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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Nach Thuillier, der alle diese Anordnungen mit gezwungenem Lächeln guthieß, kam la Peyrade; dann entstand eine lange Pause in dem Erscheinen der Gäste: das Frühstück war auf elf Uhr festgesetzt worden und um dreiviertel zwölf war noch niemand gekommen.

Barbet, der niemals außer Fassung geriet, machte die tröstliche Bemerkung, daß es bei den Einladungen im Restaurant sich ebenso verhalte wie bei Beerdigungen, wo jedermann weiß, daß elf Uhr zwölf bedeute.

In der Tat erschienen kurz vor zwölf zwei Herren mit einem Ziegenbart, die stark nach Tabaksrauch dufteten. Thuillier sprach ihnen überschwenglich seinen Dank aus für die »Ehre«, die sie ihm erwiesen; darauf entstand eine neue Pause, die, wie man nicht zu erwähnen braucht, qualvoll empfunden wurde.

Um ein Uhr waren endlich außer Barbet und la Peyrade fünf Gäste versammelt. Überflüssig, zu sagen, daß kein Journalist, der auch nur den geringsten Namen hatte und etwas auf sich hielt, auf diese abgeschmackte Einladung geantwortet hatte. Man mußte sich schließlich zu Tisch setzen; etliche höfliche Redensarten, die an Thuillier über das »ungeheure« Interesse, das seine Publikation erregt habe, gerichtet wurden, genügten nicht, um ihn sein Mißgeschick vergessen zu lassen, und ohne die Lustigkeit des Verlegers, der die Zügel, die Thuillier traurig wie Hippolyt auf dem Wege nach Mykenä schleifen ließ, in die Hand genommen hatte, wäre nichts mit der Trübsinnigkeit und Eiseskälte dieser Zusammenkunft zu vergleichen gewesen.

Die Austern waren abgeräumt worden und der Champagner und der Chablis, mit dem man sie begossen hatte, fingen an, das Thermometer der Stimmung etwas in die Höhe zu treiben, als ein junger Mensch mit einer Mütze in das Speisezimmer gestürzt kam, der Thuillier den schrecklichsten und unerwartetsten Schlag beibringen sollte.

»Herr Prinzipal,« sagte der Hereingekommene zu Barbet (es war einer der Angestellten der Buchhandlung) »wir sind verloren! Die Polizei ist bei Ihnen erschienen, ein Kommissar und zwei Polizeiagenten haben eben die Broschüre des Herrn beschlagnahmt, und hier ist die Benachrichtigung, die sie für Sie dagelassen haben.«

»Sehen Sie das doch mal an, Herr Advokat«, sagte Barbet zu la Peyrade und überreichte ihm das gestempelte Papier.

Bei diesem Vorfall geriet seine gewöhnliche Sicherheit doch etwas ins Wanken.

»Eine kurz befristete Vorladung vor das Schwurgericht«, sagte la Peyrade, nachdem er einige Zeilen des Geschreibsels des Gerichtsschreibers gelesen hatte.

Thuillier war totenbleich geworden und fragte den Verleger mit erstickter Stimme:

»Haben Sie etwa nicht alle vorgeschriebenen Formalitäten erfüllt?«

»Oh, das ist keine formale Sache,« antwortete la Peyrade, »das ist eine Beschlagnahme wegen Pressevergehens, wegen Aufreizung zum Haß und zur Verachtung der Regierung. Du wirst bei dir, mein armer Thuillier, eine ganz gleiche freundliche Aufforderung vorfinden.«

»Aber das ist ja Verrat!« rief Thuillier aus, der völlig den Kopf verloren hatte.

»Ja, mein Lieber, du mußt ja am besten wissen, was du in deiner Broschüre geschrieben hast: ich habe davon doch nicht mehr gesehen, als die Katze auf dem Schwanz wegtragen kann.«

»Es ist ein Mißverständnis,« sagte Barbet, der wieder Mut gefaßt hatte; »das wird sich aufklären, und schließlich haben wir eine schöne Reklame, nicht wahr, meine Herren?«

»Kellner, Tinte und Feder!« rief einer der so interpellierten Journalisten.

»Ach, du hast noch Zeit genug für deinen Artikel,« sagte einer seiner Kollegen: »was hat die Bombe mit dem Filet sauté hier zu tun?«

Das war eine Parodie des berühmten Wortes Karls XII., des schwedischen Königs, der, während er einem Sekretär diktierte, von einem einschlagenden Geschoß unterbrochen wurde.

»Sie werden mich entschuldigen, meine Herren,« sagte Thuillier und erhob sich; »wenn hier, wie Herr Barbet meint, ein Irrtum vorliegt, dann muß er sofort aufgeklärt werden: ich werde mich also mit Ihrer Erlaubnis sogleich zum Staatsanwalt begeben.«

»La Peyrade,« fügte er mit einem Wink hinzu, »du wirst es mir, denke ich, nicht ablehnen, mich zu begleiten.«

»Und Sie, mein lieber Verleger, sie würden auch gut daran tun, mit uns mitzukommen.«

»O nein, wahrhaftig nicht!« sagte Barbet junior; »wenn ich frühstücke, dann frühstücke ich, und wenn der Staatsanwalt eine Dummheit begangen hat, um so schlimmer für ihn!«

»Aber wenn das eine ernsthafte Anklage ist?« rief Thuillier in höchster Aufregung.

»Nun, dann werde ich sagen, was wahr ist, daß ich kein Wort von Ihrer Broschüre gelesen habe. Es ist dabei nur eins unangenehm: diese verdammten Geschworenen können die Bärte nicht leiden; ich werde mir meinen abnehmen lassen müssen, wenn ich vor ihnen zu erscheinen habe.«

»Ach, mein verehrter Gastgeber, setzen Sie sich doch wieder zu uns,« sagte der Chefredakteur des ›Echo de la Bièvre‹, »wir werden Ihnen schon beistehen: ich habe bereits einen Artikel im Kopfe, der unter den Gerbern einen Aufruhr hervorrufen wird; diese ehrenwerte Körperschaft bedeutet eine Macht.«

»Nein, meine Herren,« sagte Thuillier, »nein! Ein Mann wie ich läßt auch nicht eine halbe Stunde lang eine solche Beschuldigung, wie sie mich betroffen hat, auf sich sitzen. Lassen Sie sich nicht stören, ich hoffe, bald wieder bei Ihnen zu sein. – Kommst du mit, la Peyrade?«

»Der Mann ist gut!« sagte Barbet, als er Thuillier mit seinem Ratgeber sich entfernen sah; »ein Frühstück nach den Austern im Stiche lassen, um sich mit einem Kerl von Staatsanwaltsgehilfen zu unterhalten! Vorwärts, meine Herren, rücken wir zusammen«, fügte er in gehobener Stimmung hinzu.

»Seht mal,« sagte einer der verhungerten Journalisten, der einen Blick auf den Garten des Palais Royal geworfen hatte, nach dem die Fenster des Salons hinausgingen, »da geht Barbanchu! Soll ich ihn nicht hereinrufen?«

»Aber natürlich!« sagte Barbet junior und parodierte eine Anzeige, die an allen Straßenecken zu lesen war: »Von einem Familienvater wird ein Ersatzmann gesucht.«

»Barbanchu, Barbanchu!« schrie jetzt das sogenannte Pressemitglied.

Barbanchu, mit einem spitzen Hut auf dem Kopfe, brauchte lange Zeit, bis er erkannte, aus welcher »Wolke« eine Stimme zu ihm sprach.

»Hierher!« rief die Stimme, die ihm vom Himmel zu kommen schien, als er sich von einem Manne angerufen hörte, der ein Glas Champagner in der Hand hielt.

Und als er noch zu zaudern schien, schrie der ganze Chorus:

»Komm doch rauf, komm doch rauf, wir machen hier ›Fettlebe‹!«

Als er von dem Staatsanwalt herauskam, konnte sich Thuillier nicht die mindeste Illusion mehr machen. Er stand unter einer sehr ernsten Anklage, und nach der strengen Art, wie man ihn empfangen hatte, ließ alles darauf schließen, daß er nicht auf die geringste Nachsicht würde rechnen können.

Wie es nun immer unter Mitschuldigen geschieht, wenn ein gemeinsames Unternehmen fehlgeschlagen ist, begannen jetzt recht scharfe Angriffe gegen la Peyrade: er habe auf das, was er schrieb, gar nicht aufgepaßt und seinen unsinnigen Saint-Simonistischen Ideen freien Lauf gelassen; es wäre ihm gleich, was daraus entstünde! Er brauche ja keine Strafe zu zahlen und ins Gefängnis zu gehen! Und als la Peyrade dann antwortete, die Sache erschiene ihm nicht bedenklich, und er mache sich anheischig, ein »Nichtschuldig« durchzusetzen, entgegnete ihm Thuillier:

»Natürlich, das ist ja ganz einfach! Der Herr betrachtet die Sache nur unter dem Gesichtspunkte, was er damit für Effekt machen kann; aber ich werde meine Ehre und mein Vermögen nicht einem so leichtsinnigen Menschen anvertrauen. Ich werde mir einen von den bedeutenden Advokaten nehmen, wenn es zur Verhandlung kommt. Ich habe genug von einem solchen Mitarbeiter!«

Die Ungerechtigkeit dieser Vorwürfe trieb la Peyrade das Blut zu Kopfe. Gleichwohl, da er sich entwaffnet sah und einen Bruch vermeiden wollte, trennte er sich schließlich von Thuillier mit den Worten, daß er ihm, als einem von der Angst aufgeregten Menschen, verzeihe und ihn nachmittags, wenn er sich etwas mehr beruhigt hätte, aufsuchen wolle; man könne sich dann gleichzeitig über die zu unternehmenden Schritte verständigen.

Um vier Uhr begab sich der Provenzale auch wirklich in das Haus am Boulevard de la Madeleine. Thuilliers Erregung hatte sich gelegt und einem erschreckenden Zustande von Bestürzung Platz gemacht. Wenn es ihm bevorgestanden hätte, eine halbe Stunde später aufs Schafott geführt zu werden, hätte er nicht aufgelöster und niedergeschlagener sein können. Als der Advokat eintrat, war Frau Thuillier damit beschäftigt, ihm Lindenblütentee einzuflößen. Die arme Frau hatte sich aus ihrer gewöhnlichen Apathie aufgerafft und zeigte sich neben einem zweiten Sabinus als wahre Eponina.

Was Brigitte anlangt, die eigenhändig schnell ein Fußbad herbeitrug, so benahm sie sich gegen den Advokaten ohne Gnade und Barmherzigkeit; ihre scharfen, bitteren und in keinem Verhältnis zu seinem Vergehen, wenn ihm ein solches überhaupt zur Last fiel, stehenden Vorwürfe hätten auch den friedlichsten Menschen außer sich bringen können. La Peyrade sah seine Stellung in der Familie Thuillier verloren, wo man mit Freuden die Gelegenheit zu ergreifen schien, ihm das gegebene Wort zu brechen und dem empörendsten Undank freien Lauf zu lassen. Nach einer ironischen Anspielung auf die Art, wie er es verstünde, seinen Freunden eine Auszeichnung zu verschaffen, stand er auf und verabschiedete sich, ohne daß er im geringsten zum Bleiben veranlaßt worden wäre.

Nachdem er die Straße ein Stück entlang gegangen war, mußte der Provenzale, mitten in seiner Entrüstung, an Frau von Godollo denken, und, ehrlich gestanden, waren ja seine Gedanken seit der ersten Zusammenkunft oft zu der schönen Fremden zurückgekehrt.

Nicht nur einmal war diese, wenn er sie bei Thuilliers traf, plötzlich aufgebrochen; dieses Verhalten hatte sich bei allen ihren Begegnungen wiederholt, und ohne daß er den Grund recht verstehen konnte, hatte sich la Peyrade gesagt, daß diese auffällige Art, vor ihm zu fliehen, jedenfalls etwas anderes als Gleichgültigkeit bedeutete. Gleich nach dem ersten Besuch wieder bei der schönen Fremden zu erscheinen, wäre unschicklich gewesen; aber jetzt war die für einen Mann, der vollkommen Herr über sich ist, erforderliche Zwischenzeit abgelaufen. Er kehrte deshalb um, und ohne den Portier zu fragen, ob die Gräfin zu Hause sei, tat er, als ob er wieder zu Thuillier hinaufgehen wolle, klingelte aber an der Tür des Zwischenstocks.

Wie beim erstenmal bat ihn die Kammerfrau, zu warten, bis sie ihre Herrin benachrichtigt hätte; aber das Zimmer, in das man ihn führte, war nicht das Speisezimmer, sondern ein anderer kleiner Salon, in dem eine Bibliothek untergebracht war.

Er mußte lange warten und wußte nicht, was er davon denken solle. Dennoch beruhigte er sich damit, daß er sich sagte, wenn man ihm hätte die Tür weisen wollen, würde das nicht einer so langen Überlegung bedurft haben.

Schließlich erschien die Kammerfrau wieder, aber noch nicht, um ihn hineinzuführen.

»Die Frau Gräfin ist beschäftigt«, sagte sie, »und sie läßt den Herrn bitten, gefälligst zu warten und sich mit den Büchern der Bibliothek zu unterhalten, da sie länger, als sie wünsche, festgehalten werden könnte.«

Die Entschuldigung hatte weder sachlich noch in der Form etwas Entmutigendes, und der Advokat schickte sich an, das Rezept, das man ihm gegen die Langeweile empfohlen hatte, zu gebrauchen. Ohne daß er den Bücherschrank aus geschnitztem Polysanderholz, der eine Sammlung so reich gebundener Bücher enthielt, wie er sie noch niemals vor Augen gehabt hatte, zu öffnen brauchte, fand er auf einem langen Tische mit gedrehten Füßen und einer grünen Tischdecke ein Durcheinander von Büchern, die vollständig für den »Konsum« eines Mannes genügen mußten, dessen Aufmerksamkeit anderweitig beschäftigt war.

Aber je mehr er von den Büchern, die ihm zur Verfügung standen, öffnete, um so mehr schien es ihm, daß man sich das Vergnügen gemacht hätte, ihn Tantalusqualen erleiden zulassen; bald war es ein englisches, bald ein deutsches, bald ein russisches Werk, es befand sich sogar eins darunter, das in türkischen Lettern gedruckt war. War das eine polyglotte Mystifikation, die man ihm zum Scherz bereitet hatte?

Ein Buch zog schließlich seine Aufmerksamkeit auf sich. Sein Einband war im Gegensatz zu den andern, die ihm versiegelte Bücher blieben, viel weniger reich als handlich. Einzeln auf einer Ecke des Tisches von den andern abgesondert war es geöffnet und mit dem Rücken nach oben, mit den Blättern auf der grünen Decke wie ein Zelt hingestellt. La Peyrade nahm es auf und merkte sich dabei die Seite, die man offenbar dadurch hatte bezeichnen wollen.

Es war ein Band der illustrierten Ausgabe von Scribes Werken; die Zeichnung, die der Provenzale vor sich sah, stellte die Hauptszene eines Vaudevilles dar, das »der Haß einer Frau« betitelt war.

Es gibt wohl wenige Leserinnen, die den Vorwurf dieses Stückes nicht kennen, zu dem der durch so viele kleine Meisterwerke berühmt gewordene Verfasser, wie man sagt, durch einen Ausspruch angeregt wurde, den er eines Tages aus dem Munde seiner Portiersfrau vernahm: »Es gibt Leute,« sagte die Frau, »die tun, als ob sie auf den Teller spucken, damit sie es den andern verekeln und alles vor sich haben.«

Die Hauptperson des »Hasses einer Frau« ist in der Tat eine junge Witwe, die einen armen jungen Mann, der unschuldig ist, mit hartnäckiger Wut verfolgt. Alle glauben, daß sie einen tödlichen Haß auf ihn habe. Durch ihre Bosheiten vernichtet sie beinahe seinen guten Ruf und bringt ihn um eine reiche Heirat; aber schließlich geschieht das alles, um ihm viel mehr zu schenken, als sie ihm genommen hat, denn die Lösung ist, daß sie sich ihm selbst gibt und den, der sich für ihr Opfer hielt, zu ihrem Gatten macht.

Wenn der Zufall dieses Buch gesondert hingelegt und gerade an der Stelle geöffnet hatte, wo la Peyrade das Zeichen fand, so muß man gestehen, daß, nach dem was zwischen ihm und der Gräfin vorgegangen war, der Zufall oft recht geschickt und geistvoll zu sein scheint.

Indem er über den tieferen Sinn, den dieses mehr oder weniger zufällige Zusammentreffen haben mochte, nachdachte, begann la Peyrade einige Szenen zu lesen, um sich zu überzeugen, ob auch im einzelnen wie im ganzen die Anspielung genau auf seine Lage paßte. Während er mit Interesse, wenn auch etwas zerstreut, las, ließ sich das Geräusch einer Türe hören, und der Advokat, der den Silberklang und den ein wenig lässigen Ton der Stimme der schönen Ungarin erkannte, stellte fest, daß sie jemanden hinausbegleitete.

»Also«, sagte der Besucher zu der vornehmen Dame (es war ein männlicher Besuch), »ich darf doch der Frau Gesandtin versprechen, daß Sie heute abend ihren Ball mit Ihrer Gegenwart beehren werden?«

»Ja, mein lieber Kommandeur, vorausgesetzt daß meine Migräne, die jetzt nachzulassen scheint, so nett ist, ganz zu verschwinden.«

»Also auf Wiedersehen, meine Verehrteste«, sagte die Stimme des Besuchers.

Dann wurde die Tür geschlossen und alles versank wieder in Schweigen.

Die Bezeichnung Kommandeur beruhigte la Peyrade ein wenig, denn mit diesem Titel pflegen ja schöne junge Herren nicht angeredet zu werden. Er wollte aber gern wissen, mit was für einer Persönlichkeit sie sich so lange eingeschlossen hatte. Da er niemanden kommen hörte, näherte sich der Advokat dem Fenster, von dem man auf die Straße sah, und öffnete vorsichtig die Vorhänge, immer bereit, sie beim geringsten Geräusch wieder zurückfallen zu lassen und sich umzudrehen, um nicht bei seiner Neugierde ertappt zu werden. Ein elegantes Kupee, das einige Schritte vom Hause entfernt hielt, und das er bei seinem Eintreten nicht bemerkt hatte, setzte sich in Bewegung, ein Kammerdiener in reicher, aber geschmackvoller Livree, beeilte sich, die Wagentür zu öffnen, und ein kleiner, flinker, herausgeputzter alter Herr, der aber noch einige selten gewordene Überbleibsel der Vergangenheit an sich trug, da er noch nicht vollständig auf den Puder verzichtet hatte, sprang schnell in den Wagen, der sofort eilig davonfuhr. La Peyrade hatte noch Zeit gehabt, eine Unzahl Orden an seiner Brust zu bemerken. Dieser Regenbogen zusammen mit dem gepuderten Tituskopf ließen keinen Zweifel daran, daß man es hier mit der Persönlichkeit eines Diplomaten zu tun hatte. La Peyrade hatte Zeit gehabt, das Buch wieder aufzunehmen, denn es schien ihm für alle Fälle vorteilhaft zu sein, wenn man ihn bei dieser Lektüre anträfe, als ein Klingelzeichen im Innern der Wohnung ertönte und bald darauf die Kammerfrau erschien, um ihm anzukündigen, daß sein langes Warten ein Ende habe.

Aufgefordert, ihr zu folgen, legte der Advokat den Band absichtlich nicht wieder so hin, wie er ihn aufgenommen hatte, und einen Augenblick später stand er vor der Gräfin.

Ein Anzeichen von Schmerz malte sich auf dem schönen Antlitz der Fremden, das durch diesen schmachtenden Ausdruck aber nichts von seinem Reiz einbüßte. Neben ihr auf dem Sopha lag ein geöffnetes Schreiben auf goldgerändertem Papier, dessen breite prachtvolle Handschrift anzeigte, daß es aus dem Kabinett oder der Kanzlei eines Ministers kam. In der Hand hielt sie ein Kristallfläschchen mit einem Stöpsel aus ziseliertem Gold, an dem sie häufig roch, und ein starker Geruch nach englischem Essig verdeckte das sonstige Parfüm des Zimmers.

»Sind Sie leidend, gnädige Frau?« fragte la Peyrade voll Interesse.

»Oh, es hat nichts zu bedeuten,« sagte die Fremde, »eine Migräne, an der ich sehr oft leide. Aber was ist denn aus Ihnen geworden, mein Herr? Ich hatte beinahe schon alle Hoffnung aufgegeben, Sie wiederzusehen. Haben Sie mir irgendeine wichtige Neuigkeit zu melden? Ihre Hochzeit mit Fräulein Colleville scheint ja jetzt so nahe gerückt zu sein, daß sie wohl schon angezeigt werden kann.«

Diese Einleitung brachte la Peyrade etwas außer Fassung.

»Aber, gnädige Frau,« erwiderte er in beinahe rauhem Tone, »Sie sind, wie mir scheint, doch genügend auf dem laufenden über das, was im Hause Thuillier vorgeht, um zu wissen, daß nichts von dem, was Sie erwähnten, in Aussicht steht; ich kann sogar heute sagen, daß es wahrscheinlich überhaupt nicht mehr zu erwarten ist.«

»Nein, ich schwöre Ihnen, daß ich von nichts weiß; ich habe es direkt vermieden, mich noch irgendwie um eine Angelegenheit zu kümmern, in die ich so töricht war mich überhaupt einzumischen; ich spreche mit Brigitte über alles, nur nicht über Célestes Heirat.«

»Und es war zweifellos der Wunsch, mir in bezug hierauf volle Freiheit zu lassen, der Sie jedesmal, wo ich die Ehre hatte, Ihnen im Hause unserer Freunde zu begegnen, in die Flucht getrieben hat?«

»Aber gewiß,« sagte die Gräfin, »das war der Grund, weshalb ich Ihnen den Platz räumte; weshalb sonst eine solche Menschenscheu?«

»Oh, gnädige Frau, es gibt so viele Gründe, die Einen veranlassen können, das Zusammensein mit einem andern zu vermeiden! Zum Beispiel, wenn er Einem mißfallen hat; wenn Ratschläge, die man ihm aus besonderem Wohlwollen erteilt hat; anscheinend nicht mit genügend respektvollem Eifer von ihm befolgt worden sind.«

»Oh, mein lieber Herr,« sagte die Gräfin, »ich bin kein so ungestümer Proselytenmacher, daß ich es übelnehme, wenn man sich meinen Ansichten nicht anschließt; ich kann, wie jeder andere, die Dinge ja auch sehr falsch ansehen.«

»In meiner Heiratsangelegenheit, gnädige Frau, haben Sie aber im Gegenteil sehr richtig gesehen.«

»Wie das?« sagte die Gräfin lebhaft; »sollte die Beschlagnahme der Broschüre nach der vergeblichen Hoffnung auf den Orden einen Bruch herbeigeführt haben?«

»Nein,« sagte la Peyrade, »mein Einfluß im Hause Thuillier ruht auf festerer Basis, und bei den Diensten, die ich Brigitte und ihrem Bruder geleistet habe, sind diese beiden Mißerfolge, die ja auch glücklicherweise sehr leicht wieder gut zu machen sind . . .«

»Meinen Sie?« unterbrach ihn die Gräfin mit ungläubiger Miene.

»Sicherlich«, antwortete la Peyrade; »wenn die Frau Gräfin du Bruel sich in den Kopf setzt, das rote Bändchen zu erlangen, dann ist sie, trotz der Hindernisse, die sich ihren wohlwollenden Absichten entgegengestellt haben, in der Lage, eine Sache durchzusetzen, die ja schließlich nicht gerade menschliche Kräfte übersteigt.«

Die Gräfin nahm diese Versicherung mit einem Lächeln auf und schüttelte den Kopf.

»Aber gnädige Frau, noch vor wenigen Tagen sagte die Frau Gräfin du Bruel zu Frau Colleville, daß dieser unerwartete Widerstand ihre Eigenliebe verletzt habe und daß sie sich persönlich an den Minister wenden werde.«

»Sie vergessen nur, daß inzwischen eine gerichtliche Untersuchung stattgefunden hat, und für gewöhnlich wartet man doch nicht ab, bis ein Mann, dem man eine Auszeichnung verleihen will, auf der Anklagebank sitzt. Diese Beschlagnahme, das werden Sie wohl bemerkt haben, verrät ein Übelwollen gegen Herrn Thuillier und vielleicht auch gegen Sie selbst, mein Herr, denn Sie sind doch der wahre Schuldige, von dem Sie sich noch nicht Rechenschaft gegeben haben. Die Staatsanwaltschaft scheint bei dieser Gelegenheit nicht aus eigenem Antrieb vorgegangen zu sein.«

La Peyrade warf der Gräfin einen Blick zu.

»Ich muß in der Tat gestehen,« bemerkte er nach diesem schnellen Blick, »daß ich in der inkrimierten Schrift vergeblich nach einem Anlaß suche, der die Maßregel, deren Gegenstand sie gewesen ist, rechtfertigen könnte.«

»Es ist auch meine Ansicht,« sagte die Fremde, »daß die Herren Staatsanwälte eine starke Phantasie gehabt haben müssen, um sich einzubilden, daß sie hier ein zum Aufruhr anreizendes Werk vor sich hätten; aber das beweist um so mehr, wie stark die verborgene Macht ist, die alle Ihre guten Absichten bezüglich dieses vortrefflichen Herrn Thuillier zunichte macht.«

»Und kennen Sie unsere geheimen Feinde, gnädige Frau?« sagte la Peyrade.

»Vielleicht«, sagte die Gräfin und lächelte wieder.

»Darf ich einen Verdacht äußern, gnädige Frau?« sagte la Peyrade bewegt.

»Bitte«, erwiderte Frau von Godollo; »ich werde Ihnen nicht böse sein, wenn Sie sie erraten.«

»Nun, gnädige Frau, Thuilliers und meine Feinde ›sind‹ eine Frau.«

»Nehmen Sie an, es sei so«, sagte die Gräfin. »Wissen Sie, wieviel Zeilen von der Hand eines Mannes Richelieu verlangte, um ihn an den Galgen zu bringen?«

»Vier«, antwortete la Peyrade.

»Dann werden Sie sich also sagen können, daß eine Broschüre von mehr als zweihundert Seiten einer Frau, die ein wenig . . . intrigant ist, genügend Stoff zu einer Verfolgung bieten konnte.«

»Nun ist mir alles klar, gnädige Frau!« rief la Peyrade lebhaft; »und ich glaube, daß diese Frau ein Ausnahmegeschöpf ist, daß sie ebenso boshaft wie geistvoll ist; denn die anbetungswürdige Zauberin setzt nicht bloß die Polizei und die Gendarmen in Bewegung, sondern noch mehr, sie hält auch das Kreuz in der Hand des Ministers, das schon aus ihr herausfallen will, fest.«

»Also«, sagte die Gräfin, »was nützt es, mit ihr zu kämpfen?«

»Ach, ich kämpfe ja nicht mehr«, sagte la Peyrade, der an der aufgewandten Mühe den Umfang des Wohlwollens bemaß, das ihm bezeigt wurde.

Dann fügte er mit geheuchelter Zerknirschung hinzu:

»Mein Gott, gnädige Frau, empfinden Sie denn solch einen Haß gegen mich?«

»Nicht ganz so viel, wie Sie glauben könnten,« antwortete die Gräfin, »aber wenn ich Sie nun wirklich haßte?«

»Oh, gnädige Frau,« sagte la Peyrade begeistert, »dann würde ich der glücklichste aller Unglücklichen sein, denn dieser Haß wäre mir tausendmal köstlicher und süßer, als Ihre Gleichgültigkeit. Aber Sie hassen mich ja nicht; weshalb empfanden Sie sonst für mich das beglückende weibliche Gefühl, das Scribe in einer seiner Perlen von Theaterstücken mit soviel Zartheit und Geist geschildert hat?«

Frau von Godollo antwortete nicht und schlug die Augen nieder; dann, während ein schnelleres Atmen ihre Stimme etwas alterierte, erwiderte sie:

»Nimmt sich ein Stoiker wie Sie überhaupt die Zeit, sich um den Haß einer Frau zu bekümmern?«

»O ja, gnädige Frau,« entgegnete la Peyrade, »ich würde mich sehr darum bekümmern, aber nicht um mich dagegen aufzulehnen; im Gegenteil, ich würde die Schwere, mit der er mich niederdrückt, segnen. Ich würde nicht daran verzweifeln, das Herz meiner schönen Feindin, sobald sie sich zu erkennen gegeben hat, zu erweichen, denn niemals mehr würde ich einen andern Weg wandeln als den ihrigen, niemals unter einem andern Banner kämpfen als dem, zu dem sie sich bekannt hat; bei meinem Denken würde ich auf ihre Inspiration warten, bei meinem Wollen auf ihren Willen; ich würde nicht das geringste unternehmen, ohne ihre Befehle einzuholen; in allem würde ich ihr Bundesgenosse oder, besser, ihr Sklave sein; und sollte sie mich mit ihrem kleinen Fuße wegstoßen oder mit ihrer weißen Hand züchtigen, so würde ich das mit Wonne ertragen. Und ich würde für solche Ergebenheit und Gehorsam nur die Gnade erbitten, die Spur des Fußes, der mich zurückgestoßen hat, küssen, und die Gunst erflehen, die Hand, die sich drohend gegen mich erhoben hat, mit meinen Tränen benetzen zu dürfen.«

Während dieses langen Herzensergusses, zu der die Freude über den gemutmaßten Triumph den von Natur leicht erregbaren Provenzalen hingerissen hatte, war er von seinem Sitze herabgeglitten und kniete dicht vor der Gräfin nieder in der herkömmlichen Theaterpose, die im wirklichen Leben viel öfter eingenommen wird, als man glaubt.

»Stehen Sie auf, mein Herr,« sagte die Gräfin, »und antworten Sie mir.«

Und während sie ihm einen fragenden Blick zuwarf und ihre schönen Augenbrauen runzelte, sagte sie:

»Sind Sie sich auch der Tragweite der Worte bewußt, die Ihrem Munde eben entfahren sind? Haben Sie den ganzen Umfang der Verpflichtung erwogen, die Sie eingehen wollen? Beantworten Sie meine Frage, Hand aufs Herz und auf Ihr Gewissen: sind Sie auch der Mann, alles zu halten, was Sie versprochen haben, und nicht etwa einer von den Niedrigen und Falschen, die unsere Knie nur umschlingen, um unsre Vernunft und unsern Willen ins Wanken zu bringen?«

»Wie?« rief la Peyrade aus, »ich, ich sollte mich jemals dem Zauber entziehen können, der mich seit unserem ersten Beisammensein gefangengenommen hat? Oh, gnädige Frau, je mehr ich Widerstand geleistet, je mehr ich mich dagegen gewehrt habe, um so fester dürfen Sie an die Sicherheit Ihrer Herrschaft über mich glauben. Was ich gesagt habe, das empfinde ich auch; und was ich heute laut denke, das habe ich im Stillen gedacht seit der Stunde, da ich die Ehre hatte, von Ihnen empfangen zu werden, und all die langen Tage, während denen ich gegen meine Neigung ankämpfte, haben einen bewußten Willen in mir aufwachsen lassen, der sich klar über sich geworden ist und den selbst eine strenge Abweisung nicht mehr erschüttern könnte.«

»Abweisung, das wäre möglich,« sagte die Gräfin, »aber bei einem Entgegenkommen muß man sehr vorsichtig sein; prüfen Sie sich selbst recht genau; wir Fremden kennen die Leichtfertigkeit nicht, mit der die Französinnen so oft auch die ernsthaftesten Beziehungen eingehen. Für uns ist ein Ja eine heilige Sache; unser Wort ist wie eine Unterschrift. Wir wollen und wir tun nichts halb. Das Wappen meiner Familie trägt einen Wahlspruch, der hier eine tiefe Bedeutung hat: ›Alles oder Nichts‹: das will viel sagen, und das ist vielleicht noch nicht genügend.

»Oh, genau so verstehe ich es auch,« antwortete der Advokat, »und mein erster Schritt, wenn ich Sie verlasse, wird sein, hinzugehen und mit der unwürdigen Vergangenheit zu brechen, die ich einen Augenblick lang gegen die berauschende Zukunft, auf die zu hoffen Sie mir nicht verbieten, abzuwägen schien.«

»Nein,« sagte die Gräfin, »das muß mit Ruhe und Mäßigung geschehen; ich liebe keine Gewaltstreiche, und es wäre eine üble Art, mir den Hof zu machen, wenn Sie dabei Fensterscheiben zerschlagen. Die Thuilliers sind im Grunde genommen keine schlechten Menschen; sie haben Sie gedemütigt, ohne es zu wissen; sie gehören eben zu einer anderen Welt als der Ihrigen! Ist das ihre Schuld? Lösen Sie die Verbindung, aber brechen Sie nicht mit ihnen, und vor allem, überlegen Sie sich die Sache noch. Ihre Bekehrung zu meinem Glauben ist ja noch so jungen Datums! Wer ist sicher, was ihm morgen sein Herz sagen wird?«

»Ich, gnädige Frau,« sagte la Peyrade, »ich bin ein solcher. Wir Leute aus dem Süden wir lieben nicht auf französische Manier.«

»Aber,« sagte die Ungarin mit reizendem Lächeln, »zwischen uns schien doch von Haß die Rede zu sein?«

»Ach, gnädige Frau,« rief der Advokat aus, »selbst richtig erklärt und verstanden, tut mir dieses Wort weh: sagen Sie mir lieber, nicht daß Sie mich lieben, aber daß die Worte, die Sie so gütig waren, seit unsrer letzten Begegnung an mich zu richten, wirklich Ihrem Empfinden entsprechen.«

»Mein Freund,« sagte die Gräfin, indem sie dieses Wort betonte, »einer Ihrer Moralisten hat gesagt: ›Es gibt Leute, die nur sagen: Das ist so oder das ist nicht so; sie brauchen nicht zu schwören, ihr Charakter bürgt für sie.‹ Haben Sie die Güte, mich zu diesen Leuten zu rechnen.«

Und sie reichte dem Advokaten die Hand mit einer Mischung von Zurückhaltung und Freundlichkeit.

Außer sich stürzte sich der Advokat auf diese Hand und bedeckte sie mit Küssen.

»Genug, Sie Kind!« sagte die Fremde und entwand sie langsam seinen Fingern; »Leben Sie wohl und auf baldiges Wiedersehen! Ich glaube, meine Migräne ist vorüber.«

La Peyrade griff nach seinem Hut und schien hinauseilen zu wollen; aber an der Tür blieb er noch einmal stehen, wandte sich um und warf der schönen Fremden noch einen Blick voll warmer Zärtlichkeit zu.

Die Gräfin nickte ihm ein bezauberndes Lebewohl zu; aber als la Peyrade sich anschickte, noch einmal zurückzukommen, gab sie ihm mit dem Finger ein Zeichen, daß er vernünftig sein und bleiben solle, wo er war.

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