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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Flavia, die in ihrem ganzen Liebesleben niemals die leidenschaftliche Sprache der Romane vernommen hatte, blieb wie gebannt zurück, aber mit einem Gefühl des Glücks und mit pochendem Herzen, und sie sagte sich, daß es sehr schwer sei, sich einem solchen Einfluß zu entziehen. Zum erstenmal hatte Theodosius ein neues Beinkleid angelegt, grauseidene Strümpfe und Escarpins, eine schwarzseidene Weste und eine schwarze Atlaskrawatte, in deren Knoten eine geschmackvoll gewählte Nadel glänzte. Er trug einen neuen modernen Rock und gelbe Handschuhe unter den weißen Manschetten; er war der einzige Mann mit guten Manieren und Haltung in diesem Salon, den die Gäste inzwischen unmerklich gefüllt hatten. Frau Pron, eine geborene Barniol, war mit zwei siebzehnjährigen Pensionärinnen erschienen, die ihrer mütterlichen Sorgfalt von Familien anvertraut waren, die in Bourbon und Martinique wohnten. Herr Pron, Professor der Rhetorik an einer von Geistlichen geleiteten Schule, gehörte zu der Klasse der Phellions; aber anstatt sich in oberflächlichen Phrasen und Erklärungen zu ergehen und immer als Vorbild zu glänzen, war er ein trockener Prinzipienmensch. Herr und Frau Pron, der Glanz des Salons Phellion, hatten ihren Empfangstag Montags; sie waren durch Barniols sehr eng mit den Phellions befreundet. Trotzdem er Professor war, tanzte der kleine Pron noch. Der gute Ruf des Instituts Lagrave, mit dem Herr und Frau Phellion zwanzig Jahre lang verbunden gewesen waren, war unter der Leitung des Fräuleins Barniol, der gewandtesten und ältesten der stellvertretenden Vorsteherinnen, noch gewachsen. Herr Pron hatte in dem Bezirk, der vom Boulevard Mont-Parnasse, dem Luxembourg und der Rue de Sèvres begrenzt wird, großen Einfluß. Sobald daher Phellion seinen Freund erblickte, nahm er ihn aus eigenem Antrieb unter den Arm, um ihn in einem Winkel in die Verschwörung Thuillier einzuweihen; nach einer Unterhaltung von zehn Minuten holten sie Thuillier, und die Fensternische, die sich gegenüber derjenigen befand, in der Flavia ihren Gedanken nachhing, vernahm eine Diskussion zu dritt, die der der drei Schweizer im »Wilhelm Tell« sicher nicht nachstand. »Sehen Sie nur,« sagte Theodosius, der wieder zu Flavia hingegangen war, »wie der ehrenwerte fleckenlose Phellion intrigiert! . . . Geben Sie einem ehrlichen Mann einen zureichenden Grund an die Hand, und er wird sich ganz unbedenklich auf die unsaubersten Machenschaften einlassen; jetzt holt er sich den kleinen Pron zur Hilfe, und Pron wird mit ihm Schritt halten, alles im Interesse von Felix Phellion, der jetzt dort Ihre kleine Céleste belagert . . . Gehen Sie doch hin und trennen Sie die beiden . . . Sie stecken schon seit zehn Minuten zusammen, und der junge Minard umkreist sie wie eine wütende Bulldogge.«

Felix, noch tief bewegt von der edelmütigen Herzensregung Célestes, an die, außer Frau Thuillier, niemand mehr dachte, hatte in seiner Harmlosigkeit einen genialen Einfall, wie ihn die ehrliche Schlauheit echter Liebe erzeugt; aber er war kein Mann der Form; die Mathematik machte ihn zerstreut. Er begab sich zur Frau Thuillier, da er sich dachte, daß Frau Thuillier Céleste an sich ziehen würde. Diese kluge Erwägung, die nicht auf tiefer Berechnung beruhte, war für Felix um so erfolgreicher, als der Advokat Minard, der Céleste nur ihrer Mitgift wegen begehrte, nicht gleich einen so glücklichen Gedanken hatte, und seinen Kaffee in Gesellschaft von Laudigeois, Barniol und Dutocq trank, die er im Auftrage seines Vaters, der mit einer Neuwahl der Kammer von 1842 rechnete, in eine politische Unterhaltung verwickelt hatte.

»Wer müßte Céleste nicht lieb haben!« sagte Felix zu Frau Thuillier.

»Das arme, liebe Kind, sie ist die Einzige auf der Welt, die mich lieb hat!« sagte die Sklavin, während sie ihre Tränen zurückhielt.

»Oh, nein, gnädige Frau, wir haben Sie doch beide lieb!« erwiderte der Unschuldige lachend.

»Wovon sprechen Sie denn hier?« fragte Céleste, die zu ihrer Patin gekommen war.

»Mein Kind,« entgegnete das fromme Opferlamm, zog ihr Patenkind an sich und küßte es auf die Stirn, »er sagt, daß ihr beide mich lieb habt.«

»Seien Sie mir ob dieser Anmaßung nicht böse, mein Fräulein!« sagte der zukünftige Kandidat der Akademie der Wissenschaften leise, »und lassen Sie mich alles tun, um diese Absicht zu verwirklichen! . . . Sehen Sie, ich bin nun einmal so, daß mich Ungerechtigkeit in tiefe Erregung versetzt! . . . Ach, wie recht hat der Heiland gehabt, wenn er das Himmelreich den Sanftmütigen und den unschuldigen Lämmern verhieß! . . . Wer Sie vorher nur geliebt hat, Céleste, der muß Sie um Ihrer edelmütigen Herzensregung bei Tische willen anbeten! Aber einen Märtyrer vermag eben nur die Unschuld zu trösten! . . . Sie sind ein gütiges junges Mädchen, und Sie werden einmal als Frau der Stolz und das Glück Ihrer Familie werden. Glücklich der, der Ihr Gefallen erringen wird!«

»Aber liebste Patin, was sieht denn Herr Felix nur an mir? . . .«

»Er weiß dich zu würdigen, mein Engel, und ich werde für Euch zu Gott beten . . .«

»Wenn Sie wüßten, wie glücklich ich bin, daß mein Vater Herrn Thuillier einen Dienst erweisen kann . . . und wie gern ich Ihrem Bruder nützlich sein möchte! . . .«

»Also,« sagte Céleste, »haben Sie wohl die ganze Familie lieb?«

»Aber gewiß«, erwiderte Felix.

Die echte Liebe versteckt sich immer hinter dem Geheimnis der Schamhaftigkeit, selbst in ihrem Ausdruck, denn sie gibt sich schon von selbst zu erkennen; sie hält es nicht für nötig, wie die unechte Liebe, einen Brand zu entfachen, und wenn ein Beobachter in den Salon Thuillier hätte hineinblicken können, so würde er über den Vergleich der umfangreichen Vorbereitung, die Theodosius getroffen hatte, mit dem einfachen Vorgehen Felix' ein Buch schreiben können: Der eine repräsentierte die Natur, der andere die Gesellschaft; das Wahre und das Falsche standen einander gegenüber. Als sie bemerkte, wie ihrer entzückten Tochter die Glückseligkeit vom Gesichte abzulesen war, und wie das junge Mädchen von dem Gefühl, eine unausgesprochene Liebeserklärung verstehen zu können, verschönert wurde, fühlte Flavia einen Stich des Neides im Herzen; sie begab sich zu Céleste und sagte leise zu ihr: »Du benimmst dich nicht passend, mein Kind, alle Leute sind auf dich aufmerksam geworden, und es ist kompromittierend, wenn du dich so lange Zeit mit Herrn Felix allein unterhältst, ohne daß du weißt, ob wir das billigen.«

»Aber, Mama, meine Patin war doch zugegen.«

»Ach, entschuldigen Sie, liebe Freundin,« sagte Frau Colleville, »ich hatte Sie garnicht bemerkt . . .«

»Sie machen es wie alle Welt«, entgegnete dieser heilige Johannes Chrysostomos.

Dieses Wort traf Frau Colleville wie ein Pfeil mit einem Widerhaken; sie warf auf Felix einen Blick von oben herab und sagte zu Céleste: »Komm, setz dich hierher, mein Kind«, setzte sich selbst neben Frau Thuillier und wies ihrer Tochter einen Platz neben sich an.

»Und wenn ich mich totarbeiten soll,« sagte Felix zu Frau Thuillier, »ich muß Mitglied der Akademie der Wissenschaften werden, und ich werde auch irgendeine wichtige Entdeckung machen, damit ich ihre Hand auf Grund meiner Berühmtheit erhalte.«

»Ach,« sagte die arme Frau zu sich, »ich hätte solch einen stillen und freundlichen Gelehrten haben müssen, wie er ist! . . . Dann hätte ich mich bei einem solchen Leben im Schatten in Ruhe entwickeln können . . . Du hast das nicht gewollt, lieber Gott; aber füge wenigstens diese beiden Kinder zusammen und beschütze sie! Sie sind eins für das andere geschaffen.«

Und sie blieb in Nachdenken versunken, während sie den Höllenlärm mit anhörte, den ihre Schwägerin, dieses richtige Arbeitspferd, machte, die mit Hilfe der beiden Dienstboten den Tisch abdeckte, alles aus dem Speisezimmer herausräumte, damit die Tänzer und Tänzerinnen Platz hätten, und wie ein Kapitän auf der Kommandobrücke, der sich zum Kampfe anschickt, brüllte: »Ist noch genug Johannisbeersaft da? Es muß noch Mandelmilch besorgt werden«; oder: »das sind nicht genug Gläser und zu wenig Wein mit Wasser; nehmt die sechs Flaschen Landwein dazu, die ich eben heraufgeholt habe. Paßt aber auf, daß Coffinet, der Portier, sich keine nimmt! . . . Karoline, du bleibst am Büfett . . . Wenn um ein Uhr noch getanzt wird, gibts noch Schinkenbrötchen. Aber daß mir nichts unnütz verschwendet wird! Paß ordentlich auf. Gebt mir den Besen her und sorgt, daß die Lampen gefüllt sind, und daß mir ja nichts zerbrochen wird. Was vom Nachtisch übriggeblieben ist, müßt ihr etwas zurechtmachen und aufs Büfett stellen . . . Ob meine Schwägerin wohl daran denkt, ein bißchen zu helfen! Ich weiß nicht, was sie sich denkt, die Schlafmütze! . . . Mein Gott, wie langsam sie ist! . . . Nehmt die Stühle fort, dann ist mehr Platz.«

Der Salon war schon voll von den Barniols, den Collevilles, den Laudigeois, den Phellions und allen denen, die die Nachricht herbeigerufen hatte, daß ein kleiner Tanz bei den Thuilliers stattfinden sollte; sie war im Luxembourgbezirk zwischen zwei und vier Uhr, wo die Bourgeoisie ihren Spaziergang macht, verbreitet worden.

»Sind Sie fertig, Brigitte?« sagte Colleville und erschien im Speisezimmer; »es ist neun Uhr, und sie sind schon wie die Heringe im Salon zusammengepreßt. Cardot mit Frau, Sohn, Tochter und seinem zukünftigen Schwiegersohn sind eben gekommen und mit ihnen der junge Staatsanwaltsgehilfe Vinet, und das Faubourg Saint-Antoine tritt auch eben an. Wollen wir nicht das Piano aus dem Salon hier hereinnehmen?«

Er gab das Signal, indem er seine Klarinette probierte, deren komische Töne mit einem Hurra im Salon begrüßt wurden.

Es wäre ziemlich überflüssig, einen Ball dieser Art zu beschreiben. Die Toiletten, die Gesichter, die Unterhaltung, alles stimmte überein. Auf stellenweise abgescheuerten und abgenutzten Tabletts wurden Gläser mit reinem, mit verdünntem Wein und mit Zuckerwasser herumgereicht. Die Tabletts mit Mandelmilch und Limonade erschienen nur in längeren Zwischenräumen. Für fünfundzwanzig Spieler waren fünf Spieltische aufgestellt. Achtzehn Tänzer und Tänzerinnen waren zugegen. Um ein Uhr morgens wurden Frau Thuillier, Fräulein Brigitte und Frau Phellion sowie der alte Phellion mit Gewalt zu einem Kontertanze, gemeinhin die »Boulangère« genannt, herangeholt, bei dem Dutocq mit einem Turbanschleier wie ein Kabyle erschien. Die Dienstboten, die ihre Herrschaften abholten, und die des Hauses bildeten die Zuschauer, und da dieser endlose Kontertanz eine Stunde dauerte, wollte man Brigitte im Triumphe herumtragen, als sie zum Souper rief; sie hielt es aber für nötig, erst noch schnell zwölf Flaschen alten Burgunder wegzuschließen. Man amüsierte sich, die alten wie die jungen Damen, so gut, daß Thuillier Gelegenheit nahm, zu sagen:

»Heute früh hatten wir wahrhaftig noch keine Ahnung, daß wir heute ein solches Fest feiern würden!«

»Man amüsiert sich niemals so gut,« sagte der Notar Cardot, »wie bei diesen improvisierten Bällen. Bleiben Sie mir vom Leibe mit den andern steifen Festlichkeiten!«

Diese Meinung ist ein Axiom der Bourgeoisie.

»Ach, was,« sagte Frau Minard, »was mich anlangt, ich liebe den Vater und die Mutter . . .«

»Für Sie, gnädige Frau, gilt das nicht, bei Ihnen hat das Vergnügen ein auserlesenes Domizil gefunden«, sagte Dutocq.

Als die Boulangère zu Ende war, holte Theodosius Dutocq vom Büfett, wo er sich ein Schinkenbrötchen genommen hatte, und sagte zu ihm:

»Wir wollen aufbrechen, wir müssen morgen ganz früh bei Cérizet sein, um Näheres über die Sache, die uns beide angeht, zu hören; sie ist nicht so einfach, wie Cérizet meint.«

»Weshalb denn?« fragte Dutocq und aß sein Brötchen im Salon weiter.

»Kennen Sie denn die gesetzlichen Vorschriften nicht? . . .«

»Ich kenne sie genügend, um zu wissen, welche Gefahr wir laufen können. Wenn der Notar das Haus haben will, das wir ihm weggeschnappt haben, dann hat er die Möglichkeit, es uns wieder wegzunehmen, er braucht sich bloß hinter einen der angemeldeten Gläubiger zu stecken. Auf Grund des geltenden Hypothekenrechts haben, wenn ein Haus auf Antrag eines Gläubigers subhastiert wird, und der Preis, zu dem es zugeschlagen wird, nicht alle Gläubigerforderungen deckt, die Gläubiger das Recht, nochmals ein höheres Gebot zu machen; und der Notar, einmal hereingefallen, wird sich dann eines Besseren besinnen.«

»Das verdient jedenfalls aufmerksam verfolgt zu werden«, sagte la Peyrade.

»Gut!« sagte der Gerichtsvollzieher, »wir wollen zu Cérizet gehen.«

Die Worte: »Wir wollen zu Cèrizet gehen« hatte der Advokat Minard gehört, der unmittelbar hinter den beiden Genossen herging; aber sie hatten keinen Sinn für ihn. Die beiden Männer standen ihm, seinem Wege und seinen Absichten so fern, daß er das Gesagte wohl hörte, aber nicht verstand.

»Das war einer der schönsten Tage unsres Lebens«, sagte Brigitte, als sie um halb drei Uhr morgens mit ihrem Bruder allein in dem leeren Salon war; »wie stolz kannst du sein, daß dich deine Mitbürger so auf den Schild gehoben haben . . .!«

»Täusche dich nicht darüber, Brigitte, mein Kind, daß wir das alles nur einem Manne zu verdanken haben . . .«

»Und wen?«

»Unserm Freunde la Peyrade.«

*

Nicht am nächsten Tage, sondern erst am übernächsten, dem Dienstag, konnten Dutocq und Theodosius Cérizet aufsuchen; der Gerichtsvollzieher hatte darauf aufmerksam gemacht, daß Cérizet am Sonntag und Montag nie zu Hause war, mit Rücksicht auf das vollständige Fernbleiben der Kundschaft an diesen beiden Tagen, an denen das Volk seinem Vergnügen nachgeht. Das Haus, nach dem sie ihre Schritte lenkten, war für das Aussehen des Faubourg Saint-Jacques besonders charakteristisch; und es ist ebenso von Wichtigkeit, es hier näher kennenzulernen, wie die Häuser Thuilliers und Phellions. Man weiß nicht, (und es ist wahr, man hat noch keine Kommission ernannt, um dieses Phänomen zu studieren), – man weiß weder wie noch weshalb die Pariser Bezirke, innerlich wie äußerlich, so verfallen und herunterkommen; wie die alten Sitze des Hofes und der Kirche, der Luxembourg und das Quartier Latin sich zu dem entwickeln konnten, was sie heute sind, trotz eines der schönsten Paläste der Welt, trotz der kühn geschwungenen Kuppel von Saint-Geneviève, der Mansards vom Val-de-Grâce und der Schönheit des botanischen Gartens. Man fragt sich, weshalb das Reizvolle aus dem Leben verschwindet; wie solche Häuser, wie die Vauquers, Phellions, Thuilliers, mit ihren Pensionaten, wie Pilze dort aus der Erde schießen konnten, wo so viele Bauten des Adels und der Kirche gestanden haben, und warum der Schmutz, die mit Unsauberkeit verbundenen Gewerbe und die arme Bevölkerung sich dieses erhöhten Platzes bemächtigen konnten, anstatt sich fern von einem so alten und vornehmen Stadtteil anzusiedeln . . . Nachdem der Engel, der seine wohltätigen Fittiche über dieses Viertel ausgebreitet hatte, einmal verschwunden war, hat sich der Wucher unterster Sorte hier festgesetzt. Auf den Gerichtsrat Popinot war ein Cérizet gefolgt; und, merkwürdig und wohl zu beachten, vom sozialen Standpunkte aus war der Effekt ein durchaus nicht so sehr anderer. Popinot gab Darlehen, ohne Zinsen zu nehmen, und wußte sich in einen Verlust zu schicken; Cérizet hatte niemals Verluste und zwang die Unglücklichen, hart zu arbeiten und sparsam zu werden. Popinot verehrten die Armen, aber sie haßten auch Cérizet nicht. Er war das unterste Rad in der Maschine der Pariser Finanzwelt. Oben standen die Häuser Nucingen, Keller, du Tillet, Mongenod; etwas tiefer die Palmas, die Gigonnets, die Gobsecks; noch tiefer die Samanous, die Chaboisseaus, die Barbets; und am Ende, nach dem Pfandleihhause, dieser König der Wucherer, der seine Schlingen an den Straßenecken legte, um alle Arten von Elend, ohne daß ihm eine entging, abzufangen: die Firma Cérizet!

Bei der Erwähnung des Schnürrocks war schon von dem Loch dieses aus seiner Gründung und aus der sechsten Kammer wieder Aufgetauchten die Rede gewesen.

Das Haus war vom Salpeter angefressen, und seine Mauern, die eine übelriechende Feuchtigkeit ausschwitzten, zeigten überall breite Flecken von Schimmel. Es lag an der Ecke der Rue des Postes und der Rue des Poules, und sein Erdgeschoß war von einer Weinhandlung unterster Sorte eingenommen, einem grellrot roh angestrichenen Laden mit roten Schirtingvorhängen, einem bleiernen Schenktisch und schweren Eisenstangen.

Über der Tür zu einem häßlichen Gang hing eine abscheuliche Laterne mit der Inschrift: »Nachtlogis«. Die Mauern waren mit Eisenkreuzen überdeckt, die bewiesen, wie mangelhaft die Standfestigkeit dieses Gebäudes war, das dem Weinhändler gehörte. Außer dem Erdgeschoß bewohnte er noch das Zwischengeschoß. Die Witwe Poiret, eine geborene Michonneau, hielt hier ein Hotel garni im ersten, zweiten und dritten Stock, dessen Zimmer für die Benutzung durch Arbeiter und die ärmsten Studenten eingerichtet waren.

Cérizet hatte einen Raum im Erdgeschoß und einen im Zwischenstock inne, zu dem er über eine innere Treppe gelangte; der Zwischenstock erhielt sein Licht von einem scheußlichen, gepflasterten Hofe, aus dem mephitische Gerüche aufstiegen. Cérizet zahlte der Witwe Poiret für sein Frühstück und Mittagessen vierzig Franken monatlich; er hatte sich so, als ihr Pensionär, die Wirtin verpflichtet und ebenso den Weinhändler, dem er einen enormen Absatz in Wein und Schnaps verschaffte, ein Geschäft, das sich vor Tagesanbruch abwickelte. Cadenet machte sein Geschäft noch früher als Cérizet auf, der seine Tätigkeit am Dienstag im Sommer um drei, im Winter um fünf Uhr morgens begann.

Die Stunde, zu der die große Markthalle geöffnet wurde, in der viele seiner Klienten und Klientinnen ihre Beschäftigung hatten, war für seine üblen Geschäfte maßgebend. Deshalb hatte auch der edle Cadenet, mit Rücksicht darauf, daß er diese Kundschaft Cérizet zu verdanken hatte, ihm die beiden Räume für nur achtzig Franken jährlich vermietet und einen Mietkontrakt auf zwölf Jahre abgeschlossen, den nur Cérizet, ohne eine Abstandssumme zahlen zu müssen, alle Vierteljahre kündigen konnte. Cadenet brachte persönlich alle Tage eine Flasche ausgezeichneten Wein für das Mittagessen seines kostbaren Mieters herauf, und wenn Cérizet auf dem Trockenen saß, brauchte er nur zu seinem Freunde zu sagen: »Cadenet, borg mir doch hundert Taler«. Aber er gab sie ihm stets getreulich zurück.

Cadenet besaß, wie es hieß, den Beweis, daß die Witwe Poiret Cérizet zweitausend Franken anvertraut hatte, was das Aufblühen seines Geschäftes seit dem Tage erklären konnte, wo er sich in diesem Viertel mit seinen letzten tausend Franken unter der Protektion Dutocqs etabliert hatte. Cadenet, durch sein erfolgreiches Geschäft geldgierig geworden, hatte seinem Freunde Cérizet zu Beginn des Jahres zwanzigtausend Franken angeboten, aber Cérizet hatte es unter dem Vorwande abgelehnt, daß so etwas leicht der Anlaß zur Feindschaft unter Freunden werden könnte.

»Ich könnte sie nur zu sechs Prozent nehmen,« sagte er zu Cadenet, »und Sie verdienen in Ihrem Geschäft mehr damit . . . Später, wenn mal eine gute Sache sich bietet, können wir uns zusammentun; aber für so etwas sind fünfzigtausend Franken erforderlich; wenn Sie über eine solche Summe verfügen können, nun, dann ließe sich darüber reden . . .«

Die Angelegenheit mit dem Hause hatte Cérizet Theodosius gebracht, nachdem er festgestellt hatte, daß sie drei, Frau Poiret, Cadenet und er, niemals hunderttausend Franken zusammenbringen konnten.

Der Mann, der diese Leihgeschäfte auf eine Woche machte, war in seinen Rumpelkammern vollkommen in Sicherheit, wo er nötigenfalls auch tätlichen Beistand gefunden hätte. An gewissen Tagen fanden sich bei ihm nicht weniger als sechzig bis achtzig Personen ein, ebensoviel Männer wie Frauen, die teils bei dem Weinhändler, teils im Gange auf den Treppenstufen, teils im Bureau, in das der mißtrauische Cérizet nicht mehr als sechs Personen zu gleicher Zeit hereinließ, warteten. Die zuerst Gekommenen kamen der Reihe nach dran, und da man nur seiner Nummer entsprechend vorgelassen wurde, schrieben der Weinhändler und sein Gehilfe die Nummern den Männern an den Hut, den Weibern auf den Rücken. Wie bei den Droschken auf den Halteplätzen verkaufte man die Vordernummern an die spätern. An manchen Tagen, wo man eilige Geschäfte in der Markthalle hatte, wurde eine Vordernummer mit einem Glas Schnaps und einem Sou bezahlt. Die erledigten Nummern riefen die nachfolgenden in Cérizets Bureau, und wenn sich ein Streit erhob, machte Cadenet dem bald ein Ende mit den Worten:

»Wenn die Wache oder die Polizei geholt werden muß, was hilft euch das? Dann schließt ›er‹ die Bude.«

»Er«, damit bezeichnete er Cérizet. An manchen Tagen, wenn ein verzweifeltes unglückliches Weib, das zu Hause kein Brot hatte und ihre Kinder vor Hunger bleich werden sah, erschien, um sich zehn oder zwanzig Sous zu leihen, so fragte sie den Weinhändler oder seinen ersten Gehilfen: »Ist ›er‹ da?«

Und Cadenet, ein kleiner dicker Mann in blauem Anzug mit schwarzen Schutzärmeln, einer Küferschürze und einer Mütze auf dem Kopfe, erschien solchen armen Müttern wie ein Engel, wenn er antwortete:

»›Er‹ hat gesagt, daß Sie eine ehrliche Frau sind, und daß ich Ihnen vierzig Sous geben darf. Sie wissen, was Sie zu tun haben . . .« Und, unglaublich, »er« wurde dafür gesegnet, wie man ehemals Popinot segnete.

Am Sonntagmorgen freilich, wenn man bezahlen mußte, verfluchte man Cérizet; und mehr noch wurde er am Sonnabend verflucht, wenn man arbeiten mußte, um den geliehenen Betrag mit den Zinsen zurückzuzahlen, Aber vom Dienstag bis zum Freitag jeder Woche war er die Vorsehung und der Gott.

Der Raum, in dem er sich aufhielt, früher die Küche des ersten Stocks, war ganz kahl, die geweißte Decke verräuchert. Die Wände, an denen entlang Bänke standen, und der Steinfußboden zogen die Feuchtigkeit bald an sich, bald schwitzten sie sie aus. An Stelle des Kamins, von dem nur noch der Rauchfang vorhanden war, hatte er einen eisernen Ofen aufgestellt, der mit Steinkohle geheizt wurde, wenn es kalt war. Unter dem Rauchfang befand sich ein Podest, der um einen halben Fuß höher als der Fußboden war und sechs Fuß im Geviert maß; auf ihm befanden sich ein Tisch im Werte von zwanzig Sous und ein hölzerner Sessel mit einem zerrissenen grünen Lederkissen. Dahinter hatte Cérizet die Wand mit Schiffsplanken verkleidet. Neben sich hatte er einen kleinen Wandschirm aus weißem Holz, um sich gegen den Zug vom Fenster oder der Tür her zu schützen; dieser zweiteilige Wandschirm ließ aber die Ofenwärme zu ihm heranströmen. Das Fenster war innen mit riesigen Läden versehen, die mit Eisenblech beschlagen und mit einer eisernen Stange gesichert waren. Auch die Tür hatte den gleichen Schutz.

Im Hintergrunde des Zimmers, in einer Ecke, befand sich eine Wendeltreppe, die aus irgendeinem abgebrochenen Lagerraum herstammte und von Cadenet in der Rue Chapon gekauft worden war; die hatte er in den Fußboden des Zwischenstocks eingelassen. Um jede Verbindung mit dem ersten Stock unmöglich zu machen, hatte Cérizet verlangt, daß die Tür des Zwischengeschosses, die auf den Treppenabsatz führte, zugemauert werde. So glich seine Wohnung einer Festung. Sein oberes Zimmer war nur mit einem Teppich für zwanzig Franken, einem Schülerbett, einer Kommode, zwei Stühlen, einem Sessel und einer eisernen Kassette in Form eines Schreibtisches von vortrefflicher Schlosserarbeit, einem Gelegenheitskauf, ausgestattet. Er rasierte sich vor dem Kaminspiegel; er besaß außerdem zwei Bettbezüge aus Schirting, sechs Hemden aus Perkai und das übrige dem Entsprechende. Ein- oder zweimal hatte Cadenet Cérizet wie einen eleganten Herrn gekleidet gesehen; er hatte nämlich in der untersten Schublade der Kommode eine vollständige Verkleidung verborgen, in der er in die Oper gehen und Gesellschaften besuchen konnte, ohne erkannt zu werden; wäre ihm nicht seine Stimme bekannt gewesen, so hätte Cadenet ihn gefragt: »Was steht zu Ihren Diensten?«

Was an diesem Manne »seinen Kindern« am besten gefiel, das waren seine Gemütlichkeit und seine Antworten; er redete ihre Sprache. Cadenet, seine beiden Gehilfen und Cérizet, die inmitten des fürchterlichsten Elends ihr Leben verbrachten, bewahrten den Gleichmut der Leichenträger gegenüber den Erben, der alten Gardesergeanten angesichts der Toten; wenn sie den Schrei des Hungers und der Verzweiflung hörten, so jammerten sie ebenso wenig wie die Chirurgen beim Stöhnen ihrer Kranken in den Hospitälern, und wie die Soldaten und die Wärter machten sie nichtssagende Redensarten, wie: »Habt Geduld und ein bißchen Mut! Was nützt es euch, wenn ihr verzweifelt? Und wenn ihr euch umbringt, was dann? . . . Man gewöhnt sich an alles; nur etwas Vernunft, usw.«

Obwohl Cérizet so vorsichtig war, das für seine morgendlichen Geschäfte erforderliche Geld in dem doppelten Boden des Sessels, auf dem er saß, versteckt zu halten, nicht mehr als hundert Franken auf einmal herauszunehmen, die er in seine Hosentaschen steckte, und neuen Vorrat nur zwischen zwei Schüben seiner Kunden herauszuholen, während die Tür geschlossen blieb und erst wieder geöffnet wurde, wenn er seine Taschen untersucht hatte, so war für ihn von den mannigfachen Verzweifelten, die von allen Seiten zu dieser Geldquelle zusammenströmten, doch nichts zu befürchten. Es gibt ohne Zweifel recht viele Arten, auf die man sich als ehrlich oder tugendhaft erweisen kann. Der Mensch mag vor seinem Gewissen schuldig sein, er mag es offensichtlich an Zartgefühl haben fehlen lassen und gegen die Vorschriften der Ehre gesündigt haben: damit verfällt er noch nicht der allgemeinen Mißachtung; er mag direkt ehrlos gehandelt haben und vor das Zuchtpolizeigericht gezogen worden sein: damit kommt er noch nicht vor das Schwurgericht; aber wenn er selbst von diesem verurteilt und der Ehrenrechte beraubt worden ist, so kann er selbst im Bagno geachtet werden, wenn er nicht gegen die Verbrecherehre handelt, die darin besteht, daß man kein Denunziant ist, ehrlich teilt und die gleiche Gefahr mit den andern auf sich nimmt. Nun, diese letzte Sorte von Ehrenhaftigkeit, die vielleicht nur das Ergebnis der Berechnung und der Notwendigkeit ist, die aber dem danach Handelnden noch eine gewisse Möglichkeit bietet, sich großherzig zu zeigen und sich zu bessern, sie herrschte absolut zwischen Cérizet und seiner Kundschaft. Cérizet irrte sich niemals, und seine Armen ebensowenig; es gab auf beiden Seiten in bezug auf Kapital und Zinsen niemals Streit. Mehrfach hatte Cérizet, der übrigens ein Kind des Volkes war, von einer Woche zur andern einen unabsichtlichen Irrtum zugunsten einer armen Familie berichtigt, die ihn gar nicht gemerkt hatte. Daher galt er zwar als ein Hund, aber als ein anständiger Hund, und sein Wort inmitten dieser Schmerzensstadt als heilig. Als eine Frau gestorben war, die ihm dreißig Franken schuldete, sagte er zu den Versammelten:

»Das ist mein Gewinn, und da flucht ihr noch auf mich! Und trotzdem werde ich ihre Kleinen nicht darum schikanieren! . . . Und Cadenet hat ihnen noch zu essen und Wein gebracht.«

Seit diesem hübschen Zuge, der übrigens auf kluger Berechnung beruhte, sagte man von ihm in beiden Faubourgs:

»Er ist doch kein schlechter Mensch! . . .«

Das Geldleihen auf eine Woche, wie es Cérizet betrieb, ist verhältnismäßig keine so schlimme Plage, wie das Verpfänden auf dem Pfandleihhause. Cérizet gab am Dienstag zehn Franken unter der Bedingung her, daß er am Sonntagmorgen zwölf zurückerhielt. In fünf Wochen verdoppelte er auf diese Weise sein Kapital, aber es gab auch viele Abweichungen. Seine Gefälligkeit bestand darin, ab und zu nur elf Franken fünfzig Centimes zurückzufordern; die Zinsen blieb man schuldig. Und wenn er einem kleinen Fruchthändler fünfzig Franken gegen die Rückzahlung von sechzig, oder einem Lohgerber hundert gegen die von hundertzwanzig lieh, so war das ein Risiko.

Als sie aus der Rue des Postes in die Rue des Poules einbogen, bemerkte Theodosius und Dutocq eine Ansammlung von Männern und Weibern, und sie erschraken, als sie beim Scheine der Lampen des Weinhändlers diese Masse von roten, rissigen, faltigen, von Leiden verdüsterten Gesichtern mit zerzausten oder kahlen Köpfen und aufgeschwollen vom Wein oder ausgemergelt vom Schnaps erblickten; die einen hatten einen drohenden, die andern einen resignierten, diese einen spöttischen, jene einen geistvollen, noch andere einen stumpfsinnigen Ausdruck; alle waren in so scheußliche Lumpen gehüllt, wie auch die ausschweifendste Phantasie eines Zeichners sie nicht schlimmer ersinnen konnte.

»Man wird mich hier erkennen!« sagte Theodosius und zog Dutocq mit sich fort; »wir haben eine Dummheit begangen, daß wir ihn hier während seiner Geschäftszeit aufgesucht haben . . .«

»Um so mehr, als wir nicht daran gedacht haben, daß Claparon hier in einem Hundeloch, das wir innen gar nicht kennen, haust. Aber das kommt nur für Sie in Betracht, nicht für mich; ich kann ja mit meinem Sekretär zu reden haben, und ich werde ihm mitteilen, daß wir abends zusammen essen wollen, denn zum Frühstück können wir nicht zusammenkommen, weil heute Sitzung ist. Wir könnten uns in der ›Chaumière‹ treffen, in einer der Lauben im Garten . . .«

»Das paßt schlecht; da kann man behorcht werden, ohne daß man es merkt«, sagte der Advokat; »da würde ich den ›Petit Rocher de Cancale‹ vorziehen; da nehmen wir ein Zimmer und sprechen leise.«

»Und wenn man Sie dort mit Cérizet zusammen sieht?«

»Nun, dann wollen wir ins ›Cheval rouge‹ gehen, am Quai de la Tournelle.«

»Das wird besser sein; also um sieben Uhr, da treffen wir niemanden mehr.«

Dutocq begab sich nun mitten unter diesen Bettlerkongreß und hörte, wie sein Name aus der Menge genannt wurde, denn es war für ihn kaum zu vermeiden, daß er Leuten, die mit dem Gericht zu tun hatten, begegnete, ebenso wie Theodosius hier einige seiner Klienten getroffen hätte.

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