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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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»Aber mein lieber la Peyrade,« sagte Dutocq, »Sie schlagen einen so gereizten Ton an! . . .«

La Peyrade zog seine Brieftasche heraus und sagte:

»Haben Sie die Wechsel bei sich, Dutocq?«

»Nein, wahrhaftig nicht, mein Lieber,« sagte der Gerichtsvollzieher, »um so weniger, als sie ja in Cérizets Händen sind.«

»Dann also«, fuhr der Advokat fort und erhob sich, »werde ich Ihnen das Geld auf den Tisch legen, wenn Sie zu mir kommen; Cérizet wird Ihnen das bestätigen können.«

»Wie, du willst uns schon verlassen, ohne den Kaffee zu nehmen?« sagte Cérizet äußerst erstaunt.

»Jawohl; ich habe um acht Uhr eine Zusammenkunft in einer Schiedssache; übrigens haben wir uns ja alles gesagt, was wir uns zu sagen hatten; du hast den Mietvertrag nicht, aber du hast deine fünfundzwanzigtausend Franken, die für Dutocq liegen bereit, sobald es ihm belieben wird, an meiner Kasse zu erscheinen: ich wüßte also nichts, was mich abhalten könnte, dorthin zu gehen, wohin mich meine Geschäfte rufen und mich aufs freundschaftlichste von euch zu verabschieden.«

»Donnerwetter,« sagte Cérizet, als er la Peyrade sich entfernen sah, »das ist ein Bruch.«

»Und so stark betont, wie nur irgend möglich«, bemerkte Dutocq. »Mit was für einer Miene er seine Brieftasche gezogen hat!«

»Aber, Teufel noch mal,« fragte der Wucherer, »wo hat er das Geld hernehmen können?«

»Zweifellos ebendorther,« entgegnete der Gerichtsvollzieher ironisch, »von wo er das genommen hat, was er für die Wechsel brauchte, die Sie so billig herzugeben gezwungen waren.«

»Mein guter Dutocq,« sagte Cérizet, »wenn ich Ihnen die Umstände dargelegt haben werde, unter denen der unverschämte Kerl sich von mir losgekauft hat, dann werden Sie ja sehen, ob er mir nicht tatsächlich fünfzehntausend Franken gestohlen hat.«

»Möglich; aber Sie, mein freundschaftlich gesinnter Sekretär, Sie wollten mich um zehntausend bringen.«

»Aber nein; ich war tatsächlich beauftragt, Ihre Forderung anzukaufen, und schließlich hatte ich doch schon zwanzigtausend geboten, als der schöne Theodosius erschien . . .«

»Also, wir werden, wenn wir aufbrechen, zu Ihnen gehen,« sagte der Gerichtsvollzieher, »und Sie werden mir die Wechsel aushändigen, weil ich, wie Sie begreifen werden, morgen so früh als menschenmöglich mich an das, was der Herr seine Kasse nennt, begeben will. Ich möchte seinen Eifer, zu zahlen, nicht erkalten lassen.«

»Und Sie werden gut daran tun, denn ich verspreche Ihnen, daß sein Dasein in einiger Zeit etwas unruhig werden wird.«

»Das ist also eine ernsthafte Sache, die Geschichte von der Verrückten, die Sie mit ihm verheiraten wollten? Ich gestehe, daß ich an seiner Stelle, zumal seine Angelegenheiten eine so siegreiche Wendung genommen haben, ebensowenig auf Ihren Vorschlag eingegangen wäre; solche Ninas und Ophelias, das macht sich ja sehr interessant auf dem Theater, aber im Hause . . .«

»Im Hause ist man, wenn sie eine schöne Mitgift einbringen, ihr Tutor,« sagte Cérizet nachdenklich, »und man hat dann, wohlverstanden, das Vermögen und nicht die Frau.«

»Das ist in der Tat ein Gesichtspunkt«, sagte Dutocq.

»Wenn es Ihnen recht ist,« sagte Cérizet, »trinken wir unsern Kaffee nicht hier. Unser Diner hat ein so albernes Ende genommen, daß es mich drängt, dieses Zimmer zu verlassen, wo übrigens schlechte Luft ist.«

Und er klingelte nach dem Kellner.

»Die Rechnung!« sagte er.

»Aber die ist ja schon bezahlt, mein Herr.«

»Wie, bezahlt? Von wem denn?«

»Von dem Herrn, der eben fortgegangen ist.«

»Aber das ist ja unglaublich,« rief Cérizet, »ich habe das Diner bestellt, und Sie lassen es von einem Unbekannten bezahlen!«

»Ich war es nicht, mein Herr«, sagte der Kellner; »der Herr hat bei der Büfettdame bezahlt; sie wird angenommen haben, daß es so verabredet war; und es ist doch nichts so Gewöhnliches, daß sich die Leute dazu drängen, eine Rechnung zu bezahlen.«

»Es ist gut!« sagte Cérizet und entließ den Kellner.

»Nehmen die Herren keinen Kaffee?« fragte dieser beim Hinausgehen, »er ist auch schon bezahlt.«

»Gerade deshalb werden wir keinen trinken«, sagte Cérizet ärgerlich. »Es ist wirklich unbegreiflich, wie in einem solchen Hause derartige Irrtümer vorkommen können. – Begreifen Sie diese Unverschämtheit?« fügte er hinzu, als der Kellner sich entfernt hatte.

»Pah!« sagte Dutocq und nahm seinen Hut, »das ist ein Schülerstreich, er will zeigen, daß er Geld hat, und man sieht, daß das bei ihm etwas Neues ist.«

»Nein, nein, durchaus nicht,« sagte Cérizet, »er will damit den Bruch noch unterstreichen. ›Ich will euch nicht einmal ein Diner schuldig sein‹, scheint er mir damit sagen zu wollen.«

»Tatsächlich, mein Lieber,« entgegnete Dutocq, als sie die Treppe hinuntergingen, »sollte dieses Diner doch Ihre Thronbesteigung als Gesamtmieter feiern. Nun hat er Ihnen den Vertrag nicht verschaffen können. Ich begreife, daß es sein Gewissen bedrückt hat, sich von Ihnen ein Diner bezahlen zu lassen, das, wie meine Wechsel, eine Schuldverpflichtung ohne Gegenleistung geworden ist.«

Cérizet ging auf diese boshafte Bemerkung nicht ein. Inzwischen waren sie zu dem Kontor gelangt, in dem die Dame thronte, die zu Unrecht die Bezahlung entgegengenommen hatte, und im Interesse seiner Würde hielt es der Wucherer für nötig, ihr eine Szene zu machen.

Dann entfernten sich die beiden Tischgenossen zusammen, und der Mann aus der Rue des Poules führte seinen Vorgesetzten in ein elendes Kaffeehaus in der Passage du Saumon.

Hier gewann der so billig davongekommene Gastgeber seine gute Laune wieder; er war wie ein Fisch, den man vom trockenen Lande wieder ins Wasser geworfen hat; da er auf einen Zustand heruntergekommen war, in dem man sich an den Orten, die von der guten Gesellschaft besucht werden, unbehaglich fühlt, so fand sich Cérizet mit einem gewissen Hochgenuß in diesem Lokal, wo eine Boulepartie zugunsten eines »alten Bastillestürmers« geräuschvoll gespielt wurde, wieder in seinem Element.

Er besaß hier den Ruf eines geschickten Billardspielers und wurde aufgefordert, an der begonnenen Partie teilzunehmen. Er »kaufte sich eine Kugel«, wie man das technisch bezeichnet, das heißt: ein Teilnehmer an dem Turnier verkaufte ihm seine Berechtigung und seine Chancen. Dutocq benutzte diese Abmachung, um sich zu drücken und, wie er sagte, sich nach dem Befinden eines kranken Freundes zu erkundigen.

Bald darauf machte Cérizet, in Hemdärmeln und die Pfeife zwischen den Zähnen, einen Meisterstoß, der frenetischen Beifall bei der Zuschauergalerie hervorrief, als sein Blick, während er sich triumphierend umsah, auf einem furchtbaren Freudenstörer haften blieb.

Mitten unter den Anwesenden saß du Portail und beobachtete ihn von der Höhe seines Spazierstocks aus, auf dessen Krücke sein Kinn ruhte.

Eine rote Welle übergoß Cérizets Wangen, und er wußte nicht, ob er den Rentier, dessen Anwesenheit an einem solchen Orte so unwahrscheinlich erschien, begrüßen und erkennen sollte. Er konnte zu keinem Entschlusse bezüglich dieses peinlichen Zusammentreffens gelangen und war vollständig befangen; sein Spiel zeigte, wie zerstreut er war, und bald darauf mußte er infolge eines Fehlstoßes aus der Partie ausscheiden.

Während er in ziemlich übler Laune den Rock anzog, stand du Portail auf, und als er beim Hinausgehen an ihm vorbeikam, sagte er leise zu ihm: »Rue Montmartre, am Ausgang der Passage!«

Als sie sich trafen, war Cérizet so geschmacklos, sein unanständiges Auftreten, bei dem er eben überrascht worden war, erklären zu wollen.

»Aber ich konnte Sie dort doch nur treffen,« sagte du Portail, »weil ich ebenfalls dahin gegangen war.

»Das ist wahr,« antwortete der Wucherer, »und ich habe mich auch recht gewundert, einen stillen Bewohner des Saint-Sulpice-Viertels an einem solchen Orte zu begegnen.«

»Was Ihnen beweist,« entgegnete der Rentier, in einem Tone, der jede Auseinandersetzung und jede Neugierde kurz abschnitt, »daß ich die Gewohnheit habe, ein wenig überallhin zu gehen, und daß mein guter Stern mich den Leuten begegnen läßt, die ich zu treffen wünsche; ich dachte gerade an Sie, als Sie hereinkamen. Nun, was haben Sie erreicht?«

»Nichts Gutes«, sagte Cérizet. »Nachdem mir unser Mann einen Streich gespielt hatte, für den er gehenkt zu werden verdiente, und mir ein ausgezeichnetes Geschäft hat zunichte werden lassen, wies er unsern Vorschlag mit äußerster Verachtung zurück. Es ist auch keine Hoffnung vorhanden, daß wir die Forderung Dutocqs ankaufen; la Peyrade scheint bei Gelde zu sein, denn er wollte stehenden Fußes die Wechsel einlösen, und morgen früh ist er seine Verpflichtung sicherlich los.«

»Er hält also seine Heirat mit diesem Fräulein Colleville für eine abgemachte Sache?«

»Nicht nur für eine abgemachte Sache, sondern er beansprucht auch, daß man es für eine Herzenssache halten soll. Eben erst hat er vor mir eine Tirade losgelassen, um mich zu überzeugen, daß er ernsthaft verliebt sei.«

»Schön!« sagte du Portail, und um zu zeigen, daß er auch die Kneipensprache sprechen konnte, fügte er hinzu: »Stürzen Sie sich nicht in Unkosten« (was heißen sollte: ›Mischen Sie sich weiter in nichts‹). »Ich nehme es auf mich, den Herrn gefügig zu machen. Kommen Sie nur morgen zu mir und teilen Sie mir Näheres über die Familie mit, in die er aufgenommen zu werden wünscht. Das eine Geschäft ist Ihnen fehlgeschlagen; aber beruhigen Sie sich, es werden sich bei mir noch andere für Sie finden.«

Nachdem er dies gesagt hatte, machte er dem Kutscher eines leeren vorbeifahrenden Mietwagens ein Zeichen, stieg ein und nannte, während er Cérizet freundlich aber herablassend zuwinkte, seine Adresse in der Rue Honoré-Chevalier.

Während er die Rue Montmartre nach dem Bezirk der Estrapade hin hinabging, zerbrach sich Cérizet den Kopf darüber, wer dieser kleine Alte mit seiner kurzen befehlenden Sprechweise eigentlich sein könne, der sich an die Leute, mit denen er redete, förmlich festhakte, und der von so weither gekommen war, um den Abend an einem Orte zu verbringen, wo er mit Rücksicht auf seine ganze vornehme Persönlichkeit am allerwenigsten hingehörte.

In der Gegend der Markthallen angelangt, hatte Cérizet noch immer keine Lösung dieses Problems gefunden; aber er wurde jetzt ziemlich rauh aus seinem Nachsinnen durch einen starken Rippenstoß von hinten gerissen.

Als er sich rasch umwandte, sah er sich der Frau Cardinal gegenüber, der an dieser Stelle, wo sie sich alle Morgen mit den Vorräten für ihren Handel versorgte, zu begegnen, nichts durchaus Ungewöhnliches war.

Seit dem Abende in der Rue Honoré-Chevalier, hatte es die würdige Dame, obwohl sie so glimpflich davon gekommen war, doch für klüger gehalten, ihrer Wohnung nur kurze Besuche abzustatten, und sie ertränkte den Kummer über ihr Mißgeschick in den Schnapsbuden, den sogenannten »Trostspendern«.

Mit schwerer Zunge und glühendem Gesicht sagte sie zu Cérizet:

»Na, mein Junge, wie is denn das abgelaufen mit dem kleinen Alten?«

»Ich habe ihm mit wenigen Worten begreiflich gemacht,« sagte der Wucherer, »daß es sich zwischen ihm und mir nur um ein Mißverständnis handelte. In der ganzen Sache aber haben Sie, meine gute Frau Cardinal, mit einer wirklich unverzeihlichen Leichtfertigkeit gehandelt; als Sie um meinen Beistand baten, um die Hinterlassenschaft Ihres Onkels an sich zu bringen, war es Ihnen da vielleicht bekannt, daß er eine natürliche Tochter besaß, die er seit langer Zeit testamentarisch zur Universalerbin einsetzen wollte? Der kleine Alte, der Sie bei Ihren albernen Versuchen, eine Erbschaft an sich zu bringen, über die schon verfügt war, gestört hat, war niemand anders, als der Vormund der Erbin.«

»So, der Vormund!« sagte die Cardinal, »das sind ja nette Leute, diese Vormünder! Zu einer Frau in meinen Jahren, weil sie sich überzeugen will, ob ihr Onkel ihr was hinterläßt, zu sagen, daß er die Polizei holen lassen wird! Ist das nicht eine scheußliche Gemeinheit?«

»Hören Sie,« sagte Cérizet, »Sie dürfen sich doch nicht beklagen, Mama Cardinal, Sie sind doch noch billig davongekommen.«

»Na, und Sie? Sie haben doch das Schloß aufgemacht und sich die Diamanten nehmen wollen, weil Sie angeblich meine Tochter heiraten würden! Als ob Sie meine Tochter genommen hätte! Und die ist doch eine ehrliche Tochter! ›Niemals, Mutter‹, hat sie zu mir gesagt, ›werde ich mein Herz einem Mann mit so 'ner Nase schenken‹!«

»Haben Sie denn Ihre Tochter wiedergefunden?«

»Ja, erst gestern abend; sie hat den Lumpenkerl von Komödianten verlassen und befindet sich jetzt, wie ich mir schmeicheln darf zu sagen, in einer ausgezeichneten Position; sie speist auf Silber, hat einen Wagen, der auf einen Monat gemietet ist, und wird sehr verehrt von einem Advokaten, der sie auf der Stelle heiraten würde, der aber noch warten muß, bis seine Eltern tot sind, weil der Vater Bürgermeister ist, und solch 'ne Heirat der Regierung unangenehm sein könnte. Es ist der Herr Minard im elften Bezirk, ein früherer Kakaohändler, der mächtig reich ist.«

»Ach so, der! Ich kenne ihn. Und Sie sagen, daß Olympia mit seinem Sohn zusammen ist?«

»Das heißt, wohnen tun sie noch nicht zusammen, damit nicht darüber geredet wird, obwohl er ernstliche Absichten hat; er wohnt noch bei seinem Vater, und inzwischen haben sie die Einrichtung gekauft und meiner Tochter eine Wohnung da bei der Chaussee-d'Antin gemietet; eine feine Gegend, was?«

»Aber das hat sich ja, wie mir scheint, sehr gut arrangiert,« sagte Cérizet; »und da der Himmel uns nun einmal nicht für einander bestimmt hat . . .«

»Ja, so ist es; ich glaube, das Kind wird mir schließlich noch mal viel Freude machen, und in bezug darauf hätte ich gern mal Ihren Rat gehört.«

»Um was handelt es sich denn?« fragte Cérizet.

»Es handelt sich darum, daß ich doch, wenn es meiner Tochter so gut geht, nicht weiter meine Ware auf der Straße ausrufen kann; und dann scheint mir, da ich doch nun von meinem Onkel enterbt worden bin, daß ich ein Recht auf ›Elementen‹-Unterstützung habe.«

»Sie träumen wohl, meine Beste! Ihre Tochter ist noch minderjährig und Sie sind zu ihrer Unterhaltung verpflichtet, aber nicht etwa, daß Sie Alimentationsansprüche an Ihre Tochter hätten.«

»Also,« sagte Frau Cardinal, die anfing, heftig zu werden, »die, die nichts haben, sollen denen, die haben, noch was geben! Das sind ja nette Gesetze, ebenso lieblich, wie die Vormünder, die für nichts davon reden, daß sie die Polizei holen lassen! Na schön, ja doch! Mögen sie doch die Polizei holen lassen! Mögen sie mich doch köpfen lassen! Das wird mich nicht abhalten zu sagen, daß die reichen Leute lauter Spitzbuben sind, und daß das Volk eine Revolution machen muß, damit es sein Recht bekommt, vor das du, mein Junge, meine Tochter, der Advokat Minard und der kleine Vormund, hören Sie, ihr alle gehört!«

Als er sah, daß seine Exschwiegermutter in einen äußerst beunruhigenden Zustand von Aufregung geraten war, beeilte sich Cérizet, sie zu verlassen, und er war schon mehr als fünfzig Schritt von ihr entfernt, als er immer noch die Schimpfworte, die sie ihm nachrief, hörte; er beschloß, sie ihr bei der ersten Gelegenheit heimzuzahlen, wenn sie in der Bank der Rue des Poules erscheinen und ein »Erleichterung« von ihm erbitten würde.

Als er in die Nähe seines Hauses gelangt war, hatte Cérizet, der nichts weniger als tapfer war, einen Schreck; er bemerkte an der Tür eine Person im Hinterhalt, die sich bei seinem Herankommen bewegte und Miene machte, auf ihn loszugehen.

Glücklicherweise war es niemand anders als Dutocq. Er war gekommen, um sich seine Wechsel zu holen. Cérizet gab sie ihm in ziemlich schlechter Laune und beklagte sich über das Mißtrauen, das ein Besuch zu so ungewöhnlicher Stunde verriet.

Dutocq kehrte sich nicht sehr an diese Empfindlichkeit und erschien am nächsten Morgen zu früher Stunde bei la Peyrade.

Dieser bezahlte ihn auf Heller und Pfennig und antwortete auf einige sentimentale Redensarten, zu denen sich Dutocq, sobald er einmal das Geld eingesteckt hatte, für verpflichtet hielt, nur mit deutlich betonter Kälte.

Als er seinen Gläubiger hinausbegleitete, sah sich dieser einer Frau, die wie ein Dienstmädchen gekleidet war, gegenüber, die im Begriffe stand, bei la Peyrade zu klingeln.

Diese Frau war Dutocq anscheinend bekannt, denn er sagte zu ihr:

»Ei, ei, Mütterchen, wir haben das Bedürfnis, einen Advokaten zu konsultieren; Sie tun recht daran, im Familienrate sind sehr schwerwiegende Tatsachen gegen Sie vorgebracht worden.«

»Ich brauche, Gott sei Dank, mich vor niemandem zu fürchten und den Kopf sinken zu lassen«, antwortete die in dieser Weise Angeredete.

»Um so besser!« sagte der Gerichtsvollzieher des Friedensgerichts; »aber Sie werden wahrscheinlich bald von dem Richter, der Ihre Angelegenheit bearbeitet, vorgeladen werden. Übrigens sind Sie hier in guten Händen, unser Freund la Peyrade wird Sie schon aufs beste beraten.«

»Der Herr ist im Irrtum,« entgegnete das Dienstmädchen, »ich komme nicht wegen dessen, was Sie glauben, zu dem Herrn Advokaten.«

»Na, jedenfalls halten Sie sich tapfer, meine verehrte Dame, denn ich mache Sie darauf aufmerksam, daß man Sie gründlich ausfragen wird. Die Verwandten sind wütend auf Sie und wollen sich nicht ausreden lassen, daß Sie sehr reich sind.«

Während er so sprach, hatte Dutocq beständig ein Auge auf Theodosius, dem dieses Anschauen unbehaglich war, und der seine Klientin aufforderte, einzutreten.

Zwischen dieser Frau und la Peyrade hatte sich am Tage vorher folgendes abgespielt:

Wie man sich erinnern wird, hatte la Peyrade die Gewohnheit, alle Morgen die erste Messe in seiner Pfarrkirche zu besuchen. Seit einiger Zeit hatte er bemerkt, daß er von Seiten der Frau, die wir eben bei ihm eintreten sahen, und die, um mit Dorine im »Tartüff« zu reden, »ihre fest bestimmten Stunden« hatte, mit besonderer Aufmerksamkeit, für die er in Verlegenheit gewesen wäre, eine Erklärung zu finden, verfolgt wurde.

Eine Liebesgeschichte? Das war mit dem sehr reifen Alter und dem scheinheiligen Benehmen dieser Frommen nicht vereinbar, die mit ihrer anschließenden Haube »à la Janseniste«, an der man in dem Viertel Saint-Jacques noch einige strenggläubige Anhänger dieser Sekte erkannte, wie eine Nonne, die ihr Haar nicht sehen läßt, aussehen wollte; andererseits schlossen ihre Kleidung von fast übertriebener Sorgfalt und ein goldenes Halskreuz an einem schwarzen Sammetbande den Gedanken an eine ängstliche verschämte Bettlerin aus, die Angst hat, sich zu nähern und zu erklären. Am Morgen des Tages, an dem das Diner im »Rocher de Cancale« stattfinden sollte, war la Peyrade, dieses Gebarens, das anfing, ihn zu beunruhigen, müde, und bemerkend, daß das Rätsel mit der runden Haube sich anschickte, ihn anzusprechen, an sie herangetreten und hatte sie gefragt, ob sie ihm eine Bittschrift überreichen wolle.

»Ist der Herr«, hatte sie in ganz geheimnisvollem Tone geantwortet, »der berühmte Herr de la Peyrade, der Armenadvokat?«

»Ich bin la Peyrade, und ich habe in der Tat den Bedürftigen des Bezirks einige Dienste geleistet.«

Dieses war die übliche bescheidene Redewendung des Provenzalen, der in solchen Momenten nicht sehr an sein Geburtsland erinnerte.

»Würde der Herr dann vielleicht die Güte haben, mir eine Konsultation zu gewähren?«

»Der Ort hier«, entgegnete la Peyrade, »ist nicht gerade sehr geeignet für eine Besprechung. Was Sie mir zu sagen haben, scheint von Wichtigkeit zu sein, denn Sie machen ja schon seit langer Zeit Versuche, mich anzusprechen; ich wohne hier in der Nähe, in der Rue Saint-Dominique-d'Enfer, und wenn Sie sich die Mühe machen wollen, in mein Bureau zu kommen . . .«

»Wird das dem Herrn nicht unangenehm sein?«

»Nicht im geringsten; es ist ja mein Beruf, die Klienten anzuhören.«

»Und um welche Zeit würde ich den Herrn nicht stören?«

»Kommen Sie, wann Sie wollen; ich bin den ganzen Vormittag zu Hause.«

»Dann will ich noch eine Messe hören und das Abendmahl nehmen; bei dieser habe ich es nicht gewagt, ich war zu zerstreut, weil ich immer an den Herrn dachte. Sobald ich meine Andacht verrichtet habe, kann ich um acht Uhr bei dem Herrn erscheinen, wenn ihm das recht ist.«

»Aber gewiß, Sie brauchen nicht so viel Umstände zu machen«, sagte la Peyrade etwas ungeduldig.

Vielleicht drückte sich in dieser kleinen Unmutsregung etwas von Fachneid aus, denn er hatte mit einer Gegnerin zu tun, die ihm noch einige Punkte vorgeben konnte.

Zur verabredeten Stunde, keine Minute früher oder später, klingelte die Fromme an der Tür des Advokaten, der sie, nachdem er einige Mühe gehabt hatte, sie zum Platznehmen zu bewegen, zum Reden aufforderte.

Die Scheinheilige hüstelte erst ein bißchen, wie man es zu tun pflegt, wenn man angesichts einer schwierigen Sache anzufangen zögert. Dann entschloß sie sich, den Anlaß ihres Besuchs zu erklären und sagte:

»Ich möchte von dem Herrn gern erfahren, ob es wahr ist, daß ein sehr wohltätiger Mann, der jetzt schon tot ist, eine Stiftung für Dienstboten gemacht hat, die ihrer Herrschaft treu gedient haben.«

»Gewiß,« antwortete la Peyrade, »Herr von Montyon hat den Tugendpreis gestiftet, der in der Tat häufig an treue Dienstboten von exemplarischem Ruf verliehen wird; aber eine solche Aufführung allein genügt nicht, ein Recht auf die Verleihung gewähren erst Beweise von besonderer Hingebung und wahrhaft christlicher Selbstverleugnung.«

»Die Religion«, begann die fromme Person wieder, »fordert von uns Demut, und ich würde gewiß nicht wagen, mein eigenes Lob zu singen, aber da ich doch seit mehr als zwanzig Jahren im Dienst bei einem alten Herrn, dem verdrehtesten Menschen von der Welt, einem Gelehrten, der alles bei seinen Erfindungen aufgebraucht hat, und den ich ernähren muß, diene, hat man mir gesagt, daß ich vielleicht nicht ganz unwürdig wäre, den Preis zu bekommen.«

»Das sind in der Tat die Bedingungen,« antwortete la Peyrade, »die die Akademie bei der Auswahl ihrer Kandidaten stellt. Wie heißt denn Ihr Herr?«

»Vater Picot; anders wird er in unserm Viertel nicht genannt, wo er manchmal ausgeht wie beim Karneval angezogen, daß die Kinder ihm nachlaufen und rufen: ›Guten Tag, Vater Picot, guten Tag, Vater Picot!‹ Aber das kümmert ihn nicht, was man von ihm denkt; er ist immer tief in Gedanken versunken, und wenn ich mir noch so sehr den Kopf zerbreche, wie ich ihm was Gutes koche – wenn Sie ihn fragen würden, was er gegessen hat, er wäre nicht imstande, Ihnen zu antworten; aber trotzdem ist er ein sehr gescheiter Mensch, der sehr tüchtige Schüler hat; der Herr kennt vielleicht den jungen Phellion, den Professor am Gymnasium Saint-Louis, der kommt noch sehr oft zu uns.«

»Also,« sagte la Peyrade, »dann ist Ihr Herr ein Mathematiker?«

»Jawohl, mein Herr, und die Mathematik, das ist sein Unglück; er befaßt sich da mit einem Haufen von Ideen, die, wie es scheint, gar keinen vernünftigen Sinn haben, und vorher hat er sich noch bei der Sternwarte, hier in der Nähe, wo er jahrelang angestellt war, die Augen verdorben.«

»Also,« sagte la Peyrade, »es würde sich darum handeln, einige Atteste über Ihre langjährige Aufopferung für den alten Herrn zu erhalten, dann würde ich eine Bittschrift an die Akademie verfassen und einige Schritte für Sie tun.«

»Ach, wie gütig ist der Herr!« sagte die Fromme mit gefalteten Händen; »würde der Herr mir gestatten, ihn noch wegen einer kleinen Schwierigkeit zu befragen . . .«

»Um was handelt es sich denn?«

»Man hat mir gesagt, daß man, wenn man den Preis erhalten will, ganz arm sein muß.«

»Nicht gerade das; aber immerhin ist die Akademie in der Tat darauf bedacht, ihre Auswahl unter bedürftigen Personen zu treffen, die Gelegenheit gehabt haben, über ihre Kräfte Opfer zu bringen.«

»Daß ich Opfer gebracht habe, das kann ich wohl von mir rühmen, denn eine kleine Erbschaft von Verwandten, die ich gemacht habe, ist fast ganz in der Wirtschaft draufgegangen, und seit vierzehn Jahren habe ich nicht einen Sou Lohn erhalten, was bei dreihundert Franken jährlich mit den aufgelaufenen Zinsen, wie mir der Herr zugeben wird, eine ganz hübsche Summe ausmacht.«

Bei diesen Worten »aufgelaufenen Zinsen«, die auf eine gewisse Erfahrung in Geldsachen schließen ließen, betrachtete la Peyrade diese Antigone aufmerksam.

»Und was ist das also für eine Schwierigkeit«, sagte er, »die Sie bedrückt? . . .«

»Der Herr wird doch, denke ich, nichts Böses dabei finden,« erwiderte sie, »wenn ein sehr reicher Onkel von mir, der eben in England gestorben ist, und der bei Lebzeiten nie etwas für seine Familie getan hat, mir in seinem Testament fünfundzwanzigtausend Franken hinterlassen hat?«

»Das ist sicherlich«, sagte der Advokat, »durchaus natürlich und legal.«

»Aber ich habe mir sagen lassen, daß mir das doch bei den Herrn Richtern schaden könnte.«

»Das wäre möglich, weil die Opfer, die Sie doch gewiß auch weiterhin für Ihren Herrn werden bringen wollen, wenn Sie sich jetzt im Besitze eines kleinen Vermögens befinden, etwas weniger verdienstvoll erscheinen könnten.«

»Ich werde den guten armen Mann trotz seiner Schwächen sicherlich niemals im Stiche lassen, aber dabei würde das kleine Vermögen, das mir jetzt zugefallen ist, in die größte Gefahr geraten.«

»Wie das?« fragte la Peyrade neugierig.

»Nun, wenn er bei mir nur ein bißchen Geld vermutet, dann ist das für ihn nur ein Happen, und alles geht auf solche Erfindungen wie das Perpetuum mobile und andere Maschinen drauf, womit er sich schon ruiniert hat und mich dazu.«

»Sie wünschen also,« sagte la Peyrade, »daß von dem Ihnen eben zugefallenen Legat weder die Akademie noch Ihr Herr irgend etwas erfahren sollen?«

»Wie klug der Herr ist, und wie gut er die Sache versteht!« sagte die Fromme lächelnd.

»Und andererseits«, fuhr der Advokat fort, »möchten Sie das Geld nicht bei sich aufbewahren.«

»Damit es mein Herr nicht findet und mir wegnimmt! Andererseits wird der Herr verstehen, daß ich es nicht ungern sehen würde, wenn das Geld einige Zinsen brächte, damit ich meinem braven Herrn auch mal etwas Gutes antun könnte.«

»Und so hohe Zinsen als möglich, nicht wahr?« sagte der Advokat.

»Nun ja, fünf bis sechs Prozent.«

»Sie wünschten also seit längerer Zeit meinen Rat gleichzeitig wegen einer Bittschrift bezüglich des Tugendpreises und wegen einer Geldanlage?«

»Ach, der Herr ist ja so gütig, so wohltätig und so entgegenkommend!«

»Die Angelegenheit mit der Bittschrift, wenn erst einige Nachforschungen angestellt sind, ist nicht schwierig; aber Ihnen eine Anlegungsmöglichkeit zu verschaffen, über die, bei absoluter Sicherheit, heiliges Stillschweigen bewahrt wird, das ist eine erheblich weniger leichte Sache.«

»Ach, wenn ich es wagen dürfte!« sagte die Fromme.

»Was?« fragte la Peyrade.

»Der Herr versteht mich schon . . .«

»Ich? Nicht im geringsten.«

»Und ich habe doch eben zum Himmel gebetet, daß der Herr selbst das Geld an sich nehmen möchte; bei Ihnen hätte ich volles Vertrauen, daß ich es wieder erhalte, und daß darüber nicht gesprochen wird.«

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