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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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In ganz Paris wäre es unmöglich gewesen, einen zweiten Bart- und Haarwuchs, wie den Toupilliers, aufzutreiben. Er schleppte sich wie zerbrochen an einem Stock in der zitternden Hand fort, die mit Flechten, wie sie auf Granitsteinen wachsen, bedeckt war, und streckte den klassischen, fettigen, breitrandigen, geflickten Bettlerhut hin, in den überreichlich Almosen geworfen wurden. Seine mit Binden und Lumpen umwickelten Beine staken in scheußlichen Bastschuhen, die aber innen mit vorzüglichen Sohlen aus Pferdehaar versehen waren. Das Gesicht hatte er mit Ingredienzien beschmiert, die die Spuren schwerer Krankheiten und Runzeln vortäuschten, und so spielte er vortrefflich die Rolle des Hundertjährigen. Als solchen bezeichnete er sich seit dem Jahre 1830, während er in Wirklichkeit erst ein Achtzigjähriger war. Er war der Oberst der Bettler, der Beherrscher des Platzes vor der Kirche, und alle, die unter den Arkaden dort, geschützt vor der Polizei und unter der Protektion des Kirchendieners, des Küsters, des Weihwasserbesprengers und überhaupt des Pfarramts betteln wollten, zahlten ihm eine Art Tribut.

Wenn ein Erbe, ein Bräutigam nach der Trauung, oder ein Pate beim Heraustreten sagte: »Das ist für alle, es soll bei den andern nicht gebettelt werden«, dann steckte Toupillier, der von dem Kirchendiener, seinem Nachfolger, vorgeschoben wurde, dreiviertel der milden Gaben in seine Tasche und ließ seinen Genossen, deren Tribut sich auf einen Sou pro Tag belief, nur ein Viertel. Das Geld und der Wein waren seine letzten Leidenschaften: aber er beschränkte die zweite und gab sich ganz der ersten hin, ohne jedoch auf sein Wohlleben zu verzichten. Trinken tat er abends, nach dem Essen, wenn die Kirche geschlossen war; seit zwanzig Jahren war er in den Armen der Trunkenheit, seiner letzten Geliebten, eingeschlafen.

Frühmorgens, wenn der Tag begann, war er in voller Ausrüstung auf seinem Posten. Von morgens bis zur Hauptmahlzeit, die er bei dem Vater Lathuile, den Charlet verewigt hat, einnahm, kaute er Brotkrusten als einzige Nahrung, und er verzehrte sie mit solchem Anstand und so resigniert, daß ihm dafür überreiche Almosen gespendet wurden.

Der Kirchendiener und der Weihwasserbesprenger, mit denen er wahrscheinlich unter einer Decke steckte, sagten von ihm:

»Das ist der Bettler, der zur Kirche gehört; er hat noch den Pfarrer Longuet gekannt, der Saint-Sulpice gebaut hat; er war zwanzig Jahre lang Kirchendiener, vor und nach der Revolution; er ist jetzt hundert Jahr alt.«

Diese kurze Biographie, die alle Frommen kannten, war die beste Reklame für ihn, und kein Bettlerhut in ganz Paris hatte eine bessere Kundschaft. Sein Haus hatte er sich im Jahre 1826 gekauft und seine Rente 1830 eintragen lassen.

Aus diesen beiden Quellen mußte er ein Jahreseinkommen von sechstausend Franken besitzen, mit denen er Wuchergeschäfte wie Cérizet betrieb, denn das Haus hatte vierzigtausend Franken gekostet und das eingetragene Kapital achtundvierzigtausend Franken betragen. Die Nichte, die der Onkel ebenso wie die Portiersleute, die Kirchenbeamten und die frommen Seelen getäuscht hatte, hielt ihn für ärmer, als sie selbst war, und wenn sie Fische hatte, die nicht mehr ganz frisch waren, so brachte sie sie dem armen Manne.

Sie hielt sich daher für berechtigt, sich für ihre Geschenke und ihre Mildtätigkeit gegen einen Onkel zu entschädigen, der eine Menge unbekannter Seitenverwandter haben mußte, denn sie war die dritte und jüngste Tochter eines Toupilliers; sie hatte vier Brüder, und ihr Vater, ein Straßenhändler, hatte ihr in ihrer Jugend von drei Tanten und vier Onkeln erzählt, die alle die merkwürdigsten Berufe hatten.

Nachdem sie sich den Kranken angesehen hatte, war sie im Galopp zu Cérizet gerannt, um seinen Rat einzuholen, wobei sie ihm mitteilte, wie sie ihre Tochter wiedergefunden hätte, und welche Gründe, Erwägungen und Anzeichen sie annehmen ließen, daß ihr Onkel Toupillier einen Haufen Gold in seiner Matratze versteckt hätte. Die Mutter Cardinal hielt sich nicht für stark genug, sich dieser Erbschaft auf legalem oder illegalem Wege zu bemächtigen, und war daher gekommen, um sich Cérizet anzuvertrauen.

Der Ausbeuter der armen Leute sollte endlich, ähnlich wie die Kloakenreiniger, Diamanten in dem Kot finden, den er seit vier Jahren durchstocherte, wobei er auf einen der Glückszufälle wartete, denen man in solchen Bezirken, wie es heißt, begegnen kann, in welchen Leute in Holzschuhen manchmal eine Erbschaft finden. Dies war der geheime Beweggrund seines milden Verhaltens gegen den Mann, dem er den Untergang geschworen hatte. Man kann sich vorstellen, mit welcher Angst er die Rückkehr der Witwe Cardinal erwartete, der dieser gerissene Komplottschmieder die Wege gewiesen hatte, wie sie sich Gewißheit bezüglich der vermuteten Existenz eines Schatzes verschaffen könne, wobei er ihr vollen Erfolg versprach, wenn sie ihm die Sorge überließe, diese Ernte einzuheimsen. Er war nicht der Mann, vor einem Verbrechen zurückzuschrecken, besonders wenn er die Möglichkeit vor sich sah, es von einem andern begehen zu lassen, während er den Gewinn einstrich. Er würde dann das Haus in der Rue Geoffroy-Marie kaufen und endlich ein Pariser Bourgeois werden können, ein Kapitalist, der in der Lage war, gute Geschäfte zu machen. »Mein Benjamin,« sagte die Fischhändlerin zu ihm mit einem Gesicht, das ebensosehr von Habgier wie von dem schnellen Laufen glühte, »mein Onkel schläft auf mehr als hunderttausend Franken in Gold! . . . und ich bin sicher, daß die Petraches unter der Vorspiegelung, daß sie ihn pflegen, den Schatz ausgekundschaftet haben.«

»Unter vierzig Erben verteilt,« sagte Cérizet, »würde das Vermögen für den Einzelnen nicht viel bedeuten. Hören Sie, Mutter Cardinal, ich heirate Ihre Tochter; geben Sie ihr das Gold des Onkels als Mitgift, und ich lasse Ihnen den Nießbrauch der Rente und des Hauses.«

»Riskieren wir auch nichts dabei?«

»Nicht das Geringste.«

»Abgemacht,« sagte die Witwe Cardinal und schlug in die Hand ihres zukünftigen Schwiegersohns ein. »Sechstausend Franken Rente! Was soll das für ein Leben werden!«

»Und dazu noch einen Schwiegersohn wie mich!« fügte Cérizet hinzu.

»Ich werde eine Pariser Bourgeoise sein!« rief die Cardinal aus.

»Jetzt aber,« begann Cérizet wieder nach einer Pause, in der sich Schwiegersohn und Schwiegermutter umarmt hatten, »muß ich das Terrain auskundschaften. Sie dürfen sich dort nicht vom Fleck rühren; Sie werden dem Portier sagen, daß Sie einen Arzt erwarten. Dieser Arzt werde ich sein, Sie dürfen aber nicht merken lassen, daß Sie mich kennen.«

»Bist du ein gerissener Kerl!« sagte die alte Cardinal und gab Cérizet zum Abschied einen Klaps auf den Bauch.

Eine Stunde später erschien Cérizet, schwarz gekleidet, mit einer roten Perücke und einem kunstvoll veränderten Gesicht in einem Mietwagen in der Rue Honoré-Chevalier. Er ersuchte den Portierschuster, ihm zu zeigen, wo ein Armer namens Toupillier wohnte.

»Ist der Herr der Arzt, den Frau Cardinal erwartet?«

Cérizet hatte sich inzwischen doch überlegt, daß diese Rolle schwer durchzuführen sei, und vermied es, zu antworten.

»Geht es hier hinauf?« fragte er und wandte sich nach irgendeiner Seite des Hofes.

»Nein, mein Herr«, antwortete der edle Perrache und zeigte ihm eine Hintertreppe, die zu der Mansarde, die der Bettler bewohnte, hinaufführte.

Dem neugierigen Portier blieb nur die Möglichkeit, den Kutscher des Mietwagens auszufragen, und wir überlassen ihn der Beschäftigung, in dieser Richtung sich Auskünfte zu verschaffen.

Das Haus in dem Toupillier wohnte, war eins von denen, die dazu verurteilt sind, auf Grund des Fluchtlinienplans die Hälfte ihrer Tiefe zu verlieren, denn die Rue Honoré-Chevalier ist eine der schmalsten Straßen des Viertels Saint-Sulpice. Der Besitzer, dem es untersagt war, weitere Stockwerke aufzusetzen oder Reparationen zu machen, sah sich genötigt, die Baracke in dem Zustande, in dem er sie gekauft hatte, zu vermieten; das Haus hatte eine außerordentlich häßliche Straßenfassade und bestand aus einer ersten Etage mit Mansarden über einem Erdgeschoß und einem kleinen rechtwinklig anstoßenden Seitenflügel an jeder Seite. Der Hof grenzte an einen Garten mit Bäumen, der zur Wohnung der ersten Etage gehörte. Dieser Garten, der gegen den Hof mit einem Gitter abgeschlossen war, hätte einem wohlhabenden Besitzer gestattet, das Haus der Stadt zu verkaufen und auf dem Hofterrain ein anderes zu bauen; aber der ganze erste Stock war auf achtzehn Jahre an eine mysteriöse Persönlichkeit vermietet, über die weder das offizielle Nachspüren des Portiers noch die Neugierde der übrigen Mieter irgend etwas hatte herausbekommen können.

Dieser Mieter, ein Mann von sechsundsechzig Jahren, hatte im Jahre 1829 an einem Fenster des Seitenflügels eine Wendeltreppe anbringen lassen, die in den Garten führte, um direkt hinuntergehen und dort promenieren zu können, ohne den Hof passieren zu müssen. Die eine Hälfte des Erdgeschosses war von einem Buchhefter besetzt, der seit zehn Jahren die Remisen und Pferdeställe in Arbeitsräume verwandelt hatte, die andere Hälfte von einem Buchbinder. Beide bewohnten die nach der Straße zu gelegenen Mansarden. Die Mansarden des einen Seitenflügels gehörten zu der Wohnung der mysteriösen Persönlichkeit. Toupillier schließlich zahlte hundert Franken für den Dachboden über dem kleinen Seitenflügel zur Linken, zu dem man auf einer Treppe gelangte, die nur an wenigen Tagen Licht hatte. Der Torweg hatte die runde Vertiefung, die in einer engen Straße, in der zwei Wagen einander nicht ausweichen können, unentbehrlich ist.

Cérizet hielt sich an einem Seil, das als Geländer diente, um eine Art Leiter hinaufzusteigen, die zu dem Zimmer führte, in dem der Hundertjährige im Sterben lag; dieses Zimmer bot den abscheulichen Anblick fingierter Armut dar.

In Paris wird alles, was in besonderer Absicht geschieht, vortrefflich aufgemacht. Die Bettler sind darin ebenso geschickt wie die Kaufleute mit ihren Schaufenstern und die angeblich reichen Leute, die Kredit suchen.

Der Fußboden war niemals gereinigt worden; die Dielen waren unsichtbar unter einer Schicht von Schmutz, Staub, getrocknetem Kot und allem, was Toupillier wegwarf. Ein elender gußeiserner Ofen, dessen Rohr durch den Spiegel über einem zugemauerten Kamin ging, war das am meisten ins Auge fallende Möbelstück in diesem Loch; in einem Alkoven stand ein sargähnliches Bett mit Vorhängen aus grünem Serge, in den die Motten ein Spitzenmuster gefressen hatten. Das fast blinde Fenster hatte von einer Schmutzkruste überzogene Scheiben, die die Vorhänge entbehrlich machte. Die weißgetünchten Wände waren von den Stein- und Holzkohlen, mit denen der Bettler seinen Ofen heizte, rauchgeschwärzt. Auf dem Kamin standen ein schadhafter Wasserkrug, zwei Flaschen und ein abgestoßener Teller. Eine schlechte wurmstichige Kommode enthielt seine Wäsche und seine sauberen Kleidungsstücke; das Mobiliar bestand aus einem Nachttisch billigster Sorte, einem Tisch für vierzig Sous und zwei Küchenstühlen, bei denen das Strohgeflecht fast ganz fehlte. Das pittoreske Bettlerkostüm des Hundertjährigen, das an einem Nagel hing, die darunter stehenden unförmigen Bastschuhe, sein Zauberstab und sein Hut bildeten eine Art Waffenarsenal eines Bettlers.

Beim Eintreten warf Cérizet einen schnellen Blick auf den Alten. Sein Kopf lag auf einem von Schmutz braunem Kopfkissen ohne Überzug, und sein eckiges Profil, ähnlich einem solchen, wie es die Kupferstecher des vorigen Jahrhunderts scherzhaft auf ihren Landschaften drohenden Felspartien gaben, hob sich scharf von den grünen Vorhängen ab. Toupillier, ein Mann von fast sechs Fuß Größe, stierte auf einen eingebildeten Gegenstand am Fuße des Bettes; er rührte sich nicht, als er die schwere Tür, die mit Eisen beschlagen und mit einem starken Schloß versehen war und seine Wohnung sicher beschützte, gehen hörte.

»Ist er bei Bewußtsein?« fragte Cérizet, vor dem die Cardinal zurückgewichen war, und den sie erst an der Stimme erkannte.

»So ziemlich«, antwortete sie.

»Kommen Sie auf die Treppe hinaus, damit er uns nicht hört. Wir wollen folgendermaßen vorgehen«, fuhr er leise, zu seiner zukünftigen Schwiegermutter gewendet, fort. »Er ist schwach, aber er sieht nicht schlecht aus, wir haben noch gut acht Tage vor uns. Im übrigen will ich einen Arzt holen, der uns paßt. Einen der nächsten Abende werde ich sechs Mohnköpfe mitbringen. In dem Zustande, in dem er sich, wie Sie sehen, befindet, wird ihn der Mohnextrakt in tiefen Schlaf versetzen. Ich werde ein Gurtbett herschicken, damit Sie, wie wir sagen werden, nachts bei ihm bleiben können. Wenn er dann schläft, tragen wir ihn aus dem grünen in das Gurtbett, und wenn wir das Geld, das in dem kostbaren Möbel versteckt ist, erst gefunden haben, dann werden wir auch Mittel und Wege finden, um es wegzuschaffen. Der Arzt wird uns sagen, ob er noch einige Tage zu leben hat und vor allem, ob er imstande ist, ein Testament zu machen.«

»Ach, Sie geliebter Sohn!«

»Aber wir müssen wissen, wer die Bewohner dieser Baracke sind; die Perraches könnten Lärm schlagen, und so viele Mieter, so viele Spione.«

»Oh, ich weiß schon,« antwortete Frau Cardinal, »daß Herr du Portail, der Mieter des ersten Stocks, ein kleiner alter Herr ist, der eine Irrsinnige pflegt, die ich heute morgen von einer alten Holländerin, namens Katt, Lydia rufen hörte. Der Alte hat nur einen Diener, auch ein alter Mann, der Bruno heißt, und, abgesehen von der Küche, alles macht.«

»Aber dieser Buchhefter und dieser Buchbinder,« entgegnete Cérizet, »da wird von früh an gearbeitet. Nun, wir müssen weiter sehen«, fuhr er fort, wie Einer, der noch keinen bestimmten Plan hat. »Ich werde jedenfalls aufs Rathaus Ihres Bezirks gehen, um Olympias Geburtsattest zu besorgen und das Aufgebot zu bestellen. Nächsten Sonnabend in acht Tagen ist die Hochzeit!«

»Wie das alles bei diesem Kerl geht!« sagte die Cardinal und stieß ihrem gefährlichen Schwiegersohn mit der Schulter in die Seite.

Als er hinabging, sah Cérizet zu seinem Erstaunen, wie der kleine Alte, dieser du Portail, im Garten mit einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Regierung, dem Grafen Martial de la Roche-Hugon, auf und ab ging. Im Hofe blieb er stehen und sah sich das alte unter Ludwig XIV. gebaute Haus genau an, dessen gelbe Mauern, obschon aus Hausteinen, sich wie Toupillier ihrem Ende zuneigten; er blickte in die beiden Werkstätten hinein und stellte die Anzahl der Arbeiter fest. Das Haus war still wie ein Kloster. Da er selbst beobachtet wurde, so entfernte sich Cérizet und überlegte alle Schwierigkeiten, die das Herausholen der Geldsumme aus dem Versteck des Sterbenden, wenn sie auch keinen sehr großen Raum einnahm, darbot.

»Soll man sie nachts wegbringen?« fragte er sich; »da passen die Portiersleute auf, und am Tage können Einen zwanzig Personen sehen . . . Es ist ziemlich schwer, fünfundzwanzigtausend Franken in Gold bei sich zu tragen.«

Die menschliche Gesellschaft hat zwei Ideale der Vollkommenheit: das erste ist der Zustand einer Zivilisation, wo das allen innewohnende moralische Gefühl schon den Gedanken an ein Verbrechen ausschließt: Die Jesuiten fordern diesen erhabenen Zustand, wie er in den ersten Zeiten der Kirche verwirklicht war; das zweite ist der Zustand einer anderen Zivilisation, wo die gegenseitige Wachsamkeit der Bürger das Verbrechen unmöglich macht. Das Ziel, das die moderne Gesellschaft anstrebt, ist das, wo eine Missetat auf solche Schwierigkeiten stößt, daß der, der sie begehen will, tatsächlich den Verstand verloren haben muß. In Wahrheit bleibt wirklich selbst ein Unrecht, das vom Gesetze nicht betroffen wird, nicht ungesühnt, und das Urteil der Gesellschaft ist sogar strenger als das Urteil der Gerichte. Wenn jemand, wie Minoret, der Postmeister von Nemours, ein Testament ohne Zeugen vernichten will, so wird ein solches Verbrechen durch das Aufpassen der ehrlichen Leute ebenso an den Tag gebracht, wie ein Diebstahl von der Polizei. Keine Roheit bleibt unbemerkt, überall, wo jemand geschädigt worden ist, bleibt eine greifbare Spur zurück. Man kann ebensowenig Sachen wie Menschen verschwinden lassen, so genau sind, besonders in Paris, die Objekte gezählt, die Häuser bewacht, die Straßen beobachtet, die Plätze unter Aufsicht. Um unbelästigt zu bleiben, muß ein Delikt sanktioniert werden, wie es die Börse macht und die Kundschaft Cérizets, die sich nicht beklagt und entsetzt sein würde, wenn sie ihren Menschenschinder nicht am Dienstag in seiner Küche vorfände.

»Nun, lieber Herr,« sagte die Portiersfrau, die Cérizet entgegenging, »wie geht es diesem Kinde Gottes, diesem armen Manne? . . .«

»Ich bin kein Arzt,« antwortete Cérizet, der nun entschlossen war, seine Rolle zu wechseln; »ich bin der Sachwalter der Frau Cardinal; ich habe ihr eben empfohlen, ihr Lager hier aufzuschlagen, damit sie Tag und Nacht zur Pflege ihres Onkels zur Hand sein kann, aber vielleicht ist noch eine Wärterin nötig.«

»Ich könnte das gut machen,« sagte Frau Perrache, »ich war schon Wärterin bei Wöchnerinnen.«

»Nun, wir wollen sehen,« sagte Cérizet, »ich werde das ordnen . . . Wer wohnt denn hier im ersten Stock?«

»Herr du Portail . . . Oh, der wohnt hier schon seit dreißig Jahren; er ist Rentier, lieber Herr, ein alter sehr respektabler Mann . . . Die Rentiers leben, wie Sie wissen, von ihren Renten . . . er war früher ein Geschäftsmann. Seit bald elf Jahren bemüht er sich, die Tochter eines seiner Freunde, Fräulein Lydia de la Peyrade, heilen zu lassen. Sie wird sehr sorgfältig behandelt, sehen Sie, und zwar von den beiden berühmtesten Ärzten, erst heute morgen haben sie hier eine Konsultation gehabt . . . Aber bis jetzt haben sie sie noch nicht gesund machen können, und sie muß sehr sorgsam bewacht werden, denn sie steht nachts auf . . .«

»Fräulein Lydia de la Peyrade?« rief Cérizet; »sind Sie sicher, daß sie so heißt?«

»Frau Katt, ihre Gouvernante, die auch das bißchen Küche bei ihnen besorgt, hat es mir tausendmal gesagt, sowenig auch im allgemeinen Herr Bruno, der Bediente, und Frau Katt reden. Es ist, als ob man zu einer Mauer spricht, wenn man etwas von ihnen erfahren will . . . Seit zwanzig Jahren haben wir hier die Portierstelle, aber nie haben wir etwas über Herrn du Portail hören können. Und was noch mehr ist, lieber Herr, ihm gehört das kleine Haus nebenan; sehen Sie da die Hintertür? Nun, da kann er nach Belieben hinausgehen und Leute bei sich empfangen, ohne daß wir etwas davon wissen. Unser Hausbesitzer weiß auch nicht mehr darüber als wir; wenn man an der Hintertür klingelt, dann geht der Herr Bruno öffnen . . .«

»Sie haben also,« sagte Cérizet, »auch den Herrn nicht hereinkommen sehen, mit dem sich der alte Geheimkrämer dort unterhält?«

»Sieh mal einer an! Aber nein . . .«

»Das ist eine Tochter des Onkels von Theodosius«, sagte sich Cérizet, als er wieder in seinen Wagen stieg. »Sollte du Portail der Gönner sein, der seiner Zeit die zweitausendfünfhundert Franken meinem lieben Freunde geschickt hat? . . . Wenn ich diesem Alten einen anonymen Brief schickte und ihn von der Gefahr in Kenntnis setzte, die der Herr Advokat wegen der Wechsel über fünfundzwanzigtausend Franken läuft?«

Eine Stunde später erschien ein Gurtbett mit allem Zubehör für Frau Cardinal, der die neugierige Portiersfrau ihre Dienste für die Bereitung des Essens anbot.

»Soll ich den Herrn Pfarrer holen?« fragte die Mutter Cardinal den Onkel.

Sie hatte bemerkt, daß die Ankunft des Bettes ihn aus seiner Schlaftrunkenheit aufgerüttelt hatte.

»Wein will ich haben!« antwortete der Bettler.

»Wie geht es Ihnen denn, Papa Toupillier?« fragte Frau Perrache mit ihrer süßesten Stimme dazwischen.

»Ich sage, daß ich Wein haben will!« wiederholte der Biedermann mit einer Energie, die man ihm bei seinem schwachen Zustande nicht zugetraut hätte.

»Man müßte erst wissen, ob Ihnen das gut tut, Onkelchen«, sagte die Cardinal zärtlich.

»Wir wollen doch erst hören, was der Arzt sagt.«

»Der Arzt? Ich will keinen Arzt!« rief Toupillier; »und du, was machst du denn hier? Ich brauche niemanden.«

»Lieber Onkel, ich möchte wissen, ob Sie nicht Appetit auf etwas haben; ich habe ganz frische Schollen; wie wäre das mit so einer kleinen Scholle mit etwas Zitrone?«

»Eine nette Sorte, deine Fische,« antwortete Toupillier, »der reine Gestank! Der letzte, den du mir gebracht hast, vor mehr als sechs Wochen, der liegt noch in der Kommode, da kannst du ihn dir wieder holen.«

»Mein Gott, sind diese Kranken undankbar!« sagte die Cardinal leise zu der Perrache.

Gleichzeitig, um ihre Fürsorglichkeit zu beweisen, machte sie das Kopfkissen des Kranken zurecht und sagte:

»So, Onkelchen; liegen wir so nicht besser?«

»Laß mich in Ruh,« brüllte Toupillier wütend, »ich will allein sein; Wein will ich haben, und dann laß mich in Frieden!«

»Seien Sie doch nicht so böse, Onkelchen, es wird ja gleich Wein für Sie geholt werden!«

»Landwein, aus der Rue des Canettes!« schrie der Bettler.

»Jawohl«, erwiderte die alte Cardinal; »aber lassen Sie mich nur ein bißchen mein Geld zählen. Ich möchte Ihnen doch diesen Keller hier ein wenig netter einrichten. Ein Onkel, das ist doch wie ein zweiter Vater, da darf es Einem schon nicht darauf ankommen!«

Gleichzeitig setzte sie sich breitbeinig auf einen der beiden schadhaften Strohstühle und kramte auf ihre Schürze alles, was ihre Taschen enthielten, aus: ein Messer, ihre Tabaksdose, zwei Scheine des Pfandleihamtes, Brotkrusten und eine Menge Kupfergeld, aus dem sie schließlich einige Silberstücke herausfischte.

Diese Ausstellung, die ihre edelmütigste und eifrigste Hingebung beweisen sollte, hatte keinen Erfolg. Toupillier schien sie nicht einmal bemerkt zu haben. Erschöpft von der fieberhaften Anstrengung, mit der er seinen Lieblings-Heiltrank verlangt hatte, machte er eine Anstrengung, sich umzudrehen, und nachdem er seinen beiden Krankenwärterinnen den Rücken gedreht, und nochmals: »Wein, Wein!« gemurmelt hatte, ließ er nichts weiter hören als röchelnde Töne, die die beginnende Atemnot verrieten.

»Man wird ihm doch seinen Wein holen müssen!« sagte die Cardinal und steckte alles, was sie herausgeholt hatte, in ziemlich übler Stimmung wieder in ihre Taschen.

»Falls Sie sich nicht selbst bemühen wollen, Mutter Cardinal? . . .« sagte die Portiersfrau, immer eifrig bemüht, ihre Dienste anzubieten.

Die Fischhändlerin zögerte einen Augenblick; aber da sie dachte, vielleicht etwas Näheres aus einer Unterhaltung mit dem Weinhändler erfahren zu können, und sie übrigens auch, solange Toupillier auf seinem Schatze lag, die Portiersfrau, ohne etwas befürchten zu müssen, mit ihm allein lassen konnte, sagte sie:

»Danke, Frau Perrache! Ich muß mich ja doch daran gewöhnen, seine Lieferanten kennenzulernen.«

Nachdem sie hinter dem Nachttisch eine schmutzige Flasche, die reichlich zwei Liter fassen konnte, gefunden hatte, fragte sie die Portiersfrau:

»In der Rue des Canettes, sagten Sie?«

»An der Ecke der Rue Guisarde«, antwortete die Perrache, »bei Herrn Legrelu; ein schöner großer Mann mit langem Backenbart und einer Platte.« Dann fügte sie leise hinzu:

»Der Landwein, wissen Sie, ist Roussillon, erste Qualität. Übrigens weiß der Weinhändler Bescheid; es genügt, wenn Sie ihm sagen, daß Sie von seinem Kunden, dem Bettler von Saint-Sulpice, kommen.«

»Sie brauchen mir nicht alles zweimal zu sagen«, erwiderte die Cardinal, öffnete die Tür und tat, als ob sie wegginge. »Ach ja,« sagte sie, nachdem sie wieder zurückgekommen war, »womit heizt er denn seinen Ofen? Es könnte irgendeine Medizin warmgehalten werden müssen.«

»Ach,« antwortete die Portiersfrau, »er hat noch keine großen Vorräte für den Winter angeschafft; heute haben wir ja noch vollständigen Sommer . . .«

»Und nicht mal eine Kasserole, keinen Topf!« fuhr die Cardinal fort; »mein Gott, was ist das für eine Wirtschaft! Auch nichts, womit man einkaufen gehen kann; denn schließlich ist das doch peinlich, wenn jeder alles sieht, was man vom Markte mitbringt.«

»Ich könnte Ihnen einen Handkorb borgen«, sagte die Portiersfrau, immer dienstfertig bemüht.

»Danke, ich werde mir einen Korb kaufen«, antwortete die Fischhändlerin, mehr auf das bedacht, was sie von dem Bettler wegtragen, als was sie ihm bringen wollte. »Gibt es nicht hier in der Nähe einen Auvergnaten,« setzte sie hinzu, »der Holz und Kohlen verkauft?«

»An der Ecke der Rue Férou, da bekommen Sie, was Sie brauchen; das ist ein schöner Laden, mit gemalten Holzkloben in Bögen ringsherum, die Einen ordentlich einladen.«

»Ich kann es von hier sehen«, sagte Frau Cardinal. Bevor sie endgültig wegging, hatte sie einen sehr schlauen Gedanken. Nachdem sie vorher Bedenken gehabt hatte, ob sie die Portiersfrau bei dem Kranken allein lassen könnte, sagte sie jetzt zu ihr:

»Frau Perrache, nicht wahr, Sie lassen meinen guten Onkel nicht allein, bis ich zurück bin? . . .«

Man hat bemerken können, daß Cérizet in dieser Sache, die er in die Hand genommen hatte, noch zu keinem festen Entschlusse gekommen war. Die Rolle eines Arztes, die er im ersten Moment spielen wollte, hatte ihm schließlich Angst gemacht, und er hatte sich den Perraches nur als Sachwalter seiner Mitschuldigen vorgestellt. Einmal mit sich allein, hatte er sich die Sache besser überlegt und erkannt, daß sein Plan von vornherein durch einen Arzt, eine Krankenwärterin und einen Notar kompliziert wurde und ernsthafte Schwierigkeiten darbot. Ein ordnungsmäßiges Testament zu Gunsten der Frau Cardinal war keine Sache, die sich aus dem Ärmel schütteln ließ. An einen solchen Gedanken mußte man langer Hand den störrischen, argwöhnischen Geist des Bettlers gewöhnen, und der Tod konnte eintreten und im Handumdrehen die klügsten Vorbereitungen zunichte machen.

Zweifellos überließ man, wenn man auf ein Testament des Sterbenden verzichtete, die Rente von achtzehnhundert Franken, die das ins Staatsschuldbuch eingetragene Kapital brachte, und das Haus in der Rue Notre-Dame de Nazareth allen gesetzlichen Erben; und Frau Cardinal, der er das Eigentum an diesen beiden Objekten hatte sichern wollen, würde davon nur den auf sie entfallenden Erbanteil bekommen; wenn man aber auf diesen offenkundigen Teil der Erbschaft verzichtete, so war das das sicherste Mittel, um sich des versteckten Teils zu bemächtigen. Im übrigen, wenn dieser vorher in Sicherheit gebracht war, was hinderte Einen daran, auf den Versuch mit dem Testamente zurückzukommen?

Indem er also seiner »Operation« ein viel einfacheres Ziel setzte, beschränkte er sich auf das Manöver mit den Mohnköpfen, von dem er schon gesprochen hatte, und mit dieser einzigen Waffe versehen, schickte er sich an, zu Toupillier zurückzukehren und der Frau Cardinal neue Verhaltungsmaßregeln zu geben, als er ihr mit dem Korbe, den sie eben gekauft hatte, am Arm begegnete; in dem Korbe brachte sie schon das Allheilmittel des Kranken mit.

»Wie denn,« sagte der Wucherer, »nennen Sie das auf Ihrem Posten sein?«

»Ich habe doch weggehen und ihm Wein holen müssen«, antwortete die Cardinal. »Er schreit, als ob er am Spieße steckt, man soll ihn in Ruh lassen, er will allein sein und sein Getränk haben! Er hat sich in den Kopf gesetzt, der Mensch, daß der Roussillon, erste Qualität, das beste für seine Krankheit ist; ich bringe ihn ihm, damit er sich vollsaufen kann; wenn er betrunken ist, wird er sich vielleicht ruhiger verhalten.«

»Sie haben recht«, sagte Cérizet nachdenklich. »Man darf Kranken niemals widersprechen; aber den Wein, sehen Sie, den muß man verbessern: wenn wir ihn damit versetzen,« (dabei hob er den einen Korbdeckel auf und steckte die Mohnköpfe hinein) »werden Sie dem armen Kerl einen hübschen kleinen Schlaf von wenigstens fünf bis sechs Stunden verschaffen; ich komme abends wieder, und dann wird uns, denke ich, nichts hindern, den Umfang der Hinterlassenschaft etwas genauer zu prüfen.«

»Verstanden!« sagte Frau Cardinal und kniff ein Auge zu.

»Also auf heute abend!« sagte der Wucherer, ohne die Unterhaltung weiter fortzusetzen.

Er hatte das Gefühl, sich auf eine schwierige und verdächtige Sache eingelassen zu haben, und wünschte nicht gesehen zu werden, wie er sich mit seiner Mitschuldigen auf der Straße unterhielt.

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