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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Cérizets Enthüllungen hatten Thuillier zu einem äußerst unheilvollen Feldzug veranlaßt. Er war jetzt la Peyrades untertäniger Diener geworden und genötigt, alle seine Bedingungen anzunehmen. Fünfhundert Franken monatlich für die Tätigkeit des Advokaten bei der Zeitung; seine Artikel mit fünfzig Franken die Spalte honoriert, was bei dem kleinen Format enorm war; die Verpflichtung, die Zeitung sechs Monate lang erscheinen zu lassen oder eine Entschädigung von fünfzehntausend Franken zu zahlen; die festgelegte absolute Allmacht des Chefredakteurs, der unumschränkter Herr war, alle Artikel anzunehmen, zu ändern oder abzulehnen, ohne dafür Gründe angeben zu müssen: das waren die in dem offiziellen Vertrage in doppelter Ausführung und in »vollem Einverständnis« von beiden Parteien unterzeichneten Bedingungen.

Aber in einer andern geheimen Abmachung übernahm Thuillier die Bürgschaft für den Betrag von fünfundzwanzigtausend Franken, die la Peyrade der Frau Lambert schuldete, während der »besagte Herr« la Peyrade nur verpflichtet war, im Falle des Zustandekommens einer Heirat zwischen ihm und Fräulein Céleste Colleville, und wenn die Bürgschaft Thuilliers vorher in Anspruch genommen sein sollte, sich diese Summe als Vorschuß auf die seiner Zeit ihm zu zahlende Mitgift anrechnen zu lassen. Auf diese Weise umging der schlaue Provenzale das Gesetz, das bei der Heirat keine Abstandszahlung gestattet. Denn war das nicht eine richtige Abstandssumme, dieser Betrag von fünfundzwanzigtausend Franken, den Thuillier nur im Falle des Zustandekommens der Heirat zurückerhielt, die bisher doch nur geplant war?

Nachdem alles so geregelt und von dem Wahlkandidaten, der ohne la Peyrade keine Aussicht auf Erfolg hatte, angenommen war, hatte Thuillier einen glücklichen Gedanken: er holte sich aus dem Cirque-Olympique, wo er ihn als Billetkontrolleur gesehen hatte, einen pensionierten Beamten seines Bureaus, Namens Fleury, und bot ihm die Stelle als verantwortlicher Redakteur an. Als alter Soldat, der gut schoß und gewandt focht, mußte dieser Fleury ein ausgezeichneter Sitzredakteur für die Zeitung sein. Nicht wenig bewandert in der Kunst, »Gläubiger an der Nase herumzuführen«, war er im Finanzministerium als erster auf die geniale Idee gekommen, seinerseits vorgeschobene Ansprüche auf sein Gehalt geltend machen zu lassen, um die wirklichen Ansprüche, die erhoben werden konnten, hinfällig zu machen. Dasselbe Verfahren wurde jetzt angewandt, um die dreiunddreißigtausenddreihundertdreiunddreißig Franken Kaution, die nach der gesetzlichen Vorschrift auf seinen Namen gestellt werden mußten, vor jedem Zugriff zu schützen. Da die Zeitung nun definitiv gegründet war, vorbehaltlich der Hinzuziehung einiger Mitredakteure, die man später finden würde und die la Peyrade dank seiner gewandten Feder vorläufig entbehren konnte, wurde die erste Nummer herausgegeben.

Thuillier begann nun wieder seine Nachforschungen quer durch Paris, wie er sie schon bei der Publikation seiner Broschüre unternommen hatte. Er ging in die Lesekabinette und die Cafés, fragte nach dem »Echo de la Bièvre«, und wenn er meistens die unglückliche Antwort erhielt, daß man diese Zeitung nicht kenne, so rief er aus:

»Das ist ja unglaublich! Eine Firma, die etwas gelten will, und hält ein so verbreitetes Blatt nicht!«

Und er entfernte sich mit verächtlicher Miene, ohne zu merken, daß man an vielen Stellen, wo diese Geschäftsreisendentricks bekannt waren, nur Notiz von ihm nahm, um ihn auszulachen.

Am Abend des Tages, an dem der Eröffnungsartikel erschien, war, obwohl es kein Sonntag war, in Brigittes Salon eine große Gesellschaft versammelt. Mit la Peyrade, den ihr Bruder zum Essen mitgebracht hatte, wieder ausgesöhnt, erklärte ihm die alte Jungfer, daß sie seinen Artikel, ohne Schmeichelei gesagt, für fabelhaft »fein« hielte. Übrigens war das Publikum, nach dem, was die Besucher sagten, zu urteilen, von der am Morgen erschienenen Nummer entzückt.

Man weiß, was der Ausdruck »Publikum« bedeutet: für jeden, der etwas Gedrucktes in die Welt schickt, setzt sich das Publikum aus fünf bis sechs Vertrauten zusammen, die sich mit dem Autor verfeinden würden, wenn sie sich davon drücken wollten, von seinen Verlautbarungen Kenntnis zu nehmen.

»Ich muß sagen,« rief Colleville, »das ist der erste politische Artikel, bei dessen Lektüre ich nicht eingeschlafen bin.«

»Dieser Artikel,« sagte Phellion, »verbindet unzweifelhaft, wie mir scheint, Kraft mit einem Attizismus, den man vergeblich bei irgendeinem andern Redakteur der öffentlichen Blätter suchen würde.«

»Ja,« sagte Dutocq, »er liest sich sehr gut; und dann zeigen die Wendungen einen Stil, wie ihn nicht der erste Beste zu schreiben vermag. Aber man muß das lesen, um es zu ›genießen‹. Ich glaube, das ›Echo de la Bièvre‹ wird morgen von den andern Zeitungen heftig angegriffen werden.«

»Oh, das wünschen wir ja gerade!« sagte Thuillier, »und wenn die Regierung uns die Freundlichkeit erweisen wollte, es zu beschlagnahmen . . .«

»Ich danke bestens, mein Gönner!« sagte Fleury, den Thuillier ebenfalls zum Essen mitgebracht hatte, »ich möchte doch lieber nicht so schnell zur Ausübung meiner Funktionen veranlaßt werden.«

»Oh, beschlagnahmt! . . .« bemerkte Dutocq, »beschlagnahmt werdet ihr nicht werden; aber ich denke, die ministeriellen Zeitungen werden eine volle Breitseite gegen euch abfeuern.«

Am andern Morgen war Thuillier schon von acht Uhr an auf der Redaktion, um als erster diese Salve entgegenzunehmen. Aber nachdem er alle Zeitungen durchgesehen hatte, mußte er feststellen, daß von dem »Echo de la Bièvre« nicht mehr die Rede war, als wenn es überhaupt nicht existiert hätte.

Als la Peyrade ankam, fand er seinen unglücklichen Freund ganz bestürzt vor.

»Wundert dich das?« sagte der Provenzale ruhig; »ich habe gestern euren Voraussagungen über einen heißen Kampf mit der Presse nicht widersprochen; aber ich wußte wohl, daß heute früh kein Wort über uns geschrieben sein würde. Besteht denn nicht gegen jede Zeitung, deren Debüt etwas Lärm macht, stets vierzehn Tage, und manchmal einen Monat lang die »Verschwörung des Totschweigens«?«

»Die Verschwörung des Totschweigens?« wiederholte Thuillier voller Staunen.

Er wußte nicht, was das zu bedeuten hatte, aber ihm imponierte an dem Worte selbst seine Großartigkeit und etwas, das seine Phantasie anregte. Als la Peyrade ihm auseinandergesetzt hatte, daß man unter der Verschwörung des Totschweigens den Entschluß des völligen Schweigens zu verstehen habe, das die bereits bestehenden Zeitungen gegenüber einer neuen bewahren, um es zu vermeiden, Reklame für sie zu machen, indem sie sich mit ihr beschäftigen, war er dadurch nicht mehr befriedigt, als schon vorher durch den hochtrabenden Klang des Wortes. Der Bourgeois ist so beschaffen; das Wort ist eine Münze, die bei ihm unbestrittenen Kurs hat. Um eines Wortes willen regt er sich auf oder beruhigt er sich, entrüstet er sich oder klatscht er Beifall. Mit einem Worte läßt er sich dazu bringen, eine Revolution zu machen und die Regierung seiner eigenen Wahl zu stürzen.

Aber die Zeitung war ja nur das Mittel, der Zweck war die Kandidatur Thuilliers; sie war in den ersten Nummern mehr angedeutet als aufgestellt worden; aber eines Morgens erschien in den Spalten des Echos ein Brief von mehreren Wählern, die ihrem Vertreter im Generalrat ihren Dank für seine feste und freimütig liberale Haltung aussprachen, die er bei der Behandlung der kommunalen Interessen bewiesen habe. »Diese Festigkeit hat ihm die Verfolgung durch eine Regierung eingetragen, die, im Schlepptau des Auslandes, Polen im Stiche gelassen und sich an England verkauft hat; unser Bezirk bedarf als Vertreter in der Kammer eines Mannes von erprobter Überzeugung, der das Banner der dynastischen Opposition hoch und sicher trägt, und dessen Name schon für die Regierung eine ernste Lehre bedeutet.«

Mit einem gewandten Kommentar la Peyrades versehen, trug dieser Brief die Unterschrift Barbets und Métiviers, der beiden Mieter des Hauses in der Rue Saint-Dominique, von denen der zweite der Papierlieferant der Zeitung war; fast alle Lieferanten Brigittes, deren Kundin sie im Hinblick auf die Wahl auch nach ihrem Fortzuge geblieben war, der Arzt, der Apotheker und der Architekt Thuilliers und endlich auch Barniol, der Schwiegersohn Phellions, der sich zu ziemlich fortschrittlichen Ansichten bekannte, hatten gleichfalls ihre Namen unter den Brief gesetzt. Was Phellion anlangt, so hatte er dessen Ausdrücke zu wenig maßvoll gefunden und, immer der Ritter ohne Furcht und Tadel, obwohl er annehmen mußte, daß seine Ablehnung den Herzenswünschen seines Sohnes schaden könnte, sich mutig ferngehalten.

Dieser Versuchsballon hatte in der Tat den besten Erfolg; die zehn bis zwölf Namen, die sich herausgestellt hatten, galten als der Ausdruck des Willens der Wähler und nannten sich die »Volksstimme des Bezirks«; die Kandidatur Thuilliers machte sogleich solche Fortschritte, daß Minard Bedenken trug, die seinige aufzustellen.

Entzückt über die Wendung, die die Dinge nahmen, war Brigitte die erste, die erklärte, die Heiratsangelegenheit müsse nun endlich »erledigt« werden, und Thuillier stimmte ihr um so mehr bei, als er fürchtete, jeden Augenblick genötigt werden zu können, die Summe, für die er gebürgt hatte, zu bezahlen. Eine gründliche Auseinandersetzung fand zwischen dem Provenzalen und der alten Jungfer statt. Sie verhehlte ihm nichts von ihren Besorgnissen bezüglich des Festhaltens an ihrer unumschränkten Autorität, wenn ein »Schwiegersohn« von seinem Geiste und Charakter ihr Hausgenosse werden würde. »Wenn wir uns streiten sollen,« sagte sie schließlich, »dann ist es besser, von Anfang an getrennte Wirtschaft zu führen, wir können darum nicht weniger gute Freunde bleiben.«

La Peyrade antwortete ihr, »daß er um keinen Preis auf ein solches Arrangement eingehen würde«; er habe im Gegenteil es als ein besonderes Glück seines zukünftigen Lebens angesehen, daß bei der Führung des Hauses die materielle Seite auch fernerhin der vortrefflichen Leitung Brigittes vorbehalten bleibe. Er würde mit der Leitung der äußeren Angelegenheiten genug zu tun haben und begriffe nicht, wie man annehmen könne, daß er auch nur auf den Gedanken kommen würde, sich in Kleinigkeiten zu mischen, die ihm vollkommen fern lägen. Kurz, er beruhigte und überzeugte Brigitte so völlig, daß sie ihrerseits ihn aufforderte, ohne Verzug die erforderlichen Schritte für die Aufbietung zu tun, indem sie sich selbst vorbehielt, Céleste auf die baldige Entscheidung vorzubereiten, und sich anheischig machte, durchzusetzen, daß sie, ohne mit der Wimper zu zucken, ihr Einverständnis erklären würde.

»Mein liebes Kind,« sagte sie daher eines Morgens zu Céleste, »ich denke, du hast nicht mehr die Absicht, Felix Phellion zu heiraten. Erstens ist er atheistischer als je gesinnt, und dann wirst du wohl selbst bemerkt haben, daß er nicht richtig im Kopfe ist. Du hast ja bei Frau Minard Frau Marmus gesehen, die einen Gelehrten, einen Offizier der Ehrenlegion, geheiratet hat, der sogar Mitglied der Akademie ist. Nun, es gibt keine unglücklichere Frau: ihr Mann ist so weit gegangen, eine Wohnung hinter dem Luxembourg, nahe bei der Rue Notre-Dame des Champs, in der Rue Duguay-Trouin, zu nehmen, einer Straße, die weder gepflastert noch beleuchtet ist. Wenn er ausgeht, weiß er nicht, wohin er geht, und steht plötzlich auf dem Champ de Mars, wenn er nach dem Faubourg Poissonnière will; er ist nicht einmal imstande, einem Droschkenkutscher seine Adresse anzugeben und so zerstreut, daß er nicht zu sagen vermag, ob er schon gegessen hat oder nicht. Du wirst dir vorstellen können, was für ein Leben eine Frau mit einem solchen Menschen verbringen muß, der immer ein Glas vor den Augen hat, um nach den Sternen zu sehen.«

»Aber Felix,« sagte Céleste, »ist doch gar nicht so zerstreut.«

»Gewiß, weil er noch jung ist, aber später wird seine Zerstreutheit seine Gottlosigkeit nur noch stärker werden lassen; wir sind deshalb alle überzeugt, daß er nicht der richtige Mann für dich ist, und deine Mutter, dein Vater, Thuillier und ich, alle die im Hause gesunden Menschenverstand haben, haben beschlossen, daß du dich für la Peyrade entscheiden sollst, einen Mann von Welt, der seinen Weg machen wird, der uns sehr große Dienste geleistet hat und deinen Paten auch noch zum Deputierten machen wird. Wir sind bereit, mit Rücksicht auf ihn dir eine Mitgift zu geben, die wir jedenfalls bei einem andern nicht geben würden. Die Sache ist also abgemacht, das Aufgebot wird bestellt und heute in acht Tagen der Ehekontrakt unterzeichnet werden. Wir werden ein großes Diner für die Verwandten und intimen Freunde geben und danach eine Soiree, wo der Kontrakt unterzeichnet und deine Aussteuer und Hochzeitsgeschenke ausgestellt werden sollen, und da ich die Sache in die Hand nehme, so stehe ich dir dafür, daß alles fein werden wird, vorausgesetzt, daß du dich nicht kindisch benimmst und unseren Absichten entgegenkommst.«

»Aber Tante Brigitte . . .« sagte Céleste schüchtern.

»Es gibt hier kein ›Wenn‹ und kein ›Aber‹,« entgegnete die alte Jungfer in befehlendem Tone, »die Sache ist abgemacht, es sei denn, daß Sie klüger sein wollen, mein Fräulein, als Ihre Eltern . . .«

»Ich werde tun, was Sie wünschen, liebe Tante«, antwortete Céleste, die fühlte, daß sich ein Unwetter über ihrem Haupte zusammenzog, und die nicht die Kraft hatte, gegen den eisernen Willen, dessen Entscheidung sie eben vernommen hatte, anzukämpfen.

Sie ging sogleich zu Frau Thuillier, ihrer Patin, um ihren Kummer bei ihr auszuweinen; da sie aber hier nur von Geduld und Ergebung reden hörte, so war dem armen Kinde klar, daß sie von dieser Seite nicht die geringste Unterstützung zu erwarten hatte, und daß sie sich rettungslos opfern müßte.

Brigitte stürzte sich mit Leidenschaft auf das neue Betätigungsgebiet, das sich ihr eröffnete, und begann sogleich den Feldzug für die Fertigstellung der Aussteuer und den Einkauf der Hochzeitsgeschenke. Wie die Geizigen bei besonderem Anlaß ihre Gewohnheiten und ihren Charakter verleugnen, so fand auch die alte Jungfer nichts schön genug und warf das Geld dermaßen zum Fenster hinaus, daß bis zu dem Tage, an dem die Unterzeichnung des Ehekontraktes stattfinden sollte, der Juwelier, die Schneiderin, die Wäschenäherin, die Modehändlerin, der Tapezierer, alle nur von berühmten Firmen, sich dauernd bei Brigitte aufhielten.

»Es ist die reine Prozession,« sagte voller Bewunderung Josephine, die Köchin, zu der Franziska von Minards, »von früh bis abends steht die Klingel nicht still.«

Das Diner wurde bei Chabot und Potel, und nicht bei Chevet, bestellt. Brigitte wollte damit ihre Selbständigkeit beweisen und zeigen, daß sie nicht bei dem von Frau von Godollo Eingeführten festzuhalten brauche. Die Gäste setzten sich folgendermaßen zusammen: drei Thuilliers, drei Collevilles, die Braut mit gerechnet; la Peyrade, der Bräutigam; Dutocq und Fleury, der verantwortliche Redakteur des »Echos de la Bièvre«, die er als Trauzeugen gebeten hatte, da die außerordentlich beschränkte Zahl seiner Beziehungen ihm keine andere Wahl ließ; Minard und Rabourdin als Trauzeugen Célestes; zwei Kollegen Thuilliers im Generalrat; der Notar Dupuis, der den Ehekontrakt aufzusetzen hatte, und endlich der Abbé Gondrin, der Beichtvater Frau Thuilliers und Célestes, der das Paar auch trauen sollte.

Dieser letzte der Gäste war ein ehemaliger Vikar von Saint-Jacques du Haut-Pas, der auf Grund seiner vornehmen Manieren und seiner Predigerbegabung vom Monseigneur, dem Herrn Erzbischof, von der ärmlichen Pfarre, an der er seine Laufbahn begonnen hatte, an die aristokratische Madeleinekirche berufen worden war. Seitdem seine beiden Beichtkinder auch seine Pfarrkinder geworden waren, besuchte der junge Abbé sie zuweilen, und Thuillier, der ihn aufgesucht und ihm in seiner Weise auseinandergesetzt hatte, wie passend die Wahl la Peyrades sei, wobei er Felix Phellion wegen seiner religiösen Ansichten eifrig anschwärzte, hatte ohne Schwierigkeit bei ihm durchgesetzt, daß er mit seinen salbungsvollen und überredenden Worten zu der Ergebung des Opfers beitrug.

Als man sich zu Tisch setzen wollte, fehlten noch drei Eingeladene: der junge und der alte Minard und der Notar Dupuis. Dieser letzte hatte am Morgen ein paar Zeilen an Thuillier geschrieben, daß man ihn nicht zum Diner erwarten möge, daß er aber pünktlich um neun Uhr mit dem Kontrakt sich im Salon zu Fräulein Thuilliers Verfügung halten werde. Den jungen Minard entschuldigte seine Mutter damit, daß ihn eine heftige Erkältung ans Zimmer fessele; die Abwesenheit des alten Minard, der mit seiner Frau und seiner Tochter nicht mitgekommen war, blieb unentschuldigt, und da die festgesetzte Zeit schon vorüber war, so bat Frau Minard, die versicherte, daß ihr Mann bestimmt noch erscheinen würde, dringend, daß man ohne ihn zu Tisch gehen möchte. Brigitte gab den Auftrag, daß ihm die Suppe warmgehalten werden solle, denn nach bürgerlichen Begriffen ist ein Diner ohne Suppe kein richtiges Diner!

Die Mahlzeit verlief in mäßig heiterer Stimmung, und wenn auch das Essen besser war, – was den Schwung und die angeregte Unterhaltung betrifft, welch ein Unterschied mit dem berühmten improvisierten Bankett anläßlich der Wahl zum Generalrat!

Des Fehlen der drei Eingeladenen gab die erste Veranlassung zu dieser kühlen Stimmung; ferner war Flavia leidend, die la Peyrade bei sich empfangen und mit ihm eine sehr tränenreiche Auseinandersetzung gehabt hatte. Und selbst wenn Céleste von der Wahl, die man für sie getroffen hatte, beglückt gewesen wäre, so hätte sie schicklicherweise ihre Freude äußerlich doch nicht zeigen dürfen; sie brauchte sich daher nicht zu zwingen, ein heiteres Gesicht zur Schau zu stellen, und sie wagte nicht einmal, ihre Patin anzusehen, deren Physiognomie andauernd einen sozusagen schafsmäßigen Ausdruck zeigte; das arme Kind hätte fürchten müssen, daß ein zwischen ihnen gewechselter Blick ihm die Tränen in die Augen treiben würde. Thuillier hatte in so vieler Beziehung eine Bedeutung erlangt, daß er sich steif hielt, und Brigitte, die sich nicht in ihrem Kreise, in dem sie ohne Konkurrenz thronte, befand, war ebenfalls unsicher und verlegen.

Colleville versuchte zwar, die Temperatur mit einigen lustigen Bemerkungen etwas zu erwärmen, aber das grobe Salz seiner Künstlerscherze wirkte in diesem Milieu wie eine Lachsalve in einem Krankenzimmer, und die stumme Aufforderung Thuilliers, la Peyrades und seiner Frau, »Haltung« zu bewahren, setzte seiner Angeregtheit und seiner lärmenden Plauderlust einen Dämpfer auf. Merkwürdigerweise war es gerade die würdevollste Persönlichkeit der Gesellschaft, der es mit Unterstützung Babourdins gelang, die Stimmung etwas wärmer zu gestalten. Der Abbé Gondrin, ein besonders geistvoller und feingebildeter Mann, besaß wie alle reinen und klardenkenden Seelen ein maßvoll heiteres Wesen; das sich andern mitzuteilen wußte, und die Gesellschaft fing gerade an, lebendiger zu werden, als Minard erschien.

Nachdem er sich entschuldigt hatte, indem er vorschützte, daß er eine amtliche Angelegenheit, die keinen Aufschub duldete, habe erledigen müssen, wechselte er einen Blick mit seiner Frau, der viel mehr auf eine private Abhaltung schließen ließ. La Peyrade und Thuillier war eine Loge für die erste Vorstellung des »Liebestelegraphen«, der berühmten Féerie, in der Olympia Cardinal debütieren sollte, zugeschickt worden, und sie wußten, was sie von dem Unwohlsein Julien Minards zu halten hatten. Sie sahen einander an, als sie das Zeichen des Einverständnisses, das zwischen den beiden Ehegatten gewechselt wurde, bemerkten, und schienen sich zu fragen, ob der Herr Bürgermeister des elften Bezirks nicht hinter die Schliche seines Sohnes gekommen sei, und ob ihn nicht der Wunsch, sich über die Ausschweifungen seines Sohnes, des Advokaten, Gewißheit zu verschaffen, so lange zurückgehalten habe.

Da er gewöhnt war, überall, wo er sich befand, die Zügel der Unterhaltung an sich zu reißen, und da er sicher wünschte, seine väterlichen Sorgen hinter dem Anschein vollkommener geistiger Unbekümmertheit zu verbergen, sagte Minard, sobald er eilig einige Bissen zu sich genommen hatte:

»Wissen Sie schon die große Neuigkeit, meine Herren?«

»Welche denn?« fragte man von verschiedenen Seiten voll Interesse.

»Die Akademie der Wissenschaften«, antwortete Minard, »hat in ihrer heutigen Sitzung die Mitteilung von einer außerordentlichen Entdeckung erhalten: wir haben einen Stern mehr am Himmel.«

»Ei,« sagte Colleville, »da kann er ja den ersetzen, den Béranger zu wenig fand, als er in dem Liede der Oktavia die Abreise Chateaubriands beklagte: ›Chateaubriand, warum fliehst du dein Vaterland?‹«

Dieses gesungene Zitat machte Flavia zornig, die, wenn es üblich gewesen wäre, daß die Frauen bei Tische neben ihren Männern säßen, sich nicht mit einem strengen drohenden »Colleville!« begnügt haben würde, das sie ihm jetzt von weitem zurief, um ihn zurechtzuweisen.

»Was für die Gesellschaft hier, an der ich teilzunehmen die Ehre habe,« fuhr Minard fort, »an diesem großen astronomischen Ereignis aber von besonderem Interesse ist, das ist, daß der Entdecker im zwölften Bezirk wohnt, den mehrere von Ihnen ebenfalls bewohnen oder lange Zeit bewohnt haben. Bei diesem bedeutenden wissenschaftlichen Faktum ist übrigens alles erstaunlich. Die Akademie war nach der Vorlesung der Abhandlung, die ihr davon Kunde gab, von der Existenz des Sternes so überzeugt, daß sich nach Schluß der Sitzung eine Deputation in die Behausung des modernen Galilei begab, um ihn im Namen des ganzen Instituts zu beglückwünschen, und dabei ist dieser Stern weder für das bloße noch für das bewaffnete Auge sichtbar; nur durch Berechnungen und Schlußfolgerungen ist seine Existenz und seine Stelle am Himmel in vollkommen unwiderlegbarer Weise bewiesen worden. ›Es muß dort ein unbekannter Stern vorhanden sein; ich kann ihn nicht sehen, aber ich bin seiner gewiß.‹ So sprach der Gelehrte zu der Akademie, die er von Anfang an von seinen Schlüssen überzeugt hat; und wissen Sie, meine Herren, wer dieser neue Christoph Kolumbus der Himmelswelt ist? Ein zu drei Vierteln blinder alter Mann, der gerade noch so viel sieht, um sich über die Straße zu finden.«

»Wunderbar! Fabelhaft!« ertönte es von allen Seiten.

»Wie heißt denn dieser Gelehrte?« fragten mehrere.

»Herr Picot, oder wenn Sie lieber wollen, der Vater Picot, denn so wird er in der ganzen Rue du Val-de-Grâce, wo er wohnt, genannt; er ist ganz einfach ein alter Professor der Mathematik, der übrigens bedeutende Schüler hat; auch Felix Phellion, den Sie ja alle kennen, hat seine Studien bei ihm gemacht, und er gerade ist es, der an Stelle seines alten Lehrers die Abhandlung der Akademie vorgelesen hat.«

Bei der Erwähnung des Namens von Felix erinnerte sich Céleste des Versprechens, das er dem Himmel zugerufen und das sie für einen Anfall von Wahnsinn gehalten hatte, und warf Frau Thuillier einen Blick zu, deren Gesicht sich belebt hatte, und die ihr zu sagen schien: »Mut, mein Kind! Noch ist nicht alles verloren.«

»Felix, mein Lieber,« sagte Thuillier zu La Peyrade, »soll ja heute abend zu uns kommen; wir müssen ihn dringend bitten, daß er uns die Abhandlung mitteilt; das wäre ein Glücksfall für unser Echo, wenn wir die ersten sein könnten, die sie bringen.«

»Oh,« bemerkte Minard, der für ihn antwortete, »das wäre etwas für die Neugierde des Publikums, denn die Sache wird ungeheures Aufsehen erregen. Da die Deputation Herrn Picot nicht zu Hause getroffen hat, hat sie sich von da direkt zum Unterrichtsminister begeben; dieser ist in die Tuilerien geeilt, und die Abendausgabe des ›Messager‹, die heute ausnahmsweise ziemlich zeitig erschienen ist und die ich unterwegs in meinem Wagen gelesen habe, bringt die Ernennung Picots zum Ritter der Ehrenlegion und teilt mit, daß ihm eine Pension von achtzehnhundert Franken aus dem Fonds zur Unterstützung von Kunst und Wissenschaft bewilligt worden ist.«

»Das ist endlich einmal ein wohlverdientes Kreuz!« sagte Thuillier.

»Aber achtzehnhundert Franken Pension,« meinte Dutocq, »das erscheint mir doch ziemlich ruppig.«

»Gewiß,« sagte Thuillier, »und um so mehr, als es schließlich doch das Geld der Steuerzahler ist, und wenn man sieht, wie dieser Fonds von allen von der Kamarilla Empfohlenen geplündert wird.«

»Achtzehnhundert Franken«, antwortete Minard, »sind immerhin schon etwas, besonders für einen Gelehrten. Diese Leute sind fast bedürfnislos und daran gewöhnt, mit sehr wenig zu leben.«

»Ich glaube übrigens, daß der brave Picot kein so geordnetes Leben führt, denn gerade jetzt drängt seine Familie, die ihn erst entmündigen lassen wollte, darauf, daß ihm vom Gericht ein Pfleger bestellt werde; es wird behauptet, daß er sich von einer Person, die bei ihm in Dienst steht, ausplündern läßt. Hör mal, Thuillier, du kennst sie ja, das ist die Frau, die neulich auf der Redaktion war, und der man eingeredet hatte, daß der Notar Dupuis, bei dem sie etwas Geld stehen hat, damit geflohen sei.«

»Ja, ja, richtig,« sagte Thuillier und nickte, »du hast recht, ich kenne sie.«

»Es ist doch komisch,« sagte Brigitte, die die Gelegenheit ergriff, das Argument, das ihr vor einigen Tagen die Zerstreutheiten des Akademikers Marmus geliefert hatten, noch zu verstärken, »daß diese Gelehrten außerhalb ihrer Wissenschaft zu nichts taugen, und daß man sie zu Hause wie Kinder behandeln muß.«

»Das beweist«, sagte der Abbé Gondrin, »wie vollkommen sie sich in ihre Arbeit vertiefen, aber zugleich auch eine geistige Einfalt, die etwas sehr Rührendes hat.«

»Wenn sie nicht störrisch wie die Esel sind«, fuhr Brigitte lebhaft fort. »Ich muß Ihnen gestehen, Herr Abbé, daß ich nie einen Gelehrten heiraten würde. Womit befassen sie sich eigentlich, diese Gelehrten? Meistenteils mit Nichtigkeiten; Sie sind alle voller Bewunderung, daß man einen Stern entdeckt hat, aber was haben wir, alle die wir hier sind, eigentlich davon? Was die neuen Sterne betrifft, so scheint mir, daß wir doch schon reichlich genug von der Sorte haben!«

»Bravo, Brigitte,« sagte Colleville, der sich wieder vergaß, »du hast ganz recht, mein Kind, und ich bin ganz deiner Meinung, daß schon der, der bloß ein neues Gericht erfand, sich um die Menschheit viel mehr verdient gemacht hat.«

»Colleville,« rief Flavia, »ich muß dich darauf aufmerksam machen, daß deine geschmacklosen Bemerkungen äußerst unpassend sind.«

»Mein liebes Fräulein,« wandte sich der Abbé Gondrin jetzt an Brigitte, »Sie würden recht haben, wenn wir nur aus Materie bestünden und unserm Körper nicht auch eine Seele innewohnte, deren Gefühle und Ansprüche auch befriedigt sein wollen. Nun, ich meine, die Sehnsucht nach dem Unendlichen, die wir empfinden, und der wir in unserer Art Genüge tun wollen, die wird in wundervoller Weise von den Ergebnissen der Astronomie gestillt, die uns täglich neue Welten, die der Schöpfer in den Raum hinausgestellt hat, enthüllt. Diese Sehnsucht nach dem Unendlichen hat bei Ihnen einen andern Weg eingeschlagen; sie erstreckt sich auf das Näherliegende, und diese Ihre Leidenschaft, alles was Sie umgibt zu beglücken, diese starke, heiße, hingebende Liebe zu Ihrem vortrefflichen Bruder, das ist ebenfalls eine Manifestation der tiefen Sehnsucht, die nichts Irdisches an sich hat, und die, wenn sie ihrem Ziel zustrebt, niemals daran denkt, sich zu fragen: ›Wozu ist das gut? Wozu dient das?‹ Im übrigen muß ich Ihnen noch bemerken, daß die Sterne doch nicht so ganz ohne Nützlichkeit sind, wie Sie es sich einbilden; denn ohne sie würden die Schiffer ihr Fahrzeug zu lenken nicht imstande sein und nicht nach fernen Ländern fahren können, um diese Vanille uns herzubringen, die Ihnen dazu gedient hat, diesem köstlichen Crême, den Sie bereitet haben und den ich eben esse, sein Aroma zu verleihen. Herr Colleville sieht also, daß zwischen den Speisen und den Sternen nähere Beziehungen bestehen, als er anzunehmen schien; man soll niemanden mißachten, weder die Astronomen noch die guten Hausfrauen.«

Hier wurde der Abbé durch den Lärm eines lauten Zankes im Vorzimmer unterbrochen.«

»Und ich sage Ihnen, ich gehe doch hinein!« schrie jemand.

»Nein, mein Herr, das werden Sie nicht«, antwortete die Stimme des ›männlichen‹ Dienstboten. »Die Herrschaften sind bei Tisch, wie ich Ihnen schon sagte, und man bricht nicht derart in eine Wohnung ein.«

Thuillier erblaßte; seit der Beschlagnahme der Broschüre glaubte er bei jedem unerwarteten Besuch die Polizei erscheinen zu sehen.

Unter andern Regeln, die Brigitte von Frau von Godollo eingeschärft worden waren, mußte am häufigsten die wiederholt werden, daß die Herrin des Hauses, wenn sie der Tafel präsidiert, sich nur erheben darf, um das Zeichen zu geben, daß die Mahlzeit beendet ist; da aber unter diesen Umständen eine Ausnahme verzeihlich war, so stand sie auf und sagte schnell zu Thuillier, dessen Unruhe sie bemerkt hatte:

»Ich werde nachsehen, was es gibt. – Was ist denn los?« fragte sie den Diener, sobald sie auf dem Kampfplatz erschienen war.

»Der Herr will durchaus hinein und sagt, daß man um acht Uhr nicht mehr bei Tisch sitzt.«

»Aber wer sind Sie denn?« sagte Brigitte zu einem alten ziemlich merkwürdig gekleideten Mann, dessen Augen mit einem Schirm geschützt waren.

»Gnädige Frau, ich bin weder ein Bettler noch ein Armer«, erwiderte der Greis mit schallender Stimme. »Ich heiße Picot und bin Professor der Mathematik.«

»Aus der Rue du Val-de-Grâce?« fragte Brigitte.

»Jawohl, Nummer 9, neben der Fruchthändlerin.«

»Aber treten Sie doch ein, mein Herr, wir sind sehr glücklich, Sie bei uns empfangen zu können«, sagte Thuillier, der sich nach Feststellung seiner Identität auf den Gelehrten gestürzt hatte.

»Na, du Esel?« rief der Gelehrte und wandte sich nach der Seite, wo er vorher den Diener gesehen hatte, der aber, da er merkte, daß alles freundschaftlich erledigt wurde, fortgegangen war, »habe ich dir nicht gesagt, daß ich hineingehen würde?«

Der Vater Picot war ein hochgewachsener Mann, mit knochigem ernstem Gesicht, dessen kräftige, infolge angestrengter Arbeit bleichen Züge, trotz der Milderung durch eine blonde Perücke mit dicken Locken und einem friedlichen Augenschirm, einen bissigen und kampfbereiten Anstrich aufwiesen; davon hatte er ja auch eine Probe abgelegt, bevor er im Speisezimmer erschien, wo alle aufstanden, um ihn zu begrüßen.

Sein Anzug bestand aus einem riesigen Überrock, einem Mittelding zwischen Überzieher und Schlafrock, unter dem eine ungeheure eisengraue Tuchweste, die mit zwei Reihen von Knöpfen wie eine Husarenjacke geschlossen war und vom Nabel bis zum Halse eine Art Harnisch bildete, hervorsah; die Hose bestand, obwohl es bereits Ende Oktober war, aus schwarzem Lasting und verriet ihren langen Dienst durch die helleren Stellen einer sehr deutlichen Ausbesserung, die sich von den beiden glänzenden Flächen des in der Kniegegend abgeriebenen Stoffes abhoben; was aber bei hellem Licht an der Kleidung dieses Gelehrten am meisten auffiel, das waren seine Patagonierfüße in Schuhen aus einem Wollstoff, die sich den hügelartigen Wendungen dieser gigantischen Zwiebelgewächse anpassen mußten und unwillkürlich an den Rücken eines Dromedars oder an eine vorgeschrittene Elephantiasis denken ließen.

Als er auf dem Stuhl Platz genommen hatte, der ihm eiligst hingeschoben war, und alle sich wieder gesetzt hatten, rief der Alte mitten in dem erwartungsvollen Schweigen mit donnernder Stimme:

»Wo ist er, dieser Taugenichts, dieser Lumpenkerl? Er soll sich melden, wenn er wagt, seine Stimme laut werden zu lassen!«

»Wen meinen Sie denn, verehrter Herr?« fragte Thuillier in besänftigendem, ein wenig gönnerhaftem Tone.

»Einen Kerl, den ich nicht zu Hause angetroffen habe, mein Herr, und der sich, wie man mir gesagt hat, in diesem Hause befinden soll. Ich bin doch hier bei Herrn Thuillier, dem Mitgliede des Generalrats, am Madeleineplatz, erster Stock, über dem Zwischengeschoß?«

»Gewiß, mein Herr,« antwortete Thuillier, »und ich füge hinzu, daß Ihnen hier jeder Respekt und volle Sympathie entgegengebracht wird.«

»Und Sie werden gewiß gestatten,« schloß sich Minard an, »daß der Bürgermeister des Bezirks, das dem, in dem Sie wohnen, benachbart ist, sich beglückwünscht, mit Herrn Picot hier zusammen sein zu dürfen, der seinen Namen durch die Entdeckung eines Sterns soeben sicher unsterblich gemacht hat.«

»Jawohl, mein Herr,« erwiderte der Professor und erhob seine Stentorstimme noch mehr, »ich bin Picot (Nepomuk), der, von dem Sie sprechen; aber ich habe keinen Stern entdeckt, ich kümmere mich nicht um solche Albernheiten, ich habe sehr schlechte Augen, und der unverschämte Mensch, den ich bis hierher verfolgt habe, hat mich damit lächerlich gemacht; er verbirgt sich, der Feigling, und wagt nicht, einen Ton von sich zu geben.«

»Aber wer ist denn der Mensch, über den Sie so böse sind?« fragten mehrere zugleich den grimmigen Alten.

»Ein entarteter Schüler von mir,« antwortete der alte Mathematiker, »ein schlechtes Subjekt, wenn auch sehr begabt, er nennt sich Felix Phellion.«

Dieser Name erregte, wie man sich denken kann, das höchste Erstaunen. Colleville und la Peyrade fanden die Situation so komisch, daß sie in lautes Lachen ausbrachen.

»Du lachst noch, Elender?« schrie der jähzornige Greis und erhob sich; »komm mir doch nahe und wage es, zu lachen.«

Er schwenkte einen riesigen Stock mit einer Porzellankrücke, der ihm als Stütze diente, so daß er beinahe einen Kandelaber vom Tische Frau Minard an den Kopf geschleudert hätte.

»Sie irren sich, mein Herr,« sagte Brigitte und fiel ihm in den Arm, »Herr Felix Phellion ist nicht hier. Er wird wahrscheinlich gleich zu unserer Soiree erscheinen, aber zurzeit ist er noch nicht eingetroffen.«

»Eure Soireen beginnen ziemlich spät!« sagte der Greis; »es ist acht Uhr vorüber. Aber da der Herr Felix kommen soll, so erlauben Sie mir, auf ihn zu warten; ich glaube, Sie waren noch beim Essen; lassen Sie sich nicht stören.«

Und er setzte sich, ruhiger geworden, wieder nieder.

»Da Sie es uns gestatten wollen,« sagte Brigitte, »werden wir unser Essen fortsetzen, oder vielmehr beenden, denn wir waren schon beim Dessert. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Ein Glas Champagner und ein Biskuit?«

»Gern, gnädige Frau«, erwiderte der Alte. »Ein Glas Champagner lehnt man niemals ab, und ich genieße gern etwas zwischen meinen Mahlzeiten; aber Sie dinieren sehr spät.«

Man machte ihm zwischen Colleville und Fräulein Minard Platz, und der Musiker war darauf bedacht, das Glas seines neuen Nachbars gefüllt zu halten, vor den man einen Teller mit kleinen Kuchen gestellt hatte.

»Mein Herr,« sagte la Peyrade jetzt mit falscher Freundlichkeit, »Sie sehen uns alle erstaunt darüber, daß Sie sich über Herrn Felix Phellion zu beklagen haben, einen so sanften, so friedlichen jungen Menschen! Was hat er Ihnen denn nun wirklich getan, daß Sie ihm so böse sind?«

Den Mund voll Kuchen, den er in solchen Massen verschlang, daß Brigitte unruhig wurde, machte der Professor ein Zeichen, daß er gleich antworten würde, und nachdem er sich in den Gläsern geirrt, und den Inhalt von Collevilles Glas ausgetrunken hatte, erwiderte er:

»Was mir dieser unverschämte Kerl getan hat? Er hat mir Streiche gespielt – denn dieser hier ist nicht der erste, den ich ihm vorzuwerfen habe –, für die er gehenkt zu werden verdiente. Er weiß recht gut, daß ich die Sterne nicht ausstehen kann, ich bin mit ihnen so bestraft worden, daß ich wirklich nicht den geringsten Wert auf sie lege. Als ich im Jahre 1807 Mitglied des Schifffahrtsamtes war, nahm ich an der nach Spanien entsandten Expedition teil, unter der Leitung meines Freundes und Kollegen Jean-Baptiste Biot, um den Erdmeridian von Barcelona bis zu den Balearen zu messen. Ich war gerade dabei, einen Stern zu beobachten, vielleicht gerade den, den mein Schüler, dieser Lump, eben zufällig entdeckt hat, als plötzlich der Krieg zwischen Frankreich und Spanien ausbrach; die Bauern, die mich auf dem Galazzoberge mit dem Fernrohr hingepflanzt sahen, glaubten, daß ich dem Feinde Signale gäbe. Ein wütender Haufen zerbrach meine Instrumente und wollte auch mich schon zusammenhauen; ich war fu . . ., ich war verloren, wenn mich nicht ein Schiffskapitän zum Gefangenen gemacht und auf die Festung Belver gebracht hätte, wo ich drei Jahre in der härtesten Gefangenschaft zubringen mußte. Sie werden begreifen, daß ich seitdem das Himmelssystem nicht gerade mit freundlichen Augen ansehe; trotzdem war ich es, der unbewußt zuerst den berühmten Kometen von 1811 beobachtete; ich hätte aber nichts darüber laut werden lassen, wenn nicht Herr Flauguergues so indiskret gewesen wäre, es zu verkünden. Wie alle meine Schüler kennt auch Phellion meinen ausgesprochenen Widerwillen gegen die Sterne, und er wußte recht gut, daß er mir einen üblen Streich spielte, wenn er mir einen davon anhängte. Die Deputation, die zu mir gekommen ist, um mir ihre albernen Glückwünsche auszusprechen, kann froh sein, daß sie mich nicht angetroffen hat, denn die Herren Akademiker, alle wie sie da sind von der Akademie, hätten eine sehr üble Viertelstunde verbracht.«

Die ganze Gesellschaft fand diese merkwürdige fixe Idee des alten Mathematikers sehr komisch. Nur la Peyrade, der anfing zu begreifen, welche Rolle Felix hierbei gespielt hatte, bedauerte, daß er diese Auseinandersetzung herbeigeführt hatte.

»Trotzdem, Herr Picot, will mir scheinen,« sagte Minard, »daß, wenn Felix Phellion nur die Schuld trifft, daß er seine Entdeckung Ihnen zugeschoben hat, in dem Erfolg seines üblen Vorgehens doch eine gewisse Entschädigung für Sie enthalten ist: Das Kreuz der Ehrenlegion, eine Pension und der Ruhm, der sich an Ihren Namen knüpft.«

»Das Kreuz und die Pension nehme ich an«, sagte der Alte und leerte sein Glas, das er dann zum großen Schrecken Brigittes so kräftig auf den Tisch stellte, als ob er den Fuß abbrechen wollte. »Das war mir die Regierung seit zwanzig Jahren schuldig, nicht für die Entdeckung von Sternen – diesen Artikel habe ich immer verachtet –, sondern für meine berühmte Abhandlung über ›Differentiallogarithmen‹, die Kepler Monologarithmen nennen zu sollen glaubte, und die die Tafeln Nepers fortsetzen; für mein ›Euklidisches Problem‹, dessen Lösung ich als erster gefunden habe; vor allem aber für meine Theorie des perpetuum mobile, vier Quartbände mit Tafeln, Paris 1825. Sie sehen also, mein Herr, mir Ruhm verleihen wollen, das heißt, Wasser ins Meer tragen. Um mir einen Platz in den Annalen der Wissenschaft zu sichern, dazu brauche ich Herrn Phellion so wenig, daß ich ihn seit langer Zeit mit Schimpf und Schande weggejagt habe.«

»Sollte das der erste Stern sein,« fragte Colleville lustig, »bei dem er gewagt hat, Ihnen einen Schabernack zu spielen?«

»Er hat etwas viel Schlimmeres getan!« rief der Alte aus; »er hat meinen Ruf vernichtet und meinen Ruhm befleckt. Meine Theorie des perpetuum mobile, deren Druck mich Unsummen gekostet hat, während sie von der königlichen Druckerei hätte hergestellt werden müssen, sollte mir ein Vermögen bringen und mich unsterblich machen. Nun, alles das hat dieser elende Felix verhindert. Von Zeit zu Zeit hat mir dieser junge Sykophant, indem er tat, als ob er das vom Verleger wüßte, berichtet: ›Ihr Buch geht sehr gut, Papa Picot, hier sind fünfhundert Franken‹, oder ›hier sind fünfzig Taler‹, manchmal sogar ›tausend Franken, die ich Ihnen vom Verleger übergeben soll‹. Das ging so Jahre hindurch, und der Verleger, der so gemein war, das Komplott mitzumachen, sagte, wenn ich zu ihm kam: ›Ja gewiß, der Absatz ist nicht schlecht, er »fluscht«, die erste Auflage wird bald verkauft sein.‹ Ahnungslos habe, ich das Geld eingesteckt und mir gesagt: ›Mein Buch wird gewürdigt, die Idee setzt sich langsam durch, und ich kann erwarten, daß eines Tages ein reicher Kapitalist mir vorschlagen wird, meine Theorie praktisch zu verwerten . . .«

»Wie man Flüssigkeiten vertilgt?« fragte Colleville, der unablässig damit beschäftigt war, das Glas des verdrehten Alten zu füllen.

»Nein, mein Herr, das perpetuum mobile, vier Quartbände mit Tafeln, Paris 1825. Aber nein, die Zeit verstrich, ohne daß sich jemand zeigte; und da ich annahm, daß mein Verleger nicht die wünschenswerte Tatkraft hierbei entwickelte, so wollte ich die zweite Auflage einem andern Verleger übertragen. Und hierbei, mein Herr, kam das ganze Komplott ans Licht, so daß ich diese Schlange hinauswerfen mußte. Im Verlaufe von sechs Jahren sind im ganzen neun Exemplare verkauft worden; in falsche Sicherheit gewiegt, habe ich selbst nichts für die Verbreitung meines Buches getan, von dem ich annahm, daß es sich von selbst durchsetze, und so bin ich als das Opfer neidischer schwarzer Bosheit in unwürdiger Weise um den Ertrag meiner Arbeiten betrogen worden.«

»Sollte man darin,« sagte Minard, der damit die Meinung aller Anwesenden zum Ausdruck brachte, »nicht vielmehr ein eben so geschicktes wie zartfühlendes Vorgehen sehen können?«

»Mir ein Almosen zu schenken, nicht wahr?« unterbrach ihn der Alte mit so schallender Stimme, daß Fräulein Minard von ihrem Stuhl in die Höhe fuhr; »mich zu demütigen, mich zu entehren, mich, seinen alten Lehrer? Habe ich seine Wohltaten nötig? Hat Nepomuk Picot, dem seine Frau eine Mitgift von hunderttausend Franken zugebracht hat, schon irgend jemanden angebettelt? Aber heutzutage hat man vor nichts mehr Respekt; einen guten alten Kerl, wie man uns nennt, überlistet man, damit man nachher dem Publikum sagen kann: ›So ein alter Faselhans ist, wie Sie sehen, zu nichts mehr zu gebrauchen; wir, die neue Generation, die Modernen, das junge Frankreich, wir wollen ihn entwöhnen.‹ Jawohl, ihr Grünschnäbel! Ihr und mich ernähren! Der alte Faselhans hat in seinem kleinen Finger mehr Verstand, als ihr in eurem ganzen Gehirn, und ihr werdet niemals an ihn heranreichen, ihr kleinen Intriganten, die ihr seid! Ich bin im übrigen der Vergeltung sicher; der junge Phellion muß ein böses Ende nehmen; denn was er heute vor versammelter Akademie verübt hat, indem er in meinem Namen eine Abhandlung vorgetragen hat, das ist ganz einfach eine Fälschung, und darauf steht Galeerenstrafe.«

»Das ist richtig,« sagte Colleville, »Fälschung eines öffentlichen Sterns.«

Brigitte, die für ihre Gläser zitterte und der die Gefräßigkeit des Alten auf die Nerven ging, erhob sich und gab das Zeichen, daß man sich in den Salon begeben solle; schon mehrmals hatte die Klingel angezeigt, daß zur Soiree Geladene bereits eingetroffen waren. Man wollte also auch den alten Professor dorthin verladen, und Colleville bot ihm freundlich seinen Arm an.

»Nein, mein Herr,« sagte dieser, »gestatten Sie mir, zu bleiben wo ich bin. Ich bin nicht für eine Soiree angezogen, und außerdem blendet das helle Licht meine Augen. Auch liebe ich nicht, mich zur Schau zu stellen, und es ist ebenso gut, wenn die Szene, die sich zwischen mir und meinem Schüler abspielen wird, hier unter vier Augen sich vollzieht.«

»Nun, dann lassen Sie ihn hier,« sagte Brigitte zu Colleville.

Niemand weiter drängte, da der alte Mann, ohne es zu bemerken, schon beinahe seine ganze Bedeutung eingebüßt hatte. Als gute Hausfrau trug sie aber, bevor sie ihn allein ließ, Sorge dafür, daß nichts Zerbrechliches in seiner Reichweite zurückblieb. Dann sagte sie noch mit einem Rest von Aufmerksamkeit:

»Soll ich Ihnen Kaffee herschicken?«

»Jawohl, gnädige Frau, ich nehme Kaffee,« antwortete der Vater Picot, »und auch Kognak.«

»Ja, er nimmt wahrhaftig alles!« sagte Brigitte, die sich entfernte, zu dem »männlichen« Dienstboten.

Und sie wies ihn an, auf den alten Narren aufzupassen.

Als sie in den Salon trat, sah sie den Abbé Gondrin im Mittelpunkte eines großen Kreises, den fast die ganze Gesellschaft um ihn gebildet hatte, und als sie sich ihm näherte, hörte sie, wie er sagte:

»Ich danke dem Himmel, daß er mir diese Freude hat zuteil werden lassen. Niemals bin ich so tief gerührt worden, wie durch die Szene, der wir eben beigewohnt haben, und nichts war, abgesehen von der etwas burlesken Form der Eröffnung, die aber ganz naiv wirkte, weil sie unbeabsichtigt war, in ihr enthalten, was nicht den Ruhm der wunderbaren Großherzigkeit verkündete, die sie uns enthüllt hat. Durch mein Amt auf den Weg der Liebeswerke gewiesen, erkläre ich, daß ich in meinem ganzen Leben einer rührenderen und edleren Hingebung noch nicht begegnet bin: die linke Hand nicht wissen lassen, was die rechte tut, das ist schon Christentum, aber so weit gehen, sich seines eigenen Ruhmes zu entkleiden und ihn unter so ungewöhnlichen Umständen auf einen andern zu übertragen mit der Aussicht, dafür verleugnet, mißverstanden, zurückgestoßen zu werden – das heißt, die Vorschriften des Evangeliums in ihrem vollen Umfange erfüllen; das heißt, mehr sein, als eine barmherzige Schwester, das heißt, ein Apostel der Wohltätigkeit sein! . . . Wie gern würde ich diesen edlen jungen Menschen kennenlernen und ihm die Hand drücken!«

Den Arm unter dem ihrer Patin, stand Céleste einige Schritte von dem Priester entfernt. An seinen Lippen hängend, so lange er redete und das edelmütige Vorgehen Felix' erläuterte, preßte sie Frau Thuilliers Arm und sagte leise zu ihr:

»Hörst du, liebe Patin, hörst du?«

Um den unausbleiblichen Eindruck abzuschwächen, den diese warme Lobrede auf Céleste machen mußte, sagte Thuillier:

»Leider ist dieser junge Mann, von dem Sie hier ein ›solches Rühmen‹ machen, Ihnen nicht ganz unbekannt. Ich hatte Gelegenheit, mich mit Ihnen über ihn zu unterhalten und zu bedauern, daß es uns nicht möglich war, gewissen Projekten, die wir in bezug auf ihn hatten, Folge zu geben angesichts der tief verletzenden Gleichgültigkeit, die er in seinen religiösen Ansichten zur Schau trägt.«

»Ach, das ist derselbe junge Mann,« sagte der Abbé; »das setzt mich sehr in Erstaunen, und ich muß sagen, daß ich auf ein solches Zusammentreffen nicht gefaßt war.«

»Mein Gott, Herr Abbé,« nahm la Peyrade jetzt das Wort, »Sie werden ihn ja gleich sehen, und es wird Ihnen, wenn Sie ihn auf gewisse Fragen bringen, nicht schwer werden, zu erkennen, welche Verwüstungen der Gelehrtenstolz auch in den begabtesten Geistern anzurichten vermag.«

»Ich werde ihn nicht sehen,« sagte der Abbé, »denn mein schwarzes Amtskleid würde inmitten des weltlichen Glanzes, der allmählich sich in diesem Salon zu entwickeln beginnt, schlecht am Platze sein. Aber da ich weiß, Herr de la Peyrade, daß Sie ein Mann von aufrichtig frommer Überzeugung sind, und da Sie sicherlich um das Heil dieses jungen Mannes ebenso besorgt sind wie ich, so will ich Ihnen, bevor ich gehe, noch sagen: Beruhigen Sie sich; solche auserwählten Geister kommen früher oder später zu uns zurück, und sollte die Heimkehr dieser verlorenen Söhne auch lange auf sich warten lassen, – ich zweifle nicht, daß ihnen Gottes unendliche Gnade, wenn sie zu ihm zurückkehren, auch dann noch zuteil werden wird.«

Nach diesen Worten nahm der Abbé seinen Hut und verließ den Salon.

Als er glaubte, unbemerkt verschwinden zu können, wurde er von Minard festgehalten.

»Gestatten Sie mir,« sagte der Bürgermeister des elften Bezirks, »Ihnen die Hand zu drücken und Sie für die Worte voll Duldsamkeit zu beglückwünschen, die wir eben aus Ihrem Munde vernommen haben. Ach, wenn alle Priester Ihnen glichen, was für Eroberungen würde die Religion machen können! Ich habe jetzt einen häuslichen Kummer und muß mich zu einem Vorgehen entschließen; ich wäre glücklich, wenn ich Ihre Ansicht darüber hören und ihren klugen Rat einholen dürfte.«

»Ich stehe zu Diensten, Herr Bürgermeister,« antwortete der Abbé, »ich wohne in der Rue de la Madeleine 8, hinter der Cité Berryer: nach der Messe, die ich um sechs Uhr lese, bin ich gewöhnlich den ganzen Vormittag zu Hause.«

Sobald der Abbé sich entfernt hatte, nahm Minard seine Frau beiseite und sagte:

»Es ist alles wahr, der anonyme Brief hat uns nicht getäuscht: Der Herr Julien hält wirklich eine frühere Schauspielerin vom Bobino aus, und um ihrem Debüt im Theater der Folies-Dramatiques beizuwohnen, hat er heute Krankheit vorgeschützt. Die Portiersfrau des Hauses, in dem diese Dirne wohnt, steht sehr schlecht mit ihrer Mutter, die ein altes Heringsweib sein soll, und für ein Fünffrankenstück hat sie mir ein Langes und Breites über sie erzählt. Heute abend, wenn wir nach Hause kommen, werde ich eine ernste Auseinandersetzung mit meinem Herrn Sohn haben.«

»Lieber Freund,« sagte Frau Minard mit theatralischer Gebärde, »ich beschwöre dich, keine übereilten Entschlüsse!«

»Nimm dich in acht,« erwiderte Minard, »wir können hier von allen beobachtet werden! Einen Entschluß habe ich noch gar nicht gefaßt; ich habe eben den Abbé Gondrin gebeten, mir mit seinem Rat beizustehen, denn die Priester, weißt du, um die kümmert man sich zwar nicht, wenn es Einem gut geht, aber wenn Einen ein Unglück trifft . . .«

»Aber, lieber Freund, nimmst du die Sache nicht zu ernst? Jugend muß sich austoben.«

»Jawohl,« sagte Minard, »aber es gibt Dinge, bei denen ich ein Austoben nicht dulden darf. Ein Haussohn in der Hand solcher Frauenzimmer, das bedeutet Schande und Ruin für das Haus. Du, Zélie, du weißt nicht, was diese Theaterweiber für Frauenzimmer sind! Das sind Laïsse und Phrynen von der gefährlichsten Sorte, und es genügt, wenn ein junger Mann zur Bourgeoisie gehört, daß sie ein besonderes Vergnügen daran finden, ihn zu ruinieren. Sie behaupten, daß das Vermögen von uns Kaufleuten gestohlenes Geld sei, daß wir Krämer und Fälscher seien, und in unsern Taschen wühlen, das nennen sie, sich das Geld wieder herausgeben lassen. Es ist ein Unglück, daß ich nicht weiß, wo die Gräfin von Godollo jetzt zu finden ist, das ist eine so erfahrene Weltdame! Die hätte ich gern um Rat gefragt.«

Ein schrecklicher Lärm machte in diesem Augenblick dem ehelichen Separatgespräch ein Ende. Brigitte stürzte in das Speisezimmer, aus dem das Geräusch umgeworfener Möbel und zerbrochener Gläser ertönte, und fand dort Colleville damit beschäftigt, seine Krawatte neu zu binden und seinen Frack in Ordnung zu bringen, der am Kragen furchtbar zerdrückt war und aussah, als, ob er beinahe zerrissen worden wäre.

»Was ist denn los?« fragte Brigitte.

»Ach, dieser alte Narr ist wütend geworden«, sagte Colleville. »Ich wollte meinen Kaffee bei ihm trinken, um ihm Gesellschaft zu leisten, und da hat er einen Scherz krumm genommen und sich hinreißen lassen, mich am Kragen zu packen und bei dem Kampfe hat er ein paar Stühle und ein Tablett mit Gläsern umgeworfen, das Josephine nicht schnell genug vor ihm retten konnte.«

»Sie haben ihn natürlich gereizt,« sagte Brigitte ärgerlich; »Sie hätten auch lieber im Salon bleiben können, anstatt hierher zu kommen und das, was Sie Ihre Witzchen nennen, loszulassen. Sie glauben immer noch, daß Sie im Parkett der Komischen Oper sind!«

Nach diesen ärgerlichen Worten näherte sich Brigitte, die einsah, daß sie diesen wilden alten Mann, der ihre ganze Wirtschaft kurz und klein zu schlagen drohte, loswerden müsse, entschlossen dem Vater Picot, der mit Gemütsruhe damit beschäftigt war, Kognak in einer Untertasse abzubrennen.

»Mein Herr,« schrie sie aus Leibeskräften, wie wenn sie mit einem Tauben spräche, (und mit einem Blinden glaubte sie in der gleichen Weise verfahren zu müssen) »ich muß Ihnen etwas mitteilen, was Ihnen unangenehm sein wird: Herr und Frau Phellion sind eben eingetroffen und haben mir gesagt, daß Herr Felix nicht kommt.«

Und indem sie sich der Ausrede Julien Minards bediente, fügte sie hinzu:

»Er ist erkältet und heiser.«

»Das hat er sich jedenfalls vorhin bei der Vorlesung geholt!« rief der alte Professor vergnügt. »Das ist ihm recht! . . . Wo kaufen Sie Ihren Kognak, gnädige Frau?«

»Bei meinem Kaufmann«, erwiderte Brigitte, verblüfft über die Frage.

»Nun, ich muß Ihnen gestehen: es ist eine Schande, daß man in einem Hause, wo man so ausgezeichneten Champagner trinkt, der mich an den erinnert, den wir einst bei dem berühmten Universitätslehrer, dem seligen Herrn von Fontanes, schlürften, einen solchen Kognak anbietet. Ich sage Ihnen mit der Freimütigkeit, mit der ich über alles rede, daß er nur dazu taugt, den Pferden die Beine damit zu waschen; und wenn ich ihn nicht abbrennen würde . . .«

›Das ist ja der Teufel in Person!‹ sagte Brigitte zu sich; ›kein Wort der Entschuldigung wegen der Verwüstung, die er angerichtet hat, und jetzt macht er mir noch meinen Kognak schlecht! . . .‹

»Mein Herr,« rief sie dann, immer noch mit laut schallender Stimme, »meinen Sie nicht, da Herr Felix nun doch nicht kommt, daß Ihre Familie über Ihre lange Abwesenheit unruhig sein könnte?«

»Ich habe keine Familie, da sie mich ja unter Kuratel stellen will; aber ich habe eine Wirtschafterin, die in der Tat erstaunt sein wird, daß ich um diese Stunde noch nicht zu Hause bin, und ich verlange nichts Besseres, als sie aufzusuchen, denn je später ich heimkehre, um so schlimmer wird die Szene sein, die sie mir macht. Aber ich gestehe Ihnen, daß es mir ziemlich schwer werden wird, mich aus diesem abgelegenen Bezirk herauszufinden.«

»Dann müssen Sie eben einen Wagen nehmen.«

»Einen Wagen her, einen Wagen hin, da hätten meine vortrefflichen Verwandten sicher ein Recht, mich für einen Verschwender zu erklären!«

»Ich muß gerade eine eilige Besorgung in Ihrem Viertel machen lassen,« sagte Brigitte, die einsah, daß sie sich zu einem Opfer entschließen müsse, »und ich wollte meinen Portier mit einem Mietwagen hinschicken, wollen Sie die Gelegenheit nicht mit benutzen?«

»Gern, gnädige Frau,« erwiderte der alte Professor und erhob sich; »und nötigenfalls werden Sie vor dem Gericht bezeugen können, daß Sie gesehen haben, wie ich den Wagen sparen wollte.«

»Heinrich,« sagte Brigitte zu ihrem Diener, »führen Sie den Herrn zu Herrn Pascal, dem Portier, und sagen Sie ihm, daß er ihn, wenn er den Auftrag, den ich ihm eben gegeben habe, ausführt, bis vor seine Tür bringen und gut auf ihn aufpassen soll.«

»Gut aufpassen! Gut aufpassen!« wiederholte der Alte und wies den Arm des Dieners zurück; »halten Sie mich vielleicht für ein Paket, für eine Kiste mit zerbrochenem Porzellan?«

»Was ich sagte, mein Herr, geschah nur zu Ihrem Besten, und Sie werden mir gestatten, Ihnen zu bemerken, daß Sie gerade keinen sehr angenehmen Charakter haben.«

Da sie ihn schon der Tür sich nähern sah, wurde Brigitte etwas energischer.

»Gut aufpassen!« wiederholte der Alte; »wissen Sie denn nicht, daß man mit solchen Worten einen Menschen unter Kuratel bringen kann? Übrigens will ich aber nicht mit Grobheiten auf die liebenswürdige Gastfreundschaft, die mir zuteil geworden ist, antworten, um so weniger, als ich den Herrn, der sich mir gegenüber etwas herausnehmen wollte, gebührend zurechtgewiesen zu haben glaube.«

»Geh doch schon endlich, du altes Vieh!« sagte Brigitte und schlug die Tür hinter ihm zu.

Bevor sie in den Salon zurückkehrte, mußte sie ein großes Glas Wasser trinken; bei dem Zwang, den sie anwenden mußte, um mit diesem gefährlichen Gaste zu Ende zu kommen, hatte sich, wie sie sich ausdrückte, »alles in ihr herumgedreht.«

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