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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Am Tage nach der Unterhaltung zwischen Corentin, la Peyrade und Cérizet, die die Eröffnung des Belagerungszustandes über die Kandidatur Thuilliers zum Gegenstande hatte, unterhielt sich dieser gerade mit seiner Schwester über den Brief, in dem Theodosius auf Célestes Hand verzichtete, und zeigte sich besonders über die Nachschrift beunruhigt, in der der Provenzale durchblicken ließ, daß er möglicherweise nicht Chefredakteur des »Echo de la Bièvre« bleiben würde. Da erschien der Diener Henri und fragte ihn, ob er Herrn Cérizet empfangen wolle. Thuilliers erster Gedanke war, den unerwarteten Besucher abweisen zu lassen. Als er es aber länger überlegte, dachte er daran, daß bei der Verlegenheit, in die ihn die Androhung la Peyrades in jedem Augenblick bringen konnte, Cérizet ihm eine wertvolle Aushilfe sein könne. Er ließ ihn also hereinführen.

Sein Empfang war trotzdem sehr kühl und gewissermaßen abwartend. Was Cérizet anbelangt, so erschien er durchaus nicht verlegen, sondern wie ein Mann, der sich die Konsequenzen seines Vorgehens wohl überlegt hat.

»Na, mein werter Herr,« sagte er zu Thuillier, »fangen Sie nun an, sich über den edlen la Peyrade etwas klarer zu werden?«

»Was verstehen Sie darunter?« fragte der alte »Beau«.

»Daß Sie einem Manne,« antwortete Cérizet, »der, nachdem er solche Intrigen gesponnen hat, um Ihr Mündel zu heiraten, nun brüsk damit bricht, ebenso wie er eines schönen Tages den leoninischen Vertrag in bezug auf seine Chefredakteurstelle, dessen Unterschrift er Ihnen abgenötigt hat, brechen wird, nicht ein so blindes Vertrauen schenken dürfen, wie Sie es bisher getan haben.«

»Sie haben mir also«, sagte Thuillier eifrig, »Mitteilungen zu machen, die sich darauf beziehen, daß la Peyrade eventuell nicht mehr bei meiner Zeitung bleiben will?«

»Nein,« sagte der Armenbankier; »bei dem Verhältnis, in dem ich zu ihm stehe, werden Sie begreifen, daß ich ihn nicht gesehen und noch weniger von ihm vertrauliche Nachrichten erhalten habe. Aber für meine Schlußfolgerungen brauche ich mich nur auf den wohlbekannten Charakter dieses Menschen zu beziehen, und Sie können überzeugt sein, daß er an dem Tage, wo er seinen Vorteil darin sehen wird, Sie zu verlassen, Sie wie einen alten Überzieher wegwerfen wird; ich habe das schon selbst erlebt und spreche aus Erfahrung.«

»Haben Sie denn mit ihm schon Streit gehabt, bevor Sie verantwortlicher Redakteur wurden?«

»Das weiß der Himmel!« entgegnete Cérizet; »bei der Sache mit dem Hause, das er Ihnen verschafft hat, war ich es, der den Hasen aufgespürt hatte. Er sollte mich in Verbindung mit Ihnen bringen und mir die Gesamtmiete des Grundstücks verschaffen; als aber die unglückselige Geschichte mit dem Höherbieten dazwischen kam, hat er das benutzt, um mich beiseite zu schieben und den Gewinn aus diesem Unternehmen für sich zu behalten.«

»Den Gewinn?« bemerkte Thuillier, »ich vermag nicht einzusehen, daß der für ihn sehr erheblich gewesen ist, und abgesehen von der Heirat, auf die er heute ja selbst verzichtet . . .«

»Wie?« unterbrach ihn der Wucherer, »zuerst zehntausend Franken, die er Ihnen abgenommen hat unter dem Vorwande, Ihnen den Orden zu verschaffen, auf den Sie heute noch warten; dann die fünfundzwanzigtausend Franken, die er der Frau Lambert schuldete, für die Sie gebürgt haben und die Sie sehr wohl mal ohne Widerrede zu bezahlen haben dürften.«

»Was muß ich da hören?!« rief Brigitte und fuhr in die Höhe, »du hast für fünfundzwanzigtausend Franken Bürgschaft übernommen?«

»Jawohl, mein Fräulein,« entgegnete Cérizet; »hinter dieser Summe, die ihm dieses Weib ebensowenig geliehen hat wie ich, steckt ein Geheimnis, und wenn ich recht berichtet bin, liegt da irgendeine sehr schmutzige Geschichte zugrunde. Aber la Peyrade hat so geschickt operiert, daß er sich vor Ihrem Herrn Bruder weißwaschen und als einen verkannten und unentbehrlichen Menschen hinstellen konnte . . .«

»Aber«, unterbrach ihn Thuillier, »woher wissen Sie denn, daß ich für Herrn de la Peyrade gebürgt habe, wenn Sie ihn seit damals nicht mehr gesehen haben?«

»Von dieser Wirtschafterin, mein Herr, die allen Leuten erzählt, daß sie jetzt ihr Geld sicher wiederbekommen wird.«

»Na,« sagte Brigitte zu ihrem Bruder, »du machst ja nette Sachen!«

»Mein Fräulein,« erwiderte Cérizet, »ich habe Herrn Thuillier nur einen kleinen Schreck einjagen wollen, in Wahrheit aber denke ich, daß Sie nichts verlieren werden. Wenn ich auch nicht genau weiß, was für eine Heirat la Peyrade macht, so glaube ich doch kaum, daß die Familie ihn unter dem Druck zweier so schimpflicher Schuldposten lassen wird, und wenn es nötig sein sollte, werde ich mich deshalb ins Mittel legen.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte Thuillier, »für Ihr bereitwilliges Eintreten; aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich etwas überrascht davon bin, denn die Art, in der wir uns getrennt haben, konnte mich das nicht erwarten lassen.«

»Ach,« sagte Cérizet, »denken Sie vielleicht, daß ich Ihnen deshalb böse war? Ich habe Sie nur bedauert, das ist alles; ich sah, daß Sie in seinem Banne waren und sagte mir, daß Sie den la Peyrade erst mal auf die Probe stellen sollten, aber ich wußte, daß der Tag bald kommen würde, wo Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen müßten. Bei diesem Herrn lassen die Schlechtigkeiten niemals lange auf sich warten.«

»Gestatten Sie,« sagte Thuillier, »in dem Aufgeben der Heiratspläne vermag ich eine solche Schlechtigkeit nicht zu erblicken; die Sache hat sich gewissermaßen durch gütliche Vereinbarung erledigt.«

»Und die Verlegenheit, in die er Sie bringen will,« entgegnete Cérizet, »wenn er jetzt plötzlich seine Chefredakteurstellung verläßt, und die Schuld, die er Ihnen aufgeladen hat, halten Sie das auch für eine Freundlichkeit?«

»Herr Cérizet,« sagte Thuillier noch immer zurückhaltend, »ich habe einmal zu la Peyrade gesagt, daß es keinen unersetzlichen Menschen gibt, und wenn die Chefredaktion meiner Zeitung vakant werden sollte, so bin ich überzeugt, daß mir sofort sehr viele schleunigst ihre Dienste anbieten werden.«

»Soll das für mich gesagt sein?« fragte Cérizet; »da kämen Sie an den Unrechten, denn wenn Sie mir die Ehre erweisen wollten, meine Mitarbeit zu wünschen, so wäre es mir unmöglich, darauf einzugehen. Der Journalismus ist mir schon seit langem verleidet; ich weiß nicht, wie ich mich von la Peyrade beschwatzen lassen konnte, es mit Ihnen noch einmal zu wagen, aber diese letzte Erfahrung ist ja auch keine angenehme gewesen, und ich habe mir gelobt, daß man mich niemals wieder dazu bringen würde; ich bin auch wegen einer ganz anderen Angelegenheit als einer Pressesache zu Ihnen gekommen.«

»Ah«, ließ sich Thuillier vernehmen.

»Ja,« begann Cérizet wieder; »da ich mich daran erinnerte, wie glatt Sie das Geschäft mit dem Hause, bei welcher Gelegenheit ich die Ehre hatte, von Ihnen empfangen zu werden, erledigt haben, so dachte ich, daß ich mich bei einer ähnlichen Sache, die ich augenblicklich an der Hand habe, an niemanden besser wenden könnte als an Sie. Aber ich pflege nicht so zu handeln wie la Peyrade. Ich werde Ihnen nicht erzählen, daß ich Ihr Mündel heiraten will, und daß ich das, was ich mache, aus Freundschaft und Ergebenheit für Sie tue. Es ist ein Geschäft, und zuerst will ich mir meinen Gewinnanteil sichern; dann glaube ich, daß das Fräulein die Verwaltung eines solchen Grundstücks als etwas recht Schwieriges erkannt haben wird, denn ich habe eben gesehen, daß alle Ihre Läden noch leer stehen. Nun, wenn sie dem Gedanken an eine Gesamtvermietung, den la Peyrade damals unterdrückt hat, nähertreten wollte, so könnte das bei unserer Gewinnverteilung in Rechnung gestellt werden. Das war der Anlaß für meinen Besuch, mein Herr; Sie sehen, daß die Zeitungsangelegenheit nicht das geringste damit zu tun hat.«

»Aber zunächst muß man doch wissen,« sagte Brigitte, »was das für ein Geschäft ist.«

»Es ist«, antwortete Cérizet, »gerade das Gegenteil dessen, das Sie mit la Peyrade gemacht haben. Sie haben dieses Haus beinahe umsonst bekommen, aber Sie sind durch den Höherbietungstermin beunruhigt worden. Heute handelt es sich nun um ein Pachtgut in der Beauce, das soeben für ein Butterbrot verkauft worden ist, und das Sie bei einer geringen Preiserhöhung unter fabelhaft günstigen Bedingungen an sich bringen könnten.«

Und Cérizet setzte ihnen auseinander, in welcher Weise vorzugehen sei, und zwar mit allen Einzelheiten, auf die einzugehen der Leser uns erlassen wird, zumal ihn das allem Anschein nach weniger interessieren dürfte als Brigitte. Die Auseinandersetzung war recht klar und deutlich, sie machte einen sehr starken Eindruck auf die alte Jungfer; und selbst Thuillier mußte, trotz seines vorsichtigen Mißtrauens, zugestehen, daß das vorgeschlagene Geschäft anscheinend eine sehr gute Spekulation war.

»Nur muß man sich die Sache erst ansehen«, sagte Brigitte.

Man wird sich erinnern, daß sie auch bei dem Hausgeschäft la Peyrade gegenüber sich auf nichts einlassen wollte, bevor sie nicht an Ort und Stelle gewesen war.

»Nichts leichter als das,« sagte Cérizet, »ich selbst muß mich auch von der Sache, falls wir gemeinsam darauf eingehen wollen, überzeugen; ich hatte die Absicht, in diesen Tagen einen kleinen Ausflug dorthin zu machen; wenn Sie wollen, fahre ich sofort mit einem Postwagen bei Ihnen vor; morgen ganz früh sind wir dort, sehen es uns an, frühstücken und können morgen abend zur Essenszeit wieder hier sein.«

»Aber die Post,« sagte Brigitte, »das ist etwas für die Grandseigneurs; mir scheint, daß die Diligence . . .«

»Mit den Diligencen,« antwortete Cérizet, »da weiß man niemals, wann man ankommt; wegen der Ausgabe brauchen Sie sich übrigens nicht zu beunruhigen; ich hätte die Reise ja auch ohne Sie gemacht; ich stelle Ihnen also zwei Plätze in meinem Wagen zur Verfügung. Kommt die Sache zustande und setzen wir unsere Anteile fest, so können wir ja dann die Kosten teilen.«

Für Geizhälse geben kleine Vorteile häufig bei großen Geschäften den Ausschlag; nachdem sie pro forma sich ein wenig gesträubt hatte, nahm Brigitte schließlich den Vorschlag an, und noch am selben Tage fuhren die drei Geschäftsteilhaber nach Chartres. Cérizet hatte Thuillier verpflichtet, la Peyrade nichts von dieser Reise zu sagen, damit der Provenzale nicht auf den Gedanken käme, ihm während der kurzen Abwesenheit einen hinterlistigen Streich zu spielen.

Am andern Tage war das Trio gegen fünf Uhr abends wieder zurückgekehrt; Bruder und Schwester, die sich in Cérizets Gegenwart ihre Eindrücke nicht ungeniert hatten mitteilen können, waren beide der Ansicht, daß es ein ausgezeichnetes Geschäft sei. Sie hatten sich überzeugt, daß es Boden erster Klasse war, die Wirtschaftsgebäude waren in untadelhaftem Zustande, lebendes und totes Inventar machten einen sehr guten Eindruck; und ein Landgut zu haben, das gab in Brigittes Augen dem Reichtum erst die letzte Weihe.

»Minard«, sagte sie, »hat nur ein Stadthaus und Geld, wir aber werden ein Gut haben, Grundbesitz; ohne solchen kann man nicht für reich angesehen werden.«

Thuillier stand nicht so sehr im Banne dieses Hoffnungstraums, dessen Erfüllung übrigens noch in ziemlich weiter Ferne lag, daß er deshalb seine Wahl und seine Zeitung aus den Augen verloren hätte. Das erste, was er tat, war daher, nach der Nummer zu fragen, die am Morgen erschienen war.

»Es ist keine gekommen,« antwortete der Diener.

»Das ist ja eine nette Wirtschaft!« sagte Thuillier ärgerlich, »nicht einmal der Besitzer der Zeitung wird ordentlich bedient!«

Und obgleich die Essenszeit heranrückte und er nach der Reise viel lieber ein Bad genommen hätte, als nach der Rue d'Enfer zu eilen, nahm Thuillier einen Wagen und fuhr auf die Redaktion des »Echos«.

Hier neue Enttäuschung: die Redaktion war geschlossen, alle Angestellten fort, ebenso la Peyrade; und was Coffinet anbelangt, der, wenn auch nicht im Bureau, so doch wenigstens als Portier auf seinem Posten hätte sein müssen, so war er, wie seine Frau sagte, »Besorgungen machen gegangen« und hatte den Schlüssel zu dem Schrank, in dem die Zeitungsnummern aufbewahrt wurden, mitgenommen. Es war für den unglückseligen Eigentümer also ausgeschlossen, sich die Nummer zu verschaffen, wegen der er einen so weiten Weg gemacht hatte.

Es ist unmöglich, sich Thuilliers Entrüstung vorzustellen: mit großen Schritten ging er im Redaktionsbureau auf und ab und rief, laut mit sich selbst sprechend, wie man es in so erregter Situation zu tun pflegt:

»Ich werde sie alle rausschmeißen!«

Wir sind genötigt, den scharfen Ausdruck, den er gebrauchte, etwas abzuschwächen.

Als er diese Verwünschung ausgestoßen hatte, wurde an die Tür des Zimmers geklopft.

»Herein!« rief Thuillier mit einem Ton, in dem Zorn und Ungeduld durchklangen.

Der jetzt hereintrat, war Minard, der ihm um den Hals fiel.

»Mein lieber, edler Freund!« sagte der Bürgermeister des elften Bezirks und ließ seiner Umarmung einen warmen Händedruck folgen.

»Was ist denn? Was gibt es denn?« entgegnete Thuillier, der aus diesen heißen Freundschaftsbezeigungen durchaus nicht klug werden konnte.

»Oh, mein Lieber,« fuhr Minard fort, »Ihr Verhalten ist bewunderungswürdig, man kann nicht ritterlicher, nicht uneigennütziger handeln! Es hat auch ungeheuren Eindruck in unserm Bezirk gemacht.«

»Aber was denn nun eigentlich?« rief Thuillier ungeduldig.

»Der Artikel, der Schritt,« erklärte Minard weiter, »alles ist so vornehm, so erhaben!«

»Aber was denn für ein Artikel, für ein Schritt«, sagte der Besitzer des »Echos«, ganz außer sich geratend.

»Der Artikel von heute morgen«, antwortete Minard.

»Der Artikel von heute morgen?«

»Aber haben Sie ihn denn im Schlaf geschrieben, haben Sie so heroisch gehandelt, ohne es zu wissen?«

»Ich? Ich habe überhaupt keinen Artikel geschrieben,« rief Thuillier, »ich war seit gestern von Paris abwesend und weiß nicht einmal, was in der Morgenzeitung gestanden hat; hier ist nicht mal ein Bureaudiener, der mir eine Nummer geben kann.«

»Ich habe sie hier«, sagte Minard und zog die so heiß ersehnte Nummer aus der Tasche; »wenn Sie den Artikel auch nicht verfaßt haben sollten, so haben Sie ihn doch wenigstens inspiriert, und jedenfalls steht er da.«

Thuillier stürzte sich auf das Blatt, das ihm Minard gereicht hatte, und verschlang mehr, als daß er ihn las, folgenden Artikel:

»Lange genug hat der Besitzer dieser wiederauferstandenen Zeitung, ohne sich zu beklagen und ohne darauf zu antworten, die feigen Insinuationen ertragen, mit denen eine käufliche Presse jeden Bürger überhäuft, der, unerschütterlich in seinen Überzeugungen, sich nicht unter das kaudinische Joch der Regierung beugen will. Lange genug hat sich ein Mann, der für seine Hingebung und Selbstverleugnung in seiner wichtigen Tätigkeit bei der Pariser Verwaltung Beweise gegeben hat, sagen lassen, daß er nur ein Ehrgeiziger und ein Intrigant sei. Herr Jérôme Thuillier hat von der Höhe seiner Würde mit Verachtung auf diese plumpen Beleidigungen herabgesehen; ermutigt durch sein verächtliches Schweigen haben bezahlte Schreiber erklären dürfen, daß seine Zeitung, die aus Überzeugung und aus uneigennützigstem Patriotismus geschaffen worden war, nur als Fußschemel der Spekulation auf ein Deputiertenmandat dienen sollte. Herr Jérôme Thuillier hat sich diesen Anwürfen gegenüber schweigend verhalten, weil die Gerechtigkeit und die Wahrheit geduldig sind, und weil er das Reptil mit einem einzigen Fußtritt zertreten wollte. Der Tag für diese Exekution ist jetzt gekommen.«

»Verdammter Kerl, dieser la Peyrade!« sagte Thuillier, bei diesem Satze verweilend; »wie glänzend das gesagt ist!«

»Großartig!« rief Minard.

Dann fuhr Thuillier laut fort:

»Jedermann, Freunde wie Feinde, werden Herrn Jérôme Thuillier das Zeugnis ausstellen, daß er nichts getan hat, um einer Kandidatur nachzulaufen, die ihm von selbst angeboten wurde.«

»Das ist klar«, unterbrach sich Thuillier wieder. Dann las er weiter:

»Aber da seine Anschauungen so gehässig gefälscht und seine Absichten so unwürdig entstellt worden sind, ist es Herr Jérôme Thuillier sich selbst und vor allem der großen nationalen Partei, in der er als bescheidener Soldat mitkämpft, schuldig, ein Exempel zu statuieren, das die elenden Sykophanten der Regierung vernichtet.«

»La Peyrade schilderte mich wirklich sehr gut«, unterbrach Thuillier nochmals seine Lektüre, »ich begreife jetzt, warum er verboten hat, mir die Zeitung zu schicken, er wollte sich über meine Überraschung freuen . . . Das die elenden Sykophanten der Regierung vernichtet«, wiederholte er nach dieser Bemerkung nochmals.

»Herr Thuillier hatte bei der Gründung dieses Oppositionsorgans so wenig die Absicht, seine Kandidatur aufzustellen und aufrecht zu erhalten, daß er gerade jetzt, wo seine Wahl die besten und für seine Rivalen vernichtendsten Chancen hat, hier öffentlich in feierlichster, unbedingtester und unwiderruflichster Form erklärt, daß er auf seine Kandidatur verzichtet . . .«

»Was, was?« rief Thuillier, der falsch gelesen oder falsch verstanden zu haben glaubte.

Da Thuillier, ganz verstört, nicht imstande zu sein schien, fortzufahren, nahm ihm Minard das Blatt aus der Hand und las an seiner Statt weiter:

»Auf seine Kandidatur verzichtet und die Wähler ersucht, alle Stimmen, die sie ihm ehrender Weise zugedacht hatten, auf Herrn Minard, den Bürgermeister des elften Bezirks, seinem Freund und Kollegen in der städtischen Verwaltung zu vereinigen.«

»Aber das ist ja eine Gemeinheit!« rief Thuillier, nachdem er seine Sprache wiedergefunden hatte, »Sie haben sich diesen Jesuiten, diesen la Peyrade gekauft . . .«

»Also,« sagte Minard, über Thuilliers Haltung verblüfft, »er hatte diesen Artikel mit Ihnen gar nicht vereinbart?«

»Der Elende hat meine Abwesenheit benutzt, um ihn in die Zeitung einzuschmuggeln; jetzt kann ich mir auch erklären, warum er verhindert hat, daß mir die Nummer zugeschickt wurde.«

»Was Sie da behaupten, mein Lieber,« sagte Minard, »wird aber allen Leuten sehr wenig glaubhaft erscheinen.«

»Aber ich erkläre Ihnen, daß es ein Verrat, eine abscheuliche Hinterlist ist . . . Ich auf meine Kandidatur verzichten! Warum sollte ich denn verzichten?«

»Sie werden begreifen, mein Lieber,« sagte Minard, »daß ich es zwar sehr bedaure, wenn hier ein Vertrauensbruch vorliegt, aber ich habe nun mein Wahlzirkular losgelassen, und wahrhaftig jetzt heißt es: wer das Glück hat, führt die Braut heim!«

»Lassen Sie mich in Ruhe!« sagte Thuillier, »das ist doch eine von Ihnen bezahlte Komödie!«

»Herr Thuillier,« rief Minard jetzt drohend, »ich warne Sie, das noch einmal zu wiederholen, wenn Sie nicht bereit sind, mir Rechenschaft zu geben!«

Zu seinem Glück wurde Thuillier, der ja schon vorher sein Glaubensbekenntnis in bezug auf seine Zivilcourage abgelegt hatte, durch Coffinet verhindert zu antworten; denn der Bureaudiener öffnete die Tür und meldete:

»Die Herren Wähler des zwölften Bezirks.«

Der Bezirk wurde von fünf Personen repräsentiert. Ein Apotheker, der Vorsitzende der Deputation richtete an Thuillier folgende Ansprache:

»Wir sind hergekommen, mein Herr, nachdem wir von dem Artikel, der heute früh im ›Echo de la Bièvre‹ erschienen ist, Kenntnis erhalten hatten, um Sie zu fragen, was in Wahrheit die Veranlassung und die Bedeutung dieses Artikels sind, denn wir finden es unerhört, daß Sie, nachdem Sie zuerst um unsere Stimmen geworben haben, jetzt, unmittelbar vor der Wahl, in übel angebrachtem Puritanismus Unordnung und Verwirrung in unsere Reihen bringen und dadurch wahrscheinlich den Sieg des Regierungskandidaten sichern. Ein Kandidat gehört nicht mehr sich selbst, er gehört seinen Wählern, die versprochen haben, ihn durch ihre Stimmen auszuzeichnen. Übrigens,« fuhr der Redner fort und warf einen Blick auf Minard, »›die Anwesenheit‹ des Kandidaten, den Sie uns zu empfehlen sich bemühen, beweist, daß Sie mit ihm unter einer Decke stecken, und ich brauche nicht zu fragen, wer hier getäuscht werden soll.«

»Aber nein, meine Herren,« sagte Thuillier, »ich verzichte nicht auf meine Kandidatur. Der Artikel ist ohne mein Wissen geschrieben und gedruckt worden. Morgen werden Sie in der Zeitung selbst das Dementi lesen und gleichzeitig erfahren, daß der Niederträchtige, der mein Vertrauen getäuscht hat, nicht mehr Mitglied der Redaktion ist.«

»Sie bleiben also,« sagte der Sprecher, »trotz Ihrer gegenteiligen Erklärung der Kandidat der Opposition?«

»Jawohl, meine Herren, bis zu meinem Tode, und ich bitte Sie, Ihren ganzen Einfluß in dem Bezirk aufzubieten, damit der Wirkung dieser Hinterlist in meinem Namen entgegengetreten wird, bis ich selbst offiziell den formellen Widerruf veröffentlicht haben werde.«

»Hört, hört!« riefen die Wähler.

»Und was Herrn Minards, meines Mitbewerbers, ›Anwesenheit hier‹ anlangt, so habe ich sie nicht veranlaßt; ich hatte sogar, gerade als Sie eintraten, eine sehr lebhafte Auseinandersetzung mit ihm.«

»Hört, hört!« riefen die Wähler wieder.

Und nachdem er dem Apotheker herzlich die Hand gedrückt hatte, begleitete Thuillier die Deputation hinaus.

Als er wieder in das Redaktionszimmer zurückgekehrt war, sagte er:

»Mein lieber Minard, ich nehme das Wort, das Sie verletzt hat, zurück, aber Sie werden sich jetzt überzeugt haben, daß meine Entrüstung nicht gespielt war.«

Jetzt öffnete Coffinet nochmals die Tür und meldete:

»Die Herrn Wähler des elften Bezirks.«

Diesmal wurde der Bezirk durch sieben Personen repräsentiert. Der Vorsitzende der Deputation, ein Strumpfwarenhändler, richtete folgenden kleinen Speech an Thuillier:

»Mein Herr, mit aufrichtiger Bewunderung haben wir heute morgen aus Ihrer Zeitung von Ihrer hervorragenden Bürgertat gehört, die uns alle tief gerührt hat. Durch Ihren Verzicht liefern Sie den Beweis einer ungewöhnlichen Uneigennützigkeit, und die Achtung Ihrer Mitbürger . . .«

»Erlauben Sie,« unterbrach ihn Thuillier, »ich darf Sie nicht fortfahren lassen; der Artikel zu dem Sie mich freundlichst beglückwünschen, ist durch ein Versehen in die Zeitung gekommen.«

»Wie?« sagte der Strumpfwarenhändler, »Sie verzichten nicht? Und Sie können glauben, daß neben der Kandidatur des Herrn Minard, dessen ›Anwesenheit hier‹ mir ziemlich merkwürdig vorkommt, Ihr Beharren irgendeine Aussicht auf Erfolg hat?«

»Mein Herr,« entgegnete Thuillier, »wollen Sie gefälligst die Herren Wähler ersuchen, die morgige Nummer der Zeitung abzuwarten, ich werde darin die bündigsten Erklärungen abgeben. Der heutige Artikel beruht auf einem Mißverständnis.«

»Um so schlimmer für Sie,« sagte der Strumpfwarenhändler, »wenn Sie sich dadurch die Gelegenheit entgehen lassen, in der Schätzung Ihrer Mitbürger einen Platz an der Seite Washingtons und anderer großer Männer des Altertums einzunehmen!«

»Also bis morgen, meine Herren,« sagte Thuillier; »ich fühle mich darum nicht weniger durch Ihren Besuch geehrt, und wenn Sie erst die ganze Wahrheit kennen werden, dann werden Sie hoffentlich finden, daß ich mir Ihre Achtung nicht verscherzt habe.«

»Die ganze Geschichte kommt mir ziemlich unklar vor«, sagte einer der Wähler laut.

»Jawohl,« sagte ein anderer, »das sieht beinahe so aus, als ob man uns an der Nase herumführt.«

»Meine Herren, meine Herren!« sagte der Vorsitzende, der Deputation Halt gebietend, »warten Sie bis morgen, da werden wir ja die Erklärungen des Kandidaten lesen.«

Damit zog sich die Deputation zurück.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß Thuillier sie bis hinaus begleitet hätte; jedenfalls aber wurde er daran durch la Peyrade gehindert, der jetzt hereintrat.

»Ich komme eben von dir, mein Lieber«, sagte der Provenzale; »man sagte mir, daß ich dich hier finden würde.«

»Sie sind jedenfalls mit der Absicht hergekommen, mir Erklärungen über den merkwürdigen Artikel abzugeben, den Sie sich erlaubt haben, in meinem Namen einrücken zu lassen?«

»Gerade deshalb,« sagte la Peyrade. »Der Mann, den Sie kennen, und dessen mächtigen Einfluß Sie schon verspürt haben, hat mir gestern die Ansicht der Regierung über Sie vertraulich mitgeteilt, und ich überzeugte mich, daß Sie unvermeidlich unterliegen müssen. Ich wollte Ihnen daher einen würdigen und ehrenvollen Rückzug sichern.«

»Sehr schön, mein Herr,« erwiderte Thuillier, »aber Sie wissen doch wohl, daß Sie von heute ab nicht mehr Mitglied der Redaktion dieses Blattes sind?«

»Ich wollte Ihnen das selbst ankündigen.«

»Und dabei doch gewiß auch die kleine Verrechnung zwischen uns regeln?«

»Meine Herren,« sagte Minard, »ich sehe, daß Sie geschäftlich miteinander zu tun haben und empfehle mich Ihnen.«

Sobald Minard sich entfernt hatte, sagte la Peyrade: »Hier sind zehntausend Franken, die ich Sie bitte, Fräulein Brigitte zuzustellen; ferner das Schriftstück, in dem Sie für die von mir der Frau Lambert geschuldeten fünfundzwanzigtausend Franken die Bürgschaft übernahmen, und ihre Quittung, daß sie bezahlt ist.«

»Es ist gut, mein Herr . . .« sagte Thuillier.

La Peyrade grüßte und entfernte sich.

»Schlange!« sagte Thuillier, ihm nachblickend.

»Cérizet hat das richtige Wort für ihn gefunden«, sagte la Peyrade: »ein aufgeblasener Narr!«

Der Schlag war für die Kandidatur Thuilliers tödlich, aber Minard hatte keinen Vorteil davon. Während sie sich um die Stimmen der Wähler stritten, tauchte ein Hofmann, ein Adjutant des Königs, auf, der mit Tabakbureaus und anderem Wahl-Kleingeld um sich warf und als dritter Spitzbube zwischen den beiden Kandidaten, die sich miteinander herumschlugen, ans Ziel gelangte.

Brigitte bekam natürlich niemals ihr Landgut in der Beauce: es war nur eine Vorspiegelung gewesen, mit deren Hilfe Thuillier von Paris fortgelockt werden sollte, damit la Peyrade seinen Streich ausführen konnte. Außer dem der Regierung geleisteten Dienst war das gleichzeitig die Rache für alle Demütigungen, die der Provenzale erduldet hatte.

Thuillier hatte wohl einigen Verdacht, daß Cérizet mit im Spiel gesteckt hätte, aber dieser verstand sich zu rechtfertigen, und indem er den Verkauf des »Echos de la Bièvre« vermittelte, das zu einem Albdruck für seinen unglückseligen Besitzer geworden war, konnte er sich vollkommen reinwaschen.

Das elende Oppositions-Blättchen wurde auf Veranlassung Corentins angekauft und zu einem Flugblatt gemacht, das Sonntags in den Kneipen verkauft wurde, nachdem es in der »Höhle« der Polizei hergestellt worden war.

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