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Die kleine Goethemutter

Helene Böhlau: Die kleine Goethemutter - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie kleine Goethemutter
authorHelene Böhlau
year1928
firstpub1928
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin/Leipzig
titleDie kleine Goethemutter
pages212
created20140327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Beth schreit den klirrenden Winterschrei mit frohen Kindern. – Herr Schaket versteht das Kind, und es nimmt aus Freude und Dankbarkeit Fatales von ihm. – Große Freude der drei Personnagen. – Beth spürt den Sonnensegen des alten Juden

Anders ist es, wenn ein Mensch, getragen von Überschwenglichem oder in tiefem Leid mit seiner warmen, lebendigen Stimme sagt: »Ich gehe aus dem Leben, ich gehe ins andere Land.« Schön ist das und herrlich – und so, als müßte es sein, als riefe Gott ihn.

Aber dann, wenn es heißt: »Er ist wirklich gegangen!« Und man hat ihn an einem schönen Herbsttag ertrunken aus dem Wasser gezogen, aus dem kalten, tiefen Fluß, und man hat ihn dann in die schwere, dunkle Erde gelegt, das ist anders.

Das trug die kleine Beth still für sich. Niemand frug.

Von Herrn Schaket hatte sie von Georgs Tod gehört; der nahm die Sache kühl. Gott hat ihn gerufen, und für ihn war's ganz das Rechte. Die Base weinte, als sie mit Beth darüber sprach, und keiner konnte sich erklären, weshalb der Arme aus der Welt gegangen sei. Die Base sagte: »Und war doch so seelenvergnügt.« Bei sich dachte sie: Solch ein 186 Narr war er doch nit, daß er wegen der dummen Lieb in den Tod ging – gerad an jenem letzten Abend.

Sie wollte, daß Beth mit zum Begräbnis ginge.

Beth aber sagte hart: »Nein.«

Als aber die Glocke auf dem Friedhof für ihn geläutet wurde – denn als armer Schwachsinniger bekam er trotz seines eigenwilligen Todes ein ehrliches Begräbnis –, ging Beth in den stillen spätherbstlichen Garten und hörte auf das Glöckchen, als spräche er zum letzten Male mit ihr.

Ein tiefer Ernst aber lag auf ihrer blütenjungen Seele. Der Tod war ihr sehr nahegekommen – und sie hatte den Gewitterfreund nicht festgehalten.

Als sie mit ihrem Vater in jenen Tagen unten im Keller die köstlichen Äpfel ordnete und ihm einen recht schönen rotbäckigen reichte, sagte der Vater lächelnd: »Ich hab aber noch einen ganz anderen reifen, süßen Apfel, nämlich dich!« Das aber sagte er, weil er in die Seelen blicken konnte und spürte, was sonst niemand spürt.

 

Weihnachten in der alten Freien Reichsstadt und tiefer, tiefer Schnee auf den Dächern und Wällen. Da war es einmal wieder so, wie die Beth es so liebte und noch als alte Frau Goethe voll Sehnsucht davon erzählte – so etwa in seliger Erinnerung. Die Wälle vom Schnee wie im warmen Winterpelz um die Stadt herumgedrängt, und wie da der Rauch von den Schornsteinen aufstieg, und die Giebel 187 guckten über die Wälle hinaus, ach, da lachte einen die liebe Stadt so einladend an, als wollte sie sagen: So komm doch herein, du Schelm.

In der Seele der jungen Elisabeth war die Liebe für die winterliche Heimat noch nicht so bildhaft geworden, sie sprudelte im Herzen wie ein Quell. Beth war noch mitten darin wie ein Vogel in der Luft. Die schöne Kälte tat ihr wohl, und draußen auf dem Wall im Schnee zu stapfen und an gebratene Äpfel im Ofen zu denken, und mit dem Schlittchen die Wälle herunter zu fuhrwerken, da sprudelt das Blut in den Adern, da klopft das Herz übermütig. – Alles ist fortgeweht, die ernsten Lebensmächte, die sich schon eindrängen wollten, die nach der jungen Seele, die frei und unbelastet aus Gottes Hand kam, schon griffen, wie nach einem Fohlen gegriffen wird.

Der schwere Segen des Alten, der etwas Unaussprechlichem gleich in ihr ruhte, das Wissen vom Tode – ihre Mitwisserschaft – ihr Geheimnis – ihr letzter Weg mit dem Selig-Armen.

Aber im wirbelnden Schneefall tanzte und sprang sie jetzt wieder auf ihrem Wall. Das war stärker wie alle dunklen und starken Mächte des Lebens. Sie schrie den Winterschrei der Kinder mit. Nie wird ein Kind den Herbstschrei im Winter in die Kälte hinausstoßen – da schreien sie klirrend den Frostschrei. Im Herbst so voll und tief und sonnig die Herbstwonne. Im Sommer schweigen sie. Im Frühjahr 188 jubeln sie wie Quellen. Die wissen genau, was sich gehört. Erst später werden sie langweilig – und vergessen das Schönste. Nur traurig wenige; wenige bleiben wach und kennen die seligen Schreie der Jahreszeiten noch – auch wenn sie selbst stille werden.

 

Der Weihnachtsmarkt ist eine fast elementare Glückseligkeit. Ein Bürger und Ehrenmann ahnt das nicht mehr, der geht an den Herrlichkeiten in den Buden vorüber und hat vielleicht ein wässeriges Lächeln dafür. Der stößt gewiß keinen Schrei aus, das überschwengliche Glucksen, ein Ton so nahe dem Herzen, der nur und einzig den Weihnachtsgärtlein, den Pyramiden, den gläsernen Hirtenfeuern, den Krippen, den Marias mit dem Jesuskind, dem Ochs und Eselein, den drei Königen, den Hirten und Wollschafen, dem Weihnachtsstern, dem Tannenduft und all den Wundern gilt, die Weihnachten heißen.

Weihnachten, das Beths Eltern mit ihren Kindern feierten, gehörte gewiß zu den allerschönsten Festen, die das alte düstere Haus gesehen hatte.

Ja, und so war es auch. Das Haus duftete von Bäckereien köstlicher Weihnachtsart, Stollen und Pfefferkuchen, Brenten, Makronen, Marzipan. Alles war in Fülle und Kraft da. Sie wollten zu Weihnachten auch ein Paradies auf Erden schaffen, gerade wie in der Judengasse wenigstens einmal im Jahr, trotzdem sie ihren Messias schon hatten, 189 und trotzdem sie wußten, daß sein Reich nicht von dieser Welt sei.

Und wer in die leuchtenden Weihnachtsaugen der Leute im alten düsteren Hause blickte, wie jedes von ihnen vor seinem eigenen Tabernakelchen stand, dem Gärtlein mit dem Weihnachtsstern, wußten sie, daß ihr großes Fest von diesseits bis ins Jenseits reichte.

 

Am ersten Feiertag war Beth bei Schakets, das war so hergebracht. Auch dort war es festlich. Madam Schaket hatte auch mächtig gefeiert, trotzdem sie wenig Widerhall bei Herrn Schaket fand. Arme waren gekommen und beschenkt wieder gegangen, gläserne Hirtenfeuer, eine schöne Pyramide, Zwetschgenniklase, all die lieben Dinge, von denen eine kindliche Seele nie loskommt, standen im Wohnzimmer.

Herr Schaket aber war nicht besonders guter Laune. Madam Schakets Verschwendungssucht mußte herhalten. Über die gläsernen Hirtenfeuer ärgerte er sich, über alles mögliche. Als Beth kam, war sogar Madam Schakets frohes Gemüt bedrückt, und Herr Schaket fuhr fort zu brummen.

»Ei, so laß!« sagte die Bas. »Bring was anderes vor als die ewige Geizgeschicht! So laß die Hirtenfeuer, wenn's mich freut. Für die paar Batze macht ein vernünftiger Mensch kein Geschrei!«

190 »Alles Plunder für die schwarze Kammer! Da liegt's dann im Staub, und keines Menschen Seel frägt dann danach.«

Und sie: »Alles liegt einmal im Staub und in der schwarzen Kammer, und kein Mensch kräht danach. Lebensfeuer hab ich genug und laß mich nit mit einschmelze in dein Geizschlendrian. Wirst du mir jetzt ehnder glaube, daß mir's um die Hirtenfeuer nit grad ist; aber hinlaufe möcht ich und mir noch drei Schock davo hole, grad dir zum Trotz – Weihnachtsschänder!«

Da lachte er.

Sie aber meinte: »Was würde der arme Georg zu unsere Weihnachte sagen, mit all den so goldige Dingen, hätt ihm ein groß Gaudium gemacht. Bei uns aber geht's, wie's geschriewe steht: Des Menschen Herz ist trotzig und verzagt. – Und grad an den Georg muß ich denke – weshalb er so davo is – und nun so still in der dunklen Erd liegt.

Schau, Beth, du bist doch mit ihm gegange an jenem Abend, hast nie etwas erzählt, was ihr miteinanner geredt habt. Am annern Tag um die Abendstund habe sie ihn ja schon aus dem Main gefischt.«

Beth stand ganz still und schaute vor sich hin – und sagte dann ruhig und fest: »Ich wußte es von ihm selbst, daß er zu Gott gehe wollte, weil er so glückselig war.«

»Ja!« rief die Bas, »und du bist nit Sturm gelaufe – 191 und hast nit geklopft, bis wir wach wurde, um ihn zu rette. Gott, Gott! Und hast nit alles stehe und liege lasse?«

»Nein,« sagte Beth ruhig, dann leise: »Wenn er zu Gott gehen wollte!«

»Herr meines Lebens!« rief Madam Schaket außer sich – »Kind!«

Herr Schaket aber erhob sich, trat zu dem ernsten Kinde und sagte bewegt und faßte es an der Hand. Er bog sich ganz zu ihr herab. »Wenn ein armer Mensch wirklich zu Gott gehen will aus seines Herzens Sehnsucht – soll er gehen – ehrfürchtig stehen wir davor.«

Da schlang die kleine Beth ihre Arme um Herrn Schakets Hals und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust und weinte sich frei von ihrem Geheimnis und von des Lebens fernen dunklen Fragen.

Und er ließ das verschwiegene Kind sich ausweinen – und Madam Schaket stand ganz bewegt und erstaunt.

Beth hob den Kopf, die Tränen liefen ihr noch über die Wangen, und sie flüsterte: »Du bist so gut – und verstehst alles – aber sei nit mehr geizig!« – Und wieder verbarg sie ihr Gesicht an seiner Brust.

Er hatte sich jetzt auf dem nächsten Stuhl niedergelassen und das Kind mit sich gezogen. Beth fühlte eine innere Stimme in sich, der sie gehorchte, so war es auch jetzt gewesen.

»So? – Geizig?«

»Ja,« schluchzte das Kind leise, weil sie das Ende mit 192 ihren Tränen nicht finden konnte, – »ja, so sehr geizig! – Wie du sie betrübst! – Denk, wie Georg sie lieb hatte!«

»Na, hör mal!«

»Doch!« sagte Beth. »Der liebte sie mehr wie du. Das mußt du doch gesehen habe? – Ist sie nit alle Augenblick wegen deim Geiz ein bißche betrübt – auch wenn du's nit merkst – ich merk's als.«

Madam Schaket aber dachte: Was eine lieb Seel! Sie hätte das Kind am liebsten Herrn Schaket fortgezogen und abgeküßt. Beth aber blieb vertraulich bei Herrn Schaket. Der sagte und hielt das Kind mit beiden gestreckten Armen von sich: »Ja, Beth – recht hast du! – Er liebte sie mehr wie ich – aber gerad so wahrhaftig wie der Georg mutig und fröhlich in den Tod ging – versprech ich dir jetzt und für alle Zeit: ich will nit mehr geizig sein. So, wie man sich auf den Absatz umdreht, will ich nit mehr geizig sein.«

Madam Schaket tat einen kleinen Adlerschrei vor Schreck.

»Und ich kann's versprechen als Medikus: Geiz, im Fall er eine Hirnerkrankung ist, ist unheilbar, Punktum; – aber es gibt sonst noch allerhand Geizesarten: der senile Geiz ist fürs erste ausgeschlossen, – aber aus allgemeiner Bosheit, das könnte bei mir der Fall sein, aber nit wahrscheinlich – müßte untersucht werden.

Doch Geiz der Käuz, – und diese Diagnose wäre der einzige Fall für eine günstige Prognose – wird von den 193 Gelehrten nicht beachtet, – stimmt auf meine Konstitution wie die Faust aufs Auge – nämlich vortrefflich, falls ich ein Auge rausreiße will!

Also her mit der Pfote!« Herr Schaket reichte Madam Schaket und Beth seine Hände hin.

Und ob die einschlugen!

»Goldiges!« rief Beth. »Da hawe wir kein geizige Herrn Schaket mehr! – Da könne wir nun backe und fresse und umherstolziere und lache – und summe und brumme. Und der Schaket lauft auch nit mehr mit seim abgelegte Haarbeutel und mit gefärbte Kordel im Schuh! – Aber nun erst recht mit dem Rosekranz um sein Bauch!«

»Ei, du fährst ja im Fahrwasser von meiner Eheliebsten – du?«

»Weil,« rief Beth, »ich werde, wie sie ist, und sie war, wie ich bin, so sagte Georg.

Gel, wir sind eins, Bas?« jubelte Beth. »Ebenbilder! sagte Georg.«

»Eine schöne Bescherung! Oh, du mein heiliger Geiz, du fürtrefflicher Schutz und Trutz, – du feiner, schäbiger Gesell du.« Aber Herrn Schakets Stimme klang so freigiebig, so frei, so fröhlich, als könne er mit allerhand um sich werfen, mit Äpfeln, Pfefferkuchen, Nüssen, ja mit Goldstücken, mit Liebe, herrlicher Laune – und den besten, allerhaltbarsten Vorsätzen.

Beth aber rief und warf sich der Base in die Arme: 194 »Na – wir sind drei Personnagen! Nun setz dich auf dein Arselche! – und sei als vergnügt!

Ich bin außer mir! Ha! – Ha! – Ha! – Ha!«

Das war ihr glückseliger Tierschrei.

Herr Schaket lachte: »Guck, da hast du die Schakets in Ordnung gebracht.«

»Ja – weil ich gesegnet bin!« jubelte das Kind. 195

 

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