Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
projectidf5e4c325
Schließen

Navigation:

La Peyrade entfernte sich jetzt. Auf der Treppe blieb er stehen, um auszuatmen, wenn man so sagen darf, wovon sein Herz überfloß; die Worte der Gräfin, die kluge Vorbereitung, mit der sie ihn auf die Spur ihrer Empfindungen gelenkt hatte, schienen ihm ebenso viele Garantien für ihre Ernsthaftigkeit zu sein, und er ging voller Vertrauen von dannen.

Aber er fühlte die Trunkenheit der Glücklichen, die sich nicht nur in ihren Gesten, ihrem Blick, ihrem Betragen verrät, sondern manchmal auch in Handlungen, die, streng genommen, unvernünftig sind; nachdem er einen Augenblick auf der Treppe stillgestanden hatte, stieg er einige Stufen hinauf und rief an der Stelle, wo er Thuilliers Wohnung sehen konnte, aus:

»Endlich kommt der Ruhm, der Reichtum und das Glück, und noch darüber hinaus, die Wonne, daß ich meiner Rache freien Lauf lassen kann!! Nach Dutocq und Cérizet werde ich euch jetzt vernichten, ihr elendes Bourgeoisgesindel!«

Und er drohte der unschuldigen Doppeltür mit der Faust.

Dann entfernte er sich eilig und empfand in diesem Moment die Wahrheit des volksüblichen Ausdrucks: Die Erde schien ihn nicht zu tragen.

Schon am nächsten Tage erschien la Peyrade, der den Sturm seines Innern nicht länger ertragen konnte, bei Thuillier. Er war mit den schärfsten feindlichsten Absichten gekommen – und nun stelle man sich seine Verblüffung vor! Bevor er noch Zeit hatte, sich gegen eine Demonstration von Freundschaft und Vergessen zu wehren, warf sich Thuillier in seine Arme.

»Mein Freund,« rief der frühere Vizechef, nachdem er ihn losgelassen hatte, »meine politische Zukunft ist gesichert, alle Zeitungen ohne Ausnahme schreiben heute morgen über die Beschlagnahme meiner Broschüre, du mußt sehen, wie sich die Oppositionsblätter die Regierung vornehmen!«

»Das ist sehr einfach,« sagte der Advokat, ohne diesen Enthusiasmus zu teilen, »du bist ein Thema für sie geworden; aber das verbessert deine Lage durchaus nicht, und der Staatsanwalt wird nur um so mehr bestrebt sein, eine Verurteilung zu erreichen, wie man zu sagen pflegt.«

»Nun,« sagte Thuillier und erhob stolz das Haupt, »dann werde ich ins Gefängnis gehen, wie Béranger, wie Lammenais, wie Armand Carrel.«

»Von weitem, mein Lieber, macht sich das sehr hübsch, ein Verfolgter zu sein, aber wenn du erst hören wirst, wie die dicken Riegel hinter dir vorgeschoben werden, dann wird dir, davon kannst du überzeugt sein, das Geschäft erheblich weniger angenehm vorkommen.«

»Zunächst,« warf Thuillier ein, »verweigert man den politischen Gefangenen niemals die Erlaubnis, ihre Strafzeit in einem Krankenhause abzumachen, und dann bin ich doch noch gar nicht verurteilt; du warst doch gestern selbst der Ansicht, daß ich auf Freisprechung hoffen könne.«

»Gewiß, aber seit gestern habe ich Dinge erfahren, die dieses Ergebnis sehr zweifelhaft erscheinen lassen; dieselbe Hand, die deine Dekorierung verhindert hat, muß auch die Beschlagnahme deiner Broschüre veranlaßt haben; du sollst mit Vorbedacht zugrunde gerichtet werden.«

»Da du diesen gefährlichen Feind kennst,« sagte Thuillier, »so wirst du es wohl, wie ich denke, nicht ablehnen, ihn mir zu nennen.«

»Ich kenne ihn nicht,« antwortete la Peyrade, »aber ich habe einen Verdacht; das kommt übrigens davon, wenn man überschlau sein will.«

»Wie denn? Ich überschlau?« sagte Thuillier mit der Neugierde eines Mannes, der mit bestem Gewissen sich etwas Derartiges nicht vorzuwerfen hat.

»Gewiß,« fuhr der Advokat fort, »Ihr habt aus Céleste eine Art Lockvogel gemacht, um die Gimpel in euren Salon zu ziehen; nicht jeder besitzt die Langmut Godeschals, der sich, nachdem ihm die Tür gewiesen war, noch so anständig bei der Frage des Höherbietens benommen hat.«

»Du mußt dich deutlicher erklären,« sagte Thuillier, »ich verstehe dich überhaupt nicht.«

»Und doch ist nichts leichter zu begreifen. Wieviel Bewerber um Fräulein Colleville waren, abgesehen von mir, vorhanden? Godeschal, der junge Minard, der junge Phellion und der Staatsanwaltsgehilfe Olivier Vinet, alles Leute, die man hingehalten hat, wie man mich hinhält.«

»Olivier Vinet, der Staatsanwaltsgehilfe!« rief Thuillier aus, wie einer, dem ein Licht aufgegangen ist; »von da her muß in der Tat der Schlag gegen mich geführt sein. Es heißt, daß sein Vater einen sehr langen Arm hat. Aber kann man denn sagen, daß wir, um mich deines ziemlich unpassenden Ausdrucks zu bedienen, ihn hingehalten haben? Er hat einen Abend bei uns verbracht und hat doch gar keinen Antrag gemacht, ebensowenig wie der junge Minard und der junge Phellion. Godeschal ist der einzige, der einen direkten Schritt getan hat, und der ist sofort abgelehnt worden, ohne daß man ihn mit leeren Versprechungen hingehalten hat.«

»Das ist wahr,« sagte la Peyrade, der immer weiter Streit suchte; »nur bei denjenigen, denen man klar und bestimmt das Wort gegeben hat, macht man sich das Vergnügen, sie zum besten zu halten!«

»Ja, aber sag mir doch,« rief Thuillier, »auf wen zielst du denn mit deinen Vorwürfen? Hast du nicht neulich alles mit Brigitte geregelt? Du suchst dir auch gerade die richtige Zeit aus, um mit mir von deinen Liebesangelegenheiten zu reden, wo das Schwert der Justiz über meinem Kopfe hängt!«

»Sehr hübsch!« sagte la Peyrade ironisch; »jetzt willst du deine interessante Lage als Angeklagter ausnutzen. Ich dachte mir wohl, daß es so verlaufen würde und daß, nachdem die Broschüre einmal fertig geworden war, neue Anträge auf Abweisung gestellt werden würden.«

»Ja wahrhaftig, deine Broschüre!« antwortete Thuillier, »ich finde es komisch, wenn du jetzt behaupten willst, daß durch sie alle Schwierigkeiten behoben sein sollen, wo sie im Gegenteil doch gerade den Anlaß zu den bedauernswerten Komplikationen gegeben hat.«

»Wieso denn bedauernswert? Ich denke, sie hat deine politische Zukunft gesichert?!«

»Wirklich, mein Lieber,« sagte Thuillier gefühlvoll, »ich hätte niemals von dir geglaubt, daß du die Stunde der Not wählen würdest, um uns die Pistole auf die Brust zu setzen und mich zum Gegenstande deiner Nörgeleien und Bosheiten zu machen!«

»Aha,« sagte la Peyrade, »jetzt ist es die Stunde der Not, und erst vor einem Augenblick hast du mich umarmt wie ein Mann, dem irgendein besonderes Glück zuteil geworden ist. Du mußt dich aber doch nun entscheiden, ob du die Rolle des tief zu Beklagenden oder des glorreich Triumphierenden spielen willst.«

»Du kannst noch so geistreich reden,« antwortete Thuillier, »du wirst mich doch nicht in Widersprüche verwickeln können; ich, ich bin logisch, wenn ich auch nicht zu glänzen verstehe. Es ist doch ganz natürlich, wenn ich es als Trost empfinde, daß die öffentliche Meinung sich zu meinen Gunsten erklärt, und wenn ich in ihren Organen die ehrenvollsten Bezeugungen ihres warmen Mitgefühls finde; aber alles in allem – glaubst du nicht, daß es mir lieber gewesen wäre, wenn die Dinge ihren normalen Verlauf genommen hätten? Und wenn ich sehe, daß ich der Gegenstand einer niedrigen Rache von Seiten so einflußreicher Leute wie Vinet bin, kann ich wissen, welchen Gefahren ich noch ausgesetzt bin?«

»Also,« sagte la Peyrade mit unerbittlicher Hartnäckigkeit, »du hast dich nun für die Rolle von ›Hansi weint‹ entschieden?«

»Ja,« erwiderte Thuillier feierlich, »Hansi, der eine Freundschaft beweint, die ich für echt und hingebend gehalten habe, und die mir nur Spott darbietet, wo ich auf ihre Dienste gerechnet hatte.«

»Welche Dienste denn?« fragte la Peyrade. »Hast du mir nicht gestern erklärt, daß du in jeder Hinsicht von meiner Mitarbeiterschaft genug hättest? Ich habe dir angeboten, deine Verteidigung zu übernehmen; du hast mir geantwortet, du wollest dir einen bedeutenden Advokaten nehmen.«

»Gewiß; im ersten Augenblick der Überraschung über diesen unerwarteten Schlag habe ich wohl eine solche Dummheit aussprechen können; aber ich habe es mir überlegt: wer könnte denn besser als du die Grundsätze der Schrift auseinandersetzen, die deine Feder zu Papier gebracht hat? Ich war gestern außer mir, du aber mit deiner verletzten Eigenliebe, der du nichts, was in der ersten Aufregung gesagt wurde, vergeben willst, du bist ein sehr höhnischer und sehr harter Mensch.«

»Also,« sagte la Peyrade, »du ersuchst mich formell, deine Verteidigung vor Gericht zu übernehmen?«

»Aber gewiß doch, mein Lieber! Ich wüßte niemand anderen, in dessen Hände ich meine Sache legen könnte. Irgendeinem großen Herrn von der Anwaltschaft würde ich ein wahnsinniges Geld bezahlen müssen, und er würde mich doch nicht so geschickt wie du verteidigen können.«

»Nun, und ich, ich lehne es ab; die Rollen sind, wie du siehst, vollkommen vertauscht; gestern dachte ich so wie du, daß ich der richtige Mann für diesen Prozeß wäre; heute glaube ich, daß du dir in der Tat eine Berühmtheit der Advokatenschaft nehmen mußt, weil bei dem Antagonismus Vinets die Sache eine Wendung genommen hat, die dem, der sich damit befassen soll, eine wahrhaft erschreckende Verantwortung auferlegt.«

»Ich verstehe,« sagte Thuillier ironisch, »der Herr hat ja schon immer Absichten auf die Staatsanwaltskarriere gehabt und will sich nicht mit einem Manne verfeinden, von dem man schon als dem zukünftigen Großsiegelbewahrer gesprochen hat. Das ist vorsichtig, aber ich weiß nicht, wie du damit deine Heiratsangelegenheit fördern willst.«

»Das soll heißen,« antwortete la Peyrade, der die günstige Gelegenheit beim Schopfe packte, »daß deine Befreiung aus den Krallen der Justiz die dreizehnte Herkulesarbeit ist, die mir auferlegt wird, um Fräulein Collevilles Hand zu verdienen. Ich dachte mir wohl, daß sich die Forderungen im Verhältnis zu den Beweisen meiner Hingebung vervielfachen würden, aber ich bin der Sache nun müde geworden, und um dieser Ausbeutung eines Menschen durch den andern schnell ein Ende zu machen, bin ich heute morgen hergekommen, um dir zu sagen, daß ich dir dein Wort zurückgebe; du kannst also über Célestes Hand verfügen; ich für meinen Teil erhebe keinen Anspruch mehr darauf.«

Das Unerwartete und die bündige Form dieser Erklärung machten Thuillier sprachlos, um so mehr, als gerade in diesem Augenblick Brigitte hereintrat. Die Laune der Haustyrannin hatte sich ebenfalls seit dem gestrigen Abend erheblich gebessert, denn ihre vertrauliche Begrüßung war voll freundschaftlicher Liebenswürdigkeit.

»Ah, da sind Sie ja,« sagte sie zu la Peyrade, »Sie Advokatenpflänzchen!«

»Ich begrüße Sie, mein Fräulein«, antwortete der Provenzale ernst.

»Na,« fuhr die alte Jungfer fort, ohne auf das zeremonielle Gebaren la Peyrades zu achten, »die Regierung hat sich ja mit der Beschlagnahme eurer Broschüre hübsch in die Nesseln gesetzt! Man muß das lesen, wie die Zeitungen sie heute morgen zerpflücken! – Sieh mal,« fügte sie hinzu und reichte Thuillier ein Blatt in kleinem Format auf grobem Papier mit dicken, aber schlecht lesbaren Lettern gedruckt, »da ist noch eins, das du noch nicht gelesen hast; der Portier hat es eben heraufgebracht; das ist eine Zeitung aus unserm alten Viertel, das ›Echo de la Bièvre‹. Ich weiß nicht, ob Sie auch meiner Meinung sein werden, meine Herren, aber ich finde, daß dieser Artikel nicht besser geschrieben werden kann. Aber es ist doch komisch, wie unaufmerksam diese Journalisten sind: sie schreiben deinen Namen ohne h. Mir scheint, du müßtest dagegen Einspruch erheben.«

Thuillier nahm das Blatt und las den Artikel, zu dem den Chefredakteur der Gerberzeitung die Dankbarkeit für das Frühstück veranlaßt hatte. In ihrem ganzen Leben hatte Brigitte sich um keine Zeitung gekümmert, ausgenommen, wenn sie nachsah, ob sie die erforderliche Größe zum Einpacken ihrer Pakete hätte; aber in ihrer warmen Liebe zu ihrem Bruder hatte sie sich plötzlich zum Glauben an die Presse bekehrt, und hinter Thuillier stehend, las sie über seine Schulter weg noch einmal die hervorstechendsten Stellen der Seite, die ihr so überzeugend erschienen waren, und bezeichnete sie mit dem Finger.

»Ja,« sagte Thuillier und faltete das Blatt zusammen, »das klingt warm und sehr schmeichelhaft für mich . . . Aber jetzt haben wir es hier mit einer ganz anderen Sache zu tun! Der hier anwesende Herr erklärt mir, daß er meine Verteidigung nicht übernehmen will und daß er auf Célestes Hand verzichtet.«

»Das heißt,« bemerkte Brigitte, »daß er, nachdem er dich verteidigt hat, verzichtet, wenn wir dann die Hochzeit nicht ›subito‹ ansetzen. Nun, was mich anlangt, ich finde das Verlangen des guten Jungen vernünftig. Wenn er das noch für uns gemacht hat, dann gibt's keinen Aufschub mehr, und ob sich Céleste damit abfinden will oder nicht, sie muß ihn eben nehmen, weil alles schließlich seine Grenze hat.«

»Da hörst du's, mein Lieber,« sagte la Peyrade und ging auf Brigittes Kommentar ein, »wenn ich dich verteidigt habe, dann soll die Heirat zustandekommen. Deine Schwester ist die Offenheit selbst und gebraucht nicht die geringste Diplomatie.«

»Diplomatie!« wiederholte Brigitte. »Na gewiß! Ich werde mich bei Geschäften noch mit so was befassen. Ich rede, wie ich denke: wenn der Arbeiter seine Arbeit getan hat, muß man ihn auch für seine Mühe bezahlen.«

»So schweig doch!« rief Thuillier und stampfte mit dem Fuß auf; »jedes Wort, das du redest, dreht ja noch den Dolch in der Wunde um.«

»Wie? Den Dolch in der Wunde?« fragte Brigitte; »was ist denn los? Seid ihr denn nicht mehr im Einverständnis miteinander?«

»Ich habe dir ja gesagt,« fuhr Thuillier fort, »daß la Peyrade uns eben von unserem Worte entbunden hat, und zwar deshalb, weil man einen neuen Dienst von ihm verlangt, wenn man ihm Célestes Hand bewilligen soll; er ist der Meinung, daß er uns bereits genug Dienste geleistet hat.«

»Gewiß hat er uns welche erwiesen,« antwortete Brigitte, »aber ich meine, wir sind doch auch nicht undankbar gewesen. Übrigens hat er ja die Dummheit gemacht, und ich würde es doch sehr merkwürdig finden, wenn er uns jetzt in der Verlegenheit sitzen lassen wollte.«

»Ihre Begründung, mein verehrtes Fräulein,« sagte la Peyrade, »könnte als berechtigt erscheinen, wenn es in Paris keinen andern Advokaten gäbe als mich; da man aber die Straßen damit pflastern kann und Thuillier selbst davon sprach, daß er sich eine hervorragende Größe nehmen wolle, so lehne ich es ohne den geringsten Skrupel ab, seine Verteidigung zu übernehmen. Was nun die fragliche Heirat anlangt, die nicht nochmals der Gegenstand irgendeines nackten unverblümten Handelsgeschäfts sein soll, so verzichte ich hiermit in formellster Weise darauf, und nichts mehr braucht Fräulein Colleville zu hindern, Herrn Phellion alle Rechte zu gewähren.«

»Ganz nach Ihrem Belieben, mein werter Herr«, antwortete Brigitte; »wenn das Ihr letztes Wort ist – wir werden nicht in Verlegenheit kommen, für Céleste einen Mann zu finden, sei es nun der junge Phellion oder ein anderer; aber Sie werden mir gestatten, Ihnen zu bemerken, daß der Grund, den Sie angeben, nicht sehr stichhaltig ist; schließlich können wir doch nicht schneller tanzen, als die Geigen spielen: selbst wenn die Heirat heute beschlossen würde, muß doch erst noch das Aufgebot bestellt werden; Sie sind doch klug genug, um zu begreifen, daß der Bürgermeister Sie nicht trauen kann, bevor alle Förmlichkeiten erfüllt sind, und bis dahin ist Thuilliers Prozeß längst entschieden.«

»Jawohl,« sagte la Peyrade, »und wenn ich keinen Freispruch durchsetze, dann bin ich es wieder, der Thuillier ins Gefängnis gebracht hat, wie ich gestern der war, der die Beschlagnahme verschuldet hat.«

»Na ja, mir scheint doch, wenn Sie nichts geschrieben hätten, hätte die Polizei auch nichts machen können.«

»Meine Liebe,« sagte Thuillier, als er sah, wie la Peyrade die Achseln zuckte, »deine Folgerung ist unsinnig, insofern ja die Schrift in keiner Beziehung Anlaß zu einer Anklage bietet. Es ist nicht la Peyrades Schuld, wenn sehr hohe Persönlichkeiten eine Hetze gegen mich organisiert haben. Du erinnerst dich noch an den kleinen Staatsanwaltsgehilfen, den Herrn Olivier Vinet, den Cardot einmal zu uns mitgebracht hat; es scheint, daß er und sein Vater wütend sind, weil wir ihm Céleste nicht geben wollten, und daß sie mir den Untergang geschworen haben.«

»Und weshalb haben wir ihn denn abgewiesen,« sagte Brigitte, »wenn nicht der schönen Augen des Herrn hier halber? Denn schließlich ist ein Pariser Staatsanwalt doch eine sehr annehmbare Partie.«

»Zweifellos,« sagte la Peyrade obenhin, »nur hat er keineswegs als Mitgift eine Million mitgebracht.«

»Oh,« rief Brigitte lebhafter werdend, »wenn Sie wieder von dem Hause reden wollen, das Sie uns haben kaufen lassen, so will ich Ihnen nur sagen, daß, wenn Sie das Geld gehabt hätten, das man ausspucken mußte, um es dem Notar abzujagen, Sie nicht damit zu uns gekommen wären. Sie müssen nicht denken, daß ich mich so ganz von Ihnen dumm machen lasse; Sie redeten eben von Handelsgeschäft, aber Sie haben doch selber den Vorschlag gemacht, ›Gebt mir Céleste, dann werde ich euch das Haus verschaffen‹, das haben Sie mit Ihren eigenen Worten gesagt; und außerdem haben wir noch Opfer bringen müssen, mit denen wir vorher nicht gerechnet hatten.«

»Still, Brigitte,« sagte Thuillier, »du kommst da mit Kleinigkeiten.«

»Kleinigkeiten? Kleinigkeiten?« wiederholte Brigitte. »Ist die festgesetzte Summe überschritten worden oder nicht?«

»Mein lieber Thuillier,« sagte la Peyrade, »ich denke ebenso wie ihr, daß die Frage erledigt ist, und daß ein unnötiges Breittreten nur zur Erbitterung Anlaß gibt. Mein Entschluß war gefaßt, bevor ich herkam; alles was ich hier gehört habe, kann mich darin nur bestärken; ich werde nicht euer ›Schwiegersohn‹ werden, aber wir werden darum nicht weniger gute Freunde bleiben.«

Und er erhob sich, um sich zu entfernen.

»Einen Augenblick, mein Herr Advokat!« sagte Brigitte und stellte sich ihm in den Weg; »da ist noch ein Punkt, den ich nicht für erledigt halte, und jetzt, da wir ja nicht auf gemeinschaftliche Kosten leben werden, wäre es mir lieb, wenn Sie die ›Güte‹ hätten, mir zu sagen, was aus der Summe von zehntausend Franken geworden ist, die Thuillier Ihnen für diese Kanaillen von Beamten gegeben hat, die uns das Kreuz verschaffen sollten, das noch immer nichts von sich hören lassen will?«

»Brigitte,« sagte Thuillier voll Angst, »du bist die reine Lästerzunge, du solltest doch nichts davon wissen; ich habe dir davon in einem Anfall von übler Laune erzählt, und du hattest mir doch versprochen, daß du darüber den Mund gegen niemanden, wer es auch sei, öffnen würdest.«

»Nein,« antwortete die unversöhnliche Brigitte, »aber wir trennen uns ja jetzt. Nun, und wenn man sich trennt, dann bringt man seine Rechnung in Ordnung. Zehntausend Franken! Ich finde das schon etwas hoch für ein Kreuz, das man bekommen hat; aber für ein an die Wand gemaltes, da wird mir der Herr doch zugeben, daß es übermäßig bezahlt ist.«

»La Peyrade, lieber Freund,« sagte Thuillier und ging auf den Advokaten zu, der bleich vor Wut geworden war, »höre nicht auf Brigitte, ihre Liebe zu mir macht sie verrückt; ich weiß ja recht gut, wie es in den Bureaus zugeht, und ich würde mich nicht gewundert haben, wenn du aus deiner Tasche noch etwas dazugegeben hättest.«

»Mein Herr,« erwiderte la Peyrade, »ich bin leider nicht imstande, Ihnen gleich nach meiner Heimkehr die Summe wieder zuzustellen, über die man in so brutaler, beleidigender Form von mir Rechenschaft verlangt hat. Aber gewähren Sie mir einige Frist, und wenn Sie, um sich besser gedulden zu können, von mir einen Wechsel nehmen wollen, so bin ich bereit, ihn auszustellen.«

»Geh' zum Teufel mit deinem Wechsel!« erklärte Thuillier; »du bist mir nichts schuldig, sondern wir sind deine Schuldner; Cardot hat mir gesagt, daß du bei der großartigen Erwerbung, die wir dir verdanken, auf deinen Teil mindestens zehntausend Franken zu beanspruchen hättest.«

»Cardot, Cardot!« sagte Brigitte, »der ist sehr nobel mit anderer Leute Geld! Wenn man ihm Céleste gab, so war das doch viel mehr wert, als zehntausend Franken.«

La Peyrade war ein viel zu guter Schauspieler, als daß er die Demütigung, die er hatte erdulden müssen, nicht zu einem effektvollen Abgang benutzt hätte. Daher sagte er mit tränenerstickter Stimme und indem ihm auch bald das Wasser in die Augen stieg:

»Mein Fräulein, als ich die Ehre hatte, bei Ihnen aufgenommen zu werden, war ich arm, und lange Zeit hindurch haben Sie mich leidend und elend sehen können, weil ich wußte, wie die Armut Einen jeder Unwürdigkeit preisgibt. Seit dem Tage, wo ich Ihnen den Reichtum verschafft habe, den ich nicht für mich erstrebte, habe ich ein wenig mehr Sicherheit erlangt, und Ihre Güte hat mich ermutigt, mich aus meiner Schüchternheit und unwürdigen Stellung etwas emporzuarbeiten. Wenn ich heute Ihnen eine loyale Erklärung abgebe, die Sie von einer großen Sorge befreit – denn wenn Sie ehrlich sein wollen, so werden Sie mir zugeben, daß Sie sich einen andern Gatten für Céleste gewünscht haben –, so hätten wir auf einem Plan, den weiter zu verfolgen mir mein Zartgefühl verbietet, verzichten und trotzdem Freunde bleiben können. Dazu hätte genügt, daß Sie sich innerhalb der Grenzen der Höflichkeit gehalten hätten, für die Sie ja ständig ein Muster neben sich haben, denn wenn auch Frau von Godollo mir nicht wohlgesinnt ist, so bin ich doch überzeugt, daß ihre gute Erziehung ihr nicht erlaubt hätte, Ihr gehässiges Vorgehen zu billigen. Aber ich besitze, Gott sei Dank, noch etwas religiöses Empfinden; das Evangelium ist für mich kein toter Buchstabe, und deshalb, verstehen Sie mich wohl, mein Fräulein, will ich Ihnen verzeihen! Und nicht Thuillier, der sie nicht annehmen würde, sondern Ihnen will ich, als meine einzige Rache, in nächster Zeit die zehntausend Franken wieder zustellen, die ich nach Ihrer Ansicht für mich verwendet habe. Wenn Sie sie in Händen haben werden, und wenn Sie, nachdem Sie die Ungerechtigkeit Ihres Verdachtes erkannt haben, einige Gewissensbisse empfinden sollten, können Sie sie ja der Armenverwaltung . . .«

»Der Armenverwaltung?« unterbrach ihn Brigitte, »ich danke bestens! daß sie an einen Haufen von Nichtstuern und Scheinheiligen verteilt werden, damit sie erst zum Abendmahl gehen und sie dann verfressen. Ich bin auch arm gewesen, mein Junge, und ich habe lange genug Säcke genäht, damit die andern ihr Geld hineinsteckten, ehe ich meines hineintun konnte; jetzt habe ich welches und halte es fest, und ich bin bereit, es zu nehmen, sobald es Ihnen beliebt; um so schlimmer für Sie, wenn Sie Geschäfte, die Sie übernommen haben, nicht ausführen können und unnötig Geld verpulvern.«

Da er merkte, daß er seinen beabsichtigten Eindruck verfehlt hatte und die granitene Brigitte nicht zu erschüttern vermochte, warf ihr la Peyrade einen Blick voll Verachtung zu und entfernte sich mit majestätischen Schritten.

Er hatte wohl eine Bewegung Thuilliers, der ihn zurückhalten wollte, bemerkt, aber ein befehlender Wink Brigittes, die immer die regierende Königin blieb, hielt ihren Bruder auf seinem Platze festgebannt.

Nach Hause gekommen, schrieb der Advokat, um sich vollständig loszulösen, an Frau Colleville, daß er, nachdem die Heirat mit Céleste nicht mehr in Frage käme, aus Gründen der Schicklichkeit und des Zartgefühls, genötigt sei, sich bei ihnen nicht mehr sehen zu lassen.

Am nächsten Morgen aber ging Colleville, bevor er sich in sein Bureau begab, zu la Peyrade hinauf und fragte ihn, was das für »Dummheiten« seien, die er an Flavia geschrieben und die sie in Verzweiflung versetzt hätten.

Der Advokat wiederholte ihm in ernster Weise noch einmal den Inhalt der wenig freundschaftlichen Epistel, die er an seine Frau gerichtet hatte.

»Und das nennst du ein Freund sein?« sagte Colleville, der sich seit langem, wie man sich erinnern wird, mit dem Provenzalen duzte. »Du willst sie nicht heiraten: ist das ein Grund, mit den Eltern des Mädchens böse zu werden? Es sieht ja so aus, als ob du uns für die Worte, die zwischen dir und den Thuilliers gefallen sind, verantwortlich machen wolltest. Geht das uns etwas an? Ist meine Frau nicht immer reizend zu dir gewesen?«

»Ich kann nur rühmen,« entgegnete la Peyrade, »welche Güte mir Frau Colleville erwiesen hat.«

»Und da willst du, daß sie vor Kummer sterben soll? Seit gestern hat sie das Taschentuch nicht aus der Hand gelegt: ich sage dir, sie wird mir noch krank werden.«

»Hören Sie, mein lieber Colleville,« antwortete la Peyrade, »ich bin Ihnen die Wahrheit schuldig, und Sie sind auch wert, sie zu hören: ich kann doch jetzt nicht mit Fräulein Céleste zusammentreffen . . .«

»Nun, du sollst auch nicht mit ihr zusammentreffen«, unterbrach ihn der gute Colleville; »wenn du kommst, dann wird die Kleine eben in ihr Zimmer gehen; übrigens wird sie ja bald verheiratet sein.«

»Gut; aber ich muß hinzufügen, daß meine häufigen Besuche bei euch zu Verleumdungen Anlaß gegeben und daß boshafte Gerüchte sich verbreitet haben. Ich habe den Wunsch und die Pflicht, dafür zu sorgen, daß sie aufhören.«

»Was?« rief der Ehemann aus, »ein geistvoller Mann wie du wird sich um solche Hirngespinste kümmern? Du willst die bösen Zungen zum Schweigen bringen? Aber man redet ja seit fünfundzwanzig Jahren über meine Frau, weil sie aus etwas feinerem Holz geschnitzt ist als Brigitte und Frau Thuillier. Da bin ich doch viel klüger als du; all dieses Geschwätz hat uns nicht eine Viertelstunde häuslichen Streites verursacht.«

»Nun,« sagte la Peyrade, »wenn das euch auch ehrt, weil ein sehr aufrechter Sinn dazu gehört, so meine ich doch, daß eine solche Mißachtung der öffentlichen Meinung unvorsichtig ist.«

»Ach, was!« sagte Colleville, »ich spucke auf die öffentliche Meinung; eine nette Hure! Minard verbreitet diese Gerüchte, weil sich niemals ein anständiger Mensch um seine dicke Köchin von Frau gekümmert hat. Er würde besser tun, der Herr Bürgermeister, wenn er mehr auf seinen Sohn aufpassen wollte, der sich von einer früheren Schauspielerin bei Bobino ruinieren läßt.«

»Also, mein Teuerster,« sagte la Peyrade, »versuche, Flavia zur Vernunft zu bringen.«

»Na, Gott sei Dank!« sagte Colleville und drückte dem Advokaten kräftig die Hand, »du nennst sie wieder Flavia, wie früher, damit habe ich meinen Freund wieder.«

»Gewiß,« antwortete la Peyrade, etwas kühler, »Freunde bleiben immer Freunde.«

»Jawohl, Freunde bleiben Freunde«, wiederholte Colleville; »die Freundschaft ist ein Göttergeschenk, das uns über allen Jammer des Lebens tröstet! Also abgemacht, du kommst wieder zu meiner Frau und bringst in mein unglückliches Haus wieder die Ruhe und die Heiterkeit zurück.«

La Peyrade gab ihm ein Versprechen, das die Sache etwas im Ungewissen ließ; als er den unbequemen Besuch los war, fragte er sich, ob dieses Verhalten des Ehemanns, das viel häufiger, als man denkt, zu finden ist, echt oder nur gespielt war.

*

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.