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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
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Als Theodosius zur Rue des Postes gelangt war, ging er schnellen Schritts auf das Haus der Frau Colleville zu, während er sich selbst in Erregung versetzte und laut mit sich sprach. Die Glut seiner leidenschaftlichen Aufregung und der angefachte Brand in seinem Innern, der vielen Parisern bekannt ist, denn solche schrecklichen Situationen gibt es in Paris im Überfluß, versetzten ihn in eine Art von Wahnsinn und eine Wut zu reden, die gleich verständlich sein werden. An der Ecke von Saint-Jacques du Haut-Pas, in der kleinen Rue des Deux-Eglises, rief er laut:

»Ich werde ihn töten!« . . .

»Der ist auch nicht gerade sehr zufrieden!« sagte ein Arbeiter, der mit dieser scherzhaften Bemerkung die Wahnsinnsglut, in die Theodosius geraten war, dämpfte.

Als er Cérizet verließ, war ihm der Gedanke gekommen, sich Flavia anzuvertrauen und ihr alles zu gestehen. Die Südländernaturen sind so beschaffen, stark bis zu einer gewissen Grenze der Leidenschaftlichkeit, wo sie zusammenbrechen. Er trat herein, Flavia war allein in ihrem Zimmer; beim Anblick Theodosius' dachte sie, er wolle sie vergewaltigen oder ermorden.

»Was ist Ihnen denn?« rief sie.

»Ich . . . Lieben Sie mich, Flavia?« sagte er.

»Können Sie daran zweifeln?«

»Lieben Sie mich bedingungslos? . . . Selbst wenn ich ein Verbrecher wäre?«

›Sollte er jemanden getötet haben?‹ fragte sie sich.

Sie antwortete nur mit einem Kopfnicken.

Theodosius, glücklich, sich an diesem schwanken Zweige festhalten zu können, ging von seinem Stuhl zu dem Sofa Flavias; hier ergossen sich zwei Tränenströme aus seinen Augen und es entrang sich ihm ein Stöhnen, das einen alten Richter hätte zum Weinen bringen können.

»Ich bin für niemanden zu Hause«, sagte Flavia ihrem Mädchen.

Sie schloß die Türen und näherte sich dann Theodosius, aufs tiefste von mütterlichen Empfindungen bewegt. Der Sohn der Provence lag ausgestreckt, mit zurückgebogenem Kopfe, da und weinte in sein Taschentuch. Als Flavia es ihm wegnehmen wollte, war es von Tränen durchweicht.

»Aber was gibt es denn? Was haben Sie denn?« fragte sie.

Die Natur, die mehr als die Kunst vermag, unterstützte Theodosius wunderbar, der nun keine Rolle mehr spielte, sondern er selbst war, und diese Tränen, dieser Nervenzusammenbruch bewiesen, daß er früher Komödie gespielt hatte.

»Sie sind ein Kind!« . . . sagte sie sanft und strich Theodosius übers Haar, dessen Tränen zu versiegen begannen.

»Ich habe ja nur Sie auf der Welt!« rief er und küßte Flavias Hände mit Inbrunst, »und wenn Sie mir nur bleiben, wenn Sie mir gehören, wie der Körper der Seele, wie die Seele dem Körper,« sagte er und entfaltete wieder allen seinen Reiz, als er die Herrschaft über sich zurückgewonnen hatte, »ja, dann werde ich wieder Mut fassen können!

Dann erhob er sich und ging auf und ab.

»Ja, ich will kämpfen, ich werde meine Kraft wiedergewinnen wie Antäus, wenn er seine Mutter umarmte! Und ich werde mit meinen Händen die Schlangen erwürgen, die mich umringelt haben, die mir Schlangenküsse geben, die mir die Wangen bespeicheln, die mir das Blut austrinken und die Ehre vernichten wollen! Ach, das Elend! . . . Oh, wie groß sind die, die darin standzuhalten vermögen, mit erhobenem Haupte! . . . Ich hätte lieber verhungern sollen auf meiner Matratze vor dreieinhalb Jahren! . . . Der Sarg ist ein weiches Bett im Vergleich mit dem Leben, das ich führe! . . . Seit achtzehn Monaten arbeite ich daran, ein ›ehrsamer Bürger‹ zu werden! . . . und in dem Augenblick, wo ich ein ehrenhaftes, glückliches Leben und eine großartige Zukunft vor mir sehe, in dem Moment, da ich mich an die Festtafel des Lebens setzen will, da schlägt mir der Henker auf die Schulter . . . Ja, dieses Ungeheuer! Es hat mich auf die Schulter geschlagen und gesagt: ›Zahle dem Teufel deinen Tribut oder stirb!‹ . . . Und ich sollte sie nicht niederschlagen . . . ich sollte ihnen nicht die Faust in den Rachen bis hinab in die Eingeweide stoßen können? . . . Oh ja, ich werde es tun! Flavia, sind meine Augen wieder trocken? . . . Ach, jetzt lache ich wieder, ich fühle meine Kraft und meine Macht zurückkehren . . . Oh, sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, . . . sagen Sie es noch einmal! Das ist für mich, wie wenn ein Verurteilter das Wort ›Gnade‹ hört!« . . .

»Sie sind schrecklich, lieber Freund!« . . . sagte Flavia; »ach, ich bin wie zerbrochen.«

Sie begriff nichts und sank wie leblos auf das Sofa, entsetzt über dieses Schauspiel; Theodosius kniete jetzt vor ihr nieder.

»Verzeihung! . . . Verzeihung!« . . . sagte er.

»Aber was ist Ihnen denn nun eigentlich?« fragte sie.

»Man will mich zugrunde richten. Oh, sagen Sie mir Céleste zu, und Sie werden sehen, was für ein herrliches Leben Sie mit uns führen werden. Wenn Sie zögern . . . nun gut, das heißt, daß Sie mir gehören wollen, dann werde ich Sie mir nehmen! . . .«

Er machte eine so heftige Bewegung, daß Flavia erschrocken aufstand und auf und ab ging . . .

»Oh, Engel, hier sehen Sie mich zu Ihren Füßen . . . Aber was für ein Wunder geschieht mir?! Gott steht mir zur Seite, das ist ganz sicher! Das ist wie eine Erleuchtung. Mir kommt plötzlich eine Idee! . . . Oh, ich danke dir, du mein Schutzengel, du großer Theodosius! . . . Du hast mich gerettet!«

Flavia staunte diese Chamäleonsnatur an: ein Knie am Boden, die Hände über der Brust gekreuzt und die Augen nach oben gerichtet, sprach er in religiöser Ekstase ein Gebet und bekreuzigte sich wie der gläubigste Katholik. Er war ein Bild, so schön wie das Abendmahl des heiligen Hieronymus.

»Adieu«, sagte er mit melancholischer verführerischer Stimme.

»Oh,« rief Flavia, »lassen Sie mir Ihr Taschentuch.«

Theodosius rannte wie ein Irrsinniger davon und stürzte auf die Straße, um zu Thuillier zu eilen; aber er wandte sich noch einmal um, sah Flavia am Fenster und machte ihr ein Zeichen des Triumphes.

»Was für ein Mensch! . . .« sagte sie sich.

»Bester Freund,« sagte er in ruhigem, sanftem, beinahe süßlichem Tone zu Thuillier, »wir sind in die Hände von erbitterten Schurken geraten; aber ich werde ihnen eine kleine Lektion erteilen.«

»Was gibt es denn?« fragte Brigitte.

»Die Leute wollen fünfundzwanzigtausend Franken haben, und um uns dazu zu zwingen, haben der Notar oder seine Komplizen den Antrag auf Anberaumung eines neuen Bietungstermins gestellt; stecken Sie sich fünftausend Franken ein, Thuillier, und begleiten Sie mich, ich werde Ihnen den Besitz des Hauses sichern. Aber ich mache mir damit unversöhnliche Feinde! . . .« rief er dann aus, »sie wollen mich moralisch vernichten. Wenn Sie nur nicht auf ihre infamen Verleumdungen hören und immer an mir festhalten wollen, mehr verlange ich nicht. Was ist auch schließlich daran gelegen? Wenn ich es durchsetze, so bezahlen Sie für das Haus hundertfünfundzwanzigtausend Franken statt hundertzwanzigtausend.«

»Das wird sich aber doch nicht etwa wiederholen? . . .« fragte Brigitte, die unruhig geworden war, und deren Augen sich infolge eines bösen Verdachtes erweiterten.

»Die eingetragenen Gläubiger haben allein das Recht, einen neuen Bietungstermin zu verlangen, und da nur dieser Eine allein von seinem Rechte Gebrauch gemacht hat, können wir beruhigt sein. Seine Schuld beträgt nur zweitausend Franken, aber wir müssen auch die Kosten der dabei beteiligten Anwälte tragen und dem Gläubiger einen Tausendfrankenschein in die Hand stecken.«

»Geh, Thuillier,« sagte Brigitte, »und nimm dir Hut und Handschuhe, wo das Geld liegt, weißt du . . .«

»Da ich mit den fünfzehntausend Franken nichts erreicht habe, will ich nicht, daß das Geld durch meine Hände geht . . . Thuillier soll es selbst zahlen«, sagte Theodosius, als er mit Brigitte allein war. »Sie haben volle zwanzigtausend Franken bei dem Geschäft, das ich für Sie mit Grindot abgeschlossen habe, verdient; er dachte, daß er noch mit dem Notar zu tun hätte, und nun haben Sie ein Grundstück erworben, das in fünf Jahren eine Million wert sein wird. Es ist eine Boulevardecke!«

Brigitte hörte ihm aufmerksam zu, ganz wie eine Katze, die Mäuse unter der Diele wittert. Sie sah ihn scharf an, und trotz der Richtigkeit seiner Ausführungen, stiegen ihr Zweifel auf.

»Was haben Sie denn, Tantchen? . . .«

»Ach, ich stehe eine Todesangst aus, solange wir nicht eingetragene Eigentümer sind . . .«

»Sie würden doch gern zwanzigtausend Franken opfern, nicht wahr,« sagte Theodosius, »damit Thuillier das hat, was wir unangreifbaren Besitz nennen? Nun, dann denken Sie daran, daß ich Sie diese Summe zweimal habe verdienen lassen.«

»Wohin gehen wir denn? . . .« fragte Thuillier.

»Zu Godeschal! den müssen wir als Anwalt haben.«

»Aber dem haben wir ja Célestes Hand abgeschlagen!« rief die alte Jungfer aus.

»Gerade deshalb wende ich mich an ihn«, antwortete Theodosius; »ich kenne ihn, er ist ein Ehrenmann, und er wird Ihnen gern einen Dienst leisten.«

Godeschal, der Nachfolger Dervilles, war mehr als zehn Jahre der erste Gehilfe Desroches' gewesen. Theodosius, dem das bekannt war, hatte diesen Namen mitten in seinem verzweifelten Zustande, wie von einer inneren Stimme genannt, in seinem Ohr erklingen hören und damit die Möglichkeit vor sich gesehen, Claparon die Waffe, mit der ihn Cérizet bedrohte, aus der Hand zu schlagen. Vor allem aber mußte der Advokat zu Desroches gelangen, um sich über die Absichten seiner Gegner Klarheit zu verschaffen. Und dazu konnte ihm allein Godeschal verhelfen.

Die Pariser Anwälte stehen, wenn sie so nahe verbunden sind wie Godeschal und Desroches, in einem wahrhaft kollegialen Verhältnis zu einander, und die Folge davon ist, daß alle Angelegenheiten, bei denen es möglich ist, unschwer durch Vergleich erledigt werden. Sie machen einer dem andern, unter dem Vorbehalt der Gegenseitigkeit, alle erlaubten Konzessionen, nach dem Sprichworte: »Reich mir das Salz, dann werde ich dir den Pfeffer reichen«, das ja auch bei allen Berufen befolgt wird, bei Ministern, bei der Armee, unter Richtern, Kaufleuten, überall da, wo Feindschaft nicht allzu starke Hemmnisse zwischen den Parteien aufgerichtet hat. »Ich verdiene dabei ein genügendes Honorar«, ist der Grund hierfür, der nicht ausgesprochen zu werden braucht, sondern schon in der Geste, der Betonung und dem Blicke enthalten ist. Und da sich die Anwälte auf diesem Gebiete immer wieder begegnen, so kommt es leicht zu einem Vergleich. Das Gegengewicht bei einer solchen Koterie bildet das, was man mit »Berufsehre« bezeichnen muß. Die Menschen müssen ja auch dem Arzt Glauben schenken, wenn er bei einer gerichtlichen Untersuchung erklärt: »In diesem Körper ist Arsenik nachgewiesen«; kein Bedenken siegt über die Eigenliebe des Schauspielers, die Ehrlichkeit des Rechtsgelehrten oder die Unabhängigkeit des Staatsanwalts. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit sagt der Pariser Anwalt: »Das kann ich nicht durchsetzen, mein Klient ist nicht davon abzubringen«, und der andere antwortet: »Schön, dann wollen wir weiter sehen . . .«

Der schlaue la Peyrade war lange genug vor Gericht tätig gewesen, um zu wissen, wie nützlich diese Gepflogenheiten seinem Vorhaben sein mußten. »Bleiben Sie im Wagen«, sagte er zu Thuillier, als sie in der Rue Vivienne angelangt waren, wo Godeschal an derselben Stelle, an der er sich seine ersten Sporen verdient hatte, sich als Anwalt niedergelassen hatte; »Sie sollen erst heraufkommen, wenn er die Sache angenommen hat.«

Es war elf Uhr abends geworden, und la Peyrade hatte sich in seiner Erwartung, einen jungen Anwalt um diese Zeit noch in seinem Arbeitszimmer tätig zu finden, nicht getäuscht.

»Welchem Umstande verdanke ich Ihren Besuch, Herr Advokat?« sagte Godeschal, als er la Peyrade entgegen ging.

Fremde, Leute aus der Provinz und Weltleute werden vielleicht nicht wissen, daß sich die Advokaten zu den Anwälten verhalten, wie die Generäle zu den Marschällen; es besteht eine scharf innegehaltene Grenzlinie zwischen der Advokatenschaft und der Gesellschaft der Anwälte von Paris. Wie angesehen und was für ein feiner Kopf ein Anwalt auch sein mag, er muß sich doch an den Advokaten wenden. Der Anwalt ist der Beamte, der den Feldzugsplan macht, die Munition heranschafft und alles in Bereitschaft setzt; der Advokat aber schlägt die Schlacht. Man weiß ebensowenig, weshalb das Gesetz dem Klienten vorschreibt, sich an zwei Leute zu wenden, statt an einen, wie man weiß, warum der Autor einen Drucker und einen Verleger braucht. Die Vorschriften verbieten dem Advokaten, irgend etwas zu vollziehen, was zum Ressort der Anwälte gehört. Es geschieht sehr selten, daß ein bedeutender Advokat einen Fuß in das Arbeitszimmer eines Anwalts setzt, man sieht sich nur vor Gericht; gesellschaftlich gibt es jedoch keine Scheidung, und manche Advokaten, besonders solche, die sich in derselben Lage wie la Peyrade befinden, scheuen sich nicht, ab und zu einen Anwalt aufzusuchen; aber diese Fälle sind selten und fast immer durch irgendeinen zwingenden Umstand veranlaßt.

»Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit,« sagte la Peyrade, »und vor allem um eine behutsam anzufassende Sache, über die wir beide uns einig werden müssen. Thuillier wartet unten im Wagen, und ich komme zu Ihnen nicht in meiner Eigenschaft als Advokat, sondern als Freund Thuilliers. Sie allein sind in der Lage, ihm einen außerordentlichen Dienst zu leisten, und ich habe ihm gesagt, daß Sie, der würdige Nachfolger des großen Derville, ein zu hochgesinnter Mann sind, als daß Sie nicht alle Ihre Fähigkeiten ihm zur Verfügung stellen würden. Und nun zum Tatbestand.«

Nachdem er ihm in seinem Sinne den Schwindel, den er mit seiner Gewandtheit zunichte machen sollte, auseinandergesetzt hatte, denn die Anwälte treffen mehr auf lügenhafte als auf wahrheitsliebende Klienten, faßte der Advokat noch einmal seinen Schlachtplan zusammen.

»Sie müßten, verehrter Herr, noch heute abend Desroches aufsuchen, ihn von dem Komplott in Kenntnis setzen und seine Zusage erreichen, daß er seinen Klienten, diesen Sauvaignou auf morgen früh zu sich bestellt; dann werden wir drei ihn uns vornehmen, und wenn er außer seiner Forderung tausend Franken haben will, so wollen wir das hergeben, abgesehen von einem Honorar von fünfhundert Franken für Sie und ebensoviel für Desroches, sobald Thuillier die Verzichterklärung Sauvaignous morgen um zehn Uhr in Händen hat . . . Was will denn dieser Sauvaignou? Sein Geld! Nun, so ein Zwischenmeister wird dem Köder eines Tausendfrankenscheins nicht widerstehen können, selbst wenn er nur das Instrument einer hinter ihm versteckten Habgier sein sollte. Der Streit zwischen seinen Drahtziehern und ihm kann uns wenig kümmern . . . Also, helfen Sie der Familie Thuillier, daß sie aus der Sache herauskommt . . .«

»Ich gehe sofort zu Desroches«, sagte Godeschal. »Aber nicht, bevor Thuillier Ihnen Vollmacht ausgestellt und fünftausend Franken übergeben hat. Bei solchen Anlässen muß man bares Geld auf den Tisch legen . . .«

Nachdem mit Thuillier alles geordnet war, nahm la Peyrade Godeschal im Wagen mit und setzte ihn in der Rue de Béthisy bei Desroches ab, indem er darauf hinwies, daß sie auf der Rückfahrt nach der Rue Saint-Dominique-d'Enfer dort vorbeikämen, und vor der Tür Desroches' verabredete la Peyrade eine Zusammenkunft für den andern Morgen um sieben Uhr.

Zukunft und Reichtum hingen für la Peyrade von dem Ausgang dieser Konferenz ab. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß er, im Gegensatz zu den Gewohnheiten der Advokatenschaft, bei Desroches erschien, um Sauvaignou zu beobachten und sich an dem Kampfe zu beteiligen, trotz der Gefahr, die er lief, wenn er das unter den Augen des gefürchtetsten Anwalts von Paris wagte. Gleich bei seinem Erscheinen und der Begrüßung faßte er Sauvaignou ins Auge. Das war, wie sein Name verriet, ein Marseilleser, ein aufgerückter Handwerker, wie aus der Bezeichnung Zwischenmeister hervorging, der bei Bauten zwischen den Arbeitern und dem Tischlermeister stand, um die Ausführung der Arbeiten im Akkord zu vergeben. Der Gewinn des Unternehmers besteht in der Differenz zwischen dem Betrage, zu dem der Zwischenmeister akkordiert, und der Summe, die der Baumeister bewilligt hat, da es sich, nach Abzug der Nebenkosten, nur um den Arbeitslohn handelt. Da der Tischlermeister in Konkurs geraten war, hatte sich Sauvaignou durch handelsgerichtliches Urteil ein Anerkenntnis als Grundstücksgläubiger verschafft und sich als solcher eintragen lassen. Dieser unerhebliche Vorgang hatte den Zusammenbruch herbeigeführt. Sauvaignou, ein kleiner untersetzter Mann in grauleinener Bluse mit einer Mütze auf dem Kopfe, saß auf einem Sessel. Die drei Tausendfrankenscheine, die auf dem Schreibtisch Desroches' vor ihm lagen, sagten la Peyrade ziemlich deutlich genug, daß die Vorschläge der Anwälte abgelehnt worden waren. Das übrige sagten ihm die Augen Godeschals, und der Blick, den Desroches dem Armenadvokaten zuwarf. Aber angestachelt durch seine gefährliche Lage, spielte der Provenzale seine Rolle großartig; er legte die Hand auf die Tausendfrankenscheine und faltete sie zusammen, um sie einzustecken.

»Thuillier will nicht mehr«, sagte er zu Desroches.

»Nun, dann ist die Sache ja erledigt«, antwortete der gefürchtete Anwalt.

»Ja; Ihr Klient muß uns nun fünfzigtausend Franken, die wir für das Grundstück ausgelegt haben, zurückzahlen, entsprechend dem Vertrage, der zwischen Thuillier und Grindot geschlossen ist. Ich hatte Ihnen das gestern nicht mitgeteilt«, sagte er, sich an Godeschal wendend.

»Haben Sie verstanden? . . .« sagte Desroches zu Sauvaignou. »Das gibt einen Prozeß, den ich aber nicht ohne Vorschuß übernehme . . .«

»Aber, meine Herren, ich kann doch hier nicht unterhandeln, ohne daß ich mit dem guten Manne gesprochen habe, der mir fünfhundert Franken auf Abschlag gezahlt hat, dafür daß ich ihm auf einem Wisch Vollmacht gegeben habe.«

»Du bist aus Marseille?« sagte la Peyrade im Dialekt zu Sauvaignou.

»Oh, wenn er ihn sich im Heimatsdialekt vornimmt, dann ist er verloren«, sagte Desroches leise zu Godeschal.

»Ja, lieber Herr.«

»Na, du armer Teufel,« fuhr Theodosius fort, »man will dich einfach zugrunde richten . . . Weißt du, was du tun mußt? Steck die dreitausend Franken ein, und wenn der andre kommt, dann nimm dein Lineal, gib ihm eine Tracht Prügel und sag ihm, daß er ein Lump ist, daß er dich ausnutzen wollte und daß du deine Vollmacht zurücknimmst und ihm sein Geld in der Woche mit drei Donnerstagen wiedergeben wirst. Und dann mach dich mit deinen dreitausendfünfhundert Franken und deinem Ersparten auf den Weg nach Marseille. Und wenn dir irgend etwas passieren sollte, dann geh zu dem Herrn da . . . Er weiß, wo ich zu finden bin, und dann werde ich dich aus der Patsche ziehen; denn, siehst du, ich bin nicht bloß ein guter Landsmann, sondern auch einer der ersten Advokaten von Paris und ein Freund der armen Leute . . .«

Als der Arbeiter sah, daß sein Landsmann eine Amtsperson war, die ihn für berechtigt erklärte, den Wucherer zu verraten, kapitulierte er und verlangte dreitausendfünfhundert Franken.

Nachdem ihm die fünfzehnhundert Franken bewilligt waren, sagte Sauvaignou:

»Eine tüchtige Tracht Prügel ist das schon wert, dann kann er mich einstecken lassen . . .«

»Nein, schlag nur, wenn er frech zu dir wird,« antwortete la Peyrade; »dann ist das Notwehr . . .«

Nachdem ihm Desroches bestätigt hatte, daß la Peyrade ein vor Gericht plädierender Advokat sei, unterzeichnete Sauvaignou die Verzichtleistung und die Quittung über seine Forderung nebst Zinsen und Kosten in doppelter Ausfertigung für Thuillier und ihn, unter Beglaubigung der beiderseitigen Anwälte, so daß mit diesem Schriftstück alles erledigt war.

»Wir lassen Ihnen die fünfzehnhundert Franken hier,« sagte la Peyrade leise zu Desroches und Godeschal, »Sie geben mir dafür die Verzichterklärung, ich will sie für Thuillier bei Cardot, seinem Notar, unterzeichnen lassen; der arme Mensch hat heute nacht kein Auge geschlossen . . .«

»Schön!« sagte Desroches. »Sie können sich rühmen,« bemerkte er zu Sauvaignou, als er diesen unterschreiben ließ, »daß Sie recht mühelos fünfzehnhundert Franken verdient haben.«

»Sie gehören mir doch wirklich?« fragte der Provenzale, der ängstlich geworden war.

»Oh, durchaus rechtmäßig«, erwiderte Desroches. »Sie müssen nur noch heute früh die Vollmacht, die Sie Ihrem Auftraggeber ausgestellt haben, schriftlich zurücknehmen, mit dem Datum von gestern; gehen Sie ins Bureau hinein, hier . . .«

Und Desroches sagte seinem ersten Gehilfen, was er zu machen hätte und beauftragte einen Schreiber, dafür zu sorgen, daß der Gerichtsvollzieher das Schriftstück noch vor zehn Uhr Cérizet aushändige.

»Ich danke Ihnen, Desroches«, sagte la Peyrade und schüttelte ihm die Hand; »Sie denken an alles, ich werde Ihnen diesen Dienst nicht vergessen . . .«

»Übergeben Sie Ihre Papiere Cardot erst am Nachmittage.«

»Du, Landsmann,« rief der Advokat auf provenzalisch Sauvaignou zu, »geh den ganzen Tag mit deiner Margot in Belleville spazieren und laß dich ja nicht zu Hause blicken . . .«

»Ich verstehe Sie,« sagte Sauvaignou, »und die Tracht Prügel erst morgen! . . .«

»Dahinter steckt etwas«, sagte Desroches zu Godeschal, als der Advokat aus dem Bureau in das Arbeitszimmer zurückkam.

»Die Thuilliers bekommen ein prachtvolles Grundstück für nichts,« entgegnete Godeschal, »das ist alles.«

»La Peyrade und Cérizet machen auf mich den Eindruck zweier Taucher, die unter Wasser miteinander kämpfen. Was soll ich Cérizet sagen, der mir die Sache übergeben hat?« fragte Desroches den Advokaten nach dieser leise gemachten scharfsinnigen Bemerkung.

»Daß Ihnen die Hände von Sauvaignou gebunden waren«, erwiderte la Peyrade.

»Und Sie selbst haben nichts zu befürchten?« sagte Desroches la Peyrade direkt ins Gesicht.

»Oh, ich, ich werde ihm noch eine Lektion erteilen!«

»Morgen werde ich alles erfahren,« sagte Desroches zu Godeschal, »kein Mensch ist so offenherzig wie ein Besiegter!«

La Peyrade entfernte sich jetzt mit seinen Papieren. Um elf Uhr war er in der Sitzung des Friedensgerichts, ruhig und sicher, und als er Cérizet bleich vor Wut und mit giftigen Blicken hereintreten sah, sagte er leise zu ihm:

»Ich bin auch ein guter Kerl, mein Lieber! Die fünfundzwanzigtausend Franken in Kassenscheinen stehen immer noch zu deiner Verfügung, wenn du mir dagegen alle Wechsel, die du von mir in Händen hast, aushändigst . . .«

Cérizet sah den Armenadvokaten an, ohne eine Antwort herausbringen zu können; er war ganz grün im Gesicht und schluckte seine Galle hinunter.

»Jetzt bin ich unangreifbarer Eigentümer . . .« rief Thuillier aus, als er von Jacquinot, dem Schwiegersohn und Nachfolger Cardots, zurückkam. »Keine menschliche Macht kann mir mein Haus wieder entreißen; das haben sie mir gesagt!«

Die Bourgeois trauen dem viel mehr, was ihnen die Notare, als was ihnen die Anwälte sagen. Der Notar steht ihnen viel näher als jede andere Amtsperson. Der Pariser Bürger geht immer in Angst zu seinem Anwalt, dessen kühne Kampflust ihn beunruhigt, während er mit immer wieder neuem Vergnügen seinen Notar aufsucht, dessen Erfahrung und vernünftigen Sinn er bewundert.

»Cardot sucht eine schöne Wohnung und hat bereits wegen der zweiten Etage bei mir angefragt . . .« bemerkte er; »und wenn ich bereit bin, will er mir schon am Sonntag einen Mieter für das Ganze vorstellen, der zu einem Kontrakt auf achtzehn Jahre bereit ist, Mietpreis vierzigtausend Franken, die Steuern zu seinen Lasten . . . Was meinst du dazu, Brigitte?«

»Man muß noch abwarten«, antwortete sie. »Aber unser lieber Theodosius hatte uns da eine schöne Angst eingejagt! . . .«

»Sei nur still, meine Beste! Weißt du, was Cardot, der sich erkundigt hatte, wem wir dieses Geschäft zu verdanken hätten, gesagt hat? Ich müßte ihm ein Geschenk von wenigstens zehntausend Franken machen. Ich habe ihm ja auch wirklich alles zu verdanken!«

»Aber er ist doch wie ein Kind des Hauses«, entgegnete Brigitte.

»Der arme Junge; die Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren lassen, er verlangt selber ja gar nichts.«

»Nun, teurer Freund,« sagte la Peyrade, als er um drei Uhr aus dem Friedensgericht heimkehrte, »nun sind Sie ein steinreicher Mann!«

»Und zwar durch dich, mein lieber Theodosius . . .«

»Und Sie, Tantchen, sind Sie wieder ins Leben zurückgerufen worden? . . . Ach, ihr habt ja noch lange keine solche Angst ausgestanden, wie ich . . . Für mich kommen ja eure Interessen vor den meinigen. Glauben Sie mir, ich habe erst heute vormittag um elf Uhr aufgeatmet; und jetzt kann ich sicher sein, daß ich in den beiden Personen, die ich euretwegen getäuscht habe, zwei Todfeinde auf den Fersen habe. Als ich nach Hause ging, habe ich mich gefragt, wie groß euer Einfluß auf mich sein müsse, daß er mich solch eine Sünde hat begehen lassen! Oder ob das Glück, zu eurer Familie gehören zu dürfen, euer Kind zu werden, diesen Flecken auf meinem Gewissen auslöschen kann . . .«

»Ach, du wirst es eben beichten«, sagte Thuillier als starker Geist.

»Jetzt können Sie«, sagte Theodosius zu Brigitte, »bei vollkommener Sicherheit den Kaufpreis für das Haus zahlen, nämlich achtzigtausend Franken, dann dreißigtausend Franken an Grindot, im ganzen also, mit dem was Sie für Kosten ausgegeben haben, hundertundzwanzigtausend Franken, dazu die letzten zwanzigtausend, das macht also hundertvierzigtausend Franken. Falls Sie das Ganze an Einen vermieten, dann verlangen Sie Vorauszahlung der letzten Jahresmiete und reservieren Sie nur für mich und meine Frau den ganzen ersten Stock über dem Zwischengeschoß. Auch unter solchen Bedingungen werden Sie immer noch einen Kontrakt auf zwölf Jahre, bei vierzigtausend Franken jährlich, durchsetzen. Wollen Sie dann aus dieser Gegend in den Bezirk der Kammer ziehen, dann können Sie bequem in dieser riesigen ersten Etage mit uns zusammen wohnen, zu der Wagenremise, Stall und alles, was zu einer Lebensführung im großen Stil erforderlich ist, gehört. Und nun, Thuillier, werde ich dir das Kreuz der Ehrenlegion verschaffen!«

Nach dieser Erklärung rief Brigitte:

»Wahrhaftig, mein lieber Junge, Sie haben unser Geschäft so gut dirigiert, daß wir Ihnen auch überlassen, wegen der Vermietung des Hauses abzuschließen . . .«

»Geben Sie die Zügel nicht aus der Hand, Tantchen,« sagte Theodosius, »Gott bewahre mich, daß ich einen Schritt tue, ohne Sie zu fragen! Sie sind der gute Geist der Familie. Ich denke jetzt nur an den Tag, wo Thuillier Deputierter sein wird. In zwei Monaten haben Sie die vierzigtausend Franken. Und das wird Thuillier nicht abhalten, seine zehntausend Franken Mietzins am nächsten Termin einzustreichen.«

Nachdem er dem alten Fräulein, die innerlich jubelte, diese Aussichten eröffnet hatte, zog er Thuillier mit sich fort in den Garten und sagte ohne Umschweife zu ihm:

»Bester Freund, sieh zu, wie du von deiner Schwester zehntausend Franken erhalten kannst; sie darf aber niemals ahnen, daß du sie mir gegeben hast; sag ihr, diese Summe müsse in den Bureaus verteilt werden, damit deine Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion auf keine Schwierigkeiten stoße, und daß du weißt, an wen das Geld zu geben sei.«

»Gut«, sagte Thuillier; »im übrigen werde ich es ihr zurückgeben, wenn die Mieten eingegangen sind.«

»Du mußt das Geld heute abend haben, bester Freund; ich mache morgen wegen deines Ordens einen Besuch, dann werden wir wissen, woran wir uns zu halten haben . . .«

»Was bist du für ein tüchtiger Mensch!« rief Thuillier.

»Das Ministerium des 1. März wird wieder gestürzt werden, man muß die Sache vorher bei ihm durchsetzen«, erwiderte Theodosius mit schlauer Miene.

Der Advokat eilte jetzt zu Frau Colleville und rief ihr beim Eintreten zu:

»Ich habe gesiegt; wir werden für Céleste ein Grundstück haben, dessen Eigentum, ohne den Nießbrauch, ihr von Thuillier im Ehekontrakt übertragen werden wird; das müssen wir aber geheim halten, sonst würde Ihre Tochter von einem Pair von Frankreich zur Frau verlangt werden. Diese Übertragung geschieht übrigens nur zu meinen Gunsten. Jetzt ziehen Sie sich an und fahren Sie mit mir zu der Gräfin du Bruel, sie kann uns das Kreuz für Thuillier verschaffen. Während Sie sich kampfbereit machen, will ich Céleste ein klein wenig den Hof machen; wir reden dann im Wagen weiter.«

La Peyrade hatte im Salon Céleste und Felix Phellion gesehen. Flavia konnte zu ihrer Tochter genügend Vertrauen haben, um sie mit dem jungen Professor allein zu lassen. Nach dem großen Erfolge, den ihm der Vormittag gebracht hatte, hielt es Theodosius für nötig, sich jetzt Céleste zuzuwenden. Die Stunde schien ihm gekommen, die beiden Liebenden zu entzweien, und er trug kein Bedenken, bevor er hineinging, sein Ohr an die Tür des Salons zu legen, um zu hören, wie sie das Alphabet der Liebe buchstabierten; und er wurde sozusagen aufgefordert, dieses häusliche Verbrechen zu begehen, da er aus einigen heftigen Äußerungen entnehmen mußte, daß sie sich zankten. Wie einer unsrer Dichter sagt, ist die Liebe das Privileg zweier Wesen, sich gegenseitig viel Kummer um nichts zu bereiten.

Nachdem sie sich Felix zum Lebensgenossen auserkoren hatte, empfand Céleste das Verlangen, weniger ihn zu prüfen, als sich mit ihm in der Herzensgemeinschaft zu vereinigen, die die Grundlage jeder Zuneigung ist und die bei jugendlichen Gemütern unbeabsichtigt zu einem Ausforschen führt. Der Streit, den Theodosius erhorchte, war durch eine tiefe Meinungsverschiedenheit entstanden, die seit einigen Tagen zwischen dem Mathematiker und Céleste zutage getreten war.

Dieses Kind, die moralische Frucht der Zeit, in der Frau Colleville ihre Sünden zu bereuen versuchte, besaß eine unerschütterliche Frömmigkeit; sie gehörte zu der Herde der wahrhaft Gläubigen, und der unbedingte Katholizismus, gemäßigt durch Mystizismus, dem junge Gemüter so gern sich hingeben, war bei ihr innerlich zu einer Dichtung geworden, zu einem zweiten Leben. Junge Mädchen, die zuerst so empfunden haben, werden dann später entweder besonders leichtfertig oder Heilige. Aber während dieser schönen Jugendzeit sind sie ein wenig tyrannisch gesinnt; immer schwebt ihnen das Bild der Vollkommenheit vor, und alles soll himmlisch, engelrein oder göttlich sein. Außerhalb dieses ihres Ideals aber existiert nichts für sie; alles andere ist Kot und Schmutz. Diese Denkungsart hat zur Folge, daß echte Brillanten achtlos von jungen Mädchen fortgeworfen werden, die nachher als Frauen Straßdiamanten anbeten.

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