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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Am andern Morgen ließ sich der alte Minard in Phellions Arbeitszimmer anmelden. Der große Mitbürger und sein Sohn Felix unterhielten sich gerade über eine Sache, die sie sehr zu erregen schien.

»Mein lieber Felix,« rief der Bürgermeister und drückte dem jungen Professor warm die Hand, »Ihretwegen bin ich heute früh hergekommen; ich bringe Ihnen meine Glückwünsche!«

»Was gibt es denn?« fragte Phellion; »sollten die Thuilliers sich endlich entschlossen haben . . .«

»Ach, als ob es sich gerade um die Thuilliers handelte!« unterbrach ihn der Bürgermeister. – »Aber sollte dieser Duckmäuser«, fuhr er fort und sah Felix dabei an, »Ihnen wirklich verhehlt haben . . .?«

»Ich glaube nicht,« sagte der große Mitbürger, »daß es irgend etwas gibt, was mein Sohn vor mir geheimhält.«

»Also wußten Sie von der großartigen astronomischen Entdeckung, die er gestern der Akademie der Wissenschaften mitgeteilt hat?«

»Ihr Wohlwollen für mich, Herr Bürgermeister,« sagte Felix schnell, »hat Sie eine Verwechslung begehen lassen; ich war nur der Vorleser, nicht der Verfasser der Abhandlung.«

»Lassen Sie mich doch damit in Ruhe!« sagte Minard; »der Vorleser! Wir wissen schon alles.«

»Aber lesen Sie doch hier die Zeitung«, erwiderte Felix und reichte Minard den ›Constitutionnel‹ hin; »nicht nur, daß sie Herrn Picot als den Entdecker nennt, sie teilt auch die Belohnung mit, die die Regierung ihm unverzüglich angewiesen hat.«

»Felix hat recht«, sagte Phellion; »die Zeitung beweist es, und ich finde, daß sich die Regierung bei dieser Gelegenheit sehr richtig benommen hat.«

»Aber mein lieber Kommandant, ich wiederhole Ihnen, daß alles herausgekommen und daß Ihr Sohn ein bewunderungswürdiger Mensch ist. Seine Entdeckung seinem alten Lehrer zuzuschreiben, um ihm die Gunst der Regierung zuzuwenden – einen so edlen Zug kenne ich aus dem ganzen Altertum nicht.«

»Felix!« sagte der alte Phellion, bei dem sich eine Erregung bemerkbar zu machen begann, »diese riesigen Arbeiten, in die du dich seit einiger Zeit vergraben hast, diese fortwährenden Besuche der Sternwarte . . .«

»Aber nein, lieber Vater, Herr Minard ist falsch unterrichtet.«

»Falsch unterrichtet!« wiederholte Minard, »wo ich die ganze Geschichte doch aus Herrn Picots eigenem Munde weiß!«

Nach dieser Erklärung, die keinen Zweifel mehr zuließ, wurde Phellion endlich der wahre Zusammenhang klar.

»Felix, mein liebes Kind!« rief er aus und erhob sich, um seinen Sohn zu umarmen.

Aber er mußte sich wieder setzen, die Beine verweigerten ihm den Dienst, er erblaßte, und seine sonst so unerschütterliche Natur schien der freudigen Aufregung, die so plötzlich gekommen war, zu erliegen.

»Mein Gott!« sagte Felix entsetzt, »ihm wird schlecht, bitte klingeln Sie doch, Herr Minard!«

Und er näherte sich schnell dem Alten, nahm ihm eiligst die Krawatte und den Hemdkragen ab und schlug ihm auf die Handflächen. Aber die Ohnmacht dauerte nur einen Augenblick; als er wieder zu sich gekommen war, zog Phellion seinen Sohn ans Herz, hielt ihn lange umarmt und wiederholte mit tränenerstickter Stimme, mit der er sich nach der freudigen Aufregung Luft machte:

»Felix, mein edler Sohn, dein Herz ist so erhaben wie dein Geist!«

Minard hatte so stark und energisch geläutet, daß das ganze Haus davon auf die Beine gebracht wurde.

»Es ist nichts, es ist nichts«, sagte Phellion zu den Dienstboten und entließ sie wieder.

Aber als er gleichzeitig seine Frau eintreten sah, fand er sein übliches feierliches Gebaren wieder und sagte, auf Felix zeigend, zu ihr:

»Frau Phellion, vor wieviel Jahren haben Sie diesen jungen Menschen zur Welt gebracht?«

Verblüfft über diese Frage, zögerte Frau Phellion einen Augenblick und antwortete dann:

»Nächsten Januar werden es fünfundzwanzig Jahre.«

»Und finden Sie nicht,« fuhr Phellion fort, »daß der Himmel bisher schon Ihre mütterlichen Wünsche genügend erhört hat, indem er die Frucht Ihres Leibes zu einem ehrenhaften Mann und einem guten Sohn hat heranwachsen lassen, der außerdem mit einer ziemlich bemerkenswerten Begabung für die Mathematik, diese Wissenschaft aller Wissenschaften, ausgestattet ist?«

»Gewiß«, erwiderte Frau Phellion, die immer weniger begriff, wo ihr Mann hinauswollte.

»Nun,« schloß Phellion, »dann müssen Sie dem Himmel noch einmal Ihren Dank abstatten, denn er hat es erlaubt, daß Sie auch die Mutter eines Genies geworden sind; seine Arbeiten, die wir so mißdeutet haben, und die uns für den Verstand unsres teuren Kindes zittern ließen, sie waren der rauhe und steile Weg, auf dem man zum Ruhme emporsteigt.«

»Möchtest du nun vielleicht nicht doch mit der Vorrede aufhören,« sagte Frau Phellion, »und dich endlich verständlich machen?«

»Ihr Herr Sohn«, nahm Minard jetzt das Wort, der diesmal seine erfreuliche Mitteilung, aus Furcht vor einer neuen Freudetrunkenheit, vorsichtiger in Worte faßte, »hat soeben eine bedeutende astronomische Entdeckung gemacht.«

»Wirklich?« sagte Frau Phellion, faßte Felix bei den Händen und betrachtete ihn liebevoll.

»Wenn ich sage, bedeutend,« fuhr Minard fort, »so will ich damit Ihr mütterliches Gefühl schonend vorbereiten, denn ich mußte sagen: es ist eine erhabene, verblüffende Entdeckung. Er ist noch nicht fünfundzwanzig Jahr alt, und sein Name ist schon jetzt unsterblich.«

»Und einem solchen Manne«, sagte Frau Phellion voll Erregung und Felix leidenschaftlich umarmend, »zieht man einen la Peyrade vor!«

»Man zieht ihn nicht vor, verehrte Frau,« sagte Minard, »die Thuilliers lassen sich durch diesen Intriganten nicht täuschen: er hat sich ihnen aufgezwungen. Thuillier glaubt, daß er ohne ihn nicht Deputierter werden kann, was übrigens auch so noch zweifelhaft ist, und diesem Interesse wird alles aufgeopfert.«

»Ist das aber nicht grauenhaft,« sagte Frau Phellion, »wenn man das Glück seiner Kinder dem Ehrgeiz opfert?«

»Oh,« bemerkte Minard, »Céleste ist ja nicht ihr Kind; sie ist ja nur ihre Adoptivtochter.«

»Für Brigitte, ja,« sagte Frau Phellion; »aber für den ›schönen‹ Thuillier?«

»Keine scharfen Bemerkungen, liebe Freundin«, sagte Phellion; »der liebe Gott hat uns eben einen großen Herzenstrost zuteil werden lassen; und schließlich ist es ja immer noch möglich, daß diese Heirat, in bezug auf die sich, wie ich mit Bedauern feststellen muß, Felix übrigens nicht mit aller erforderlichen Weisheit benommen hat, wenn auch alle Vorbereitungen dazu getroffen sind, doch nicht zustande kommt.«

Als er sah, daß Felix ungläubig den Kopf schüttelte, sagte Minard:

»Aber gewiß, der Kommandant hat ganz recht; als der Kontrakt gestern abend unterzeichnet werden sollte, gab es einen Zwischenfall. Richtig, Sie waren ja nicht da; Ihre Abwesenheit ist sehr aufgefallen.«

»Wir waren eingeladen,« sagte Phellion, »und haben bis zum letzten Moment überlegt, ob wir hingehen sollten; aber Sie begreifen, wir waren in einer peinlichen Lage; und dann war Felix, was ich mir jetzt erklären kann, da er ja seine eigene Sache der Akademie vorgetragen hat, erschöpft von der Aufregung und ermüdet. Ohne ihn zu erscheinen, würde merkwürdig ausgesehen haben, und deshalb besannen wir uns eines Besseren und entschlossen uns, wegzubleiben.«

Die Anwesenheit des Mannes, den er eben erst für unsterblich erklärt hatte, hinderte Minard nicht, da ihm die Gelegenheit dazu geboten war, sich eifrig in eine der beliebtesten Beschäftigungen der Bourgeoisie zu stürzen, nämlich in den Klatsch und das Herumtragen von Neuigkeiten.

»Stellen Sie sich vor,« sagte er daher, »daß sich gestern im Hause Thuillier eine Unzahl von Dingen ereignet hat, eins immer außergewöhnlicher als das andere.«

Und er erzählte zuerst die merkwürdige Episode mit dem Vater Picot.

Dann schilderte er, welche warme Anerkennung der Abbé Gondrin dem Verhalten Felix' gezollt hatte, und daß er den Wunsch geäußert habe, ihn kennenzulernen.

»Ich werde ihn besuchen«, sagte Felix; »wissen Sie, wo er wohnt?«

»Rue de la Madeleine, Nummer 8«, antwortete Minard; »ich komme eben von ihm; ich hatte mit ihm eine sehr kitzliche Sache zu besprechen, und sein Rat war ebenso wohlwollend wie klug; aber das große Ereignis des Abends war, daß eine ganze festliche Gesellschaft sich versammelte, um der Vorlesung des Kontraktes beizuwohnen, und daß der Notar, nachdem er sie eine geschlagene Stunde hatte warten lassen, schließlich überhaupt nicht erschien.«

»Also«, fragte Felix eifrig, »der Kontrakt ist nicht unterzeichnet worden?«

»Nicht einmal verlesen, mein Freund, denn plötzlich wurde gemeldet, daß der Notar nach Brüssel abgereist sei.«

»Gewiß wegen einer wichtigeren Sache«, sagte Phellion naiv.

»Wegen der allerwichtigsten,« antwortete Minard, »wegen eines kleinen Bankrotts von fünfhunderttausend Franken, das der Herr hinterlassen hat.«

»Aber wer ist denn dieser Beamte,« fragte Phellion, »der in so skandalöser Art den heiligen Pflichten seines Berufs untreu geworden ist?«

»Wer? Ihr Nachbar in der Rue Saint-Jacques, der Notar Dupuis.«

»Wie?« sagte Frau Phellion, »ein so frommer Mann und Kirchenältester!«

»Ja, verehrte Frau,« bemerkte Minard, »die haben es gerade am eiligsten; . . . er hat auch schon Vorgänger gehabt.«

»Aber diese Nachricht,« sagte Phellion, »so mitten in eine Privatgesellschaft hineinplatzend, hat ja wie ein Donnerschlag wirken müssen.«

»Und zwar um so mehr,« erklärte Minard, »als sie in der unerwartetsten und eigenartigsten Weise verkündet wurde.«

»Erzählen Sie uns das doch!« sagte Frau Phellion lebhaft.

»Anscheinend«, fuhr Minard fort, »sind diesem tugendsamen Spitzbuben die Ersparnisse einer großen Anzahl von Dienstboten anvertraut gewesen, und Herr la Peyrade – alle diese Scheinheiligen, wissen Sie, das ist ein und dieselbe Clique – gab sich Mühe, ihm die Kapitalien dieser Kreise zuzuführen.«

»Ich habe es ja immer gesagt,« unterbrach ihn Frau Phellion, »daß an diesem Provenzalen kein gutes Haar ist.«

»So hat er auch«, fuhr der Bürgermeister fort, »bei Herrn Dupuis für Rechnung einer alten Wirtschafterin, ebenfalls solch einer Scheinheiligen, ein Sümmchen untergebracht, das wahrhaftig schon der Mühe lohnte: fünfundzwanzigtausend Franken; diese Wirtschafterin nun, eine gewisse Frau Lambert . . .«

»Frau Lambert?« unterbrach ihn Felix seinerseits, »aber das ist ja die Wirtschafterin von Herrn Picot: anschließende Haube, blasses mageres Gesicht, spricht immer mit niedergeschlagenen Augen und zeigt niemals ihr Haar.«

»Eben diese,« sagte Minard, »das richtige Muckergesicht.«

»Fünfundzwanzigtausend Franken Ersparnisse!« sagte Felix, »nun wundere ich mich nicht mehr, daß der arme Vater Picot immer in Geldverlegenheit war.«

»Und daß man sich«, bemerkte Minard mit schlauer Miene, »um den Verkauf seiner Bücher kümmern mußte . . . Wie dem auch sei, Sie können sich vorstellen, daß dieses Weib, als sie von der Flucht des Notars hörte, nicht mehr wußte, wo ihr der Kopf steht. Sie rennt sofort zu la Peyrade; dort hört sie, daß er zum Diner und zur Soiree bei Thuilliers ist, deren Adresse man ihr nicht genau angibt, so daß sie, nachdem sie den ganzen Abend herumgeirrt ist, um zehn Uhr, während man eine ewige Zeit im Salon damit verbrachte, sich anzustarren, ohne zu wissen, was man sagen oder machen solle, denn weder Brigitte noch Thuillier sind dazu angetan, über solch eine üble Situation hinwegzuhelfen, und wir hatten, um uns das Warten zu versüßen, weder die Stimme der Frau Godollo, noch das Talent der Frau Phellion zu unsrer Verfügung . . .«

»Oh, Sie sind zu freundlich, Herr Bürgermeister«, sagte Frau Phellion geziert.

»Also um zehn Uhr«, fuhr Minard fort, »erscheint endlich Frau Lambert im Vorzimmer des Herrn Generalrats und verlangt in großer Aufregung den Herrn Advokaten zu sprechen.«

»Das ist ganz natürlich«, sagte Phellion; »von ihm, als dem Vermittler der Anlage, war die Frau berechtigt, Rechenschaft zu verlangen.«

»Nun sollen Sie sehen, was das für ein Tartüff ist!« fuhr Minard fort. »Kaum hinausgegangen, kehrt er schon wieder zurück und teilt die Neuigkeit mit. Und da alles nichts lieber wollte, als aufbrechen, entstand eine allgemeine Flucht; was tut nun unser Mann? Er geht wieder zu Frau Lambert hinaus, die er im Vorzimmer gelassen hat, und da die gute Frau nicht aufhört zu schreien, daß sie ruiniert und verloren sei, was sie wirklich gemeint haben, was aber auch eine mit dem andern abgekartete Komödie gewesen sein kann, sagt in Gegenwart der Gesellschaft, die durch das Geschrei der Dienerin zurückgehalten wird, der Herr Chefredakteur des ›Echo de la Bièvre‹ feierlich: ›Beruhigen Sie sich, meine Beste, die Anlage habe ich im Einverständnis mit Ihnen gemacht, ich schulde Ihnen also nichts; aber es genügt, daß das Geld durch meine Hände gegangen ist, um mich in meinem Gewissen dafür verantwortlich zu fühlen: wenn bei der Liquidation des Notars nicht genügend herauskommt, so werde ich Ihnen den Betrag auszahlen‹.«

»Nun,« sagte Phellion, »das habe ich ja eben auch erklärt: der Vermittler muß dafür einstehen. Ich hätte mich auch keinen Augenblick besonnen, das zu tun, was Herr de la Peyrade getan hat, und ich meine, daß man ihn deshalb nicht eines jesuitischen Verhaltens beschuldigen kann.«

»Gewiß hätten Sie ebenso gehandelt,« sagte Minard, »und ich auch; aber wir hätten uns dessen nicht vor aller Welt gerühmt, und wir hätten als Ehrenmänner auch bezahlt, und zwar mit unserem Gelde. Aber dieser Wahlagent, womit wird der bezahlen? Mit der Mitgift!«

In diesem Augenblick erschien das kleine Dienstmädchen und brachte Felix Phellion einen Brief. Er war vom alten Picot, und zwar nach seinem Diktat von Frau Lambert geschrieben; deshalb geben wir ihn lieber nicht in ihrer Orthographie wieder.

Frau Lamberts Handschrift gehörte zu denen, die man nicht wieder vergißt, wenn man sie einmal vor Augen gehabt hat. Da er sie gleich wiedererkannte, sagte Felix:

»Das ist ein Brief von dem Herrn Professor.«

Und bevor er ihn öffnete, wandte er sich an Minard:

»Sie gestatten, Herr Bürgermeister?«

»Er wird hübsch mit Ihnen umspringen,« erklärte dieser; »ich habe niemals eine so komische Wut gesehen wie gestern abend bei ihm.«

Während er las, lächelte Felix. Als er die Lektüre beendet hatte, reichte er das Schreiben seinem Vater und sagte:

»Sie können ihn vorlesen.«

In feierlichem Tone begann also der große Mitbürger:

»Mein lieber Felix, eben habe ich Deinen Brief erhalten; er kam sehr zur rechten Zeit, denn ich war, wie man sagt, mächtig böse auf Dich. Du erklärst mir, daß Dein Vertrauensmißbrauch, über den ich mit Dir ein bißchen deutlich abrechnen wollte, den Zweck gehabt hat, meiner Familie eine derbe Lektion zu erteilen, indem dadurch der Beweis geliefert wurde, daß jemand, der so schwierige Berechnungen anzustellen vermag wie die, auf denen Deine Entdeckung fußt, nicht wohl unter Kuratel gestellt oder durch die Bestellung eines gerichtlichen Pflegers lächerlich gemacht werden kann. Dieses Argument leuchtet mir ein, und es ist in dem niederträchtigen Prozeß so schwerwiegend, daß ich diesem Deinem Gedanken meine Zustimmung nicht versagen kann. Aber dieses Argument kommt mir ein bißchen teuer zu stehen, denn es macht mich zum Mitvater und Beteiligten bei einem Stern, und Du weißt recht gut, daß ein solches vertrautes Verhältnis mir absolut nicht paßt. In meinem Alter und nach der Lösung des großen Problems des perpetuum mobile befaßt man sich nicht mehr mit solchen Lappalien; so was ist gut für Grünschnäbel und Anfänger wie du, und das habe ich mir auch erlaubt, heute morgen dem Herrn Unterrichtsminister zu erklären, der mich übrigens mit vollendeter Liebenswürdigkeit empfangen hat. Ich habe ihm zur Erwägung gegeben, ob er nicht, da er sich in der Adresse geirrt hat, das Kreuz und die Pension zurücknehmen wolle, wenngleich ich sie sicherlich aus andern Gründen verdient hätte.

›Die Regierung‹, hat mir darauf der Minister geantwortet, ›pflegt sich nicht zu irren; was sie tut, ist immer wohlgetan, und ein Erlaß, den Seine Majestät unterzeichnet hat, wird nicht zurückgenommen; Ihre hervorragenden Arbeiten haben die beiden Auszeichnungen, die Ihnen der König bewilligt hat, wohl verdient, und ich bin glücklich, eine schon alte Schuld in seinem Namen begleichen zu können.‹

›Aber Felix?‹ fragte ich; ›diese Entdeckung ist für einen jungen Menschen gar nicht übel.‹

›Herr Felix Phellion‹, hat mir der Minister geantwortet, ›wird noch heute seine Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion erhalten; ich werde sie noch heute vormittag vom König unterzeichnen lassen; außerdem ist jetzt ein Platz in der Akademie der Wissenschaften freigeworden, und wenn Sie nicht Anspruch darauf erheben . . .‹

›Ich in die Akademie?‹ unterbrach ich ihn mit meiner Freimütigkeit, die Du kennst. ›Ich verabscheue sie ja, diese Akademien: die sind dazu da, um alles zu dämpfen, die reinen Gesellschaften von Faulenzern, Verkaufsbuden mit einem großen Schild und nichts drin . . .‹

›Nun,‹ sagte der Minister lächelnd, ›dann glaube ich, daß Herr Felix Phellion bei der nächsten Wahl alle Aussichten hat, worunter ich auch den Einfluß der Regierung rechne, der ihm schon im voraus sicher ist, soweit er in loyaler und rechtmäßiger Weise geltend gemacht werden kann.‹

Das ist alles, was ich für Dich tun konnte, mein guter Junge, um Dich für Deine guten Absichten zu entschädigen und Dir zu beweisen, daß ich Dir nicht böse bin. Ich glaube in der Tat, daß die Verwandten mit langer Nase abziehen werden. Damit wir über alles das plaudern können, erwarte ich Dich heute um vier Uhr, denn ich speise nicht so spät, wie ich es gestern in einem Hause gesehen habe, wo ich Gelegenheit hatte, mich günstig über deine Begabung zu äußern. Frau Lambert, die mit dem Kochlöffel gewandter umzugehen versteht als mit der Feder, wird es sich angelegen sein lassen, und, obgleich es Freitag ist, den sie mir niemals erläßt, hat sie uns ein Fastenessen, eines Erzbischofs würdig, versprochen und eine halbe Flasche guten Champagner, dem wir nötigenfalls noch eine zweite werden folgen lassen, um die Orden zu begießen.

Dein alter Lehrer und Freund.

Picot,
Ritter der Ehrenlegion.

P. S. Würde Deine verehrte Mutter Dir nicht ein kleines Fläschchen von dem alten vorzüglichen Kognak spendieren, den Du mir seinerzeit verehrt hast? Ich habe keinen Tropfen mehr davon, und gestern habe ich welchen zu trinken bekommen, mit dem man allenfalls Pferden die Beine waschen kann; aber ich habe der reizenden Hebe, die ihn mir kredenzte, kein Hehl aus meiner Meinung gemacht.«

»Gewiß soll er noch eins haben,« sagte Frau Phellion, »aber kein Fläschchen, sondern einen ganzen Liter.«

»Und ich«, sagte Minard, »rühme mich, ebenfalls einen ganz vortrefflichen zu besitzen, und werde ihm mehrere Flaschen davon schicken; aber Sie dürfen ihm nicht sagen, Herr Ritter, der Sie mich hoffentlich zum Paten wählen werden, von wem sie kommen; denn man kann nie wissen, wie dieser merkwürdige Mann so etwas aufnimmt.«

»Frau,« sagte jetzt plötzlich der alte Phellion, »eine weiße Krawatte und meinen Frack!«

»Wo willst du denn hingehen?« fragte Frau Phellion, »Dich beim Minister bedanken?«

»Bring mir nur die Sachen, sage ich; ich habe einen wichtigen Besuch zu machen, und der Herr Bürgermeister wird mich freundlichst entschuldigen.«

»Ich muß ebenfalls aufbrechen,« antwortete Minard, »ich habe in einer Sache zu tun, die meinen Sohn betrifft, der allerdings keinen Stern entdeckt hat.«

Phellion kleidete sich um, ohne auf die Fragen Felix' und seiner Frau zu antworten, zog ein Paar weiße Handschuhe an, schickte nach einem Wagen und ließ sich eine Viertelstunde später bei Brigitte anmelden, die er beim Verwahren des guten Porzellans und Silbers, die am Tage vorher benutzt worden waren, antraf.

Während sie diese häusliche Arbeit unterbrach, um den Besuch zu empfangen, sagte die alte Jungfer, nachdem beide Platz genommen hatten:

»Na, Papa Phellion, Sie haben uns gestern nicht Wort gehalten; Sie haben es übrigens schlauer gemacht als die andern. Wissen Sie schon, was uns der Notar für einen Streich gespielt hat?«

»Ich weiß alles,« sagte Phellion, »und gerade dieser unvorhergesehene Aufschub, den Ihre Absichten erfahren haben, gibt mir den Anlaß zu der wichtigen Unterredung, die ich mit Ihnen zu haben wünsche. Zuweilen scheint die Vorsehung sich darin zu gefallen, unsere am besten vorbereiteten Pläne zunichte zu machen; manchmal scheint sie uns auch durch die Hindernisse, mit denen sie uns den Weg versperrt, anzudeuten, daß wir fehlgehen, und uns zu mahnen, besser zu überlegen.«

»Die Vorsehung! die Vorsehung,« sagte Brigitte und spielte sich als Freigeist auf, »die hat anderes zu tun, als sich mit uns zu befassen.«

»Das mag Ihre Ansicht sein«, entgegnete Phellion; »was mich anlangt, so pflege ich ihre Hand in kleinen wie in großen Dingen zu erkennen, und wenn sie gestern erlaubt hätte, daß Ihre Verpflichtungen gegen Herrn de la Peyrade zu einem ersten entscheidenden Schritte geführt hätten, so würden Sie mich jetzt gewiß nicht hier sehen.«

»Sie glauben also,« sagte Brigitte, »daß eine Hochzeit nicht stattfinden kann, weil ein Notar fehlt? Man sagt aber doch, daß die Mühle auch ohne den Müller nicht stillsteht.«

»Mein verehrtes Fräulein,« begann der große Mitbürger wieder, »Sie werden mir bezeugen können, daß weder meine Frau noch ich jemals versucht haben, Ihre Entschließungen zu beeinflussen; wir haben die jungen Leute sich liebgewinnen lassen, ohne uns Gedanken zu machen, wohin diese Neigung führen würde . . .«

»Ihnen Raupen in den Kopf zu setzen«, unterbrach ihn Brigitte; »da sehen Sie, was bei der Liebe herauskommt, und weshalb ich mich immer fern davon gehalten habe.«

»Was Sie da sagen,« fuhr Phellion fort, »paßt besonders auf meinen unglücklichen Sohn; denn trotz der würdigen Beschäftigung, in der er Trost für seinen Kummer suchte, hat er ihn doch so wenig besiegen können, daß er erst heute morgen, trotz des großes Erfolges, den er davongetragen hat, mir davon sprach, er wolle eine Weltumsegelung antreten, ein Unternehmen, das ihn wenigstens drei Jahre fernhalten würde, vorausgesetzt, daß er die Gefahren einer so ausgedehnten Reise übersteht.«

»Das wäre vielleicht gar nicht so falsch,« bemerkte Brigitte; »dann würde er getröstet zurückkommen und vielleicht noch drei oder vier andere Sterne entdeckt haben.«

»Der eine genügt uns,« sagte Phellion, immer würdevoller werdend, »und dank diesem Ergebnis, das ihm eben eine so hohe Stellung in der wissenschaftlichen Welt verschafft hat, habe ich mir herausnehmen zu dürfen geglaubt, Ihnen ohne weitere Umschweife zu sagen: ich bin hergekommen, mein Fräulein, um von Ihnen für meinen Sohn, Felix Phellion, der sie liebt und der von ihr geliebt wird, die Hand Fräulein Céleste Collevilles zu erbitten.«

»Aber, Papachen,« erwiderte Brigitte, »das ist doch zu spät; bedenken Sie doch, daß wir uns ›gerade entgegengesetzt‹ la Peyrade gegenüber gebunden haben.«

»Es ist niemals zu spät, wie man sagt, das Rechte zu tun, und gestern hätte ich noch nicht wagen dürfen, damit vor Sie hinzutreten. Als Ausgleich für den Unterschied des Vermögens hätte mein Sohn Ihnen noch nicht antworten können: Wenn Céleste infolge Ihrer Großmut auch eine Mitgift besitzt, der die meinige nicht entfernt gleichkommt, so bin ich doch dafür Mitglied des königlichen Ordens der Ehrenlegion und werde allem Anschein nach binnen kurzem Mitglied der Akademie der Wissenschaften, einer der fünf Abteilungen des Instituts, sein.«

»Gewiß wird Felix jetzt eine gute Partie,« sagte Brigitte, »aber la Peyrade hat unsere Zusage, er und Céleste sind schon aufgeboten, und ohne den außergewöhnlichen Zwischenfall wäre auch der Kontrakt schon unterzeichnet; er beschäftigt sich mit Thuilliers Wahl, die er schon sehr gut in Zug gebracht hat; wir haben zusammen mit ihm Geld in die Zeitung gesteckt: es ist also nicht möglich, selbst wenn wir wollten, uns von unserm Versprechen loszumachen.«

»Also in einem so seltenen Falle,« sagte Phellion, »wo Vernunft und Neigung zusammentreffen, glauben Sie, einer reinen Interessenfrage den Vorzug geben zu sollen? Céleste hat, wie wir wissen, keinerlei Neigung für Herrn de la Peyrade. Mit Felix zusammen aufgewachsen . . .

»Mit Felix zusammen aufgewachsen!« unterbrach ihn Brigitte, »sie hat doch seinerzeit zwischen Herrn de la Peyrade und Ihrem Herrn Sohn wählen können, so wenig haben wir ihr Zwang auferlegt, und da hat sie Felix abgelehnt, dessen Atheismus allgemein bekannt ist.«

»Sie täuschen sich, mein Fräulein, mein Sohn ist kein Atheist; selbst Voltaire zweifelte daran, ob es überhaupt Atheisten gäbe, und erst gestern hat ja hier in diesem Hause ein ebenso durch seine Begabung wie durch seine Tugenden ausgezeichneter Geistlicher eine große Lobrede auf Felix gehalten und den Wunsch zu erkennen gegeben, mit ihm in Beziehung zu treten.«

»Gewiß, um ihn zu bekehren!« sagte Brigitte, »aber in bezug auf die Heiratsgeschichte muß ich Ihnen zu meinem Bedauern erklären, daß Sie einen Posttag zu spät kommen: niemals wird Thuillier auf seinen la Peyrade verzichten.«

»Mein Fräulein,« sagte Phellion und erhob sich, »ich fühle mich in keiner Weise gedemütigt, daß der Schritt, den ich bei Ihnen unternommen habe, vergeblich war, und ich verlange nicht einmal, daß Sie darüber schweigen sollen, denn ich werde der Erste sein, der mit allen unsern Bekannten und Freunden davon sprechen wird.«

»Erzählen Sie es, wem Sie wollen!« erwiderte Brigitte bitter. »Das sieht ja gerade aus, als ob Ihr Herr Sohn, weil er einen Stern entdeckt hat, wenn er wirklich der Entdecker ist, und nicht der Alte, den die Regierung dafür belohnt hat, eine Tochter des Königs von Frankreich zur Frau verlangen dürfte!«

»Genug davon«, sagte Phellion; »ich könnte Ihnen antworten, daß, ohne die Thuilliers damit herabzusetzen, die Orléans mir doch auf einer etwas höheren Stufe zu stehen scheinen. Aber ich möchte keine scharfen Worte gebrauchen, und ich empfehle mich Ihnen mit der Bitte, die Versicherung meiner ergebensten Hochachtung entgegennehmen zu wollen.«

Nach diesen Worten entfernte er sich mit majestätischen Schritten und ließ Brigitte unter dem Eindruck des in extremis abgeschossenen Pfeils seiner Vergleichung in um so üblerer Laune zurück, als schon am Abend vorher Frau Thuillier, nachdem sich alle Eingeladenen entfernt hatten, die unglaubliche Kühnheit gezeigt hatte, etwas zu Gunsten von Felix zu äußern. Selbstverständlich wurde das Opferlamm grob angeschnauzt und ihm bedeutet, sich nicht in Dinge zu mischen, die es nichts angingen. Aber dieser Versuch ihrer Schwägerin, einen eigenen Willen zum Ausdruck zu bringen, hatte die alte Jungfer schon in schlechte Stimmung versetzt, und Phellion konnte sie dadurch, daß er auf dieselbe Sache zurückkam, nur noch mehr in Wut versetzen. Die Köchin Josephine und der »männliche« Dienstbote hatten die eben stattgehabte Szene auszubaden: Brigitte fand, daß während ihrer Abwesenheit alles verkehrt gemacht worden war, und um selbst »mit Hand anzulegen«, kletterte sie, auf die Gefahr hin, sich den Hals zu brechen, auf einen Stuhl, um die obersten Fächer des Wandschranks erreichen zu können, in denen das Staatsporzellan sorgfältig unter Verschluß gehalten wurde.

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