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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Thuillier fand la Peyrade auf seinem Posten als Chefredakteur; aber seit einer Viertelstunde befand sich der Advokat in ziemlicher Verlegenheit, wie er von der endgültigen Entscheidung, die er sich bezüglich der Auswahl der Artikel und der Redakteure vorbehalten hatte, Gebrauch machen solle. Stets von seiner Familie gedrängt, und als Mitglied des Lesekomitees beim Odeon, war Phellion erschienen, um sich als »Theaterkritiker« anzubieten.

»Mein werter Herr,« sagte er, sich an la Peyrade wendend, nachdem er sich nach Thuilliers Befinden erkundigt hatte, »ich habe in meiner Jugend viele Theaterstücke gesehen; die Bühnendarstellungen haben während meiner ziemlich langen Laufbahn stets eine besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt, und die weißen Haare, die heute meine Stirn krönen, scheinen mir kein Hindernis zu sein, daß ich Ihr interessantes neues Organ nicht an den Früchten meiner Studien und meiner Erfahrung sollte teilnehmen lassen. Als Mitglied des Lesekomitees beim Odeontheater habe ich außerdem aus frischen Quellen geschöpft, und wenn ich auf Ihre Diskretion rechnen darf, will ich sogar so weit gehen, Ihnen zu gestehen, daß sich unter meinen Papieren noch eine Tragödie ›Sapor‹ finden dürfte, die mir in meinen jungen Jahren beim Vorlesen in den Salons einigen Beifall eingetragen hat.«

»Ja, aber,« antwortete la Peyrade, der ihm die Ablehnung, die er ihm zuteil werden lassen mußte, etwas versüßen wollte, »warum sollte man jetzt nicht versuchen, sie aufzuführen? Wir könnten Ihnen bei einem solchen Versuch behilflich sein.«

»Gewiß,« sagte Thuillier, »wenn wir das Werk einem Theaterdirektor empfehlen . . .«

»Nein,« entgegnete Phellion. »Zunächst würde es mir, als Mitglied des Lesekomitees beim Odeon, der ich andere zu beurteilen habe, nicht ziemen, selbst wieder in die Arena hinabzusteigen. Ich bin jetzt ein alter Athlet, dessen Rolle darin besteht, die Faustschläge, die er selbst nicht mehr auszuteilen vermag, bei andern zu beurteilen. In diesem Sinne gehört die Kritik völlig zu meiner Kompetenz, und das um so mehr, als ich über die Art, wie ein Theaterfeuilleton zu gestalten ist, Gedanken habe, die ich für neu halte. Das ›Castigat ridendo mores‹ muß, nach meiner schwachen Einsicht, das Grundgesetz, oder sagen wir besser das einzige Gesetz für das Theater sein. Ich würde mich also unerbittlich gegen die Werke zeigen, die reine Kinder der Einbildungskraft sind, an denen die Moral keinen Anteil hat, und die die Vorsicht einer Familienmutter . . .«

»Verzeihung,« sagte la Peyrade, »wenn ich Sie unterbreche; aber bevor Sie sich die Mühe machen, uns Ihre Poetik zu entwickeln, muß ich Ihnen gestehen, daß wir für das Theaterfeuilleton schon Verträge abgeschlossen haben.«

»Ach, das ist etwas Anderes«, erwiderte Phellion; »ein Ehrenmann ist an sein Wort gebunden.«

»Ja,« sagte Thuillier, »wir haben schon jemanden; wir waren weit entfernt davon, zu hoffen, daß Sie uns Ihre ehrenvolle Mitarbeiterschaft anbieten würden.«

»Nun,« erklärte Phellion, wie ein Intrigant – denn in der Atmosphäre einer Zeitung ist ein gewisses Etwas enthalten, was zu Kopfe steigt, besonders den Bourgeois – »da Sie so gütig sind, zu glauben, daß Ihnen meine Feder Dienste leisten könne, so dürften vielleicht unter ›Vermischtem‹ einige Aphorismen über verschiedene Gegenstände, die ich deshalb nicht gezögert habe, als ›Verschiedenerlei‹ zu bezeichnen, geeignet sein, Ihnen etwas Interesse einzuflößen.«

»Jawohl,« sagte la Peyrade maliziös, ohne daß Phellion es merkte, »›Aphorismen‹, besonders solche in der Art la Rochefoucaulds und la Bruyères. – Wie denkst du darüber, Thuillier?«

Er hatte sich vorbehalten, so oft es angängig war, dem Herrn Zeitungsbesitzer die Verantwortung für eine Ablehnung zu überlassen.

»Ich meine,« sagte Thuillier, »solche unzusammenhängende Aphorismen dürften nicht so häufig gebracht werden.«

»Sicherlich,« antwortete Phellion, »wer von Aphorismen spricht, versteht darunter Gedanken über eine große Menge von Gegenständen, über die der Autor nur hinstreift, ohne die Absicht zu haben, ein Ganzes daraus zu gestalten.«

»Und Sie würden,« fragte la Peyrade, »mit Ihrem Namen zeichnen?«

»Ach nein,« entgegnete Phellion erschreckt; »ich habe keine Lust, mich so zur Schau zu stellen.«

»Diese Zurückhaltung, die ich übrigens begreife und billige,« erwiderte la Peyrade, »entscheidet die Frage vollkommen; Aphorismen sind ein rein individuelles Genre, das gebieterisch verlangt, durch ein Individuum personifiziert zu werden. Sie werden selbst empfinden: Aphorismen mit drei Sternen unterzeichnet, das sagt dem Publikum nichts.«

Da er sah, daß Phellion sich anschickte, Einwendungen zu machen, entschloß sich Thuillier, der Eile hatte, mit dem Provenzalen handgemein zu werden, energisch vorzugehen.

»Mein lieber Phellion,« sagte er daher, »ich bitte Sie sehr um Entschuldigung, daß wir nicht länger das Vergnügen Ihrer Unterhaltung genießen können, aber ich habe mit la Peyrade über einen sehr wichtigen Artikel zu sprechen, und bei den Journalisten vergeht die Zeit so verdammt schnell! Wenn es Ihnen recht ist, dann verschieben wir die Behandlung der Frage auf einen andern Tag . . . Frau Phellion befindet sich doch wohl?«

»Ganz wohl«, erwiderte der große Mitbürger, der sich erhob, ohne über die Verabschiedung beleidigt zu sein. »Wann erscheint denn die erste Nummer?« fragte er. »Man wartet in unserem Bezirk schon sehnsüchtig darauf.«

»Ich denke, morgen,« sagte Thuillier indem er ihn hinausbegleitete; »es ist die höchste Zeit, denn mit diesem alten Vorrat von Makulatur, was wir im Journalistenstil ›Bären‹ nennen, würden wir die Abonnenten in die Flucht schlagen. Übrigens wird Ihnen die Zeitung zugeschickt werden; also auf baldiges Wiedersehn, nicht wahr? Bringen Sie uns nur jedenfalls das Manuskript; vielleicht ist la Peyrades Standpunkt ein wenig zu streng.«

Mit diesem Balsam auf der Wunde entfernte sich Phellion, und Thuillier klingelte nach dem Bureaudiener.

»Werden Sie den Herrn, der eben fortgegangen ist, wiedererkennen?« fragte Brigittes Bruder.

»Gewiß, Herr, dafür hat er ja einen genügend komischen Schädel; aber es ist ja Herr Phellion; ich habe ihm doch mehr als zweihundertmal die Tür geöffnet.«

»Also, wenn er wiederkommt, dann sind weder ich noch Herr de la Peyrade jemals anwesend. Denken Sie an diese Anordnung, sie gilt ganz streng; und jetzt lassen Sie uns allein.«

»Donnerwetter!« sagte la Peyrade, als die beiden Sozien allein waren, »wie du mit unbequemen Leuten umspringst! Sei aber etwas vorsichtig! Es könnten sich Wähler darunter befinden; jedenfalls hast du wohl getan, Phellion zu sagen, daß man ihm die Zeitung zuschicken wird, er ist ein Mann von Bedeutung in seinem Viertel.«

»Laß nur!« sagte Thuillier, »sollen wir uns von solchen Querköpfen, die kommen und uns ihre Mitarbeiterschaft anbieten, unsere Zeit stehlen lassen? Ich habe übrigens bei Phellion keine Ausrede gebraucht, wir haben tatsächlich miteinander zu reden, und zwar sehr ernsthaft: also nimm Platz und höre mir zu!«

»Weißt du, mein Lieber,« sagte la Peyrade, »der Journalismus gibt dir förmlich einen feierlichen Anstrich. ›Nimm Platz, Cinna!‹ Augustus hätte sich nicht anders ausdrücken können.«

»Leider sind die Cinnas,« sagte Thuillier, »weit mehr verbreitet, als man denkt.«

Er stand noch unter dem Eindruck des Entschlusses, den er mit Brigitte zusammen gefaßt hatte, und nahm sich vor, von beißender Ironie zu sein; der Kreisel befand sich noch in der schnellen Umdrehung, in die ihn der Peitschenschlag der alten Jungfer versetzt hatte.

La Peyrade setzte sich an den runden Tisch. Da er dauernd in Unruhe war, so ergriff er, um seine Haltung zu bewahren, eine der großen Scheren, deren sich die Redakteure aller Zeitungen zu gegenseitigen Anleihen bedienen, und fing an, ein Stück Papier zu zerschneiden, auf dem von Thuilliers Hand ein Artikel begonnen worden war, der nie fortgesetzt wurde.

Obwohl der Provenzale dasaß, fing Thuillier noch nicht an zu sprechen; er erhob sich und ging auf die halb offen gebliebene Tür zu, um sie zu schließen. Statt dessen aber wurde sie breit aufgemacht und Coffinet erschien wieder.

»Will der Herr,« sagte er zu la Peyrade, »zwei Damen empfangen, die ihn zu sprechen wünschen?«

»Was sind das für Damen?« fragte der Advokat.

»Sehr fein angezogene Damen; sie sehen aus wie Mutter und Tochter; die Tochter, die ist nicht zu verachten.«

»Willst du, daß sie hier hinein geführt werden?« fragte la Peyrade Thuillier, »oder soll ich sie im Vorzimmer empfangen?«

»Da ihnen schon gesagt wurde, daß du da bist, mögen sie hereinkommen,« erwiderte Thuillier; »aber sieh zu, daß du sie schnell loswirst.«

Und der Besitzer des »Echos de la Bièvre« schickte sich an, die Hände auf dem Rücken, auf und ab zu gehen: er hatte dabei etwas Napoleonisches in seiner Gebärde.

Coffinets Urteil über die Toiletten der beiden Besucherinnen, die jetzt eintraten, bedurfte einer starken Einschränkung. Eine Frau ist noch nicht gut angezogen, wenn sie reiche, kostbare Sachen trägt, sondern erst dann, wenn sich in ihrer Kleidung, die vielleicht sonst ganz einfach sein darf, eine unerklärbare Harmonie der Formen und Farben geltend macht, die ihre reizvolle Hülle gerade für sie als die richtige erscheinen läßt. Nun bestand das Kostüm der jüngeren der beiden Damen aus einem Hut mit sehr schmaler Krempe, »Bibi« genannt, der mit Flaum besetzt und so weit nach hinten geschoben war, daß er mehr dazu bestimmt schien, die Schultern zu schützen, als das Gesicht zu umrahmen; ferner aus einem riesigen französischen Kaschmirschal, der linkisch und unbeholfen, wie von einer jung Verheirateten, getragen wurde; aus einem Seidenkleide, schottisch breit karriert, mit drei Reihen Volants und viel zu viel Ketten und Berlocken, während andererseits Handschuhe und Schuhe einwandfrei waren. Was die andere anlangt, die gewissermaßen von ihrer tänzelnden Genossin ins Schlepptau genommen wurde, so war das eine kleine dicke Frau von roter Gesichtsfarbe, die ein Kleid, einen Schal und einen Hut trug, bei denen ein geübtes Auge sofort erkannt hätte, daß sie, wenn sie auch nicht aus dem »Temple« stammten, so doch wie aus zweiter Hand herkommend aussahen. In dieser Weise pflegen immer die Mütter von Schauspielerinnen sich herauszuputzen, von denen la Peyrade jetzt ein ganz besonders bezeichnendes Musterbeispiel vor Augen hatte; die Sachen, mit denen sie sich bekleiden, sind dazu verdammt, zwei Generationen zu dienen, nur daß sie, dem natürlichen Verlauf entgegen, von den Deszendenten zu den Aszendenten zurückkehren.

Liebenswürdig auf zwei Stühle weisend fragte la Peyrade:

»Mit wem habe ich die Ehre zu reden?«

»Mein Herr,« antwortete die jüngere der Besucherinnen, die ungeniert zuerst hereingetreten war, »ich stelle mich Ihnen auf Empfehlung eines Ihrer Herrn Kollegen vom Gericht, des Herrn Advokaten Minard, vor.«

»Sehr schön!« bemerkte der Provenzale; »und in welcher Angelegenheit empfiehlt er Sie meiner Beachtung?«

»Ich bin dramatische Künstlerin und habe mir in diesem Viertel hier meine ersten Sporen verdient, was mich hoffen läßt, daß eine Lokalzeitung sich günstig über mich äußern wird; ich war bis jetzt am Theater du Luxembourg, wo ich eine Zeitlang die Rollen der ersten jugendlichen Liebhaberin gespielt habe.«

»Und wo sind Sie jetzt?«

»An den Folies, wo ich für die Déjazets engagiert bin.«

»An den Folies?« fragte la Peyrade, der eine nähere Bezeichnung erwartete.

»An den Folies-Dramatiques,« sagte mit freundlichem Lächeln Frau Cardinal, die der Leser sicher schon wiedererkannt haben wird; »diese Fräuleins haben solch eine Manier, die Namen abzukürzen; statt Délassements-Comiques sagen sie ›Delaß-Com‹; ich habe ihnen immer gesagt: Das ist unpassend; im Handel verlängert man die Namen lieber, als daß man sie verkürzt. Beim Fischhandel wird man nicht kurz ›Rochen‹ sagen, sondern ›Frische, lebende Rochen‹. Ich finde, daß das viel besser wirkt.«

»Mutter!« sagte die jugendliche Liebhaberin in trocknem Tone, der um so energischer war, als Frau Cardinal bei ihrem Zitieren aus einem Rest alter Gewohnheit heraus etwas von ihrem früheren Ausruferton als Fischhändlerin hatte deutlich werden lassen.

»Und Sie werden nächstens auftreten?« fragte la Peyrade.

»Ja, mein Herr, in einer Feerie in vier verschiedenen Kostümen: als Page, als kleiner Tambour der kaiserlichen Gardekadetten, als große Kokette in einem Dugazon-Mieder und als Fee Lilas, die zum Schluß inmitten bengalischer Flammen erscheint.«

»Nun, mein Fräulein,« sagte la Peyrade, »ich werde also dem Theaterredakteur auftragen, sich besonders mit Ihrem Debüt zu befassen.«

»Nicht wahr, lieber Herr,« sagte Frau Cardinal, »Sie werden ihr ein bißchen Mut machen? Sie ist ja noch so jung! Und dann, das ist nicht bloß so geredet, das kann ich beweisen, sie arbeitet Tag und Nacht.«

»Mutter!« sagte Olympia von oben herab, »man soll sein Urteil über mich abgeben; es genügt, wenn der Herr so freundlich ist, mir zu versprechen, daß man meinem Debüt einige Aufmerksamkeit schenken wird . . . In den Folies werden viele Stücke aufgeführt, die von den Kritikern unbeachtet bleiben; aber, wie ich schon sagte, als Kind dieses Viertels . . .«

»Gewiß, mein Fräulein!« sagte la Peyrade abbrechend. »Meinem Kollegen Minard geht es gut?«

»Jawohl, er war gestern abend bei uns und hat mich meine Rollen überhört.«

»Ich bitte Sie, ihm meine Empfehlungen auszurichten«, sagte la Peyrade und begleitete die beiden Besucherinnen hinaus.

Olympia ging voran, wie bei ihrem Hereintreten, und ließ ihre Mutter, die Mühe hatte, ihr zu folgen, zwanzig Schritt hinter sich.

»Na?« bemerkte la Peyrade, als er zurückkam, zu Thuillier, »was sagst du nun zu Herrn Minard, der ja auch ein Bewerber um Célestes Hand ist? Der erträgt wenigstens das Hinausschieben mit Geduld.«

»Wir sind für niemanden zu sprechen!« rief Thuillier dem Bureaudiener zu, schloß die Tür und schob den Riegel vor. »Jetzt, mein Lieber,« wandte er sich an la Peyrade, »haben wir beide miteinander zu reden. Mein Lieber,« begann er ironisch – denn er hatte gehört, daß es für den, Gegner nichts Vernichtenderes gäbe – »ich habe etwas erfahren, worüber du dich freuen wirst: ich weiß jetzt, warum ›meine‹ Broschüre beschlagnahmt wurde.«

Und er sah la Peyrade scharf an.

»Ach,« sagte dieser ganz unbefangen, »sie ist beschlagnahmt worden, weil man sie eben beschlagnahmen wollte. Man hat gesucht und man hat etwas gefunden, weil man eben, wenn man will, immer etwas finden kann, was die Herren Staatsanwälte mit dem Ausdruck ›Umsturztendenz‹ bezeichnen.«

»Nein, da bist du auf falscher Fährte,« antwortete Thuillier; »die Beschlagnahme war schon vorher vorbereitet, beschlossen und abgekartet.«

»Zwischen wem denn?« fragte la Peyrade.

»Zwischen denen, die die Broschüre vernichten wollten, und den Elenden, die versprochen hatten, sie auszuliefern.«

»Da würden jedenfalls die Leute, die die andern gekauft haben,« bemerkte der Advokat, »nicht gerade ein gutes Geschäft gemacht haben; denn selbst trotz der Beschlagnahme hat, so weit ich sehe, dein Werk kein besonderes Aufsehen erregt.«

»Aber die, die sich verkauft haben?« entgegnete Thuillier mit verdoppelter Ironie.

»Das waren jedenfalls die Klügeren«, erwiderte la Peyrade.

»Oh, ich weiß ja,« sagte Thuillier, »daß du ein großes Wesen von solcher Klugheit machst; aber gestatte mir, dir zu bemerken, daß die Polizei, deren Hand für mich in all diesem deutlich erkennbar ist, wie man allgemein annimmt, ihr Geld nicht zum Fenster hinauszuwerfen pflegt.«

Und er sah la Peyrade von neuem an.

»Also du hast«, bemerkte der Advokat, ohne mit der Wimper zu zucken, »entdeckt, daß die Polizei schon vorher darauf hingearbeitet hat, deine Broschüre zu unterdrücken?«

»Jawohl, mein Lieber, und ich kenne sogar genau die Summe, die man der Person bezahlt hat, die sich zu dieser ehrenhaften Machenschaft hergegeben hat.«

»Es wäre nicht unmöglich,« sagte la Peyrade, »daß ich bei einiger Überlegung diese Person auch kenne; von der Summe habe ich keine Ahnung.«

»Nun, ich kann dir den Betrag nennen: fünfundzwanzigtausend Franken,« erklärte Thuillier mit starker Betonung, »so viel ist dem Judas bezahlt worden.«

»Erlaube mal, mein Lieber, fünfundzwanzigtausend Franken, das ist viel Geld. Ich leugne nicht, daß du eine wichtige Persönlichkeit bist; gleichwohl bist du für die Regierung doch noch kein solches Schreckgespenst, daß sich deinetwegen solche Opfer lohnen sollten. Fünfundzwanzigtausend Franken, soviel würde man für die Unterdrückung eines der berühmten Pamphlete gegen die Verwaltung der Civilliste ausgegeben haben; aber unsere finanzielle Verlautbarung hatte doch keine solche Bedeutung, und daß man eine so hohe Summe aus dem Geheimfonds entnommen haben sollte, einzig um sich das Vergnügen zu machen, dir einen Schabernack zu spielen, das erscheint mir doch etwas märchenhaft!«

»Es scheint,« entgegnete Thuillier scharf, »daß der ehrenwerte Zwischenhändler ein Interesse daran hatte, meine Bedeutung zu übertreiben; sicher ist jedenfalls, daß dieser Herr eine Schuld von fünfundzwanzigtausend Franken zu begleichen hatte, die ihn sehr drückte, und daß dieser selbe Herr einige Zeit vor der Beschlagnahme plötzlich in der Lage war, sie zu bezahlen; wenn du mir nicht sagen kannst, woher er das Geld genommen hat, so ist es, wie mir scheint, nicht schwer für dich, die Konsequenzen daraus zu ziehen.«

Jetzt sah Peyrade seinerseits Thuillier scharf an.

»Herr Thuillier,« sagte er mit erhobener Stimme, »würden Sie, damit wir endlich aus diesen Verallgemeinerungen und Rätseln herauskommen, mir das Vergnügen machen, diese Person zu nennen?«

»O nein!« sagte Thuillier und schlug auf den Tisch, »aus Rücksicht auf die Gefühle von Achtung und Liebe, die uns einst verbanden, werde ich sie nicht nennen; aber Sie werden mich verstanden haben, Herr de la Peyrade.«

»Das hätte ich mir wirklich denken können,« sagte der Provenzale mit vor Erregung zitternder Stimme, »als ich diese Schlange hier einführte, daß ich bald mit ihrem Gift bespritzt werden würde . . . Du armer törichter Mensch, siehst du denn nicht, daß du dich nur zum Echo einer Verleumdung Cérizets hergibst?«

»Es handelt sich nicht um Cérizet, der im Gegenteil von dir nur das allerbeste gesagt hat; aber antworte mir doch: wie konntest du, obgleich du, wie ich genau weiß, am Abend vorher nicht einen Heller besaßest, in der Lage sein, Dutocq die runde Summe von fünfundzwanzigtausend Franken zu bezahlen?«

La Peyrade dachte einen Augenblick nach.

»Nein,« sagte er dann, »Dutocq kann nichts erzählt haben; er ist nicht der Mann, um sich einen Feind von meiner Bedeutung ohne ein wichtiges Interesse auf den Hals zu hetzen. Der gemeine Denunziant, das ist Cérizet, dessen Händen ich dein Haus an der Madeleine entrissen habe; Cérizet, den ich in meiner Langmut von seinem Misthaufen weggeholt habe, um ihm eine anständige Situation zu verschaffen, dieser Elende, für den eine Wohltat nur die Ermutigung zu einer Verräterei mehr bedeutet. Wenn ich dir sagen wollte, was das für ein Mensch ist, du würdest dich vor Ekel übergeben müssen; in der Sphäre der Gemeinheit ist er ein Entdecker neuer Welten . . .«

Thuillier fand diesmal eine geschickte Entgegnung.

»Ich weiß nicht, was Cérizet ist,« antwortete er, »ich kenne ihn ja nur durch dich, der du ihn mir als verantwortlichen Redakteur, unter Übernahme jeder Bürgschaft für ihn, präsentiert hast; aber wenn er auch der schwärzeste Teufel wäre und wir selbst den Fall annehmen wollten, daß die Enthüllung mir von ihm gemacht wäre, so kann dich das, mein Junge, in keiner Weise reinwaschen.«

»Sicher war es nicht recht von mir,« sagte la Peyrade, »ihn mit dir in Verbindung zu bringen, aber wir brauchten einen Menschen, der mit dem Zeitungswesen Bescheid wußte, und er hatte diesen Wert für uns. Kann man jemals in die Tiefen solcher Seelen blicken? Ich glaubte, er habe sich gebessert. Ich sagte mir, daß alles in allem solch ein Sitzredakteur doch nur Gefängnisfutter und eine Maschine zum verantwortlichen Zeichnen ist. Ich habe geglaubt, in ihm wenigstens einen Strohmann zu finden; ich habe mich getäuscht, er wird immer nur ein Lumpenkerl bleiben.«

»Alles schön und gut,« sagte Thuillier, »aber woher stammten die fünfundzwanzigtausend Franken, die sich gerade zur rechten Zeit in deinem Besitz befanden? Das vergißt du immer, mir zu erklären.«

»Aber überlege dir doch die Sache nur ein kleines bißchen«, antwortete la Peyrade; »ein Mann von meinen Fähigkeiten sollte aus der Kasse der Polizei schöpfen können und dabei so arm sein, daß er deiner Harpyie von Schwester nicht die zehntausend Franken hinzuwerfen vermag, über die sie von mir so unverschämt Rechenschaft forderte, wobei du ja Zeuge warst! . . .«

»Aber wenn die Herkunft dieses Geldes«, sagte Thuillier, »unanfechtbar ist, wie ich ja für mein Leben gern glauben möchte, was hindert dich, mir davon Kenntnis zu geben?«

»Das kann ich nicht«, antwortete der Advokat; »die Herkunft ist ein Geheimnis, das mir in meiner Eigenschaft als Advokat anvertraut wurde.«

»Wie denn? Du hast mir doch selbst gesagt, daß die Statuten eurer Kammer verbieten, daß ihr euch mit Geschäften befaßt.«

»Nehmen wir an,« sagte la Peyrade, »daß ich etwas gemacht habe, was nicht ganz vorschriftsmäßig ist; es wäre doch merkwürdig, wenn du, nach allem, was ich für dich riskiert habe, die Stirn hättest, mir daraus einen Vorwurf zu machen . . .«

»Mein lieber Freund, du willst die Hunde von der Spur abbringen, es wird dir aber nicht gelingen, mich die Fährte verlieren zu lassen. Du willst dein Geheimnis bewahren, also bewahre es; ich aber bin Herr darüber, wem ich zu vertrauen und wen ich zu achten habe, und wenn ich dir die in unserm Vertrage festgesetzte Entschädigung bezahle, dann kann ich über meine Zeitung allein verfügen.«

»Also du willst mich wegjagen«, rief la Peyrade. »Das Geld, das du in die Sache gesteckt hast, deine Wahlchancen, alles soll der Anschuldigung eines Cérizet geopfert werden!«

»Erstens«, antwortete Thuillier, »wird sich als Chefredakteur schon jemand finden, der dich ersetzen kann, mein Lieber! Man hat schon immer gesagt, daß niemand unersetzlich ist. Und was dann meine Wahl anlangt, so will ich lieber nicht gewählt werden, als mit Hilfe von jemand, der . . .«

»Fahre doch fort!« sagte Theodosius, als er sah, wie Thuillier stockte, »oder schweige vielmehr, denn du wirst gleich über deinen Verdacht erröten und mich auf den Knien um Verzeihung bitten.«

Der Provenzale hatte eingesehen, daß, wenn er sich nicht zu einem Bekenntnis entschlösse, sein Einfluß und seine Zukunftsaussichten, die er zurückerobert hatte, ihm unter den Füßen weggezogen würden.

Er fuhr also in feierlichem Tone fort:

»Du wirst daran denken, daß du unbarmherzig gewesen bist, daß du mich einer Art moralischer Tortur unterworfen und mich gezwungen hast, ein Geheimnis zu enthüllen, das nicht mir gehört.«

»Sprich nur!« erwiderte Thuillier; »ich übernehme jede Verantwortung; laß mich in dieser dunklen Angelegenheit klar sehen, und ich werde der Erste sein, der sein Unrecht eingesteht.«

»Diese fünfundzwanzigtausend Franken also«, sagte la Peyrade, »sind die Ersparnisse eines Dienstmädchens, das mich gebeten hat, sie anzunehmen und ihr Zinsen dafür zu zahlen.«

»Ein Dienstmädchen, das fünfundzwanzigtausend Franken Ersparnisse besitzt? Donnerwetter! Die scheint in einem feinen Hause zu dienen . . .«

»Im Gegenteil, sie führt einem alten kränklichen Gelehrten den Haushalt, und gerade weil es eine in ihren Händen so unwahrscheinliche Summe ist, hat sie daraus in den meinigen eine Art von Fideikommiß machen wollen.«

»Weißt du, lieber Freund,« sagte Thuillier spöttelnd, »wir waren doch wegen eines Feuilletonromans in Verlegenheit, aber mit deiner Sache hier wären wir ja aus aller Not. Darin steckt doch wirklich Phantasie!«

»Was?« sagte la Peyrade lebhaft, »du glaubst mir nicht?«

»Nein, ich glaube dir nicht; fünfundzwanzigtausend Franken Ersparnisse im Dienste eines alten Gelehrten! Aber das wäre ja ebenso glaubhaft, wie wenn der Offizier in der ›weißen Dame‹ sich von seinen Ersparnissen ein Schloß kaufte.«

»Wenn ich dir aber den Beweis für die Wahrheit meiner Erklärung liefere, so daß du sie mit der Hand greifen kannst?«

»In diesem Falle würde ich, wie der heilige Thomas, vor dem Augenschein die Flagge streichen; aber du wirst mir gestatten müssen, mein edler Freund, abzuwarten, bis du mir diesen Beweis erbracht hast.«

Thuillier fand sich großartig und sagte zu sich: ›Ich würde gern zwei Louisdor bezahlen, wenn Brigitte zugegen wäre und sich überzeugen könnte, wie ich mit ihm umspringe.‹

»Wenn ich nun,« sagte la Peyrade, »ohne das Zimmer zu verlassen, durch ein unter deinen Augen geschriebenes Billett die Person, von der ich das Geld erhalten habe, veranlasse, hier zu erscheinen, und wenn sie dann meine Aussage bestätigt, wirst du mir dann Glauben schenken?«

Dieser Vorschlag und die Sicherheit, mit der er gemacht wurde, verfehlten nicht, Thuillier in Erstaunen zu setzen.

»Selbstverständlich«, antwortete er in anderem Tone. »Aber geschieht das noch heute und unverzüglich?«

»Ohne daß ich das Zimmer verlasse, habe ich dir gesagt, ich denke, das ist doch klar.«

»Und wer soll das Billett überbringen?« fragte Thuillier.

Er glaubte, indem er solchen Wert auf jede Einzelheit legte, einen erschöpfenden Scharfsinn zu entwickeln.

»Wer es überbringen soll?« antwortete la Peyrade, »nun, der Bureaudiener, den du selbst damit beauftragen sollst.«

»Also dann schreibe«, sagte Thuillier, der seinen Mann damit festnageln wollte.

La Peyrade nahm ein Briefblatt mit dem Aufdruck der Zeitung und schrieb, indem er die Worte laut vorlas:

»Frau Lambert wird gebeten, sich in einer dringenden Angelegenheit sofort in das Bureau der Zeitung ›Das Echo de la Bièvre‹, Rue Saint-Dominique-d'Enfer, zu begeben, wohin sie der Überbringer dieses führen wird. Sie wird ungeduldig erwartet von ihrem ergebenen Diener

Theodosius de la Peyrade.«

»Ist es so gut?« fragte der Advokat und reichte Thuillier das Blatt hin.

»Vollkommen,« erwiderte dieser, faltete vorsichtigerweise den Brief selbst zusammen und schloß den Umschlag; »jetzt adressiere«, fügte er hinzu.

Und der Brief wanderte in la Peyrades Hände zurück.

Thuillier klingelte nach Coffinet.

»Bringen Sie diesen Brief an seine Adresse,« sagte er, »und führen Sie die Person hierher. – Wird sie denn aber auch zu Hause sein?« fragte er überlegend.

»Das ist sehr wahrscheinlich,« antwortete la Peyrade; »in jedem Falle werden weder du noch ich dieses Zimmer verlassen, bevor sie gekommen ist; die Sache muß aufgeklärt werden.«

»Also gehen Sie!« sagte Thuillier mit theatralischer Gebärde zu dem Bureaudiener.

Als sie allein waren, nahm la Peyrade eine Zeitung zur Hand und schien sich in deren Lektüre zu vertiefen.

Thuillier, der angefangen hatte, ziemlich unruhig bezüglich der Lösung der Frage zu werden, bedauerte, daß ihm eine andere Idee zu spät eingefallen war.

»Ja,« sagte er sich, »ich hätte den Brief lieber zerreißen und es mit der Erbringung des Beweises nicht so weit treiben sollen.«

Und da er sich den Anschein geben wollte, als habe la Peyrade noch so ziemlich wie bisher die Stellung inne, aus der er gedroht hatte, ihn zu verjagen, bemerkte er:

»Hör mal, ich war vorhin in der Druckerei; die neuen Lettern sind angekommen; ich denke, die Zeitung wird morgen erscheinen können.«

La Peyrade antwortete nicht, sondern erhob sich und setzte seine Lektüre am Fenster stehend fort.

›Er schmollt mit mir,‹ sagte sich Thuillier; ›wenn er unschuldig sein sollte, hat er ja auch allen Grund dazu; aber weshalb hat er schließlich Cérizet hergebracht?‹

Und um seine Verlegenheit und Befangenheit zu verbergen, setzte er sich an den Tisch, nahm einen Redaktionsbriefbogen und schickte sich an, einen Brief zu schreiben.

Seinerseits setzte sich nun auch la Peyrade, nahm ebenfalls einen Bogen und ließ seine Feder mit der fieberhaften Schnelligkeit eines erregten Mannes über das Papier laufen.

Heimlich versuchte Thuillier zu sehen, was der Provenzale schrieb, und da er bemerkte, daß er die einzelnen Sätze trennte und numerierte, sagte er:

»Du redigierst wohl einen Gesetzesvorschlag?«

»Jawohl,« antwortete la Peyrade trocken, »das Gesetz des Besiegten.«

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