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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Als la Peyrade erschien, war die Familie vollzählig versammelt; Frau Barniol hatte ihrer Mutter eben über ihre Kinder, die ein leichtes Unwohlsein hatten, berichtet. Der Ingenieurschüler verbrachte diesen Tag zu Hause. Alle waren sonntäglich gekleidet und saßen am Kamin des holzgetäfelten Salons, der grau in grau gemalt war, auf billigen Holzsesseln; sie erschraken, als Genovefa, die Köchin, die Persönlichkeit anmeldete, über die sie gerade in bezug auf Céleste sprachen, die Felix Phellion so sehr liebte, daß er zur Messe gegangen war, um sie dort zu sehen. Der gelehrte Mathematiker hatte sich noch am heutigen Morgen diese Mühe gemacht, und man neckte ihn in wohlwollender Weise damit, mit dem heimlichen Wunsche, daß Céleste und ihre Eltern erkennen möchten, welch ein kostbarer Schatz ihnen hier geboten wurde.

»Ach, die Thuilliers scheinen mir an diesem sehr gefährlichen Menschen einen Narren gefressen zu haben«, sagte Frau Phellion; »heute morgen ist er sogar Arm in Arm mit Frau Colleville nach dem Luxembourggarten gegangen.«

»Dieser Advokat hat etwas Unheilverkündendes an sich«, rief Felix Phellion; »es sollte mich nicht wundern, wenn er ein Verbrechen begangen hätte.«

»Du gehst zu weit«, sagte der alte Phellion; »er ist aber ein leiblicher Vetter Tartuffes, dieser unsterblichen Figur, die von unserm ehrenwerten Molière in Bronze gegossen worden ist, denn die Grundlage von Molières Genie, Kinder, waren Ehrenhaftigkeit und Vaterlandsliebe.«

Gerade bei dieser Bemerkung war Genovefa eingetreten und hatte gesagt:

»Da ist Herr de la Peyrade, er möchte den Herrn sprechen.«

»Mich?« rief Herr Phellion. »Bitten Sie ihn, einzutreten!« setzte er hinzu mit einer Feierlichkeit, die bei solchen kleinlichen Anlässen etwas Lächerliches hatte, die aber stets seiner Familie imponierte, in der er wie ein König behandelt wurde.

Phellion, seine beiden Söhne, seine Frau und seine Tochter erhoben sich und erwiderten die Rundverbeugung des Advokaten.

»Welchem Anlaß verdanken wir die Ehre Ihres Besuches?« sagte Phellion ernst.

»Ihrer bedeutenden Stellung in diesem Bezirk, mein verehrter Herr Phellion, und einer öffentlichen Angelegenheit«, erwiderte Theodosius.

»Dann wollen wir in mein Arbeitszimmer gehen«, sagte Phellion.

»Nein, nein, mein Lieber,« sagte die dürre Frau Phellion, eine kleine Frau, platt wie eine Scholle, deren Gesicht den Ausdruck gewollter Strenge festhielt, mit der sie in den Pensionaten jungen Leuten Musikunterricht erteilte, »wir lassen euch hier allein.«

Ein Pianino von Erard, das dem Kamin gegenüber zwischen zwei Fenstern stand, wies auf die Ansprüche hin, die ständig an die Virtuosin gestellt wurden.

»Sollte ich die unglückliche Veranlassung sein, Sie in die Flucht zu jagen?« sagte Theodosius lächelnd und liebenswürdig zu Mutter und Tochter. »Sie haben hier ja einen entzückenden Zufluchtsort,« fuhr er fort, »es fehlt nur noch eine hübsche Schwiegertochter, damit Sie den Rest Ihrer Tage in dieser ›aurea mediocritas‹, nach dem Worte des römischen Dichters, inmitten der Freuden des Familienlebens verbringen können. Ihr bisheriger Lebenswandel verdient eine solche Belohnung, denn, nach allem was man mir gesagt hat, sind Sie, mein verehrter Herr Phellion, zugleich ein guter Bürger und ein Patriarch . . .«

»Mein werter Herr,« sagte Phellion verlegen, »ich habe meine Pflicht getan, das ist alles.«

Als Theodosius das Wort »Schwiegertochter« aussprach, sah Frau Barniol, die ihrer Mutter wie ein Wassertropfen dem andern glich, Frau Phellion und Felix an, als wollte sie sagen: ›Sollten wir uns getäuscht haben?‹

Der Wunsch, sich über diese Bemerkung auszusprechen, veranlaßte die vier Menschen, sich in den Garten zurückzuziehen, denn es war im März 1840, wenigstens in Paris, schönes Wetter.

»Herr Kommandant,« sagte Theodosius, als er mit dem ehrenwerten Bürger allein war, der sich bei dieser Anrede immer geschmeichelt fühlte, »ich komme, um mit Ihnen über die Wahlen zureden.«

»Ach, richtig, wir haben ja zum Munizipalrat zu wählen«, unterbrach ihn Phellion.

»Und ich störe Ihre Sonntagsruhe wegen einer Kandidatur; aber vielleicht entfernen wir uns damit nicht aus dem Kreise der Familie.«

Es war für Phellion unmöglich, mehr er selber zu sein, als Theodosius in diesem Augenblick Phellion war.

»Sie dürfen kein Wort weiter sagen«, erwiderte Phellion, indem er eine Pause benutzte, die Theodosius gemacht hatte, um die Wirkung seiner Worte abzuwarten; »meine Wahl ist getroffen.«

»Dann haben wir also denselben Gedanken gehabt!« rief Theodosius, »gute Menschen finden sich ebenso, wie geistvolle Menschen . . .«

»Ich glaube nicht, daß das diesmal der Fall ist«, entgegnete Phellion. »Unser Bezirk kann für den Munizipalrat den ausgezeichnetsten Mann präsentieren, wie der bedeutendste aller Richter einer war, nämlich der selige Herr Popinot, der verstorbene Rat am Obergericht. Als es sich darum handelte, ihn zu ersetzen, wohnte sein Neffe, sein Nachfolger in seinem wohltätigen Tun, noch nicht in unserm Viertel; inzwischen hat er aber das Haus in der Rue de la Montagne-Sainte-Geneviève, in dem sein Onkel wohnte, gekauft und bezogen; er ist Arzt an der polytechnischen Schule und an einem unsrer Krankenhäuser; er ist eine Zierde unseres Bezirks; und aus diesem Grunde, und um das Andenken des Onkels in der Person des Neffen zu ehren, haben einige Einwohner des Bezirks und ich beschlossen, die Kandidatur des Doktors Horace Bianchon aufzustellen, der, wie Sie wissen, Mitglied der Akademie der, Wissenschaften und einer der jungen Sterne der berühmten Pariser Schule ist . . . Ein Mann ist in unsern Augen nicht bloß deshalb bedeutend, weil er berühmt ist, und der selige Rat Popinot war, nach meiner Ansicht, fast ein zweiter heiliger Vincent de Paula.«

»Ein Arzt ist aber kein Verwaltungsbeamter,« erwiderte Theodosius, »und außerdem bitte ich um Ihre Stimme für einen Mann, bei dem Ihre wichtigsten Interessen verlangen, eine Vorliebe zum Opfer zu bringen, die übrigens für die öffentlichen Angelegenheiten völlig unwichtig ist.«

»Wie, mein Herr?« rief Phellion aus, erhob sich und nahm eine Haltung an wie Lafeu in dem Stück ›le Glorieux‹, »Sollten Sie mich so niedrig einschätzen, daß Sie glauben, persönliche Interessen könnten jemals einen Einfluß auf meine politische Überzeugung haben? Sobald es sich um öffentliche Angelegenheiten handelt, bin ich Bürger, nichts mehr und nichts weniger.«

Theodosius amüsierte sich heimlich über den Kampf, der sich nun bald zwischen dem Vater und dem Bürger entspinnen würde.

»Verpflichten Sie sich nicht sich selbst gegenüber, ich beschwöre Sie,« sagte la Peyrade, »denn es handelt sich um das Glück Ihres teuren Felix.«

»Was wollen Sie damit sagen? . . .« fragte Phellion und blieb mitten im Zimmer stehen, indem er seine Hand von rechts nach links in seine Weste schob, wobei er eine Geste des berühmten Odilon Barrot nachmachte.

»Ich komme ja wegen unsres gemeinsamen Freundes, des würdigen und ausgezeichneten Herrn Thuillier, dessen bestimmender Einfluß auf das Schicksal der schönen Céleste Colleville Ihnen genügend bekannt sein dürfte; und wenn, wie ich annehme, Ihr Sohn, ein junger Mann, auf den jede Familie stolz sein kann, und dessen Verdienste unbestreitbar sind, eine Heirat mit Céleste anstrebt, eine in jeder Beziehung passende Partie, so könnten Sie nichts besseres tun, als sich Thuilliers ewige Dankbarkeit damit zu verdienen, daß Sie Ihren würdigen Freund Ihren Mitbürgern in Vorschlag bringen . . . Was mich anlangt, so glaubte ich, obwohl ich erst kurze Zeit in dem Bezirk wohne, dank dem Einfluß, den mir einige den Armen erwiesene Wohltaten verschafft haben, von mir aus diesen Schritt tun zu dürfen; aber wenn man der Sache der Armen dient, so fällt das nur wenig bei den Höchstbesteuerten ins Gewicht, und außerdem würde ein solches Hervortreten nur wenig zu meiner bescheidenen Lebensführung passen. Ich habe mich dem Dienste der Niedrigen gewidmet, verehrter Herr; ebenso wie der selige Rat Popinot, dieser erhabene Mann, wie Sie sagten, und wenn ich nicht einen in gewissem Sinne frommen Beruf hätte, mit dem sich die Verpflichtungen des Ehelebens schlecht vereinigen lassen, so würde ich wünschen und mich in zweiter Linie berufen fühlen, in den Dienst des Höchsten, der Kirche zu treten . . . Ich mache nicht von mir reden, wie die falschen Philanthropen; ich schreibe nicht, ich handele, denn ich bin ein Mann, der sich ganz einfach der christlichen Nächstenliebe gewidmet hat. Ich habe den ehrgeizigen Wunsch unsres Freundes Thuillier zu ahnen geglaubt, und ich wollte zu dem Glück zweier Wesen, die füreinander geschaffen sind, mit beitragen, indem ich Ihnen zeige, womit Sie sich einen Zugang zu dem etwas kühlen Herzen Thuilliers verschaffen können.«

Durch diese wundervoll vorgetragene Tirade geriet Phellion in Verwirrung; er war verführt und ergriffen, aber er blieb Phellion, ging geradeswegs auf den Advokaten zu und reichte ihm die Hand, deren Druck la Peyrade erwiderte.

Es war ein Händedruck, wie er im August des Jahres 1830 zwischen der Bürgerschaft und den kommenden Männern gewechselt wurde.

»Mein werter Herr,« sagte der Kommandant bewegt, »ich habe Sie falsch beurteilt. Was Sie mir anzuvertrauen die Güte hatten, das bleibt hier begraben! . . .« Dabei zeigte er auf sein Herz. »Sie sind einer der Männer, von denen es wenige gibt, die Einen aber mit den Übelständen, die übrigens von unsern sozialen Verhältnissen bedingt sind, aussöhnen können. Das Gute ist so selten, daß es unsrer schwachen Natur entspricht, wenn wir dem Anschein nicht trauen. Sie haben in mir einen Freund gewonnen, wenn Sie mir gestatten wollen, mir diese ehrenvolle Bezeichnung Ihnen gegenüber beizulegen . . . Aber Sie sollen auch mich kennenlernen, mein Herr: ich würde meine Selbstachtung einbüßen, wenn ich Thuillier als Kandidat vorschlüge. Nein, mein Sohn darf sein Glück nicht einer schlechten Handlung seines Vaters zu verdanken haben . . . Ich werde von meinem Kandidaten nicht abgehen, weil es das Interesse meines Sohnes verlangt . . . So fasse ich die sittlichen Pflichten auf, mein Herr!«

La Peyrade zog sein Taschentuch heraus, rieb sich die Augen und brachte eine Träne hervor; dann reichte er Phellion die Hand, wandte seinen Kopf ab und sagte:

»Das ist eine erhabene Stellung, die Sie, verehrter Herr, in diesem Kampfe zwischen dem privaten und dem öffentlichen Leben einnehmen. Und wäre ich auch nur hergekommen, um dieses Schauspiel zu sehen, so wäre mein Besuch nicht umsonst gewesen . . . Was wollen Sie, an Ihrer Stelle würde ich ebenso handeln! . . . Sie sind das Erhabenste, was Gott geschaffen hat: ein guter Mensch! Ein Bürger wie Jean-Jacques! O Frankreich, mein Vaterland, was könntest du werden, wenn du viele solche Bürger hättest! . . . Ich habe die Ehre, mein Herr, Sie um Ihre Freundschaft zu bitten.«

»Was geht denn da vor?« rief Frau Phellion, die diese Szene durch das Fenster beobachtete, »der Vater und dieses Scheusal liegen sich in den Armen!«

Phellion und der Advokat traten jetzt heraus und gesellten sich zu der Familie im Garten.

»Mein lieber Felix,« sagte der alte Herr und wies auf la Peyrade, der sich vor Frau Phellion verbeugte, »du mußt diesem würdigen jungen Manne sehr dankbar sein, er wird dir weit mehr nützen als schaden.«

Der Advokat ging fünf Minuten lang mit Frau Barniol und Frau Phellion unter den kahlen Linden auf und ab und gab ihnen, angesichts der schwierigen Umstände, die sich aus der politischen Hartnäckigkeit Phellions ergaben, Ratschläge, deren Ergebnis am Abende zutage treten sollten, und deren erste Wirkung darin bestand, die beiden Damen zu Verehrerinnen seiner Geschicklichkeit, seiner Offenheit und seiner unschätzbaren Fähigkeiten zu machen. Der Advokat wurde von der gesamten Familie bis an die Straßentür begleitet, und aller Augen folgten ihm, bis er um die Ecke der Rue du Faubourg-Saint-Jacques gebogen war. Frau Phellion nahm den Arm ihres Mannes, als sie in den Salon zurückkehrten und sagte zu ihm: »Aber sage mir, mein Lieber, willst du, ein so guter Vater, in deinem übertriebenen Zartgefühl, die beste Heirat, die unser Felix machen kann, scheitern lassen?«

»Die großen Männer des Altertums, meine Beste,« entgegnete Phellion, »solche wie Brutus und andere, waren niemals Väter, wenn es darauf ankam, sich als Bürger zu zeigen . . . Das Bürgertum hat noch viel mehr als der Adel, an dessen Stelle zu treten es berufen ist, die Verpflichtung, das Beispiel erhabener Tugend zu geben. Herr von Saint-Hilaire dachte nicht an seinen verlorenen Arm, als er vor dem toten Turenne stand . . . Wir müssen uns als würdig erweisen, und wir sollen das auf allen Stufen der sozialen Hierarchie tun. Durfte ich meiner Familie solche Grundsätze beibringen, um sie dann im gegebenen Moment selbst zu mißachten? . . . Nein, meine Liebe, weine heute, wenn du willst; morgen wirst du mir deine Achtung nicht verweigern! . . .« sagte er zu seiner kleinen, dürren besseren Hälfte, die Tränen in den Augen hatte.

Diese großen Worte sprach er auf der Schwelle der Tür, über der angeschrieben stand: »Aurea mediocritas.«

»Ich hätte noch hinzusetzen können: ›et digna‹« fuhr Phellion fort und wies auf die Tafel; »aber diese beiden Worte hätten wie Selbstlob geklungen.«

»Lieber Vater,« sagte Marie-Theodor Phellion, der zukünftige Ingenieur der Wegebauverwaltung, als die ganze Familie wieder im Salon vereinigt war, »es scheint mir doch nicht gegen die Ehre zu verstoßen, wenn man seinen Entschluß bezüglich einer Wahl ändert, sofern das für das öffentliche Wohl ganz gleichgültig ist.«

»Gleichgültig, mein Sohn?« rief Phellion aus. »Unter uns will ich dir sagen, und Felix ist derselben Ansicht: Herr Thuillier ist ein ganz unfähiger Mensch! Er versteht nichts! Herr Horace Bianchon aber, das ist ein tüchtiger Mann, er wird tausend Dinge für unsern Bezirk durchsetzen, Thuillier nicht eine! Und merke dir, mein Sohn, einen richtigen Entschluß persönlicher Interessen halber in einen falschen umändern, das heißt niederträchtig handeln, und wenn das auch den Augen der Menschen entgeht, die Strafe Gottes wird nicht ausbleiben. Ich fühle mich, oder ich glaube mich vor meinem Gewissen rein fühlen zu dürfen, und ich bin es euch schuldig, meiner Familie mein Andenken unbefleckt zu hinterlassen, deshalb wird mich auch nichts zu einer Änderung bestimmen können.«

»Ach, lieber Vater,« rief die kleine Frau Barniol aus und setzte sich mit einem Kissen auf Phellions Knie, »setze dich doch nicht gleich so aufs hohe Pferd! Es gibt doch so viele Dummköpfe und Nullen im Munizipalrat, und Frankreich lebt trotzdem weiter. Der brave Thuillier wird doch immer Ja sagen . . . Bedenke, daß Céleste vielleicht mal fünfhunderttausend Franken haben wird.«

»Und wenn sie fünf Millionen hätte,« sagte Phellion, »und sie lägen hier vor mir, . . . auch dann würde ich Thuillier noch nicht als Kandidaten vorschlagen, wenn ich es dem Andenken an den tugendreichsten aller Menschen schuldig bin, Horace Bianchon wählen zu lassen. Und aus der Himmelshöhe wird Popinot auf mich herabsehen und mir zustimmen! . . .« rief Phellion aufgeregt aus. »Mit solchen Anschauungen erniedrigt man Frankreich und spricht das Verdammungsurteil über das Bürgertum.«

»Der Vater hat recht,« sagte Felix, der aus seiner tiefen Verträumtheit erwachte, »und er hat Anspruch auf unsre Achtung und unsre Liebe wie stets im Verlaufe seines ganzen bescheidenen, arbeitsreichen und ehrenhaften Lebens. Ich will auch mein Glück weder den Gewissensskrupeln einer edlen Seele noch einer Intrige zu verdanken haben; ich liebe Céleste wie meine eigenen Angehörigen, aber höher als alles dies steht mir die Ehre meines Vaters, und mit dem Augenblick, wo es sich bei ihm um eine Gewissensfrage handelt, ist die Sache für mich erledigt.«

Phellion, die Augen voller Tränen ging auf seinen Ältesten zu und umarmte ihn.

»Mein Sohn, mein lieber Sohn!« sagte er mit erstickter Stimme.

»Das sind alles Dummheiten«, sagte Frau Phellion leise zu Frau Barniol; »hilf mir beim Anziehen, das muß ein Ende haben; ich kenne deinen Vater, er hat sich in die Sache verbissen . . . Für den Weg, den uns dieser brave, fromme junge Mann eben gezeigt hat, brauche ich deine Unterstützung, Theodor; halte dich bereit, mein Sohn.«

In diesem Augenblick brachte Genovefa dem alten Phellion einen Brief.

»Eine Einladung von den Thuilliers zum Diner, für meine Frau, mich und Felix«, sagte er.

*

Die glänzende verblüffende Idee des Armenadvokaten hatte die Thuilliers ebenso in Aufregung versetzt wie die Phellions; und Jérôme war, ohne daß er seiner Schwester etwas anvertraute, denn er betrachtete das seinem Mephisto gegenüber als eine Ehrensache, ganz aufgeregt zu ihr gekommen, um ihr zu sagen:

»Hör' mal, Kleine (mit dieser Benennung schmeichelte er sich immer in ihr Herz), wir werden heute große Gesellschaft zum Diner haben; ich gehe jetzt und lade Minards ein, also sorge für feines Essen; ich schicke auch Phellions eine Einladung; es geschieht etwas spät, aber bei ihnen braucht man sich nicht zu genieren . . . Was Minards anlangt, so müssen wir ihnen etwas Sand in die Augen streuen, ich habe sie nötig.«

»Vier Minards, drei Phellions, vier Collevilles und wir, das sind dreizehn . . .«

»La Peyrade ist der vierzehnte, und es wäre auch gut, Dutocq zu bitten, er kann uns nützlich sein; ich werde zu ihm hinaufgehen.«

»Was steckt denn da dahinter?« rief seine Schwester aus; »fünfzehn Personen zum Diner, da gehen mindestens vierzig Franken drauf!«

»Laß dir das nicht leid tun, Kleine, und sei vor allem liebenswürdig gegen unsern jungen Freund la Peyrade. Das ist ein Freund . . . Davon wirst du dich noch überzeugen! . . . Wenn du mich lieb hast, dann hüte ihn wie deinen Augapfel . . .«

Und er ließ Brigitte allein, die ganz verblüfft war.

›O ja, ich werde mich erst überzeugen!‹ sagte sie zu sich. ›Mit schönen Worten lasse ich mich nicht fangen! . . . Er ist ein netter Junge, aber bevor ich ihn ins Herz schließe, muß ich ihn doch noch etwas genauer kennenlernen.‹

Als Thuillier Dutocq eingeladen hatte, begab er sich, nachdem er sich freigemacht hatte, nach der Rue des Magons-Sorbonne, in das Haus Minards, um die dicke Zélie zu bezaubern und das Ungewöhnliche der Einladung zu beschönigen.

Minard hatte eins der großen, kostbaren Häuser erworben, welche die früheren kirchlichen Orden sich rings um die Sorbonne gebaut hatten, und als er die großen steinernen Stufen der Treppe hinaufstieg, deren schmiedeeisernes Geländer bewies, in wie hoher Blüte auch die Künste zweiten Ranges unter Ludwig XIII. standen, hatte Thuillier ein Gefühl des Neides, sowohl wegen des Hauses, als auch wegen der Stellung des Herrn Bürgermeisters.

Das große, zwischen Vorhof und Garten gelegene Wohnhaus zeichnete sich durch den gleichzeitig zierlichen und vornehmen Stil Ludwigs XIII. aus, der so eigenartig zwischen dem Ende der entarteten Renaissance und der Großartigkeit des frühen Stils Ludwig XIV. steht. Man sieht diesen Übergangsstil bei vielen Monumentalbauten. Das mächtige Ornament der Fassaden wie das an der Sorbonne, die nach den Regeln der griechischen Ordnungen hergestellten Säulen erscheinen zuerst bei diesen Bauwerken.

Ein ehemaliger Kleinhändler, ein erfolgreicher Schwindler, war der Nachfolger des kirchlichen Leiters einer Institution geworden, die einstmals das Economat genannt wurde, und die der Generalverwaltung des alten französischen Klerus unterstand, eine Gründung, die dem weitblickenden Genius Richelieus zu verdanken war. Der Name Thuillier öffnete diesem die Türen des Salons, in dem auf rotem Sammet mit Goldverzierungen inmitten kostbarer Chinoiserieen die arme Frau thronte, die mit ihrem ganzen Gewicht schwer auf der Brust der Prinzen und Prinzessinnen bei den populären Bällen im Schlosse lastete.

»Gibt das nicht der ›Karikatur‹ recht?« sagte eines Tages lächelnd eine Hofdame zu einer Herzogin, die einen Lachausbruch nicht zurückhalten konnte, als sie die aufgedonnerte Zélie erblickte, die mit Diamanten beladen, rot wie eine Klatschrose und in ein golddurchwirktes Kleid eingeschnürt, vorwärts rollte, wie eine Tonne in ihrem früheren Laden.

»Werden Sie mir vergeben können, schönste Frau,« sagte Thuillier, der sich heranschlängelte und dann die Pose Numero zwei seines Repertoirs von 1817 annahm, »daß ich diese Einladung auf meinem Schreibtisch liegen ließ, im Glauben, sie sei schon abgesandt? . . . Sie war zu heute abend; komme ich etwa schon zu spät . . .?«

Zélie sah ihren Mann an, der herantrat, um Thuillier zu begrüßen, und antwortete dann:

»Wir wollen eigentlich einen Landsitz besichtigen und dann ›auf gut Glück‹ in einem Restaurant speisen, aber wir werden darauf verzichten, und zwar um so lieber, als es, meiner Meinung nach, scheußlich gewöhnlich ist, am Sonntag aus Paris wegzufahren.«

»Wir wollen einen kleinen Tanz mit Klavierbegleitung für die Jugend veranstalten, wenn wir zahlreich genug sein werden, was ich annehme; ich habe die Zusage von Phellion, dessen Frau mit Frau Prou befreundet ist, dem Nachfolger . . .« »Der Nachfolgerin« unterbrach ihn Frau Minard. »Ach gewiß!« erwiderte Thuillier, »es ist ja die Nachfolgerin, wie man Frau Bürgermeisterin sagt, des Fräuleins Lagrave, einer geborenen Barniol.« »Muß man Toilette machen?« fragte Frau Minard. »Aber nicht doch!« rief Thuillier aus, »meine Schwester würde schön mit mir schelten. Nein, nein, wir sind ja in Familie! Zur Zeit des Kaiserreichs, gnädige Frau, lernte man sich beim Tanzen kennen . . . In dieser großen Zeit stellte man einen guten Tänzer ebenso hoch, wie einen guten Soldaten . . . Heutzutage legt man mehr Wert auf das Materielle . . .«

»Sprechen wir nicht über Politik«, sagte der Bürgermeister lächelnd. »Der König ist ein großer Mann, ich bin ein Bewunderer unsrer Zeit und der Verfassung, die wir uns gegeben haben. Der König weiß übrigens recht gut, was er tut, wenn er die Industrie sich entwickeln läßt: er kämpfte Leib an Leib mit England, und wir schädigen dieses mehr durch unsern fruchtbringenden Frieden, als es die Kriege der Kaiserzeit getan haben . . .«

»Was für einen Deputierten würde Minard abgeben!« rief Zélie naiv aus; »er übt sich vor uns im Reden, und Sie werden uns bei der Wahl unterstützen, nicht wahr, Thuillier?«

»Sprechen wir nicht über Politik«, entgegnete Thuillier; »wir erwarten Sie um fünf Uhr . . .« »Kommt der kleine Vinet auch?« fragte Minard; »der war doch sicher Célestes wegen erschienen.« »Der kann schon Trauer anlegen«, erwiderte Thuillier; »Brigitte will von ihm überhaupt nicht reden hören.«

Zélie und Minard wechselten einen Blick voller Zufriedenheit.

»Wenn man bedenkt, daß man sich unsres Sohnes wegen mit solchen Leuten gemein machen muß!« rief Zélie aus, als Thuillier, den der Bürgermeister hinausbegleitet hatte, auf der Treppe war. ›Ach, du willst Deputierter werden!‹ sagte Thuillier zu sich, als er die Treppe hinunter ging. ›Mit nichts haben diese Krämer genug! Mein Gott, was würde Napoleon sagen, wenn er die Regierung in den Händen dieser Leute sähe! . . . Ich, ich bin doch wenigstens Verwaltungsbeamter! . . . Was ist das für ein Konkurrent! Was wohl la Peyrade dazu sagen wird!‹

Der ehrgeizige Vizechef lud noch die Familie Laudigeois zum Abend ein und begab sich dann zu Colleville, um zu bitten, daß Céleste recht hübsche Toilette mache. Er fand Flavia ziemlich nachdenklich vor; sie zögerte mit der Zusage, aber Thuillier besiegte ihre Unentschlossenheit.

»Meine liebe alte und immer noch junge Freundin,« sagte er und faßte sie um die Taille, denn sie waren allein im Zimmer, »ich will kein Geheimnis vor Ihnen haben. Es handelt sich für mich um eine schwerwiegende Sache . . . Ich will nicht mehr sagen, ich kann Sie nur bitten, ganz besonders liebenswürdig zu sein gegen einen jungen Mann . . .«

»Gegen wen denn?«

»Gegen den jungen la Peyrade.«

»Und weshalb, Karl?«

»Mein Schicksal liegt in seiner Hand, und im übrigen ist er ein genialer Mensch. Oh, ich verstehe mich darauf . . . Er hat so etwas!« sagte Thuillier und machte dabei die Bewegung eines Zahnarztes, der einen Backzahn auszieht. »Man muß ihn an uns fesseln, Flavia! . . . Aber wir dürfen ihn durchaus nichts merken lassen und ihm nicht verraten, was für eine Macht wir ihm zutrauen . . . Ich werde ihm gegenüber nach dem Grundsatz handeln: Zug um Zug.«

»Soll ich also ein bißchen mit ihm kokettieren?« »Ja, aber nicht zu sehr, mein Engel«, erwiderte Thuillier mit geckenhafter Miene.

Und er entfernte sich, ohne zu merken, in welches Erstaunen Flavia versetzt worden war.

›Er ist eine Macht, dieser junge Mensch,‹ sagte sie sich. ›Nun, wir wollen abwarten.‹

Sie legte also ihren Haarschmuck von Marabufedern an und ihr hübsches grau- und rosafarbenes Kleid, das ihre zarten Schultern unter der schwarzen Mantille sehen ließ, und sorgte dafür, daß Céleste ihr kurzes seidenes Kleid mit einem Brustschleier und einer Halskrause in breiten Falten anzog, und machte ihr eine Frisur à la Berthe. Um viereinhalb Uhr war Theodosius schon auf dem Posten; er hatte eine nichtssagende, beinahe untertänige Miene aufgesetzt und redete mit süßer Stimme, als er zunächst mit Thuillier in den Garten ging.

»Mein lieber Freund, ich habe keinen Zweifel, daß Sie siegen werden, aber ich empfinde das Bedürfnis, Ihnen nochmals tiefstes Stillschweigen anzuempfehlen. Wenn man Sie heute abend irgend etwas fragt, besonders in bezug auf Céleste, so geben Sie ausweichende Antworten und lassen Sie den Frager im Ungewissen, das müssen Sie ja damals im Bureau gelernt haben.«

»Einverstanden!« sagte Thuillier. »Aber wissen Sie irgend etwas Bestimmtes?«

»Sie werden schon sehen, was ich Ihnen für einen Nachtisch zurechtgemacht habe. Seien Sie vor allem recht anspruchslos. Da kommen die Minards, die muß ich mir kaufen . . . Führen Sie sie hierher, und dann verschwinden Sie.«

Nach den Begrüßungen gab sich la Peyrade Mühe, neben dem Herrn Bürgermeister zu bleiben; und in einem geeigneten Moment nahm er ihn beiseite und sagte zu ihm:

»Herr Bürgermeister, ein Mann von Ihrer politischen Bedeutung kommt nicht hierher, um sich zu langweilen, wenn er nicht eine Absicht dabei hat; ich maße mir kein Urteil über Ihre Beweggründe an, wozu ich auch nicht das geringste Recht hätte, und es ist nicht meine Aufgabe hier, mich in die Angelegenheiten der Mächtigen dieser Erde zu mischen; aber vergeben Sie mir meine Vermessenheit und haben Sie die Güte, auf einen Rat zu hören, den ich Ihnen zu geben wage. Wenn ich Ihnen heute einen Dienst leiste, so sind Sie in einer Lage, daß Sie mir morgen zwei erweisen können; falls ich Ihnen also irgendwie von Nutzen sein kann, so spricht dabei für mich auch mein persönliches Interesse mit. Unser Freund Thuillier ist unglücklich darüber, daß er so gar nichts ist, und er hat sich in den Kopf gesetzt, etwas zu werden, eine Persönlichkeit in seinem Bezirk . . .«

»Ei, ei!« sagte Minard.

»Oh, nichts Erhebliches; er möchte gern in den Munizipalrat gewählt werden. Ich weiß, daß Phellion, der die ganze Wichtigkeit eines solchen geleisteten Dienstes ahnt, sich vorgenommen hat, unsern lieben Freund als Kandidaten vorzuschlagen. Nun, vielleicht halten Sie es bei Ihren Absichten für nötig, ihm hierbei zuvorzukommen. Die Wahl Thuilliers kann Ihnen nur nützlich . . . ich wollte sagen angenehm sein; er wird seinen Platz im Munizipalrate ganz gut ausfüllen, es gibt dort welche, die noch weniger tüchtig sind, als er . . . Und im übrigen, wenn er Ihnen eine solche Unterstützung zu verdanken hat, so wird er sicher alles mit Ihren Augen ansehen, er hält Sie ja für eine Leuchte der Stadtverwaltung . . .«

»Ich danke Ihnen, mein Lieber«, sagte Minard; »Sie haben mir da einen Dienst erwiesen, für den ich gar nicht genug dankbar sein kann, und der mir beweist . . .«

»Daß ich die Phellions nicht mag«, erwiderte la Peyrade und benutzte eine Pause, die der Bürgermeister machte, der Angst hatte, einen Gedanken auszusprechen, in dem der Advokat eine Geringschätzung sehen könnte; »ich hasse die Leute, die solch ein Wesen von ihrer Anständigkeit hermachen und edle Gefühle ausmünzen möchten.«

»Sie scheinen die Leute gut zu kennen,« sagte Minard, »das sind die richtigen Sykophanten! Das ganze Leben dieses Mannes seit zehn Jahren erklärt sich aus der Sehnsucht nach diesem Endchen roten Bandes«, fügte der Bürgermeister hinzu und zeigte auf sein Knopfloch.

»Nehmen Sie sich in acht!« sagte der Advokat, »sein Sohn liebt Céleste, und er spielt hier die Hauptrolle.«

»Ja, aber mein Sohn hat eine Rente von zwölftausend Franken für sich . . .«

»Oh,« sagte der Advokat und richtete sich auf, »Fräulein Brigitte sagte neulich, daß sie das zum mindesten bei einem Bewerber um Céleste verlange. Außerdem werden Sie, bevor sechs Monate vergangen sind, erfahren, daß Thuillier ein Grundstück besitzt, das vierzigtausend Franken Rente abwirft.«

»Oh, verdammt, das konnte ich mir denken!« antwortete der Bürgermeister. »Also, er wird Mitglied des Munizipalrats werden.«

»Jedenfalls sagen Sie ihm nichts von mir«, sagte der Armenadvokat und beeilte sich, Frau Phellion zu begrüßen. »Nun, schönste Frau, ist es geglückt?« »Ich habe bis ein Uhr warten müssen, aber dieser vortreffliche, würdige Mann hat mich gar nicht erst ausreden lassen; er ist viel zu beschäftigt, um ein solches Amt annehmen zu können, und Phellion hat schon den Brief gelesen, worin der Doktor Bianchon ihm für seine guten Absichten dankt und ihm mitteilt, daß sein Kandidat Herr Thuillier ist. Er wird seinen ganzen Einfluß zu seinen Gunsten aufbieten und bittet meinen Mann, das gleiche zu tun.«

»Und was hat Ihr verehrungswürdiger Gatte gesagt?« »Ich habe meine Pflicht getan«, hat er geantwortet; »ich habe meine Überzeugung nicht verleugnet, und jetzt bin ich ganz und gar für Thuillier.«

»Nun, dann ist alles in Ordnung«, sagte la Peyrade. »Vergessen Sie meinen Besuch und schreiben Sie sich allein das Verdienst zu, diesen Gedanken gehabt zu haben.«

Und er begab sich zu Frau Colleville, indem er eine respektvolle Miene aufsetzte.

»Gnädige Frau,« sagte er, »haben Sie die Güte, den guten Papa Colleville zu mir zu bringen; es handelt sich um eine Überraschung für Thuillier, und er muß ins Vertrauen gezogen werden.«

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