Betten geklopft, jeder Strumpf gestopft, jeder Speicher geräumt. Ein Weib, noch so arm, wollte Glanz seiner Armseligkeit, als sollte der Jüngste Tag hereinbrechen und der Allwissende herniederfahren, um in der menschlichen schlimmen Wirtschaft endlich Böses und Gutes zu scheiden.

196 In jedem Amtsgebäude würde es zugehen wie bei den Weibern, vorausgesetzt, daß der Jüngste Tag amtlich und nicht nur am Firmament verkündet würde.

Alle Lügennester wären dann zum Zerstieben verurteilt, betrügerische Aktengebirge verschwänden in finsteren Kloaken und Löchern, in die auch kein allwissendes Auge gern sieht. Brennen würden unsagbare Ungerechtigkeiten und Scheußlichkeiten, die bisher niemanden gestört hatten. Untergebene würden gerüttelt, bedroht und geprügelt werden.

Hoch und niedrig wüßte mit einemmal, was sich gehört und nicht gehört. Das Böse und Ungerechte würde verschwinden, um einer großen Unschuld Platz zu machen. Leer starrten Schränke und Aktenhunde der Behörden. In jedem Kaufmannshause würden die Haupt- und Nebenbücher lodern und was sonst gefährlich, kurz, überall käme das Böse zum Brennen. Alte und neue schlimme Liebesbriefe bei Mann und Weib, bei den Schulkindern allerhand, was besser verbrannt und nicht sichtbar wäre. Die Erdkugel wäre in undurchdringliche Rauchwolken gehüllt, und das ganze Firmament röche nach verbranntem Papier, das außer den Menschenherzen der schlimmste Träger aller Ruchlosigkeiten ist.

So toll ging es nun bei einer Kaiserkrönung in der alten Reichsstadt zwar nicht zu.

Es wurde da mehr glattgerieben, verdeckt, übertüncht, vergoldet, was glänzen und strahlen sollte. So mancher 197 unflätige Bauch bekam einen goldenen Überzug, mancher armselige Mensch wurde ganz auf neu hergerichtet. Es war, als sollten aus allen Weibern lauter Liebesgöttinnen gemacht werden.

Samt und Seide, Schminke, Schönheitspflästerchen, duftende Puder, cul de Paris, Merlüchen, Fontangen, Silber- und Goldposamenten, Spitzen, Flor, künstliche Blumen, falsches Haar, Schuhchen mit hohen goldenen und roten Absätzen, in Strömen kam das alles schon Wochen vorher auf gewaltigen Frachtwagen, aus aller Herren Ländern, durch die finsteren, feuchten Tore gefahren. Ja, schön wollte man sein und sich zeigen als auch einer, der in der Freien Reichsstadt den Kaiser wählen und krönen konnte – einen wirklichen Kaiser, der eigentlich aber erst in der alten Reichsstadt gemacht wurde.

Wohin man sah und hörte, alle Welt steckte bis hinter den Ohren in Vorbereitungen. Die Häuser wurden geputzt und so manches der köstlichen Bildwerke übermalt zum Kummer von Kinderherzen. Diesmal, hieß es, würde es eine ungeheure Herrlichkeit. Der Kurfürst Albert von Bayern war prachtliebend, das erzählte man sich, und würde mit nie dagewesenem Prunk einziehen. Was Kurköln, Kurtrier vermochte und Kurmainz, die Wahlbotschafter allein, das beredeten die Bürger, denen die Pracht voriger Krönungen in der Erinnerung lebte.

198 In Madam Schakets Wohnstube saßen die drei Personnagen, die nach Herrn Schakets guten Vorsätzen froh beieinander waren, und besprachen sich, wie sie das kommende Fest nach allen Richtungen auskosten wollten. Es war abends.

Herr Schaket sagte: »Dies gewaltige Spreizen muß eins ganz und gar miterleben. Das will ich sehen, wie der nackte Erdenwurm, der als armseliger Fetzen unter Martern geboren wird und unter Martern, nach vielen Torheiten, Ungereimtheiten, Bosheiten, Freuden und Schmerzen und wenig Erkenntnis wieder mühselig dahinstirbt, was solche arme Erdenwürmer aus sich machen können in ihrem Machtrausch. Ich will sehen, wie sie zu Kostbarkeiten werden, zu hohen Heiligtümern, gradweis bis zur fast unausdenkbaren Majestät.«

»Ei, wie jeds klein unverstännige Kind,« sagte Madam Schaket mit großer Kraft, »einst als großer Held an den Pforten der Ewigkeit steht. Das ist eben die unerhörte Gewalt der Menschheit, die alles imstande ist.

Ei, aber es freut mich doch,« fuhr sie begeistert und fröhlich fort, »daß die Kaiser vor dem Territorium der Stadt allemal haltmache müssen und im Lager unterm freien Himmel im Zelt kampiere müssen, bis in unseren Mauern ausgemacht ist, ob wir ihn wollen oder nit – und was das für eine glorreiche Geschicht ist, wenn die Menschheit eine Geltung hat vor ihrem Regentenhaupt – wenn die deutsche 199 Menschheit ihren Kaiser anschaut mit feurigem Blick, der in Respekt hält vor ihrer eigenen Hoheit.«

Herrn Schaket gefiel, was seine heitere und blühende Frau sagte.

Er riß das Fenster auf. Die Sterne strahlten vom Firmament, aber so weit das Auge blicken konnte, auf Erden auch Stern an Stern, Feuer an Feuer, leuchtende Züge mit Fackeln näherten sich der Stadt.

»Guck, Beth,« rief Herr Schaket, »das ungeheuerste Feldlager, das je eine Stadt sah! – Ein Kriegsheer sondergleichen! – Welche Scharen! – und bringen lauter Herrlichkeit – köstliche Gewänder der höchsten Herren, vergoldete Kutschen und Karossen, wundervollste Pferde, und was es an gewaltigen Menschen gibt im ganzen großen deutschen Reich, – alles strömt herbei!«

Und sie blickten hinaus in das gewaltige Ziehen und Leuchten. Die Feuer aus dem Lager glühten gen Himmel.

»Und alles für einen!« rief Madam Schaket. »Wie mag's dem zumute sei? – Und gar erst morgen, wenn all die ziehende nächtliche Herrlichkeit sich auferbaut! Er daherreitet mit aller einzigen Pracht!

Das irdische Leben, das ist die Eierschal, durch die der ewige Geist sich durchpicke soll, da ist nicht abzusehe, wie oft die Brut mißrät. – Und er!

Hawe wir Müh genug unserem dünne Eierschälche – und er muß mit seim Schnabel durch eine ganze Weltenschale.

200 O Gott, du mögst ihn gnädig behüte und bewahre!

Was ist die Welt for ein magischer Spiegel! Die Bilder stehen sogar wunderlich gegeneinander.«

Da begannen alle Glocken in allen Kirchen zu läuten, und in den Kirchen war feierlich nächtlicher Gottesdienst.

Das Läuten aber war ein gewaltiges Dröhnen, herzbeklemmend und erschütternd wogte es über die alte Stadt, wie ein brausendes Meer und weit darüber hinaus, über die mächtigen Hochwälle und das unübersehbare Heer.

Alles um einen! – Alles um einen! – läutete es in das allerunschuldigste Herz, dem aus der dunklen Nacht, aus den leuchtenden Heereslagern, aus den zuströmenden Zügen, aus der gewaltigen Bewegung ein Bild der Majestät der Menschheit sich hob, des Genius der ganzen Menschheit, zusammengeströmt auf einem Haupt, – etwas Unbegreifliches, Erschauerndes.

Herr Schaket sah auf das Kind und flüsterte Madam Schaket zu: »Sieh das Kind mit dem olympischen Adlersblick – was hat sie denn? – Was ist mit ihr?«

Beth aber, von einem Gefühl bis ins tiefste bewegt, sprang von dem erhöhten Fenstertritt, auf dem sie stand beim Hinausschauen, umschlang die Base leidenschaftlich und jubelte:

»Ich will der große Held vor dem Himmelstor werden! – Du sagtest es! Das will ich werde, schon hier auf Erden. – Gibt's das?«

201 »Ei, – so hoch willst du hinaus?«

»Du sagtest es ja! – Du selbst – vom kleinen unverstännigem Kinde, das zuletzt als großer Held vor den Pforten der Ewigkeit steht.

Das will ich! Das gerade, das will ich!«

Die herrliche Bewegung des Kindes, dessen edles Blut in die höchsten und tiefsten Geheimnisse und Wünsche der Menschheitsseele sich ergoß in ahnungsvoller Kraft, erfüllte Herrn Schakets ekstatische Natur mit Freude. Er fühlte das Erwachen einer starken Menschenseele. Ihm war, als müsse der Seelenjubel des jungen Wesens dessen Körperlichkeit sprengen, als wäre ihr Leben bedroht, als könne sie auffahren gen Himmel in ihrer Herrlichkeit, die er ganz erfühlte.

»Solch ein Kind,« dachte er. »Solch ein Kind – welch ein Wunder!«

Und er brachte Beth diesen Abend nach Hause, sorgsam wie eine hohe Kostbarkeit, ging dann bewegt durch die nächtlich belebten Gassen, in denen fackelerhellte Menschenströme durch die finsteren Tore kamen und durch Gassen und über Plätze schoben, ihren Bestimmungen zu.

Gewitterwolkenheeren gleich zog es von außen einem Ziele zu. Wie die alte Stadt das Ungeheure, was sich da auf sie heranwälzte, fassen und bergen konnte!

Aber da war alles vorbereitet, jedes Roß und jeder Reiter, jede vergoldete Kutsche und jeder hohe Herr, alles fand sein 202 angemessenes Unterkommen. Die reiche stolze Stadt wußte die Ehre zu würdigen, dem ganzen deutschen Reich seinen Kaiser zu krönen.

Herr Schaket ging erhobenen Geistes durch Gassen, in denen es sich drängte, und dachte: Gelobt sei Gott, daß die deutsche Menschheit noch die ursprüngliche Kraft hat, auf ein erwähltes Haupt die menschliche Majestät zu häufen, die sonst zertreten und zerstreut auf den Gassen des Lebens liegt.

Das Kind muß so etwas erfühlt haben.

Ein Knabe mit solcher Glut wie Beth würde die Majestät der Menschheit einst an sich reißen.

So dachte Herr Schaket.

 

Beth aber ging in jenen Tagen einsam, wie Nachtwandler gehen, durch die wildbewegten Gassen, durch alles Festgepränge. Alle Pracht zog wie ungesehen an ihr vorüber, war für sie nur Gedräng, Widerstand, Undurchdringlichkeit. Jeden Schlupf in den Gassen aber kannte sie wie ein Fuchs seinen Bau, jede Kirche, jede Ecke in dem alten Römer. Wie in ihrer Kinderstube fand sie sich zurecht und wäre die gesteckt voll Menschen gewesen wie jetzt jede Straße, jeder Platz, jede Gasse, jedes Haus.

Sie hatte das Angesicht des Kaisers beim Einzug gesehen.

203 Auf einem hohen Eckstein hatte die kleine Gestalt mutig im Gedränge gestanden. Einer Kerze gleich so gerade.

Der Kaiser war auf schlohweißem Roß, hoch über der Menge an ihr vorübergeschwebt. Sie auch, hoch über der Menge, war ihm nahe gewesen wie sonst niemand, hatte ihn angejubelt, so laut, so glückselig, daß ihre Silberfädchenstimme den Donner der Kanonen, das Läuten aller Glocken übertönte und der Kaiser nach der Stelle blickte, von welcher der durchdringende Jubellaut sein Ohr getroffen.

Und das Kind sah das Angesicht der Majestät auf sich gerichtet, und es war im Augenblick ein herrliches Angesicht, auf dem die Majestät der Menschheit lag – gehäuft auf einem Haupte.

 

Und von diesem Augenblicke an sah das Kind nur dieses Angesicht und bahnte sich seinen Weg keck und voller Glut, ganz unbezwinglich mit der Gewandtheit und Kraft, die ihr freies, fröhliches Leben ihr eingebracht, ihre Streifereien, ihre Gewittersprünge, ihre Bilderschau in jeder Gasse, die hohen Wallfreuden, alle Schaulust und Gelegenheit in der alten Stadt. Sie schlüpfte durch jedes Loch in der festen Menschenmauer auf Gassen und Plätzen, an strammen Beinwällen vorbei, an bauschigen Röcken, nichts hinderte das kleine wilde Tier.

204 So stand sie im Dom.

Grauenvoll donnern die Kanonen, ein ungeheures Glockenläuten. – Die Orgel braust geheimnisvoll, verschlungen – fugenhaft.

Das Kind hat sich durch maßlose Widerstände durchgewühlt. Um sich her glänzt starres Gold auf Prachtgewändern – erstarrte Gesichter in erstarrter Frömmigkeit. Duft durchdringt die ehrfürchtig hohen Festkleider. – Alles unübersehbar in erdrückender Gewalt.

Das Kind sieht nichts von allem – es nachtwandelt einem einzigen Ziele zu – dem Angesicht des Kaisers.

Es sieht zwei feierlich priesterliche Hände, hört eine priesterliche Stimme, sieht das majestätische Haupt – sieht geheimnisreiche Salbung, die aus goldenem Gefäße niederträuft – sieht ihn als großen Helden wie vor dem Tore der Ewigkeit stehen – erschaut und erlebt die Majestät der Menschheit, gehäuft auf ein einziges Haupt und sieht seine erhabene Schönheit.

Das Kind denkt an die Salbung Christi, und Schauer durchbeben es. Geheimnisse umwogen es. Unaussprechliches, Unergründliches zieht ein, erschüttert Seele und Körperlichkeit.

*

Es ist Karfreitag, der Kaiser geht in Trauergewändern von Kirche zu Kirche mit der Kaiserin Hand in Hand, in langen schwarzen Mänteln. Beide tragen Kerzen in den 205 Händen, die sie gesenkt halten. Die Schleppen werden von schwarzgekleideten Pagen getragen. Das Kind folgt Schritt auf Schritt, sieht ihn mitten unter den Bettlern knien vor der letzten Bank – und wenn er aufschaut, geht es dem Kinde wie ein Donnerschlag durch die Brust.

Wenn es wieder daheim ist, weiß es nicht, was ihm geschehen – spricht man vom Kaiser, bebt es, seine alte Lebensweise ist weg. Es denkt nicht sowohl an die Begebenheit, aber es ist ihm, als sei etwas Großes mit ihm vorgegangen.

Am Abend legt es sich auf die Knie und hält sein Häuptchen in den Händen, ohne etwas anderes zu empfinden, als wenn ein großes Tor in seiner Brust geöffnet wäre.

*

Der Kaiser hält offene Tafel, der Krönungstrubel ist schon verrauscht auf Gassen und Plätzen, auch die Hohen und Höchsten kommen wieder zu Atem.

Das Kind drängt sich durch Wachen und Getümmel, an Prachtgewändern vorbei, an vergoldeten Karossen, die wie im Sturmwind vor das Portal angewettert kommen, es stürzt sich wie in ein Meer mitten unter die Hofwagen, an höchsten Herren vorüber, an Hoflakaien, die wie ein Schuß Pulver daherblitzen, – und es steht im großen Römersaal statt auf der Galerie und geht unangefochten durch den Saal.

Da wurde mächtig in die Trompeten gestoßen. Bei dem 206 dritten Stoß erscheint der Kaiser in einem roten Mantel, den ihm zwei Kammerherren abnehmen. Er geht langsam mit gebeugtem Haupte.

Das Kind ist ihm ganz nahe und denkt an nichts, auch nicht, daß es am unrechten Platze ist. Des Kaisers Gesundheit wird von allen anwesenden großen Herren getrunken, und die Trompeten schmettern dazu.

Da jauchzt das Kind wieder laut. Der Kaiser sieht es an und nickt ihm zu.

*

Am anderen Tag reist er ab. Das Kind liegt morgens vier Uhr in seinem Bett, da hört es fünf Posthörner blasen, das ist Er! Das Kind springt aus dem Bett, stürzt und fällt sich eine tiefe Wunde am Knie. Ein Nagel hat sie ihm gerissen, eine sternförmige zerrissene Wunde.

Es liegt mit Schmerzen und als wäre es plötzlich ein anderes Wesen geworden, wie ein Mensch, der Größtes erlebte.

Die Mutter schaut nach dem Kind, als es nicht zur gewohnten Stunde herabkommt. Sieht es still und wunderlich gelassen in seinem Bette liegen, erfährt von der Wunde, spricht mit dem Vater, der geht zum Arzt, zu Schaket. Ihm ist bange um das Kind. Des Kindes Wesen war in den letzten Tagen so fremd, so gar nicht wie sonst. Es treibt ihn zu Schaket. Er hofft auf einen großen Seelenkenner. Er hofft, über Beth Näheres zu erfahren. Aber Schaket 207 schweigt. Er hat Beth in den Einzugstagen nicht zu sehen bekommen. Der Vater frägt, ob Beth, sein Kind von elf Jahren schon seelisch reif sein könnte.

»Ein wundervolles Kind,« sagte Schaket, »ein Knabe mit solcher Seele würde den Genius der Menschheit an sich reißen. Es liegt über ihr wie ein Geheimnis.«

Er erfährt von der Wunde und geht mit dem Vater. Unterwegs holt er aus einer Apotheke alles, was er zum Verbinden der Wunde gebraucht.

Man läßt ihn mit Beth allein. Er neigt sich über sie, fühlt ihre Stille und Gelassenheit; auch ihm erscheint sie fremd und fern. Aber Beth schlingt ihre Arme um seinen Hals. Er ist ihr Freund. Schrankenlos vertraut sie ihm. Er ist gut, – er weiß alles.

Sie versucht zu sprechen, aber findet kein Wort. Ihre Augen dringen in die seinen, als wollen sie reden – und können nicht.

Er hält das Kind in seinen Armen, wie er sie beim heiligen Abend- und Sternenmahl gehalten, wieder so behutsam und zart.

Sie redet nicht.

Er sieht die Wunde, legt auf den Tisch neben dem Bett das Verbandzeug und ein kleines duftendes Gefäß, das er enthüllt und behutsam hinstellt. Dann beugt er sich wieder über sie mit dem Glasgefäß in der Hand und träufelt daraus in die Wunde einige duftende Tropfen und sagt dazu 208 lächelnd: »Mit diesen kaiserlichen Krönungsspezialien – denselben, mit denen der Priester den Kaiser bei der Krönung salbte, mit Wein, Lorbeer, Myrrhen und Öl, salbe ich jetzt dich.«

Da sieht er auf das Kind: eine tiefe Blässe bedeckt ihr Gesicht, ihre Augen glänzen von wunderbarem Licht.

Sie ist ganz Liebe.

Und jetzt sagt sie, wie an jenem Abend, – aber ihr großes, geheimnisvolles Erleben liegt schwer auf den Worten:

»So werde ich, wie er, als großer Held vor dem Tore der Ewigkeit stehen.«

Und nun spricht sie leise von dem Wunder, das sie erlebt und von dem großen weiten Tor, das sich in ihrem Herzen mit einemmal aufgetan.

»Hab auch schon einen Menschen in den Tod gehen lassen. Mein Herz hat durch eures Georgs Tod auch schon so großen Raum gewonnen.«

*

Als alte Frau, auf ihrem Sterbebette aber gedachte Beth jener geheimnisvollen Glut ihrer jungen Seele mit tiefem Erschauern.

Und welches Wunder begab sich in jener späten kommenden Zeit:

Die Narbe der Wunde, die in jener Nacht des Abschieds ein Nagel gerissen, brach wieder auf nach eines Lebens 209 Länge; und wieder träufelte ein Arzt, – wie einst der wunderliche Herr Schaket die Krönungsspezialien, mit denen der Priester den Kaiser bei seiner Krönung gesalbt – Wein, Lorbeer, Myrrhen und Öl auf die Sterbende, die wahrlich gekrönt war im Leben wie im Sterben – der Mutter unseres Herrn vergleichbar.

In dieser gegenwärtigen Stunde aber erster Kindheitsjugend kniete Herr Schaket vor Beths Bett wie vor dem Sterbe- oder Himmelfahrtsbett eines herrlichen Menschen.

Leben oder Sterben! – Hier traten Wunder zutage, und er blickte ehrfürchtig auf das geliebte Kind und fürchtete, Beth würde mit ihren Wundern im Herzen nicht alt werden dürfen. – Und doch, wenn sie leben bliebe? –

Er kann sich gar nicht trennen von dem Kinde.

Und endlich geht er zum Vater, der ihn fragend ansieht.

»In diesem Kinde fließt ein göttlicher, königlicher Strom.

In dieser Zeit – jetzt – hat das Kind in ihrem Blute der Menschheit Majestät – im Bilde des Kaisers – gegrüßt als ihresgleichen, im höchsten Sinne. Es liegt hier ein Geheimnis, ja ein Wunder vor. Wenn das Kind am Leben bleibt – ich schwöre es als Arzt, als Freund, als Erkenner –, sie ist kaiserlicher als unser Kaiser – nun, dann werden eben Wunder geschehen.«

Der Vater sah Herrn Schaket lächelnd an. Die großen Worte waren nicht seine Art; aber man konnte dem 210 wunderlichen Manne nicht gram sein, weil er so echt war. Und der Vater dachte an seinen Traum von dem goldenen Becher mit dem köstlichen Wein, und daß Beth gesagt hatte: Ich bin der Becher.

*

Danach verrinnen Jahre. Beth ist so geworden wie ein Mensch, der Größtes erlebt hat: gütig, verstehend, folgsam, fromm und sonnenliebend. Ihre innere Stimme spricht zu ihr. Sie geht daher sicher und ruhig für sich und andere, frei und rein. Reinheit erscheint ihr als das höchste Gut auf Erden.

Ihr Lachen blieb in seiner ganzen Kraft, und mehr und mehr nähert sie sich äußerlich und innerlich ihrem Ebenbilde, der Base Schaket, die auch sonnig und rein und immer schönen, lieben Angesichts das Leben meistert, voller Lachen, Herzensfreude und Schelmerei, wo immer es angeht, in aller Tüchtigkeit und Geisteskraft.

Mehr und mehr schließt Beth sich auch dem Vater in Ehrfurcht und Liebe an. Sein würdiges Wesen, seine zarte Seele, seine geheimnisvolle Weissagungsgabe lassen ihr liebendes und feuriges Herz sich ihm ganz zuneigen. Sie arbeitet im Garten mit ihm, sie freut sich seiner Erfolge. Er steigt von Stufe zu Stufe, bis ihm das erste städtische Amt ehrenvoll geboten wird.

So lebt sie trotz aller Ehre, die dem Vater wurde, ein schlichtes junges Leben in einem schlichten frommen 211 Bürgerhause und schließt auch folgsam, nach des Vaters Wunsch, eine gute Ehe.

*

Herr Schaket, dessen Diagnose seiner kauzigen Geizesart ganz die rechte war, der auch sein Geizideal überwunden und ohne das feine Hostiengebäck, das die Witwe so zierlich servierte, gut leben konnte, saß im Behagen im lieblichen Wohnzimmer bei seiner frohen Frau.

Sie sprachen in Liebe von Beth – sie sprachen oft von ihr. Sie waren noch immer die drei Personnagen, die zusammengehörten.

»Beth scheint leben zu bleiben – wunderlich,« sagte Herr Schaket. »Ihr Temperament gleicht dem deinen. Temperament und Wesen – da liegt's. Das Temperament hielt sie aufrecht.

Ich weiß als Arzt und über den Arzt hinaus, daß Kinder nicht gezeugt werden bei reifen Frauen von reifen Männern. – Nein. – Kinder werden schon in Kinderherzen empfangen, reifen lang in den Herzkammern.

Nicht durch Reife der Eltern, im Unbewußten, im Nichtgestalteten liegen die Geheimnisse – nicht in der Reife liegt der Ursprung.«

Der wunderliche Herr Schaket hatte Jahre auf der Lauer gelegen nach außerordentlichen Dingen; aber alles gestaltete sich sanft und selbstverständlich. Alles schien sich 212 im Gesicherten, gut Bürgerlichen zu verlaufen. Noch trug sich Herr Schaket mit Ahnungen. Beth hatte es seiner Seele zu tiefst angetan.

*

Da gebar Beth ihren ersten Sohn.

Als Herr Schaket die achtzehnjährige Beth zum ersten Male mit dem Kind auf den Armen sah und Beth in die seelisch-überirdischen Augen blickte, frug er fast bebend leise:

»Wird er es sein, der einst als großer Held vor dem Tore der Ewigkeit stehen wird?«

Sie sah ihn groß an.

»Ja,« antwortete Beth noch leiser, als sie gefragt war.

Und Herr Schaket, innerlich bewegt, fragte weiter:

»Wird er es sein, der den Genius und die Majestät der Menschheit einst trägt?«

»Ja,« antwortete Beth, »das sagt mir mein Herz.«

 

 

 

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