Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
projectidf5e4c325
Schließen

Navigation:

Frau Colleville folgte ihm; und da sie infolge der Eifersucht, die sie eben hatte erkennen lassen, eine grimmige Mutter geworden war, sagte sie:

»Céleste, warum singst du nicht? Mehrere Herren wünschen dich zu hören.«

»Oh, Mama!« sagte Céleste, »nach der gnädigen Frau singen, ich, mit meinem dünnen Stimmchen! Außerdem bin ich ja, wie du weißt, etwas erkältet.«

»Das heißt, du bist wie immer anspruchsvoll und unliebenswürdig; man singt, wie man kann, jede Stimme hat ihren Reiz.«

»Meine Liebe,« sagte Colleville, der eben zwanzig Franken am Spieltische verloren hatte, und in seiner üblen Laune den Mut fand, eine seiner Frau widersprechende Ansicht zu äußern, »man singt wie man kann, das ist ein bourgeoismäßiger Grundsatz; man singt, wenn man eine Stimme hat, und vor allem singt man nicht nach der Frau Gräfin, die eine Stimme wie eine Opernsängerin hat; ich dispensiere Céleste durchaus davon, uns eins ihrer kleinen schmachtenden Liedchen vorzuwimmern.«

»Es hat sich wirklich gelohnt,« sagte Flavia und verließ die Gruppe, »teure Lehrer zu bezahlen, damit du dann zu nichts fähig bist.«

»Also Felix,« sagte Colleville zu Phellion, indem er das durch das Herantreten der Frau Colleville unterbrochene Gespräch wieder aufnahm, »verweilt nicht mehr auf der Erde? Er bringt sein Leben unter den Sternen zu?«

»Mein lieber alter Kollege,« sagte Phellion, »ich bin, ebenso wie Sie, sehr böse auf meinen Sohn, wenn ich sehe, wie er die ältesten Freunde unserer Familie vernachlässigt; und wenn auch die Betrachtung der ungeheuren Leuchtkörper, die die Hand des Schöpfers im Weltenraume aufgehängt hat, nach meiner Meinung mehr Interesse verdient, als Ihr menschliches Hirn ihr zuzubilligen scheint, so finde ich doch, daß Felix, wenn er nicht, wie er mir versprochen hat, heute abend noch käme, gegen jede Schicklichkeit verstoßen würde; und ich würde ihm das, ich verspreche es Ihnen, nicht verhehlen.«

»Die Wissenschaft,« sagte la Peyrade, »ist eine schöne Sache, aber es ist ein Unglück, daß sie ihre Vertreter zu Bären und zu Besessenen macht.«

»Nicht gerechnet,« sagte Céleste, »daß sie auch jeden religiösen Begriff vernichtet.«

»Darin täuschen Sie sich, mein Kind«, sagte die Gräfin. »Pascal, der selbst das beste Beispiel darbietet, wie falsch Ihre Ansicht ist, hat, wenn ich mich nicht irre, gesagt, daß wenig Wissenschaft uns von der Religion entfernt, daß viel Wissenschaft aber uns zu ihr zurückführt.«

»Alle Welt, gnädige Frau,« sagte Céleste, »ist aber doch darin einig, daß sie Herrn Felix für einen großen Gelehrten hält; wenn er meinem Bruder Nachhilfestunden gab, war, wie Franz sagte, nichts so klar und so verständlich wie seine Erklärungen; und Sie sehen, daß er darum trotzdem nicht gläubiger ist.«

»Ich erkläre Ihnen, mein gutes Kind, daß Herr Felix kein Ungläubiger ist und daß mit ein wenig Sanftmut und Geduld es sehr leicht wäre, ihn zu bekehren.«

»Einen Gelehrten zu den Gebräuchen der Kirche bekehren? Gnädige Frau, das scheint mir eine schwierige Sache zu sein«, sagte la Peyrade. »Der Gegenstand ihrer Studien steht diesen Herren über allem. Sagen Sie doch einem Geographen, einem Geologen, daß die Kirche zum Beispiel streng auf die Heiligung des Sonntags hält und jede Art von Arbeit verbietet, darüber werden die Herren nur die Achsel zucken, obgleich Gott selbst nicht verschmäht hat, sich auszuruhen.«

»Das ist doch wahr,« sagte Céleste harmlos, »wenn Herr Felix heute abend nicht herkommt, so verstößt er dadurch nicht bloß gegen die Schicklichkeit, sondern er begeht auch eine Sünde.«

»Aber sagen Sie mir doch, meine Allerschönste,« erwiderte Frau von Godollo, »finden Sie, wenn wir hier zusammen sind, um Romanzen zu singen, Eis zu essen und Übles über unsern Nächsten zu reden, daß dies Gott viel angenehmer ist, als wenn ein Gelehrter von den herrlichen Geheimnissen seiner Schöpfung auf der Sternwarte sich Rechenschaft abzulegen versucht?«

»Alles hat seine Zeit,« sagte Céleste, »und Gott selbst hat, wie Herr de la Peyrade sagte, nicht verschmäht, auszuruhen.«

»Aber, liebe Freundin,« sagte Frau von Godollo, »Gott hatte auch Zeit dazu, er ist ja ewig.«

»Das ist eine der reizendsten und geistvollsten Gottlosigkeiten,« sagte la Peyrade, »die man sich denken kann, und die Weltleute geben sich mit solchen Begründungen zufrieden. Man legt die Gebote Gottes aus, auch wenn sie noch so streng und deutlich sind; je nachdem beobachtet man sie oder kümmert sich nicht um sie, man macht beliebige Unterschiede; der Freidenker unterwirft sie seiner eigenmächtigen Prüfung, und wie wenig weit ist es vom freien Denken zum freien Handeln!«

Während dieser Tirade des Advokaten hatte Frau von Godollo die Uhr beobachtet: sie zeigte auf halb Zwölf. Der Salon leerte sich allmählich. Es wurde nur noch an einem Tische gespielt, an dem Thuillier, der alte Minard und zwei neue Bekanntschaften des Hauses saßen. Phellion hatte die Gruppe, bei der er sich aufgehalten hatte, eben verlassen, um sich seiner Frau zu nähern, die in einer Ecke mit Brigitte plauderte, und seine lebhafte Gebärdensprache zeigte, daß er tief entrüstet war. Alles wies darauf hin, daß die Hoffnung, den Säumigen noch erscheinen zu sehen, aufgegeben werden mußte.

»Mein Herr,« sagte die Gräfin zu la Peyrade, »erweisen Sie den Herren aus der Rue des Postes die Ehre, sie für gute Katholiken zu halten?«

»Daran ist doch nicht zu zweifeln,« sagte der Advokat, »die Religion besitzt keine festeren Stützen.«

»Nun,« fuhr die Gräfin fort, »heute morgen hatte ich das Glück, von dem Pater Anselm empfangen zu werden. Dieser gute Pater ist nicht nur ein Muster aller christlichen Tugenden, sondern er gilt auch gleichzeitig für einen sehr gelehrten Mathematiker.«

»Ich habe nicht behauptet, gnädige Frau, daß diese beiden Verdienste einander ausschließen.«

»Sie haben aber behauptet, daß ein guter Christ am Sonntag keinerlei Arbeit vornehmen dürfe, danach müßte der Pater Anselm direkt ein Ungläubiger sein, denn als ich in sein Zimmer trat, fand ich ihn vor einer Tafel, ein Stück Kreide in der Hand, mit einem gewiß ziemlich schwierigen Problem beschäftigt, denn die Tafel war zu drei Vierteln mit algebraischen Zeichen bedeckt, und ich muß hinzufügen, daß ihn das Ärgernis nicht sehr zu bekümmern schien, da jemand, den ich nicht nennen darf, der aber ein junger, sehr hoffnungsvoller Gelehrter ist, ihm bei dieser profanen Beschäftigung half.«

Céleste und Frau Thuillier sahen sich an und beide erblickten in den Augen der andern etwas wie einen Hoffnungsstrahl.

»Weshalb können Sie uns diesen jungen Gelehrten nicht nennen?« sagte schließlich Frau Thuillier, die noch niemals einen Gedanken so gut ausgedrückt hatte.

»Weil er nicht, wie der Pater Anselm, den Ruf der Heiligkeit besitzt, die ihn von einer so flagranten Verletzung der Sonntagsheiligung lossprechen könnte; und außerdem,« fügte Frau von Godollo mit bedeutsamer Gebärde hinzu, »hat er mich gebeten, nicht zu verraten, wo ich ihn getroffen hätte.«

»Sie kennen also viele junge Gelehrte?« fragte Céleste; »dieser und Herr Phellion sind ja schon zwei.«

»Mein schönes Kind,« sagte die Gräfin, »Sie sind eine kleine Neugierde, aber Sie werden mich nicht dazu bringen, zu sagen, was ich nicht sagen will, besonders nach meinem Bekenntnis über den Pater Anselm, denn Ihre Gedanken würden mit Ihnen durchgehen.«

Das war schon der Fall, und jedes Wort der Gräfin schien die Angst des jungen Mädchens zu steigern.

»Ich würde mich nicht wundern,« sagte la Peyrade ironisch, »wenn der Mitarbeiter des Paters Anselm gerade Herr Felix Phellion wäre; Voltaire hat immer in guten Beziehungen zu den Jesuiten gestanden, von denen er erzogen war; nur unterhielt er sich mit ihnen nicht über Religion.«

»Nun, mein junger Gelehrter unterhält sich mit seinem Fachgenossen darüber, er unterbreitet ihm seine Zweifel, und das war gerade der Anlaß zu ihren wissenschaftlichen Beziehungen.«

»Und hofft der Pater Anselm,« fragte Céleste, »den jungen Mann zu bekehren?«

»Er ist dessen sicher,« antwortete die Gräfin; »sein junger Mitarbeiter ist, abgesehen von der Unterweisung in der Religion, die ihm gefehlt hat, nach den edelsten Grundsätzen erzogen worden; er weiß außerdem, daß seine Rückkehr zum Glauben ein reizendes junges Mädchen, das er liebt und von dem er wiedergeliebt wird, glücklich machen würde. Nun aber, mein liebes Kind, werden Sie nichts weiter aus mir herausbekommen, denken Sie sich alles, was Ihnen beliebt.«

»Oh, liebe Patin!« sagte Céleste, indem sie ganz offen ihrem Gefühl nachgab, »wenn er es wäre!« Und sie warf sich weinend in Frau Thuilliers Arme.

In diesem Augenblick öffnete der Diener die Tür und meldete, ein eigentümliches Zusammentreffen, Herrn Felix Phellion an.

Der junge Professor trat herein, ganz mit Schweiß bedeckt, die Krawatte in Unordnung und völlig atemlos.

»Eine sehr geeignete Zeit,« sagte Phellion streng, »um noch zu erscheinen!«

»Lieber Vater,« sagte Felix, während er seine Schritte nach der Ecke hinlenkte, wo Frau Thuillier und Céleste saßen, »ich konnte vor dem Ende des Phänomens nicht fortgehen, ich fand keinen Wagen und bin den ganzen Weg gelaufen.«

»Die Ohren müssen Ihnen unterwegs geklungen haben,« sagte la Peyrade spöttisch, »denn seit einiger Zeit haben sich die Damen hier mit Ihnen beschäftigt und standen in bezug auf Sie vor einem großen Rätsel.«

Felix antwortete nicht; er sah Brigitte aus dem Speisezimmer hereinkommen, wo sie angeordnet hatte, daß nichts mehr herumgereicht werden solle; er eilte zu ihr, um sie zu begrüßen.

Nachdem er einige Vorwürfe über die Seltenheit seiner Besuche hatte mitanhören müssen und mit einem sehr freundlichen »Besser spät als gar nicht« Verzeihung erhalten hatte, wandte er sich wieder seinem Anziehungspol zu und war sehr erstaunt, Frau von Godollo sagen zu hören:

»Sie werden mir eine Indiskretion verzeihen, mein Herr, die ich in bezug auf Sie im Drange der Unterhaltung begangen habe: ich habe, trotz Ihres ausdrücklichen Verbotes, den Damen mitgeteilt, wo ich Sie heute morgen getroffen habe.«

»Wo ich die Ehre hatte, Ihnen zu begegnen,« sagte Felix; »aber ich habe Sie, gnädige Frau, jedenfalls nicht gesehen.«

Über la Peyrades Lippe huschte ein unmerkliches Lächeln.

»Sie haben mich recht gut gesehen, da Sie ja von mir unbedingtestes Schweigen verlangt haben. Aber im übrigen habe ich über Sie nur die Wahrheit gesagt; ich habe erklärt, daß Sie zuweilen den Pater Anselm besuchen und daß Sie bisher zwar nur wissenschaftliche Beziehungen mit ihm verbanden, daß Sie aber Ihre religiösen Bedenken ihm gegenüber ebensosehr wie gegen Céleste geltend machten.«

»Gegen den Pater Anselm? . . .« sagte Phellion ohne etwas zu begreifen.

»Aber gewiß!« bemerkte la Peyrade, »den großen Mathematiker, der sich der Hoffnung hingibt, Sie zu bekehren; Fräulein Céleste hat vor Freude darüber geweint.«

Felix sah verblüfft um sich. Frau von Godollo warf ihm einen Blick zu, dessen Bedeutung ein Pudel verstanden hätte.

»Ich würde gern etwas getan haben,« sagte er schließlich, »was Fräulein Céleste angenehm ist, aber ich glaube, gnädige Frau, Sie befinden sich hier in einem Irrtum.«

»Hören Sie mich an, mein Herr, ich will die Sache genau feststellen, und wenn eine falsche Scham Sie veranlassen sollte, einen Schritt, den man doch anstandslos eingestehen kann, trotzdem abzuleugnen, dann strafen Sie mich Lügen; ich muß dann die Strafe für meine Leichtfertigkeit auf mich nehmen, daß ich ein Geheimnis verraten habe, obwohl Sie mir, wie ich zugebe, strengste Verschwiegenheit auferlegt hatten.«

Frau Thuillier und Céleste waren ein Schauspiel für sich, denn niemals hatten sich Zweifel und Hoffnung so deutlich auf einem menschlichen Antlitz gemalt.

Und Frau von Godollo fuhr fort, indem sie jedes Wort betonte:

»Weil ich wußte, wie sehr Ihnen Ihr Heil am Herzen liegt und weil man Sie beschuldigte, sich keck über die Gebote Gottes hinweggesetzt zu haben, indem Sie am Sonntag arbeiteten, habe ich den Damen mitgeteilt, daß ich Sie heute morgen in dem Hause der Rue des Postes getroffen habe, bei dem Pater Anselm, einem Gelehrten wie Sie, mit dem Sie gemeinsam bei der Lösung einer Aufgabe beschäftigt waren; ich habe ferner gesagt, daß Ihre wissenschaftlichen Beziehungen zu diesem heiligen und geistig bedeutenden Manne Anlaß zu andern Auseinandersetzungen gegeben haben und daß Sie ihm Ihre religiösen Bedenken unterbreitet haben, die er zerstreuen zu können hoffte. Eine Bestätigung meiner Angaben kann für Ihr Selbstgefühl nichts Beschämendes haben; Sie wollten einfach Céleste eine Überraschung bereiten, und ich war so ungeschickt, das zu verderben; aber wenn sie hört, daß Sie das, was ich gesagt habe, bestätigen, dann wird sie noch glücklich genug sein, um über das Wort, das sie von Ihnen erwartet, nicht mit uns zu feilschen.«

»Also bitte, mein Herr!« sagte la Peyrade; »es ist nichts Lächerliches, nach Erleuchtung zu streben; Sie, ein so geradsinniger Mann, ein solcher Feind der Lüge, werden doch nicht leugnen wollen, was die gnädige Frau mit solcher Bestimmtheit behauptet.«

»Fräulein Céleste,« sagte Felix nach kurzem Zögern, »wollen Sie mir gestatten, daß ich Ihnen zwei Worte ohne Zeugen sage?«

Auf ein bejahendes Zeichen Frau Thuilliers erhob sich Céleste. Felix ergriff ihre Hand und führte sie an ein zwei Schritte von ihrem bisherigen Platze entferntes Fenster.

»Céleste,« sagte er, »ich beschwöre Sie, warten Sie noch. Sehen Sie,« fügte er hinzu und wies auf das Gestirn des großen Bären, »jenseits dieser hellen Sterne liegt für uns die ganze Zukunft. Die Sache mit dem Pater Anselm kann ich nicht zugeben, weil sie nicht wahr ist. Es ist eine Notlüge. Aber haben Sie Geduld, Sie werden bald mehr erfahren!«

Céleste verließ ihn, und er blieb stehen, in den Anblick des Himmels versunken.

»Er ist wahnsinnig!« sagte das junge Mädchen verzweifelt und setzte sich wieder auf ihren Platz neben Frau Thuillier.

Felix schien diese Bezeichnung zu bestätigen, denn er stürzte aus dem Salon fort, ohne die Aufregung zu bemerken, in der Phellion und seine Mutter ihm nacheilten.

Während alle über dieses Verschwinden verblüfft waren, näherte sich la Peyrade respektvoll der Frau von Godollo und sagte:

»Gestehen Sie, gnädige Frau, daß es sehr schwer ist, einen Menschen aus dem Wasser zu ziehen, der sich selbst durchaus ertränken will . . .«

»Ich habe mir bisher,« erwiderte die Gräfin, »eine solche Einfältigkeit nicht vorstellen können, so etwas ist doch zu albern. Ich gehe zum Feinde über und will mit dem Feinde, so bald es ihm beliebt, eine freimütige und loyale Auseinandersetzung haben.«

Am andern Tage richtete sich Theodosius' Wißbegierde auf zwei Punkte: wie würde Céleste sich mit der Entscheidung, die sie zu treffen auf sich genommen hatte, abfinden? Und was hatte diese Gräfin Torna von Godollo ihm zu sagen und was wollte sie von ihm?

Der ersten Sache gebührte unbestreitbar der Vorrang; gleichwohl fühlte sich la Peyrade durch eine innere Stimme mehr zur Lösung des zweiten Problems hingezogen. Aber indem er sich entschloß, zuerst sich diesem zuzuwenden, war er sich darüber klar, daß er bei der Zusammenkunft, zu der er eingeladen war, gar nicht gut genug gerüstet erscheinen konnte.

Es hatte am Morgen geregnet, und der kluge Rechner wußte recht gut, daß ein Schmutzfleck auf dem Lack eines Stiefels Veranlassung geben kann, einen Mann geringzuschätzen. Er ließ sich also von seinem Portier ein Kabriolet holen und verließ gegen drei Uhr die Rue Saint-Dominique-d'Enfer, um sich in die vornehmen Gefilde des Madeleineviertels zu begeben.

Man kann sich denken, daß er sorgfältige Toilette gemacht hatte, die die Mitte zwischen der Ungeniertheit eines Morgenanzuges und der feierlichen Abendkleidung halten mußte. Da er durch seinen Beruf zum Tragen der weißen Krawatte verurteilt war, die er nur bei seltenen Gelegenheiten ablegen konnte, und da er nicht wagte, sich anders als im Gehrock zu präsentieren, mußte er sich zu einer der beiden Möglichkeiten entschließen, die vollkommen zu erfüllen er nicht für angemessen hielt. Aber im Gehrocke, und wenn er die hellgelben Handschuhe durch halbdunkle ersetzte, erschien er weniger »feierlich« und vermied es, wie ein Bittsteller oder ein Provinzler auszusehen, der im Salonanzug in den Straßen promeniert, wenn die Sonne sich noch nicht dem Horizont zugeneigt hat.

Der gewandte Diplomat hütete sich, an der Tür des Hauses, in dem er zu tun hatte, vorzufahren. Vom Zwischengeschoß wollte er nicht gern aus einem Mietwagen steigend gesehen werden, und vom ersten Stock fürchtete er bemerkt zu werden, wie er in der unteren Etage Station machte; denn das hätte sicher zu endlosen Vermutungen Anlaß gegeben.

Er ließ den Wagen also an der Ecke der Rue Royale halten; von da gelangte er, auf dem beinahe schon trockenen Bürgersteig vorsichtig mit den Fußspitzen auftretend, ohne Unfall ans Ziel. An der Haustür angelangt, hatte er das Glück, von den Portiersleuten nicht bemerkt zu werden; der Mann, Küster an der Madeleinekirche, war infolge seines Dienstes abwesend, und die Frau damit beschäftigt, eine noch freistehende Wohnung einem Mietlustigen zu zeigen; so entging Theodosius jeder Beobachtung und konnte sich bis zur Tür des Heiligtums, in das er eindringen wollte, durchstehlen.

Bei dem leichten Druck seiner Hand auf den seideumsponnenen Klingelzug ertönte eine Glocke im Innern der Wohnung. Nach einigen Sekunden hörte man, wie mit dem Läuten einer kleinen Glocke die Herrin das säumige Kammermädchen energisch zum Öffnen herbeirief, und einen Augenblick später sah er sich einem Hausmädchen gegenüber, von gesetztem Alter und zu guten Formen, um sich wie eine Theatersoubrette zu kleiden.

Der Advokat nannte seinen Namen, und das Kammermädchen bat ihn, in dem mit unaufdringlichem Luxus ausgestatteten Speisezimmer zu warten. Fast unmittelbar darauf kam es wieder zurück und meldete ihn, indem es ihn in den zierlichsten und üppigst ausgestatteten Salon führte, der in den niedrigen Räumen eines Zwischengeschosses eingerichtet werden kann.

Die Gottheit des Hauses saß vor einem Tisch mit einer Decke, die ein venetianisches Muster zeigte, in dem sich das Gold mit den leuchtenden Farben einer zarten Stickerei mischte. Als der Advokat hereintrat, begrüßte ihn die Gräfin, ohne aufzustehen und sagte, während die Kammerfrau ihm einen Sessel hinschob:

»Gestatten Sie mir, mein Herr, daß ich erst einen eiligen Brief schließe?«

Der Advokat verneigte sich zum Zeichen des Einverständnisses; die schöne Fremde nahm von einem Schreibpult, einem Boullemöbel mit eingelegter Schildpattarbeit, ein Blatt hellblauen englischen Papiers und steckte es in den Briefumschlag; nachdem sie die Adresse geschrieben hatte, erhob sie sich, um zu klingeln.

Sogleich erschien die Kammerfrau und zündete eine Weingeistlampe an, die in ein kleines, mit reizenden Skulpturen geschmücktes Gehäuse eingelassen war; über der Lampe war ein vergoldetes Gestell angebracht, auf dem ein Stück wohlriechenden Siegelwachses lag; sobald die Flamme das Wachs flüssig gemacht hatte, ließ es die Kammerfrau auf den Umschlag herabtropfen und reichte ihrer Herrin das mit einem Wappen versehene Petschaft. Diese drückte es mit ihrer schönen Hand darauf und sagte:

»Lassen Sie es unverzüglich an die Adresse bringen.«

Die Kammerfrau machte eine Bewegung, um den Brief in Empfang zu nehmen, aber aus Unachtsamkeit oder infolge der Eile fiel der Brief vor la Peyrade zu Boden, der sich schnell bückte, um ihn aufzuheben und dabei unwillkürlich die Aufschrift las. Sie lautete: »An Seine Exzellenz, den Herrn Minister des Auswärtigen«. Und das bezeichnende Wort: »Persönlich« oben in einer Ecke gab der Botschaft den Charakter der Intimität.

»Verzeihen Sie!« sagte die Gräfin und nahm dem Advokaten den Brief ab, den er taktvollerweise, um seinen Eifer zu bezeigen, der Hausherrin überreichte. Zugleich sagte die schöne Fremde in strengem Tone zu der ungeschickten Kammerfrau: »Geben Sie sich Mühe, ihn nicht noch einmal zu verlieren.« Als diese sich entfernt hatte, verließ die Ungarin ihren Sitz vor dem Schreibtische und setzte sich auf ein mit perlgrauem Atlas bezogenes Sofa.

Während dieser Vorgänge hatte la Peyrade sich dem Genusse der prächtigen Gegenstände um ihn her hingeben können. Bilder von Meisterhand hoben sich von einer Wandbespannung in mattem dunklem Tone ab, die mit seidenen Fransen und Streifen abgesetzt war; auf einer vergoldeten Holzkonsole erhob sich eine riesige japanische Vase; vor den Fenstern standen zwei Jardinieren, in denen ein Lilium rubrum mit zusammengerollten Blättern über weißen und roten Kamelien und über chinesischen Zwergmagnolien mit gelblich-weißen, ponceaugeränderten Blüten emporragte; in einer Ecke war eine Trophäe aus sehr bizarren und reichen Waffen, die der, immer ein wenig »husarenmäßigen«, Nationalität der Hausherrin entsprach, angebracht; endlich befanden sich noch verschiedene erlesene Bronzen und Statuetten und Sessel, die sich weich über einen Teppich mit türkischem Muster rollen ließen, in diesem Salon, den der Advokat, bevor er bewohnt war, gelegentlich mit Brigitte und Thuillier schon gesehen hatte. Er erschien ihm jetzt derart verändert, daß er ihn gar nicht wiedererkannte.

Bei etwas mehr Weltgewandtheit wäre der Advokat über die wunderbare Kunst, mit der die Gräfin sich ihr Nest ausgeschmückt hatte, weniger erstaunt gewesen. Der Salon einer Frau ist ihr Königreich, ihr uneingeschränktes Königreich; denn hier herrscht und regiert sie im wahren Sinne des Wortes; hier liefert sie mehr als eine Schlacht, aus der sie fast immer als Siegerin hervorgeht. Wählt sie nicht in der Tat für ihren Salon alle Dekorationen selbst aus, bringt die Farben in Übereinstimmung, verteilt das Tageslicht, alles nach ihrem Belieben? Wenn sie nur ein wenig Intelligenz besitzt, dann ist es unmöglich, daß sie hier, wo jedem Gegenstande ihrer Umgebung sein Platz von ihrer Hand angewiesen ist, nicht ihren ganzen Wert zur Geltung brächte; unmöglich, daß nicht jeder ihrer Vorzüge sich nicht besonders hervorhöbe. Man sei überzeugt, daß man noch nicht alle Vollkommenheiten einer Frau kennt, solange man sie noch nicht in der widerspiegelnden Atmosphäre ihres Salons gesehen hat, man hüte sich aber auch, zu behaupten, daß man sie beurteilen und verstehen könne, wenn man sie nur hier gesehen hat.

Kokett in eine Ecke des Sofas sich lehnend, das Haupt nachlässig auf den Arm gestützt, dessen Form und Weiße das Auge unter dem weit geöffneten Ärmel eines schwarzsamtenen Hauskleides fast bis zum Ellbogen verfolgen konnte, mit dem Aschenbrödelfüßchen in winzigen Pantoffeln von russischem Leder bequem auf einem orangefarbenen Atlaskissen mit gestickten Blumen ruhend, sah die schöne Ungarin wie ein Bild von Lawrence oder Winterhalter aus, nur daß ihre Haltung ganz ungezwungen war.

»Mein Herr,« sagte sie lächelnd, mit leichtem fremdländischem Akzent, der ihrer Sprache noch einen erhöhten Reiz verlieh, »ich kann es nicht anders als sehr komisch finden, daß ein Mann von Ihrem Geist und Ihrem durchdringenden Verstande in mir eine Feindin hat sehen können.«

»Aber Frau Gräfin,« antwortete la Peyrade, und in seinen Augen malte sich ein Ausdruck von Erstaunen mit Mißtrauen gemischt, »Sie werden mir zugeben müssen, daß der Anschein ganz für meine einfältige Annahme sprach. Ein Bewerber stellt sich einer Heirat, die sich mir als eine durchaus passende darbietet, entgegen. Der Nebenbuhler erweist sich zu meinem Glück als so fabelhaft ungeschickt, daß es nicht schwer ist, ihn beiseite zu schieben, und plötzlich erscheint die reizendste und unerwartetste Helferin und opfert sich auf, um ihm gerade da, wo er am leichtesten verwundbar ist, beizustehen . . .«

»Und sagen Sie noch,« bemerkte die Gräfin lachend, »daß dieser Schützling ein gewandter Mann ist, der mich kräftig unterstützt hat!«

»Seine Ungeschicklichkeit«, erwiderte la Peyrade, »war Ihnen, denke ich, doch nicht unbekannt, und der Beistand, den Sie so gütig waren, ihm zu gewähren, für mich um so verletzender.«

»Ach, was für ein großes Unglück,« entgegnete die Fremde mit reizendem Schmollen, »wenn man Sie daran hinderte, Fräulein Céleste zu heiraten! Sie hängen also wirklich so sehr an diesem Pensionsmädchen?«

In diesen Worten, und besonders in dem Tone, mit dem sie gesprochen wurden, lag noch mehr als Verachtung, es klang etwas von Haß hindurch. Diese Nuance konnte einem so scharfen Beobachter wie la Peyrade nicht entgehen. Aber da er auf diese einfache Bemerkung hin sich noch nicht zu weit vorwagen wollte, so sagte er nur:

»Gnädige Frau, der gewöhnliche Ausdruck ›Ein Ende machen‹ kennzeichnet die Situation, in der ein Mensch, nachdem er lange Zeit gekämpft hat und mit seinen Bemühungen und Illusionen zu Ende ist, mit seinen Zukunftserwartungen unter allen Umständen ein Kompromiß schließt. Wenn nun dieses Ende sich in der Gestalt eines jungen Mädchens darbietet, das, wie ich zugebe, mehr Tugend als Schönheit besitzt, das aber seinem Gatten das für das Wohlergehen jeder Ehe unerläßliche Vermögen mitbringt, was ist da Erstaunliches, wenn das Herz sich aus Dankbarkeit gefangen gibt und die Wahrscheinlichkeit eines friedlichen Glücks, das sich ihm darbietet, willkommen heißt?«

»Ich dachte immer,« antwortete die Gräfin, »daß die Höhe der Intelligenz der Maßstab für den Ehrgeiz sein müsse, und ich stellte mir vor, daß ein Mann, der klug genug ist, um zunächst nur ein Armenadvokat sein zu wollen, weniger bescheidene und idyllische Ansprüche stelle.«

»Ach, gnädige Frau,« entgegnete la Peyrade, »die eiserne Hand der Notwendigkeit bringt noch viel erstaunlichere Resignationen zuwege; vor der Not um das tägliche Brot muß alles andere schweigen und zurücktreten. War Apollo ›um des Lebensunterhaltes willen‹ nicht genötigt, sich dem Admet als Hirt zu verdingen?«

»Die Schäferei Admets«, warf Frau von Godollo ein, »war doch wenigstens eine königliche Schäferei; aber sicher hätte Apollo sich nicht herabgelassen, die Schafe zu hüten bei einem . . . Bourgeois.« Die Pause vor dem letzten Worte zeigte an, daß die schöne Fremde eigentlich einen Eigennamen hatte nennen wollen, und la Peyrade begriff, daß es Thuillier aus reiner Gutmütigkeit erspart blieb, in der Begründung zu figurieren, die sich auf die Gattung beschränkte und das Individuum beiseite ließ.

»Ich glaube, gnädige Frau, daß Ihre Unterscheidung ebenso wahr wie feinsinnig ist,« antwortete la Peyrade, »aber es ist hier nicht Apollo, der zu wollen hat.«

»Ich liebe die Leute nicht, die sich überschätzen,« bemerkte die Gräfin trocken, »aber noch weniger liebe ich die, die ihre Ware unterm Preis verkaufen; ich habe immer Angst, daß sie mich durch irgendeine gerissene komplizierte Schwindelei täuschen wollen. Sie, mein Herr, kennen Ihren Wert recht gut, und Ihre gespielte Untertänigkeit mißfällt mir im höchsten Grade; sie beweist mir, daß meine wohlwollenden Eröffnungen noch nicht einmal zu einem Anfang von Vertrauen zwischen uns geführt haben.«

»Ich schwöre Ihnen, gnädige Frau, daß der Verlauf meines Lebens mir bisher noch keine Veranlassung gegeben hat, irgendwie an meine hervorragende Überlegenheit zu glauben.«

»In der Tat,« sagte die Ungarin, »man muß wohl einen Mann für bescheiden halten, der sich mit der bedauernswerten Lösung zufrieden gibt, der ich entgegenzutreten versucht habe.«

»Genau so,« bemerkte la Peyrade fein, »wie man eine wohlwollende Gesinnung für echt halten muß, die mich bisher so grausam gezüchtigt hat.«

Die Ungarin warf ihrem Besucher einen vorwurfsvollen Blick zu; ihre Hand zerknüllte ein Band ihres Kleides, sie schlug die Augen nieder und seufzte, aber so unmerklich und so leise, daß es nur wie eine Unterbrechung ihres regelmäßigen Atmens erschien.

»Sie sind nachtragend«, sagte sie, »und beurteilen die Menschen einseitig. Aber nach allem«, fügte sie, wie nach einer Überlegung, hinzu, »haben Sie vielleicht Recht, mich daran zu erinnern, daß ich die ungeeignetsten Mittel gewählt habe, um mich in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen. Also schreiten Sie weiter vorwärts, mein lieber Herr, auf dem Wege zu Ihrer ruhmvollen Heirat, die Sie in jeder Beziehung für so passend halten, und lassen Sie mich Ihnen nur wünschen, daß Sie einen Sieg nicht zu bereuen haben werden, den ich nicht mehr aufzuhalten versuchen werde.«

Mit Liebesabenteuern war der Provenzale bisher nicht verwöhnt worden. Das Elend, mit dem er so lange gekämpft hatte, bringt Einem nicht gerade galante Beziehungen entgegen, und seitdem er den harten Zwang von sich abgeschüttelt hatte, war er mit aller Sorgfalt nur darauf bedacht gewesen, sich eine Zukunft zu gründen, und hatte, abgesehen von der kleinen Komödie mit Frau Colleville, Herzensangelegenheiten nur einen sehr geringen Platz in seinem Dasein eingeräumt. Wie alle stark beschäftigten Männer, die trotzdem vom Dämon des Fleisches besessen sind, begnügte er sich mit der elenden käuflichen Liebe, die man abends an der Straßenecke aufliest und die sich andererseits so bequem mit äußerlicher Frömmigkeit vereinbaren läßt. Man kann sich also vorstellen, wie perplex dieser Neuling in Liebesabenteuern war, als er sich zwischen die Furcht, eine köstliche Gelegenheit sich entschlüpfen zu lassen und die Angst, unter den Blumen, die sich ihm zu öffnen schienen, eine Schlange zu finden, gestellt sah. Eine zu deutlich betonte Zurückhaltung, ein zu heißes Bemühen – beides konnte die Eigenliebe der schönen Fremden verletzen und die Quelle versiegen lassen, aus der zu schöpfen ihn man anscheinend einlud; andererseits aber, wenn dieses scheinbare Interesse nur eine Falle war, wenn das ihm unerklärliche Wohlwollen, das ihm so plötzlich zugewendet wurde, nur das eine Ziel hatte, ihn zu einem falschen Schritte zu verleiten, aus dem man nachher eine Waffe schmieden konnte, um ihn bei Thuillier zu kompromittieren – was für ein Schlag war das für seinen Ruf als kluger Mann, und was für eine lächerliche Rolle mußte er spielen, wenn er, wie ein Hund, seine Beute um eines Schattens willen fahren ließ!

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.