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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
projectidf5e4c325
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Man weiß bereits, daß la Peyrade ein wenig zur Schule Tartüffs gehörte, und die Freimütigkeit, mit der sein Meister Elmire erklärt, daß er ohne einige Gunstbeweise, wonach er seufzte, nicht an ihr zärtliches Entgegenkommen glauben könne, schien dem Advokaten, wenn auch in etwas mehr verhüllter Form, im vorliegenden Falle angemessen zu sein.

»Frau Gräfin,« sagte er daher, »Sie machen mich zu einem sehr beklagenswerten Manne; ich wollte frohen Herzens diese Ehe eingehen, und nun nehmen Sie mir alles Vertrauen dazu; und wenn ich nun meine Pläne aufgebe, was für Aussichten eröffnen sich mir bei meinen großen Fähigkeiten, die Sie mir zuschreiben, wenn ich meine Freiheit wiedererlangt habe?«

»La Bruyère hat, wenn ich nicht irre, gesagt, daß nichts den Menschen so frisch macht, als wenn er sieht, daß er es vermieden hat, eine Dummheit zu begehen.«

»Zugegeben; aber das ist eine negative Wohltat, und ich bin in einem Alter und einer Vermögenslage, daß ich nur mit sicheren Resultaten rechnen darf. Das Interesse, das Sie so gütig sind, mir zu erzeigen, darf nicht dabei stehenbleiben, mit mir tabula rasa zu machen. Es ist wahr, meine Liebe zu Fräulein Colleville hat nichts Stürmisches und nichts Zwingendes, aber schließlich habe ich sie gern, ihre Hand ist mir zugesagt, und bevor ich auf sie verzichte . . .«

»Also,« sagte die Gräfin lebhaft, »gegebenenfalls würden Sie nichts gegen einen Bruch haben, und«, fügte sie noch eindringlicher hinzu, »es wäre vielleicht möglich, Sie davon zu überzeugen, daß Sie, wenn Sie sich so bei der ersten Gelegenheit binden, Ihre Zukunft aufs Spiel setzen, wo sich Ihnen andere Partien bieten können?«

»Wenigstens, gnädige Frau, müßte man sie aber ahnen und voraussehen können.«

Diese Hartnäckigkeit, Garantien zu verlangen, schien die Gräfin zu verstimmen.

»Der Glaube, mein Herr,« sagte sie, »ist nur dann eine Tugend, wenn man aufs Wort glaubt. Sie sind mit sich selbst im Unreinen, das ist eine andere Art von Unbehilflichkeit. Ich habe kein Glück mit meinen Schützlingen.«

»Aber ist es denn so indiskret, gnädige Frau, wenn man darauf dringt, wenigstens ungefähr zu wissen, woran Ihre Güte für mich denkt?«

»Sehr indiskret,« antwortete die Ungarin kühl, »denn ich sehe wohl, daß Sie mir nur bedingt folgen wollen. Also reden wir nicht mehr davon. Ihre Sache mit Fräulein Colleville ist schon sehr weit gediehen, sie erscheint Ihnen in vieler Hinsicht passend, also heiraten Sie sie; noch ein Schritt, und Sie werden mir nicht mehr auf Ihrem Wege begegnen.«

»Aber ist Fräulein Colleville wirklich für mich passend?« begann la Peyrade wieder; »gerade über diesen Punkt haben Sie eben Zweifel in mir entstehen lassen! Und finden Sie es nicht ein wenig grausam, daß Sie mir nacheinander zwei entgegengesetzte Versicherungen geben, ohne irgendeinen Beweisgrund?«

»Ah,« sagte die Gräfin in ungeduldigem Tone, »Sie wünschen Beweisgründe für meine Ansicht! Nun, mein Herr, ich kann Ihnen einen sehr bündigen nennen: Céleste liebt Sie nicht.«

»Ich glaube in der Tat,« sagte la Peyrade bescheiden, »daß ich eher im Begriffe bin, eine Vernunftheirat zu machen.«

»Und sie kann Sie auch nicht lieben,« fuhr die Gräfin lebhafter fort, »weil sie Sie nicht verstehen kann. Der richtige Mann für sie, das ist der kleine blonde, ängstliche junge Mensch, der ebenso fade wie sie ist. Bei dem Zusammenleben dieser beiden Wesen ohne Lebendigkeit und ohne Glut wird jene Lauheit zu zweien entstehen, die nach der Meinung der Welt, in der sie geboren ist und in der sie gelebt hat, das ›non plus ultra‹ der ehelichen Glückseligkeit darstellt. Versuchen Sie doch, diesem Dummchen begreiflich zu machen, daß ein Vermögen, wenn es so glücklich ist, einem Talent auf seinem Wege zu begegnen, sich durch diese Begegnung für geehrt anzusehen hat! Und machen Sie das doch ihrer widerwärtigen elenden Umgebung begreiflich! Reichgewordene Bourgeois, das soll das Dach sein, unter dem Sie sich nach Ihrem harten Mühen und Ihren langdauernden Prüfungen zur Ruhe setzen wollen; müssen Sie nicht glauben, daß zwanzigmal am Tage das, was Sie in die Ehe gebracht haben, gegen das von der andern Seite eingebrachte Geld abgewogen und für ganz unverhältnismäßig zu leicht befunden werden wird? Auf der einen Seite die Ilias, der Cid, der Freischütz und die Fresken des Vatikans, auf der andern hunderttausend Taler in guter, klingender Münze: und nun sagen Sie mir, für welche Seite jene sich begeistern werden? Der Künstler, der Phantasiemensch, der in eine bourgeoise Atmosphäre verschlagen ist, wissen Sie, mit wem ich ihn vergleiche? Mit Daniel, der in die Löwengrube geworfen ist, aber ohne die wunderbare Errettung der Heiligen Schrift.«

Diese Schmährede gegen die Bourgeoisie war in einem so warmen Tone der Überzeugung vorgebracht worden, daß sie ihre ansteckende Wirkung schwerlich verfehlen konnte.

»Oh, gnädige Frau,« rief la Peyrade aus, »mit welcher Beredsamkeit sprechen Sie Dinge aus, die mir schon oft durch meinen beunruhigten und verwirrten Kopf gegangen sind! Aber immer fühle ich mich von dem bittern Verhängnis bedrängt, von der Notwendigkeit, mir eine Stellung zu verschaffen . . .«

»Notwendigkeit! Stellung!« unterbrach ihn die Gräfin in noch wärmerem Tone, »leere Worte ohne Sinn, die für die Klugen überhaupt keinen Klang haben, vor denen aber die Unbedeutenden, als vor zu fürchtenden Hindernissen, zurückweichen. Notwendigkeit! Gibt es das für Ausnahmenaturen, für die, die zu wollen verstehen? Ein gaskognischer Minister hat einmal ein Wort gesprochen, das an die Tür aller Karrieren geschrieben wurden müßte: ›Alles kommt zur rechten Zeit für den, der zu warten versteht.‹ Wissen Sie denn nicht, daß die Ehe für die Männer höheren Schlages entweder eine Kette ist, die sie an die niedrigste Gewöhnlichkeit des Daseins fesselt, oder ein Flügel, der sie zu den höchsten Gipfeln der menschlichen Gesellschaft erhebt? Die Frau, die Sie, mein Herr, brauchen, und auf die Sie vielleicht nicht so lange zu warten haben werden, wenn Sie sich nicht mit unverständlicher Hast von der ersten sich darbietenden Mitgift kapern lassen, müßte fähig sein, Sie zu verstehen, weil sie schon erraten hat, was Sie wollen; sie würde Ihre Mitarbeiterin, Ihre einsichtsvolle Vertraute sein, nicht bloß ein lebendiger Küchentopf; die heute Ihre Privatsekretärin ist, würde morgen wahrscheinlich die Gemahlin eines Deputierten, eines Gesandten sein; sie würde fähig sein, Ihnen ihr Gefühl als Sprungfeder, ihren Salon als Bühne, ihre Beziehungen als Aufstiegsleiter darzubieten, und würde für alles, was sie Ihnen von Schwung und Kraft mitteilt, nichts anderes verlangen, als sich neben Ihrem Thron in Ihrem Ruhm und Glanz zu sonnen, die sie bei Ihnen vorausgeahnt hatte!«

Berauscht von ihren eigenen Worten, bot die Ungarin einen prachtvollen Anblick dar mit ihren funkelnden Augen und ihren geblähten Nasenflügeln; die Perspektiven, die ihre warme Beredsamkeit entrollte, schien sie selbst vor sich zu sehen und mit ihren bebenden Händen zu berühren.

La Peyrade war einen Augenblick wie geblendet vor diesem Sonnenaufgang, den sie seine Strahlen über sein Leben werfen ließ.

Dennoch konnte er, da er ein außerordentlich vorsichtiger Mensch war, der sich zum Gesetz gemacht hatte, nur auf gute und leicht verkäufliche Pfänder zu leihen, sich nicht enthalten, die Situation sorgsam abzuwägen.

»Sie haben mir eben vorgeworfen, Frau Gräfin,« sagte er, »daß ich wie ein Bourgeois rede, und ich, ich fürchte, daß Sie wie eine Göttin sprechen. Ich bewundere Sie, ich höre Ihnen zu, aber ich bin nicht überzeugt. Solch eine Hingebung, solch eine erhabene Selbstverleugnung, die findet man vielleicht im Himmel; aber auf Erden? Wer kann sich rühmen, sie hier erlebt zu haben?«

»Sie täuschen sich, mein Herr, solche Opferbereitschaft ist selten, aber sie ist weder unglaubhaft noch unmöglich; man muß sie bloß aufzufinden und vor allem festzuhalten verstehen, wenn sie sich einem darbietet.«

Damit erhob sie sich hoheitsvoll.

La Peyrade begriff, daß er zuletzt ihr Mißfallen erregt hatte und daß er verabschiedet wurde; er stand auf, verneigte sich respektvoll und bat um die Gunst, zuweilen empfangen zu werden.

»Mein Herr,« antwortete Frau von Godollo, »bei uns Ungarn, die wir noch einfache und fast barbarische Menschen sind, wird eine Tür mit beiden Flügeln geöffnet; wenn wir sie aber schließen, dann geschieht es mit doppeltem Verschluß.«

Diese würdevolle doppelsinnige Antwort war von einer leichten Kopfneigung begleitet. Betäubt und verwirrt von dieser Art sich zu geben, die ihm so neu war und der Flavias, Brigittes und Frau Minards so wenig glich, entfernte sich la Peyrade und fragte sich, ob er klug gehandelt habe.

Nachdem er Frau von Godollo verlassen hatte, empfand la Peyrade das Bedürfnis, sich zu sammeln. Was war hinter der Unterhaltung, die er eben mit dieser merkwürdigen Frau gehabt hatte, versteckt: eine Falle oder eine reiche Partie für ihn? Im Zweifel hierüber würde es weder klug noch vorsichtig sein, Céleste zur Erklärung zu drängen; eine solche Lösung herbeiführen, das bedeutete gleichzeitig, daß auch er sich binde und die Tür vor den noch unbestimmten Aussichten, die sich ihm vielleicht eröffnet hatten, verschließe.

Das Ergebnis der Überlegungen, die Theodosius, während er über den Boulevard schritt, anstellte, war, daß er zunächst nur daran denken dürfe, Zeit zu gewinnen; anstatt daher Thuillier aufzusuchen, begab er sich nach Hause und verfaßte folgendes Schreiben:

»Mein lieber Thuillier!

Du wirst es gewiß merkwürdig gefunden haben, daß ich heute nicht bei Dir erschienen bin; aber abgesehen davon, daß ich mich vor dem Ausfall der Entscheidung fürchte, möchte ich auch nicht als drängender und rücksichtsloser Gläubiger auftreten. Auf einige Tage mehr oder weniger kommt es bei dieser Angelegenheit nicht an, aber Fräulein Colleville kann vielleicht Wert darauf legen, um in voller Freiheit ihre Entscheidung treffen zu können. Ich komme also erst zu Dir, wenn Du mir schreibst. Ich bin wieder ein wenig ruhiger geworden und habe einige weitere Seiten an unserem Manuskript geschrieben; es bedarf nur noch kurzer Zeit, bis wir in der Lage sind, es vollendet dem Drucker zu übergeben.

Ganz der Deinige

Theodosius de la Peyrade.«

Zwei Stunden später brachte, in einer Kleidung, die offenbar einen Übergang zu einer Livree, zu der man sich noch nicht hatte entschließen können, vorstellen sollte, der »männliche« Dienstbote, von dem Minard erzählt hatte, folgende Antwort:

»Komm unbedingt heute abend; wir wollen über all das mit Brigitte reden.

Dein herzlich ergebener

Jérôme Thuillier.«

»Schön,« sagte sich la Peyrade, »die Sache scheint nicht glatt zu gehen; ich habe dann die Möglichkeit, mich zurückzuziehen.«

Am Abend, als er sich bei Thuillier melden ließ, erhob sich die Gräfin von Godollo, die gerade bei Brigitte war, eilig und entfernte sich. Als sie dem Advokaten begegnete, grüßte sie ihn förmlich. Irgend etwas Bestimmtes ließ sich aus diesem brüsken Auftreten, das alles Mögliche bedeuten konnte, nicht schließen.

Nachdem man sich ein wenig über Regen und schönes Wetter unterhalten hatte, wie es die Leute zu tun pflegen, die zusammengekommen sind, um irgendeine kitzliche Angelegenheit zu besprechen, über die sie nicht sicher sind, ein Einverständnis zu erzielen, sagte Brigitte, die ihren Bruder auf einen Boulevardspaziergang geschickt hatte, mit dem Bemerken, er solle sie nur machen lassen:

»Es ist sehr nett von Ihnen, mein Junge, daß Sie nicht wie ein Räuber gekommen sind und uns die Pistole auf die Brust gesetzt haben, denn wir waren noch nicht so weit, um Ihnen einen Bescheid geben zu können. Ich glaube,« fügte sie hinzu, indem sie sich eines Ausdrucks aus ihrem früheren Gewerbe einer Geldverleiherin bediente, »daß Céleste eine kleine Prolongation braucht.«

»Also«, sagte la Peyrade lebhaft, »hat sie sich noch nicht für Herrn Felix Phellion entschieden?«

»Spitzbube!« sagte die alte Jungfer, »gestern abend haben Sie was Schönes angerichtet; Sie wissen doch recht gut, daß sie sich ein bißchen dieser Seite zuneigt.«

»Wenn man nicht blind ist,« sagte der Advokat, »muß man das ja sehen!«

»Das wäre übrigens für meine Absichten kein Hindernis,« fuhr Fräulein Thuillier fort, »aber es ist der Grund, weshalb ich noch ein wenig Aufschub für Céleste von Ihnen verlangte und deshalb auch wünschte, daß die Hochzeit noch etwas hinausgeschoben werden soll. Ich wollte Ihnen auch die Zeit gewähren, sich bei der Kleinen etwas mehr einzuschmeicheln; aber ihr beide, Sie und Thuillier, ihr habt mir meinen ganzen Plan über den Haufen geworfen.«

»Nichts soll nach meiner Meinung ohne Ihre Zustimmung geschehen,« sagte la Peyrade, »und wenn ich während dieser vierzehn Tage Ihnen gegenüber nichts von der Sache erwähnt habe, so geschah das aus reiner Diskretion; Thuillier hatte mir gesagt, daß alles mit Ihnen abgemacht sei.«

»Thuillier weiß recht gut, daß ich im Gegenteil mich nicht in das, was ihr ausgeheckt hattet, habe mischen wollen, und wenn Sie sich in dieser letzten Zeit nicht so rar gemacht hätten, wäre ich die erste gewesen, die Ihnen gesagt hätte, daß ich nicht zustimme. Trotzdem kann ich aber sagen, daß ich nichts getan habe, um einen günstigen Ausgang zu verhindern.«

»Das war aber zu wenig,« sagte la Peyrade, »wir brauchten Ihren Beistand.«

»Möglich; aber ich kenne die Weiber besser als ihr, da ich ja auch zu ihnen gehöre, und ich konnte mir wohl denken, daß Céleste, wenn sie zwischen zwei Liebhabern wählen durfte, darin die Erlaubnis erblickte, nach Belieben an den zu denken, der ihr am besten gefiel, und ich hatte sie gerade immer inbezug auf Felix im Dunkeln gelassen und wußte wohl, wann es Zeit war, der Kleinen den Kopf zurechtzusetzen.«

»Sie lehnt also nicht ab?« sagte la Peyrade.

»O nein, viel schlimmer als das: sie nimmt Sie an und sagt, daß sie ihr Wort gegeben habe; aber es ist so klar, daß sie sich als ein Opfer betrachtet, daß ich an Ihrer Stelle durch einen solchen Erfolg mich weder geschmeichelt noch beruhigt fühlen würde.«

In einer anderen Geistesverfassung würde la Peyrade geantwortet haben, daß er das Opfer annehme und daß er schon ein Herz zu erobern wissen werde, das sich ihm vorläufig nur ungern hingebe; aber da ihm jetzt ein kleiner Aufschub besser paßte, so fragte er Brigitte:

»Und wie denken Sie darüber? Wie soll ich mich entscheiden?«

»Dahin,« sagte Brigitte, »daß Sie zunächst einmal Thuilliers Broschüre fertigmachen, denn er verliert schon den Kopf darüber, und mich dann in Ihrem Interesse handeln lassen.«

»Ist das dann aber auch in Freundeshänden? Denn ich kann mir doch nicht verhehlen, Tantchen, daß Sie seit einiger Zeit ganz anders zu mir sind!«

»Ich anders zu Ihnen? Und woran sehen Sie das, Sie Querkopf?«

»Oh, nur an Kleinigkeiten,« sagte la Peyrade; »aber es ist doch offensichtlich, daß seit dem Erscheinen dieser Gräfin Torna in Ihrem Hause . . .«

»Mein lieber Junge, die Ungarin hat mir Dienste erwiesen, und ich schulde ihr Dank dafür; ist das aber etwa ein Grund, daß ich es Ihnen gegenüber daran fehlen lassen sollte, der Sie uns doch viel größere Dienste geleistet haben?«

»Gestehen Sie nur,« sagte la Peyrade schlau, »daß sie Ihnen viel Schlechtes über mich gesagt hat!«

»Das ist doch sehr natürlich: solche schöne Frauen wollen von jedermann angebetet werden, und sie sieht, daß Sie sich nur um Céleste kümmern; aber alles, was sie mir gesagt hat, ist an mir so heruntergelaufen wie Wasser an einem Wachstuch.«

»Also, Tantchen,« fragte la Peyrade, »ich darf weiter auf Sie rechnen?«

»Ja, wenn Sie mich nicht drängen und mich machen lassen.«

»Aber was werden Sie denn machen?« fragte la Peyrade harmlos.

»Ich werde Felix zunächst erklären, daß er keinen Fuß mehr in unser Haus setzen möchte.«

»Ist das möglich?« sagte der Advokat, »oder ist das überhaupt schicklich?«

»Durchaus, und ich werde es ihm durch Phellion selbst sagen lassen. Da er ein Prinzipienreiter ist, wird er der erste sein, der einsieht, daß, wenn sein Sohn das nicht tun will, was nötig ist, um Célestes Hand zu erlangen, wir auch auf seine Besuche verzichten müssen.«

»Und dann?« sagte la Peyrade.

»Dann werde ich Céleste zu verstehen geben, daß man ihr die Freiheit gelassen hat, einen von beiden Männern zu wählen, und daß sie, da sie Felix nicht will, sich mit Ihnen abfinden muß, einem frommen jungen Mann, wie sie es liebt. Beruhigen Sie sich, ich werde Sie schon gehörig herausstreichen und betonen, wie anständig Sie waren, daß Sie sie nicht zur Entscheidung, zu der sie sich verpflichtet hatte, gedrängt haben; aber all das braucht Zeit; und wenn es mit dem Fertigwerden der Broschüre nur noch acht Tage dauert, dann kann es jeden Augenblick passieren, daß wir Thuillier ins Irrenhaus sperren müssen.«

»Die Broschüre kann in zwei Tagen erscheinen; aber, Tantchen, spielen Sie auch wirklich mit offenen Karten? Die Berge können nicht zueinander kommen, wie man sagt, aber die Menschen; und sobald der Termin für die Wahl feststehen wird, bin ich in der Lage, Thuillier gute oder schlechte Dienste zu leisten. Stellen Sie sich vor, was ich neulich für eine schreckliche Angst gehabt habe. Ich hatte einen Brief von ihm bei mir, in dem er von der Broschüre sprach, als ob ich der Verfasser wäre. Nun habe ich einen Moment geglaubt, ich hätte den Brief im Luxembourg verloren. Das hätte einen netten Tanz in dem Bezirk gegeben!«

»Werde ich etwa versuchen, Schlauköpfe wie Sie hinters Licht zu führen?« sagte die alte Jungfer, die die Drohung in seinem letzten Satze, den er unvermittelt in die Unterhaltung geworfen hatte, wohl verstand. »Aber«, fügte sie hinzu, »was haben Sie uns eigentlich vorzuwerfen? Haben Sie uns nicht vielmehr mit Ihren Versprechungen im Stich gelassen? Mit dem Kreuz, das er binnen acht Tagen erhalten, und mit der Broschüre, die längst erschienen sein sollte?«

»Die Broschüre und das Kreuz, die werden eins nach dem andern kommen«, sagte la Peyrade und erhob sich. »Sagen Sie Thuillier, er soll morgen abend zu mir kommen, ich denke, wir können dann schon die letzten Korrekturbogen durchsehen. Aber vor allem hören Sie nicht zu sehr auf die Bosheiten der Frau von Godollo: ich habe den Eindruck, daß sie, um hier Herrin im Hause zu werden, alle Ihre Freunde herausdrängen will, und daß sie außerdem ein Auge auf Thuillier geworfen hat.«

»Ich muß wirklich achtgeben«, sagte die alte Jungfer, die der bösartige Advokat beim Weggehen noch an ihrer empfindlichen Stelle, ihrer Autorität, getroffen hatte, »in bezug auf das, was Sie mir eben gesagt haben; sie ist ein bißchen kokett, die kleine Frau.«

Sein geschickt hingeworfener letzter Satz brachte la Peyrade noch einen andern Vorteil: aus der Antwort Brigittes konnte er ersehen, daß die Gräfin seinen Besuch bei ihr an diesem Tage nicht erwähnt hatte. Dieses Verschweigen konnte einen tiefen Sinn haben.

*

Vier Tage darauf hatten der Drucker, der Buchbinder und der Papierlieferant ihre Pflicht getan, und Thuillier konnte gegen Abend das unaussprechliche Glück genießen, einen Rundgang über die Boulevards bis zur Passage und zum Palais Royal zu machen. Auf alle Buchhändlerschaufenster warf er einen Blick, wenn er auf einer gelben Anzeige den bekannten Titel las:

Über Steuern und Amortisation
von J. Thuillier
Generalratsmitglied des Seinebezirks.

Da er zu der Überzeugung gelangt war, daß er sich durch seine sorgsamen Korrekturen das Verdienst an der Arbeit selbst zuzuschreiben hätte, floß ihm, wie dem Raben in der Fabel, das Herz vor Freude über. Es muß erwähnt werden, daß er nur wenig Achtung für die Buchhändler aufbringen konnte, die den Verkauf dieser »Neuheit« nicht ankündigten, die nach seiner Meinung ein europäisches Ereignis werden mußte. Ohne sich darüber klarzuwerden, in welcher Weise er sie für ihre Gleichgültigkeit würde zur Rechenschaft ziehen können, notierte er sich für alle Fälle diese rebellischen Firmen, die er haßte, als ob sie ihm einen Schabernack gespielt hätten.

Den nächsten Tag verbrachte er in köstlicher Weise damit, daß er eine Anzahl Ankündigungsbriefe schrieb und einige fünfzig Exemplare unter Kreuzband versandte, denen seine eigenhändige Aufschrift der hergebrachten Worte »vom Verfasser überreicht« nach seiner Meinung einen unschätzbaren Wert verlieh.

Aber der dritte Tag nach dem Erscheinen tat seinem Glücksgefühl etwas Abbruch. Er hatte sich als Verleger einen jungen Mann ausgesucht, der halsbrecherische Buchhandelsgeschäfte machte und sich vor kurzem in der Panoramapassage etabliert hatte, wo er eine unerschwingliche Miete bezahlte. Er war ein Neffe des Buchhändlers Barbet, Brigittes Mieter in dem Hause in der Rue Saint-Dominique-d'Enfer, mit dem sie Wechselgeschäfte machte; dieser Barbet junior war ein junger Mensch, der sich zu allem fähig hielt, und als er Thuillier von seinem Onkel vorgestellt wurde, hatte er sich dafür verbürgt, daß, wenn man mit Annoncen nicht sparen würde, nach Verlauf einer Woche eine zweite Auflage nötig sein werde.

Thuillier hatte für die Veröffentlichung schon fast fünfzehnhundert Franken ausgegeben; eine Unzahl von Exemplaren war an die Zeitungen versandt worden, und nach drei Tagen waren sieben Stück verkauft und noch dazu drei davon auf Kredit.

Man hätte annehmen können, daß der junge Verleger, als er dieses jammervolle Resultat Thuillier mitteilte, ein wenig von seiner Selbstsicherheit verloren haben müßte. Aber im Gegenteil erklärte dieser Guzmann des Buchhandels:

»Ich bin entzückt über dieses Resultat. Hätten wir hundert Exemplare verkauft, so würde mich das bezüglich der fünfzehnhundert Stück der Auflage beunruhigt haben; ich würde das ein Braten bei langsamem Feuer nennen, während mir dieser ganz unerhebliche Absatz beweist, daß die ganze Auflage dann auf einen Schlag abgehen wird.«

»Aber wann denn?« fragte Thuillier, dem dieser Gesichtspunkt ein wenig paradox vorkam.

»Nun,« antwortete Barbet, »sobald wir in allen Zeitungen Besprechungen darüber haben werden. Die Annoncen dienen nur dazu, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen; es sagt sich: ›Das muß eine interessante Publikation sein. Über Steuern und Amortisation, ein hübscher Titel!‹ Aber je anreizender der Titel ist, um so mißtrauischer ist man; man ist zu oft reingefallen! Man wartet also die Besprechungen ab; während bei einem Buch, das nur auf einen mäßigen Absatz rechnen kann, wohl gleich etwa hundert Käufer da sind, dann aber Schluß! Weiter setzt man nichts ab.«

»Sie haben also noch etwas Hoffnung,« sagte Thuillier, »daß es gekauft werden wird?«

»Im Gegenteil, ich halte die Aussichten für ausgezeichnet. Sobald erst das ›Journal des Débats‹, der ›Constitutionnel‹, das ›Siècle‹ und die ›Presse‹ sich darüber geäußert haben, und vor allem, wenn Sie von dem ›Journal des Débats‹, das ministeriell gesinnt ist, ›heruntergerissen‹ sein werden, ist in knapp vier Tagen alles verkauft.«

»Sie sprechen das so leichthin,« erwiderte Thuillier, »aber wie soll man an all diese Koryphäen der Presse herankommen?«

»Oh, das überlassen Sie mir,« sagte Barbet, »ich stehe mit den Chefredakteuren ausgezeichnet; sie sagen von mir, daß ich den Teufel im Leibe habe und sie an Ladvocat in seiner besten Zeit erinnere.«

»Aber dann hätten Sie sie schon aufsuchen müssen, mein Lieber.«

»Oh, erlauben Sie, Papa Thuillier, es gibt nur eine Art, an die Journalisten heranzukommen, und da Sie schon entsetzt über die Summe von fünfzehnhundert Franken für Annoncen waren, habe ich nicht gewagt, Ihnen zu sagen, daß Sie mir noch einen andern Extrakredit eröffnen möchten.«

»Aber weshalb denn das?« fragte Thuillier unruhig.

»Als Sie zum Mitglied des Generalrats des Seinebezirks gewählt wurden, wo wurden da die Pläne für Ihre Wahl geschmiedet?«

»Nun, in meinem Hause«, antwortete Thuillier.

»Bei Ihnen, gewiß, aber bei einem Diner mit nachfolgendem Ball, an den sich dann auch noch ein Souper schloß. Nun, mein Verehrtester, es gibt nur eine Möglichkeit, Geschäfte zu machen; Boileau hat gesagt:

›Daß alles jetzt bei Tisch gemacht wird, weiß der Kenner,
Und nur durch ein Diner beherrscht man heut die Männer.‹«

»Sie meinen also, daß ich den Journalisten ein Diner geben soll?«

»Ja, aber nicht in Ihrem Hause, weil die Journalisten, wissen Sie, sich langweilen, wenn Damen dabei sind, da müssen sie Haltung bewahren! Und dann ist nicht ein Diner, sondern ein Frühstück das Geeignete. Abends, da haben die Herren Erstaufführungen, die Zeitung muß fertiggemacht werden, ganz abgesehen von ihren kleinen Seitensprüngen, während sie vormittags einen freien Kopf haben; ich habe immer Frühstücke gegeben.«

»Aber ein solches Essen ist teuer! Die Herren Journalisten sind Feinschmecker!«

»Ach, zwanzig Franken pro Kopf, ohne Wein. Wenn Sie mit einem Dutzend Gäste rechnen, kann die Sache für hundert Taler sehr anständig sein. Auch aus Ersparnisgründen ist ein Frühstück vorzuziehen; ein Diner würde Sie wenigstens fünfhundert Franken kosten.«

»Sie gehen nicht schlecht darauf los, junger Mann!«

»Ach, jeder weiß doch, daß eine Deputiertenwahl viel Geld kostet, und Sie bereiten damit doch Ihre Kandidatur vor.«

»Aber wie soll ich die Herren dazu bekommen? Muß ich sie persönlich einladen?«

»Durchaus nicht; Sie haben ihnen Ihre Broschüre geschickt, Sie geben ihnen ein Rendezvous bei Philippe oder bei Véfour; das verstehen sie ausgezeichnet.«

»Zehn Gäste,« sagte Thuillier jetzt, der anfing, auf die Sache einzugehen, »ich meine aber doch, daß es nicht so viel bedeutende Zeitungen gibt!«

»Das ist richtig,« entgegnete der Verleger, »aber wir müssen auch die Kläffer haben, weil die am lautesten bellen. Das Frühstück wird von sich reden machen; sie würden glauben, daß Sie eine Auslese haben machen wollen, und so viele Weggelassene, so viele Feinde würden Sie sich machen.«

»Also Sie meinen, daß es genügt, Einladungen zu versenden?«

»Jawohl; ich werde eine Liste aufsetzen, Sie werden die Briefe schreiben und mir zuschicken, ich übernehme es, sie austragen zu lassen und einige werde ich persönlich überbringen.«

»Wenn ich nur sicher wäre,« sagte Thuillier unentschieden, »daß diese Ausgabe auch den gewünschten Erfolg haben wird!«

»›Wenn ich sicher wäre‹, das ist gut!« sagte Barbet bedeutungsvoll; »aber Verehrtester, das ist ja hypothekarisch angelegtes Geld, ich garantiere Ihnen damit den Absatz von fünfzehnhundert Exemplaren. Das macht zu vierzig Sous mit dem Rabatt dreitausend Franken. Sie sehen, daß Sie damit für die laufenden und die Extrakosten gedeckt sind, und noch darüber hinaus.«

»Nun, ich werde darüber noch mit la Peyrade sprechen«, sagte Thuillier aufbrechend.

»Wie Sie wollen, Verehrtester, aber entscheiden Sie sich bald, denn nichts wird so schnell schimmelig wie ein Buch: brühwarm muß es geschrieben, gedruckt, verkauft sein, das sind die drei Tempi für Autor, Verleger und Publikum; sonst ist alles Pfuscherarbeit, und man läßt am besten seine Hände davon.«

Als la Peyrade befragt wurde, hielt er seinerseits diesen Plan für nicht sehr vielversprechend, aber er war im Innern gegen Thuillier so sehr aufgebracht, daß er dessen greifbarer Albernheit und außerordentlicher Unerfahrenheit gern die neue Steuer, von der die Rede war, auferlegen ließ.

Was Thuillier anlangt, so war er derart von der Wut, als Schriftsteller aufzutreten und bekannt zu werden, besessen, daß er, wenn er auch über den neuen Aderlaß an seinem Geldbeutel stöhnte, zu dem Opfer schon entschlossen war, bevor er noch die Ansicht des Advokaten eingeholt hatte. Die sehr begrenzt und sehr bedingungsweise erteilte Zustimmung la Peyrades war für seinen Entschluß daher mehr als genügend, und noch an demselben Abend suchte er Barbet junior auf und erbat sich die berühmte Liste der Einzuladenden.

Barbet machte schnell die Aufstellung, und kam an Stelle der zehn Gäste, von denen er gesprochen hatte, auf fünfzehn, ungerechnet ihn selbst und la Peyrade, den Thuillier als Sekundanten bei dieser Begegnung zu haben wünschte, bei der er, wie er ahnte, ein wenig angezapft werden würde.

Als Thuillier einen Blick auf die fertige Liste geworfen hatte, sagte er:

»Aber, mein Lieber, da stehen ja Namen von Zeitungen, von denen niemals jemand hat reden hören. Wer ist denn der ›Moralisateur‹, die ›Laterne des Diogenes‹, der ›Pelikan‹ und das ›Echo de la Bièvre?‹«

»Da würden Sie schön ankommen,« antwortete Barbet, »wenn Sie das ›Echo de la Bièvre‹ verachten wollten, eine Zeitung, die im zwölften Bezirk erscheint, wo Sie sich aufstellen lassen wollen, und das von den reichen Gerbern des Mouffetardviertels protegiert wird!«

»Also meinetwegen,« erwiderte Thuillier, »aber der ›Pelikan‹?«

»Der ›Pelikan‹? Das ist eine Zeitung, die in den Wartezimmern sämtlicher Zahnärzte, der größten Charlatane der Welt, ausliegt; wieviel Zähne, glauben Sie, werden täglich in Paris gezogen?«

»Lassen wir das beiseite!« sagte Thuillier, der nun eigenmächtig mehrere Namen ausstrich, so daß die Zahl der Gäste auf vierzehn verringert wurde.

»Wenn einer ausbleibt,« sagte Barbet, »dann werden wir dreizehn sein.«

»Und wenn schon!« sagte der starkgeistige Thuillier, »ich bin doch nicht abergläubisch!«

Und nachdem die Liste geschlossen und auf vierzehn reduziert war, schrieb er sofort an dem Schreibtische des Verlegers die Einladungen für den übernächsten Tag, da die Sache drängte und Barbet ihm versichert hatte, daß niemand an diesem kurzen Zwischenraum Anstoß nehmen würde. Die Zusammenkunft sollte bei Véfour stattfinden, dem bei den Bourgeois und Provinzlern beliebtesten Restaurant. Barbet erschien selbst noch vor Thuillier, der eine Krawatte angelegt hatte, die allein genügt hätte, um in dieser mokanten Gesellschaft, vor der er sich produzieren sollte, Aufsehen zu erregen.

Der Verleger ließ eigenmächtig Verschiedenes an dem Menü ändern und ordnete vor allem an, daß statt des nach bourgeoiser Manier erst beim Dessert zu reichenden Champagners, gleich zu Beginn der Mahlzeit zwei Flaschen frappierter Sekt und einige Pfund Krevetten aufgestellt werden sollten, woran der Gastgeber nicht gedacht hatte.

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