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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Als die beiden Brautleute allein waren, zog la Peyrade einen Sessel für Céleste heran, nahm sich selbst einen Stuhl und sagte:

»Mein Fräulein, Sie werden mir, wie ich zu glauben wage, die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich Sie mit dem Ausdruck meiner Gefühle nicht gelangweilt habe. Ich weiß von Ihrer Herzensneigung und gleichzeitig von Ihren Gewissensbedenken; ich hoffte, daß ich schließlich, indem ich mich recht klein machte, zwischen diesen entgegengesetzten Strömungen hindurchschlüpfen könnte; aber auf dem Punkte, auf dem wir jetzt angelangt sind, glaube ich weder indiskret noch ungeduldig zu erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir mitzuteilen, welchen Entschluß Sie gefaßt haben.«

»Oh, mein Gott,« erwiderte Céleste, »da Sie mich mit solcher Güte und Freimütigkeit fragen, mein Herr, so will ich Ihnen sagen, was Sie ja auch schon wissen, daß, da ich mit Herrn Felix Phellion zusammen aufgewachsen bin und ihn weit länger kenne als Sie, der Gedanke an eine Heirat, der ja für ein junges Mädchen immer etwas Beunruhigendes hat, mit ihm mich weniger als mit jedem andern erschreckt hat.«

»Seinerzeit«, bemerkte Theodosius, »war es Ihnen aber doch gestattet, Ihre Wahl auf ihn zu lenken . . .«

»Gewiß, aber damals bestand zwischen uns ein Zwiespalt in bezug auf das religiöse Denken.«

»Und heute ist dieser Zwiespalt nicht mehr vorhanden?«

»Fast gar nicht mehr«, sagte Céleste. »Ich bin in die Lage versetzt worden, meine Ansicht derjenigen besser unterrichteter und erleuchteter Personen als ich unterzuordnen, und Sie selbst haben ja gestern mit angehört, in welcher Weise sich der Herr Abbé Gondrin darüber ausgesprochen hat.«

»Es sei fern von mir,« entgegnete der Provenzale, »das Urteil eines so hervorragenden Richters anfechten zu wollen. Gleichwohl erlaube ich mir zu bemerken, daß es unter den Mitgliedern des Klerus verschiedene Schattierungen gibt: die einen gelten als zu streng, die andern als zu nachsichtig. Der Herr Abbé Gondrin ist mehr Prediger als Kasuistiker.«

»Aber Herr Felix«, sagte Céleste lebhaft, »scheint doch den Hoffnungen des Herrn Vikars durchaus entsprechen zu wollen, denn ich weiß, daß er ihn heute früh aufgesucht hat.«

»Also«, sagte la Peyrade ein wenig ironisch, »hat er schließlich doch den Pater Anselm aufgesucht? Aber zugegeben, daß Herr Phellion in seinen religiösen Grundsätzen Ihnen bald die gewünschte Gewähr bieten könnte, haben Sie auch, mein Fräulein, das große Ereignis, das eben in sein Leben eingegriffen hat, in Betracht gezogen?«

»Gewiß; aber das scheint mir doch kein Anlaß zu sein, schlechter über ihn zu denken.«

»Nein, aber es kann ihm Veranlassung geben, selbst besser über sich zu denken. Ich befürchte für Sie, daß seine Bescheidenheit, seine Anspruchslosigkeit, die seinem Wesen einen besonderen Reiz verliehen haben, einem Selbstvertrauen und einer Selbstzufriedenheit, der Entwicklung einer ausgesprochenen Persönlichkeit weichen werden, die die Quelle seiner zärtlichen Gefühle trüben und erschöpfen könnten; und das werden Sie sich nicht verhehlen dürfen, mein Fräulein, daß, wer eine neue Welt entdeckt hat, auch noch eine zweite wird entdecken wollen: wollen Sie mit dem Firmament rivalisieren?«

»Sie führen Ihre Sache sehr geistvoll,« sagte Céleste lächelnd, »und ich glaube, daß Sie als Advokat ein ebenso beunruhigender Gatte sein werden wie Herr Phellion als Astronom.«

»Um aber ernsthaft zu sprechen, mein Fräulein,« begann der Provenzale wieder, »ich glaube, daß Sie ein vortreffliches Herz haben und der zartesten Empfindungen fähig sind: wissen Sie auch, was Herrn Phellion zuteil geworden ist? Bei seiner Aufopferung für seinen alten Lehrer hat er keinen Schaden erlitten; sein frommer Betrug ist schon bekannt geworden, ebenso, daß er der rechtmäßige Entdecker ist, und wenn ich Minard, den ich eben getroffen habe, Glauben schenken darf, wird er sofort zum Ritter der Ehrenlegion ernannt und sehr bald zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften gewählt werden. Wäre ich eine Frau, so würde ich, das muß ich Ihnen gestehen, es nicht gern sehen, wenn gerade in dem Augenblick, wo ich einen Mann wieder zu Gnaden aufnehme, sich ein solcher Glücksstrom über ihn ergießt; ich würde fürchten, daß die öffentliche Meinung mir vorwerfen könnte, ich tue das, weil ich mich an dem Kultus der aufsteigenden Sonne beteiligen will.«

»Oh, mein Herr!« entgegnete Céleste lebhaft, »Sie werden mich eines so niedrigen Gefühls doch nicht für fähig halten.«

»Ich nicht,« sagte der Provenzale, »ich habe ja auch eben erst das Gegenteil behauptet; aber die Welt urteilt so voreilig, sie ist so ungerecht und zugleich so ganz in Vorurteilen befangen!«

Als er bemerkte, daß er das junge Mädchen, das nichts erwiderte, in Verwirrung versetzt hatte, fuhr la Peyrade fort:

»Um nun von einer viel ernsteren Seite Ihrer Lage zu sprechen, von etwas, was nicht nur eine rein persönliche Angelegenheit ist, die Sie, sozusagen, mit sich selbst abmachen müssen – wissen Sie, daß Sie in diesem Augenblick, ohne es zu wollen, die Ursache der traurigsten und bedauernswertesten Szene in diesem Hause geworden sind?«

»Ich, mein Herr?« sagte Céleste, halb erstaunt, halb erschreckt.

»Jawohl; Sie haben aus Ihrer Patin, infolge ihrer außergewöhnlichen Liebe zu Ihnen, eine ganz neue Frau gemacht. Zum erstenmal in ihrem Leben hat sie einen eigenen Gedanken gehabt. Und mit dieser Willenskraft, die sich bei ihr um so stärker geltend macht, je weniger davon bisher überhaupt verbraucht wurde, hat sie erklärt, daß sie Ihnen nicht die geringste Mitgift geben wolle, und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, an wessen Adresse sich diese unerwartete Ablehnung richtet.«

»Ich bitte Sie, mein Herr, mir zu glauben, daß ich dieser Absicht meiner Patin vollständig fern stehe.«

»Ich weiß das wohl,« sagte la Peyrade, »und es wäre ja auch kein großes Unglück, wenn nicht Fräulein Brigitte diese Stellungnahme ihrer Schwägerin, die sie immer ihren Wünschen gegenüber gefügig und gehorsam gefunden hatte, als eine Beleidigung angesehen hätte. Es hat häßliche Auseinandersetzungen gegeben, die bis zu Gewaltakten geführt haben. Thuillier, zwischen Hammer und Amboß gestellt, hat das nicht verhindern können; ohne es zu wollen, hat er im Gegenteil die Sache noch verschlimmert, die sich so zugespitzt hat, daß Sie, wenn Sie nicht einen furchtbaren Zornausbruch fürchten müßten, sobald Sie sich in das Zimmer Fräulein Thuilliers begeben würden, sie damit beschäftigt finden könnten, ihre Koffer zu packen und das Haus zu verlassen!«

»Was sagen Sie da, mein Herr?« rief Céleste entsetzt.

»Die reine Wahrheit; Sie können es sich von den Dienstboten bestätigen lassen, denn es erscheint mir selbst fast unglaublich.«

»Aber das ist ja unmöglich!« rief das arme Kind aus, dessen Aufregung bei jedem weiteren Worte des geschickt vorgehenden Provenzalen wuchs; »ich kann doch nicht die Ursache eines solchen Unglücks sein.«

»Das heißt, Sie wollen es nicht sein, denn in Wirklichkeit ist das Unglück schon geschehen; gebe der Himmel, daß es wieder rückgängig gemacht werden könne!«

»Aber, mein Gott, was soll ich denn tun?« sagte Céleste und rang die Hände.

»Sich opfern, mein Fräulein, würde ich Ihnen ohne Zögern antworten, wenn mir unter den obwaltenden Umständen nicht die ebenso beneidenswerte wie schmerzliche Rolle eines Opferdieners zufiele.«

»Mein Herr,« erklärte Céleste, »Sie legen den Widerstand, den ich leisten könnte und dem ich kaum Ausdruck gegeben habe, ganz falsch aus; ich konnte wohl eine Vorliebe haben, aber ich habe mich niemals als ein Opfer angesehen; und was geschehen muß, um dem Hause seine Ruhe wieder zurückzugeben, das werde ich ohne Widerstreben und sogar gern tun.«

»Das wäre weit mehr,« erwiderte la Peyrade mit geheuchelter Bescheidenheit, »als ich für meine Person erwarten darf; aber um das, was wir beide wünschen zu erreichen, bedarf es wenigstens nach außen hin, wie ich Ihnen erklären muß, noch eines weiteren. Frau Thuillier hat eine so vollständige Wesensänderung bezeigt, daß sie nicht sofort wieder die alte sein wird, wenn Sie nur verzichten wollen; es klingt in meinem Munde zwar sehr lächerlich, aber die Situation verlangt es, daß Ihre Patin glauben muß, eine direkte Taktlosigkeit begangen zu haben, indem Sie meinem Wunsche mit einer Bereitwilligkeit entgegenkommen, die ja an sich gewiß sehr unwahrscheinlich ist, die aber so gut gespielt werden müßte, daß sie die erforderliche Illusion bei ihr hervorruft.«

»Gut,« sagte Céleste, »ich werde mich fröhlich und glücklich zu zeigen wissen. Meine Patin ist für mich eine zweite Mutter, mein Herr, und was täte man nicht für eine Mutter!«

Die Lage war nun so geworden, und Céleste hatte so offen ihr tiefes Empfinden und ihre unbedingte Opferwilligkeit gezeigt, daß la Peyrade, wenn er auch nur ein wenig Herz besessen hätte, vor der Rolle, die er spielte, Ekel hätte empfinden müssen; aber Céleste war für ihn nur eine Stufe, die hinauf führte; und wer hat sich jemals darum gekümmert, ob die Leiter, wenn sie nur empor führt, es mit Begeisterung tut oder nicht? Es wurde also beschlossen, daß Céleste zu ihrer Patin gehen und sie davon überzeugen sollte, daß sie im Irrtum gewesen sei, wenn sie jemals an ein Gefühl des Widerwillens gegen la Peyrade bei ihr geglaubt hätte. Wäre der Widerstand Frau Thuilliers erst beseitigt, so würde sich alles leicht erledigen; der Advokat übernahm es, Frieden zwischen den beiden Schwägerinnen zu stiften, und man kann sich denken, daß ihm die Worte nicht fehlten, dem harmlosen Kinde eine Zukunft vorzuspiegeln, in der er durch seine Hingebung und seine Liebe jedes Bedauern über den moralischen Zwang, den sie sich auferlegte, verschwinden machen würde.

Als Céleste die Sache bei ihrer Patin zur Sprache brachte, stieß sie auf viel weniger Widerstand, als sie erwartet hatte. Um sich bis zu offenem Aufruhr zu versteigen, hatte es bei der armen Frau, die damit gegen ihr eigenstes Wesen und Temperament handelte, einer fast übermenschlichen Willensanspannung bedurft. Sobald sie das erdichtete Bekenntnis ihres heißgeliebten Patenkindes vernommen hatte, trat die Reaktion bei ihr ein, und es mußte ihr die Kraft fehlen, auf dem eingeschlagenen Wege weiter vorwärts zu gehen. Sie ließ sich also leicht von der Komödie täuschen, die ihr zu Gunsten des Provenzalen vorgespielt wurde. Und als erst das Unwetter an dieser Stelle sich beruhigt hatte, war es la Peyrade nicht schwer, Brigitte davon zu überzeugen, daß sie bei der Unterdrückung des Aufstandes gegen ihre Autorität ein bißchen weiter als erlaubt gegangen war; da ihre Autorität nicht mehr in Frage gestellt wurde, so war Brigitte ihrer Schwägerin nicht mehr böse darüber, daß sie sie beinahe geschlagen hätte, und mit einigen freundlichen Worten und einer Umarmung wurde der Zwist, bei dem die arme Céleste alle Kriegskosten zu tragen hatte, beigelegt.

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