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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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modified20180124
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Es gibt in der Provence und vor allem in der Gegend des Hafens von Avignon eine Sorte blonder oder hellbrünetter Männer mit weißem Teint und beinahe zärtlichem Ausdruck, deren Augen eher matt, ruhig und schmachtend sind, als lebhaft, glühend und dunkel, wie es gewöhnlich bei Südländern der Fall ist. Es mag nebenbei bemerkt werden, daß auch bei den Korsen, Leuten, die zu Aufwallungen und zu den gefährlichsten Zornausbrüchen neigen, sich häufig solche blonden, anscheinend ruhigen Erscheinungen finden. Diese bleichen, ziemlich dicken Männer mit unruhigen grünen oder blauen Augen sind die schlimmste Sorte in der Provence, und Charles-Marie-Theodosius de la Peyrade war ein gutes Beispiel dieser Gattung, deren Wesen ein sorgfältiges Studium seitens der Medizin und der Physiologie verdiente. Es kocht in ihnen eine Art Galle, ein bitterer Hohn, der ihnen zu Kopf steigt und sie zu brutalen Handlungen, die scheinbar kühl ausgeführt werden, hinreißt. Das Ergebnis eines geistigen Rausches, scheint diese Art stummer Wut unvereinbar mit ihrer gewissermaßen lymphatischen äußeren Hülle und dem ruhigen Ausdruck ihres freundlichen Blickes.

In der Umgegend von Avignon geboren, war der junge Provenzale mit dem erwähnten Namen von mittlerer Statur, wohlproportioniert, beinahe dick, von farblosem Teint, der weder blaß, noch matt, noch leuchtend, sondern gallertartig war, denn diese Bezeichnung kann allein einen Begriff von dieser weichen matten Oberfläche geben, unter der sich weniger starke als im gegebenen Moment außerordentlich widerstandsfähige Nerven verbargen. Die Augen von kaltem Blaßblau hatten gewöhnlich einen Ausdruck trügerischer Melancholie, der einen großen Reiz auf die Frauen ausüben mußte. Die gut geformte Stirn war nicht ohne Adel und paßte zu dem feinen, dünnen, hellbraunen Haar, das sich an den Enden leicht und natürlich lockte. Die Nase war, genau wie bei einem Jagdhunde, glatt, an der Spitze eingekerbt, neugierig und klug umhersuchend und immer spürend; sie gab dem Gesicht nicht einen gutmütigen, sondern einen ironischen, spöttischen Ausdruck; aber diese beiden Seiten des Charakters traten nicht deutlich hervor, und der junge Mann mußte erst aufhören, sich zu beobachten, und heftig werden, damit sein Sarkasmus und sein Geist, der dann einen teuflischen Spott entwickelte, hervorbrechen konnten. Sein ganz angenehm geschwungener Mund mit granatroten Lippen schien ein wundervolles Instrument für seine in der Mittellage, die Theodosius gewöhnlich festhielt, beinahe süße Stimme, die aber in der Höhenlage wie der Ton eines Gongs in den Ohren vibrierte. Diese Fistelstimme ertönte, wenn er nervös und gereizt war. Sein Gesicht, von gewollter Ausdruckslosigkeit, hatte ovale Form. Sein ganzes Wesen war in Übereinstimmung mit der priesterlichen Ruhe seines Antlitzes sehr zurückhaltend und angemessen, aber schmiegsam und entgegenkommend, ohne fuchsschwänzelnd zu sein, und es besaß eine gewisse Anziehungskraft, die man sich übrigens nicht erklären konnte, sobald er verschwunden war. Wenn das Reizvolle von Herzen kommt, so hinterläßt es einen tiefen Eindruck; ist es aber nur ein Kunstprodukt, dann feiert es, ebenso wie die Beredsamkeit, nur flüchtige Triumphe; es will um jeden Preis Effekt machen. Aber wieviele Philosophen findet man im Leben, die imstande sind, einen solchen Vergleich anzustellen? Fast immer ist, um einen gewöhnlichen Ausdruck zu gebrauchen, die Geschichte vorbei, wenn die Leute dahinterkommen.

Bei diesem jungen Menschen von siebenundzwanzig Jahren stand alles im Einklang mit seinem wahren Charakter; er folgte seiner natürlichen Bestimmung wenn er die Philanthropie pflegte. Theodosius liebte das Volk, und er beschränkte seine Menschenliebe hierauf. Ebenso wie die Blumenpächter sich mit Rosen, Dahlien, Nelken oder Geranien befassen, und keinerlei Interesse an den Blumenarten, die ihre Liebhaberei nicht erwählt hat, nehmen, so gehörte dieser junge la Roche-Foucauld-Liancourt allein den Arbeitern, den Proletariern, den Elenden der Faubourgs Saint-Jacques und Saint-Marceau. Der hervorragende Mann, das Genie in verzweifelter Not, die verschämten Armen des Mittelstandes waren für sein Mitleid nicht vorhanden. Bei allen Leuten mit einer fixen Idee gleicht das Herz einem jener Kästen mit Abteilungen für die einzelnen Sorten Zuckerzeug; das »suum cuique tribuere« ist ihr Wahlspruch, und sie wiegen jeder Pflicht ihre Dosis ab. Es gibt Philanthropen, die nur den Verirrungen Verurteilter ihr Mitleid zuwenden. Die Eitelkeit ist sicherlich die Grundlage der Philanthropie; bei dem Provenzalen aber war es die Berechnung, eine gespielte Rolle, eine liberale und demokratische Heuchelei, die mit einer Vollendung durchgeführt wurde, wie sie kein Schauspieler hätte zustande bringen können. Er griff die Reichen nicht an, er begnügte sich damit, sie nicht zu begreifen, aber er duldete sie; nach seiner Ansicht müßte jeder von seiner Arbeit leben; er war, wie er sagte, ein begeisterter Schüler Saint-Simons gewesen, aber diesen Fehler müsse man seiner frühen Jugend zugute halten: die moderne Gesellschaft könne keine andere Grundlage haben als das Erbrecht. Strenggläubiger Katholik, wie fast alle Leute des Comtats, ging er ganz früh zur Messe und verheimlichte seine Frömmigkeit. Wie fast alle Philanthropen war er schmutzig geizig und schenkte den Armen nur seine Zeit, seinen Rat, seine Beredsamkeit und das Geld, das er für sie von den Reichen erlangen konnte. Stiefel und ein Anzug von schwarzem Tuch, den er abtrug, bis die Nähte weiß schimmerten, bildeten seine Kleidung. Die Natur hatte viel für Theodosius getan dadurch, daß sie ihm nicht die männliche, vornehme Schönheit der Südländer verlieh, die bei anderen eingebildete Bedürfnisse erzeugt, die ein Mann nur sehr schwer befriedigen kann. Da es ihn nur wenig kostete, zu gefallen, so wurde er, ganz wie er wollte, für angenehm, für hübsch oder für sehr gewöhnlich angesehen. Seit er im Hause Thuillier zugelassen war, hatte er noch niemals bis zu diesem Abend gewagt, seine Stimme zu erheben und sich mit solcher Autorität zu äußern, wie er es eben gegen Olivier Vinet riskiert hatte; aber wahrscheinlich war es Theodosius de la Peyrade nicht unangenehm gewesen, aus der Dunkelheit, in der er sich bis dahin gehalten hatte, herauszutreten; außerdem war es nötig, sich dieses jungen Beamten zu entledigen, ebenso wie die Minards vorher den Anwalt Godeschal vernichtet hatten. Gleich allen überlegenen Geistern, und es fehlte ihm nicht an Überlegenheit, hatte der Staatsanwaltsgehilfe sich nicht bis zu dem Punkte vorgewagt, wo die Fäden dieser bourgeoisen Spinnennetze deutlich erkennbar werden, aber er war, wie eine Fliege mit dem Kopf voran, in die Falle gegangen, die ihm Theodosius fast unwahrnehmbar mit einer Schlauheit gestellt hatte, die auch gewandtere Leute als Olivier nicht gemerkt haben würden.

Um die Schilderung dieses Armenadvokaten abzuschließen, wird es nicht überflüssig sein, über sein erstes Auftreten im Hause Thuillier zu berichten.

Theodosius war gegen Ende des Jahres 1837 erschienen; er war damals seit fünf Jahren Rechtskandidat und hatte seinen Vorbereitungsdienst in Paris absolviert, um Advokat zu werden; unbekannte Umstände, über die er Schweigen bewahrte, hatten ihn verhindert, sich in die Liste der Pariser Advokaten eintragen zu lassen; er war noch Advokat im Vorbereitungsdienst. Sobald er aber die kleine Wohnung im dritten Stock bezogen hatte, mit dem für seinen vornehmen Beruf unbedingt erforderlichen Mobiliar – denn der Advokatenstand läßt keinen neuen Kollegen zu, der nicht ein anständiges Arbeitszimmer und eine Bibliothek besitzt, und zwar wird das nachgeprüft – wurde Theodosius de la Peyrade Advokat beim Pariser Obergericht.

Über dieser neuen Gestaltung seiner Lage verging das ganze Jahr 1838; er führte ein sehr regelmäßiges Leben, studierte von früh morgens an bis zur Essensstunde und erschien bei wichtigen Sachen vor Gericht. Seine Beziehungen zu Dutocq hatten sich, nach Dutocqs Aussage, nur schwer angeknüpft, und zwar dadurch, daß er einigen Unglücklichen aus dem Faubourg Saint-Jacques, für die der Gerichtsvollzieher sich bei ihm verwendet hatte, den Dienst erwies, ihre Vertretung vor Gericht zu übernehmen; er ließ Anwälte für sie tätig sein, die nach den Statuten der Anwaltschaft umschichtig Armensachen annehmen mußten, und da er nur ganz sichere Sachen übernahm, so gewann er alle Prozesse. Nachdem er so in Beziehungen zu einigen Anwaltsbureaus getreten war, wurde er der Anwaltschaft durch solch ein rühmliches Verhalten bekannt, und aus diesem einiges Aufsehen erregenden Anlaß wurde er zunächst unter die Hilfsadvokaten aufgenommen und dann in das ordentliche Advokatenregister eingetragen. Von da ab war er Armenadvokat beim Friedensgericht und blieb weiter der Beschützer der unteren Klasse. Die Theodosius zu Dank Verpflichteten gaben ihrer Dankbarkeit und ihrer Bewunderung, trotz des Widerspruchs des jungen Advokaten, vor den Portiers Ausdruck, und vieles davon drang bis zu den Ohren der Hausbesitzer. Entzückt darüber, daß bei ihnen ein so rühmenswerter und hilfsbereiter Mann wohnte, wollten die Thuilliers ihn gern in ihrem Salon sehen und erkundigten sich bei Dutocq über ihn. Der Gerichtsvollzieher äußerte sich über ihn, wie es neidische Leute zu tun pflegen, und wenn er dem jungen Manne auch Gerechtigkeit widerfahren ließ, so bemerkte er doch, daß er auffallend geizig sei, was sich allerdings aus seiner Armut erklären lassen könne.

»Ich besitze übrigens eine Auskunft über ihn. Er gehört zu der Familie de la Peyrade, einer alten Familie der Grafschaft Avignon; er ist gegen Ende des Jahres 1829 hierhergekommen, um Nachforschungen nach einem Onkel anzustellen, dessen Vermögen für bedeutend galt; er hat schließlich die Wohnung dieses Verwandten drei Tage nach dessen Tode aufgefunden, und die Möbel des Verstorbenen haben gerade dazu hingereicht, die Kosten der Beerdigung und die Schulden zu bezahlen. Ein Freund dieses nutzlosen Onkels hat dann unserm Vermögenssucher hundert Louisdor zukommen lassen und ihn veranlaßt, Jura zu studieren und sich der Rechtskarriere zu widmen; mit diesen hundert Louisdors hat er seinen Lebensunterhalt in Paris drei Jahre hindurch bestritten und wie ein Einsiedler gelebt; da er aber niemals etwas über seinen unbekannten Beschützer erfahren konnte, so befand sich der arme Student im Jahre 1833 in großer Not.

Er warf sich nun, wie damals viele Rechtskandidaten, auf die Politik und die Literatur und war so eine Zeitlang der Bedürftigkeit überhoben; von seiner Familie hatte er nichts zu erwarten: sein Vater, der jüngere Bruder des in der Rue des Moineaux verstorbenen Onkels, hat elf lebende Kinder, die von dem Ertrag einer kleinen Besitzung, Canquoelles genannt, leben.

Schließlich erhielt er eine Stellung bei einer offiziösen Zeitung, deren verantwortlicher Leiter der bekannte Cérizet war, der so berühmt geworden ist durch die Verfolgungen, die er unter der Restauration wegen seiner Anlehnung an die Liberalen erlitten hat, und dem die Männer der neuen Linken seine offiziöse Stellung nicht verzeihen wollen. Ebenso wie heute die Regierung ihre treuesten Diener sehr wenig schützt, wie die Affäre Gisquet beweist, ebenso haben die Republikaner Cérizet schließlich zugrunde gerichtet. Ich erwähne das, um Ihnen zu erklären, wie es kam, daß Cérizet jetzt Sekretär in unserer Gerichtsschreiberei ist.

Zu der Zeit also, wo er als Leiter eines von dem Minister Perier auf gefährliche Zeitungen, wie die Tribüne und andere, losgelassenen Blattes in Ansehen stand, war Cérizet, alles in allem ein guter Kerl, der aber die Weiber, gutes Essen und Vergnügungen ein bißchen zu sehr liebt, dem Theodosius sehr nützlich, der bei ihm politischer Redakteur war; und ohne den Tod Casimir Periers wäre der junge Mann Staatsanwaltsgehilfe geworden. In den Jahren 1834 und 1835 geriet er, trotz seiner Begabung, wieder ins Elend, denn seine Mitarbeit an einem Regierungsblatt hat ihm geschadet. ›Ohne meine religiösen Grundsätze‹, sagte er einmal zu mir, ›hätte ich mich damals in die Seine gestürzt.‹ Anscheinend hat schließlich der Freund seines Onkels von seiner üblen Lage gehört und hat ihm so viel zugewendet, daß er sich als Advokat eintragen lassen konnte; Namen und Wohnung seines unbekannten Beschützers kennt er aber immer noch nicht. Nach alledem ist unter solchen Umständen seine Sparsamkeit entschuldbar, und es bedarf eines festen Charakters, um alles abzulehnen, was ihm die armen Teufel anbieten, die durch seine aufopfernde Tätigkeit ihre Prozesse gewinnen. Es ist wirklich unwürdig, wenn, wie man sieht, Leute darauf spekulieren, daß die Armen nicht in der Lage sind, die Kosten für einen Prozeß aufzubringen, den man ihnen ungerechterweise angehängt hat. Oh, der wird schon seinen Weg machen, und es würde mich nicht in Erstaunen setzen, wenn ich diesen Jungen mal in sehr glänzender Stellung sehen würde; er besitzt Zähigkeit, Ehrlichkeit und Mut; er arbeitet und büffelt.«

Trotz der Freundlichkeit, mit der er empfangen worden war, ließ sich la Peyrade nur selten bei Thuilliers sehen. Erst als man ihm wegen seiner Zurückhaltung Vorwürfe machte, zeigte er sich häufiger, erschien schließlich an allen Sonntagen, wurde zu allen Diners eingeladen und endlich so vertraut im Hause, daß man ihn, wenn er um vier Uhr kam, um mit Thuillier zu sprechen, nötigte, zwanglos an dem täglichen Essen teilzunehmen. Fräulein Thuillier sagte sich dann

›Wir sind so wenigstens sicher, daß er gut zu essen bekommt, der arme junge Mensch!‹

Eine soziale Erscheinung, die gewiß schon beobachtet, aber noch nicht formuliert oder, wenn man will, schriftlich festgehalten worden ist, obgleich sie konstatiert zu werden verdient, ist die Wiederkehr der Gewohnheiten, der Gedanken, der Manieren der früheren Situation bei Leuten, die von der Kinderzeit bis ins Alter aus ihrem ursprünglichem Stande empor gestiegen sind. So war Thuillier innerlich wieder der Portierssohn geworden; er wendete Scherzworte seines Vaters an und ließ schließlich auf der äußeren Oberfläche seines im Abstieg befindlichen Lebens die Spuren seiner Herkunft deutlich werden.

Fünf-, sechsmal im Monat pflegte er, wenn die fette Suppe gut war, wie einen ganz neuen Einfall zu äußern, während er seinen Löffel auf den leeren Teller legte: »Das ist besser als ein Fußtritt, selbst wenn man ihn aufs Schienbein bekommt! . . .« Als er diesen Scherz zum erstenmal hörte, verlor Theodosius, der ihn noch nicht kannte, seinen würdevollen Ernst und lachte so herzlich los, daß Thuillier, der schöne Thuillier, sich in seiner Eitelkeit geschmeichelt fühlte wie nie zuvor. Seitdem begleitete Theodosius diese Redensart immer mit einem kleinen verständnisvollen Lächeln. Dieser kleine Umstand mag erklären, warum Theodosius am Morgen des Tages, an dessen Vorabend er den Disput mit dem jungen Staatsanwaltsgehilfen gehabt hatte, zu Thuillier, mit dem er im Garten nach den Folgen des Frostes sah, sagen könnte:

»Sie sind viel geistreicher, als Sie glauben!«

Und er hatte zur Antwort bekommen:

»In jeder andern Laufbahn, mein lieber Theodosius, hätte ich sehr viel erreicht, aber der Sturz des Kaisers hat mir den Hals gebrochen.«

»Es ist noch nicht zu spät«, hatte der junge Advokat gesagt. »Was hat denn eigentlich Colleville, dieser Hanswurst, getan, daß er das Kreuz erhalten hat?«

Damit hatte de la Peyrade einen wunden Punkt berührt, den Thuillier vor allen Augen verbarg, und zwar so, daß selbst seine Schwester nichts davon wußte; aber der junge Mann, in dessen Interesse es lag, das Wesen dieser Bourgeois zu studieren, hatte den heimlichen Neid, der am Herzen des ehemaligen Vizechefs nagte, geahnt.

»Wenn Sie, der Sie so erfahren sind, mir die Ehre erweisen wollen, meinem Rat zu folgen«, hatte der Philantrop hinzugefügt, »und vor allem niemals mit jemandem von unsrer Abmachung zu sprechen, selbst nicht mit Ihrer vortrefflichen Schwester, wenn ich nicht meine Zustimmung gebe, so verpflichte ich mich, Ihnen den Orden unter dem Beifall des ganzen Viertels zu verschaffen.«

»Oh, wenn wir das erreichen könnten!« hatte Thuillier ausgerufen; »Sie wissen nicht, was ich dann für Sie tun könnte . . .«

Das mag erklären, weshalb Thuillier sich so in die Brust warf, als Theodosius eben die Kühnheit gehabt hatte, ihm seine Ansicht unterzuschieben.

In der Kunst – und Molière hat wohl die Heuchelei zur Höhe der Kunst erhoben, indem er Tartüff für immer zum Komödiantentypus gemacht hat – gibt es einen Höhepunkt der Vollkommenheit, bis zu dem das Talent nicht heranreicht, sondern allein das Genie. Zwischen den Werken der Genies und denen der Talente besteht nur ein geringer Unterschied, und nur geniale Menschen können diesen Unterschied empfinden, der Raphael von Correggio, Tizian von Rubens trennt. Ja noch mehr: der Durchschnittsmensch läßt sich täuschen. Denn das Zeichen des Genies ist gewissermaßen die Leichtigkeit, mit der das Werk geschaffen zu sein scheint. Es muß, mit einem Wort, auf den ersten Anblick ganz einfach erscheinen, weil es immer ganz natürlich, selbst bei den erhabensten Sujets, ist.

Viele Bauernweiber halten ihr Kind ebenso wie die berühmte Dresdener Madonna. Nun, bei einem Mann von der Fähigkeit Theodosius' war der Gipfel der Kunst, daß man nachher von ihm sagen mußte: »Jeder wäre darauf hereingefallen!« Er sah also im Salon Thuillier einen Zwist aufkeimen, er verstand Collevilles ziemlich klarsehende Natur und das kritische Wesen des Künstlers, der seinen Beruf verfehlt hat. Der Advokat wußte, daß er Colleville mißfiel, der, infolge von Umständen, die zu berichten überflüssig wäre, Grund hatte, an die Geheimwissenschaft der Anagramme zu glauben. Bei keinem seiner Anagramme hatte er sich getäuscht. Man hatte sich auf dem Amte über ihn mokiert, als er, auf die Frage nach Minards Anagramm, verkündet hatte: »Ich werde ein großes Vermögen zusammenraffen,« und zehn Jahre später hatte sich das Anagramm bestätigt. Theodosius' Anagramm war fatal. Das seiner Frau hatte ihn erschreckt, und niemals hatte er es laut werden lassen, denn Flavia-Minard-Colleville ergab: »Die alte C***, ein beschimpfter Name, stiehlt.«

Mehrmals bereits hatte Theodosius dem jovialen Sekretär der Stadtverwaltung sich nähern wollen, war aber immer einer kühlen, bei einem so entgegenkommenden Manne wenig natürlicher Abweisung begegnet. In dem Augenblick, wo die Bouillottepartie beendet war, zog Colleville Thuillier in eine Fensternische und sagte zu ihm:

»Du läßt diesen Advokaten hier bei dir zu festen Fuß fassen, er hat heute abend das große Wort geführt.«

»Ich danke dir, lieber Freund, ein Mann, der gewarnt ist, ist so klug wie zweie«, antwortete Thuillier, während er sich heimlich über Colleville lustig machte.

Theodosius, der in diesem Augenblick gerade mit Frau Colleville plauderte, hatte seinen Blick auf die beiden Freunde gerichtet, und mit dem Ahnungsvermögen, das die Frauen zu gebrauchen verstehen, wenn sie wissen wollen, ob und in welcher Weise von ihnen die Rede ist, merkte er, daß Colleville ihm bei dem schwachen unbedeutenden Thuillier zu schaden versuchte.

»Gnädige Frau,« sagte er leise zu der fromm gewordenen Dame, »glauben Sie mir, wenn hier jemand imstande ist, Sie richtig zu würdigen, so bin ich es. Wenn man Sie ansieht, so möchte man sagen: eine Perle, die in den Schmutz gefallen ist; Sie sind noch nicht zweiundvierzig Jahr alt, denn eine Frau ist so alt, wie sie aussieht, und viele Frauen von dreißig Jahren, die nicht an Sie heranreichen, würden glücklich sein, wenn sie eine solche Figur hätten und ein so entzückendes Gesicht, das von der Liebe erzählt, die niemals die Sehnsucht Ihres Herzens zu befriedigen vermocht hat. Sie haben sich Gott zugewendet, ich weiß es, und ich empfinde zu viel Mitgefühl, als daß ich etwas anderes für Sie zu sein begehrte als Ihr Freund; aber Sie haben das nur getan, weil Sie niemals einen Ihrer Würdigen gefunden haben. Gewiß, geliebt sind Sie worden, aber Sie haben nie empfunden, daß man Sie anbetete, ich habe das geahnt . . . Und Ihr Mann hier hat niemals verstanden, Ihnen eine Ihres Wertes würdige Stellung zu verschaffen; er haßt mich, als ob er fürchtete, daß ich Sie liebe, und will mich daran hindern, Ihnen zu sagen, daß ich eine Möglichkeit gefunden zu haben glaube, Sie in eine Sphäre zu bringen, die Ihrer Bestimmung entspricht . . . Nein, gnädige Frau«, sagte er laut und erhob sich, »nicht der Abbé Gondrin wird dieses Jahr in der Fastenzeit in unsrer bescheidenen Kirche Saint-Jacques du Haut-Pas predigen, sondern Herr d'Estival, ein Landsmann von mir, der sich dem Predigerberuf aus Mitgefühl für die Armen geweiht hat, und Sie werden da einen der weihevollsten Redner, die ich kenne, zu hören bekommen, einen Priester, der zwar kein sehr angenehmes Äußere hat, aber was für eine Seele! . . .«

»Mein Wunsch wird also erfüllt werden,« sagte die arme Frau Thuillier; »ich habe die berühmten Prediger nie verstehen können!«

Ein Lächeln erschien auf Fräulein Thuilliers Lippen und auf denen mehrerer anderen.

»Sie befassen sich zu sehr mit theologischen Erklärungen, das ist schon lange meine Ansicht«, sagte Theodosius; »aber ich spreche niemals über Religion, und ohne Frau Colleville . . .«

»Gibt es denn in der Theologie Erklärungen?« fragte der Mathematikprofessor naiv und geradezu.

»Ich will nicht annehmen,« erwiderte Theodosius und sah Felix Phellion an; »daß Sie diese Frage im Ernst gestellt haben.«

»Felix,« sagte der alte Phellion und kam schwerfällig seinem Sohn zu Hilfe, als er auf Frau Thuilliers blassem Gesicht einen schmerzlichen Ausdruck wahrnahm, »Felix unterscheidet bei der Religion zwei Kategorien: er betrachtet sie einmal vom menschlichen und einmal vom göttlichen Standpunkt, von dem der Tradition und dem der Begründung aus.«

»Was für eine ketzerische Ansicht, Herr Phellion!« entgegnete Theodosius; »die Religion ist eine Einheit; sie verlangt vor allem den Glauben.«

Durch diese Phrase festgenagelt, sah der alte Phellion seine Frau an:

»Es ist Zeit, meine Liebe . . .«

Und er zeigte auf die Uhr.

»Oh, Herr Felix,« sagte Céleste leise zu dem offenherzigen Mathematiker, »können Sie nicht, wie Pascal und Bossuet, gleichzeitig ein Gelehrter und fromm sein? . . .«

Mit den Phellions brachen auch Collevilles auf, und es blieben bald nur noch Dutocq, Theodosius und die Thuilliers zurück.

Die Schmeicheleien, die Theodosius Flavia zugeflüstert hatte, waren zwar lauter Gemeinplätze; aber es muß im Interesse dieser Erzählung bemerkt werden, daß der Advokat sich so sehr als möglich auf dem geistigen Niveau dieser vulgären Leute hielt; er schwamm in ihrem Wasser und redete ihre Sprache. Sein Maler war Pierre Grassou und nicht Joseph Bridau; sein Buch »Paul und Virginie«. Der größte lebende Dichter war für ihn Casimir Delavigne; in seinen Augen war der Zweck der Kunst vor allem die Nützlichkeit. Parmentier, »der Schöpfer des Kartoffelbaus« galt ihm mehr als dreißig Rafaels; der Mann mit dem kleinen blauen Mantel war für ihn »eine barmherzige Schwester«. Diese Ausdrücke Thuilliers wiederholte er zuweilen.

»Der junge Felix Phellion«, sagte er, »ist der typische Universitätsgelehrte unserer Zeit, das Produkt einer Wissenschaft, die Gott beiseite geschoben hat. Mein Gott, wo kommen wir hin! Nur die Religion kann Frankreich retten, denn nur die Furcht vor der Hölle schützt uns vor dem Hausdiebstahl, der fortwährend vorkommt und der die sichersten Vermögen aufzehrt. Sie alle haben einen heimlichen Krieg im Schoß der Familie«. Nach dieser geschickten Tirade, die lebhaften Eindruck auf Brigitte machte, empfahl er sich in Begleitung von Dutocq, nachdem er den drei Thuilliers gute Nacht gewünscht hatte.

»Das ist ein sehr begabter junger Mensch!« sagte Thuillier in feierlichem Tone.

»Ja, wahrhaftig«, erwiderte Brigitte und löschte die Lampe aus.

»Und er besitzt Religion«, sagte Frau Thuillier, die sich zuerst entfernte.

»Lieber Herr,« sagte Phellion zu Colleville, als sie die Gegend der Bergbauschule erreichten, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie allein in der Straße waren, »ich habe die Gewohnheit, mich von andern belehren zu lassen, aber es ist mir unmöglich, zu übersehen, daß dieser junge Advokat bei unsern Freunden, den Thuilliers, sehr herrisch auftritt.«

»Meiner Meinung nach,« entgegnete Colleville, der mit Phellion hinter seiner Frau, Céleste und Frau Phellion ging, die sich alle drei dicht aneinander drängten, »ist er ein Jesuit, und ich liebe diese Leute nicht . . . Auch der beste von ihnen taugt nichts. Ein Jesuit, das bedeutet für mich Betrug, und zwar Betrug, um zu betrügen; sie betrügen aus Freude am Betruge, und, wie man sagt, um nicht aus der Übung zu kommen. Das ist meine Ansicht, und ich schlucke sie nicht hinunter.«

»Ich verstehe Sie, Herr Colleville«, erwiderte Phellion und reichten ihm den Arm.

»Nein, Herr Phellion,« bemerkte Flavia mit leiser hoher Stimme, »Sie verstehen Colleville nicht, aber ich weiß recht gut, was er sagen will, und er täte besser, nicht weiter zu sprechen . . . So etwas kann man nicht auf der Straße behandeln, um elf Uhr, und in Gegenwart eines jungen Mädchens«.

»Du hast Recht, liebe Frau«, sagte Colleville.

Als sie die Rue des Deux-Eglises erreicht hatten, in die Phellion einbiegen mußte, wünschte man sich gute Nacht. Felix Phellion sagte noch zu Colleville:

»Herr Colleville, Ihr Sohn Franz könnte in die Polytechnische Schule aufgenommen werden, wenn er viel Nachhilfestunden nehmen würde; ich bin bereit, ihn so weit zu bringen, daß er in diesem Jahre das Examen bestehen kann.«

»Das würde ich gewiß nicht ablehnen! Ich danke Ihnen, lieber Freund«, sagte Colleville; »wir sprechen noch darüber.«

»Gut!« sagte Phellion zu seinem Sohne.

»Das hast du geschickt gemacht!« rief die Mutter.

»Was meint ihr denn damit?« fragte Felix.

»Nun, du hast sehr geschickt Célestes Eltern den Hof gemacht.«

»Ich will nie wieder ein Problem lösen, wenn ich daran gedacht habe!« rief der junge Professor aus; »ich habe, wenn ich mit den jungen Collevilles plauderte, bemerkt, daß Franz eine Begabung für Mathematik besitzt, und ich habe mich für verpflichtet gehalten, seinem Vater das mitzuteilen.«

»Schön, mein Sohn!« wiederholte Phellion, »ich möchte dich auch nicht anders haben, als du bist. Meine Wünsche sind erhört worden, ich habe einen braven, ehrenhaften Sohn, der alle bürgerlichen und persönlichen Tugenden besitzt, die man von ihm verlangen kann.«

Als Céleste zu Bett gegangen war, sagte Frau Colleville zu ihrem Manne:

»Colleville, sprich dich doch nicht so rücksichtslos über Leute aus, die du nicht genau kennst. Wenn du Jesuiten sagst, dann meinst du Priester, das weiß ich; tu mir doch den Gefallen und behalte deine Ansichten über Religion für dich, wenn deine Tochter zugegen ist. Wir dürfen wohl unser Seelenheil verkaufen, aber nicht das unserer Kinder. Möchtest du, daß deine Tochter ein Geschöpf ohne Religion sei? . . . Wir sind jetzt von allen Leuten abhängig, mein Engel, wir haben vier Kinder zu versorgen; willst du behaupten, daß du nie in die Lage kommen wirst, den einen oder den andern nötig zu haben? Mach dir doch keine Feinde; du hast ja sonst keine, du bist ein guter Kerl; dank dieser Eigenschaft, mit der du die Leute direkt bezaubern kannst, haben wir uns noch immer ziemlich gut herausgezogen! . . .«

»Genug, genug!« sagte Colleville, der seinen Rock über einen Stuhl hängte und seine Krawatte abnahm; »ich habe unrecht, und du hast recht, meine Schönste.«

»Bei der ersten Gelegenheit, du dickes Schaf,« sagte die schlaue Hausmutter und klopfte ihrem Mann auf die Backen, »wirst du versuchen, dem kleinen Advokaten eine Liebenswürdigkeit zu sagen; das ist ein Schlaukopf, den müssen wir für uns gewinnen. Er spielt Komödie? . . . Schön, spiel du auch mit ihm Komödie; tu, als ob du ihm glaubst, und wenn er begabt ist und Zukunftsaussichten hat, dann mach ihn dir zum Freunde. Meinst du, daß ich dich noch lange als Stadtsekretär sehen möchte?«

»Kommen Sie her, Frau Colleville,« sagte der ehemalige Klarinettist der Komischen Oper und schlug sich aufs Knie, um anzuzeigen, wo seine Frau sich hinsetzen solle, »wärmen Sie sich die kleinen Füße, und plaudern wir noch ein bißchen . . . Wenn ich dich ansehe, dann bin ich immer mehr davon überzeugt, daß die Jugend der Frauen in ihrer Figur liegt . . .«

»Und in ihrem Herzen . . .«

»In dem einen, wie in dem andern,« erwiderte Colleville, »eine leichte Gestalt und ein schweres Herz . . .«

»Nein, du Schöps . . . ein tiefes.«

»Wie hübsch das ist, daß du dir deinen weißen Teint erhalten hast, ohne daß du dick geworden bist! . . . Gott, was hast du für zarte Knochen . . . Höre, Flavia, und wenn ich mein Leben noch einmal von vorn anfangen sollte, ich möchte keine andere Frau haben als dich.«

»Du weißt auch ganz genau, daß ich dich immer lieber als ›die Andern‹ gehabt habe . . . Ach, was ist das für ein Unglück, daß Monseigneur gestorben ist. Weißt du, was ich für dich gern gehabt hätte?«

»Nein.«

»Eine Stellung bei der Stadt mit zwölftausend Franken Gehalt, so etwas wie Kassierer bei der städtischen oder der Kasse von Poissy, oder Geschäftsführer.«

»Das würde mir alles gut passen.«

»Nun, vielleicht könnte dieses Scheusal von Advokat etwas für uns tun; er ist ein großer Intrigant: wir müssen Rücksicht auf ihn nehmen . . . Ich werde bei ihm mal auf den Busch klopfen . . . laß mich nur machen . . . und vor allem störe ihm sein Spiel bei den Thuilliers nicht . . .«

Theodosius hatte den wunden Punkt in Flavia Collevilles Herzen berührt, und das verdient eine Erläuterung, zu der wohl eine Analyse des weiblichen Empfindens erforderlich ist.

Mit vierzig Jahren verspüren die Frauen und besonders die, die von der vergifteten Frucht der Leidenschaft gekostet haben, ein tiefes Angstgefühl; sie merken, daß es zweierlei Tod gibt: den körperlichen und den seelischen. Teilt man die Frauen in zwei Kategorien, indem man, vulgär gesprochen, die Tugendhaften und die Schuldigen unterscheidet, so kann man sagen, daß sie von diesem gefährlichen Alter an Schreckliches zu leiden haben. Tugendhaft, aber in ihrem natürlichen Verlangen unbefriedigt, sei es, daß sie ihr Begehren im Herzen oder daß sie es vor dem Altar Gottes begraben haben, können sie sich nicht ohne Erschrecken eingestehen, daß für sie alles zu Ende ist. Dieses Gefühl kann so eigenartige und so fürchterliche Wirkungen hervorbringen, daß sich hieraus ihr Apostatentum erklären läßt, das zuweilen die Welt in Erstaunen und Schrecken versetzt. Sind sie schuldig, so geraten sie in eine Schwindel erregende Lage, die oft zum Irrsinn oder zum Tode führt, die aber auch in eine Leidenschaft von gleicher Gewalt umschlagen kann.

Das Dilemma einer solchen Krisis ist dieses: Entweder haben sie das Glück kennengelernt und ein tugendhaftes Leben geführt und können nun nicht anders, als diese von Glut geschwängerte Luft einatmen und sich in dieser duftenden Atmosphäre, wo die Schmeicheleien wie Liebkosungen wirken, bewegen; wie sollen sie dem widerstehen? Oder, was ein noch merkwürdigeres und selteneres Phänomen ist, sie haben auf der Suche nach dem fliehenden Glück nur schnell schal gewordene Freuden gefunden, aber sie haben, von der trügerischen Befriedigung der Eitelkeit gepeitscht, die wilde Jagd fortgesetzt und sich an dieses Spiel geklammert wie der Spieler an sein System, denn diese letzten Tage ihrer Schönheit sind für sie der letzte Einsatz des verzweifelten Hazardeurs.

»Sie sind geliebt, aber nicht angebetet worden!« Dieses Wort Theodosius, von einem Blicke begleitet, der, wenn auch nicht in ihrem Herzen, so doch in ihrem Leben gelesen hatte, war die Lösung eines Rätsels, und Flavia fühlte sich durchschaut.

Der Advokat hatte nur einige Ideen wiedergegeben, die in der Literatur schon trivial geworden waren; aber was kommt es darauf an, aus welcher Fabrik die Reitpeitsche herstammt und was für eine Sorte es ist, wenn sie nur die empfindliche Stelle des Rassepferdes trifft! Das poetische Gefühl lag in Flavias Innerem und nicht in dem, was ihr Theodosius vorgesungen hatte, ebenso wie das Brausen nicht in der Flut steckt, wenn sie es auch erzeugt.

Ein junger Offizier, zwei nichtssagende Männer, ein unbeholfener kleiner Jüngling und der gute Colleville, das waren ihre traurigen Versuchsobjekte. Einmal in ihrem Leben hatte Frau Colleville von Glück geträumt, aber empfinden hatte sie es noch nicht können; dann hatte der Tod allzu schnell die einzige Neigung, bei der Flavia wirkliche Seligkeit empfunden hatte, vernichtet. Seit zwei Jahren vernahm sie die göttliche Stimme der Religion, die ihr verkündete, daß weder in der Kirche, noch in der menschlichen Gesellschaft von Glück und von Liebe die Rede ist, sondern von Pflicht und Resignation; daß für diese beiden großen Mächte das Glück in der Befriedigung ruht, die die Erfüllung mühseliger, schwer zu erfüllender Pflichten erzeugt, und daß die Belohnung nicht in dieser Welt erfolgt. Aber sie hörte noch eine andere laute Stimme in ihrem Innern, und da die Religion nur eine Maske für sie war, die sie notgedrungen vorbinden mußte, und nicht auf wirklicher Bekehrung beruhte, und weil sie sie nicht ablegte, da sie in ihr ein Hilfsmittel erblickte, und ihre falsche oder wahre Frömmigkeit nur ein äußerliches Kleid war, das sie ihren Zukunftshoffnungen anpaßte, so blieb sie in der Kirche, wie auf einer Bank im Walde an einem Kreuzwege, wo man die Aufschriften des Wegweisers liest, und mit dem Gefühl, daß bald die Nacht kommt, die Entscheidung dem Zufall überläßt.

So wurde auch ihre Wißbegier lebhaft erregt, als Theodosius ihr ihre den andern verborgene Lage klar machte, ohne dabei Ansprüche für sich geltend zu machen, sondern indem er sich allein an ihr inneres Empfinden wandte und ihr die Verwirklichung von Luftschlössern verhieß, die sich für sie schon sieben- oder achtmal in nichts aufgelöst hatten.

Seit Beginn des Winters hatte sie gemerkt, daß sie heimlich von Theodosius beobachtet und studiert wurde. Mehr als einmal hatte sie ihr graues Moiréekleid, ihre schwarzen Spitzen und ihren Kopfschmuck von mit Spitzen garnierten Blumen angelegt, um sich vorteilhaft zeigen zu können, und die Männer wissen immer recht gut, ob man für sie Toilette gemacht hat. Der gräßliche Beau der Kaiserzeit hatte sich in faden Schmeicheleien erschöpft, aber der Provenzale hatte mit einem verständnisvollen Blick tausendmal mehr gesagt.

Von einem Sonntag zum andern hatte Flavia auf eine Erklärung gewartet; sie sagte sich:

»Er weiß, daß ich nichts habe, und er selbst besitzt keinen Heller! Vielleicht ist er wirklich fromm.«

Theodosius wollte nichts überstürzen, und wie ein geschickter Musiker hatte er sich die Stelle seiner Partitur angestrichen, wo er das Zeichen zum vollen Einsatz geben wollte. Als er merkte, daß Colleville ihn bei Thuillier verdächtigte, hatte er, nach geschickter Vorbereitung während drei bis vier Monaten, die er auf das Studium Flavias verwandt hatte, seine Ladung abgeschossen, und es war ihm damit ebenso geglückt, wie am Morgen mit Thuillier.

Als er sich zu Bett legte, sagte er sich:

»Die Frau habe ich gewonnen, der Mann kann mich nicht leiden; jetzt, in diesem Augenblick werden sie sich zanken, aber ich werde der Stärkere sein, denn sie macht mit ihrem Manne, was sie will.«

Darin hatte sich der Provenzale allerdings getäuscht, denn es hatte nicht den geringsten Streit gegeben, und während er das zu sich sagte, schlief Colleville bereits neben seiner kleinen, süßen Flavia, welche dachte: ›Theodosius ist ein überlegener Mensch.‹

Bei vielen Männern wird ebenso wie bei la Peyrade, die Überlegenheit durch die Kühnheit oder die Schwierigkeit des Unternehmens erzeugt; die Anstrengungen, die sie machen, straffen ihre Muskeln, und sie verbrauchen außerordentlich viel Kraft; dann, nach dem Erfolge oder dem Mißlingen, ist alle Welt erstaunt, sie klein, elend oder erschöpft zu sehen. Nachdem er den beiden Personen, von denen das Geschick Célestes abhing, eine Wißbegierde eingeimpft hatte, die fieberhaft werden mußte, spielte Theodosius den Beschäftigten: fünf bis sechs Tage hindurch war er von früh bis abends abwesend, so daß er Flavia erst dann wiedersah, als ihre Begierde einen Höhepunkt erreicht hatte, wo man alle Schicklichkeit beiseite setzt, und daß er den alten Beau zwang, zu ihm zu kommen.

Am nächsten Sonntag war er ziemlich sicher, Frau Colleville in der Kirche zu finden; sie traten auch beide in demselben Augenblick heraus, trafen sich in der Rue des Deux-Eglises, und Theodosius bot Flavia den Arm, die ihn auch annahm und ihre Tochter mit ihrem Bruder Anatole vorausgehen ließ. Dieses jüngste Kind, das jetzt zwölf Jahre alt war, sollte in das Seminar eintreten und war in Barniols Institut in Halbpension, wo es den Elementarunterricht erhielt, und der Schwiegersohn Phellions hatte natürlich den Preis für die Halbpension mit Rücksicht auf die erhoffte Verbindung zwischen Phellion und Céleste ermäßigt.

»Haben Sie mir die Ehre und die Gunst erwiesen, über das, was ich Ihnen neulich so unbeholfen sagte, nachzudenken?« fragte der Advokat mit einschmeichelndem Ton die hübsche Fromme und drückte ihren Arm ebenso zärtlich wie stark an sein Herz, denn er schien sich zu bezwingen, um im Widerstreit mit seinem Empfinden respektvoll zu erscheinen. »Täuschen Sie sich nicht über meine Absichten«, fuhr er fort, als Frau Colleville ihm einen Blick zuwarf, wie ihn die Frauen, die die hohe Schule der Leidenschaft durchgemacht haben, zu schleudern verstehen, und dessen Ausdruck ebensogut eine strenge Zurückweisung wie eine geheime Übereinstimmung der Gefühle bedeuten kann. »Ich liebe Sie, wie man ein schönes Wesen liebt, das im Kampf mit dem Unglück steht; die christliche Nächstenliebe umfaßt die Starken wie die Schwachen, und ihr Schatz gehört allen. Zart, reizend, elegant wie Sie sind, geschaffen, die Zierde der vornehmsten Gesellschaft zu sein, welcher Mann kann Sie anschauen ohne das tiefste Mitgefühl im Herzen, daß Sie unter diesen widerwärtigen Kleinbürgern leben müssen, die nichts von Ihnen verstehen, nicht einmal den aristokratischen Reiz einer Ihrer Haltungen oder eines Ihrer Blicke oder eines der einschmeichelnden Laute Ihrer Stimme! Ach . . . wenn ich reich wäre! Ach, wenn ich Einfluß hätte! Ihr Mann, der gewiß ein guter Kerl ist, müßte Generalsteuereinnehmer werden, und Sie würden ihn dann zum Deputierten machen! Aber ich, ein armer Ehrgeiziger, dessen erste Pflicht ist, seinen Ehrgeiz zu zügeln, da ich die letzte Nummer in dem Beutel der Familienlotterie bin, ich kann Ihnen nur meinen Arm anbieten, nicht mein Herz. Ich erhoffe alles für mich von einer reichen Heirat, und seien Sie überzeugt, daß ich meine Frau nicht nur glücklich, sondern zu einer der ersten Frauen des Landes machen würde, wenn sie mir die Mittel gewährte, vorwärts zu kommen . . . – Es ist schönes Wetter, machen wir einen Spaziergang durch den Luxembourgpark«, fuhr er fort, als sie an die Rue d'Enfer gelangt waren, an die Ecke des Hauses der Frau Colleville, dem gegenüber ein Durchgang nach dem Garten über die Treppe eines kleinen Hauses führt, dem letzten Rest des berühmten Karthäuserklosters.

Das Anschmiegen des Armes, der auf seinem lag, verkündete ihm das stillschweigende Einverständnis Flavias, und da sie es verdiente, daß er ihr die Ehre eines gewissen Zwanges erwies, so zog er sie schnell mit sich fort, indem er hinzufügte:

»Kommen Sie! Wir werden nicht immer einen so günstigen Moment abpassen können. Oh,« sagte er »Ihr Mann hat uns gesehen, er steht am Fenster; gehen wir langsamer . . .«

»Sie haben von Herrn Colleville nichts zu befürchten,« sagte Flavia lächelnd, »er läßt mir vollkommene Freiheit in allem, was ich tue.«

»Ach, Sie sind wirklich die Frau, von der ich immer geträumt habe«, rief der Provenzale mit einer Ekstase und einer Betonung aus, wie sie Seelen in Brand setzen und nur aus dem Munde eines Südländers laut werden können. »Verzeihung, gnädige Frau«, sagte er, indem er sich besann und aus einer höheren Welt zu dem vertriebenen Engel zurückzukehren schien, den er mit frommen Blicken ansah; »Verzeihung, ich muß wieder auf das, was ich sagte, zurückkommen . . . Aber, wie soll man kein Mitgefühl mit Schmerzen haben, die man selber empfindet, wenn man sieht, daß sie das Schicksal eines Wesens sind, dem das Leben nur Freude und Glück bescheren dürfte! . . . Sie erdulden dasselbe wie ich, ich bin ebensowenig an meinem Platze wie Sie an dem Ihrigen: das gleiche Schicksal macht uns zu Bruder und Schwester! Ach, meine teure Flavia, der erste Tag, an dem es mir vergönnt war, Sie zu erblicken, das war der letzte Sonntag des Septembers 1838 . . . Sie waren so schön; ich werde Sie immer vor mir sehen, in diesem einfachen Mousselinedelaine-Kleide mit der Garnitur des Tartans irgendeines schottischen Clans! . . . An diesem Tage habe ich mich gefragt: ›Was will diese Frau bei den Thuilliers, und vor allem, warum hat sie ein Verhältnis mit einem Menschen wie Thuillier gehabt?‹«

»Mein Herr!« . . . sagte Flavia, erschreckt über die Wendung, die der Provenzale plötzlich dem Gespräche gab.

»Oh, ich weiß alles!« rief er achselzuckend aus; »Und mir ist auch alles erklärlich . . . und ich achte Sie deshalb nicht geringer. Lassen Sie gut sein, Häßliche und Bucklige begehen solche Sünden nicht . . . Sie aber, Sie müssen auch den Nutzen aus Ihrem Fehltritt ziehen können, und dabei will ich Ihnen helfen! Céleste wird einmal sehr reich sein, und auf dieser Grundlage ruht Ihre ganze Zukunft; Sie können nur einen Schwiegersohn haben, seien Sie klug genug, ihn richtig auszuwählen. Ein Ehrgeiziger würde es zum Minister bringen können, aber er würde Sie demütigen, Sie schikanieren und Ihre Tochter unglücklich machen; und verliert er sein Vermögen, dann wird er sicher kein neues erwerben. Ja, gewiß, ich liebe Sie mit grenzenloser Zuneigung; Sie sind über der Masse kleinlicher Bedenken, über die die Dummköpfe stolpern, erhaben. Verstehen wir uns . . .«

Flavia war verblüfft; aber sie hatte trotzdem Verständnis für die ungewöhnliche Freimütigkeit dieser Sprache und sagte sich: ›Er hält nicht hinterm Berge mit seiner Ansicht! . . .‹ Aber sie mußte sich gestehen, daß sie noch niemals von jemandem so tief in Erregung versetzt worden war wie von diesem jungen Manne.

»Ich begreife nicht, Herr de la Peyrade, woher Sie diese irrige Ansicht über meine Vergangenheit haben, und mit welchem Rechte Sie . . .«

»Oh, Verzeihung, gnädige Frau,« unterbrach sie der Provenzale so kühl, daß es fast verächtlich klang, »ich habe geträumt. Ich habe mir gesagt: ›Alles dies ist sie‹, aber ich sehe, ich stoße auf Vorurteile. Ich weiß jetzt, warum Sie für immer in Ihrem vierten Stock dort oben in der Rue d'Enfer bleiben werden.«

Und er begleitete diese Worte mit einer energischen Handbewegung, indem er auf die Fenster der Collevilleschen Wohnung zeigte, die man von der Allee des Luxembourgparks, in der sie allein waren, sehen konnte, dieses riesigen Ackerfeldes, das schon von so vielen jungen ehrgeizigen Menschen bebaut worden war.

»Ich habe freimütig gesprochen, und ich erwartete von Ihnen das gleiche; ich habe mein Leben gefristet, die Rechte studiert und mein Examen in Paris gemacht, alles mit einem Kapital von zweitausend Franken, und ich habe die Stadt durch die Barrière d'Italie betreten mit fünfhundert Franken in der Tasche; aber ich habe mir dabei zugeschworen wie einer meiner Landsleute, eines Tages einer der ersten Männer meines Vaterlandes zu werden . . . Und der Mann, der sich oft sein Essen aus den Körben zusammengesucht hat, in die die Restaurateure ihre Überreste werfen und die sie um sechs Uhr morgens vor der Tür ausschütten, wenn die Kleinhöker sie nicht haben wollen, solch ein Mann wird von keinem Mittel . . . vor dem man nicht erröten muß, zurückschrecken. – Halten Sie mich etwa für einen Volksfreund? . . .« sagte er lächelnd; »man muß ein Sprachrohr für sein Renommee haben; das kann man sich nicht mit geflüsterten Worten machen; . . . und ohne Ruf, was kann die Begabung erreichen? Der Advokat der Armen wird einmal der Advokat der Reichen werden . . . Habe ich Sie nun genügend in mein Innerstes blicken lassen? öffnen Sie mir Ihr Herz . . . Sagen Sie zu mir: ›Wir wollen Freunde sein‹, und wir werden alle eines Tages glücklich werden . . .«

»Mein Gott, warum bin ich hierher gekommen? Warum habe ich Ihnen den Arm gegeben? . . .« rief Flavia aus.

»Weil das Ihr Schicksal ist!« erwiderte er. »Ach meine teure, heißgeliebte Flavia,« fuhr er fort und preßte ihren Arm an sein Herz, »haben Sie von mir allgemeine Redensarten erwartet? . . . Wir sind Bruder und Schwester, . . . das ist alles.«

Und er führte sie auf den Weg nach der Rue d'Enfer zurück.

Flavia verspürte auf dem Grunde der Befriedigung, die die Frauen bei heftigen Gemütsbewegungen empfinden, ein Gefühl der Angst, und sie hielt es für das Erschrecken, das eine neue Liebesleidenschaft hervorruft; aber sie war beglückt und hüllte sich in tiefes Schweigen.

»Woran denken Sie?« fragte Theodosius mitten auf dem Wege.

»An alles, was Sie eben zu mir gesagt haben«, antwortete sie.

»In unserm Alter«, entgegnete er, »hält man sich doch nicht mit Vorreden auf; wir sind keine Kinder mehr und befinden uns beide in einer Situation, wo man sich verständigen muß. Seien Sie aber jedenfalls überzeugt,« fügte er hinzu, als sie an die Rue d'Enfer gelangt waren, »daß ich Ihnen ganz gehöre.«

Und er verbeugte sich tief vor ihr.

»Nun sind die Eisen im Feuer«, sagte er zu sich und blickte seinem betäubten Opfer nach.

Als er nach Hause zurückkehrte, fand Theodosius auf dem Treppenabsatze eine Persönlichkeit vor, die gewissermaßen ein unterseeisches Dasein in unserer Erzählung führt, und die sich mit einer unterirdischen Kirche vergleichen läßt, über der sich die Fassade eines Palastes erhebt. Der Anblick dieses Mannes, der zuerst vergeblich bei Theodosius geklingelt hatte, und nun eben bei Dutocq klingelte, ließ den provenzalischen Advokaten erschauern, aber nur innerlich, denn nichts an seinem Äußeren verriet seine tiefe Erregung. Dieser Mann war jener Cérizet, von dem Dutocq schon bei den Thuilliers als von seinem Sekretär gesprochen hatte.

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