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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Während la Peyrade sein Theater mit Colleville aufführte und ihn mit sehr geistvollen Scherzen von der Kandidatur in Kenntnis setzte, wobei er ihm erklärte, daß er sie im Familieninteresse unterstützen müsse, hörte Flavia im Salon folgendes Gespräch, das sie verblüffte, mit an:

»Ich möchte gern wissen, was sich die Herren Colleville und la Peyrade dort erzählen, daß sie so lachen!« sagte Frau Thuillier in ihrer törichten Art, während sie aus dem Fenster sah.

»Sie reden Dummheiten, wie es die Männer immer tun, wenn sie unter sich sind«, antwortete Fräulein Thuillier, die häufig mit einem Rest instinktiver Abneigung, wie sie alten Jungfern innewohnt, gegen die Männer loszog.

»Dazu ist er nicht fähig,« sagte Phellion würdevoll, »denn Herr de la Peyrade ist einer der tugendhaftesten jungen Leute, die mir begegnet sind. Sie wissen, wie hoch ich Felix stelle: nun, ich stelle ihn auf die gleiche Höhe, und außerdem wünschte ich meinem Sohne noch etwas von der edlen Frömmigkeit des Herrn Theodosius.«

»Er ist in der Tat ein verdienstvoller Mann, der seinen Weg machen wird«, sagte Minard. »Was mich anlangt, so ist ihm mein Beistand (ich wage nicht zu sagen meine Protektion) sicher . . .«

»Er gibt mehr für Lampenöl als für Brot aus«, sagte Dutocq, »das weiß ich genau.«

»Seine Mutter, wenn er das Glück hat, sie noch zu besitzen, muß sehr stolz auf ihn sein«, sagte Frau Phellion.

»Er ist ein wahrer Schatz für uns,« fügte Thuillier hinzu, »und wenn Sie wüßten, wie bescheiden er ist! Er will gar nicht von sich reden machen.«

»Wofür ich einstehen kann,« bemerkte Dutocq, »das ist, daß kein junger Mann sein Elend vornehmer ertragen hat, und er hat es überwunden; aber wie er gelitten hat, das sieht man ihm an.«

»Ach, der arme junge Mensch!« rief Zélie aus; »so etwas tut mir so wehe! . . .«

»Man kann ihm seine Geheimnisse und sein Vermögen anvertrauen,« sagte Thuillier, »und etwas besseres kann man heutzutage von einem Manne nicht sagen.«

»Es ist Colleville, der ihn zum Lachen reizt!« erklärte Dutocq.

In diesem Moment kamen Colleville und la Peyrade aus dem Garten zurück als die besten Freunde von der Welt.

»Meine Herren, die Suppe wie den König darf man nicht warten lassen: reichen Sie den Damen den Arm!«

Fünf Minuten nach dieser scherzhaften Aufforderung, die aus der Portierloge ihres Vaters stammte, hatte Brigitte die Genugtuung, um ihren Tisch die Hauptpersonen dieses Dramas versammelt zu sehen, die übrigens auch alle, mit Ausnahme des scheußlichen Cérizet, in ihrem Salon verkehrten. Das Bild dieser ehemaligen Säckenäherin würde vielleicht unvollständig sein, wenn die Beschreibung eines ihrer besten Diners unterbliebe. Die Figur der Bourgeoisköchin der Zeit von 1840 gehört übrigens zu den wichtigen Details der Sittengeschichte, und kluge Hausfrauen werden hierbei Belehrung finden können. Man kann nicht zwanzig Jahre lang leere Säcke genäht haben, ohne nach der Möglichkeit zu suchen, einige davon zu füllen. Brigitte besaß die besondere Eigenschaft, daß sie Sparsamkeit, der man sein Vermögen verdankt, mit dem Verständnis für notwendige Ausgaben zu vereinigen wußte. Ihre verhältnismäßig große Freigebigkeit, sobald es sich um ihren Bruder oder um Céleste handelte, stand im Gegensatz zu ihrem Geiz. Sie beklagte deshalb auch häufig, daß sie nicht geizig sei. Bei dem letzten Diner hatte sie erzählt, daß sie, nach einem Kampfe von zehn Minuten mit sich, und nachdem sie Höllenqualen ausgestanden hatte, schließlich zehn Franken einer armen Arbeiterin ihres Viertels geschenkt hatte, von der sie sicher wußte, daß sie seit zwei Tagen nichts gegessen hatte.

»Das Mitgefühl war stärker als die Vernunft«, sagte sie naiv.

Die Suppe war eine fast klare Bouillon; selbst bei solchen Gelegenheiten hatte die Köchin den Auftrag, dünne Bouillon zu kochen, denn da die Familie das Rindfleisch am nächsten und übernächsten Tag essen sollte, so war es um so besser, je weniger ausgekocht es auf dem Tisch kam; es wurde daher stets, wenn Thuillier es zu tranchieren begann, auf Brigittes Wink wieder abgetragen, die sagte:

»Ich glaube, es ist etwas zäh; also laß es sein, Thuillier, es wird es doch niemand essen, wir haben ja genug anderes!«

Neben der Bouillon wurden auch noch vier Schüsseln auf alten Rechauds, von denen die Versilberung abgegangen war, aufgetragen. Der erste Gang dieses Diners, des sogenannten Kandidatur-Diners, bestand aus zwei Enten mit Oliven, einer ziemlich großen Fleischpastete mit Klößchen, Aal à la Tartare und einem Kalbsfricandeau mit Chicoré-Gemüse. Das Hauptstück des zweiten Ganges war eine herrliche Gans mit Maronen gefüllt. Dazu ein Salat, ›de mâche‹ mit Scheiben von roten Rüben garniert, Cremetöpfen, gezuckerten Kohlrüben und einer Schüssel Makkaroni. Dieses Diner eines Portiers, der ein Hochzeitsfest feiert, kostete höchstens zwanzig Franken, und von dem, was übrigblieb, lebte das Haus noch zwei Tage; Brigitte aber sagte: »Ja, bei solchen Einladungen fliegt das Geld nur so weg . . . es ist schrecklich!«

Der Tisch war von zwei abscheulichen vierarmigen Leuchtern aus versilbertem Kupfer erhellt, auf denen billige, sogenannte »Aurorakerzen« brannten. Das Tischzeug war von blendender Weiße, das alte Silber mit Fadenmuster ein väterliches Erbstück, das der alte Thuillier in der Revolutionszeit gekauft und in dem geheimen Restaurant benutzt hatte, das in seiner Dienstwohnung eingerichtet war, aber im Jahre 1816 ebenso wie in allen andern Ministerien abgeschafft wurde. So paßte das Essen zu dem Hause und zu den Thuilliers, die sich über diesen Zuschnitt nicht zu erheben vermochten. Die Minards, Colleville und la Peyrade wechselten einige lächelnde Blicke, die ihre gemeinsamen spöttischen, aber zurückgehaltenen Gedanken verrieten. Ihnen war der vornehmere Luxus bekannt, und die Minards verrieten ihre Hintergedanken deutlich genug, wenn sie die Einladung zu einem solchen Diner annahmen. La Peyrade, der neben Flavia saß, sagte leise zu ihr: »Gestehen Sie, daß es sehr nötig ist, den Leuten Lebensart beizubringen! Aber diese Minards! Was für eine scheußliche Geldgier! Ihr Kind wäre da für immer für Sie verloren; diese Parvenüs haben die Laster der alten Grandseigneurs, aber ohne deren Eleganz. Ihr Sohn mit seinen zwölftausend Franken Rente kann recht gut in jeder Familie eine Frau finden und braucht nicht hierher zu kommen und auf das Einscharren des Geldes zu spekulieren. Was ist das für ein Spaß, auf diesen Leuten zu spielen, wie auf einer Baßgeige oder einer Klarinette!«

Flavia hörte ihm lächelnd zu und zog auch ihren Fuß nicht zurück, den Theodosius leise mit den seinigen drückte.

»Damit ich Sie in Kenntnis von dem, was vorgeht, setzen kann,« sagte er, »wollen wir uns mit dem Pedal verständigen; seit heute morgen müssen Sie mich durch und durch kennen, ich bin kein Mann, der kleine Scherze macht . . .«

In bezug auf geistige Überlegenheit war Flavia nicht verwöhnt; der kategorische und freie Ton Theodosius' blendete die Frau, mit der der gewandte Zauberkünstler in einen Kampf getreten war, wo es für sie nur ein Ja oder ein Nein gab. Man mußte ihn rückhaltlos anerkennen oder ablehnen; und da sein Verhalten ein wohl berechnetes war, so verfolgte er mit freundlichen Blicken aber scharfer Aufmerksamkeit das Resultat seiner Bezauberung. Als der zweite Gang abgeräumt wurde, sagte Minard, der fürchtete, daß ihm Phellion zuvorkommen könnte, mit würdevoller Miene zu Thuillier:

»Mein lieber Thuillier, wenn ich Ihre Einladung angenommen habe, so geschah das, um Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen, die für Sie zu ehrenvoll ist, als daß ich nicht alle unsre Tischgenossen zu Zeugen dabei machen möchte.

Thuillier wurde bleich.

»Haben Sie etwa das Kreuz für mich bewilligt bekommen? . . .« rief er aus, während er einen Blick von Theodosius auffing, dem er beweisen wollte, daß es ihm nicht an Schlauheit fehle.

»Das werden Sie eines schönen Tages auch bekommen«, erwiderte der Bürgermeister; »aber es handelt sich hier um etwas Bedeutenderes. Das Kreuz verdankt man der guten Meinung eines Ministers, während hier die Rede von einer andern Sache ist, von einer Wahl unter Zustimmung aller Ihrer Mitbürger. Mit einem Worte: eine ziemlich große Zahl von Wählern Ihres Bezirks haben ihr Auge auf Sie geworfen und wollen Sie mit ihrem Vertrauen beehren, indem sie Ihnen das Amt übertragen, den Bezirk im Munizipalrat von Paris zu vertreten, der, wie jedermann weiß, der Generalrat des Seinedepartements ist . . .«

»Bravo!« rief Dutocq.

Jetzt erhob sich Phellion.

»Der Herr Bürgermeister ist mir zuvorgekommen,« sagte er bewegt, »aber es ist so schmeichelhaft für unsern Freund, der Gegenstand eifrigen Bemühens aller guten Bürger zugleich zu sein und die öffentliche Meinung der ganzen Hauptstadt auf seiner Seite zu haben, daß ich mich nicht beklagen kann, erst in zweiter Reihe zu Wort zu kommen, und im übrigen gebührt ja auch die Initiative der leitenden Stelle! . . .« (Dabei verbeugte er sich respektvoll vor Minard.) »Ja, Herr Thuillier, mehrere Wähler desjenigen Teils des Bezirks, in dem sich auch meine bescheidenen Penaten befinden, haben die Absicht, Ihnen ein Mandat zu übertragen, aber bei Ihnen liegt der besondere Fall vor, daß auf Sie ein berühmter Mann hingewiesen hat . . . (Sensation), ein Mann, in dem wir das Andenken an einen der edelsten Bewohner des Bezirks ehren wollten, der ihm zwanzig Jahre lang mit väterlicher Treue gedient hat; ich will hier von dem seligen Herrn Popinot sprechen, bei seinen Lebzeiten Rat am obersten Gerichtshof und unser Vertreter im Munizipalrat. Sein Neffe, der Doktor Bianchon, hat es, mit Rücksicht auf seine ihn ganz in Anspruch nehmende Tätigkeit, abgelehnt, die Pflichten, mit denen er belastet werden sollte, auf sich zu nehmen; aber indem er uns für die Ehre, die wir ihm erweisen wollten, dankte, hat er gleichzeitig, bemerken Sie das wohl, uns auf den Kandidaten des Herrn Bürgermeisters hingewiesen, als den nach seiner Meinung Fähigsten und mit Rücksicht auf seine frühere Tätigkeit Geeignetsten, das Amt eines Ädilen zu übernehmen! . . .«

Und Phellion setzte sich wieder unter lärmendem Beifall.

»Auf deinen alten Freund kannst du rechnen, Thuillier«, sagte Colleville.

In diesem Augenblick wurden die Gäste durch das Schauspiel, das ihnen die alte Brigitte und Frau Thuillier boten, in Rührung versetzt. Brigitte, die bleich geworden war, als ob sie in Ohnmacht fallen wollte, rollten langsam, eine nach der andern, Tränen über die Backen, Tränen tiefster Glückseligkeit, und Frau Thuillier saß wie entgeistert da, mit starren Augen. Plötzlich sprang das alte Mädchen auf, stürzte in die Küche und schrie Josephine zu:

»Komm in den Keller! . . . Wir brauchen den Wein hinter dem Holz!«

»Meine lieben Freunde,« sagte Thuillier gerührt, »das ist der schönste Tag meines Lebens, schöner noch, als es der Tag meiner Wahl sein wird, wenn ich einwilligen darf, dem Ruf meiner Mitbürger Folge zu leisten (Aber gewiß, gewiß!), denn ich fühle mich durch dreißig Jahre amtlichen Dienstes recht verbraucht, und Sie werden begreifen, daß ein Ehrenmann seine Kräfte und Fähigkeiten erst nachprüfen muß, bevor er das Amt eines Ädilen auf sich nimmt . . .«

»Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet, Herr Thuillier«, rief Phellion aus. »Verzeihung, es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich unterbreche, und noch dazu einen früheren Vorgesetzten; aber es gibt gewisse Umstände . . .«

»Nehmen Sie an, nehmen Sie an!« schrie Zélie; »zum Donnerwetter, wir brauchen solche Leute wie Sie zum Regieren!«

»Fügen Sie sich, mein lieber Chef!« sagte Dutocq, »und es lebe der künftige Munizipalrat! . . . Aber wir haben nichts zu trinken . . .«

»Also abgemacht,« begann Minard wieder, »Sie sind unser Kandidat?«

»Sie haben eine zu hohe Meinung von mir«, erwiderte Thuillier.

»Unsinn!« rief Colleville; »ein Mann, der dreißig Jahre Galeerenarbeit im Finanzministerium hinter sich hat, ist ein Schatz für die Stadt!«

»Sie sind zu bescheiden,« sagte der junge Minard, »Ihre Tüchtigkeit ist uns allen wohlbekannt, man weiß auch jetzt noch davon im Finanzministerium . . .«

»Also Sie haben es gewollt! . . .« rief Thuillier aus.

»Der König wird mit dieser Wahl sehr zufrieden sein, das kann ich Ihnen versichern«, sagte Minard und warf sich in die Brust.

»Meine Herren,« sagte la Peyrade, »wollen Sie einem noch jungen Mitbewohner des Faubourg Saint-Jacques eine kleine, aber nicht unwichtige Bemerkung gestatten?«

Die allgemein anerkannte Bedeutung des Armenadvokaten bewirkte, daß alle schwiegen.

»Der Einfluß, den der Herr Bürgermeister in dem Nachbarbezirk und noch erheblich mehr in unserm besitzt, wo er ein so gutes Andenken hinterlassen hat; der des Herrn Phellion, der das Orakel, wir können das ruhig sagen,« bemerkte er, als er eine ablehnende Geste Phellions wahrnahm, »seiner Truppe ist; der nicht geringere, den Herr Colleville seinem freimütigen Wesen und seiner Liebenswürdigkeit verdankt; der des Herrn Gerichtsvollziehers des Friedensgerichts, der nicht unerheblich ist, und endlich das wenige, was ich in meiner bescheidenen Berufssphäre mit beitragen kann, sind eine Gewähr für den Erfolg: aber es handelt sich nicht bloß um den Erfolg! . . . Wenn wir einen schnellen Sieg erringen wollen, müssen wir uns alle verpflichten, über die Kundgebung, die heute hier stattgefunden hat, das strengste Stillschweigen zu bewahren . . . Wir würden sonst, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, Neid und andere Nebenwünsche erregen und uns Hindernisse schaffen, die wir dann zu überwinden hätten. Der Sinn der neuen politischen Gestaltung der sozialen Verhältnisse, ihre eigentliche Grundlage, ihre Erscheinungsformen und die Garantie für ihr Bestehen liegt darin, daß eine verhältnismäßige Beteiligung an der Regierung dem Mittelstande gewährt ist, auf dem in Wahrheit die Macht der modernen Gesellschaft beruht, und bei dem das moralische Gefühl, die edlen Gesinnungen und die erfolgreiche Arbeit zu Hause sind; aber wir dürfen uns nicht verhehlen, daß die Wahl, die sich auf fast alle Ämter erstreckt, das Verlangen nach Befriedigung des Ehrgeizes, die Sucht etwas zu bedeuten, bis in, gestatten Sie mir das Wort, niedrige gesellschaftliche Schichten vorgedrungen sind, die damit nicht hätten in Erregung versetzt werden dürfen. Einige sehen darin einen Vorzug, andere ein Übel; es kommt mir nicht zu, diese Frage entscheiden zu wollen in Gegenwart von Männern, vor deren geistiger Überlegenheit ich mich beuge; ich begnüge mich damit, sie aufzuwerfen, weil ich auf die Gefahr hinweisen will, die die Parteinahme für unsern Freund laufen kann. Unser ehrenwerter Vertreter im Munizipalrate ist erst vor acht Tagen gestorben, und schon haben sich Untergeordnete mit ihren ehrgeizigen Ansprüchen gemeldet. Man will sich um jeden Preis bemerkbar machen. Der Wahlaufruf wird vielleicht erst in einem Monat stattfinden. Wieviel Intrigen können bis dahin eingefädelt werden! . . . Geben wir, ich beschwöre Sie, unsern Freund Thuillier nicht den Angriffen seiner Konkurrenten preis! Liefern wir ihn nicht der öffentlichen Diskussion aus, dieser modernen Harpyie, dem Sprachrohr der Verleumdung und des Neides, dem Vorwand für feindliche Gesinnungen, die alles herabsetzen, was groß, die alles beschmutzen, was achtungswert, die alles beschimpfen, was heilig ist; . . . machen wir es wie der dritte Stand in der Kammer: bleiben wir stumm und stimmen wir ab!«

»Wie gut er spricht«, sagte Phellion zu seinem Nachbar Dutocq.

»Und wie inhaltreich! . . .«

Der junge Minard war vor Neid grün und gelb worden.

»Das ist gut und richtig!« rief Minard.

»Einstimmig angenommen«, sagte Colleville; »meine Herren, wir sind Ehrenmänner, es genügt, daß wir über diesen Punkt im Einverständnis sind.«

»Wer das Ziel erreichen will, muß auch die Mittel dazu wollen«, sagte Phellion emphatisch.

In diesem Moment erschien Fräulein Thuillier, gefolgt von ihren beiden Dienstboten; der Kellerschlüssel hing an ihrem Gürtel, und drei Flaschen Champagner, drei Flaschen alter Ermitage und eine Flasche Malaga wurden auf den Tisch gestellt; aber mit fast andächtiger Sorgsamkeit trug sie eine kleine Flasche, ähnlich einer bösen Fee, und setzte sie vor ihren Platz. Während der allgemeinen Fröhlichkeit, die dieser aus Dankbarkeit herbeigeschaffte Überfluß an guten Dingen verursachte, und den das arme Mädchen in ihrer Seligkeit mit einer Verschwendung austeilte, die ihre sonstige magere Gastfreundlichkeit, die sie alle vierzehn Tage entwickelte, Lügen strafte, erschien auf zahlreichen Schüsseln der Nachtisch: Studentenfutter in Hülle und Fülle, Orangenpyramiden, Konfekt, Eingemachtes aus der Tiefe ihrer Vorratsschränke, was alles, ohne diese besondere Veranlassung, nicht auf den Tisch gekommen wäre.

»Céleste, man soll eine Flasche Schnaps bringen, den mein Vater im Jahre 1802 gekauft hat; mach uns einen Orangensalat zurecht«, rief sie ihrer Schwägerin zu.

»Herr Phellion, machen Sie den Champagner auf; hier diese Flasche ist für Sie drei. – Herr Dutocq, nehmen Sie die hier! – Herr Colleville, Sie verstehen sich doch so gut darauf, die Korken springen zu lassen! . . .«

Die beiden Dienstmädchen verteilten die Champagnergläser, und Bordeaux- und kleine Gläser; denn Josephine brachte auch noch drei Flaschen Bordeaux.

»Das ist ja der Kometenwein!« rief Thuillier aus. »Meine Herren, Sie haben meiner Schwester vollständig den Kopf verdreht.«

»Und abends gibts Punsch und Kuchen«, sagte sie. »Ich habe auch Tee aus der Apotheke holen lassen. Mein Gott, wenn ich geahnt hätte, daß es sich um eine Wahl handelt,« rief sie aus und sah ihre Schwägerin an, »dann hätte ich Puten gegeben . . .«

Allgemeines Gelächter begrüßte diesen Ausspruch. »Oh, wir haben ja eine Gans gehabt«, sagte der junge Minard lächelnd.

»Heute geht es aus dem Vollen«, rief Frau Thuillier, als sie die kandierten Maronen und die Baisers erscheinen sah.

Fräulein Thuilliers Gesicht glühte; sie war prachtvoll anzuschauen, noch niemals hatte schwesterliche Liebe einen so glühenden Ausdruck gefunden.

»Für den, der sie kennt, ist das wirklich rührend!« rief Frau Colleville aus.

Die Gläser waren gefüllt, alle sahen sich an, man schien auf einen Toast zu warten, und la Peyrade sagte:

»Meine Herren, stoßen wir an auf etwas Erhabenes! . . .

Alle waren erstaunt.

»Auf Fräulein Brigitte! . . .«

Die ganze Gesellschaft erhob sich, man stieß an und rief: »Es lebe Fräulein Thuillier!« mit dem Überschwang wahren Empfindens, wie ihn der Enthusiasmus erzeugt.

»Meine Herren,« sagte Phellion, und las von einem mit Bleistift beschriebenem Zettel ab, »auf die Arbeit und auf den Glanz, die sich in der Person eines alten Kameraden von uns verkörpern, der ein Bürgermeister von Paris geworden ist, auf Herrn Minard und seine Gattin!«

Nach einer Pause von fünf Minuten, während der die Unterhaltung weiter ging, erhob sich Thuillier und sagte:

»Meine Herren, auf den König und das königliche Haus! . . . Ich sage nichts weiter, denn damit ist alles gesagt.«

»Auf die Wahl meines Bruders!« sagte Fräulein Thuillier.

»Jetzt werden Sie sich amüsieren«, sagte la Peyrade leise zu Flavia.

Und er erhob sich:

»Auf die Damen! Auf das schöne Geschlecht, dem wir soviel Glück verdanken, abgesehen von unsern Müttern, unsern Schwestern und unsern Frauen!«

Dieser Toast rief allgemeine Heiterkeit hervor, und Colleville, schon etwas angeheitert, rief:

»Ach du Schuft! Du hast mir meinen Gedanken gestohlen!«

Der Herr Bürgermeister erhob sich jetzt, wobei tiefes Schweigen eintrat.

»Meine Herren, auf unsre Verfassung! Sie ist die Quelle der Macht und Größe des dynastischen Frankreichs!«

Die Flaschen verschwanden unter einstimmiger Bewunderung der erstaunlichen Qualität und Feinheit der Getränke.

Céleste Colleville sagte schüchtern:

»Liebe Mama, würden Sie mir gestatten, auch ein Hoch auszubringen?«

Das arme Kind hatte das starre Gesicht ihrer Patin bemerkt, der Herrin des Hauses, die man vergessen hatte, und deren Blick mit dem Ausdruck eines Hundes, der nicht weiß, welchem Herrn er gehorchen soll, von dem Gesicht ihrer schrecklichen Schwägerin bis zu dem Thuilliers über alle hinwegirrte, ohne an sich selbst zu denken; aber die Freude auf diesem Sklavenantlitz, das daran gewöhnt war, nicht mitzuzählen und seine Gedanken und Empfindungen zu unterdrücken, leuchtete nur, wie die bleiche Wintersonne durch den Nebel scheint: sie konnte nur schwer dieses schlaffe, verkümmerte Gesicht aufhellen. Die Gazehaube mit dunklen Blumen, die nachlässige Frisur, das karmeliterbraune Kleid, dessen Taille als einzigen Schmuck eine dicke goldene Kette aufwies, alles dies, ihre ganze Haltung, rührte die junge Céleste, die allein in der Welt den Wert dieser Frau zu schätzen wußte, die zum Schweigen verdammt war, die alles um sich her verstand, unter allem litt und sich mit sich selber und ihrem Gott trösten mußte.

»Lassen Sie das gute Kind seinen kleinen Toast sprechen«, sagte la Peyrade zu Frau Colleville.

»Auf meine liebe Patin!« sagte das junge Mädchen und neigte ihr Glas respektvoll vor Frau Thuillier und reichte es ihr zum Anstoßen hin.

Die arme Frau sah ganz verstört, aber durch einen Tränenschleier, abwechselnd ihre Schwägerin und ihren Mann an; ihre Stellung innerhalb der Familie war so bekannt, und die unschuldige ehrerbietige Freundlichkeit, die ihrer Schwachheit erwiesen wurde, war etwas so Schönes, daß jeder Rührung empfand; alle Herren erhoben sich und verneigten sich vor Frau Thuillier.

»Ach, Céleste! Ich wünschte, ich könnte Ihnen ein Königreich zu Füßen legen!« sagte Felix Phellion zu ihr.

Der gute Phellion wischte sich eine Träne ab und selbst Dutocq war bewegt.

»Was für ein reizendes Kind!« sagte Fräulein Thuillier, die aufstand und ihre Schwägerin umarmte.

»Jetzt ist die Reihe an mir!« sagte Colleville und nahm eine Athletenpose an. »Passen Sie auf! Auf die Freundschaft! Ausgetrunken und frisch gefüllt! – Schön! Auf die Künste, den Schmuck des gesellschaftlichen Daseins! Ausgetrunken und frisch gefüllt! – Auf noch ein solches Fest am Tage nach der Wahl!«

»Was ist denn das für eine kleine Flasche? . . .« fragte Dutocq Fräulein Thuillier.

»Das ist eine von meinen drei Flaschen Likör von Frau Amphoux; die zweite wird für Célestes Hochzeitstag aufgehoben, und die dritte für die Taufe ihres ersten Kindes.«

»Meine Schwester hat beinahe den Kopf verloren«, sagte Thuillier zu Colleville.

Das Diner wurde mit einem Toaste Thuilliers beendet, zu dem ihn Theodosius veranlaßte, als der Malaga in den kleinen Gläsern wie eine Reihe Rubine erglänzte.

»Colleville, meine Herren, hat einen Toast auf ›die Freundschaft‹ ausgebracht; ich trinke mit diesem edlen Weine ›auf meine Freunde‹! . . .«

Ein wütendes Hurra begrüßte diese Sentimentalität; aber als Dutocq zu Theodosius sagte:

»Es ist eine Sünde, einen solchen Malaga diesen Zungen gewöhnlichster Sorte vorzusetzen . . .«, rief die Bürgermeisterin aus: »Ach, wenn man so was nachmachen könnte, mein Lieber,« und brachte durch die Art, wie sie den spanischen Wein ausschlürfte, das Glas zum Klingen, »was für ein Vermögen ließe sich damit machen! . . .«

Zélie war auf der höchsten Stufe des Rotglühens angelangt; sie sah zum Erschrecken aus.

»Unseres ist bereits gemacht!« erwiderte Minard.

»Meinst du nicht auch,« sagte Brigitte zu Frau Thuillier, »daß wir den Kaffee lieber im Salon trinken?«

Frau Thuillier gab sich gehorsam den Anschein, als sei sie die Herrin des Hauses und erhob sich.

»Ach, Sie sind ein wahrer Zauberer«, sagte Flavia Colleville und nahm la Peyrades Arm, als sie aus dem Speisezimmer in den Salon gingen.

»Mir liegt nur daran,« entgegnete er, »Sie zu bezaubern; und glauben Sie mir, ich nehme damit nur Revanche; Sie sind heute bezaubernder als je!«

»Thuillier,« bemerkte sie, um dieser Diskussion aus dem Wege zu gehen, »Thuillier hält sich für einen Politiker!«

»Aber, Beste, der Hälfte der lächerlichen Erscheinungen in der Gesellschaft wird so etwas eingeredet; die Leute selbst sind daran unschuldiger als man denkt. Wie oft sieht man nicht in den Familien, daß der Mann, die Kinder und die Hausfreunde einer ganz dummen Mutter einreden, daß sie geistvoll, einer fünfzigjährigen, daß sie schön und jung sei! . . . Daher diese für Unbeteiligte unbegreiflichen Verkehrtheiten. Solche Leute sind lächerlich eitel, weil ihre Mätresse sie anbetet, oder stolz auf ihre Reimkunst, weil andere dafür bezahlt werden, sie glauben zu machen, daß sie große Dichter seien. Jede Familie hat ihren bedeutenden Mann, und daher, wie in der Kammer, das allgemeine Dunkel trotz aller Leuchten Frankreichs . . . Geistvolle Leute lachen darüber unter sich, das ist alles. Sie sind der Geist und die Schönheit dieser Kleinbürgergesellschaft; deshalb habe ich mich Ihnen anbetend geweiht; aber mein nächster Gedanke war, Sie hier herauszuziehen, denn ich habe Sie ernsthaft lieb und mit einem Gefühl, in dem mehr Freundschaft als Liebe enthalten ist, wenn auch viel Liebe sich dabei meldet«, fügte er hinzu und drückte sie im Schutze der Fensternische, in die er sie geführt hatte, ans Herz.

»Frau Phellion wird den Klavierpart übernehmen«, sagte Colleville; »heute muß alles tanzen: die Flasche, die Zwanzigsousstücke Brigittes und unsre kleinen Mädels! Ich werde meine Klarinette holen.«

Und er übergab seine leere Kaffeetasse seiner Frau, indem er darüber lächelte, daß er sie in so gutem Einvernehmen mit Theodosius sah.

»Was haben Sie denn mit meinem Manne gemacht?« fragte Flavia ihren Verführer.

»Müssen wir uns alle unsre Geheimnisse anvertrauen?«

»Haben Sie mich denn nicht lieb?« erwiderte sie und warf ihm einen Blick mit der koketten Verschmitztheit einer Frau zu, die sich beinahe schon entschieden hat.

»Oh, da Sie mir die Ihrigen anvertrauen,« begann er wieder und ließ sich zu der erregten Lustigkeit der Provenzalen hinreißen, die anscheinend so reizvoll und so natürlich ist, »will ich Ihnen doch nicht verhehlen, was mir das Herz bedrückt . . .«

Er führte sie wieder in die Fensternische zurück und sagte lächelnd:

»Colleville, der gute Kerl, hat in mir die von diesen Kleinbürgern unterdrückte Künstlernatur erkannt, die vor ihnen sich schweigend verhalten muß, weil sie sich nicht verstanden, falsch beurteilt und zurückgestoßen sieht; aber er hat die Glut des heiligen Feuers, das mich verzehrt, verspürt. Ja, gewiß,« sagte er mit tiefster Überzeugung, »ich bin ein Künstler des Wortes, wie Berryer; ich könnte die Geschworenen zum Weinen bringen und selber dabei weinen, denn ich bin nervös wie ein Weib. Er, dem diese ganze Kleinbürgergesellschaft gräßlich ist, hat sich also mit mir über sie lustig gemacht; wir haben zuerst gelacht, und als wir uns dann ernsthaft aussprachen, hat er gemerkt, daß ich ebenso klug bin wie er. Ich habe ihm meine Absicht, aus Thuillier etwas zu machen, mitgeteilt und habe durchblicken lassen, was für Vorteile er sich durch einen solchen politischen Strohmann verschaffen könne. ›Und sei es auch nur‹, habe ich ihm gesagt, ›damit Sie Herr von Colleville werden und Ihre reizende Frau auf den Platz bringen können, auf dem ich sie sehen möchte, in einer völlig gesicherten Lebenslage, in der Sie selbst sich zum Deputierten wählen lassen könnten; denn um das zu erreichen, worauf Sie Anspruch haben, genügt es, wenn Sie für einige Jahre in die Gegend der Hoch- oder Voralpen in irgendein kleines Nest ziehen, wo alle Sie gern haben werden, und wo Ihre Frau allen den Kopf verdrehen wird . . . Und das‹, habe ich hinzugefügt, ›kann nicht fehlschlagen, besonders dann nicht, wenn Sie Ihre liebe Céleste einem Manne zur Frau geben, der imstande ist, sich eine einflußreiche Stellung in der Kammer zu verschaffen . . .‹ Mit der Vernunft im Gewande des Scherzes erreicht man bei gewissen Naturen mehr als ohne dieses: daher sind Colleville und ich jetzt die besten Freunde von der Welt. Er hat bei Tisch sogar schon zu mir gesagt: ›Du Schuft, du hast mir meinen Toast weggenommen!‹ Heute abend noch werden wir auf Du und Du miteinander sein . . . Dann werde ich ihn noch zu einem Fest mitnehmen, wo die Künstler, soweit sie verheiratet sind, sich immer kompromittieren, und das wird uns vielleicht zu noch intimeren Freunden machen, als er und Thuillier es sind, denn ich habe ihm außerdem erzählt, daß Thuillier vor Neid wegen der Rosette in seinem Knopfloch platzt . . . Sie sehen, teuerste geliebte Frau, was man, von einer tiefen Empfindung beseelt, zu leisten vermag! Müßte mich Colleville nicht adoptieren, damit ich mit seinem Einverständnis bei Ihnen sein kann? . . . Aber Sie, Sie könnten von mir verlangen, daß ich Aussätzige küssen, lebende Kröten verschlingen oder Brigitte verführen soll; ja, ich würde mein Herz von dieser langen Latte aufspießen lassen, wenn ich mich ihrer als Krücke bedienen müßte, um mich zu Ihren Füßen hinzuschleppen!«

»Heute morgen;« sagte sie, »haben Sie mir einen Schreck eingejagt . . .«

»Und heute abend sind Sie über mich beruhigt! . . . Ja, niemals wird Ihnen etwas Böses von meiner Seite widerfahren.«

»Ich gebe es zu, Sie sind wirklich ein ungewöhnlicher Mensch! . . .«

»Ach nein; meine geringsten und meine heißesten Bemühungen sind nur der Reflex der Flamme, die Sie in meinem Herzen entzündet haben, und ich will Ihr Schwiegersohn werden, damit wir uns niemals zu trennen brauchen . . . Meine Frau, mein Gott, die kann mir nichts anderes sein, als eine Maschine, um Kinder zu erzeugen; aber das erhabene Wesen, meine Gottheit, das wirst du sein«, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Sie sind ein Teufel!« sagte sie mit einem Anflug von Schrecken.

»Nein, ich bin nur ein wenig Poet, wie alle meine Landsleute. Seien Sie gut, seien Sie meine Josephine! . . . Morgen um zwei Uhr komme ich zu Ihnen; ich habe das heiße Verlangen, zu sehen, wo Sie schlafen, wie die Sachen in Ihren Zimmern stehen, die Perle in ihrer Muschel zu bewundern!«

Und er entfernte sich klugerweise nach diesem Worte, ohne eine Antwort abzuwarten.

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