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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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So heimlich Fräulein Thuillier, die niemandem, nicht einmal ihrem Bruder, etwas von solchen Geldanlagen mitteilte, auch vorging, und obwohl in diesen Summen auch die Ersparnisse aus dem Einkommen der Frau Thuillier mit den ihrigen zusammen enthalten waren, so ließ es sich doch schwer verhüten, daß nicht ein Strahl des Lichtes unter dem Scheffel, der ihren Schatz bedeckte, hervordrang.

Dutocq, der bei Barbet verkehrte, dem er im Charakter und im Aussehen vielfach ähnelte, hatte, zutreffender als Minard, die Ersparnisse der Thuilliers im Jahre 1838 auf hundertfünfzigtausend Franken geschätzt und konnte im geheimen ihr weiteres Anwachsen verfolgen, wenn er die Gewinne berechnete, die sie mit Hilfe des schlauen Geldverleihers Barbet machten.

»Céleste bekommt von uns zweihunderttausend Franken bar,« hatte die alte Jungfer Barbet vertraulich mitgeteilt, »und Frau Thuillier will ihr kontraktlich ihr Vermögen verschreiben und sich nur die Nutznießung vorbehalten. Was mich betrifft, so ist mein Testament gemacht. Mein Bruder behält alles, solange er lebt, und Céleste ist meine Erbin. Herr Cardot, mein Notar, ist mein Testamentsvollstrecker.«

Inzwischen hatte Fräulein Thuillier ihren Bruder veranlaßt, seine alten Beziehungen zu den Saillards, den Baudoyers und den Falleix wieder aufzunehmen, die im Viertel Saint-Antoine, wo Saillard Bürgermeister war, eine den Thuilliers und Minards entsprechende Stellung einnahmen. Der Notar Cardot hatte seinerseits ihnen einen Bewerber in der Person des Advokaten Godeschal, Dervilles Nachfolger, präsentiert, eines tüchtigen Mannes von sechsunddreißig Jahren, der beim Ankauf seiner Stelle hunderttausend Franken angezahlt hatte, und den Rest mit den zweihunderttausend Franken der Mitgift würde begleichen können. Aber Minard bewirkte, daß Godeschal abgelehnt wurde, nachdem er Fräulein Thuillier mitgeteilt hatte, daß Céleste dann zur Schwägerin die berühmte Marietta von der Oper bekommen würde.

»Sie kommt ja von dort her,« sagte Colleville mit einer Anspielung auf seine Frau, »und sie will doch nicht wieder dorthin zurückkehren.«

»Außerdem ist Herr Godeschal zu alt für Céleste«, sagte Brigitte.

»Und dann,« fügte Frau Thuillier schüchtern hinzu, »soll man sie nicht nach ihrem Geschmack wählen lassen, damit sie glücklich wird?«

Die arme Frau hatte gemerkt, daß Felix Phellion Céleste wahrhaft liebte, mit einer Liebe, wie sie eine Frau, die von Brigitte unterdrückt und durch die Gleichgültigkeit Thuilliers, der sich um seine Frau weniger als um ein Dienstmädchen kümmerte, verletzt war, sich erträumte: innerlich voll Mut, schüchtern nach außen hin, selbstsicher und doch furchtsam, vor allen andern zurückhaltend und in allen Himmeln schwelgend. Dreiundzwanzig Jahre alt, war Felix Phellion ein sanfter, harmloser junger Mann, wie die Gelehrten sind, die sich der Wissenschaft um der Wissenschaft willen hingeben. Er war sorgfältig von seinem Vater erzogen worden, der alles ernst nahm und ihm stets ein gutes Vorbild gewesen war, wenn er ihm auch triviale Lehren gab. Er war ein junger mittelgroßer Mann mit hellbraunem Haar, grauen Augen und einem Gesicht voller Sommersprossen; er hatte eine sehr angenehme Stimme, eine ruhige Haltung, bewegte sich wenig, war träumerisch, machte nur sinnvolle Bemerkungen, widersprach niemandem und war vor allem jedes schmutzigen Gedankens und jeder egoistischen Berechnung bar.

»Solch einen Mann hätte ich mir gewünscht!« sagte sich Frau Thuillier oft.

Zu Anfang des Jahres 1840, im Februar, waren im Salon bei den Thuilliers mehrere der eben geschilderten Personen anwesend. Es war gegen Ende des Monats. Barbet und Métivier, die jeder dreißigtausend Franken von Fräulein Brigitte bekommen hatten, spielten mit Minard und Phellion Whist. An einem andern Tisch spielten Julian, der Advokat, welchen Spitznamen Colleville dem jungen Minard gegeben hatte, Frau Colleville, Herr Barniol und Frau Phellion. Eine Bouillotte, den Point zu fünf Sous, machten Frau Minard, die kein anderes Spiel verstand, Colleville, der alte Vater Saillard und sein Schwiegersohn Bandoze. Laudigeois und Dutocq waren Ersatzmänner; die Damen Falleix, Baudoyer, Barniol und Fräulein Minard spielten Boston, und Céleste saß neben Prudence Minard. Der junge Phellion unterhielt sich mit Frau Thuillier und sah Céleste an.

Am Kamin thronte auf einem Sofa die Königin Elisabeth der Familie, ebenso einfach wie seit dreißig Jahren gekleidet, denn kein Reichtum hätte sie ihren Gewohnheiten untreu machen können. Auf ihren chinchillafarbenen Haaren saß eine Haube aus schwarzer Gaze mit Charles X.-Geranien garniert; ihr Kleid aus schleierartigem korinthenfarbigem Stoff hatte fünfzehn Franken gekostet; ihre gestickte Halskrause für sechs Franken verhüllte nur mangelhaft den tiefen Einschnitt, den die beiden Muskeln, die den Kopf mit der Wirbelsäule verbinden, machen. Monvel, wenn er den alten Augustus spielte, zeigte kein so strenges Profil wie das dieser Autokratin, die für ihren Bruder Strümpfe strickte. Vor dem Kamin stand Thuillier, immer auf dem Sprunge, den Neuankommenden entgegenzugehen, und neben ihm befand sich ein junger Mann, dessen Erscheinen großes Aufsehen erregt hatte, als der Portier, der an Sonntagen in seinem besten Anzug als Diener fungierte, Herrn Olivier Vinet anmeldete.

Eine vertrauliche Mitteilung, die Cardot dem berühmten Generalstaatsanwalt, dem Vater dieses jungen Beamten gemacht hatte, war die Veranlassung zu dessen Besuch gewesen. Olivier Vinet war als Staatsanwaltsgehilfe von dem Gericht in Arcis-sur-Aube an das Seinegericht versetzt worden. Der Notar Cardot hatte Thuillier mit dem Generalstaatsanwalt, der Aussicht hatte, Justizminister zu werden, und seinem Sohne zum Essen eingeladen. Cardot schätzte das Vermögen, das Céleste einmal zufallen sollte, augenblicklich auf siebenhunderttausend Franken. Der junge Vinet war entzückt, daß er Sonntags bei Thuilliers erscheinen durfte. Große Mitgiften verführen heutzutage zu großen Gemeinheiten, ohne daß man sich deren schämt.

Zehn Minuten später erhob ein anderer junger Mann, der vor der Ankunft des Staatsanwaltsgehilfen mit Thuillier geplaudert hatte, bei einer erregten politischen Diskussion laut seine Stimme und nötigte den Beamten, infolge der Lebhaftigkeit der Debatte, seinem Beispiele zu folgen. Es war die Rede von einem Beschluß, durch den die Deputiertenkammer soeben das Ministerium des 12. Mai gestürzt hatte, weil sie die für den Herzog von Nemours verlangte Apanage ablehnte.

»Ich bin gewiß weit davon entfernt,« sagte der junge Mann, »zur monarchischen Partei zu gehören, aber ebenso weit davon, den Anspruch der Bourgeoisie auf die Regierung zu billigen. Die Bourgeoisie hat ebensowenig wie früher der Adel das Recht, zu behaupten, daß sie der Staat sei. Aber schließlich hat doch die französische Bourgeoisie eine neue Dynastie geschaffen, ihr Königtum, und jetzt behandelt sie es so! Wenn das Volk den Aufstieg Napoleons zuließ, so hat es mit ihm doch etwas Großartiges, etwas Monumentales geschaffen; es war stolz auf seine Größe und hat edelmütig sein Blut und seinen Schweiß hergegeben, um das Kaiserreich aufzurichten. Neben dem Glanz des aristokratischen Thrones und dem kaiserlichen Purpur, neben den Großen und dem Volke erscheint die Bourgeoisie armselig, sie zieht die Regierungsgewalt zu sich herab, anstatt sich zu ihr hinauf zu erheben. Ihre Kontorsparsamkeit mit Kerzenendchen mutet sie den Prinzen zu. Was in ihrem Laden eine Tugend ist, das ist oben ein Fehler und ein Verbrechen. Ich würde viel für das Volk verlangt haben, aber ich hätte von der neuen Zivilliste nicht zehn Millionen abgestrichen. Nachdem sie in Frankreich fast alles geworden ist, schuldet die Bourgeoisie dem Volke das Glück, sie schuldet ihm Glanz ohne Prunk, Größe ohne Privilegien.«

Der Vater Olivier Vinets war damals schlecht auf die Regierung zu sprechen: Die Amtstracht des Großsiegelbewahrers, die sein Traum war, wollte sich immer noch nicht um seine Schultern legen. Der junge Staatsanwaltsgehilfe wußte daher nicht recht, wie er antworten sollte, und glaubte am besten zu tun, wenn er nur einer Seite der Frage zustimmte.

»Sie haben recht, mein Herr,« sagte Olivier Vinet. »Aber bevor sie sich bereit macht, muß die Bourgeoisie ihre Pflichten gegen Frankreich erfüllen. Der Glanz, von dem Sie sprechen, kommt erst hinter der Pflicht. Was Ihnen so sehr tadelnswert erscheint, entspricht dem Zwange der augenblicklichen Verhältnisse. Die Kammer ist weit davon entfernt, den ihr zukommenden Anteil an den Geschäften gewährt zu erhalten; die Minister dienen weniger Frankreich als der Krone, und die Kammer will, daß das Ministerium wie in England eine selbständige Macht haben soll und nicht nur eine entliehene. An dem Tage, an dem das Ministerium selbständig handeln und als Exekutivgewalt die Kammer repräsentieren wird, wie die Kammer die Repräsentantin des Landes ist, wird sich das Parlament auch sehr freigebig gegen die Krone bezeigen. Hierin liegt der Kernpunkt der Frage; ich erkläre sie bloß, ohne meine persönliche Meinung zu äußern, denn die Pflichten meines Amtes verlangen von mir in politischer Hinsicht eine Art von Lehnstreue gegenüber der Krone.«

»Abgesehen von der politischen Seite der Frage«, erwiderte der junge Mann, dessen Aussprache und Akzent ein Kind der Provence verrieten, »ist es nicht weniger wahr, daß die Bourgeoisie ihre Mission nur mangelhaft begriffen hat; wir sehen Generalstaatsanwälte, erste Gerichtspräsidenten und Pairs von Frankreich im Omnibus fahren, Richter, die von ihrem Gehalt leben, Präfekten ohne Vermögen, Minister, die Schulden haben; wenn die Bourgeoisie solche Stellen besetzt, dann muß sie auch angemessene Gehälter für ihre Inhaber aussetzen, wie das früher die Aristokratie getan hat, damit sie sie nicht dazu benutzen, um sich ein Vermögen zu verschaffen, wie das Skandalprozesse erwiesen haben, sondern um ihr Einkommen auszugeben . . .«

»Wer ist denn dieser junge Mensch?« fragte sich Olivier Vinet als er ihn so reden hörte; »ein Verwandter? Cardot hätte mich eigentlich bei meinem ersten Besuche begleiten können.«

»Wer ist denn dieser kleine Herr?« fragte Minard Herrn Barbet; »ich habe ihn hier schon mehrmals getroffen.«

»Er ist ein Mieter«, erwiderte Métivier, während er Karten gab.

»Es ist ein Advokat«, sagte Barbet leise; »er hat eine kleine Wohnung im dritten Stock vorn heraus . . . Oh, nichts von Bedeutung, er hat nichts.«

»Wie heißt er denn?« sagte Olivier Vinet zu Herrn Thuillier.

»Theodosius de la Peyrade; er ist Advokat«, erwiderte Thuillier leise.

In diesem Moment blickten die Damen wie die Herren auf die beiden jungen Leute, und Frau Minard konnte sich nicht enthalten, zu Colleville zu sagen:

»Der junge Mann sieht recht gut aus.«

»Ich habe schon ein Anagramm auf ihn gemacht«, antwortete Célestes Vater; »sein Name und seine Vornamen bedeuten nichts gutes . . . Deshalb hüten Sie sich, meine liebe Mama Minard, ihm Ihre Tochter zu geben.«

»Man findet diesen jungen Mann hübscher als meinen Sohn«, sagte Frau Phellion zu Frau Colleville; »wie denken Sie darüber?«

»Oh, was das Äußere anlangt,« erwiderte Frau Colleville, »so könnte eine Frau schwanken, bevor sie ihre Wahl träfe.«

Der junge Vinet glaubte jetzt klug zu handeln, wenn er sich, im Hinblick auf diesen Salon voller Kleinbürger, für die Bourgeoisie begeisterte, und er stimmte der Ansicht des jungen provenzalischen Advokaten bei, indem er sagte, daß die mit dem Vertrauen der Regierung beehrten Leute es machen müßten wie der König, dessen Freigebigkeit noch die des früheren Hofes überträfe, und daß Sparen bei den Repräsentationspflichten einer Stellung eine Torheit sei. Und außerdem, wie sei das vor allem in Paris möglich, wo das Leben dreimal so teuer sei und wo zum Beispiel die Wohnung eines Richters dreitausend Franken koste? . . .

»Mein Vater«, schloß er, »gibt mir jährlich tausend Taler und ich kann damit und mit meinem Gehalt kaum meiner Stellung entsprechend leben.«

Als der Staatsanwaltsgehilfe sich auf dieses schlüpfrige Gebiet begab, wechselte der Provenzale, der ihn geschickt dorthin geführt hatte, ohne daß es jemand merkte, einen Blick mit Dutocq, der wieder am Bouillottetisch seinen Platz einnehmen mußte.

»Und es sollen soviele Stellen besetzt werden,« sagte der Gerichtsvollzieher, »daß man davon spricht, es würden in jedem Bezirk zwei Friedensgerichte gebildet werden, damit wir noch zwölf Gerichtsvollzieherstellen mehr bekommen . . . Gerade als ob man unsere Rechte angreifen wolle, wo wir doch unsere Ämter so übermäßig hoch bezahlt haben!«

»Ich hatte noch nicht den Vorzug, Sie vor Gericht plädieren zu hören«, sagte der Staatsanwaltsgehilfe zu Herrn de la Peyrade.

»Ich bin Armenadvokat, ich plädiere nur vor dem Friedensgericht«, erwiderte der Provenzale.

Als sie die Grundsätze des jungen Beamten über die Pflicht, sein Einkommen zu verbrauchen, verkündigen hörte, hatte Fräulein Thuillier ihr feierliches Gesicht, das dem jungen Provenzalen und Dutocq schon bekannt war, aufgesetzt. Der junge Vinet entfernte sich jetzt mit Minard und dem Advokaten Julian, so daß das Schlachtfeld vor dem Kamin dem jungen la Peyrade und Dutocq überlassen blieb.

»Die hohe Bourgeoisie«, sagte Dutocq zu Thuillier, »wird es ebenso machen, wie früher die Aristokratie. Der Adel wollte reiche Mädchen haben, um sein Land zu düngen; unsere heutigen Parvenüs wollen Mitgiften haben, um ihre Schuhe mit Stroh füttern zu können.«

»Dasselbe hat Herr Thuillier heute morgen zu mir gesagt«, erwiderte der Provenzale ungeniert.

»Sein Vater«, bemerkte Dutocq, »hat ein Fräulein de Chargeboeuf geheiratet und sich die Anschauungen des Adels zu eigen gemacht; er will um jeden Preis zu Geld kommen, seine Frau führt einen fürstlichen Haushalt.«

»Ach,« sagte Thuillier, bei dem der Neid der Bourgeois gegen ihresgleichen erwachte, »man braucht diesen Leuten bloß ihr Amt zu nehmen, und sie werden wieder, was sie waren . . .«

Fräulein Thuillier strickte so heftig, als ob sie von einer Dampfmaschine getrieben würde.

»Die Reihe ist an Ihnen, Herr Dutocq«, sagte Frau Minard und stand auf. »Ich habe kalte Füße bekommen«, fügte sie hinzu und stellte sich ans Feuer, wo das Gold ihres Turbans beim Lichte der rosa Kerzen, die vergeblich den riesigen Salon zu erhellen versuchten, wie ein Feuerwerk strahlte. Frau Colleville beobachtete den Provenzalen und verglich ihn mit dem jungen Phellion, der mit Céleste plauderte, ohne sich um das zu kümmern, was um sie herum vorging. Es ist nun sicher an der Zeit, diese eigenartige Persönlichkeit, die eine so wichtige Rolle bei den Thuilliers spielen sollte, zu schildern und die wohl der Darstellung durch die Hand eines großen Künstlers würdig wäre.

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