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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
projectidf5e4c325
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La Peyrade erntete jetzt die Frucht seiner gespielten Hingebung für die Bedürftigen. Der Chor der Portiersfrauen des Viertels, der ihn bis in den Himmel erhob, hatte allein diesem Dienstboten das unbegrenzte Vertrauen einflößen können, das ihm hier entgegengebracht wurde. Er dachte sogleich an Dutocq und war nicht weit von dem Glauben entfernt, daß ihm dieses Weib von der Vorsehung gesandt worden sei. Aber je mehr es ihn trieb, von der Gelegenheit, frei zu werden, Gebrauch zu machen, um so mehr empfand er das Bedürfnis, den Anschein hervorzurufen, daß er nur der Gewalt, die auf ihn ausgeübt wurde, wiche, und er machte unzählige Einwendungen.

Im Ganzen genommen setzte er kein großes Vertrauen in den Charakter seiner Klientin und hatte Bedenken, vulgär gesprochen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben und anstelle eines Gläubigers, der nach allem doch sein Komplize war, ein Klatschweib zu setzen, das von einem Augenblick zum andern sehr anspruchsvoll werden und sich zum Drängen auf Rückzahlung und zu einem Skandal hinreißen lassen mochte, der seinem Ruf sehr schaden konnte. Er entschloß sich also, alles auf eine Karte zu setzen.

»Meine gute Frau,« sagte er, »ich selbst brauche kein Geld, aber ich bin nicht reich genug, um Ihnen den Betrag von fünfundzwanzigtausend Franken zu verzinsen, ohne ihn anzulegen. Alles, was ich für Sie tun kann, ist, daß ich es auf meinen Namen bei dem Notar Dupuis unterbringe; das ist ein frommer Mann, den Sie am Sonntag in seinem Kirchenstuhl in unserer Pfarrkirche sitzen sehen können. Wie Sie wissen, geben die Notare keine Quittung; ich werde ebenfalls keine ausstellen, sondern kann Ihnen nur versprechen, daß ich, für meinen Todesfall, in meinen Papieren eine Aufzeichnung machen werde, die Ihnen die Rückgabe der deponierten Summe verbürgt. Sie sehen, es ist eine Sache blinden Vertrauens, und ich lasse mich nur sehr ungern darauf ein und nur um einer Person gefällig zu sein, die sich durch ihren frommen Sinn und den wohltätigen Gebrauch, den sie von ihrem kleinen Vermögen zu machen beabsichtigt, meinem Wohlwollen ganz besonders empfiehlt.«

»Wenn der Herr der Ansicht ist, daß es nicht anders zu machen geht . . .«

»Es ist alles, was ich für möglich halte«, sagte la Peyrade. »Im übrigen ist es wohl möglich, daß ich Ihnen eine Verzinsung von sechs Prozent verschaffen kann, und Sie dürfen darauf rechnen, daß Ihnen die Zinsen pünktlich auf den Tag bezahlt werden. Nur könnte es sechs Monate bis ein Jahr dauern, bevor Ihnen der Notar das Kapital wieder herauszuzahlen in der Lage ist, weil die Notare das Geld gewöhnlich in Hypotheken anlegen und es damit für mehr oder weniger lange Zeit unkündbar wird. Wenn Sie nun den Tugendpreis erhalten haben, was ich allem Anschein nach für Sie durchsetzen werde, und Sie dann nicht mehr nötig haben werden, was ich augenblicklich durchaus verstehen kann, Ihr kleines Vermögen zu verheimlichen, so muß ich Ihnen doch erklären, daß im Falle einer Indiskretion Ihrerseits Ihnen das Kapital sofort wieder zugestellt werden, und daß ich mich nicht abhalten lassen würde, öffentlich bekannt zu geben, wie Sie Ihre Erbschaft vor ihrem Herrn verheimlichten, für den Sie sich angeblich so völlig aufgeopfert haben. Sie verstehen, daß das Ihre Gutherzigkeit als falsch erweisen und Ihrem Rufe als fromme Person sehr schaden würde.«

»Oh, wie kann der Herr denken,« sagte sie, »daß ich so eine bin, die etwas sagen könnte, was sie nicht soll!«

»Lieber Gott, bei Geschäftsangelegenheiten, meine Beste, muß man auf alles gefaßt sein; das Geld entzweit die besten Freunde miteinander und veranlaßt zu Schritten, an die man am wenigsten gedacht hätte. Also überlegen Sie sich die Sache und kommen Sie in einigen Tagen wieder, vielleicht finden Sie bis dahin eine bessere Lösung, und auch ich, der ich augenblicklich diese Angelegenheit, gegen die ich mich im Grunde genommen sträube, leicht nehme, werde bis dahin vielleicht Schwierigkeiten bei unserm Arrangement entdeckt haben, die ich jetzt noch nicht sehe.«

Diese zum Schluß geschickt hingeworfene Drohung mußte die sofortige Entscheidung herbeiführen.

»Ich habe alles überlegt«, sagte die Frau; »bei einem so frommen Manne, wie der Herr einer ist, kann man keinerlei Gefahr laufen.«

Und sie zog aus ihrem Brusttuch ein Portefeuille heraus und entnahm ihm fünfundzwanzig Kassenscheine. Die gewandte Art, mit der sie sie aufzählte, war für la Peyrade wie eine Offenbarung. Dieses Weib mußte Übung haben, mit Geld umzugehen, und ein eigenartiger Gedanke schoß ihm durch den Kopf . . .

»Sollte ich etwa«, dachte er, »eine Hehlerrolle spielen? – Nein,« sagte er dann, »um die Bittschrift an die Akademie abzufassen, muß ich, wie ich Ihnen eben schon sagte, einige Nachforschungen anstellen und infolgedessen bald zu Ihnen kommen. Um welche Zeit sind Sie allein?«

»Um vier Uhr; da geht mein Herr im Luxembourg spazieren.«

»Und wo wohnen Sie?«

»Rue du Val-de-Grâce, Nummer 9.«

»Also auf vier Uhr; und wenn, woran ich nicht zweifle, die Auskünfte günstig sind, will ich Ihr Geld an mich nehmen. Wenn Sie andererseits Ihre Absichten auf den Tugendpreis nicht weiter verfolgen sollten, hätten Sie ja kein Interesse daran, Ihre Erbschaft zu verheimlichen; Sie könnten sie dann zu besseren Bedingungen unterbringen, als ich sie Ihnen vorzuschlagen gezwungen bin.«

»Ach, der Herr ist so ängstlich«, sagte die Frau, die die Sache schon für erledigt hielt. »Ich habe das Geld doch, gottlob, nicht gestohlen, und der Herr kann sich in unserm Viertel über mich erkundigen.«

»Das ist auch unbedingt nötig«, sagte la Peyrade trocken, dem dieser unter äußerer Harmlosigkeit versteckte Verstand, der alle seine Gedanken durchschaute, unangenehm war; »der Tugendpreis wird nicht auf Ihre bloße Aussage hin verliehen, und wenn man auch keine Diebin ist, so braucht man darum noch keine barmherzige Schwester zu sein; es ist viel Raum zwischen diesen beiden Extremen.«

»Wie es dem Herrn beliebt«, sagte sie; »der Herr leistet mir einen zu großen Dienst, als daß ich ihn nicht alle Vorsichtsmaßregeln treffen lassen sollte.«

Und nach einer salbungsvollen Verabschiedung entfernte sie sich mit ihrem Gelde.

»Teufel noch mal!« dachte la Peyrade, »dieses Weib ist schlauer als ich; sie schluckt die bittersten Pillen hinunter, ohne eine Miene zu verziehen. Ich bin noch nicht imstande, mich so zu beherrschen.«

Er fürchtete, daß er sich zu gewissenhaft gezeigt habe und erwog, ob nicht seine Gläubigerin bis zu seinem angekündigten Besuch anderer Meinung geworden sein würde.

Aber das Übel war geschehen, und obwohl er sehr in Sorge war, daß er die gute Gelegenheit versäumt haben könnte, hätte er sich doch eher ein Bein abnehmen lassen, als daß er, seinem Drange entsprechend, die für den Besuch festgesetzte Stunde auch nur um eine Minute verkürzt hätte.

Die Auskünfte, die er in dem Viertel erhielt, waren ziemlich widerspruchsvoll: die einen erklärten seine Klientin für eine Heilige, die andern für einen gerissenen Schlaukopf; aber im ganzen wurde gegen ihren moralischen Ruf nichts Belastendes vorgebracht, was la Peyrade genötigt hätte, auf den unverhofften Glücksfall, der sich ihm bot, zu verzichten.

Als er sie um vier Uhr wiedersah, hatte sie ihre Absichten nicht geändert.

Mit dem Geld in der Tasche begab er sich in den »Rocher de Cancale«, und es waren vielleicht die verschiedenen Aufregungen, die er während des ganzen Tages durchgemacht hatte, die ihn zu der hastigen und wenig überlegten Art und Weise veranlaßten, in der er den Bruch mit seinen beiden Genossen vollzog. Dieses nicht wohl erwogene Vorgehen entsprach weder seinem natürlichen, noch seinem angenommenen Wesen; aber das Geld, das er noch ganz frisch in der Tasche fühlte, hatte ihn gewissermaßen etwas berauscht und eine Erregung und eine Ungeduld, sich frei zu machen, in ihm wachgerufen, deren er nicht mehr Herr wurde. Er hatte Cérizet beiseite geschoben, ohne Brigitte auch nur gefragt zu haben, und doch hatte er nicht den vollen Mut zu dieser Doppelzüngigkeit aufgebracht, denn er hatte der alten Jungfer eine Entscheidung in die Schuhe geschoben, die er selber getroffen hatte, und die nur der bitteren Erinnerung an seinen Zwist mit dem Manne, der ihn so lange beherrscht hatte, entsprungen war.

Alles zusammengenommen hatte sich la Peyrade an diesem ganzen Tage nicht als der vollkommen unerschütterliche Mensch gezeigt, wie wir ihn bisher kennen gelernt hatten. Schon beim ersten Mal, als er die fünfzehntausend Franken, die ihm Thuillier gegeben hatte, brachte, hatte er sich zu einer Auflehnung gegen Cérizet hinreißen lassen, die ihn dann zu dem Gewaltakt der Affäre Sauvaignou zwang. Es ist wohl schwieriger, im Glück, als im Unglück fest zu bleiben.

Der ruhig dastehende Farnesische Herkules gibt einen deutlicheren Begriff von der Fülle seiner Muskelkraft als andere heftige, bewegte und bei ihren anstrengenden Arbeiten dargestellte Herkulesse.

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