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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Eine feine Wendung, mit der Colleville seine Manneswürde in den Bureaus aufrecht erhielt. Von 1820 bis 1821 fühlte sich Thuillier in seiner Eigenschaft als Hausfreund veranlaßt, Colleville, der ihm früher so oft ausgeholfen hatte, beizuspringen, und lieh im Verlaufe von anderthalb Jahren der Familie Colleville etwa zehntausend Franken, wovon niemals die Rede sein sollte. Im Frühjahr 1821 wurde Frau Colleville von einem reizenden Mädchen entbunden, dessen Paten Herr und Frau Thuillier waren; sie wurde deshalb Céleste-Louise-Caroline-Brigitte genannt. Denn auch Fräulein Thuillier wollte dem kleinen Engel einen ihrer Vornamen geben.

Der Name Caroline war eine Aufmerksamkeit für Colleville. Die alte Frau Lemprun nahm es auf sich, das kleine Wesen zu einer Amme nach Auteuil zu geben, wo sie es unter ihrer Aufsicht hatte und wo Céleste und ihre Schwägerin es zweimal wöchentlich besuchten. Sobald Frau Colleville wieder aufgestanden war, sagte sie offen, aber ernsthaft zu Thuillier:

»Wenn wir gute Freunde bleiben wollen, mein Lieber, dann dürfen Sie nicht mehr als unser Freund sein wollen; Colleville liebt Sie ja, und wenn es einer im Hause tut, so genügt das.«

»Erklären Sie mir doch,« sagte der schöne Thuillier zu der Tänzerin Tullia, die sich gerade bei Frau Colleville befand, »weshalb die Frauen mich nicht lieb behalten wollen. Ich bin ja gewiß kein Apollo von Belvedere, aber doch auch kein Vulkan; ich sehe erträglich aus, ich habe Geist, ich bin treu . . .«

»Wollen Sie die Wahrheit wissen?« erwiderte Tullia.

»Jawohl«, sagte der schöne Thuillier.

»Also, wenn wir auch mal ein Vieh lieben können, so lieben wir doch nie einen Dummkopf.«

Dieses Wort vernichtete Thuillier, und er kam nicht mehr auf die Sache zurück; er war seitdem melancholisch und schalt auf die Launen der Weiber.

»Habe ich dir das nicht vorhergesagt? . . .« sagte Colleville. »Ich bin kein Napoleon, mein Lieber, und ich möchte auch keiner sein; aber ich besitze eine Josephine, . . . eine Perle!«

Der Generalsekretär des Ministeriums, des Lupeaulx, dem Frau Colleville mehr Einfluß zugetraut hatte, als er besaß, und von dem sie später zu sagen pflegte: »Der war einer von denen, in welchen ich mich geirrt habe . . .«, war damals eine Zeitlang der große Mann im Salon Colleville; aber da er nicht imstande war, Colleville in die Abteilung Bois-Levant zu bringen, war Flavia so klug, seine Bemühungen um Frau Rabourdin, die Gattin des Bureauchefs, übelzunehmen, eine Zierpuppe, wie sie sich ausdrückte, die sie niemals eingeladen und ihr gegenüber zweimal sich herausgenommen hatte, nicht zu ihren Konzerten zu kommen.

Frau Colleville war tief erschüttert von dem Tode des jungen Gondreville; sie war untröstlich; sie erblickte darin, wie sie sagte, die Hand Gottes. Im Jahre 1824 wurde sie häuslich, redete vom Sparen, gab ihre Empfangsabende auf, beschäftigte sich mit ihren Kindern, wollte eine gute Hausmutter sein, und ihre Freunde hörten nicht, daß sie jemanden bevorzugte; sie ging in die Kirche, kleidete sich einfach, in graue Farben, und redete über Katholizismus und über Schicklichkeit; und diese Richtung aufs Geistliche ließ im Jahre 1825 ein reizendes Kind zur Welt kommen, das sie Theodor nannte, das heißt »Gottesgeschenk«.

So wurde auch Colleville im Jahre 1826, der schönen Zeit der Kongregationen, zum Vizechef in der Abteilung Clergeot ernannt und im Jahre 1828 zum Steuereinnehmer eines Pariser Bezirks. Er erhielt das Kreuz der Ehrenlegion, so daß er einmal seine Tochter in Saint-Denis würde erziehen lassen können. Die halbe Freistelle, die Keller für Charles, das älteste Kind Collevilles, im Jahre 1823 durchgesetzt hatte, wurde auf den zweiten Sohn übertragen; Charles erhielt eine volle Freistelle im Gymnasium Saint-Louis, und der dritte Sohn, ein Schützling der Dauphine, bekam eine Dreiviertel-Freistelle am Gymnasium Henri IV.

Im Jahre 1830 war Colleville, der das Glück hatte, daß ihm alle seine Kinder erhalten geblieben waren, genötigt, wegen seiner Anhänglichkeit an die alte Linie des Königshauses seinen Abschied zu nehmen; aber er verstand das so geschickt zu bewerkstelligen, daß er mit Rücksicht auf seine Dienstzeit eine Pension von zweitausendvierhundert und von seinem Nachfolger eine Abfindungssumme von zehntausend Franken erhielt und zum Offizier der Ehrenlegion befördert wurde. Trotzdem befand er sich in schwieriger Lage, und so riet ihm im Jahre 1832 Fräulein Thuillier, in ihr Haus zu ziehen, wobei sie die Aussicht durchblicken ließ, daß er eine Stelle in der städtischen Verwaltung erhalten könne, was ihm auch nach vierzehn Tagen gelang und ihm ein Einkommen von tausend Talern einbrachte.

Charles Colleville war eben in die Marineschule eingetreten. Die Gymnasien, in denen die beiden andern kleinen Collevilles erzogen wurden, lagen in ihrem Stadtviertel. Das Seminar von Saint-Sulpice, in das dereinst der Jüngste kommen sollte, war nur wenige Schritte vom Luxembourg entfernt. Endlich wollten Thuillier und Colleville ihr Leben zusammen beendigen. Im Jahre 1833 zog Frau Colleville, damals fünfunddreißig Jahre alt, mit Céleste und dem kleinen Theodor nach der Rue d'Enfer, an der Ecke der Rue des Deux-Eglises. Colleville hatte es gleich weit nach dem Rathause und nach der Rue Saint-Dominique. So sah sich das Ehepaar nach einem abwechselnd glänzenden und entbehrungsreichen, festlichen und zurückgezogenen ruhigen Leben ins kleinbürgerliche Dunkel mit einem Einkommen von fünftausendvierhundert Franken als einzigem Vermögen zurückgeworfen.

Céleste war damals vierzehn Jahr alt; sie versprach hübsch zu werden; sie mußte Lehrer haben, das erforderte eine Ausgabe von mindestens zweitausend Franken jährlich. Die Mutter hielt es für nötig, daß sie unter den Augen ihrer Paten lebe. Deshalb hatte sie den, im übrigen sehr verständigen Vorschlag des Fräuleins Thuillier angenommen, die ihr, ohne sich zu binden, ziemlich deutlich zu verstehen gab, daß die Vermögen ihres Bruders, ihrer Schwägerin und auch das ihrige dereinst Céleste zufallen würden. Das kleine Mädchen war bis zu seinem siebenten Jahre in Auteuil geblieben, angebetet von der guten alten Frau Lemprun, die im Jahre 1829 starb und zwanzigtausend Franken nebst dem Hause hinterließ, das für die enorme Summe von achtundzwanzigtausend Franken verkauft wurde. Der kleine Schelm hatte bis zum Jahre 1829, wo er in das elterliche Haus zurückkehrte, seine Mutter wenig, aber Fräulein und Frau Thuillier sehr häufig gesehen. Im Jahre 1833 kam sie unter die Zucht Flavias, die damals sehr bemüht war, ihre Pflichten zu erfüllen, und das wie alle Frauen, die Gewissensbisse haben, übertrieb. Ohne eine schlechte Mutter zu sein, hielt Flavia ihre Tochter sehr strenge; sie dachte an ihre eigene Erziehung und schwor sich heimlich zu, aus Céleste eine anständige und nicht eine leichtfertige Frau zu machen. Sie nahm sie daher zur Messe mit und ließ sie unter der Leitung eines Pariser Pfarrers, der später Bischof wurde, einsegnen. Céleste war um so frömmer, als ihre Patin, Frau Thuillier, eine wahre Heilige war; das Kind betete seine Patin an; es empfand, daß es von der armen, verlassenen Frau heißer geliebt wurde als von seiner eigenen Mutter.

Von 1833 bis 1840 erhielt sie eine nach bürgerlichen Begriffen ausgezeichnete Erziehung. Die besten Musiklehrer machten eine ziemlich gute Musikerin aus ihr; sie konnte sauber in Aquarell malen, tanzte wundervoll und hatte Französisch, Geschichte, Geographie, Englisch und Italienisch gelernt, kurz alles, was zu der vollendeten Erziehung einer jungen Dame gehört. Mittelgroß, etwas dick und kurzsichtig, war sie weder häßlich noch hübsch, hatte weder einen weißen noch einen leuchtenden Teint und war gänzlich ohne vornehme Manieren. Sie war von zurückgehaltener Empfindlichkeit, und ihr Pate, ihre Patin, Fräulein Thuillier und ihr Vater waren darüber einig, daß Céleste warme Anhänglichkeit, eine Tugend, an die sich alle Mütter klammern, besaß. Schön war ihr prachtvolles aschblondes Haar; aber Hände und Füße verrieten ihre kleinbürgerliche Herkunft.

Céleste hatte sehr wertvolle Eigenschaften: sie war gut, einfach, ohne jede böse Regung; sie liebte ihren Vater und ihre Mutter und hätte sich für sie aufgeopfert. In tiefer Verehrung für ihren Paten, für Brigitte, die sich von ihr »Tante Brigitte« nennen ließ, für Frau Thuillier und für ihre Mutter aufgewachsen, die sich wieder mehr und mehr dem alten Beau der Kaiserzeit näherte, hatte Céleste den höchsten Begriff von dem früheren Vizechef. Der Pavillon der Rue Saint-Dominique machte auf sie einen Eindruck, wie das Tuilerienschloß auf einen Hofmann der jungen Dynastie.

Thuillier hatte der aufreibenden Arbeit seiner Verwaltungstätigkeit nicht Stand halten können, die ihn abmagern ließ, je umfangreicher sie wurde. Von dieser langweiligen Tätigkeit ebenso abgebraucht wie von seinen Erfolgen als Liebhaber, hatte der ehemalige Vizechef schon alle seine Vorzüge eingebüßt, als er in die Rue Saint-Dominique kam; aber sein müdes Gesicht mit hochmütigem Ausdruck im Verein mit einer gewissen Selbstzufriedenheit, die an die gesuchte Haltung eines höheren Beamten erinnerte, machte einen lebhaften Eindruck auf Céleste. Sie allein schwärmte für dieses bleiche Gesicht. Sie wußte, daß sie die Freude des Hauses Thuillier war.

Die Collevilles und ihre Kinder bildeten natürlich den Mittelpunkt der Gesellschaft, die Fräulein Thuillier um ihren Bruder zu versammeln den Ehrgeiz hatte. Ein früherer Beamter der Abteilung la Billiardière, der seit mehr als dreißig Jahren im Stadtviertel Saint-Jacques wohnte, Herr Phellion, Bataillons-Kommandeur der Legion, wurde sogleich bei der ersten Begegnung von dem früheren Steuereinnehmer und Vizechef wieder begrüßt. Phellion war einer der angesehensten Männer in seinem Bezirk. Er hatte eine Tochter, eine ehemalige Unterlehrerin am Pensionat Lagrave, die mit einem Lehrer aus der Rue Saint-Hyacinthe, Herrn Barniol, verheiratet war.

Der ältere Sohn Phellions war Professor der Mathematik an einem königlichen Gymnasium; er gab Unterricht, Nachhilfestunden und widmete sich, wie sein Vater sich ausdrückte, der reinen Mathematik. Der zweite Sohn war auf der Ingenieurschule. Phellion hatte neunhundert Franken Pension und eine Rente von neuntausend und einigen hundert Franken, das Resultat seiner Ersparnisse und der seiner Frau aus dreißigjähriger Arbeit und Entbehrung. Er besaß außerdem ein kleines Haus mit einem Garten in der Gasse des Feuillantines. (In dreißig Jahren hatte er nicht ein einziges Mal den alten Ausdruck »Sackgasse« gebraucht.) Dutocq, Gerichtsvollzieher beim Friedensgericht, war früher Beamter im Finanzministerium; er war damals das Opfer einer Zwangsmaßregel, wie sie bei einer Regierung des Repräsentativ-Systems vorkommen, geworden und hatte die Rolle eines Sündenbocks in einer unsauberen Verwaltungsangelegenheit, die zur Kenntnis der Budgetkommission gekommen war, auf sich genommen, wofür er im geheimen mit einer ziemlich runden Summe entschädigt worden war; er war damit imstande, sich die Gerichtsvollzieherstelle zu kaufen. Dieser, im übrigen wenig anständige Mensch, ein Bureau-Spion, wurde von den Thuilliers nicht so aufgenommen, wie er es erwartet hatte; aber trotz des kühlen Verhaltens seiner Hauswirte beharrte er dabei, sie zu besuchen.

Er war ein lasterhafter Junggeselle, der seine Lebensweise ziemlich sorgsam geheim hielt und sich bei seinen Vorgesetzten durch Schmeichelei in seiner Stellung erhielt. Der Friedensrichter hatte Dutocq sehr gern. Diese üble Persönlichkeit verstand es, durch niedrige, grobe Lobhudeleien, die niemals ihre Wirkung verfehlen, zu erreichen, daß er bei den Thuilliers geduldet wurde. Er kannte Thuilliers Leben, seine Beziehungen zu Colleville, und vor allem die zu seiner Frau, ganz genau; man fürchtete seine gefährliche Zunge, und die Thuilliers ließen ihn sich gefallen, ohne ihn zu ihrem engeren Kreise zuzulassen. Die Familie aber, die der Stolz ihres Salons wurde, war die eines armen kleinen Beamten, der früher ein Gegenstand des Mitleids in den Bureaus gewesen war, und der, durch seine Armut genötigt, im Jahre 1827 aus dem Dienst geschieden war, um sich mit einer Idee im Kopfe auf die Industrie zu legen. Minard erblickte eine hoffnungsvolle Aussicht in einer der üblen Manipulationen, die den französischen Handelsstand in Verruf gebracht haben, und die um das Jahr 1827 vor der Öffentlichkeit noch nicht gebrandmarkt waren. Minard kaufte Tee und mischte ihn zu gleichen Teilen mit gebrauchten Teeblättern; dann wendete er ein ähnliches Verfahren bei der Schokolade an, das ihm gestattete, sie billig zu verkaufen. Der Handel mit Kolonialwaren, den er in dem Stadtviertel Saint-Marcel begonnen hatte, machte aus Minard einen richtigen Kaufmann; er besaß eine Fabrik und konnte vermöge seiner Beziehungen nun seine Rohstoffe von den Erzeugern beziehen; und so betrieb er jetzt in anständiger Weise das Geschäft weiter, das er mit Fälschungen begonnen hatte. Er wurde Destillateur, handelte mit riesigen Mengen von Waren und galt im Jahre 1835 als der reichste Kaufmann des Viertels an der Place Maubert. Er hatte sich eins der schönsten Häuser in der Rue des Maçons-Sorbonne gekauft, war Beigeordneter gewesen und im Jahre 1839 zum Bürgermeister seines Bezirks und zum Handelsrichter ernannt worden. Er hatte einen Wagen und einen Landsitz bei Lagny; seine Frau erschien mit Brillanten bei den Hofbällen, und er war stolz auf die Rosette eines Offizieres der Ehrenlegion in seinem Knopfloch. Minard und seine Frau waren übrigens außerordentlich wohltätig. Vielleicht wollten sie im Kleinen den Armen wieder zurückgeben, was sie im Großen dem Publikum abgenommen hatten. Phellion, Colleville und Thuillier trafen Minard bei den Wahlen wieder, und es entspann sich eine um so intimere Freundschaft mit Thuillier und Colleville, als Frau Zélie entzückt darüber zu sein schien, ihre »Fräulein« Tochter mit Céleste Colleville Bekanntschaft machen zu lassen. Auf einem großen Balle, den die Minards gaben, wurde Céleste in die Gesellschaft eingeführt, sie war damals sechzehneinhalb Jahr alt und wundervoll gekleidet, wie es ihr Name verlangte, der für ihr Leben verheißungsvoll zu sein schien. Glücklich über die Freundschaft mit Fräulein Minard, die vier Jahre älter war als sie, veranlaßte sie ihren Paten und ihren Vater, die Beziehungen zu dem Hause Minard mit seinen goldstrotzenden Salons, seinem Reichtum, dem Treffpunkt mehrerer politischer Zelebritäten der Mittelpartei, zu pflegen; hier verkehrte Herr Popinot, der spätere Handelsminister, Cochu, der Baron geworden war, ein früherer Beamter der Abteilung Clergeot im Finanzministerium, der, stark bei einer Drogeriefirma beteiligt, das Orakel der Stadtviertel des Lombards und des Bourdonnais zusammen mit Anselm Popinot war. Der älteste Sohn Minards, Advokat, der beabsichtigte, der Nachfolger eines der Advokaten, die seit 1830 sich der politischen Karriere zugewendet hatten, zu werden, war das Genie der Familie, und seine Mutter ebenso wie sein Vater wünschten, ihn gut zu verheiraten. Zélie Minard, eine frühere Blumenmacherin, hatte eine brennende Vorliebe für die hohen Gesellschaftskreise und wollte sich vermittelst der Heiraten ihrer Tochter und ihres Sohnes dort Zutritt verschaffen, während Minard, klüger als sie und strotzend von der Kraft der Mittelklasse, mit der die Julirevolution das Blut der Machthaber auffrischte, nur daran dachte, reich zu werden.

Er besuchte den Salon der Thuilliers, um dort Genaueres über Célestes Erbschaftsaussichten zu erfahren. Er kannte, ebenso wie Dutocq und Phellion, die Gerüchte über das frühere Verhältnis Thuilliers mit Flavia und hatte auf den ersten Blick gemerkt, wie sehr die Thuilliers ihr Mündel anbeteten. Um bei Minard zugelassen zu werden, überhäufte Dutocq ihn mit übermäßigen Schmeicheleien. Er verglich Minard, den Rothschild des Bezirks, als er ihn bei Thuilliers traf, in beinahe geistvoller Art mit Napoleon, da er ihn stark, dick und blühend wiedersah, den er im Bureau mager, blaß und elend verlassen hatte: »In der Abteilung la Billardière waren Sie wie Napoleon vor dem achtzehnten Brumaire, und jetzt sehe ich Sie hier wie Napoleon, als er Kaiser geworden war!« Trotzdem behandelte Minard Dutocq kühl und lud ihn nicht ein; daher machte er auch den giftigen Gerichtsvollzieher zu seinem Todfeinde.

Was für ehrenwerte Leute Herr und Frau Phellion auch waren, so konnten sie doch nicht unterlassen, Berechnungen anzustellen und Hoffnungen zu hegen; sie meinten, daß Céleste eine gute Partie für ihren Sohn, den Professor, wäre, und um eine Rolle in Thuilliers Salon zu spielen, brachten sie auch ihren Schwiegersohn, Herrn Barniol, eine im Faubourg Saint-Jacques angesehene Persönlichkeit, und einen früheren Beamten der städtischen Verwaltung, ihren intimen Freund, mit, dem Colleville gewissermaßen seine Stelle weggenommen hatte; denn Herr Leudigeois, seit zwanzig Jahren städtischer Beamter, hatte als Belohnung für seine langjährigen, Dienste auf die Sekretärsstelle, die Colleville erhalten hatte, gerechnet. So bildeten die Phellions eine Phalanx von sieben zuverlässigen Getreuen; nicht weniger zahlreich war die Familie Colleville, so daß an manchen Sonntagen dreißig Personen im Salon Thuillier zusammenkamen. Thuillier machte auch die Bekanntschaft der Saillards, der Baudoyers und der Falleix, angesehener Leute des Viertels der Place-Royale, die häufig zum Diner eingeladen wurden.

Frau Colleville war die distinguierteste Dame dieser Gesellschaft, ebenso wie der junge Minard und der Professor Phellion ihre geistig bedeutendsten Männer waren; denn alle anderen, ohne eigene Gedanken, ohne Kenntnisse, aus den unteren Ständen hervorgegangen, waren komische Typen des Kleinbürgertums. Obgleich jedes mühsam erworbene Vermögen gewisse Verdienste zur Voraussetzung hat, war Minard doch nur ein aufgeblasener Ballon. Sich in wilden Phrasen ergießend, Unterwürfigkeit für Höflichkeit und Redensarten für Geist haltend, gab er Gemeinplätze mit einem Aplomb und einer Ungeniertheit von sich, daß das für Beredsamkeit gehalten wurde. Solche Worte, die nichts bedeuten und auf alles eine Antwort sind, wie: Fortschritt, Dampfkraft, Asphalt, Nationalgarde, Ordnung, demokratisches Element, Geist der Einigkeit, Gesetzmäßigkeit, Bewegung und Widerstand, Einschüchterung, schienen bei jeder politischen Phase für Minard neu erfunden zu sein, der dann damit die Sätze seiner Zeitung ausschmückte. Julian Minard, der junge Advokat, litt ebenso unter seinem Vater wie sein Vater unter seiner Frau. Zélie Minard hatte mit dem Reichtum Prätentionen angenommen, ohne je richtig Französisch gelernt zu haben; sie war dick geworden und sah in ihrem reichen Staat wie eine Köchin aus, die ihren Herrn geheiratet hat.

Phellion, dieses Musterbild eines Kleinbürgers, besaß ebenso viele Vorzüge wie lächerliche Eigenschaften. Ein Subalterner während seiner ganzen Amtstätigkeit, hatte er Respekt vor den sozial Höherstehenden. Deshalb verhielt er sich auch Minard gegenüber schweigsam. Die kritische Zeit der Pensionierten hatte er für seinen Teil vortrefflich überstanden, und zwar in folgender Weise: Niemals vorher hatte dieser würdige, ausgezeichnete Mann seinen Neigungen entsprechen können. Er liebte die Stadt Paris, er interessierte sich für Baufluchtlinien, Verschönerungen, er konnte zwei Stunden lang vor Häusern, die abgebrochen wurden, stehen bleiben. Man konnte ihn dabei überraschen, wie er unerschütterlich, auf seine zwei Beine hingepflanzt, die Nase in der Luft, auf das Herabfallen eines Steins wartete, den ein Maurer oben auf der Mauer mit seiner Brechstange gelockert hatte, und wie er nicht eher vom Platze wich, als bis der Stein heruntergefallen war; und wenn er dann gefallen war, ging er weiter, glücklich wie ein Akademiker über den Durchfall eines romantischen Dramas. Als echte Statisten bei der großen menschlichen Komödie, übten Phellion, Leudigeois und ihresgleichen die Funktionen des antiken Chors aus. Sie weinten, wenn man weinen, sie lachten, wenn man lachen mußte, und sangen ihren Refrain zu den öffentlichen Leiden und Freuden, indem sie in ihrem Winkel über die Triumphe von Algier, Konstantinopel, Lissabon, Saint-Jean-d'Ulloa mit triumphierten und ebenso den Tod Napoleons und die verhängnisvollen Katastrophen von Saint-Merri und in der Rue Transnonnain bejammerten und berühmte Leute beklagten, die ihnen völlig unbekannt waren. Nur Phellion zeigte ein doppeltes Gesicht: er teilte seine Ansichten gewissenhaft zwischen der Opposition und der Regierung. Bei Straßenkämpfen besaß Phellion den Mut, vor seinen Nachbarn hervorzutreten; er begab sich nach der Place Saint-Michel, wo sich sein Bataillon versammelte, bedauerte die Regierung und tat seine Pflicht. Vor und während einer Emeute stand er auf Seiten der Julimonarchie; aber sobald ein politischer Prozeß eingeleitet wurde, ging er zu den Angeklagten über. Dieses ziemlich unschuldige »Wetterwendische« trat auch bei seinen politischen Ansichten hervor; seine Antwort auf alles war der nordische Koloß. England war für ihn, wie für den alten Constitutionel, eine Gevatterin mit zwei Gesichtern; abwechselnd war es das macchiavellistische Albion und das Musterland: macchiavellistisch, wenn es sich um die Interessen des beleidigten Frankreichs und Napoleons handelte; Musterland, wenn von den Fehlern der Regierung die Rede war. Er billigte wie seine Zeitung, das demokratische Element und lehnte in der Unterhaltung jedes Paktieren mit dem republikanischen Geiste ab. Der republikanische Geist, das war das Jahr 1793, das war die Emeute, der Terror, das Agrargesetz. Das demokratische Element, das war die Entwicklung des Kleinbürgertums, das war die Herrschaft der Phellions.

Dieser ehrenwerte Alte gab sich immer würdevoll; aus dieser würdevollen Haltung erklärt sich sein ganzes Leben. Er hatte seine Kinder würdig erzogen; er war in ihren Augen immer der Vater geblieben, und er hielt darauf, daß ihm zu Hause Achtung erwiesen wurde, wie man Achtung vor der Regierung und den Vorgesetzten haben soll. Niemals hatte er Schulden gemacht. Als Geschworener schwitzte er Blut und Wasser, um der Verhandlung des Prozesses folgen zu können, und niemals lachte er, selbst nicht, wenn der Gerichtshof, die Zuhörer und der Staatsanwalt lachten. Außerordentlich dienstwillig, opferte er seine Bemühungen, seine Zeit, nur nicht sein Geld. Sein Sohn Felix, der Professor, war sein Idol; er hielt ihn für fähig, Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu werden. Thuillier, ein neutrales Element zwischen der vorlauten Nichtigkeit Minards und der gravitätischen Albernheit Phellions, neigte sich mit seinen trüben Erfahrungen bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Er verbarg die Leerheit seines Kopfes hinter Banalitäten, wie er seinen gelben Schädel unter den fadenscheinigen Strähnen seines grauen Haars versteckte, die der Kamm des Friseurs mit außerordentlicher Geschicklichkeit von unten hinaufzog.

»In jeder andern Karriere«, pflegte er zu sagen, wenn er von der Verwaltung sprach, »hätte ich mir ein ganz anderes Vermögen erworben.«

Er hatte gesehen, wie das Gute theoretisch möglich, aber praktisch unmöglich war, und wie die Ergebnisse mit den Erwartungen in Widerspruch standen, und er erzählte von Ungerechtigkeiten, Intrigen und der Affäre Rabourdin.

»Hiernach kann man an alles und an nichts glauben,« sagte er. »Ach, so eine Verwaltung, das ist eine verdrehte Sache; ich bin glücklich, daß ich keinen Sohn habe, der solch eine Karriere einschlagen könnte.«

Colleville, immer lustig, rund und gutmütig, Witze erzählend und Anagramme machend, war das Bild des tüchtigen, spottlustigen Bourgeois, die Begabung ohne Erfolg, die hartnäckige Arbeit ohne Resultat, aber auch die gutmütige Resignation, der Witz ohne Bosheit und die nutzlose Kunst, denn er war ein ausgezeichneter Musiker, spielte aber nur für seine Tochter.

Dieser Salon war also eine Art Provinz-Salon, aber von dem Reflex des dauernden Pariser Leuchtfeuers überstrahlt: mit seiner Mittelmäßigkeit, seinen Plattitüden folgte er dem Strom des Jahrhunderts. Das Modewort und die Modesache, denn in Paris verhalten sich Wort und Sache zueinander wie Pferd und Reiter, gelangten erst aus zweiter Hand dorthin. Man wartete ungeduldig auf Herrn Minard, der bei wichtigen Angelegenheiten die Wahrheit wissen mußte. Die Frauen im Salon Thuillier standen auf Seiten der Jesuiten, die Männer verteidigten die Universität; aber im allgemeinen hörten die Frauen zu. Ein geistvoller Mann, der die Langeweile solcher Abende hätte ertragen können, würde wie bei einem Lustspiel Molières gelacht haben, wenn er nach langen Diskussionen solche Dinge gehört hätte wie:

»Konnte die Revolution von 1789 vermieden werden? Die Anleihen Ludwigs XIV. waren ein starker Anstoß dazu. Ludwig XV., ein Egoist, ein Mann von beschränktem Geiste (er hat gesagt: »Wenn ich Polizeileutnant wäre, würde ich die Kabriolets verbieten«), ein liederlicher König, man kennt seinen Hirschpark! hat viel dazu beigetragen, daß sich der Abgrund der Revolution öffnete. Herr von Necker, ein übelgesinnter Genfer, hat den Anstoß dazu gegeben. Das Maximum hat der Revolution sehr unrecht getan. Von Rechts wegen hätte Ludwig XVI. nicht verurteilt werden dürfen; von einer Geschworenenbank wäre er freigesprochen worden. Weshalb hat Karl X. den Thron verloren? Napoleon war ein großer Mann, und die Einzelheiten, die sein Genie bezeugen, sind in Anekdoten enthalten: er nahm fünf Prisen Tabak in der Minute und aus ledergefütterten Taschen, die in seine Westen eingenäht waren. Er bezahlte alle Rechnungen der Lieferanten; er ging selbst nach der Rue Saint-Denis, um den Preis der Waren zu erfahren. Er hatte Talma zum Freunde; Talma brachte ihm seine Gesten bei, und trotzdem hat er sich immer geweigert, Talma einen Orden zu verleihen. Der Kaiser ist auf Wache gezogen für einen Soldaten, der verschlafen hatte, damit dieser nicht erschossen würde. Deshalb beteten ihn die Soldaten an. Ludwig XVIII., der ein geistvoller Mann war, hat doch darin unrecht getan, daß er ihn mit Herr von Buonaparte anredete. Der Fehler der gegenwärtigen Regierung besteht darin, daß sie sich führen läßt, anstatt selbst zu führen. Sie erniedrigt sich selbst. Sie fürchtet sich vor energischen Männern; sie hätten den Vertrag von 1815 zerreißen und von Europa den Rhein verlangen müssen. Man arbeitet im Ministerium zu lange mit denselben Männern.«

»Sie haben nun genug Geist entwickelt,« pflegte Fräulein Thuillier nach solchen lichtvollen Aussprüchen zu sagen: »Der Tisch ist hergerichtet, machen Sie Ihre kleine Partie.«

Die alte Jungfer beendete immer die Diskussionen, bei denen sich die Damen langweilten, mit einem solchen Vorschlage.

Wären diese früheren Vorgänge und all diese allgemeinen Bemerkungen nicht in der Form von Schlußfolgerungen vorgebracht worden, um den Rahmen für diese Erzählung zu bilden und einen Begriff vom Geiste dieser Gesellschaft zu geben, so würde die dramatische Entwicklung darunter gelitten haben. Im übrigen ist diese Skizze historisch treu und schildert eine gesellschaftliche Schicht von gewisser sozialer Bedeutung, besonders wenn man bedenkt, daß die politischen Maximen der jüngeren Linie der Königsfamilie sich auf sie gestützt haben.

Der Winter des Jahres 1839 war sozusagen die Zeitspanne, in der der Salon der Thuilliers seinen höchsten Glanz erreichte. Die Minards erschienen fast alle Sonntage und pflegten, auch wenn sie anderswo eingeladen waren, eine Stunde hier zu verbringen, und oft ließ Minard, wenn er mit seiner Tochter und seinem älteren Sohne, dem Advokaten, fortging, seine Frau zurück. Diese Beharrlichkeit Minards fand ihre Erklärung in einer, allerdings ziemlich späten Unterredung mit den Herren Métivier und Barbet, die eines Abends stattfand, als diese beiden wichtigen Mieter etwas länger als gewöhnlich dablieben und mit Fräulein Thuillier sprachen. Minard erfuhr von Barbet, daß die alte Jungfer ihm etwa dreißigtausend Franken gegen Sechsmonatswechsel zu siebeneinhalb Prozent jährlich lieh und Métivier den gleichen Betrag, so daß sie wenigstens über hundertachtzigtausend Franken verfügen müßte.

»Ich nehme für Darlehen im Buchhandel zwölf Prozent, und gebe sie nur gegen sichere Unterlagen. Ich kann es also gar nicht bequemer haben,« schloß Barbet. »Ich behaupte, daß sie hundertachtzigtausend Franken besitzen muß, denn die Bank nimmt nur Dreimonatsakzepte.«

»Sie hat also ein Konto bei der Bank?« sagte Minard.

»Ich glaube es«, erwiderte Barbet.

Da er Beziehungen zu einem Verwaltungsrat der Bank hatte, erfuhr Minard, daß Fräulein Thuillier in der Tat dort ein Konto in Höhe von etwa zweihunderttausend Franken besaß, für das als Unterlage vierzig Aktien deponiert waren. Diese Unterlage war übrigens, wie es hieß, überflüssig; die Bank hatte alles Entgegenkommen gegen eine Persönlichkeit, die ihr bekannt war und das Vermögen Céleste Lempruns verwaltete, der Tochter eines Angestellten, der ebensoviel Dienstjahre zählte, wie die Bank Jahre ihres Bestehens.

Im übrigen hatte Fräulein Thuillier im Verlaufe von zwanzig Jahren niemals ihren Kredit überschritten. Sie diskontierte allmonatlich Dreimonatswechsel über sechzigtausend Franken, was ungefähr hundertsechzigtausend Franken ausmachte. Da die deponierten Aktien einen Wert von hundertzwanzigtausend Franken hatten, so lief man gar kein Risiko, denn die Wechsel waren jedenfalls sechzigtausend Franken wert.

»Würde sie«, sagte der Bankkommissar, »im dritten Monat uns auch Wechsel über hunderttausend Franken bringen, wir würden nicht einen einzigen zurückweisen. Sie besitzt ein unbelastetes Haus, das mehr als hunderttausend Franken wert ist. Und schließlich sind alle diese Wechsel von Barbet und Métivier ausgestellt und tragen vier Unterschriften, die ihrige inbegriffen.«

»Weshalb macht Fräulein Thuillier noch solche Geschäfte?« fragte Minard Métivier. »Aber das wäre doch etwas für Sie«, fügte er hinzu.

»Oh, was mich anlangt,« erwiderte Métivier, »ich tue besser, wenn ich eine von meinen Kusinen heirate; mein Onkel Métivier hat mir seine Geschäfte übertragen; er hat hunderttausend Franken Einkommen und nur zwei Töchter.«

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