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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Dieser Tag, der für Brigitte so schlimm begann, war unstreitig einer der inhaltreichsten und bewegtesten unserer Erzählung.

Um genau zu berichten, müssen wir wieder mit der Zeit um sechs Uhr morgens beginnen, wo Frau Thuillier sich in die Madeleinekirche begab, um die Messe zu hören, die der Abbé Gondrin gewöhnlich um diese Stunde las, und um dann das Abendmahl zu nehmen, ohne welche heilige Wegzehrung fromme Seelen niemals an die Ausführung eines bedeutenden Entschlusses herantreten.

Um acht Uhr erschien, wie wir schon gesehen haben, der alte Minard, der die Erlaubnis dazu am Abend vorher erhalten hatte, bei dem jungen Vikar, um seinen väterlichen Kummer dem Busen des gewandten und vermittlungsbereiten Kasuistikers anzuvertrauen.

Der Abbé Gondrin machte ihm in milder Form Vorwürfe, daß er seinem Sohn die Möglichkeit gewährt habe, unter dem Schutz eines Titels, der ein arbeitsreiches Dasein vorspiegelt, zu faulenzen und sich zu allen möglichen Torheiten verleiten zu lassen; die Advokaten ohne Praxis und die Ärzte ohne Kranke sind, wenn sie kein Geld haben, die Pflanzstätte für den Geist der Revolution und der Unordnung; wenn sie aber reich sind, dann leben sie wie die junge Aristokratie, die nach Verlust ihrer übrigen Privilegien nur noch das Recht des far niente sich bewahrt hat, das dem Besucher der Rennen und der Theaterdamen alle Freiheiten einer wertlosen und untätigen Existenz gewährt.

Im vorliegenden Falle erwiesen sich die Gewaltmaßregeln, die der Bürgermeister des elften Bezirks gern angewendet hätte, als Hirngespinste. Es gibt kein Saint-Lazare-Gefängnis mehr für liederliche junge Leute, und die Manon Lescauts können nicht mehr nach Amerika deportiert werden. Der Abbé Gondrin war daher der Ansicht, daß der alte Minard versuchen solle, die ganze Sache mit einem Geldopfer aus der Welt zu schaffen; er sollte die Sirene ausstatten und verheiraten; die Moral käme dabei doppelt auf ihre Rechnung. Selber bei einer solchen Lösung mitzuwirken, bezeigte der junge Vikar keinerlei Neigung; er sei zu jung für solche diplomatischen Schritte, und auch die besten Absichten wären so leicht der Verleumdung ausgesetzt. Da das junge Mädchen noch eine Mutter besaß, so könne Minard sich ja mit dieser Frau in Verbindung setzen.

Mittags empfing der Abbé Gondrin den Besuch der Frau Thuillier und Célestes. Das arme Kind wünschte einige nähere Erläuterungen der Worte, mit denen am Abend vorher in Brigittes Salon der Priester sich so beredt für das Seelenheil Felix Phellions verbürgt hatte. Es erschien der jungen Theologin sehr merkwürdig, daß jemand, der nie gebeichtet habe, der Gnade der göttlichen Gerechtigkeit teilhaftig werden könne, denn es heißt doch ausdrücklich: »Außerhalb der Kirche gibt es kein Seelenheil.«

»Mein liebes Kind,« sagte der Abbé Gondrin, »Sie müssen dieses Wort, das so streng zu sein scheint, richtig verstehen: es verkündet viel mehr das Heil denjenigen, die das Glück genießen, im Schoße unserer heiligen Mutter, der Kirche, zu leben, als daß es diejenigen verdammte, die das Unglück haben, von ihr geschieden zu sein. Gott sieht den Menschen auf den Grund des Herzens und weiß die Auserwählten wohl zu unterscheiden; und der Schatz seiner Güte ist so reich, daß es niemandem gegeben ist, seinen unerschöpflichen Reichtum zu ermessen. Wer dürfte es wagen, zu Gott, dem Unermeßlichen, zu sagen: ›Bis dahin wirst du freigebig und großmütig sein!‹ Jesus Christus hat der Ehebrecherin verziehen, er hat dem armen Schächer den Himmel verheißen, um uns zu beweisen, daß nicht nach menschlichem Ermessen, sondern nach seiner Weisheit und seinem Erbarmen geschehen soll. Mancher, der sich für einen Christen hält, ist vor Gottes Auge darum nichtsdestoweniger ein Götzendiener; und mancher, der für einen Heiden gilt, ist nach seinen Grundsätzen und Handlungen ein Christ, ohne es selbst zu wissen. Unsere heilige Religion zeigt ihren göttlichen Ursprung dadurch, daß aller Edelmut, alle Größe, aller Heroismus nur die Erfüllung ihrer Gebote bedeuten. Ich sagte gestern zu Herrn de la Peyrade, daß die reinen Seelen unvermeidlich einmal zu uns kommen müssen; es handelt sich nur darum, ihnen Frist zu gewähren; ein solches Vertrauen ist eine Anlage zu hohen Zinsen und uns außerdem durch die Pflicht der Nächstenliebe geboten.«

»Oh, mein Gott!« rief Céleste aus, »und das erfahre ich zu spät, wo ich doch damals zwischen Herrn Felix Phellion und Herrn de la Peyrade wählen durfte und nicht gewagt habe, dem Zuge meines Herzens zu folgen! . . . Könnten Sie nicht mit meiner Mutter sprechen, Herr Abbé? Ihre Worte sind so überzeugend!«

»Das ist nicht möglich, mein Kind«, erwiderte der Vikar; »wäre ich der Beichtvater der Frau Colleville, so würde ich es vielleicht versuchen, aber man wirft uns schon so oft vor, daß wir uns unvorsichtig in Familienangelegenheiten einmischen! Seien Sie überzeugt, daß ein Dazwischentreten meinerseits, zu dem ich weder einen Grund noch einen Auftrag habe, mehr schaden als nützen würde. Sie und diejenigen, die Sie lieb haben,« fuhr er fort und warf dabei einen Blick auf Frau Thuillier, »müssen sehen, ob die übrigens schon recht weit gediehenen Vorbereitungen noch im Sinne Ihrer Wünsche geändert werden können.«

Es stand geschrieben, daß das arme Kind den bitteren Kelch, den es sich durch seine Unduldsamkeit selbst kredenzt hatte, bis auf die Hefe leeren sollte: kaum hatte der Abbé ausgesprochen, als seine alte Wirtschafterin erschien, um ihn zu fragen, ob er Herrn Felix Phellion empfangen wolle. So wurde, ebenso wie die Verfassung von 1830, die Notlüge der Frau von Godollo zur Wahrheit.

»Kommen Sie hier durch«, sagte der Vikar eilig und führte seine beiden Beichtkinder durch einen Seitengang.

Im Leben findet zuweilen ein so merkwürdiges Zusammentreffen statt, daß manchmal eine Kurtisane und ein Gottesmann in ganz gleicher Weise verfahren.

»Herr Abbé,« sagte Felix zu dem jungen Vikar, als sie einander gegenüberstanden, »ich weiß, in welch freundlicher Art Sie gestern so gütig waren, über mich im Salon des Herrn Thuillier zu sprechen, und ich würde mich beeilt haben, Ihnen meinen Dank dafür auszusprechen, auch wenn mich nicht noch ein anderer Anlaß zu Ihnen geführt hätte.«

Der Abbé Gondrin ging schnell über die Höflichkeitsbezeugungen hinweg und wünschte zu wissen, womit er ihm dienen könne.

»Man hat gestern,« erwiderte der junge Gelehrte, »in einem Sinne, den ich als wohlwollend ansehen will, mit Ihnen über meinen Seelenzustand gesprochen. Die, die so klar in mir lesen zu können glauben, scheinen mein Inneres besser zu kennen als ich selbst; denn seit einiger Zeit fühle ich mich von unerklärlichen und mir bisher unbekannten Beunruhigungen bedrückt. Ich habe nie an Gott gezweifelt; aber mir scheint, daß ich bei der Betrachtung des unendlichen Raumes, in dem er mir erlaubt hat, der Spur eines seiner Werke nachzugehen, einen andern, weniger undeutlichen und unmittelbareren Begriff von ihm bekommen habe, und ich frage mich nun, ob ein rechtschaffenes, ehrenhaftes Leben allein schon die genügende Anerkennung ist, die seine Allmacht von mir erwarten kann. Trotzdem machen sich in meinem Geiste zahllose Einwände gegen den Kultus, dessen Diener Sie sind, geltend, und so sehr ich auch für die Schönheit seiner äußeren Form empfänglich bin, sträubt sich mein Verstand doch gegen viele seiner Vorschriften und Gebräuche. Die Lässigkeit und Saumseligkeit, mit der ich an die Lösung dieser Bedenken herangegangen bin, habe ich teuer, vielleicht mit meinem ganzen Lebensglück, bezahlt. Ich habe nun beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Niemand ist besser in der Lage als Sie, Herr Abbé, meine Zweifel zu heben. Ich unterbreite sie Ihnen nun vertrauensvoll und bitte Sie, mich anzuhören, mir zu antworten und mir zu sagen, durch die Lektüre welcher Bücher, abgesehen von den Stunden, die Sie mir gütigst für eine Aussprache opfern würden, ich weitere Aufklärung erhalten könnte. Eine grausam geprüfte Seele wendet sich an Sie. Ist eine solche nicht am besten vorbereitet, den Samen aufzunehmen, den Ihre Worte auszustreuen vermögen?«

Der Abbé Gondrin erklärte, daß er mit Freuden, trotz seiner Unzulänglichkeit, bereit sei, auf die Gewissensbedenken des jungen Gelehrten zu antworten, und empfahl ihm, nachdem er ihn um seine Freundschaft gebeten hatte, vor allem, die »Pensées« Pascals zu lesen. Auf der Basis der Geometrie müßte sich eine natürliche Verwandtschaft zwischen dem Geiste Pascals und dem des jungen Mathematikers ergeben.

Während sich diese Szene abspielte, der die Bedeutung der in Frage stehenden Interessen und die moralische und intellektuelle Höhe der Persönlichkeiten eine gewisse Größe verlieh, war ein scharfer Zwist im Hause Thuillier ausgebrochen.

Auf dem Stuhl stehend, die Haare in Unordnung, Gesicht und Hände voll Staub, war Brigitte damit beschäftigt, mit dem Flederwisch die Fächer des Wandschrankes auszustauben, in denen ihre Stöße von Tellern, Schüsseln und Saucieren untergebracht werden sollten, als sie von Flavia angeredet wurde.

»Brigitte,« sagte sie, »wenn Sie fertig sind, würden Sie gut tun, zu uns zu kommen, oder noch besser, ich schicke Ihnen Céleste: sie sieht mir so aus, als ob sie uns einen Streich spielen will.«

»Wie das?« fragte Brigitte, ohne sich in ihrer Arbeit stören zu lassen.

»Ich glaube, daß sie und Frau Thuillier heute früh bei dem Abbé Gondrin gewesen sind, und jetzt ist sie vor mir auf Felix Phellion zu sprechen gekommen, von dem sie wie von einem Gotte redet; von da bis zu einer Absage an la Peyrade ist, wie Sie begreifen werden, nur noch ein Schritt.«

»Diese verdammten Pfaffen!« sagte Brigitte, »in alles müssen sie sich mischen! Deshalb habe ich ihn auch gar nicht einladen wollen, aber Sie haben ja darauf bestanden.«

»Aber das gehörte sich doch so«, sagt Flavia.

»Ich pfeife auf das, was sich gehört«, erwiderte die alte Jungfer. »Ein Phrasendrescher, der nur Dinge geredet hat, die gar nicht hierher gehörten. Schicken Sie mir nur Céleste her, ich werde ihr schon den Standpunkt klarmachen . . .«

In diesem Augenblick wurde Brigitte der erste Schreiber des Notars gemeldet, der an Dupuis' Stelle den Kontrakt aufsetzen sollte.

Ohne auf ihre derangierte Toilette zu achten, gab Brigitte Auftrag, daß der junge Schreiber hereingeführt werde; sie machte nur die Konzession, daß sie mit ihm nicht von der Hühnerleiter herab, auf der sie gehockt hatte, verhandelte.

»Herr Thuillier,« sagte der erste Schreiber, »war heute morgen bei uns, um dem Herrn Notar die einzelnen Klauseln des aufzunehmenden Kontrakts anzugeben; es ist nun bei uns üblich, daß wir, bevor wir die Stipulationen über die Zuwendungen aus Anlaß der Ehe aufsetzen, aus dem Munde der Geber selbst zu hören wünschen, was sie für Schenkungsabsichten haben. Herr Thuillier hat uns schon erklärt, daß er der Braut zu Eigentum ohne Nießbrauch das Haus schenkt, das er bewohnt und das ohne Zweifel dieses hier ist.«

»Ja,« sagte Brigitte, »das sind die Bedingungen. Ich selbst schenke dreitausend Franken Rente zu freiem Eigentum; aber die Ehe wird unter Ausschluß der Gütergemeinschaft geschlossen.«

»So ist es«, sagte der Schreiber, der in seinen Notizen nachsah; »Fräulein Brigitte Thuillier dreitausend Franken Rente. Da ist weiter Frau Céleste Thuillier, Gattin des Louis-Jérôme Thuillier, die ebenfalls in dreiprozentiger Staatsanleihe sechstausend Franken Rente zu unbeschränktem Eigentum und sechstausend Franken Zinsen schenkt.«

»Das ist so, als ob es der Notar bereits aufgenommen hätte; aber da es bei Ihnen so üblich ist, wird man Sie, wenn Sie es von meiner Schwägerin selbst hören wollen, zu ihr führen.«

Und sie gab dem Diener den Auftrag, den Herrn Schreiber zu Frau Thuillier zu bringen.

Aber einen Augenblick später erschien der Schreiber wieder und erklärte, es müsse da ein Mißverständnis vorliegen, denn Frau Thuillier habe ihm mitgeteilt, daß sie keine Art von Eheschenkung zu machen beabsichtige.«

»Das ist etwas stark«, sagte Brigitte; »kommen Sie nur mit mir, mein Herr.«

Und wie ein Sturmwind drang sie in das Zimmer der Frau Thuillier ein. Diese stand bleich und zitternd da.

»Was hast du dem Herrn hier eben erklärt? Du willst Céleste keine Mitgift geben?

»Ja,« sagte das sich auflehnende Opferlamm, wenn auch mit unsicherer Stimme, »es ist meine Absicht, keine zu geben.«

»Aber das ist ja etwas ganz Neues, diese deine Absicht«, sagte Brigitte, rot vor Wut.

»Es ist meine Absicht so«, begnügte sich die Empörerin zu antworten.

»Willst du mir vielleicht sagen, weshalb?«

»Ich billige die Heirat nicht.«

»So! Und seit wann?«

»Es ist wohl überflüssig,« bemerkte Frau Thuillier, »daß der Herr unserer Auseinandersetzung beiwohnt; sie wird ja nicht in den Kontrakt aufgenommen.«

»Du solltest dich schämen,« sagte Brigitte, »du zeigst dich nicht gerade in schmeichelhaftem Licht . . . – Mein Herr,« fuhr sie zu dem Schreiber gewendet fort, »kann man in dem Kontrakt nicht eher etwas streichen, als etwas hinzusetzen?«

Der Schreiber nickte bejahend.

»Dann setzen Sie es nur immer so hinein, wie ich gesagt habe, was dann wegbleiben soll, kann ja immer noch durchgestrichen und gekürzt werden.«

Darauf empfahl sich der Schreiber.

Als die beiden Schwägerinnen allein waren, fragte Brigitte :

»Bist du denn verdreht geworden? Was hast du dir denn für eine Marotte in den Kopf gesetzt?«

»Das ist keine Marotte, sondern eine wohlüberlegte Sache.«

»Die du bei deinem Abbé Gondrin aufgelesen hast! Willst du vielleicht ableugnen, daß du mit Céleste vorhin bei ihm gewesen bist?«

»Céleste ist in der Tat mit mir heute morgen bei unserm Beichtvater gewesen, aber ich habe kein Wort von dem, was ich zu tun beabsichtigte, gesagt.«

»Also aus deinem hohlen Kopfe stammt diese blödsinnige Idee?«

»Jawohl, ich bin, wie ich schon gestern gesagt habe, der Ansicht, daß Céleste besser verheiratet werden kann, und ich habe nicht die Absicht, für eine Heirat, die ich nicht billige, etwas herzugeben.«

»Die du nicht billigst? . . . Seit wann fragt man dich denn um deine Ansicht?«

»Ich weiß wohl,« sagte Frau Thuillier, »daß ich in diesem Hause niemals etwas zu sagen hatte. Für mich selbst habe ich mich schon seit langer Zeit damit abgefunden; aber da es sich hier um das Glück eines Kindes handelt, das ich wie mein eigenes ansehe . . .«

»Jawohl!« rief Brigitte, »eigene hast du jedenfalls nie kriegen können! denn Thuillier seinerseits . . .«

»Meine Liebe,« sagte Frau Thuillier voll Würde, »ich habe diesen Morgen das Abendmahl genommen, ich kann gewisse Dinge heute nicht mit anhören.«

»Ja, so seid ihr Mucker!« schrie Brigitte, »ihr spielt dann die Heiligen und bringt Aufruhr ins Haus! Und du meinst, daß das so gehen wird? Thuillier kommt gleich nach Hause, er wird dir schon deinen Standpunkt klarmachen . . .«

Indem sie so die Unterstützung des Ehegatten für ihre Autorität zu Hilfe rief, erwies sich Brigitte schwach gegenüber dem ernstesten und unerwartetsten Angriff, der seit Menschengedenken auf sie gemacht worden war. Frau Thuilliers ruhige, aber von Wort zu Wort entschiedenere Sprache brachte sie völlig außer Fassung; sie konnte nur noch ihre Zuflucht zu Schimpfworten nehmen.

»Diese Schlafmütze!« rief sie, »diese Person, die zu nichts taugt, die nicht mal ihr Schnupftuch selbst aufheben kann, so was will die Hausherrin spielen!«

»Das will ich so wenig, daß ich erst gestern abend, nachdem ich nur zwei Worte zu sagen versucht habe, mir befehlen ließ, still zu sein; aber über mein Vermögen bin ich Herrin, und da ich glaube, daß Céleste einmal sehr unglücklich sein wird, so will ich es aufbewahren, damit ich dann darüber verfügen kann.«

»Das ist nicht schlecht!« sagte Brigitte ironisch, »ihr Vermögen!«

»Gewiß, das, was ich von meinem Vater und meiner Mutter geerbt, und was ich Thuillier als Mitgift zugebracht habe.«

»Und wer hat das Geld so angelegt, daß es heute zwölftausend Franken Rente bringt?«

»Ich habe von dir niemals Rechenschaft darüber verlangt,« sagte Frau Thuillier sanft; »wenn es bei der Art, wie du es verwertet hast, verlorengegangen wäre, hätte ich mich mit keinem Worte bei dir darüber beklagt; es ist gewachsen, da ist es auch gerecht, daß mir der Nutzen zufließt. Übrigens will ich es ja nicht für mich aufheben.«

»Vielleicht; denn bei der Art, wie du dich beträgst, ist es mir zweifelhaft, ob wir beide noch lange hier zusammenbleiben werden.«

»Meinst du etwa, daß Thuillier mich wegjagen wird? Dafür müßte er doch zureichende Gründe haben; ich bin, Gott sei Dank, eine Frau gewesen, der er niemals etwas vorzuwerfen gehabt hat.«

»Du Schlange! Du Heuchlerin! Du herzloses Weib!« schrie Brigitte, die mit ihren Argumenten zu Ende war.

»Du befindest dich hier bei mir, Schwägerin . . .« sagte Frau Thuillier.

»Was sagst du, du Jammerlappen?« schrie die alte Jungfer aufs äußerste gereizt, »wenn ich mich nicht zurückhielte . . .«

Und sie machte eine Bewegung, die gleichzeitig eine Beschimpfung und eine Drohung war.

Frau Thuillier erhob sich, um das Zimmer zu verlassen.

»Du kommst hier nicht weg,« rief Brigitte und zwang sie, sich wieder zu setzen, »und bis Thuillier nicht entschieden hat, bleibst du eingeschlossen!«

Als Brigitte mit brennendrotem Gesicht wieder in das Zimmer zurückkam, in dem sie Frau Colleville verlassen hatte, fand sie dort ihren Bruder, dessen bevorstehende Rückkehr sie schon angekündigt hatte. Thuillier strahlte.

»Alles geht vortrefflich, meine Liebe«, sagte er zu der Megäre, deren Aufregung er nicht bemerkte; »die Verschwörung, uns totzuschweigen, ist erledigt; zwei Zeitungen, der ›National‹ und ein karlistisches Organ, drucken heute morgen einen Artikel von uns ab, und in einem ministeriellen Blatte findet sich ein kleiner Angriff auf uns.«

»So, alles geht aber nicht vortrefflich,« antwortete Brigitte, »und wenn das hier so weiter geht, werde ich die Bude verlassen!«

»Auf wen zielt denn das?« fragte Thuillier.

»Auf deine unverschämte Frau, die mir eben eine Szene gemacht hat; ich zittere noch davon.«

»Céleste eine Szene machen?« sagte Thuillier; »aber das wäre ja das erstemal in ihrem ganzen Leben.«

»Alles fängt mal an, und wenn du da nicht eingreifst . . .«

»Aber weshalb denn eine Szene?«

»Weil Madame nichts von la Peyrade für ihr Mündel wissen will; und vor Ärger, daß sie die Heirat nicht verhindern kann, erklärt sie, daß sie Céleste im Kontrakt nichts aussetzen will.«

»Na, beruhige dich nur«, sagte Thuillier ohne sich aufzuregen – daß das ›Echo‹ in die Polemik hineingezogen war, hatte ihn zu einem zweiten Pangloß gemacht – »ich werde das alles schon in Ordnung bringen.«

»Sie, Flavia,« sagte Brigitte, während Thuillier sich zu seiner Frau begab, »werden mir den Gefallen tun, hinunterzugehen und Fräulein Céleste zu sagen, daß ich sie vorläufig nicht sehen will, denn ich wäre imstande, wenn sie mir eine dumme Antwort gäbe, sie zu ohrfeigen; Sie werden ihr sagen, daß ich keine Komplotte liebe, daß man ihr ja freigestellt hat, den jungen Herrn Phellion zu wählen, daß sie ihn aber nicht gewollt hat, und daß sie, wenn sie nicht ihre Mitgift auf das beschränkt sehen will, was ihr ihr geben könnt, und was ein Bankangestellter bequem in seine Westentasche stecken könnte . . .«

»Meine liebe Brigitte,« unterbrach sie Flavia und warf sich in die Brust gegenüber dieser Unverschämtheit, »Sie sollten es doch unterlassen, uns so unfein an unsere Armut zu erinnern; wir haben doch schließlich niemals etwas erbeten und immer pünktlich unsere Miete gezahlt; nicht, daß ich mich mit solchen Absichten trüge, aber Herr Felix Phellion würde Céleste gern mit der Mitgift nehmen, die ein Bankangestellter in seine ›Westentasche‹ stecken kann.«

Und sie unterstrich dieses Wort durch seine Betonung.

»Was?« rief Brigitte, »fangen Sie jetzt auch noch damit an? Na, dann holen Sie sich doch Ihren Felix! Ich weiß es ja recht gut, daß Ihnen diese Heirat niemals gepaßt hat, weil Sie nicht gern bloß die Schwiegermutter Ihres Schwiegersohns sein wollen.«

Flavia hatte ihre Kaltblütigkeit, die sie einen Augenblick verlassen hatte, wieder gewonnen, und antwortete auf diese Insinuation nur mit einem Achselzucken.

Jetzt erschien Thuillier wieder; seine fröhliche Stimmung war vorüber.

»Meine liebe Brigitte,« sagte er zu seiner Schwester, »du hast gewiß das beste Herz; aber manchmal bist du von einer Heftigkeit! . . .«

»So!« rief die alte Jungfer, »jetzt soll ich mich auch noch darüber zu verantworten haben.«

»Ich mache dir ja in der Sache selbst keine Vorwürfe, und ich habe Céleste ernstlich ausgescholten; aber man muß doch gewisse Formen bewahren.«

»Was erzählst du mir da von Formen? Was für Formen habe ich denn verletzt?«

»Aber, meine Liebe, wie konntest du die Hand gegen deine Schwägerin aufheben!«

»Ich habe meine Hand gegen dieses Schaf aufgehoben? Das ist wirklich nicht schlecht!«

»Und dann,« fuhr Thuillier fort, »sperrt man eine Frau in Célestes Alter doch nicht ein!«

»Ich soll deine Frau eingesperrt haben?«

»Das kannst du doch nicht ableugnen, ich habe ja die Tür doppelt verschlossen gefunden.«

»Ach so! Weil ich in meinem Ärger über die Gemeinheiten, mit denen sie mich überschüttet hat, unabsichtlich den Schlüssel herumgedreht habe.«

»Aber,« sagte Thuillier, »Leute in unserer Stellung benehmen sich doch nicht so.«

»Also ich soll jetzt die sein, die Unrecht gehabt hat? Na warte, mein Junge, an diesen Tag sollst du noch denken, und wir wollen mal sehen, wie die Wirtschaft hier gehen wird, wenn ich mich nicht mehr darum kümmere.«

»Du wirst dich doch immer darum kümmern,« sagte Thuillier, »das ist doch dein Lebenselement, und du würdest am ersten darunter leiden.«

»Das werden wir ja sehen«, sagte Brigitte. »Nach zwanzigjähriger Aufopferung werde ich hier wie die niedrigste Person behandelt!«

Und die alte Jungfer stürzte hinaus und schlug die Tür mit Gewalt hinter sich zu.

Thuillier ließ sich dieses Fortlaufen nicht sehr anfechten.

»Waren Sie zugegen, Flavia,« fragte er, »als sich die Szene abspielte?«

»Nein, es geschah in Célestes Zimmer; sie ist wohl etwas grob geworden?«

»Wie ich gesagt habe: sie hat die Hand gegen sie erhoben und sie eingesperrt wie ein kleines Mädchen . . . Céleste mag ja eine etwas träge Frau sein, aber man darf doch gewisse Grenzen nicht überschreiten.«

»Sie ist nicht gerade ein bequemer Hausgenosse, die gute Brigitte,« sagte Flavia; »wir haben auch eben einen kleinen Disput gehabt.«

»Na, das wird schon alles wieder gut werden«, sagte Thuillier. »Ich erzählte Ihnen schon, meine liebe Flavia, daß wir heute früh einen schönen Erfolg gehabt haben: der ›National‹ bringt zwei ganze Absätze eines Artikels, die gerade mehrere Sätze von mir enthalten.«

Hier wurde Thuillier wiederum in der Mitteilung seiner politischen und literarischen Erfolge unterbrochen.

Die Köchin Josephine trat ein und fragte: »Kann mir der gnädige Herr nicht sagen, wo der Schlüssel zu dem großen Koffer ist?«

»Wer will ihn denn haben?« fragte Thuillier.

»Das Fräulein hat gesagt, daß ich ihn ihr bringen soll.«

»Wozu braucht sie ihn denn?«

»Das Fräulein will jedenfalls verreisen; sie hat schon alle ihre Wäsche aus der Kommode herausgenommen, und jetzt legt sie die Kleider zum Einpacken zusammen.«

»Wieder eine Verrücktheit!« sagte Thuillier.

»Sehen Sie doch mal nach, Flavia, was sie sich da für eine Sache in den Kopf gesetzt hat.«

»Ach nein,« erwiderte Frau Colleville, »gehen Sie nur selbst zu ihr; in ihrer aufgeregten Verfassung wäre sie imstande, mich zu schlagen.«

»Ausgerechnet hat meine dämliche Frau«, rief Thuillier, »diese Kontraktgeschichte aufs Tapet bringen müssen! Sie muß wirklich recht starke Dinge gesagt haben, daß Brigitte so aus dem Häuschen geraten ist.«

»Der gnädige Herr hat mir noch immer nicht gesagt, wo der Schlüssel ist«, bemerkte Josephine nochmals dringend.

»Ich habe keine Ahnung!« antwortete Thuillier ärgerlich; »suchen Sie ihn selbst, oder sagen Sie ihr lieber, daß er verloren gegangen ist.«

»Ich werde mich hüten,« erklärte Josephine, »ihr das zu sagen!«

Jetzt erklang die Türglocke.

»Das ist gewiß la Peyrade«, sagte Thuillier aufatmend.

In der Tat erschien gleich darauf der Provenzale.

»Es ist wahrhaftig Zeit, daß du kommst, lieber Freund,« sagte Thuillier, »denn das ganze Haus ist deinetwegen in Aufruhr, und es ist nötig, daß deine schönen Worte uns wieder Ruhe und Frieden schaffen.«

Und er teilte dem Advokaten die Ursache und die näheren Umstände des häuslichen Krieges, der eben ausgebrochen war, mit.

Sich an Frau Colleville wendend, sagte Theodosius: »Ich denke, daß ich, nachdem die Dinge so weit gediehen sind, wohl unbedenklich um eine Unterredung mit Fräulein Colleville für einige Augenblicke bitten darf?«

Auch hierbei erwies der Provenzale seine gewohnte Geschicklichkeit: er begriff, daß bei der Friedensmission, mit der man ihn beauftragt hatte, Céleste Colleville ausschlaggebend war.«

»Ich werde nach ihr schicken,« sagte Flavia, »und sie dann mit Ihnen allein lassen.«

»Mein lieber Thuillier,« sagte la Peyrade, »du wirst zwanglos und mit wenigen Worten Fräulein Colleville veranlassen, ihr Einverständnis zu erklären, so daß sie annehmen muß, man habe sie deshalb holen lassen. Dann bitte ich, uns allein zu lassen, das übrige nehme ich auf mich.«

Ein Dienstbote wurde nun in das Zwischengeschoß hinuntergeschickt, der Céleste bestellen sollte, daß ihr Pate sie zu sprechen wünsche.

Das Wirtschaftszimmer, in dem mitten bei dem Aufräumen Brigittes diese Szene begonnen hatte, war nicht der geeignete Raum für die von la Peyrade erbetene Aussprache; man begab sich also in Erwartung Célestes in den Salon. Als sie erschien, sagte Thuillier, entsprechend der getroffenen Abrede, zu ihr:

»Deine Mutter, mein Kind, erzählt uns da merkwürdige Dinge; ist es wahr, daß du, obwohl dein Ehekontrakt gestern hätte unterzeichnet werden sollen, dich noch nicht zu der Heirat, zu der wir die Vorbereitungen getroffen haben, entschlossen hast?«

»Lieber Pate,« antwortete Céleste, etwas erstaunt über dieses plötzliche Zurredestellen, »meines Wissens habe ich das nicht zu Mama gesagt.«

»Hast du nicht vorhin«, sagte Flavia, »eine überschwengliche Lobrede auf Herrn Felix Phellion gehalten?«

»Ich habe über Herrn Phellion nicht anders als alle übrigen Leute gesprochen.«

»Bitte,« sagte Thuillier kategorisch, »keine Zweideutigkeiten: weigerst du dich, ja oder nein, Herrn de la Peyrade zu heiraten?«

»Lieber Freund,« sagte der Provenzale dazwischentretend, »du hast eine so brüske und bestimmte Art, Fragen zu stellen, wie sie mir hier, zumal in meiner Gegenwart, sehr wenig am Platze zu sein scheint; willst du mir in meiner Eigenschaft als Hauptbeteiligter gestatten, mit dem Fräulein eine Aussprache zu haben, die wohl tatsächlich nötig geworden sein dürfte? Frau Colleville wird mir diese Gunst nicht versagen; in meiner Lage enthält dieser Anspruch, wie ich meine, nichts, was ihre mütterliche Besorgnis wachrufen könnte.«

»Ich würde Ihrem Wunsche gern entsprechen,« erwiderte Flavia, »wenn ich nicht fürchtete, daß alle solche Maßnahmen so aussehen könnten, als ob das, was unwiderruflich beschlossen worden ist, überhaupt in Frage gestellt werden dürfe.«

»Ich, gnädige Frau, habe im Gegensatz dazu den dringlichsten Wunsch, daß Fräulein Céleste bis zum letzten Augenblick die volle Freiheit der Entscheidung gelassen werde. Haben sie also die Güte, wie wir bei Gericht sagen, Ihren Beschluß auf meinen Antrag zu verkünden.«

»Gut«, sagte Frau Colleville; »Sie halten sich für sehr gewandt; wenn Sie sich also von dem kleinen Mädchen einwickeln lassen sollten, um so schlimmer für Sie! – Kommen Sie mit, Thuillier?« fügte sie hinzu, »wir sind hier jetzt überflüssig.«

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