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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
projectidf5e4c325
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Es war durchaus richtig, daß durch die Vermittlung dieser Frau, die ihre Mieterin geworden war, Brigitte mit dem Möbelkauf eine nicht weniger glückliche, aber viel weniger anfechtbare Spekulation gemacht hatte als mit dem Erwerb des prachtvollen Grundstücks. Für sechstausend Franken gelangte sie in den Besitz eines eben aus den Werkstätten des Fabrikanten hervorgegangenen Mobiliars, das einen Wert von mindestens dreißigtausend Franken repräsentierte.

Es war auch richtig, daß auf Grund einer Dienstleistung, die einen so tiefen Eindruck auf sie machen mußte, die alte Jungfer der schönen Fremden ein starkes Gefühl respektvoller Ehrerbietung entgegenbrachte, wie es die Bourgeoisie gegenüber dem Adelstitel und den hohen Stellungen innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie weit mehr, als man denkt, empfindet. Da die ungarische Gräfin eine Dame von sicherem Takt und feinster Erziehung war, hatte sie, als sie es für angemessen hielt, im Hause ihrer Schützlinge die Zügel in die Hand zu nehmen, sich wohl gehütet, ihrer Einwirkung die Form einer nörgelnden und lehrhaften Erziehung zu geben. Sie schmeichelte im Gegenteil Brigittes Prätension, als eine musterhafte Hauswirtin zu gelten, und tat, als ob sie für alle Wirtschaftsausgaben ihres eigenen Haushaltes den Rat »Miß« Thuilliers, wie sie sie freundschaftlich zu nennen liebte, nicht entbehren könnte; und indem sie sich ihrerseits die Disposition auf dem Gebiete der großen eigenen Ausgaben und der ihrer Nachbaren vorbehielt, hatte ihr Verhalten vielmehr den Anschein, daß man sich gegenseitig berate, als daß sie ein Protektorat ausübe.

Eine Täuschung war selbst für la Peyrade nicht mehr möglich: vor der Vertrauensstellung, die die Fremde errungen hatte, war seine eigene in den Hintergrund getreten; aber die Gegnerschaft der Gräfin beschränkte sich nicht allein auf den einfachen Kampf um den größeren Einfluß. Sie hatte sich offen gegen seine Bewerbung um die Hand Célestes erklärt und begünstigte in unzweideutiger Art die Liebe des Professors Felix; Minard, dem diese Begünstigung nicht entgangen war, hatte sich wohl gehütet, unter der Fülle seiner übrigen Aufklärungen, auch diese Beobachtung denen, die sie interessieren mußte, mitzuteilen.

La Peyrade war über diese Untergrabung seiner Position durch eine feindselige Haltung, deren Grund ihm unerklärlich war, um so unglücklicher, als er sich den Vorwurf machen mußte, zu dem Erscheinen dieser beunruhigenden Gegnerin auf dem Hauptfelde seiner Tätigkeit mit beigetragen zu haben.

Sein erster Fehler war gewesen, daß er sich das uneinbringliche Vergnügen leistete, Cérizet nicht als Hauptmieter zuzulassen: Hätte Brigitte auf seinen Rat und sein Drängen die Verwaltung des Grundstücks nicht übernommen, so war zehn gegen eins zu wetten, daß sie die Bekanntschaft der Frau von Godollo gar nicht gemacht hätte.

Eine andere Unklugheit hatte er damit begangen, daß er die Thuilliers gedrängt hatte, ihre Thebais im Quartier latin zu verlassen.

In dieser Zeit hielt Theodosius, auf der vollen Höhe seiner Vertrauensstellung, seine Heirat für eine beschlossene Sache und bezeigte eine fast kindische Eile, sich schnell in die vornehme Gesellschaftssphäre, die ihm in Zukunft offen zu stehen schien, hineinzuschieben. Er war also den Lockungen der Ungarin zu Hilfe gekommen und hatte die Thulliers vorschicken wollen, um sich sein Bett in der prächtigen Wohnung zu machen, die er eines Tages mit ihnen zusammen bewohnen sollte. In diesem Arrangement hatte er noch einen andern Vorteil erblickt, nämlich den, Céleste der fast täglichen Berührung mit einem Rivalen zu entziehen, der nicht aufhörte, ihm gefährlich zu erscheinen. Die Bequemlichkeit des Tür-an-Tür-Wohnens beraubt, würde Felix gezwungen sein, seine Besuche seltener werden zu lassen, und es damit erleichtern, ihn aus einem Herzen zu verdrängen, in dem er nur unter der Bedingung herrschte, daß er sich seinen religiösen Anforderungen, gegen die er sich so widerspenstig gezeigt hatte, füge.

Aber alle diese Kombinationen des Provenzalen waren auf mehr als ein Hindernis gestoßen.

Wenn er den Gesichtskreis der Thuilliers verbreiterte, so bedeutete das für la Peyrade, daß er sich damit einer Konkurrenz in der Bewunderung aussetzte, deren einziger Gegenstand er bisher gewesen war. In dem gewissermaßen provinziellen Milieu, in dem sie lebten, mußten, mangels einer Vergleichungsmöglichkeit, Brigitte und »Freundchen« ihn auf eine Höhe erheben, von der herabzusteigen ihn die Danebenstellung anderer hervorragender oder vornehmer Persönlichkeiten unfehlbar nötigen würde. So war also, auch abgesehen von den Schlägen, die ihm Frau von Godollo heimlich versetzt hatte, die »ultrapontane« Ansiedlung der Kolonie hinsichtlich der Thuilliers eine üble Sache, und bezüglich der Collevilles stand es auch nicht besser.

Diese waren nach ihren Freunden ebenfalls in das Haus im Madeleineviertel gezogen, wo ihnen ein Zwischengeschoß nach hinten heraus zu einem für ihren Geldbeutel erschwinglichen Preise abgelassen worden war. Aber Colleville fand, daß es der Wohnung an Licht und Luft fehle, und da er genötigt war, sich täglich vom Boulevard de la Madeleine nach dem Faubourg Saint-Jacques, wo sein Bureau war, zu begeben, so schalt er über das Arrangement, dessen Opfer er war, und war manchmal der Ansicht, daß la Peyrade sich zum Tyrann entwickele. Außerdem hatte sich Frau Colleville unter dem Vorwande, daß sie entsprechend der Gegend, in der sie jetzt wohnten, auftreten müsse, in eine wahre Orgie von Ankäufen neuer Hüte, Mäntel und Kleider gestürzt, die, da sie die Präsentation einer Menge außergewöhnlicher Rechnungen zur Folge hatte, jeden Tag mehr oder weniger stürmische Szenen zu Hause herbeiführte. Was Céleste anlangt, so hatte sie zweifellos jetzt weniger Gelegenheit, den jungen Phellion zu sehen, aber auch weniger Anlaß, sich mit ihm auf religiöse Streitigkeiten einzulassen, und die Abwesenheit, die nur bei mäßiger Zuneigung eine Gefahr bedeutet, ließ sie um so zärtlicher und mit weniger theologischen Bedenken an den Mann ihrer Träume denken.

Aber alle diese falschen Kalkulationen Theodosius' bedeuteten schließlich nichts gegenüber einem andern Grunde für die Verminderung seines Ansehens.

Binnen acht Tagen und gegen Hergabe einer Summe von zehntausend Franken, zu der sich Thuillier ziemlich gutwillig verstanden hatte, sollte die Verleihung des Kreuzes der Ehrenlegion den heimlichen Traum seines ganzen Lebens verwirklichen.

Nun waren zwei Monate vergangen, und es verlautete noch nicht das Geringste über dieses ruhmverleihende Spielzeug; der frühere Vizechef, der so glücklich gewesen wäre, wenn er auf dem Asphalt des Boulevards de la Madeleine, wo er Stammgast geworden war, sein rotes Bändchen hätte spazieren führen können, mußte sich immer noch als Knopflochschmuck mit einer Feldblume begnügen, dem Privileg jedermanns, auf das er weit weniger stolz war als »unser« Béranger.

La Peyrade hatte zwar von einem unvorherzusehenden und unerklärlichen Hindernis gesprochen, das alle Befürwortung und alle Anstrengungen der Gräfin du Bruel nicht zu überwinden vermochten; aber Thuillier gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden, und an manchen Tagen, wenn seine getäuschte Hoffnung an ihm nagte, fehlte nicht viel daran, daß er mit Chicaneau in den »Plaideurs« ausgerufen hätte: »Dann soll er mir mein Geld wiedergeben!«

Immerhin kam es nicht zu einem Eklat, weil la Peyrade ihn mit der berühmten Broschüre »über Steuern und Amortisation« in Schach hielt. Ihre Fertigstellung war durch den Aufruhr des Umzugs hinausgeschoben worden. Während dieser unruhigen Tage hatte Thuillier sich nicht um die Korrekturbogen, deren peinliche Prüfung er sich, wie man sich erinnern wird, vorbehalten hatte, kümmern können.

Da er schließlich begriffen hatte, daß er, um seinen Einfluß, der von Tag zu Tag mehr dahinschwand, wiederzugewinnen, einen großen Schlag führen müsse, glaubte der Advokat gerade aus Anlaß dieses kleinlichen Vorgehens einen ebenso durchdachten wie kühnen Plan ausführen zu können.

Eines Tages, als sie bereits bei den letzten Seiten der Broschüre angelangt waren, entspann sich eine Diskussion über das Wort »Nepotismus«, das Thuillier in einem der von la Peyrade geschriebenen Sätze gestrichen wissen wollte, unter dem Vorgeben, daß er dieses Wort niemals angewendet gesehen hätte, und daß es etwas wie »Neologismus« wäre, das heißt, nach den literarischen Begriffen der Bourgeoisie, eine Art Idee wie die von 93 oder der Schreckensherrschaft.

Gewöhnlich nahm la Peyrade die albernen Bemerkungen »Freundchens« ziemlich geduldig hin; aber an diesem Tage wurde er sehr erregt, verkündete Thuillier, daß er die Arbeit, der er eine so lichtvolle und scharfsinnige Kritik zuteil werden lasse, gefälligst selbst vollenden möchte, und ließ sich mehrere Tage nicht sehen.

Thuillier glaubte zuerst an eine vorübergehende üble Laune; aber als sich la Peyrades Abwesenheit verlängerte, hielt er einen versöhnenden Schritt für nötig und suchte den Provenzalen auf, um einen ehrenvollen Rückzug anzutreten und dem Schmollen ein Ende zu machen. Da er aber bei seinem Vorgehen seine Eigenliebe schonen wollte, so sagte er, als er unbefangen hereintrat:

»Nun, mein Lieber, wir hatten alle beide recht; ›Nepotismus‹ bedeutet die Autorität, die die Neffen des Papstes in allen Angelegenheiten geltend machten. Ich habe im Lexikon nachgesehen, es steht dort keine andere Erklärung; aber nach dem, was mir Phellion gesagt hat, scheint es, daß man in der politischen Ausdrucksweise die Bedeutung des Wortes dahin erweitert hat, daß man damit den Einfluß bezeichnet, den bestechliche Minister in gesetzwidriger Weise Personen auszuüben gestatten; ich denke also, wir können den Ausdruck beibehalten, wenn er auch von Napoleon Landais nicht in diesem Sinne gebraucht wird.«

La Peyrade, der, während er seinen Besuch empfing, sehr mit seinen Akten beschäftigt tat, zuckte die Achseln und antwortete nichts.

»Nun,« fuhr Thuillier fort, »hast du die letzten beiden Korrekturbogen durchgesehen? Wir müssen weiter kommen.«

»Wenn du nichts an die Druckerei geschickt hast,« erwiderte la Peyrade, »können wir auch keine Korrekturbogen bekommen; was mich betrifft, ich habe das Manuskript nicht angerührt.«

»Aber lieber Theodosius,« sagte Thuillier, »daß du einer solchen Lappalie wegen den Beleidigten spielst! Ich behaupte gewiß nicht, ein Schriftsteller zu sein; aber da die Sache mit meinem Namen erscheint, so kann ich doch wohl, wie ich denke, meine Meinung über ein Wort äußern.«

»Der Herr Phellion,« entgegnete der Advokat, »ist ja ein Schriftsteller, und da du ihn um Rat fragst, so vermag ich nicht einzusehen, warum du ihn nicht auffordern solltest, eine Arbeit mit dir zu Ende zu bringen, an der ich für meinen Teil mir fest vorgenommen habe, nicht mehr mitzuwirken.«

»Mein Gott, was bist du für ein Starrkopf,« rief Brigittes Bruder aus; »da bist du nun wütend, weil ich anscheinend über einen Ausdruck im Zweifel war und Jemand deshalb befragt habe. Du weißt doch recht gut, daß ich Phellion, Colleville, Minard und Barniol Stellen vorgelesen habe, als ob die Arbeit von mir wäre, um zu sehen, welchen Eindruck sie auf das Publikum macht; das wäre aber doch noch kein Grund für mich, meinen Namen unter etwas zu setzen, was sie schreiben würden. Willst du dir einen Begriff davon machen, welches Vertrauen ich in dich setze? Die Frau Gräfin von Godollo, der ich gestern mehrere Seiten vorgelesen habe, sagte mir darauf, daß eine solche Broschüre mir Unannehmlichkeiten von Seiten des Staatsanwalts zuziehen könne; denkst du, daß mich das abhalten könnte?«

»Nun,« sagte la Peyrade, »ich meine, das Familienorakel beurteilt die Sache ganz richtig, und ich möchte dich doch nicht gern aufs Schafott bringen.«

»Das sind ja alles Torheiten,« sagte Thullier. »Hast du die Absicht, mich im Stich zu lassen?«

»Literarische Fragen«, antwortete der Advokat, »bringen die besten Freunde noch leichter auseinander, als politische; ich möchte den Anlaß zu Streitigkeiten zwischen uns vermeiden.«

»Aber lieber Theodosius, ich habe mich doch niemals für einen Schriftsteller ausgegeben, ich glaube, daß ich einen ganz gesunden Verstand besitze, und ich spreche meine Ansicht aus, das kannst du mir doch nicht übelnehmen; und wenn du mir den bösen Streich spielen willst, eine weitere Mitarbeit abzulehnen, dann tust du es, weil du irgend etwas anderes gegen mich auf dem Herzen hast, wovon ich nichts weiß.«

»Weshalb denn einen bösen Streich? Es gibt doch nichts einfacheres für dich, als die Broschüre nicht erscheinen zu lassen, du bleibst darum doch derselbe Jérôme Thuillier wie früher.«

»Ich denke, du warst doch selbst der Ansicht, daß diese Publikation für meine künftige Wahl von Nutzen wäre; schließlich habe ich, wie ich dir wiederholen muß, Teile davon schon unsern Freunden vorgelesen; im Munizipalrat habe ich sie angekündigt, und wenn sie jetzt nicht erscheint, dann geht das gegen meine Ehre, denn man wird sagen, daß ich von der Regierung gekauft worden bin.«

»Da brauchst du nur zu sagen, daß du der Freund des unbestechlichen Phellions bist, das wird allen genügen; du könntest ja auch Céleste seinem Affen von Sohn geben, eine solche Verbindung würde dich noch besser gegen jeden Verdacht schützen.«

»Theodosius,« sagte Thuillier jetzt, »du hast etwas, was du mir nicht sagen willst; es wäre doch unsinnig, wenn du wegen eines einfachen Streites um ein Wort deinen besten Freund aufgeben wolltest.«

»Nun ja!« sagte la Peyrade, der nun zu erkennen gab, daß er sich entschlossen habe, sich auszusprechen, »ich kann Undankbarkeit nicht vertragen.«

»Ich ebensowenig,« sagte Thuillier erregt, »und wenn du mir etwas so Niedriges, so Gemeines vorwerfen willst, dann muß ich dich ersuchen, dich näher zu erklären; wir müssen mit dem Herumgerede ein Ende machen: Worüber hast du dich zu beklagen? Was hast du dem, den du noch vor wenigen Tagen deinen Freund nanntest, vorzuwerfen?«

»Nichts und alles«, sagte la Peyrade; »deine Schwester und du, ihr seid zu klug, um offen mit einem Manne zu brechen, der seinen Ruf aufs Spiel gesetzt hat, um euch eine Million in die Hand zu spielen, aber ich bin nicht so harmlos, daß ich nicht auch Andeutungen verstünde; ihr habt Leute um euch, die heimlich damit beschäftigt sind, mich zu vernichten, und Brigitte hat nur die eine Sorge, wie sie auf anständige Weise davon entbunden werden kann, ihre Versprechungen zu halten. Männer wie ich lassen derartige Wechsel nicht protestieren, und ich habe durchaus auch nicht die Absicht, mich aufzudrängen, aber ich muß gestehen, daß ich nicht im entferntesten ein solches Vorgehen erwartet hätte.«

»Höre,« sagte Thuillier bewegt, da er in den Augen des Advokaten eine Träne schimmern sah, der ihn damit völlig an der Nase herumführte, »ich weiß nicht, was dir Brigitte getan hat, aber eins ist sicher, daß ich jedenfalls nie aufgehört habe, dein wärmster Freund zu sein.«

»Nein,« sagte la Peyrade, »seit dem Fehlschlag mit dem Orden bin ich, wie man sagt, nicht mehr gut genug, um den Hunden vorgeworfen zu werden. Kann ich denn gegen geheime Gegenströmungen ankämpfen? Mein Gott, vielleicht war die Broschüre, von der du schon viel zu viel geredet hast und die die Regierung beunruhigt, das Hindernis für deine Ernennung. Die Minister sind ja so dumm, sie warten lieber ab, bis ihnen durch den Lärm, den die Veröffentlichung macht, die Hände gebunden sind, anstatt gutwillig ein Opfer zu bringen, indem sie dich einfach für deine Dienste belohnen. Aber das sind politische Mysterien, die deiner Schwester nicht in den Kopf gehen.«

»Zum Teufel nochmal,« sagte Thuillier, »ich denke doch, daß ich kein schlechter Beobachter bin, aber ich habe nicht bemerkt, daß Brigitte sich dir gegenüber anders verhält.«

»O gewiß,« sagte la Peyrade, »du hast ein so scharfes Auge, daß du nicht einmal diese Frau von Godollo neben ihr bemerkt hast, ohne die sie gar nicht mehr leben kann.«

»Aber wie denn!« sagte Thuillier schlau, »sollten wir etwa ein bißchen eifersüchtig sein?«

»Ich weiß nicht«, entgegnete la Peyrade, »ob Eifersucht das richtige Wort ist, aber schließlich ist deine Schwester, deren Verstand sich doch nicht über den Durchschnitt erhebt und der zu meiner Verwunderung ein Mann von deiner geistigen Überlegenheit eine Autorität zugesteht, von der sie Gebrauch und auch Mißbrauch macht . . .«

»Ja, was willst du machen, mein Lieber,« unterbrach ihn Thuillier, der sich an dem Weihrauch des Komplimentes erlabte, »sie hat sich für mich ja immer völlig aufgeopfert!«

»Ich gestehe diese Schwäche zu,« entgegnete la Peyrade, »aber ich wiederhole, deine Schwester reicht dir doch nicht bis ans Knie. Und ich sage, daß, wenn ein Mann von der Bedeutung, die du selbst mir zugestehst, ihr die Ehre erweist, sie zu beraten und sich für sie so aufzuopfern, wie ich es getan habe, es ihm doch nicht gerade angenehm sein kann, wenn er sich in seiner Vertrauensstellung durch eine Frau ersetzt sieht, von der man nicht weiß, wo sie herkommt, und alles das wegen ein paar Lumpen von Vorhängen und etlichen alten Sesseln, die sie ihr verschafft hat.«

»Für die Weiber, das weißt du ja,« antwortete Thuillier, »gehen Wirtschaftsangelegenheiten allem andern vor.«

»Du kannst auch überzeugt sein, daß Brigitte, die ja bei allem ihre Hand im Spiele hat, den Anspruch erhebt, in Herzensangelegenheiten zu entscheiden, und da du so scharfsichtig bist, wirst du wohl auch erkannt haben, daß für Brigitte nichts weniger eine abgemachte Sache ist als meine Heirat mit Fräulein Colleville; und dabei bin ich zu meiner Bewerbung doch offiziell von euch autorisiert worden.«

»Gewiß! Ich möchte auch den sehen, der es versuchen wollte, an unserer Vereinbarung zu rütteln!«

»Abgesehen von Brigitte«, erwiderte der Advokat, »kann ich dir jemanden nennen, der sich stark damit beschäftigt, daran zu rütteln, und das ist Fräulein Céleste; trotz des Hindernisses, das die Verschiedenheit ihrer religiösen Anschauungen zwischen ihnen aufgerichtet hat, beschäftigt sie sich ganz offen mit dem kleinen Phellion.«

»Aber weshalb sagt man Flavia nicht, daß sie da Ordnung schafft?«

»Flavia, mein Lieber, kennt ja niemand besser als du. Sie ist zuerst Weib und dann Mutter; ich war genötigt, ihr ein klein wenig den Hof zu machen, und da begreifst du wohl, daß, wenn sie auch nichts gegen die Heirat hat, sie sie doch nicht brennend wünscht.«

»Also«, sagte Thuillier, »ich nehme es auf mich, mit Céleste zu reden; es steht doch nicht so, daß uns ein kleines Mädchen ihren Willen aufzwingen wird.«

»Gerade das wünsche ich nicht,« rief la Peyrade, »daß du dich in alles das einmischst; du hast ja, abgesehen von deinem Verhältnis zu deiner Schwester, einen eisernen Willen, und ich will nicht, daß man sagen soll, du hast deine Autorität geltend gemacht, um mir Céleste in die Arme zu legen; ich verlange im Gegenteil, daß dem Kinde die vollste Freiheit gelassen wird, über sein Herz zu verfügen; nur das meine ich beanspruchen zu dürfen, daß sie sich über die Wahl zwischen mir und Herrn Phellion deutlich erklärt, denn ich kann nicht länger in einer Situation verharren, die mein Dasein untergräbt. Wenn die Heirat so lange hinausgeschoben werden soll, bis du Deputierter bist, so ist das ein Unding; ich kann mich doch nicht darauf einlassen, daß die wichtigste Angelegenheit meines Lebens allen Ungewißheiten der Zukunft ausgesetzt sein soll; außerdem riecht unsre erste Abrede nach einem Geschäft, und das paßt mir nicht. Ich bin gezwungen, mein Lieber, dir ein Geständnis zu machen, zu dem ich mich durch die Widerwärtigkeiten, die ich erdulden muß, genötigt sehe. Dutocq kann dir sagen, daß mir, bevor ihr noch die Wohnung in der Rue Saint-Dominique verlassen hattet, in seiner Gegenwart die Hand einer reichen Erbin sehr ernsthaft angetragen worden ist, die einmal ein größeres Vermögen haben wird als das, das ihr Fräulein Colleville hinterlassen werdet. Ich habe es abgelehnt, weil ich so töricht bin, verliebt zu sein, und weil es mir besonders begehrenswert erscheint, mich mit einer so ehrenwerten Familie wie der eurigen zu verbinden; nach alledem muß Brigitte sich klarmachen, daß ich, wenn Céleste mich ablehnen sollte, noch nicht auf der Straße liege.«

»Das glaube ich gern«, sagte Thuillier; »aber wir können doch nicht die endgültige Entscheidung der Sache dem kleinen Kopfe Célestes überlassen, wenn sie, wie du sagst, eine Neigung für Felix hat! . . .«

»Das ist mir gleich,« sagte der Advokat, »ich muß aber um jeden Preis aus diesem Zustande herauskommen, den ich nicht mehr ertragen kann; du sprichst von deiner Broschüre, ich bin nicht imstande, sie fertig zu machen; du, der du ja ein Frauenfreund gewesen bist, du mußt doch wissen, was diese bösen Geschöpfe für eine Herrschaft über unser ganzes Dasein ausüben.«

»Ach,« sagte Thuillier selbstgefällig, »die Weiber haben mich wohl gehabt, aber ihnen wirklich hingegeben habe ich mich nicht oft, ich nahm sie und verließ sie wieder.«

»Ja, aber bei mir, mit meiner Südländernatur, spricht die Leidenschaft mit, und dann besitzt ja Céleste auch eine ganz andere Anziehungskraft als alle großen Vermögen. Sie ist bei euch, unter euren Augen aufgewachsen, und ihr habt aus ihr ein anbetungswürdiges Kind gemacht; es war nur eine große Schwäche von euch, daß ihr ihr gestattet habt, sich diesen jungen Menschen, der in keiner Weise zu ihr paßt, in den Kopf zu setzen.«

»Damit hast du zehnmal recht, aber das ist eine Kinderfreundschaft, Felix und sie haben zusammen gespielt, und du bist nur viel zu spät gekommen; es ist doch nur ein Beweis unserer großen Achtung für dich, daß wir, sobald du hervorgetreten bist, auf die früheren Pläne verzichtet haben.«

»Du ja«, sagte la Peyrade. »Bei deiner Begabung und deinen literarischen Ansprüchen, die übrigens von Geist und gesundem Menschenverstand getragen sind, hast du ein Herz von Gold; deiner ist man sicher, und du weißt auch, was du willst; aber Brigitte – wenn du mit ihr davon sprechen wirst, daß die Heirat beschleunigt werden soll, da wirst du schon sehen, wie sie sich dagegen sträuben wird!«

»Aber ich denke doch, daß Brigitte dich immer zum ›Schwiegersohn‹, wenn ich mich so ausdrücken darf, haben wollte und will; sollte sie es aber nicht mehr wollen, dann bitte ich dich, mir zu glauben, daß ich in wichtigen Angelegenheiten meinen Willen durchzusetzen weiß. Nur müssen wir uns genau darüber klarwerden, was du verlangst; und dann werden wir losziehen, und du wirst sehen, daß alles gut verlaufen wird.«

»Ich wünsche«, sagte la Peyrade, »die letzte Hand an deine Broschüre zu legen, denn ich befasse mich vor allem andern mit deinen Angelegenheiten.«

»Gewiß«, sagte Thuillier, »es handelt sich darum, daß wir nicht angesichts des Hafens scheitern.«

»Nun, dann mach dir klar, daß ich durch dieses In-der-Luft-Schweben der Heirat unfähig zur Arbeit und wie verdummt bin, und du wirst nicht eine Seite von mir herausbekommen, bis die Frage nicht so oder so entschieden ist.«

»Aber wie stellst du die Frage?« sagte Thuillier.

»Ich muß natürlich, da die Entscheidung Célestes gegen mich ausfallen kann, auf eine sehr schnelle Entscheidung dringen. Wenn ich dazu verurteilt werde, eine Vernunftheirat zu schließen, so darf ich die Gelegenheit, von der ich dir erzählt habe, nicht versäumen.«

»Schön; aber welchen Spielraum willst du uns gewähren?«

»Ich denke, daß ein junges Mädchen sich in vierzehn Tagen klarwerden kann, was sie will.«

»Zweifellos,« sagte Thuillier, »aber es widerstrebt mir, daß Céleste sich endgültig entscheiden soll.«

»Ich unterwerfe mich dem; dann komme ich aus der Ungewißheit heraus, was für mich die Hauptsache ist; außerdem aber ist das, unter uns gesagt, kein solches Wagnis, wie es den Anschein hat; es ist nicht anzunehmen, daß ein Sohn Phellions, das heißt die Verkörperung des starrsinnigen Festhaltens an der Dummheit, in vierzehn Tagen mit seinen philosophischen Bedenken zu Ende gekommen sein wird, und sicher wird ihn Céleste nicht zum Manne nehmen, wenn er nicht Beweise seiner Bekehrung gegeben hat.«

»Das ist wahrscheinlich. Aber wenn Céleste die Sache hinziehen sollte, wenn sie diese Alternative nicht akzeptieren will?«

»Das ist eure Sache«, sagte der Provenzale. »Ich weiß nicht, was man in Paris unter Familie versteht; aber ich weiß, daß es in unserm Comtat von Avignon beispiellos wäre, wenn man jemals einem kleinen Mädchen eine solche Freiheit zugestehen wollte. Wenn du, wenn deine Schwester, vorausgesetzt, daß sie offenes Spiel spielt, und der Vater und die Mutter ein Kind, das ihr ausstattet, nicht dazu bewegen könnt, bei einer so einfachen und so vernünftigen Angelegenheit in aller Freiheit zwischen zwei Bewerbern zu wählen, dann adieu! Dann sollte man einfach an die Haustür schreiben, daß Céleste hier als Souveränin zu befehlen habe.«

»Ganz so weit sind wir ja noch nicht«, sagte Thuillier verständnisvoll.

»Was dich anlangt, mein Alter,« entgegnete la Peyrade, »so muß ich dich schon bis nach Célestes Entscheidung warten lassen; dann aber gehe ich, ob glücklich oder unglücklich, an die Arbeit, und in drei Tagen wird alles fertig sein.«

»Wenigstens weiß man nun doch,« erwiderte Thuillier, »was dir auf der Seele gelegen hat; ich gehe jetzt zu Brigitte, um mit ihr zu reden.«

»Traurig genug, daß du das mußt,« sagte la Peyrade, »aber unglücklicherweise ist es so.«

»Wie denn? Was willst du damit sagen?«

»Ich hätte, wie du dir denken kannst, lieber von dir gehört, daß die Sache abgemacht ist; aber eine alte Fessel läßt sich nicht so leicht lösen.«

»Was! Du denkst also, daß ich ein Mensch ohne Willenskraft, ohne Initiative bin?«

»Nein! Aber ich möchte wohl aus einem Versteck mit anhören, wie du die Sache bei deiner Schwester anfassen wirst.«

»Nun wahrhaftig, ich werde ganz offen sprechen und ein sehr deutliches ›ich will‹ wird allen Einwendungen ein Ende machen.«

»Ach, mein armer Junge,« sagte la Peyrade und klopfte ihm auf die Schulter, »wie viele Bramarbasse hat man seit dem Chrysale in den ›Gelehrten Frauen‹ vor einem weiblichen Willen, der zu herrschen gewöhnt ist, die Flagge strecken sehen!«

»Das wollen wir doch sehen!« sagte Thuillier und entfernte sich mit einer theatralischen Gebärde.

Der brennende Wunsch, seine Broschüre erscheinen zu sehen, und der geschickt hingeworfene Zweifel an der Unbeugsamkeit seines Willens hatten aus ihm einen Wüterich, einen Tiger gemacht; er entfernte sich in einer Verfassung, als ob er, wenn man ihm Widerstand leisten würde, alles in seinem Hause kurz und klein schlagen würde. Sobald er daheim angelangt war, legte Thuillier sofort seiner Schwester die Frage vor. Diese gab ihm mit ihrem derben Verstande und Egoismus zu verstehen, daß man, wenn man den für die Heirat la Peyrades früher festgesetzten Termin so vordatiere, den Fehler begehen würde, seine Waffen aus der Hand zu geben; man würde nicht mehr sicher sein, daß der Advokat, wenn die Zeit der Wahlen herangerückt wäre, auch wirklich mit allem Eifer um einen Erfolg bemüht sein würde; es würde dann ebenso kommen, sagte die alte Jungfer, wie mit dem Orden.

»Das ist ein Unterschied,« antwortete Thuillier, »die Ordensverleihung hängt nicht direkt von la Peyrade ab, während er über den Einfluß, den er sich im zwölften Bezirk zu erringen verstanden hat, nach seinem Belieben verfügen kann.«

»Und wenn es ihm nun beliebte,« entgegnete Brigitte, »nachdem wir ihn haben emporkommen lassen, für eigene Rechnung zu arbeiten, ein solch ehrgeiziger Mensch, wie er ist?«

Diese gefährliche Aussicht verfehlte nicht, den zukünftigen Wahlkandidaten stutzig zu machen, der aber doch gewisse Garantien in der moralischen Gesinnung la Peyrades zu haben glaubte.

»Ein zartfühlender Mensch«, fuhr Brigitte fort, »setzt einem doch nicht so die Pistole auf die Brust, und diese Art, uns wie Affenpinscher vor einem Stück Zucker schönmachen zu lassen, paßt mir durchaus nicht. Könntest du dir nicht von Phellion helfen lassen und auf seine Hilfe verzichten? Oder Frau von Godollo, die soviel Leute unter den Politikern kennt, würde dir, denke ich, vielleicht einen Journalisten besorgen können; das sollen ja lauter Hungerleider sein, die ihre Seele für zwanzig Taler verkaufen.«

»Und das Geheimnis«, antwortete Thuillier, »soll dann mehreren Personen ausgeliefert sein? Nein, ich brauche la Peyrade unbedingt! Er weiß das auch und stellt seine Bedingungen. Aber, alles zusammengenommen, haben wir ihm Céleste zugesagt, und es ist doch nur eine Beschleunigung um höchstens ein Jahr – was sage ich? Um einige Monate oder einige Wochen vielleicht; der König löst manchmal die Kammer auf, ohne daß jemand daran gedacht hat.«

»Aber wenn Céleste ihn nun nicht will?« wandte Brigitte ein.

»Céleste! Céleste!« entgegnete Thuillier, sie muß eben tun, was wir wünschen. Daran hätte man übrigens denken sollen, bevor wir uns la Peyrade gegenüber gebunden haben, denn schließlich haben wir doch unser Wort gegeben; und endlich kann das Mädel doch zwischen ihm und Phellion wählen!«

»Du glaubst also,« erwiderte Fräulein Thuillier skeptisch, »wenn Céleste sich für Felix ausgesprochen hat, auch dann noch an die Hingebung la Peyrades?«

»Was soll ich denn tun? So sind eben seine Bedingungen. Übrigens hat der schlaue Fuchs alles erwogen, er weiß, daß Felix sich nie entschließen wird, Céleste seinen Beichtzettel zu bringen, und daß ohne diesen der kleine Starrkopf ihn nie zum Manne nehmen wird. La Peyrade spielt also ein sehr geschicktes Spiel.«

»Ein zu geschicktes«, sagte Brigitte; »im übrigen arrangiere das, wie du willst, ich mische mich nicht darein; alle solche Kniffe sind nicht nach meinem Geschmack.«

Thuillier begab sich darauf zu Frau Colleville und beauftragte sie, Céleste mitzuteilen, was über sie beschlossen war.

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