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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Während la Peyrade sich anschickte, der Gräfin die Nachricht von seiner in so brüsker Weise wiedergewonnenen Freiheit huldigend zu Füßen zu legen, erhielt er ein duftendes Billet, das ihm Herzklopfen verursachte, denn er hatte auf dem Siegel das berühmte »Alles oder nichts« erkannt, das ihm als Richtlinie für die Beziehungen, die sich ihm eröffneten, gegeben worden war.

»Mein lieber Herr,« schrieb ihm Frau von Godollo, »ich weiß von Ihrer Entscheidung und danke Ihnen! Ich muß aber jetzt auch die meinige treffen, denn Sie werden von mir nicht annehmen, daß ich ewig in einem Kreise zu verweilen gedenke, der mit dem unsrigen so wenig zu tun hat und in dem mich nichts mehr festhält. Um mich in schonender Weise zurückzuziehen und keine Auskunft über das Asyl zu geben, das der Zwischenstock dem aus der ersten Etage freiwillig Verbannten gewähren soll, brauche ich diesen und den nächsten Tag für mich. Besuchen Sie mich also nicht vor übermorgen. Dann werde ich Brigitte, wie man an der Börse sagt, exekutiert und Ihnen viel zu erzählen haben.

Tua tota

Gräfin von Godollo.«

Das »Ganz die Ihrige« auf lateinisch entzückte la Peyrade, der sich übrigens darüber nicht wunderte, da ja in Ungarn das Lateinische eine zweite Landessprache ist. Die beiden Tage des Wartens, zu denen er verdammt war, fachten das Feuer der Leidenschaft, die ihn verzehrte, noch mehr an, und als er am übernächsten Tage vor dem Hause an der Madeleine anlangte, war sein Liebesverlangen so glühend geworden, wie er das noch vor wenigen Tagen bei sich nicht für möglich gehalten hätte.

Dieses Mal wurde la Peyrade von der Portiersfrau bemerkt; aber, abgesehen davon, daß sie annehmen konnte, er wolle zu Thuilliers, wäre es ihm auch sehr gleichgültig gewesen, wenn man jetzt gewußt hätte, wen er besuche. Das Eis war endgültig gebrochen, sein Glück nicht mehr geheim, und er war eher geneigt, es jedem ins Gesicht zu rufen, als noch ein Geheimnis daraus zu machen. Nachdem er die Stufen hinaufgeeilt war, schickte sich der Advokat an, zu läuten, als er beim Greifen nach dem seidenen Klingelzug neben der Tür bemerkte, daß dieser verschwunden war.

La Peyrades erster Gedanke war, daß nur eine schwere Krankheit, bei der dem Leidenden jedes Geräusch unerträglich ist, die Wegnahme des fehlenden Gegenstandes erklären könne; aber andere Wahrnehmungen widersprachen dieser Erklärung, die übrigens auch keine sehr tröstliche war.

Vom Vestibül bis zur Tür der Gräfin gewährte ein Treppenläufer, der an jeder Stufe mit einer Messingstange befestigt war, den Besuchern ein angenehmes Hinaufgehen; dieser Läufer war fortgenommen.

Über der Tür befand sich ein Windfang, der mit grünem Sammet an vergoldeten Ringen verhängt war; auch von diesem Vorhang war nichts zu sehen, außer einigen Beschädigungen, die die Arbeiter an den Wänden beim Abnehmen gemacht hatten.

Einen Augenblick lang glaubte der Advokat in seiner Erregung, er habe sich in der Etage geirrt; aber ein Blick über das Geländer bewies ihm, daß er nicht über den Zwischenstock hinausgekommen war. War Frau von Godollo im Begriff auszuziehen?

Der Provenzale mußte sich also darauf beschränken, sich bei der vornehmen Dame wie bei einer Grisette anzukündigen; aber sein Klopfen erzeugte den hohlen Widerhall, der die Leere zu verraten pflegt: intonuere cavernae; gleichzeitig bemerkte er unterhalb der Tür, an die er vergeblich mit der Faust schlug, jene größere Helligkeit, die anzeigt, daß ein Raum unbewohnt ist und daß sich in ihm keine Vorhänge, Teppiche und Möbel befinden, die das Geräusch und das Licht dämpfen. Da er also annehmen mußte, daß der Umzug schon stattgefunden hatte, so dachte sich la Peyrade, daß nach dem Bruch mit Brigitte irgendeine Grobheit der alten Jungfer diese radikale Gewaltmaßregel nötig gemacht hatte: aber weshalb war er nicht davon benachrichtigt worden, und was hatte man sich dabei gedacht, als man ihn einer solchen getäuschten Hoffnung aussetzte, wie das Volk es so eigenartig mit dem Ausdruck bezeichnet: »wie der Ochse vor dem Scheunentor stehen?«

Bevor er sich entfernte, entschloß sich la Peyrade, als ob noch ein Zweifel möglich wäre, einen letzten Versuch mit Klopfen an der Tür zu machen. »Wer klopft denn hier so, als ob das Haus einstürzen soll?« schrie jetzt die Portiersfrau, die der Lärm bis an den Fuß der Treppe herbeigerufen hatte.

»Wohnt denn Frau von Godollo nicht mehr hier?« fragte la Peyrade.

»Natürlich wohnt sie nicht mehr hier, wenn sie ausgezogen ist. Wenn der Herr mir gesagt hätte, daß er zu ihr will, hätte ich ihm die Mühe erspart, die Tür einzuschlagen.«

»Ich wußte wohl, daß sie ausziehen wollte«, sagte la Peyrade, der nicht zeigen mochte, daß ihm ihre Absicht, die Wohnung zu verlassen, unbekannt war; »aber ich dachte nicht, daß es so bald geschehen würde.«

»Es muß wohl sehr eilig gewesen sein,« sagte die Portiersfrau, »denn sie ist heute früh mit der Post abgereist.«

»Mit der Post?« wiederholte la Peyrade verblüfft, »hat sie denn Paris verlassen?«

»Es scheint so«, antwortete die schreckliche Portiersfrau; »es ist ja doch nicht üblich, daß man Pferde und einen Postillon nimmt, wenn man von einem Quartier ins andere zieht.«

»Sie hat Ihnen nicht gesagt, wo sie hingeht?«

»Ach, der Herr hat komische Begriffe, wenn er denkt, daß man uns Rechenschaft ablegt!«

»Nein, aber wenn noch Briefe für sie kommen . . .«

»Briefe soll ich dem Herrn Kommandeur übergeben, dem kleinen Alten, der oft zu ihr kam, der Herr muß ihm ja begegnet sein.«

»Ja, ja, gewiß,« sagte la Peyrade, der trotz der Schläge, die ihn einer nach dem andern trafen, seine Geistesgegenwart bewahrte, »der kleine gepuderte alte Herr, der fast täglich herkam.«

»Täglich, das ist nicht richtig, aber häufig kam er; nun, der ist es, an den ich die Briefe für die Frau Gräfin abgeben soll.«

»Und für ihre andern Bekannten,« bemerkte der Provenzale wie nebenbei, »hat sie Ihnen keinen Auftrag gegeben?«

»Gar keinen.«

»Es ist gut, liebe Frau,« sagte la Peyrade, »ich danke Ihnen.«

Und er schickte sich an, fortzugehen.

»Ich denke,« meinte die Portiersfrau, »das Fräulein muß darüber besser Bescheid wissen als ich; geht der Herr nicht rauf? Sie ist zu Hause, Herr Thuillier auch.«

»Nein, das ist überflüssig«, sagte la Peyrade; »ich wollte Frau von Godollo nur über einen Auftrag, den sie mir gegeben hatte, berichten. Ich habe keine Zeit, mich aufzuhalten . . .«

»Ja, wie ich Ihnen sagte, heute früh ist sie mit der Post weggefahren. Ach, mein Gott, vor zwei Stunden hätte der Herr sie noch hier getroffen; aber wo sie die Post genommen hat, muß sie jetzt schon weit weg sein.«

Mit ihrer Manier, alles zweimal zu sagen, schien die Frau, die dem Provenzalen so grausame Nachrichten verkündet hatte, sich noch über die Einzelheiten auslassen zu wollen, die für ihn so qualvoll waren. Er eilte deshalb fort, Verzweiflung im Herzen. Abgesehen von seinem Kummer über diese überstürzte Abreise, fing auch die Eifersucht an, sich seiner zu bemächtigen, und während das Empfinden so bitter getäuschter Hoffnungen in ihm bohrte, zogen die entmutigendsten Erklärungen durch sein Gehirn.

Nachdem er etwas nachgedacht hatte, sagte er sich: »Diese Diplomatenweiber sind häufig mit vertraulichen Missionen betraut, wo vollkommenste Diskretion und äußerst schnelles Handeln verlangt werden.«

Dann sagte er sich wieder mit plötzlichem Umschlag:

»Wenn sie aber eine Intrigantin sein sollte, wie sie die fremden Regierungen als Agenten benutzen? Wenn die mehr oder weniger wahrscheinliche Geschichte der russischen Prinzessin, die ihre Möbel an Brigitte verkaufen mußte, auch auf meine Ungarin zuträfe? Aber«, fuhr er mit einer dritten Wendung seiner Gedanken fort, während seine Ideen und Gefühle sich in schrecklichem Durcheinander jagten, »ihre Erziehung, ihre Manieren, ihre Sprache, alles spricht für eine Frau, die einen hohen Rang in der Gesellschaft einnimmt; und wenn sie nur ein Zugvogel wäre, was hätte sie genötigt, sich solche Mühe um mich zu geben?«

La Peyrade hätte noch lange dieses Für und Wider bei sich abwägen können, wenn er sich nicht plötzlich umschlungen gefühlt und eine bekannte Stimme laut rufen gehört hätte:

»Aber, mein lieber Advokat, sehen Sie sich doch vor! Hier droht ja ein furchtbarer Sturz, und Sie laufen direkt in Ihr Verderben!«

Und la Peyrade, der wie aus einem Traume erwachte, sah sich in Phellions Armen.

Der Auftritt spielte sich vor einem Hause ab, das an der Ecke der Rue Duphot und der Rue Saint-Honoré abgerissen wurde.

Gegenüber hatte Phellion, an dessen Vorliebe für Arbeiten »an Bauwerken« man sich erinnern wird, auf dem Bürgersteig Posto gefaßt und sah seit einer Viertelstunde dem Schauspiel zu, wie ein Stück Mauer unter den vereinigten Anstrengungen eines Trupps Arbeiter herunterstürzen sollte, und mit der Uhr in der Hand berechnete der große Mitbürger die Dauer des Widerstandes, den diese Masse aus Bruchsteinen und Mörtel der Zerstörungsarbeit an ihr noch leisten konnte.

Es war gerade der Augenblick des unmittelbar drohenden Niedersturzes, als la Peyrade, in seine durcheinander jagenden Gedanken versunken, daherkam, ohne die Zurufe, die von allen Seiten ertönten, zu hören, und den Umkreis betrat, innerhalb dessen aller Wahrscheinlichkeit nach der Sturz des »Aerolithen« erfolgen mußte. Von Phellion bemerkt, der sich übrigens auch auf einen Unbekannten gestürzt hätte, entging la Peyrade augenscheinlich so einem scheußlichen Tode, denn in dem Augenblicke, wo er von den kräftigen Armen des Quartier Latin-Bewohners zurückgerissen wurde, schlug die Mauer mit Donnergepolter inmitten einer Staubwolke, die sich erhob, wenige Schritte von ihm auf den Boden.

»Sind Sie denn taub und blind?« beeilte sich der Arbeiter, der aufgestellt war, um die Passanten zu warnen, in einem Tone, dessen Liebenswürdigkeit man sich vorstellen kann, ihm zuzurufen.

»Ich danke Ihnen, mein lieber Herr!« sagte la Peyrade, der wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt war; »ohne Sie hätte ich mich in törichter Weise totschlagen lassen.«

Und er drückte Phellion die Hand.

»Meine Belohnung«, erwiderte dieser, »ist die Genugtuung, Sie einer so drohenden Gefahr entgangen zu wissen, und ich kann sagen, daß diese Genugtuung ein wenig mit Stolz darüber verbunden ist, daß ich mich nicht um zwei Sekunden in meiner Berechnung geirrt hatte, die mir gestattete, den Zeitpunkt zu fixieren, in dem dieser furchtbare Block seinen Schwerpunkt verlegt haben würde. Aber womit waren denn Ihre Gedanken beschäftigt, mein werter Herr? Gewiß mit Ihrem Plaidoyer in der Affäre Thuillier; die öffentlichen Organe haben mich von der drohenden Gefahr in Kenntnis gesetzt, die zur Sühnung eines Vergehens gegen die Gesellschaftsordnung über dem Haupte unseres achtungswerten Freundes schwebt. Es ist eine gute Sache, die Sie zu verteidigen haben, mein Herr. Denn Hand aufs Herz, und im übrigen damit vertraut, geistige Erzeugnisse zu beurteilen, wie ich es durch meine Tätigkeit als Mitglied des Lesekomitees am Odeon bin, ich kann nicht finden, nachdem ich von mehreren Seiten der inkriminierten Schrift Kenntnis genommen habe, daß der Ton dieser Broschüre ein solcher ist, der die scharfen Maßregeln, die gegen ihn in Anwendung gebracht sind, rechtfertigen könnte . . . Unter uns gesagt,« fügte der große Mitbürger leise hinzu, »ich muß gestehen, daß die Regierung sich eines kleinlichen Verhaltens schuldig gemacht hat.«

»Das ist auch meine Ansicht,« sagte la Peyrade, »aber ich bin nicht mit der Verteidigung beauftragt; ich habe Thuillier veranlaßt, irgendeinen berühmten Advokaten als Beistand zu nehmen.«

»Das kann ein guter Rat sein,« erklärte Phellion, »und jedenfalls ehrt Sie Ihre Bescheidenheit. Sie kommen wohl eben von ihm, verehrter Freund? Ich war gerade an dem Tage bei ihm, wo die Bombe platzte, und ich wollte eben wieder hingehen. Bei meinem letzten Besuche habe ich ihn nicht angetroffen, sondern nur Brigitte, die sich in eifriger Unterhaltung mit Frau von Godollo befand, das ist eine Frau mit politischem Blick, sie hatte wahrhaftig die Beschlagnahme vorausgesagt.«

»Wissen Sie schon, daß die Gräfin Paris verlassen hat?« sagte la Peyrade, der sich auf jede Gelegenheit stürzte, um von der Sache, die ihn jetzt ausschließlich beschäftigte, zu reden.

»Oh, sie ist abgereist!«, sagte Phellion. »Nun, ich muß Ihnen sagen, wenn auch zwischen ihr und Ihnen wenig Sympathie bestand, daß ich ihre Abreise für ein Unglück halte; sie wird eine große Lücke im Salon unserer Freunde hinterlassen; ich sage das, weil ich so denke und nicht die Gewohnheit habe, was ich denke zu verhehlen.«

»O ja,« bemerkte la Peyrade, »sie ist eine sehr vornehme Dame, mit der ich mich, wie ich glaube, trotz ihrer Voreingenommenheit schließlich doch verständigt hätte; sie ist heute, ohne anzugeben wohin, plötzlich mit der Post abgereist.«

»Ach, mit der Post!« erwiderte Phellion. »Ich weiß nicht, ob Sie ebenso denken wie ich, daß das eine sehr angenehme Art zu reisen ist; Ludwig XI., dem wir diese Einrichtung verdanken, hat da sicherlich eine recht glückliche Idee gehabt, wie sehr auch andererseits seine blutige und despotische Regierung nach meiner schwachen Einsicht durchaus nicht über jeden Vorwurf erhaben ist. Ich habe einmal in meinem Leben von diesem Mittel der Ortsveränderung Gebrauch gemacht, und ich muß sagen, daß ich es, trotz seiner verhältnismäßig geringeren Geschwindigkeit, dem verrückten Rennen dieser railways oder Eisenbahnen, deren Schnelligkeit nur um den Preis der Sicherheit der Reisenden und Steuerzahler erkauft wird, für bei weitem überlegen halte.«

La Peyrade schenkte dem Redeschwall Phellions nur wenig Aufmerksamkeit. ›Wo kann sie nur hingegangen sein?‹ Da ihn das Nachgrübeln darüber ausschließlich beherrschte, so hätte ihn auch eine Erzählung von ganz anderer Wichtigkeit nicht interessiert. Der große Mitbürger aber fuhr wie eine losgelassene Lokomotive fort:

»Es war um die Zeit der letzten Niederkunft meiner Frau. Sie befand sich damals in der Perche bei ihrer Mutter, als ich die Nachricht erhielt, daß ihr Milchfieber von sehr ernsten Erscheinungen begleitet war. An einem Geldopfer stirbt man nicht, wie man sagt; und da die Gefahr, in der meine Gattin schwebte, mich in Schrecken setzte, so begab ich mich sofort in das Postbureau, um einen Platz auf der Schnellpost zu nehmen. Aber es war keiner mehr frei, auf länger als eine Woche waren alle vorausbestellt. Sogleich entschloß ich mich, nach der Rue Pigalle zu gehen, und dort erreichte ich für teures Geld, daß mir eine Postchaise und zwei Pferde gestellt wurden, allerdings unter der Voraussetzung, daß ich einen Paß bekäme, den ich mir zu beschaffen verabsäumt hatte und ohne den auf Grund des Erlasses der Konsuln vom 17. Nivose des Jahres XII den Reisenden keine Pferde gegeben werden dürfen . . .«

Diese letzten Worte waren für la Peyrade ein Lichtstrahl, und ohne das Ende der postalischen Odyssee des großen Mitbürgers abzuwarten, war er in der Richtung der Rue Pigalle fortgestürzt, bevor Phellion, dessen Satz noch in der Luft schwebte, Zeit hatte, sein Verschwinden zu bemerken.

Als er im Gebäude der königlichen Post angelangt war, wußte la Peyrade nicht recht, an wen er sich wegen der gewünschten Auskunft zu wenden hätte. Er setzte daher dem Hauswart auseinander, daß er einer befreundeten Dame einen Brief, der ihm für sie in einer sehr dringenden Angelegenheit übergeben war, zustellen müsse; daß die Dame so unbesonnen gewesen sei, ihm ihre Adresse nicht zu hinterlassen, und daß er gedacht habe, sie vielleicht aus dem Paß zu erfahren, den sie wegen der Pferde hätte vorweisen müssen. Da fragte ein Postillon, der in einer Ecke des Raumes, in dem la Peyrade seine Nachforschungen anstellte, saß:

»Ist das eine Dame, die mit ihrer Kammerfrau reist und die ich nahe bei der Madeleinekirche ›aufladen‹ mußte?«

»Gewiß«, rief la Peyrade, ging schnell auf den Mann, den ihm die Vorsehung gesandt hatte, zu und steckte ihm ein Hundertsousstück in die Hand.

»Ach so, ja, das war eine komische Reisende,« sagte der Postillon, »die hat sich von mir erst ins Bois de Boulogne fahren und eine Stunde dort herumkutschieren lassen; dann sind wir plötzlich bis zur Barrière de l'Etoile gefahren, da hat sie mir ein anständiges Trinkgeld gegeben, hat sich eine Droschke genommen und mir gesagt, ich soll die Postkutsche zu einem Wagenverleiher in der Cour des Coches im Faubourg Saint-Honoré bringen.«

»Und wie heißt der Mann?« fragte la Peyrade eilig.

»Das ist ein gewisser Simonin«, antwortete der Postillon.

Nach dieser Auskunft eilte la Peyrade wieder fort und war eine Viertelstunde später bei dem Wagenverleiher; dieser wußte nur, daß eine Dame, die am Madeleineplatz wohnte, eine Postkutsche ohne Pferde auf einen halben Tag gemietet hatte, daß die Postkutsche ihr um neun Uhr morgens zugeschickt und noch vor zwölf Uhr von einem Postillon der Königlichen Post wieder in die Remise zurückgebracht worden war.

›Das macht nichts,‹ sagte sich la Peyrade, ›ich bin ja jetzt sicher, daß sie Paris nicht verlassen hat und vor mir geflohen ist. Wahrscheinlich hat sie, um mit den Thuilliers zu Ende zu kommen, eine Reise vorgeschützt; aber wie töricht bin ich, zu Hause werde ich sicher einen Brief vorfinden, der mich über alles aufklärt.‹

Von der Aufregung und der Ermüdung erschöpft, und um sich schneller von der Richtigkeit seiner Vermutung zu überzeugen, warf sich la Peyrade in einen Mietwagen und nach kaum einer Viertelstunde wurde er, da er ein reichliches Trinkgeld versprochen hatte, in der Rue Saint-Dominique-d'Enfer abgesetzt.

Hier mußte er noch die Qual des Wartens über sich ergehen lassen. Seitdem Brigitte nicht mehr in dem Hause wohnte, tat der Herr Coffinet, der Portier, seinen Dienst nur sehr nachlässig, und als la Peyrade in seine Loge stürzen wollte, um sich »seinen« Brief zu holen, den er in der Tat in dem gewöhnlich dafür benutzten Kasten zu bemerken glaubte, war das Ehepaar Coffinet abwesend und die Tür sorgfältig verschlossen. Die Portiersfrau war im Hause als Aufräumefrau beschäftigt, und der Herr Coffinet hatte diesen Umstand benutzt, um sich in eine benachbarte Kneipe mitschleppen zu lassen, wo er, zwischen zwei Glas Wein, gegen einen Republikaner, der sehr respektlos über die Hausbesitzer redete, diesen die Stange hielt.

Erst nach Verlauf von zwanzig Minuten erinnerte sich der würdige Hauswart an den seiner Aufsicht anvertrauten »Grundbesitz« und entschloß sich, auf seinen Posten zurückzukehren. Man kann sich vorstellen, mit welcher Flut von Vorwürfen er von la Peyrade begrüßt wurde. Er entschuldigte sich damit, daß er eine dringende Besorgung für »Fräulein« zu machen gehabt hätte und daß er doch nicht zu gleicher Zeit an seiner Tür und dort, wo ihn die Herrschaft hingeschickt hätte, sein könne.

Schließlich übergab er dem Advokaten einen in Paris abgestempelten Brief. Mehr mit dem Herzen als mit den Augen erkannte der Provenzale die Handschrift, und nachdem er ihn umgedreht hatte, bewiesen ihm das Wappen und die Devise, daß er endlich das Ende der furchtbarsten Aufregung, die er in seinem ganzen Leben durchgemacht hatte, erreicht habe.

Den Brief vor dem gräßlichen Portier zu lesen, erschien ihm wie eine Profanation; mit dem allen Liebenden bekannten Raffinement machte er sich die Freude, seine Freude noch etwas zu verzögern, und wollte die glückverheißende Epistel erst öffnen, wenn er hinter geschlossener Tür, wo ihn keine Zerstreuung davon abziehen konnte, in der Lage sein würde, mit Behagen das köstliche Gefühl, von dem er schon den Vorgeschmack empfand, auszukosten.

Nachdem er die Treppe in einem Sprunge hinaufgeflogen war, benahm sich der Provenzale so kindisch, daß er die Tür verschloß, und als er endlich bequem an seinem Schreibtische Platz genommen und das Siegel mit peinlicher Sorgfalt gelöst hatte, mußte er mit der Hand sein Herz festhalten, das ihm aus der Brust zu springen drohte. Der Brief aber lautete:

»Mein werter Herr, ich bin für immer verschwunden, da meine Rolle ausgespielt ist. Ich danke Ihnen, daß Sie sie mir ebenso anziehend wie leicht gemacht haben. Indem ich Sie mit den Thuilliers und den Collevilles verfeindet habe, die jetzt Ihre wahren Gefühle gegen sie kennen und denen ich eingehend die an sich schon ziemlich ›erschwerenden‹ näheren Umstände Ihres brüsken und unwiderruflichen Bruchs in einer für ihre bourgeoise Eigenliebe höchst unangenehmen Art auseinandersetzte, bin ich stolz und glücklich darüber, daß ich Ihnen einen ausgezeichneten Dienst geleistet habe. Die Kleine liebt Sie nicht, und Sie selbst lieben nur die schönen Augen ihrer Mitgift. Ich habe Sie beide also vor einem Höllenleben bewahrt. Als Ersatz für Ihre Zukünftige, die Sie so derb abgeschüttelt haben, ist Ihnen ein entzückendes Mädchen bestimmt; sie ist reicher und schöner als Fräulein Colleville und, um zum Schlusse von mir zu reden, freier als

Ihre unwürdige Dienerin,

Frau Torna, Gräfin von Godollo.

P.S. Wegen näherer Auskünfte wollen Sie sich ohne Verzug an Herrn du Portail, Rentier, Rue Honoré-Chevalier, nahe bei der Rue Cassette, im Bezirk Saint-Sulpice, wo Sie erwartet werden, wenden.«

Nachdem er gelesen hatte, hielt sich der Armenadvokat den Kopf mit beiden Händen fest; er konnte nicht mehr sehen, nicht mehr hören, nicht mehr denken – er war vernichtet.

Es bedurfte mehrerer Tage, bis sich la Peyrade von dem Keulenschlag, der auf ihn niedergesaust war, erholen konnte. Es war ihm in der Tat Furchtbares widerfahren: aus dem goldenen Traume erwacht, der ihm eine so lachende Zukunft vorgespiegelt hatte, sah er sich in einer Weise an der Nase herumgeführt, die für seine Eigenliebe und seinen Anspruch, als scharfsinnig und gewandt zu gelten, besonders verletzend war; er sah sich mit den Thuilliers rettungslos verfeindet und mit einer Schuld von fünfundzwanzigtausend Franken belastet, die allerdings erst nach längerer Zeit rückzahlbar war; aber er hatte sich auch verpflichtet, einen weiteren Betrag von zehntausend Franken an Brigitte zu zahlen, bei der mit Rücksicht auf seine Würde ein längeres Aufschieben nicht möglich war; schließlich aber – und das war der Gipfel seiner Demütigung und seiner getäuschten Hoffnung – fühlte er sich noch nicht ganz von der leidenschaftlichen Zuneigung zu der Frau geheilt, die die Urheberin seines sichtbaren Sturzes und das Werkzeug für seinen Ruin gewesen war. Entweder war diese Delila eine sehr große Dame, so hochgestellt, daß sie den kompromittierendsten Launen freien Lauf lassen konnte: dann hätte sie die Rolle der großen Kokette in der Komödie gespielt, in der ihm selbst die Rolle des Dummkopfs zugefallen war; oder es war eine Abenteurerin erster Klasse, die von du Portail bezahlt wurde und Agentin bei seiner Eheintrige geworden war. Also entweder ein schlechtes Leben oder ein schlechtes Herz: eine von diesen beiden Bezeichnungen mußte auf diese gefährliche Sirene zutreffen, und im einen wie im andern Falle hatte sie anscheinend keinen sehr großen Anspruch auf das Mitleid ihres Opfers.

Aber man muß sich an die Stelle dieses Kindes der Provence setzen, mit seinem heißen Blut und glühenden Empfinden, das zum erstenmal im Leben eine von kostbaren Düften und Spitzen umgebene Liebe vor sich sah und den Trank der Leidenschaft aus einem Becher von getriebenem Golde trinken zu können glaubte. So wie man nach dem Erwachen noch eine Weile tief bewegt unter dem Eindruck des Traumes in das verliebt bleibt, was nichts als ein Schatten war, so bedurfte la Peyrade aller seiner seelischen Energie, um die Erinnerung an die perfide Gräfin abzuschütteln. Oder, besser gesagt: er hörte zwar nicht auf, sich nach ihr zu sehnen; nur bemühte er sich, für sein heißes Verlangen einen vernünftigen Vorwand zu suchen, um sie wiederzufinden; er nannte dieses Verlangen Neugier, Rachedurst und stellte deshalb folgende scharfsinnigen Erwägungen an:

Cérizet hat mir von einer reichen Erbin gesprochen; die Gräfin erklärt mir in ihrem Briefe, daß die ganze Intrige, die sie gegen mich gesponnen hat, eine reiche Heirat für mich bezweckte: reiche Heiraten, die man Einem an den Kopf wirft, pflegen nicht so wild zu wachsen, daß sich mir innerhalb weniger Wochen diese Aussicht zweimal bieten könnte: also muß die Partie, die mir Cérizet angetragen hat, und die, die sich mir jetzt darbietet, dieselbe Verrückte sein, die ich eigentümlicher Weise durchaus heiraten soll; also muß Cérizet, der mit im Komplott ist, die Gräfin kennen; also kann ich durch ihn der Ungarin auf die Spur kommen. In jedem Falle werde ich näheres über die merkwürdige Art, wie man über mich verfügen will, erfahren; anscheinend muß eine Familie, die so vornehme Marionetten tanzen lassen kann, eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft einnehmen: also ich muß unbedingt Cérizet aufsuchen.

Und er suchte Cérizet auf.

Seit dem Diner im ›Rocher de Cancale‹ waren sich die beiden früheren Freunde nicht wieder begegnet. Ein- oder zweimal hatte la Peyrade bei den Thuilliers, wo Dutocq wegen der entfernten Lage ihrer neuen Wohnung nur wenig hinkam, den Gerichtsvollzieher beim Friedensgericht gefragt, was sein Sekretär mache.

»Er spricht nie von Ihnen«, hatte Dutocq geantwortet.

Woraus zu schließen war, daß das Haßempfinden, das ›manet alta mente repostum‹, bei dem rachsüchtigen Wucherer noch sehr lebendig war.

La Peyrade ließ sich von diesem Bedenken nicht anfechten. Er wollte ja überhaupt keinen Dienst von ihm erbitten: er ging zu ihm unter dem Vorwande, in einer Angelegenheit wieder anzuknüpfen, an der Cérizet beteiligt war; und Cérizet beteiligte sich niemals an einer Sache, bei der sein Interesse nicht in Frage kam. Er konnte also eher auf einen sehr freundlichen und liebenswürdigen, als auf einen unhöflichen Empfang rechnen. Im übrigen entschloß sich der Advokat, den Sekretär in seinem Amtsbureau aufzusuchen; das sah weniger wie ein Besuch aus, als wenn er zu ihm in das Loch in der Rue des Poules gegangen wäre, das nichts sehr Einladendes hatte.

Es war ungefähr zwei Uhr, als la Peyrade das Gebäude des Friedensgerichts im zwölften Bezirk betrat. Er durchschritt einen ersten Raum, in dem eine Menge von Leuten wartete, die wegen Beurkundungen, Testamentseröffnungen, Beglaubigungen, Sühneterminen, Streitigkeiten zwischen Herrschaft und Gesinde, zwischen Hausbesitzern und Mietern, zwischen Kunden und Lieferanten und endlich wegen Polizeiübertretungen ständig bei dem Richter erster Instanz zu tun hatten.

Ohne sich in diesem Warteraum aufzuhalten, begab sich la Peyrade in den zweiten Raum, der vor dem Arbeitszimmer des Gerichtsvollziehers lag. Hier war Cérizet an einem schlechten Schreibtisch aus schwarz gewordenem Holz, gegenüber dem Platze eines kleinen Schreibers, der augenblicklich nicht zugegen war, mit Schreiben beschäftigt.

Als er den Advokaten eintreten sah, warf ihm Cérizet einen bösen Blick zu und sagte, ohne aufzustehen und ohne die Reinschrift eines Urteils, mit der er beschäftigt war, zu unterbrechen:

»Sieh mal an, da ist ja der edle la Peyrade. Sie machen ja nette Sachen mit Ihrem Freunde Thuillier!«

»Wie geht es dir?« fragte la Peyrade in bestimmtem, aber freundlichem Tone.

»Ich bin, wie du siehst,« antwortete Cérizet, »immer noch an meine Galeere geschmiedet; aber, um bei dem nautischen Bilde zu bleiben, will ich dich fragen, welcher Wind dich herführt: sollte es vielleicht ein widriger Wind sein?«

Ohne darauf zu antworten, setzte sich la Peyrade neben ihn und sagte ernst:

»Mein Lieber, wir müssen miteinander reden.«

»Mir scheint,« sagte der giftige Cérizet, der nicht nachließ, »daß sich dein Verhältnis zu den Thuilliers seit der Beschlagnahme der Broschüre ganz schauderhaft abgekühlt hat.«

»Die Thuilliers sind undankbare Menschen,« antwortete la Peyrade, »ich habe mit ihnen gebrochen.«

»Bruch oder Verabschiedung,« sagte Cérizet, »ihre Tür ist dir darum nicht weniger verschlossen, und nach dem, was mir Dutocq erzählt, spricht Brigitte über dich in einer mehr als leichtfertigen Weise. Siehst du, lieber Freund, das kommt davon, wenn man seine Geschäfte allein machen will: gerät man dann in Schwierigkeiten, so hat man niemanden, der sie aus dem Wege räumt. Hättest du mir die Gesamtmiete verschafft, so wäre ich bei den Thuilliers eingeführt worden, Dutocq hätte sich nicht von dir zurückgezogen, und wir hätten dich allmählich in den Hafen gesteuert.«

»Und wenn ich nun gar nicht in diesen Hafen einfahren will?« entgegnete la Peyrade ziemlich lebhaft. »Ich sage dir, ich habe die Thuilliers bis hierher; ich habe zuerst mit ihnen gebrochen und ihnen gesagt, daß sie mir aus dem Wege gehen sollen; und wenn Dutocq etwas anderes behauptet, dann kannst du ihm sagen, daß er lügt. Ist das deutlich? Habe ich mich nun klar ausgedrückt?«

»Aber, mein Lieber, gerade wenn dir die ganze ›Thuillerie‹ so zuwider ist, hättest du mich bei ihnen einführen müssen; da hättest du gesehen, wie ich dich gerächt haben würde, indem ich sie ausgebeutet hätte.«

»In dieser Beziehung hast du recht,« bemerkte la Peyrade, »und es wäre zu wünschen, daß ich dich auf sie losgelassen hätte; aber eins muß ich bemerken: in der Sache mit dem Mietvertrage habe ich nichts durchsetzen können.«

»Jedenfalls«, sagte Cérizet, »hast du dich verpflichtet gefühlt, Brigitte zu sagen, daß sie die Summe von zwölftausend Franken, die ich an ihr verdienen wollte, ebensogut in ihrer Tasche behalten könne.«

»Es scheint,« antwortete der Advokat, »daß Dutocq das ehrenwerte Handwerk eines Spions, das er früher in den Bureaus des Finanzministeriums betrieb, fortsetzt, und daß er, wie alle Leute, die dieses schmutzige Gewerbe betreiben, ebenso geistreich wie wahrheitsgemäß Bericht erstattet . . .«

»Nimm dich in acht!« sagte Cérizet, »du sprichst von meinem Chef und in seiner Höhle.«

»Höre, ich bin hergekommen,« sagte la Peyrade, »um mit dir von ernsthaften Dingen zu reden; willst du mir nun den Gefallen tun, und die Thuilliers und, was mit ihnen zusammenhängt, beiseite lassen und mir aufmerksam zuhören?«

»Also sprich, mein Lieber,« sagte Cérizet, und legte seine Feder weg, die bis dahin unausgesetzt über das Stempelpapier gelaufen war, »ich höre dir zu.«

»Du hast mir seiner Zeit«, fuhr la Peyrade fort, »von einer Partie mit einem reichen, majorennen Mädchen erzählt, das, wie du dich euphemistisch ausdrücktest, an einer leichten Hysterie leidet.«

»Also doch!« rief der Wucherer aus; »darauf wartete ich; du hast dir aber recht lange Zeit gelassen, darauf zurückzukommen!«

»Was beabsichtigtest du,« fragte la Peyrade, »als du mir diese Erbin antrugst?«

»Nun, dich ein ausgezeichnetes Geschäft machen zu lassen; du brauchtest dich nur zu bücken und es aufzunehmen. Ich war in aller Form beauftragt, es dir vorzuschlagen, und ich bekam dafür keine Vermittlungsgebühr, sondern wäre ganz auf deine Freigebigkeit angewiesen gewesen.«

»Aber du hattest doch nicht allein den Auftrag, mich auszuforschen; eine Dame hatte doch ihrerseits dieselbe Mission?«

»Eine Dame?« entgegnete Cérizet ganz unbefangen, »nicht daß ich wüßte.«

»Ja, eine ziemlich junge hübsche Ausländerin, der du in der Familie meiner Zukünftigen begegnet sein mußt, der sie aufs wärmste ergeben zu sein scheint.«

»Niemals«, sagte Cérizet, »ist bei dieser Angelegenheit von einer Frau die Rede gewesen; ich habe allen Anlaß, zu glauben, daß ich ausschließlich mit dieser Sache betraut war.«

»Wie?« fragte la Peyrade und musterte den Sekretär mit forschendem Blick, »du hast nie von der Gräfin Torna von Godollo reden hören?«

»Niemals in meinem ganzen Leben; ich höre diesen Namen zum erstenmal aussprechen.«

»Dann muß es sich also um eine andere Partie handeln,« sagte la Peyrade, »denn diese Dame hat mir, nach verschiedene Präliminarien – es würde zu viel Zeit beanspruchen, wenn ich dir davon erzählen wollte – ganz formell die Hand eines jungen Mädchens angetragen, die viel reicher ist als Fräulein Colleville.«

»Und majorenn? Und hysterisch?« fragte Cérizet.

»Nein, mit diesen Beigaben hat man mir das Anerbieten nicht schmackhafter gemacht; aber ein anderer Umstand kann dich vielleicht auf die Spur führen. Frau von Godollo hat mich aufgefordert, wenn ich auf die Sache eingehen wolle, einen Herrn du Portail, einen Rentier, aufzusuchen.«

»In der Rue Honoré-Chevalier?« fragte Cérizet lebhaft.

»Richtig.«

»Also dann ist es dieselbe Partie, die dir von zwei verschiedenen Seiten angeboten wird; nur ist es merkwürdig, daß ich über die Mitarbeiterschaft nicht unterrichtet worden bin.«

»Und zwar so wenig,« sagte la Peyrade, »daß du nicht nur keine Ahnung von dem Dazwischentreten der Gräfin gehabt hast, sondern daß du sie auch nicht kennst und mir keinerlei Nachricht über sie geben kannst?«

»Augenblicklich nicht«, erwiderte der Wucherer; »aber ich könnte mich erkundigen, denn das Vorgehen mir gegenüber kommt mir nicht gerade sehr anständig vor; im übrigen muß diese Verwendung von zweien dir beweisen, wie sehr du der Familie erwünscht bist.«

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